Beitrag der Vertreter der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) zum "Orientierungsgespräch in Deutschland vertretener Religionen zur Umweltpolitik" am 6.- 7. Mai 2002 in Göttingen.


Buddhismus und der Schutz der Mitwelt

Wir sind hier als Vertreter von 4 Weltreligionen und mehreren Konfessionen zusammen gekommen, und obwohl wir wissen, dass es zwischen uns große Unterschiede in unserem Selbstverständnis und unserer Botschaft gibt, sind wir mit gutem Grund überzeugt, dass uns viel Gemeinsames verbindet.

Was uns zunächst ganz konkret eint, ist die Sorge um den Zustand und die Zukunft der natürlichen Lebensbedingungen des Menschen. Die Natur und das Leben auf der Erde sind in wachsendem Maße rücksichtslosem und selbstzerstörerischem menschlichen Verhalten unterworfen. Seit 20 Jahren wird immer deutlicher, dass sich dies nicht nur auf lokale oder einzelne ökologische Bereiche auswirkt, sondern in Form erkennbarer Wetter- und Klimaveränderungen auch auf große Naturräume, ja sogar auf das Gesamt-Ökosystem der Erde.

So sehr wir uns bei der Beurteilung der Entwicklungen auf wissenschaftliche Aussagen stützen müssen und unterschiedlicher Meinung in deren Bewertung sein können, so kann es inzwischen doch keinen Zweifel mehr daran geben, dass mit der Entstehung und globalen Ausbreitung der modernen Industrie- und Konsumgesellschaft so massive und tiefgreifende Folgen verbunden sind, dass dies nicht ohne globale ökologische Wirkungen und eine Gefährdung der menschlichen Lebensbedingungen bleiben kann. Zu glauben, man könne die Welt verändern, ohne dass sie sich verändert, ist bereits ein logischer Fehlschluss. Dennoch verhalten sich Wirtschaft und Politik und auch wir Einzelbürger uns in vielfacher Weise so, als sei es möglich, in Bezug auf die Wechselwirkung von Ich und Umwelt das Gesetz von Ursache und Wirkung außer Kraft zu setzen und als hätte die selbst herbeigeführte Bedrohung nichts mit ihnen oder uns zu tun.

Und wie sehen die Religionen ihren Anteil und ihre Rolle dabei? Ist ihnen der Schutz des Lebens und der Natur ein Anliegen? In welchem Verhältnis stehen sie eigentlich zur Welt und Wirklichkeit und zur Sorge um den Erhalt der menschlichen und irdischen Lebensbedingungen? Ist zwischen den Religionen eine Übereinstimmung und Zusammenarbeit in dieser Frage möglich? Finden wir zu einem gegenseitigen Verstehen und Akzeptieren und auch zu einer gemeinsamen Sprache? Wo müssen wir Positionen verändern, wo können wir voneinander lernen? Und was können unsere konkreten Beiträge sein?

Was den Buddhismus - richtiger: "die Lehre und Praxis des Buddha"- betrifft, können wir - soweit es um die Lehren und Sichtweisen geht - unsere Gemeinsamkeit mit den anderen Religionen von vornherein nicht in der Weise benennen, wie dies im Westen gemeinhin üblich ist, wenn von Religion gesprochen wird. Der Buddhismus ist kein "Glaube an Gott". Der historische Siddhartha Gautama Buddha vor 2500 Jahren lehrte weder einen Glauben noch einen einen, einzigen und höchsten Gott.

Der Weg des Buddha versteht sich nicht als Glaube, denn an etwas zu glauben, heisst für ihn, etwas festzuhalten, sich an etwas zu binden, anzuhaften. Dem Buddha geht es stattdessen um Losslassen, um Befreiung, um "leer" werden. Es geht ihm darum, offen zu werden für die Wirklichkeit, für die Wahrheit, für das Leben. Das ist der ganze Weg und das Ziel des Buddhadharma.

Was stattdessen der Lehre des Buddhismus zugrunde liegt und was tatsächlich allen Religionen gemeinsam ist, was sie essentiell zu Religionen macht, ist die Grundauffassung, dass es zwei Ebenen der Wirklichkeit gibt. Und zwar: die sinnlich wahrnehmbare, vergängliche, relative Wirklichkeit und die unfassbare, zeitlose, transzendente Wirklichkeit. Wir nennen sie auch: die Welt der Erscheinungen, des Bedingten, des Diesseitigen und die Welt des Eigentlichen, Unbedingten. Jenseitigen. Im Buddhismus wird die Diesseitswirklichkeit zumeist mit samsara bezeichnet (oder auch samvriti satya, "verhüllte Wahrheit"), die Jenseitswirklichkeit mit nirvana (oder paramartha satya, "höchste Wahrheit"). Jenseits heißt hier nicht jenseits des Todes, sondern jenseits unserer sinnlichen Wahrnehmung, wozu im Buddhismus auch das Denken gehört. Nirvana ist für die Sinne und das Denken nicht erfassbar, dennoch ist es erfahrbar.

Die Unterscheidung zweier Ebenen der Wirklichkeit ist die uns gemeinsame geistige Grundlage. Die Unterschiede zwischen den Religionen bestehen lediglich darin, wie sie das Verhältnis der beiden Wirklichkeitsbereiche zueinander sehen und mit welchen Bildern und Worten sie diese zu beschreiben versuchen. Von da ausgehend ist die Frage, um die es uns hier ganz besonders geht, die, welchen Ort und welche Bedeutung in den jeweiligen Sichtweisen die Natur und der Schutz der Natur hat.

In den monotheistischen Religionen wird verzeihen sie mir, wenn ich mir als Buddhist erlaube, darüber zu sprechen das Verhältnis der beiden Wirklichkeiten zueinander als Beziehung von Schöpfer und Geschöpf gesehen. Der Schöpfer ist die autonome, absolute Wirklichkeit, das Geschöpf die abhängige, relative Wirklichkeit. Die relative Wirklichkeit, die Welt, die Natur, geht aus der absoluten Wirklichkeit, aus Gott hervor, bzw. wird von ihm hervorgebracht, geschaffen. Als geschaffene Wirklichkeit existiert sie in einer gewissen Eigenständigkeit und Freiheit von Gott. Die Schöpfung ist nicht identisch mit Gott, nicht selbst göttlich, auch nicht eigentlich heilig. Die Natur ist auf diese Weise in den monotheistischen Religionen, im Unterschied zu den vorausgehenden Naturreligionen entheiligt und säkularisiert. Damit ist sie dem Zugriff des Menschen freigegeben. Das magische Tabu der menschlichen Frühzeit ist gebrochen. Es liegt alleine in der Verantwortung des Menschen, was er aus seiner Freiheit gegenüber der Schöpfung wie auch dem Schöpfer macht.

In der Lehre des Buddha gibt es keinen Schöpfer und keine Schöpfung. Die erscheinende Wirklichkeit, also die Welt oder die Natur geht nicht aus der transzendenten Wirklichkeit, bzw. einer Gottheit, hervor sondern: die erscheinende Wirklichkeit ist zugleich die transzendente Wirklichkeit. Das Jenseitige ist vom Diesseitigen nicht getrennt, aber in der Erfahrung der Menschen auch nicht eins mit ihm. Es ist unsere verfälschende, an die relative Wirklichkeit gefesselte, "unerwachte" Sicht- und Lebensweise, die sie als getrennte bzw. zwei verschiedene Wirklichkeiten erscheinen lässt. Das was beide trennt, ist nicht Gott als Schöpfer sondern sind wir Menschen in unserer trennenden bzw. anhaftenden Wahrnehmung der Wirklichkeit. In der Erfahrung des Erwachens - Ziel des Weges Buddhas, des "Erwachten" - ist samsara, die Wandelwelt und nirvana, die wahre Wirklichkeit ungetrennt. Wir erfahren nirvana im samsara. Mahayana-buddhistisch, philosophisch gesprochen: samsara und nirvana, die beide "leer" von trennender Eigenexistenz sind, sind in ihrer "Leerheit" (sunyata) eins.

Das was die Trennung zwischen der erscheinenden und der transzendenten Wirklichkeit vollzieht ist also unser Denken, unser rationales, dualistisches, verdinglichendes Denken, dem unser sogenanntes Ich, unser Ich-Konzept zugrunde liegt. Die Ich-Vorstellung besteht in der tief verwurzelten, hartnäckigen Ansicht, es gäbe in uns ein abgrenzbares, stabiles, unveränderliches, dauerhaftes Ding, ein Subjekt, eine feste Identität, letztlich ein Absolutes, das wir Ich oder Selbst nennen könnten. Und dieses Ich-Konzept übertragen wir auf die Außenwelt, so dass wir die sogenannte Realität als aus Objekten, aus ebenso dauerhaften, eigenständigen Dingen und fassbaren Gegenständen bestehend sehen.

Diese alltagsübliche Sichtweise wird im Buddhismus als die grundlegende Täuschung - Selbsttäuschung - des Menschen gesehen und damit als die Ursache allen Leids. Denn sie beinhaltet, dass wir uns von allem als getrennt erfahren, als getrennt von der höchsten Wirklichkeit, vom nirvana, vom Befreitsein, von der Buddhaschaft. Ebenso als getrennt gegenüber und innerhalb der relativen Wirklichkeit, getrennt von den anderen und dem anderen, von den Menschen, vom Nächsten, von den anderen Lebewesen und der Natur insgesamt. Gleichermaßen sehen wir auch die Erscheinungen, Dinge und Wesen als untereinander getrennt. Und schließlich leben wir im allgemeinen auf eine Weise, in der wir getrennt sind von uns selbst, von der Wahrnehmung des eigenen Körpers, der eigenen Gefühle, des eigenen Denkens, getrennt vom Gegenwärtigsein im eigenen Dasein und Leben.

Aus der Sichtweise des Getrenntseins geht der Antrieb hervor, uns das Getrennte anzueignen, zu begehren, zu besitzen - soweit es angenehm und wünschenswert ist, oder es uns fernzuhalten, zu negieren oder gar auszulöschen - soweit es unangenehm und nicht-wünschenswert ist. So entwickeln wir in und aus uns fortwährend Impulse des Haben-wollens, der Gier, des Verlangens, der Sympathie, der Bejahung oder umgekehrt des Nicht-haben-wollens, des Hasses, der Abwehr, der Antipathie, der Verneinung. Zusammen mit der Ausgangssituation der Täuschung (Illusion, Blindheit, Unwissenheit) bestimmen diese drei Grundhaltungen nahezu alle unsere mentalen wie emotionalen Beziehungen zur Wirklichkeit. Gier/Verlangen, Hass/Abneigung und Verblendung/Ignoranz prägen unsere privaten wie gesellschaftlichen Beziehungen und prägen unser Verhältnis zur Natur.

Schon von der Begriffsbedeutung her ist "Natur" in unserer westlichen Zivilisation etwas abgetrenntes. Die Natur wird der Kultur gegenüber gesetzt. Zwar sind wir Menschen faktisch weitgehend Natur, unsere abendländische Kultur widersetzt sich dieser Einsicht und Tatsache jedoch seit der Antike. Die Natur galt noch bis vor kurzem grundlegend als feindlich. Immer noch sehen wir uns im Kampf mit der Natur und sind wir stolz auf unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Fähigkeiten, die Natur zu beherrschen, auszunutzen und zu verändern. Doch je erfolgreicher wir darin sind, umso mehr sehen wir uns mit den katastrophalen Folgen unserer Macht konfrontiert. Selbst das, was uns am Leben erhalten soll, unsere Lebensmittel sind, indem wir sie von Natur- in Kunstprodukte umgeformt haben, heute zu einem Überlebensrisiko geworden. Ungeachtet dessen gehen wir nun dazu über, die menschliche Natur selbst, unseren Körper und unser Leben zum gen- und nanotechnisch hergestellten und perfektionierten Wissenschafts- und Industrie-Produkt zu machen. Und mit der Roboter- und KI-Forschung (Künstliche Intelligenz) blüht das gleiche auch unseren Gefühlen und unserem Geist. In der Virtual Reality unserer Computer-Kids ist dies bereits vorweggenommen, die natürliche Welt wird durch die total künstliche Welt ersetzt.

In gleicher Weise spiegelt der Begriff "Umwelt" unsere entfremdete, trennende Ich-Welt-Beziehung wieder. Denn die Umwelt ist die Welt "um mich herum". Die Ichwelt ist die Innenwelt, die Umwelt die Außenwelt. Das da draußen hat nichts mit mir zu tun, darum kann ich mit ihm auch machen, was ich will. Ich habe das Recht, die Umwelt zu nutzen, auszubeuten, zu plündern, zu zerstören. Was geht das mich oder auch andere an? Die Lehre des Buddha sagt uns, es gibt keine Umwelt sondern nur Mitwelt.

Der Weg des Buddhismus wurzelt in der Erfahrung des Ungetrenntseins der Wirklichkeit, in der zentralen Lehre vom "bedingten Zusammenentstehen" (paticca samuppada) oder "wechselseitigen Verbundensein" (idapaccayata, oder auch paratantra) aller Wesen und Erscheinungen wie ebenso auch unserer Wahrnehmung, Sprache und Erkenntnis. Die Einsicht in die Interdependenz oder Kohärenz aller Erscheinungen (ein bekannter buddhistischer Lehrer der Gegenwart hat den Begriff "Intersein" geprägt) nimmt im Kern unsere moderne ökologische Sichtweise um 2500 Jahre vorweg. Und zugleich geht sie über diese weit hinaus, denn sie bezieht uns selbst als Erkennende (die Welt erkennende) und als uns selbst Erkennende mit ein (wird damit zur konstruktivistischen Erkenntnistheorie und Psychotherapie). Sie hebt zuletzt auch die Trennung von Ich und Anderem, Innen und Außen, Subjekt und Objekt auf und wird so zur Mystik. Auf diese Weise erkennt und verwirklicht solche Einsicht unser Verbundensein mit dem Jenseitigen, Transzendenten - in der buddhistischen Tradition "Entfaltung der Weisheit", prajna genannt. Und sie erkennt und verwirklicht das Verbundensein mit allen Menschen und Lebewesen, genannt: die "Entfaltung von großem Mitgefühl", maha karuna.

Die Einsicht in unser Verbundensein ist dementsprechend auch das Fundament und die Essenz der buddhistischen Ethik. Diese besteht, als Ganze gesehen, in der allgegenwärtigen Übung, "kein lebendes Wesen zu verletzen, keinem empfindenden Wesen Leid zuzufügen". Auf der Grundhaltung des Nicht-Verletzens (Ahimsa) beruht das buddhistische Prinzip der Gewaltlosigkeit. Denn da ich zutiefst mit allen Wesen und Erscheinungen verbunden bin, ja alles sich gegenseitig enthält, bedeutet das Verletzen anderer in Wahrheit das Verletzen meiner selbst. Von daher heißt es im Metta-Sutta, einem Text über die universale Liebe, der direkt auf Shakyamuni Buddha zurückgehen soll:

"Genauso, wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt und unter Einsatz ihres Lebens schützt, sollten auch wir grenzenlose, allumfassende Liebe für alle Lebewesen entwickeln, wo immer sie sich auch befinden mögen. Unsere grenzenlose Liebe sollte das ganze Universum durchdringen, nach oben, nach unten und überall hin. Unsere Liebe wird keine Hindernisse kennen, und unsere Herzen werden vollkommen frei von Hass und Feindschaft sein. Ob wir stehen oder gehen, sitzen oder liegen - solange wir wach sind, sollen wir diese liebende Achtsamkeit in unserem Herzen bewahren."

Der Weg des Buddha ist der Weg der Befreiung von abtrennender Täuschung und Anhaftung, der Weg der Verwirklichung der Buddhaschaft. Im Ereignis des Erwachens erwacht der wahre Mensch, verwirklicht sich die uns allen zugrundeliegende sogenannte "Buddha-Natur" (buddhata). Die Buddha-Natur ist unser tiefstes menschliches und geistiges Potential, unsere innerste, ursprüngliche, eigentliche Natur, gleichsam die Natur unserer Natur. Diese Natur der Natur ist das Ungetrenntsein, die Offenheit, die "Leerheit" (sunyata) selbst.

Indem auf diese Weise auch Innen und Außen als nicht trennbar erkannt werden, liegt unsere innerste Natur, die Buddha-Natur in gleicher Weise allen äußeren Erscheinungen, der äußeren Natur, der unerschöpflichen, unzerstörbaren Kreativität des Universums zugrunde. Die "Buddhaheit" (buddhata) des erkennenden Geistes (des Menschen) und die "Soheit" (tathata) der erkannten Erscheinungen (der Welt) sind letztlich eins.

Aus dieser Erfahrungseinsicht heraus konnte der Zen-Meister Dogen Zenji, der Begründer der Soto-Zen-Schule im Japan des 12. Jh. sagen:

"Die Berglandschaft und der Klang der Ströme, alles ist die Gestalt und Stimme von Shakyamuni Buddha" (Sansho-doeishu)

Insbesondere die chinesische und die japanische Zen-Kultur waren von diesem Geist zutiefst durchdrungen. So schrieb z.B. der viele Jahre bedürfnislos in freier Natur lebende japanische Dichtermönch Kobayashi Issa (18. Jh.) in zweien seiner zahlreichen Haikus:

"Lass die Mücke doch
Kam sie ja vielleicht zu den
Blumen auf Besuch!"

"Dem grossen Buddha
schon aus der Nase tschilpen
die Spatzenkinder"

Aus dem Bewusstsein der Verbundenheit mit allen Wesen geht die Einsicht hervor, dass es letztlich auch keine abgetrennte Befreiung oder Erlösung geben kann, ohne die anderen Lebewesen in den Weg der Befreiung, der Weisheit und des Mitgefühls mit einzubeziehen. Deshalb lehrt das Prajnaparamita Sutra (kleine Vorbemerkung: ein Bodhisattva ist ein zur Buddhaschaft strebender Mensch):

"Der Bodhisattva soll in bezug auf alle Wesen die Idee entwickeln: dies ist meine Mutter, mein Vater, mein Sohn, meine Tochter, ja dies bin ich selbst. Wie ich selbst von allen Leiden gänzlich frei sein möchte, so möchten alle Wesen frei sein."

Und im Diamant Sutra heißt es:

"Wie viele Arten lebender Wesen es auch geben mag, ob aus dem Ei geboren, der Gebärmutter, aus Feuchtigkeit oder unmittelbar, ob sie Gestalt besitzen oder keine, ob sie wahrnehmen oder nicht, oder ob über sie weder gesagt werden kann, daß sie wahrnehmen, noch daß sie es nicht tun, wir müssen alle diese Wesen zum endgültigen Nirvana führen, so daß sie befreit werden."

Den Weg des Erwachens gehen, Bewusstheit verwirklichen, immer gegenwärtige Achtsamkeit üben, ist das Wesen der Lebenspraxis des Buddhismus. Achtsamkeit zur Entfaltung bringen, heißt auch, unsere umfassende Verantwortlichkeit zu erkennen und wahrzunehmen. Der Weg des Buddha ist der Weg der Selbstverantwortung - der Verantwortung für uns selbst, damit auch für andere und letztlich für das Ganze. S.H. der Dalai Lama spricht immer wieder von der "universalen Verantwortung", die wir als Schüler Buddhas wie als Menschen haben.

Wenn wir Verantwortung für uns selbst übernehmen, uns selbst schützen, dann übernehmen wir zugleich Verantwortung für die Mitwelt, schützen wir die Natur. Schützen wir umgekehrt die Mitwelt, die Natur, so schützen wir zugleich uns selbst. In eben dieser Weise hat der historische Shakyamuni Buddha all das Gesagte in folgender komprimierter Form zusammengefasst:

"Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst."
(Satipatthana Samyutta, Nr. 19)

Hiervon ausgehend ist es aus buddhistischer Sicht unumgänglich, dass der Schutz unserer Umweltbedingungen nur als ganzheitliche, wechselseitige und globale Anstrengung gelingen kann. Die Bemühungen können nicht auf die Verfolgung bloßer oder einseitiger wirtschaftlicher wie politischer Interessen ausgerichtet sein. Und es kann nicht um die Sicherung der bestehenden Wohlstandsverhältnisse bestimmter Länder oder privilegierter Minderheiten hochindustrialisierter Ländern gehen. Es müssen alle Menschen dieser Erde mit ihren jeweiligen Lebenssituationen einbezogen sein. Davon sind dann auch die Probleme weltweiter Armut und Ungerechtigkeit, wirtschaftlicher Zukunftslosigkeit oder Ausbeutung, geistiger Unfreiheit und politischer Machtlosigkeit nicht abtrennbar. Und da das menschliche Leben nicht abgrenzbar ist von seinem Lebensumfeld und da das Leben auf diesem Planeten Erde auch aus moderner wissenschaftlicher Sicht immer deutlicher als komplex vernetzte Ganzheit erkennbar wird, führt dies letztendlich zur Einsicht, dass es kaum möglich ist, den Mensch zu retten, ohne uns darum zu bemühen, alles Leben, alle die vielen unterschiedlichen Lebensformen unseres Planeten zu retten. Umgekehrt wird es nicht möglich sein, das irdische Überleben des Menschen und anderer Lebensformen zu sichern, ohne unser menschliches Leben tiefgreifend zu verändern.

Die notwendige Veränderung unserer Lebensweise betrifft insbesondere die in den reichen Gesellschaften der Nordhemisphäre zur Gewohnheit, zum Anspruch und zur wirtschaftlichen Zwangsideologie gewordene, verschwenderische, zerstörerische und alle Nachhaltigkeit missachtende Konsum- und Produktionsweise. Die Aufrechterhaltung einer auf unbeschränkter "Gier" (Gewinnsucht, Karrieresucht, Sexualisierung von allem), "Hass" (Konkurrenzkampf, Macht, Gewalt) und "Verblendung" (Werbung, Marketing, Entertainment, Totalmedialisierung) fixierten Gesellschaftsform, wie sie der nunmehr globalisierte, neoliberal entfesselte Kapitalismus darstellt, ist nicht vereinbar mit der Lebensweise des "Mittleren Weges" (Majjhima Patipada) jenseits von geistiger und emotionaler Anhaftung wie Abtrennung, grandioser Verschwendung wie extremer Armut - wie sie der Buddha lehrte. Und sie ist nicht vereinbar mit einem Lebensweg der Achtsamkeit und des Nicht-Verletzens, der Weisheit und des Mitgefühls.

Unsere moderne westliche Lebensweise mit den heute bestehenden ökonomischen Verhältnissen fortzusetzen, bedeutet, die Selbstvernichtung des menschlichen Lebens herbeizuführen. Insofern steht die Menschheit erstmals in ihrer Geschichte vor der dringenden Einsicht, dass die Verwirklichung eines sinnvollen, heilsamen und spirituell erfüllten menschlichen Lebens zusammenfällt mit der Bewältigung der Sicherung des menschlichen Überlebens. Die uralte Weisheit und Kraft der Religionen wird von daher zu einem zentralen Faktor bei der Lösung der globalen politischen, sozialen und ökologischen Aufgaben, vor denen die Menschheit heute steht.

Wir Buddhistinnen und Buddhisten wollen dazu unseren Beitrag leisten. Wir möchten uns darum bemühen, mit allen Religionen und gesellschaftlichen Kräften, die zur Zusammenarbeit bereit sind, in Zukunft noch mehr auf uns selbst zu achten, um unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen und Entfaltungsmöglichkeiten zu schützen und um auf dieser Grundlage auch unser spirituelles menschliches Ziel verwirklichen zu können.

(Franz-Johannes Litsch)




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