Ökologisches Verbundensein

Thich Nhat Hanh


Wir können uns mit Hilfe vieler grundlegender Lehren des Buddhismus über unsere wechselseitige Verbundenheit mit der Mitwelt klarer werden. Eine der tiefsten Lehren ist das Prajnaparamita Vacchrachedika Sutra (der Diamant, der die Illusion durchschneidet). Dieses Sutra ist ein Gespräch zwischen dem ehrwürdigen Subhuti und dem Buddha. Es beginnt mit der Frage Subhutis: 'Wenn Töchter und Söhne guter Familien den höchsten, erfüllten, erwachten Geist hervorbringen möchten, worauf sollten sie sich stützen, und was sollten sie tun, um sich ihres Denkens zu bemächtigen?' Die Frage könnte auch so gestellt werden: 'Wenn ich mich mit ganzem Herzen für den Schutz von Leben einsetzen möchte, welche Methoden und Prinzipien sollte ich dabei anwenden?'

Der Buddha antwortete ihm folgendes: 'Wieviele Arten lebender Wesen es auch geben mag, ob aus dem Ei geboren, der Gebärmutter, aus Feuchtigkeit oder unmittelbar, ob sie Gestalt besitzen oder keine, ob sie wahrnehmen oder nicht, oder ob über sie weder gesagt werden kann, daß sie wahrnehmen, noch daß sie es nicht tun, wir müssen alle diese Wesen zum endgültigen Nirvana führen, so daß sie befreit werden. Und wenn diese unzählige, unermeßliche, endlose Anzahl von Wesen befreit worden ist, dann denken wir in Wahrheit noch nicht einmal, daß ein einziges Wesen befreit worden ist. Warum? Wenn sich, Subhuti, ein Bodhisattva (einer, der die eigene Befreiung um der Befreiung aller anstrebt) an der Idee festhält, daß ein Selbst, eine Person, ein lebendes Wesen oder eine Lebensspanne existiert, dann ist diese Person kein echter Bodhisattva.'

Buddhas Antwort läßt sich so zusammenfassen: 'Wir müssen unser Bestes tun, jedem lebenden Wesen bei der Überquerung des Leidensflusses zu helfen. Aber nachdem alle Wesen am Ufer der Befreiung angekommen sind, ist es in Wahrheit so, daß gar kein Wesen zum anderen Ufer gebracht worden ist. Denn wenn Du noch in der Idee eines Selbstes, einer Person, eines Lebewesens oder einer Lebensspanne befangen bist, dann bist Du kein echter Bodhisattva. 'Selbst', 'Person', 'Lebewesen' und 'Lebensspanne' sind die vier Begriffe, die unsere Sicht der Wirklichkeit verbauen.

Zum 'Selbst': Wir können etwas nicht in Stücke aufschneiden und dieses oder jenes Stück das 'Selbst' nennen. Was wir 'Selbst' nennen, besteht eigentlich nur aus 'Nicht-Selbst'Elementen. Wenn wir zum Beispiel eine Blume betrachten, dann mögen wir dabei denken, daß sie von 'Nicht-Blume'Dingen verschieden ist. Aber wenn wir tiefer blicken, dann erkennen wir, daß alles andere im Kosmos in jener Blume steckt. Ohne all die 'Nicht-Blume'Elemente, den Sonnenschein, die Wolken, Erde, Mineralien, Hitze, Flüsse und das Bewußtsein könnte die Blume nicht existieren. Genau deshalb lehrt der Buddha, daß das unabhängige 'Selbst' nicht existiert. Denn was wir ein 'Selbst' nennen, besteht nur aus 'Nicht Selbst' Elementen. Also müssen wir alle Unterscheidungen zwischen 'Selbst' und 'Nicht-Selbst' aufgeben.

Ein weiteres Beispiel: Du magst denken, daß Du nicht George Bush oder Bill Clinton bist. Aber das ist nicht richtig. Du bestehst nur aus 'Nicht-Du'Elementen und unter diesen sind auch die Bewerber um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten (im Jahr 1992). Also mußt Du Dich gut um die Bush/ClintonElemente in Dir kümmern. Wenn Du fragst 'Wie kann ich aufhören, solchen Ärger auf Präsident Bush zu haben?' dann sage ich Dir zuallererst, daß Herr Bush Du bist. Herr Bush ist ein 'Nicht-Du'Element in Dir. Die Bäume sind ebenfalls 'Nicht-Du' Elemente. Wenn Du tief blickst, dann wirst Du alle diese 'Nicht-Du'Elemente entdecken und Du wirst verstehen, daß Du Dich George Bush und der Bäume in Dir annehmen mußt. Wir können eben nicht sagen: 'Ich bin ein anderer und einmalig und daher nicht für irgendeines dieser Dinge verantwortlich.' Stattdessen müssen wir lernen zu sagen: 'Indem ich gut auf mich selbst achtgebe, gebe ich auch auf Dich acht. Und indem ich gut auf Dich achtgebe, gebe ich auch auf mich acht.' Wie kann sich jemand ohne diese Art von Einsicht ernsthaft darum bemühen, die Umwelt zu schützen?

Der zweite Begriff, der unsere Sicht der Wirklichkeit verbaut, ist der einer 'Person', eines 'Menschen'. Gewöhnlich unterscheiden wir zwischen 'Menschen' und 'Nicht-Menschen' indem wir uns nämlich für wichtiger als andere Spezies halten. Aber da wir 'Menschen' aus 'Nicht-Mensch' Elementen bestehen, müssen wir alle diese 'Nicht-Mensch' Elemente beschützen, wenn wir uns selbst beschützen wollen! Einen anderen Weg gibt es nicht. Wenn Du jedoch denkst 'Gott schuf den Menschen nach seinem eigenen Bilde, und er schuf andere Dinge, damit der Mensch sie benutzen kann' dann machst Du bereits eine Unterscheidung, daß der Mensch wichtiger als andere Dinge ist. Wenn wir erkennen, daß die 'Menschen' kein 'Selbst' haben, dann erkennen wir auch, daß kein Unterschied besteht zwischen tätiger Sorge um die Umwelt (die 'Nicht-Mensch' Elemente) und tätiger Sorge um die Menschheit. Es ist der wirksamste Weg, sich gut um Männer und Frauen zu kümmern, so daß sie wahrhaft gesund und glücklich sein können, wenn man sich gut um die Umwelt kümmert.

Ich kenne Umweltschützer, die mit ihren Partnern nicht glücklich sind. Sie mühen sich ab, die Umwelt zu verbessern, ein Grund dafür ist, daß sie ihrem Familienleben entkommen wollen. Wenn sich jemand in sich selbst nicht glücklich fühlt, wie kann er der Umwelt nützen? Genau deshalb lehrt der Buddha, daß der Schutz der 'Nicht-Mensch'Elemente das gleiche ist wie der Schutz der 'Menschen' und umgekehrt.

Der dritte Begriff, den wir durchbrechen müssen, ist der eines 'Lebewesens'. Wir denken, daß wir 'Lebewesen' uns von 'unbelebten Dingen' unterscheiden. Aber nach dem Grundsatz des sogenannten 'Interseins' bestehen 'Lebewesen' aus 'Nicht Lebewesen' Elementen.

Wenn wir in uns blicken, dann finden wir Mineralien und all die anderen 'Nicht-Lebewesen'Elemente. Warum also diskriminieren, was wir 'unbelebt' nennen! Um die 'Lebewesen' zu beschützen, müssen wir die Steine, den Boden und die Ozeane beschützen.

Vor dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gab es in den dortigen Parks viele schöne Steinsetzungen. Als die Japaner die Stadt wieder errichteten, entdeckten sie, daß diese Steine tot waren. Sie trugen sie deshalb fort und begruben sie. Dann brachten sie lebende Steine herbei. Glaube nicht, daß diese Dinge nicht leben. Atome bewegen sich andauernd. Elektronen bewegen sich fast mit Lichtgeschwindigkeit. Nach der Lehre des Buddhismus sind diese Atome und Steine das Bewußtsein selbst. Genau deshalb sollte die Diskriminierung von 'Nicht-Lebewesen' durch 'Lebewesen' aufgegeben werden.

Der letzte Begriff ist der einer 'Lebensspanne'. Wir glauben, daß wir seit einem bestimmten Zeitpunkt am Leben sind und daß unser Leben vor diesem Zeitpunkt nicht existierte. Diese Unterscheidung zwischen 'Leben' und 'Nicht-Leben' ist nicht richtig. 'Leben' besteht aus 'Tod' und 'Tod' besteht aus 'Leben'. Wir müssen den 'Tod' willkommen heißen, weil er das 'Leben' erst ermöglicht. Die Zellen unseres Körpers sterben täglich, aber wir veranstalten für sie kein Begräbnis. Der Tod einer Zelle ermöglicht erst die Geburt einer anderen. 'Leben' und 'Tod' sind zwei Aspekte derselben Wirklichkeit. Wir müssen lernen, friedvoll zu sterben, so daß andere friedvoll leben können. Diese tiefgehende Meditation bringt Nicht-Furcht, Nicht-Ärger und Nicht-Verzweiflung hervor - die Stärken, die wir für unsere Arbeit benötigen. Mit Nicht-Furcht werden wir uns nicht auszehren, selbst wenn wir sehen, daß ein Problem gewaltig ist. Wir werden es dann verstehen, kleine, feste Schritte zu machen. Wenn jene, die um den Schutz der Umwelt bemüht sind, über diese vier Begriffe nachsinnen, dann werden sie wirklich zu sein und zu handeln verstehen.

In einem anderen beeindruckenden buddhistischen Text, dem Avatamsaka (Blumengirlanden) Sutra, fährt Buddha fort, seine Einsichten über unsere Einheit mit der Umwelt genauer darzustellen. In dieser Lehrrede wird das Wort 'gegenseitige Durchdringung' eingeführt. Bitte meditiere jetzt mit mir über die 'zehn Durchdringungen'.

Die erste lautet: 'Alle Welten durchdringen eine einzige Pore. Eine einzige Pore durchdringt alle Welten.' Betrachte einmal genau eine Blume. Sie mag winzig sein, aber die Sonne, Wolken und alles andere im Kosmos durchdringen sie. Kernphysiker sagen so ziemlich das gleiche: ein Elektron besteht aus allen Elektronen, ein Elektron ist in allen Elektronen.

Die zweite Durchdringung lautet: 'Alle Lebewesen durchdringen einen Körper. Ein Körper durchdringt alle Lebewesen.' Wenn Du ein Lebewesen tötest, dann tötest Du in gewissem Sinne Dich selbst und ebenso jedes andere Lebewesen.

Die dritte ist: 'Unendliche Zeit durchdringt einen Augenblick (kshana). Ein Augenblick durchdringt unendliche Zeit'. Kshana ist der kürzeste Zeitabschnitt, er ist noch viel kürzer als eine Sekunde.

Die vierte Durchdringung ist die folgende: 'Alle buddhistischen Lehren durchdringen eine Lehre. Eine Lehre durchdringt alle buddhistischen Lehren.' Als junger Mönch hatte ich Gelegenheit, diesen wichtigen Satz zu lernen: 'Der Buddhismus besteht aus nicht buddhistischen Elementen.' Deshalb respektiere ich grundsätzlich die nichtbuddhistischen Elemente. Wann auch immer ich das Christentum oder Judentum studiere, finde ich die buddhistischen Elemente in ihnen und umgekehrt. 'Alle buddhistischen Lehren durchdringen eine Lehre und eine Lehre durchdringt alle buddhistischen Lehren.' Wir sind frei!

Die fünfte Durchdringung lautet: 'Unzählige Sphären gehen in eine Sphäre ein. Eine Sphäre geht in unzählige Sphären ein.' Eine Sphäre bedeutet einen geographischen Raum. Unzählige Sphären dringen in ein bestimmtes Gebiet ein. Und ein bestimmtes Gebiet geht in unzählige Sphären ein. Das heißt, wenn Du ein Gebiet zerstörst, dann zerstörst Du jedes Gebiet, und wenn Du ein Gebiet bewahrst, dann bewahrst Du alle Gebiete. Ein Student fragte mich folgendes: 'Thay, es gibt so viele dringliche Probleme. Was soll ich nur tun? Ich sagte: 'Wähle eine Sache und führe sie aufs gründlichste und achtsam durch. Dann wirst Du zur gleichen Zeit alles durchführen.'

Die sechste Durchdringung ist: 'Alle Sinnesorgane durchdringen ein Organ. Ein Organ durchdringt alle Sinnesorgane.' - Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist. Sich um eines zu kümmern, bedeutet, sich um viele zu kümmern. Auf Deine Augen achtzugeben bedeutet, auf die Augen unzähliger Lebewesen achtzugeben.

Die siebte Durchdringung lautet: 'Alle Sinnesorgane durchdringen Nicht-Sinnesorgane. Nicht-Sinnesorgane durchdringen alle Sinnesorgane.' Also: Nicht nur durchdringen Sinnesorgane andere Sinnesorgane (wie im letzten Fall), sondern sie durchdringen eben auch die Nicht-Sinnesorgane. Es gibt keinen Unterschied. 'Sinnesorgane' bestehen aus 'Nicht-Sinnesorgan'Elementen. In diesem Sinne durchdringen erstere die 'Nicht-Sinnesorgane'. Dies hilft uns, die Lehre des DiamantSutra in Erinnerung zu rufen.

Die achte Durchdringung: 'Eine Wahrnehmung durchdringt alle Wahrnehmungen. Alle Wahrnehmungen durchdringen eine Wahrnehmung.' Wenn Deine Wahrnehmung nicht genau ist, dann wird sie alle anderen Wahrnehmungen in Dir selbst und anderen entsprechend beeinflussen oder sich auf andere Weise negativ auswirken. Nimm zum Beispiel an, ein Busfahrer hat eine fehlerhafte Wahrnehmung. Wir wissen, was dann passieren kann! 'Eine Wahrnehmung durchdringt alle Wahrnehmungen'.

Die neunte Durchdringung ist: 'Jedes Geräusch durchdringt ein Geräusch. Ein Geräusch durchdringt jedes Geräusch.' Dies ist eine sehr tiefe Lehre. Wir müssen ein Geräusch oder ein Wort genau verstehen, um alle Geräusche und alle Worte zu verstehen.

Schließlich die zehnte Durchdringung: 'Alle Zeiten durchdringen eine Zeit. Eine Zeit durchdringt alle Zeiten' - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In einem Augenblick kannst Du die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden. In der Vergangenheit kannst Du die Gegenwart und Zukunft erkennen. In der Gegenwart kannst Du die Vergangenheit und Zukunft finden. In der Zukunft kannst Du die Vergangenheit und Gegenwart finden. Sie 'enthalten' sich gegenseitig. 'Raum' enthält 'Zeit' und 'Zeit' enthält 'Raum'. In der Lehre der gegenseitigen Durchdringung bestimmt eines das andere und das andere bestimmt dieses eine. Wenn wir erst einmal unsere Natur des 'Interseins' verstehen, werden wir aufhören, einander anzuklagen und zu töten. Denn dann wissen wir, daß wir 'intersind'.

Der Begriff 'gegenseitige Durchdringung' ist ein bedeutender DharmaZugang. Aber er legt immer noch nahe, daß Dinge, die ausserhalb der andern sind, ineinander eindringen. Das Verständnis von 'Intersein' geht weiter. Du 'bist' bereits innerhalb eines Dinges, also mußt Du nicht mehr in es eindringen.

In der zeitgenössischen Kernphysik spricht man von 'impliziter Ordnung' und 'expliziter Ordnung' (David Bohm). In der expliziten Ordnung existieren die Dinge ausserhalb aller andern - der Tisch ausserhalb der Blume, der Sonnenschein ausserhalb der Zypresse. Eine andere Betrachtungsweise der Dinge ist, daß sie ineinander existieren - der Sonnenschein in der Zypresse. 'Intersein' ist die implizite Ordnung.

Die Übung der Achtsamkeit und der tiefe Blick in das Wesen der Dinge bedeuten die Entdeckung der wahren Natur des 'Interseins'. Du wirst dann Frieden finden, und Du wirst die nötige Stärke entwickeln, um mit allem in Berührung zu sein. Mit diesem Verständnis wird es dir ein Leichtes sein, die Arbeit des Liebens und der Anteilnahme an der Erde und aneinander für lange Zeit zu leisten.

Vorträg von Thich Nhat Hanh bei einem Meditationsseminar für Umweltschützer 1991 in Malibu, Kalifornien. Erstmals veröffentlich in INTERSEIN 1/92, Mitteilungsblatt des Freundeskreises Thich Nhat Hanh (siehe: Literatur). Übersetzung aus dem Englischen von Hans Gruber. Korrekturen und Anmerkungen durch Franz-Johannes Litsch.


Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch mich hindurch. Oh, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.


Rainer Maria Rilke, Späte Gedichte





Copyright 2004 © by Netzwerk engagierter Buddhisten
2004