Buddhismus und Gegenwart

Über Buddhismus im Westen, Globalisierung und strukturelle Gewalt

Ein Interview mit Sulak Sivaraksa

 

Bonn am 18. Oktober 2003

Das Interview führte der buddhistische Meditationslehrer Yesche U. Regel (www.yesche.de)

Sulak Sivaraksa wurde 1933 in Thailand geboren und gilt als einer der wichtigsten Sozialkritiker Asiens. Er studierte in England und Wales und arbeitete anschließend für die BBC. Später lehrte er als Professor für Sozialwissenschaft an verschiedenen Universitäten in Thailand und den USA. Aufgrund seines unermüdlichen Engagements für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden in Südostasien wurde er wegen "Majestätsbeleidigung" angeklagt und lebte zeitweilig in thailändischen Gefängnissen sowie im Exil. Sulak Sivaraksa ist Gründer zahlreicher Organisationen, unter anderem des Internationalen Netzwerks Engagierter Buddhisten (INEB). So hat er den Begriff des "sozial-engagierten Buddhismus" maßgeblich geprägt. Sein Buch "Saat des Friedens", mit einem Vorwort des Dalai Lama und einer Einführung von Thich Nhat Hanh, ist 1995 im Aurum Verlag erschienen.

Yesche U.Regel: Die thailändische Gesellschaft hat sich durch den Einfluss des westlichen Lebensstils sehr schnell und dramatisch verändert. Finden Sie, dass der besondere Charakter der thailändischen Gesellschaft dabei verlorengegangen ist ?

Sulak Sivaraksa: Ganz offensichtlich. Wir haben dafür einen sehr hohen Preis gezahlt. Wir waren zwar sehr stolz darauf, nie politisch kolonialisiert worden zu sein, dafür geschah dies aber intellektuell. Vor allem unsere religiösen Führer empfanden, dass der Buddhismus wissenschaftlich überprüfbar werden müsste. Die Missionare, die im 19. Jahrhundert nach Thailand gekommen waren, wollten beweisen, dass das Christentum dem Buddhismus überlegen sei, und unsere führenden buddhistischen Lehrer wollten daraufhin das Gegenteil beweisen. Sie wollten dies auf eine ebenso wissenschaftliche Art und Weise tun. Aber ich finde, dass das westliche wissenschaftliche Denken nicht immer mit dem Buddhismus übereinstimmen muss. Meiner Empfindung nach geht der Buddhismus über das westliche materialistische und wissenschaftliche Denken hinaus. Dennoch glauben wir daran jetzt auch in Thailand.

Dann wollten sich die Thailänder genau so modernisieren wie der Westen und haben sich so selbst von der buddhistischen Lehre entfernt. Zumeist sind nur formelle Bräuche und Zeremonien davon übrig geblieben. Die meisten von uns, die nach dem Mainstream leben, verehren jetzt den Materialismus und das Konsumententum mehr als die Lehren des Buddha. Gleichzeitig gibt es natürlich auch ein Bewusstsein, dass wir zu unseren Wurzeln zurückkehren müssten, die wir nach wie vor in den Lehren des Buddha sehen. Es gibt aber ein Verständnis, dass wir nicht in die "gute alte Zeit" zurückkehren können.

Der Buddhismus in meinem Land ist vor allem in einer ländlichen Umgebung lebendig, wo das Leben noch einfach ist. Man lernt hier das Töten zu vermeiden, nicht zu stehlen und nach den fünf ethischen Verpflichtungen zu leben.

Wir müssen aber heutzutage gar nicht mehr persönlich töten. Das erledigt heute das ganze Wirtschaftssystem für uns. Die Marktwirtschaft tötet für Dich. Die Staaten töten für Dich. Die Armeen töten für Dich. Genauso ist es mit dem Stehlen. Die Weltbank, der IWF (Internationaler Währungsfond) stiehlt für Dich.

Aus meiner Sicht muss man die Lehren des Buddha auf den neusten Stand bringen und in unsere Zeit übertragen. Es gibt in Thailand bisher nur eine kleine Gruppe von Menschen, die versucht, den Lehren des Buddha aktuellen Sinn zu verleihen und dies nicht nur persönlich, sondern auch im sozialen Sinn. Dies sind Gruppen, die sich einem sozial-engagierten Buddhismus widmen.

YUR: Es gab Zeitungsartikel, die berichten, dass der Buddhismus in Thailand sich in einer ernsthaften Krise befindet. Es scheint viele Skandale gegeben zu haben, die sich um Geld und sexuellen Missbrauch drehten. Was hat zu dieser Situation geführt und wie könnte der Buddhismus in Thailand am Leben gehalten werden ?

SS: Es geht da um den Sangha der Mönche. Der Sangha war ja früher unabhängig und wird seit einem Gesetz aus dem Jahre 1902 vom Staat kontrolliert. Bis zu jener Zeit war der einzige Weg, eine Ausbildung zu erhalten, ein Mönch zu werden. Dies galt für alle, sowohl für den Sohn eines Königs wie für den Sohn eines Bauern. Doch später wurden westliche Bildungsstandards adoptiert und seitdem erfahren die Kinder der Bessergestellten eine eher westliche Bildung. Nur noch die Armen werden auf die "altmodische" Art und Weise ausgebildet, d.h. als Mönche. Die führenden Persönlichkeiten des monastischen Sangha wollen seitdem den Buddhismus zu etwas Wissenschaftlichem machen. So spielen sie z.B. Glaubensvorstellungen wie die Wiedergeburt herunter und sprechen nicht mehr von den niederen Daseinsbereich wie den Höllen und den Tierwelten. Man ist also im Begriff, solche Glaubensvorstellung zu verlieren und bleibt gleichzeitig intelligente Erklärungen des buddhistischen Systems schuldig, die besser sind als die westlichen naturwissenschaftlichen Vorstellungen.

So werden die Ordinierten vom alten buddhistischen Glauben entwurzelt. Sie haben keine Angst mehr vor den Höllen und suchen nicht mehr nach der Überwindung des Kreislaufs der Wiedergeburten. Ein Mönch zu sein, ist zu einem Beruf geworden. Wer es sich leisten kann, gibt die Robe ab. Wer sich das nicht leisten kann, der bleibt Mönch. Man bleibt Mönch und tut doch gleichzeitig allerlei scheußliche Sachen.

Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts war ein Tempel der Mittelpunkt eines Dorfes. Die Mönche waren vom Dorf abhängig. Das war anders als im Mahayana, wie beispielsweise in Tibet. Sie gingen am Vormittag ins Dorf und erbaten Almosen, vor allem Speisen. Die Dorfbewohner versorgten sie also und sahen dabei gleichzeitig, wenn es schlechte Mönche gab. Die Dorfstrukturen gingen dann immer mehr verloren, die Menschen zogen in Großstädte wie Bangkok oder sie gingen ins Ausland, und so büßten die Dörfer ihr Leben ein. Um die Mönche kümmerte sich dann niemand mehr, und so wurden die Mönche oft zu schlechten Mönchen und niemand machte sich mehr etwas daraus.

Früher wurden die Mönche wirklich geehrt und versorgt, jetzt sind die Mönche nur noch dazu da, irgendwelche Zeremonien durchzuführen. Deshalb gibt es in Thailand heute so viele schlechte Mönche. Und niemand kümmert sich mehr um sie. Das ist eine Tragödie.

Ich habe mit einer Gruppe zu tun, die sich "Spiritual Education Movement" (SEM) nennt, zu der auch eine Reihe Mönche gehören. Um Mönch zu sein, benötigt man Kalyanamitra, gute spirituelle Freunde. So haben wir versucht, eine Atmosphäre von echter spiritueller Freundschaft im Sinne des Dhamma zu schaffen, das ist das erste, und zweitens haben wir wieder mehr Wert auf Meditationspraxis gelegt. Und diese Meditationspraxis dient nicht nur dem persönlichen inneren Wachstum, sondern bezieht sich auch auf soziale Belange. Hier kommt der sozial-engagierte Buddhismus ins Spiel und dieser bedeutet, dass man sich der Begegnung mit dem Leiden in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aussetzt. Die Überwindung des Leidens wird so zu etwas ganz unmittelbarem. Und hierbei müssen die Mönche verstehen lernen, was strukturelle Gewalt bedeutet.

Es gibt einige Mönche in dieser Bewegung. Von den etwa 300.000 Mönchen, die es in Thailand gibt, sind es vielleicht etwa 300. Es werden da einige Innovationen vorgeschlagen, wie z.B. die gleichberechtigte Ordination für Frauen. Es gibt jetzt bereits einige voll-ordinierte Frauen in Thailand. Und es gibt eine ganze Reihe engagierter Laien. Wir arbeiten z.B. auch mit Menschen aus Nachbarländern wie Burma, Kambodscha, Laos und Sri Lanka.

In meinem Buch "Saat des Friedens" spreche ich vom "Buddhismus mit kleinem b", also einem Buddhismus, der sich nicht so wichtig nimmt, so dass sich daraus irgendwelche Nationalismen ergeben können. Es geht mehr darum, was Buddha wirklich gelehrt hat, und darum, wirklichen inneren Frieden zu entwickeln und den Gesellschaften Frieden zu bringen. Um dies tun zu können, muss man das Prinzip der strukturellen Gewalt verstehen. Das ist es, was wir innerhalb der Theravada-Tradition deutlich zu machen versuchen.

YUR: Könnten Sie erläutern, was Sie unter "struktureller Gewalt" verstehen?

SS: Wenn man tötet, so ist dies direkte Gewalt. Aber wenn jemand sehr reich ist und dieser luxuriöse Lebensstil andere in Gefahr bringt, die sehr arm sind bzw. zu deren Verarmung führt, dann ist das strukturelle Gewalt. Oder wenn jemand Land besitzt und andere Leute auf diesem Land arbeiten lässt und dabei der Landbesitzer nur deshalb soviel Geld damit verdient, weil die armen Arbeiter sehr wenig bekommen, dann ist das natürlich ausbeuterische strukturelle Gewalt.

Die Armen müssen verstehen lernen, was strukturelle Gewalt bedeutet. Gleichzeitig unterrichten wir sie in Gewaltfreiheit, so dass sie nicht auf die Idee kommen, die Grundbesitzer und Unternehmer anzugreifen, sondern diese mit innerer Stärke herauszufordern, gewaltlos.

Ich habe mit Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama über das Thema "strukturelle Gewalt" gesprochen. Ihm gefiel dieser Begriff. Er sagte, ihm wäre diese Idee zuvor gar nicht in den Sinn gekommen.

YUR: Die nächste Frage lenkt nun die Aufmerksamkeit mehr auf die westliche Welt. Wäre es ein zu einfaches Konzept zu glauben, dass, während der westliche Weg der materialistischen Gesellschaften sich über ganz Asien ausbreitet, der gute Aspekt einer solchen "Globalisierung" darin besteht, dass sich gleichzeitig der Buddhismus über die westliche Welt ausbreitet?

SS: Ja, doch ist es eigentlich zu einfach gesagt. Da ist natürlich etwas Wahres dran. Diejenigen, die im Westen nach den Lehren des Buddha suchen, sind des Materialismus überdrüssig. Sie fühlen, dass sie etwas Spirituelles finden müssen. Das ist wundervoll.

Gleichzeitig müssen auch die westlichen Buddhisten verstehen, dass es nicht genügt, die Lehren des Buddha nur ganz persönlich anzuwenden. Die meisten westlichen Leute, die sich den Lehren des Buddhismus widmen, entstammen einer mittleren Gesellschaftsschicht und es geht ihnen gut. Aber in den Lehren des Buddha, besonders im Sinne der Vier Edlen Wahrheiten, geht es auch darum, sich mit dem Leiden zu konfrontieren. Doch in der westlichen Welt möchte man sich mit dem Leiden nicht so gerne konfrontiert sehen, vielleicht aus Furcht vor schlechtem Gewissen, denn der westliche Lebensstil beraubt viele Menschen ihrer Lebensgrundlagen.

Die westlichen Menschen müssen das Prinzip des wechselseitigen Verbundenseins verstehen lernen, d.h. in diesem Zusammenhang: zwischen denen, die etwas haben und denen, die es nicht haben. Es gilt, gleichzeitig Samen des Friedens zu kultivieren und doch das Leiden und die Ursachen des Leidens zu verstehen. Und es gilt, Gesellschaftsformen zu verändern und nicht nur sich selbst.

Ich bin glücklich, dass einige Westler das jetzt verstehen und es jetzt auch in Deutschland eine Bewegung des sozial-engagierten Buddhismus gibt. Das gibt es auch in England, so wie es in Amerika die Buddhist Peace Fellowship (BPF) gibt. Auch wenn dies nur kleine Zirkel von Menschen sind, so werden sie sich doch allmählich ausbreiten. Ich bin froh, dass sich einige Westler nun ernsthaft um die Lehren des Buddha bemühen, und zwar nicht nur um ihrer individuellen Befreiung willen, sondern auch im Geiste sozialer Gerechtigkeit, durch Mitgefühl.

YUR: Sie glauben also, dass eine Menge struktureller Gewalt den westlichen Gesellschaften entspringt?

SS: Natürlich. Auf der nördlichen Halbkugel des Planeten leben 20 % der Weltbevölkerung und konsumieren 60 % der Ressourcen. Das ist doch ganz offensichtlich. Die Menschen der nördlichen Hemisphäre haben viel mehr Wohlstand als die auf der südlicheren Seite. Auch wenn es auch dort sehr reiche Leute gibt, so sind doch die meisten sehr arm. Der Betrachtung dieser Tatsache muss man eine Priorität einräumen.

YUR: Die westlichen Menschen, die sich für den Buddhismus oder andere spirituelle Traditionen aus dem Osten interessieren, haben oft die Idee, dass das Gute an dem Ost-West-Austausch darin liegt, dass die Lehren und Methoden aus dem Osten einen heilenden und nützlichen Einfluss auf westliche Gesellschaften ausüben könnten. Dabei könnte man übersehen, welchen hohen Preis die östlichen Länder für diesen globalen Austausch zahlen müssen. Hat wirklich irgend jemand einen Vorteil von der Globalisierung oder verlieren alle nur dabei? Z.B. verlieren die asiatischen Gesellschaften ihre religiösen Traditionen durch die Globalisierung. Und auch die westlichen Gesellschaften verlieren ja etwas, denn durch Globalisierung und die viel billigeren Produktionsmöglichkeiten in Asien gehen im Westen viele Arbeitsplätze verloren und die Wirtschaftssysteme brechen zusammen. Verlieren also alle durch die Globalisierung?

SS: Um diese Frage beantworten zu können, muss man das Prinzip der Interdependenz, der wechselseitigen Abhängigkeit, sehr gründlich anwenden. Dies ist eine Kernlehre des Buddha. Die großen Konzerne wollen - nicht nur in meinem Land - mit billigen Arbeitskräften produzieren. Wie z.B. NIKE, diese Schuhmarke. Sie haben billige Produktionsmöglichkeiten in Indonesien. Die indonesischen Arbeiter dort können sich von dem Geld, das sie in diesen Schuhfabriken verdienen, selbst von einem ganzen Monatslohn kein Paar dieser Schuhe leisten. Die Leute, die im Westen mit NIKE-Schuhen herumlaufen, haben keine Ahnung davon, wie sehr die Arbeiter [überwiegend junge Frauen] dort ausgebeutet werden. Gleichzeitig verlieren aber durch die billigen Produktionsmöglichkeiten in Asien auch Menschen im Westen ihren Arbeitsplatz.

Dazu kommt noch, dass die Menschen im Westen nach dem höchsten technologischen Standard verlangen. Doch je höher die Technologien entwickelt sind, desto weniger arbeitende Menschen werden benötigt. Es gibt U-Bahnen ohne Fahrer, alles funktioniert automatisch. Je mehr man auf Maschinen setzt, desto mehr Arbeitslosigkeit gibt es.

Die Konzerne denken nur an ihren Profit. Daran leidet offensichtlich auch der Westen. Es gab eine Zeit, da war der Westen so wohlhabend, dass man preiswertere Arbeitskräfte eingeladen hat, aber jetzt ist der Westen selbst so verdorben, dass es hier eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Die Arbeitslosen werden aus öffentlichen Kassen ernährt und wollen auch keine minderwertige Arbeit annehmen. Das ist ein großes Dilemma im Westen.

Aber auch im Osten haben wir das Dilemma. Auch dort gibt es Arbeitslosigkeit. Als der Weltmarkt sich von Europa fort bewegte, ging er zuerst nach Japan, so wurde Japan reich. Dann verlagerte er sich von Japan nach Südkorea und auch Südkorea wurde reich. Dann kam er mehr in mein Land, Thailand, das jetzt allmählich aufholt, und von dort ging es weiter nach Indonesien, und jetzt geht es um Vietnam. Diese Globalisierung ist verhängnisvoll.

Bei dieser sogenannten Globalisierung sollte es faire Standards für Arbeitsbedingungen geben. Alle reden von "Free Trade" und keiner von "Fair Trade". Das ist verhängnisvoll. Es gibt auch keine "Fair Employment", alles dreht sich um "Free Trade". Die reichen Länder, die reichen Konzerne, beuten die armen Länder und die weniger reichen Unternehmen hemmungslos aus. Keiner kümmert sich um Fairness. Und gerade Fairness wäre eine wichtige Lehre des Buddha: weniger Wettbewerb und dafür mehr Mitgefühl.

YUR: Wenn Sie westliche Länder besuchen, wie erleben Sie persönlich die gesellschaftliche Situation, die sie hier vorfinden? Erleben Sie Länder wie Deutschland als in einem kritischen Zustand befangen oder nehmen Sie auch Bewegungen und Projekte wahr, die Sie hoffnungsvoll stimmen?

SS: Beides. Ich finde, dass die Politiker, die Länder wie Deutschland, England, Frankreich oder die USA verwalten, dies tun, ohne sich der Wirklichkeit bewusst zu sein. Die politische Maschinerie ist außer Kontrolle geraten. Deutschland unterhält beispielsweise überall in der Welt Botschaften. Wieviel Geld wird da für Botschaften ausgegeben! Botschaften waren im 19. Jahrhundert sinnvoll, aber jetzt braucht man keine Botschaften mehr. Jetzt könnte man viele Dinge am Telefon erledigen. Dennoch fährt man damit fort, Botschaften zu betreiben.

Natürlich sind Botschaften weniger gefährlich wie das Geld, das für Waffenhandel aufgewendet wird. Es wird wahnsinnig viel Geld für Waffen ausgegeben. Sie sind Teil der ganzen Maschinerie. Ich sehe niemanden in irgendeinem Land, der das durchschaut. Es sind die Konzerne, die eine ungeheure Macht besitzen, und die Staaten sind zu ihren Handlangern geworden. Die Konzerne kontrollieren die Staaten. Mr. Bush wird von der Waffenindustrie und den Öl-Gesellschaften kontrolliert. Der Vize-Präsident war der Vorsitzende einer Oil Company. Das ist überall so. M. Chirac steht unter dem Druck von TOTAL. Das ist eine aussichtslose Situation.

Gleichzeitig sehe ich Leute außerhalb der Regierungen, außerhalb des Mainstream, die sehr positiv denken. Ich habe in Amerika zu Beginn des Irak-Krieges Vorträge gehalten. Zu dieser Zeit demonstrierten die Menschen bereits gegen diesen Krieg. Es trieb sie sehr schnell auf die Straße. Im Fall des Vietnam-Krieges hatte es Jahre gedauert, bis irgend jemand etwas dagegen sagte. Die Menschen, die jetzt demonstrierten, wussten, dass in den USA seit der Zeit des Vietnam-Krieges Machtstrukturen am Werk sind, die sich für andere Länder sehr ausbeuterisch und gewaltsam auswirken. Sie würden das gerne verändern.

Ich bin für 2004 wieder nach Amerika eingeladen worden, um ein Monat lang am Smith College zu unterrichten, welches ein Top College in den USA ist. Sie wollen nicht unbedingt, dass ich dort Buddhismus unterrichte, aber sie sind daran interessiert, dass die Botschaft des Friedens und eine Kultur des Erwachens in den amerikanischen Mainstream eindringt. Das ist beachtlich.

Was Mr. Bush getan hat, führt nur zu immer mehr Gewalt, und viele Menschen erkennen, dass das keine Lösung sein kann. Es ist ein Buch erschienen mit dem Titel "From Cruelty to Compassion" (Von der Grausamkeit zum Mitgefühl), in dem Seine Heiligkeit, der Dalai Lama zitiert wird. Er sagt dort, dass der einzige Weg Frieden in die Welt zu bringen, der ist, Frieden im eigenen Inneren zu kultivieren. Obwohl das so schwierig ist, ist es doch der einzige Weg. Es gibt auch viele Amerikaner, die beginnen, das als etwas ganz Wesentliches zu erkennen.

Das macht mir Hoffnung. Und hierbei könnte auch der Buddhismus hilfreich sein. Es geht ja nicht darum, dass die Leute Buddhisten werden, sondern darum, dass die Menschen von innen heraus zum Frieden fähig werden. So können sie gute Christen, Moslems oder einfach Ungläubige sein. Seine Heiligkeit sagte, dass die Religion nur zweitrangig ist. Das Spirituelle ist wichtiger und ich glaube, dass er wirklich von sehr vielen Menschen für diese Botschaft hoch geachtet wird.

Selbst die Chinesen sehen ihn jetzt in einem positiveren Licht. Sie würden nicht versuchen, mit ihm zu reden, wenn das nicht so wäre. Sie haben immer sehr viel Propaganda gegen ihn gemacht. Das ist jetzt schon weniger geworden, auch wenn sie noch weit davon entfernt sind, ihm gegenüber wirklich positiv zu sein. Auch die Chinesen besitzen alte Weisheits-Traditionen wie Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus. Sie sind zwar im Moment alle verrückt nach Kapitalismus und schicken ihre Leute in den Weltraum, aber tief im Inneren haben sie einen Sinn für Weisheit.

YUR: Der Buddhismus ist in einem Land wie Deutschland noch eine sehr junge Tradition. Man spricht zwar von 100 Jahren Buddhismus, aber was wir heute vorfinden, ist jünger als das. Die Bewegung, aus denen der zeitgenössische Buddhismus hierzulande entstanden ist, begann in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, also vor etwa 30 Jahren. Wir hatten immer die Hoffnung, dass der Buddhismus unseren Lebensstil und das Wertesystem unserer Gesellschaft verändern würde. Doch stattdessen verbreitet sich unser westlicher Lebensstil zusammen mit der Globalisierung über den ganzen Planeten. Und so haben sich auch viele westliche Buddhisten diesem Lebensstil ergeben. Wir akzeptieren unseren Wohlstand, nehmen ökologische Zerstörungen in Kauf, das, was Sie strukturelle Gewalt nennen, die Massenproduktion eines außer Kontrolle geratenen Kapitalismus mit allen damit einher gehenden Phänomenen wie Arbeitslosigkeit usw. Viele Buddhisten unserer Zeit widersprechen diesem System nicht und stellen deshalb auch keine Gegenkraft in unseren Gesellschaften dar. Wir gehen unserem Beruf nach, verpesten mit unseren Autos die Umwelt, benutzen Flugzeuge, z.B. um unsere asiatischen Lehrer zu besuchen oder um 10.000 km entfernt an einem Retreat teilzunehmen. Kann das dann überhaupt noch die Verbreitung des Buddhismus genannt werden, wenn es überhaupt keinen Einfluss auf unseren Lebensstil hat oder sogar der westliche Lebensstil dadurch abgesegnet wird?

SS: Das ist eine sehr wichtige Frage. Besonders für diejenigen unter Euch, die sich dem Mahayana-Pfad widmen. Wenn Ihr das ernsthaft tun wolltet, dann müsstet Ihr Euch um das Wohlergehen aller Lebewesen Gedanken machen. Wir müssen hinter das Wörtchen "Selbst" ein großes Fragezeichen setzen. Wir suchen oft zu sehr nach "Selbstverwirklichung". Das hat Chögyam Trungpa Rinpoche den "Spirituellen Materialismus" genannt. Das müssen wir in Frage stellen.

Die Tibeter sind in dieser Hinsicht manchmal gute Vorbilder. Der jetzige Premierminister der tibetischen Exilregierung Samdhong Rinpoche geht zu Fuß zu seinem Büro. Alle anderen Minister fuhren nur noch mit großen Wagen herum. Man benötigt ein paar gute Vorbilder dafür, dass ein einfacher Lebensstil möglich ist. Und es kommt auf das eigene Verständnis an. Man muss lernen, selbstkritisch und gesellschaftskritisch zugleich zu sein.

Die sozial-engagierten Buddhisten müssen sich des öfteren zu Konferenzen treffen. Im Dezember 2003 veranstalten wir in meinem Ashram in Thailand eine Konferenz im Rahmen des "World Faith and Development Dialogue" über globale Entwicklungen. James Wolfensohn, der Präsident der Weltbank, ist eigentlich ein sehr spiritueller Mensch mit einem jüdischen Background. Er nimmt an unserem Dialog teil, und so weiß man sogar bei der Weltbank von unserer Konferenz. Wir stellen dabei das Wirken dieser Weltbank und ihrer Definitionen von Fortschritt, Armut und Überfluss in Frage. Denn all das weicht ja ab von einem buddhistischen Verständnis. Wenn die Weltbank uns wirklich ernst nehmen würde, dann wäre das ein großer Fortschritt. Wolfensohn war der erste Präsident der Weltbank, der überhaupt über das Thema Armut nachdenken wollte. Ich sagte ihm, dass wir uns im Buddhismus mit der Armut, mit dem Leiden auseinandersetzen müssen. Dann wollte er mehr darüber wissen, wie spirituelle Menschen Besitz, Überfluss, Entwicklung usw. verstehen würden.

Als Buddhisten in der modernen Welt müssen wir uns klar darüber werden, inwieweit wir Kompromisse eingehen wollen. Natürlich muss man immer Kompromisse schließen, aber es gilt zu vermeiden, dass der Buddhismus zu einer bloßen Dekoration innerhalb unseres spirituellen Materialismus verkommt, und wir als Buddhisten tief im Inneren doch eher Geld, Erfolg usw. verehren. Wenn wir den Buddha, den Dhamma und den Sangha ernst nehmen, dann müssen wir den neuen Kult des Konsumierens und die moderne Ökonomie in Frage stellen.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass alle neuen Buddhisten das gleich erkennen. Für viele junge Buddhisten ist es doch eher eine Frage des New Age, man ist fasziniert vom Orientalischen und Spirituellen. Ich mache niemandem da irgendwelche Vorwürfe, aber es muss Menschen geben, die ernsthafter sind. Lasst die, die Buddhismus als Kult betreiben wollen, in Lama-Roben usw. herumlaufen. Dennoch sollte es Menschen mit einer ernsthafteren Einstellung geben, die die anderen Buddhisten nicht beschuldigen, aber doch um eine Veränderung des Denkens bemüht sind.

Dies kann innerhalb der buddhistischen Gemeinschaften geschehen oder auch gemeinsam mit Christen oder Moslems, denn auch dort gibt es nur wenige in diesem Sinn bewusste Leute. Ich würde das "soziale Spiritualität" nennen. In dieser Hinsicht ist der Westen vielleicht sogar in einen besseren Position als wir, weil dies alles im Westen etwas Neues ist. In Asien haben wir es viel mit alten Traditionen zu tun, was einerseits gut ist, aber auch bedeutet, dass es sehr schwierig ist, etwas zu verändern. So hat man mich in Thailand einen Radikalen genannt, nur weil ich versucht habe, etwas innerhalb der Traditionen zu verändern. Und hier im Westen habt Ihr es weniger mit Traditionen zu tun, so dass neue Traditionen entstehen können. Immerhin können die am tibetischen Buddhismus orientierten Menschen in aller Welt sich auf die Unterstützung von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama und anderer guter Lehrer berufen, was doch alles in allem eine sehr hoffnungsvolle Situation ist.

YUR: Ein wichtiger Aspekt des Buddhismus ist offensichtlich die Meditation. Viele westliche Buddhisten verwenden Meditationstechniken mit dem Ziel, mehr Geistesruhe, Entspannung, Konzentration und innere Stabilität zu entwickeln. Könnte sich da nicht die Aussage des deutschen Denkers Karl Marx für die westlichen Buddhisten bewahrheiten, nämlich dass Religionen wie Opium für das Volk sind, also eine Art Beruhigungsmittel, um mit dem Leben besser zurecht zu kommen, wobei man gleichzeitig die Notwendigkeit vernachlässigt, über manche Dinge tiefer nachzudenken und sie zu verändern?

SS: Ja, ich glaube, da hat Marx recht gehabt. Wenn man Meditation nur um der Geistesruhe willen praktiziert, und leider sind wohl viele Westler im Begriff, Meditation nur deshalb zu versuchen, dann ist das so. In der alten Tradition des Dhamma heißt es immer, dass die Essenz der Lehre des Buddha dreifach ist: Sila (1), d.h. ethische Richtlinien, und bedeutet einfach natürlich, sozial und rücksichtsvoll zu sein. Samadhi (2), Meditation, ist dann das, was dabei behilflich ist, natürlich und nicht verblendet zu sein. Man braucht inneren Frieden als Grundlage, doch dann gilt es ein kritisches Selbstbewusstsein zu entwickeln (3), um zu verstehen, dass das Selbst nur eine Illusion ist. Das wiederum würde dann die Praxis von Sila, also von Ethik, unterstützen. Im Edlen Achtfachen Pfad ist ja auch von "Rechtem Samadhi", also richtiger Meditation die Rede, keiner Übung, die nur das Ego aufbläht.

Viele der buddhistischen Meister haben ein riesengroßes Ego. Wir haben da einige Beispiele in meinem Land, wie die Organisation Dharmakaya und ihre Lehrer. Da geht es nur noch ums Geld, es ist eine scheußliche Situation.

Mit rechter Meditation würde man richtiges ethischen Verhalten entwickeln und daraus ergibt sich dann Pañña (3), also Weisheit. Dies kann natürlich eine Art transzendente Weisheit sein, vor allem aber sollte sie dem Verständnis der Wirklichkeit dienen. Es geht dabei darum, sich nicht zu sehr an Vorstellungen von sich selbst zu klammern, aber es kann auch um das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge gehen.

Wenn man mit den Augen des Prinzips wechselseitiger Abhängigkeit schaut, dann wird man auch erkennen, wieviel strukturelle Gewalt es gibt. Würde man auf diese Weise meditieren, dann wäre das sehr hilfreich und wir könnten beweisen, dass Karl Marx Satz auf den Buddhismus nicht zutrifft.

Alle religiösen Leute unterliegen immer wieder der Versuchung einer Art Weltflucht, die manchmal sogar so weit geht, dass andere Leute schamlos ausgenutzt werden.

YUR: Dann wäre Meditation so gesehen einfach eine Praxis, um Dinge mit größerer Klarheit erkennen zu können?

SS: Ja, das stimmt. Dann werden Begriffe wie Sunyata (Leerheit), Tathata (Soheit) usw. ganz real und bleiben nicht nur leere metaphysische Konzepte.

YUR: Was halten Sie für die größten Bedrohungen und Chancen unserer Zeit?

SS: Die größte Bedrohung unserer Zeit rührt daher, dass die Menschen sich schon so weit auf dem Weg des Egos vorgewagt haben. Dieses Ego verletzt alle ganz tief im Inneren, denn es verhindert ein wahres Verständnis von Wirklichkeit. Dieses Ego ist auch von der Ökonomie sehr gefördert worden. Wir würden alles um des Geldes willen geben.

Descartes sagte "Ich denke, also bin ich", das war der Anfang des Individualismus, der sich dann ausgehend vom Westen über die ganze Welt verbreitet hat. Aus dem Blickwinkel des modernen Konsumententums und der Globalisierung könnte man sagen "Ich kaufe, also bin ich". Ohne Kaufkraft bist du ein Niemand. Das ist scheußlich. Die Arbeitslosen, selbst wenn sie etwas Geld bekommen, spüren, dass sie niemand mehr sind.

Die Menschen haben heute nur noch zwei Aktivitäten im Sinn: Geld verdienen und Geld ausgeben. Wir haben durch die Werbe-Strategien eine Gehirnwäsche erfahren. Die Werbefachleute haben aus uns ein äußerst gewalttätiges Lebewesen gemacht. Wir werden ständig mit Gewalt konfrontiert, sehen Gewalt in Filmen, in den Nachrichten..., und dann bekommen wir Halluzination und wollen uns dieses oder jenes kaufen, um uns wieder besser zu fühlen. Menschen müssen lernen aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Hierzu können die Lehren des Buddha sehr hilfreich sein. Dazu müsste man noch nicht einmal Buddhist werden, doch man würde lernen können, dass der Frieden, den man in sich entwickeln kann, uns mit der Kraft der Gewaltlosigkeit versieht, so dass man wieder unabhängig von materiellen Dingen den eigenen Wert verspüren und glücklich sein kann.





Copyright 2004 © by Netzwerk engagierter Buddhisten
[Stand: Mai 2004]