Buddhistische Wirtschaftslehre

Das stille Glück des einfachen Lebens
 

Hans-Günter Wagner
 

Im buddhistischen Schöpfungsmythos war die Erde einst ein Feuerball, bis sich aus dem entstehenden Meer schließlich die ersten Kontinente erhoben. Heller Nebel verhüllte den Himmelsraum um den Planeten, durch den ätherische Wesen schwebten. Die Erde selbst war von einem hauchdünnen Film einer wohlschmeckenden feuchten Schicht überzogen. Wie das Agganna-Sutra berichtet, genügte es anfangs den Himmelswesen, nur den Duft dieser Schicht wahrzunehmen, und schon waren sie wunschlos glücklich. Alsbald jedoch kam Begierde auf und einige der Lichtgestalten wollten mehr als lediglich in den Genuß des erhabenen Duftes gelangen. Sie verlangten, von der köstlichen Schicht selbst zu kosten, sie sich einzuverleiben. Doch je mehr sie davon verzehrten, desto schwerer wurden ihre Körper, und alsbald waren sie unfähig, weiterhin in den Lüften als ätherische Wesen fortzuexistieren. So begannen sie schließlich auf der Erde zu siedeln, wo ihre Körper fleischliche Gestalt annahmen. In den Maße, wie Begehren und Konsum wuchsen, mußten sie für den Unterhalt ihrer selbst immer größere Anstrengungen erbringen. So entstand schließlich das animalische Leben, der irdische Existenzkampf, die gesellschaftliche Arbeitsteilung und bald, aufgrund eintretenden Mangels, die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Umgangs mit den Dingen.

 
Tanha - Die Fallstricke der Begierde

Im buddhistischen Schöpfungsmythos fungiert das Begehren als Triebkraft zur Gestaltung der stofflichen Welt, der Welt der Hortens und der Vorratshaltung, des Geldes, der Eigentumsrechte und Besitztitel. So erzeugt der von der Willenskraft getriebene Geist die Form und Gestalt der Welt, in der wir heute leben. Einer Welt, in der uns unsere ureigenen Triebkräfte gleich fremden Mächten gegenübertreten und in der Werbung und öffentliche Meinung betörende Bilder davon zeichnen, wie ein gutes, weil wirtschaftlich erfolgreiches Leben auszusehen hat: Genuß befriedigt, Geld läßt Wünsche wahr werden, Besitz macht den Besitzer Stolz und glücklich. Zum guten Leben braucht man heute: ein Haus im Grünen mit einem hohen Zaun (oder zumindest eine Eigentumswohung), ein sicheres Einkommen, einen Mittelklassewagen oder Besseres, ein bis zwei Erholungsreisen pro Jahr, eine hohe Lebensversicherung und natürlich eine private Zusatzrente. Mehr haben ist wünschenswert, weniger gilt bereits als Armut.

Wir leben in einer Welt, in der oft schon die Kinderzimmer derart vor Spielzeug strotzen, daß kaum noch Zeit und Raum bleibt, sich einem Gegenstand etwas intensiver zuzuwenden. Was in der Kinderstube beginnt, setzt sich im Jugend- und Erwachsenenalter fort: die Explosion der Bedürfnisse läßt uns nach mehr und mehr jagen, und wichtiger als der wirkliche Nutzen, den ein konkreter Gegenstand stiftet, wird der Wunsch ihn zu besitzen. Wo Haben wichtiger wird als Sein und Tätigsein, sind Frustration und das Gefühl von Leere und Unbefriedigtsein zwangläufig vorprogrammiert. Was noch schlimmer ist: Gleichzeitig treibt die unbefriedigte, weil ihrem Wesen nach unbefriedbare Gier als Motor der modernen industriellen Wirtschaft den Erdball an den Rand der ökologischen Katastrophe. Gäbe es die globale Klimaerwärmung und durch sauren Regen zerstörte Wälder in diesem bedrohlichen Ausmaß, ohne den Wunsch nach totaler Mobilität und das unstillbare Verlangen, in kürzester Zeit und mit dem bequemsten Mitteln überall dort zu sein, wo etwas los ist , wo Wünsche vermeintlich wahr werden können? Würde es ohne Neid und Stolz, ohne das Begehren immer ein bißchen schicker und adretter zu sein als andere, eine florierende Modebranche mit all ihren Koketterien und Peinlichkeiten sowie der maßlosen Verschwendung von Rohstoffen und Materialien geben? Müßten ohne die Gier nach Fleisch und Blut jedes Jahr Millionen von Tieren in Massentierhaltung und auf Viehtransporten unvorstellbares Leid ertragen und Fische in Treibnetzen grausam verenden?

 
Gier und Anhaftung: Wurzeln von Leid

Schon lange bevor die westliche Psychologie und Psychotherapie nach den innersten Triebkräften und Sehnsüchten des Menschen fragte, haben Buddha und seine Schüler gezeigt, daß die Grundlage allen Leidens in der Anhaftung an Festes und Greifbares in einer Welt liegt, die fließend, in steter Veränderung begriffen und daher im Kern vergänglich ist. Was das menschliche Handeln in leidhafte Zustände führt, wird in Pali, der Sprache, in der die meisten buddhistischen Urtexte verfaßt sind, als tanha - begierdevolles Verlangen - bezeichnet. Der Drang zum Greifen, zum Besitzen, zum Einverleiben, der Wille zur Machtbehauptung in einer Welt konkurrierender Einzelwesen - das ist tanha. Tanha ist das Verlangen nach Objekten, wie wir sie durch unsere Sinnesorgane wahrnehmen und die unser Verlangen nähren wie trockenes Holz ein loderndes Feuer. Nur weil wir nicht wahrhaft um die Leidhaftigkeit und Vergänglichkeit der Begierdewelt wissen, verfallen wir tanha. Die buddhistischen Meister haben jedoch nicht nur eine Diagnose der existentiellen Beschaffenheit des Menschen und seiner leiderzeugenden Triebhaftigkeit geleistet, sie haben vor allem - und dies ist das wichtigste - einen Weg gewiesen, wie das Leid überwunden und der vollkommene, erleuchtete Zustand erreicht werden kann. Wer sein Leben nur auf Macht, Besitz und Habenwollen gründet, erkauft vergängliche Freude mit bleibender Qual, denn alle diese Dinge sind vergänglich und können daher kein dauerhaftes Glück stiften. Wahrer Reichtum ist in der buddhistischen Lehre geistiger Reichtum: Liebe zu den Mitwesen, Gerechtigkeit, Erkenntnis der wahren Natur der Dinge sowie die Verwirklichung tiefer Versenkungszustände, um mit der eigenen Buddhanatur in Berührung zu kommen.

Außer dem anhaftenden und greifenden Verlangen gibt es im Buddhismus auch eine Form des Strebens und Wünschens, die Glück und Freude verschaffen kann. Das Streben nach Glück aufgrund von Einsicht und Erkenntnis wird in den alten Texten als chanda bezeichnet. Wer ißt, um seinen Hunger zu stillen und den Körper gesund zu erhalten, dessen Triebkraft ist chanda, wer hingegen der Geschmäckigkeitsgier und Völlerei frönt, der ist tanha verfallen. Mit chanda ist das Tätigsein selbst befriedigend und sinnstiftend, beherrscht von tanha jedoch, verachten wir das Tun und streben lediglich nach Ergebnis und Genuß. Um den Ozean des Lebens sicher zu überqueren, lehrt der Buddhismus den Edlen Achtfachen Pfad, der sich unter anderem auf rechte Einsicht, rechte Erkenntnis, rechte Anstrengung und rechte Rede gründet. Wer ihm folgt, meidet das Leid, das uns aus schlechten Handlungen und Gedanken widerfahren kann und legt den Grundstein für die Verwirklichung segensreicher Geisteszustände für sich und andere Wesen. Rechter Lebenserwerb ist eines der Glieder dieses achtfachen Pfades. Im wirtschaftlichen Bereich steht rechter Lebenserwerb für das Vermeiden von Handlungen, durch die andere Wesen vermeidbar geschädigt, verletzt oder getötet werden. Die Forderung, bei aller Produktion und Konsumtion die Lebensinteressen der Mitwesen anzuerkennen und sich von Mitgefühl und Teilnahme leiten zu lassen, ist der Kern buddhistischer Wirtschaftsethik.
 

Buddhistische Wirtschaftslehre: Der mittlere Weg

Um sich selbst und andere vor Leid und Schmerz zu bewahren, fordern die klassischen buddhistischen Texte, keine Gewerbe auszuüben, die den Handel mit lebenden Tieren, mit Waffen oder berauschenden Mitteln, das Schlachten von Tieren, die Fischerei, die Jagd oder das Glücksspiel zum Gegenstand haben. Auch vor Verschwendung und dem Schwelgen in Luxus wird gewarnt und ein rücksichtsvoller Umgang mit Menschen und Naturstoffen angemahnt. Gleichzeitig wird jedoch auch übertriebene Sparsamkeit und Geiz kritisiert. Wer über Mittel verfügt, sollte sie nicht schatzbildnerisch horten, sondern wieder in neue produktive Kreisläufe eintreten und damit auch anderen zugute kommen lassen. Zwischen den beiden Extremen des ausschweifenden Schwelgens in sinnlichen Genüssen und selbstquälerischer Askese lehrt der Buddhismus den mittleren Weg. Das Vyaghupajjia Sutra, das Sigolavada Sutra und das Parabhava Sutra geben zudem zahlreiche, konkrete Empfehlungen, wie die eigenen Mittel sinnvoll sowohl zum Nutzen für sich selbst als auch im Dienste anderer verausgabt werden können. Man soll sein Einkommen für das eigene Wohlergehen, wie auch zur Unterstützung von Eltern und Freunden, von Armen und Kranken und natürlich zur Unterstützung der buddhistischen Gemeinschaft in einem vernünftigen und angemessenen Verhältnis geben.

Jahrtausende vor dem Aufkommen keynesianischer Wirtschaftspolitik und der politischen Diskussion über die Rolle des Staates bei der Gestaltung der Wirtschaft, wird bereits in den frühen buddhistischen Schriften einiges zur politischen Verantwortung von Regierung und Staat gesagt. Das Kutadan Sutra erzählt die Geschichte vom König Mahavijjistavi, der einst zur Ehrung der Götter des Reichtums und des Wohlstandes die Durchführung einer gigantischen und kostspieligen Opferzeremonie plante. Seine dem Buddhismus nahestehenden Minister rieten ihm entschieden von diesem Vorhaben ab: Solange die Menschen unter hohen Steuern und der Angst vor verarmten Dieben und Räubern litten, würde auf eine solche Verschwendungsorgie mit großem Unmut und begründeter Empörung reagiert, denn kein einziges wirtschaftliches Problem könne durch sie gelöst werden. Die Regierung solle vielmehr, so die Minister, den Bauern Land zur Bebauung überlassen und die arbeitswilligen Handwerker mit Finanzmitteln ausstatten, so daß auf diese Weise die Wirtschaft zur Prosperität gelange und sich auf solcher Grundlage auch die buddhistische Lehre zum Wohle aller Wesen entfalten könne. Die Vorschläge fanden die Zustimmung des Königs, und er setzte sie tatkräftig um. Schon in früher Zeit beeinflußte die buddhistische Lehre so die Staatspolitik, insbesondere in den südostasiatischen Ländern.

Der "Juwelenkranz der königlichen Ratschläge" des Meisters Nagarjuna ist ein weiterer Meilenstein einer buddhistischen Wirtschaftsethik. Nagarjuna sieht in der Umwandlung der eigenen Persönlichkeit, im bescheiden und genügsam werden und im Dienst an den Mitwesen, das Fundament einer buddhistischen Ethik sozialen Handelns. Grundlegend ist für Nagarjuna das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Wir sollen nicht in Aggressivität und Leidenschaft verfallen und auch nicht der eitlen Versuchung durch Macht und Eigentum erliegen. Wie bereits 500 Jahre vor ihm der Herrscher Asoka, so plädierte auch Nagarjuna für öffentliche Wohlfahrt, wobei seine Sorge gleichermaßen menschlichen wir nicht-menschlichen Lebensformen galt.
 

Achtsamkeit und verantwortliches Handeln

Unbeständig und vergänglich und daher leidhaft, so beschrieb einst Buddha die Welt des Wandelns, in der die stoffliche Reproduktion unseres Lebens den Ausgangspunkt unseres wirtschaftlichen Handelns bildet. Wahres Glück, so die Lehre, resultiert nicht aus Anhaftung und Konsum, sondern aus der Erkenntnis der eigenen Buddha-Natur, die durch die unablässig auf uns hereinbrechenden Reizüberflutungen der Sinneswelt verdunkelt wird. Offenbart sich in Meditation und Kontemplation nur ein Schimmer dieser Erkenntnis, so können wir eine tiefe Verbundenheit mit allen fühlenden Wesen spüren. Buddha lehrte noch eine weitere wichtige Wahrheit, die heute aus der Ökologie und der Sicht anderer Wissenschaften vielerorts neu entdeckt wird: Alle Phänomene der Welt existieren nur aufgrund ihrer wechselseitigen Verflechtung und Abhängigkeit voneinander. Gleich den Spiegelungen des Mondes in allen Wassern, so manifestiert sich in jeder Einzelerscheinung das gesamte Universum.

Wie in der Natur, so sind auch in der Sphäre wirtschaftlichen Lebens alle Dinge Entstehung, Entwicklung bzw. Gebrauch und schließlichem Verfall unterworfen. In letzter Instanz ist Wirtschaften nichts anderes als ein ständiger Prozeß der Umwandlung von Materie und Energie. Aus buddhistischer Sicht ist jedoch in erster Linie an die psycho-soziale Seite jeder Handlung zu denken. Keine Handlung, kein Ereignis ist möglich, das nicht auf diese oder jene Weise auf andere Wesen und deren Umwelten einwirkt. Chanda und nicht tanha sollte unser Handeln leiten. Bei der Frage, was wir kaufen und wie wir es verwenden, welche Produkte hergestellt und auf welche Weise sie vertrieben werden, sollten wir achtsam sein hinsichtlich der Folgen all dieser Entscheidungen für andere Wesen und die natürliche Lebensumwelt.

Mit Blick auf das wirtschaftlichen Lebens lehrt die buddhistische Wirtschaftslehre ein sozial und ökologisch verantwortliches Handeln, das sich von Mitgefühl leiten läßt und auf Bescheidenheit gründet. In einer Welt knapper Ressourcen können durch Genügsamkeit und die Vermeidung von Verschwendung Lebensmöglichkeiten für viele Wesen erhalten und geschaffen werden, während sinnlose Konsumwut kostbare Ressourcen verschleudert und auch die Menschen nicht glücklich macht, die ihr verfallen. Wären auch die Herrschenden heute gleich dem König Mahavijjistavi nicht besser beraten, wenn sie anstellte kostspieliger Prunkbauten und Prestigeobjekte die vorhandenen Mittel mehr in lokale, umweltschonende Beschäftigungsinitiativen und im sozialen Bereich investierten? Gegen den Gigantismus der herrschenden Wirtschaftsform setzt die buddhistische Wirtschaftslehre auf Einfachheit und Überschaubarkeit. Als ideal gilt eine möglichst dezentrale Produktion mit den verfügbaren Ressourcen für den lokalen Bedarf, wenngleich solche Strukturen in einer globalisierten und hochgradig arbeitsteiligen Weltwirtschaft heute nur schwer zu verwirklichen sind. Auf welche Weise auch immer produziert wird, Achtsamkeit, Rücksicht und Solidarität beim gemeinsamen Arbeiten und Konsumieren sind das Grundanliegen der buddhistischen Wirtschaftslehre. Solches Handeln ist von einer reinen Motivation genährt, die sich auf eine klare Sicht der wahren Natur der Dinge gründet.
 

Literaturhinweise:

Es gibt nur wenige Werke, die sich ausschließlich mit buddhistischer Wirtschaftslehre befassen. Viele Einzellehren finden sich verstreut in Büchern, die sich mit buddhistischer Ethik und Lebenspraxis befassen. Daneben gibt es einige Aufsätze. Ein relativ umfassendes Werk ist: P.A. Payutto: Buddhist Economics - A Middle Way for the Market Place. Bangkok (Buddhadhamma Foundation) 1994. Kapitel bzw. Aufsätze über Buddhistische Wirtschaftslehre finden sich u.a. den folgenden Büchern: Allen Hunt Badiner (Hrsg.): Dharma Gaia - A Harvest of Essays in Buddhism and Ecology. Berkeley 1990 (Aufsatz von Stephan Batchelor); Ken Jones: The Social Face of Buddhism - An Approach to Political and Social Activism. London (Wisdom Publications) 1992; E.F. Schumacher: Small is beautiful - Die Rückkehr zum menschlichen Maß. (Rowwohlt) Reinbek bei Hamburg 1977; Hans-Günter Wagner: Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen. (Haag und Herchen) Frankfurt 1997. Das Heft Nr. 23 (Winter 1997/98, 7. Jg.) der in Wien erscheinenden Zeitschrift Ursache und Wirkung widmet sich ausschließlich dem Thema Buddha im Wirtschaftsleben.
 

Der Verfasser:

Hans-Günter Wagner, Jahrgang 1957, Studium der Wirtschaftswissenschaften, Pädagogik und Anglistik. Seit einigen Jahren beruflich in der VR China tätig. Im internationalen Netzwerk engagierter Buddhisten (INEB) aktiv. Zahlreiche Publikationen zu Umwelt-, pädagogischen und buddhistischen Themen.


 


  
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