Die sozialen Lehren Buddhas

Walpola Rahula Mahathera


Die übliche Ansicht, daß man sich, wenn man Buddhas Lehre folgt, aus dem Leben zurückziehen müsse, ist ein Mißverständnis. Es ist eigentlich eine unbewußte Abwehr dagegen, seine Lehre zu praktizieren. Es gibt in der buddhistischen Literatur zahlreiche Hinweise auf Männer und Frauen, die ein ganz gewöhnliches normales Familienleben führten und die der Lehre Buddhas folgten und Nirvana erreichten. Vacchogatta, der Wanderer, fragte Buddha einmal unumwunden, ob es Laien und Frauen mit Familie gebe, die seine Lehre erfolgreich praktizierten und hohe spirituelle Zustände erreichten. Buddha antwortete kategorisch, daß es nicht nur ein oder zwei, ein-, zwei- oder fünfhundert, sondern viel mehr Laien und Frauen mit Familie gebe, die in der Tat seine Lehre erfolgreich praktizierten und hohe spirituelle Stadien erreichten.

Für bestimmte Leute mag es angenehm sein, ein zurückgezogenes Leben an einem ruhigen Ort fern von Lärm und Störungen zu führen. Aber es ist sicher lobenswerter und mutiger, den Buddhismus zu praktizieren, wenn man unter seinen Mitmenschen lebt, ihnen hilft und dient. Es mag vielleicht in einigen Fällen nützlich für jemanden sein, eine Zeitlang zurückgezogen zu leben, um Geist und Charakter zu stärken, als moralische, spirituelle und intellektuelle Vorbereitung, um stark genug zu sein, später hinauszugehen und anderen zu helfen. Aber wenn jemand sein ganzes Leben in Einsamkeit lebt und nur an das eigene Glück und die eigene Erlösung denkt, ohne sich um seine Mitmenschen zu sorgen, ist dies sicher nicht in Einklang mit der Lehre Buddhas, die auf Liebe, Mitgefühl und Dienst am Nächsten basiert.

Wer glaubt, daß der Buddhismus sich nur mit erhabenen Idealen, hohen moralischen Grundsätzen und philosophischen Gedanken beschäftigt und das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen ignoriert, der täuscht sich. Buddha interessierte sich dafür, daß die Menschen glücklich sind. Glück war für ihn nicht möglich ohne reine Lebensführung auf der Grundlage moralischer und spiritueller Prinzipien. Aber er wußte, daß es schwer ist, solch ein Leben unter widrigen materiellen und sozialen Bedingungen zu führen. Der Buddhismus betrachtet materielles Wohlergehen nicht als ein Ziel an sich: Es ist nur ein Mittel zum Zweck " einem höheren und vornehmeren Zweck. Aber Wohlergehen ist ein unerläßliches Mittel, unerläßlich, um ein höheres Ziel für das menschliche Glück zu erreichen. Deshalb anerkennt der Buddhismus das Bedürfnis nach einem gewissen Minimum an materiellen Bedingungen, die spirituellen Erfolg (Fortschritt) begünstigen " sogar den eines Mönchs der sich an irgendeinem einsamen Ort der Meditation widmet.

Buddha nahm das Leben nicht aus dem Kontext des sozialen und wirtschaftlichen Hintergrunds heraus; er betrachtete es als ein Ganzes, mit all seinen sozialen wirtschaftlichen und politischen Aspekten. Seine Lehren über ethische, spirituelle und philosophische Probleme sind recht gut bekannt. Aber wenig weiß man, insbesondere im Westen, über seine Lehre zu sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen. Gleichwohl gibt es dazu zahlreiche Diskurse, verstreut auf die gesamten buddhistischen Texte. Hier ein paar Beispiele.

Die Cakkavattisihanads-Sutra des Digha-nikaya 3 besagt deutlich, daß Armut (daliddiya) die Ursache von unmoralischem Verhalten und von Verbrechen wie Diebstahl, Falschheit, Gewalt, Haß, Grausamkeit usw. ist. In alten Zeiten versuchten die Könige, wie die Regierungen heutzutage, Verbrechen mit Strafe zu unterdrücken. Die Kutadante-Sutra des gleichen Nikaya erklärt, wie vergeblich das ist. Sie besagt, daß diese Methode niemals Erfolg haben kann. Stattdessen empfiehlt Buddha, zur Auslöschung des Verbrechens die wirtschaftlichen Bedingungen der Menschen zu verbessern: Saatgut und Geräte sollten Bauern und Pflanzern zur Verfügung gestellt werden; für Händler und Geschäftsleute sollte Kapital bereitgestellt werden; Angestellten sollten angemessene Löhne gezahlt werden. Wenn man die Menschen derart mit Gelegenheiten versieht, ein ausreichendes Einkommen zu verdienen, sind sie zufrieden, fürchten und sorgen sich nicht, und dementsprechend ist das Land friedlich und frei von Verbrechen.

Deswegen sagte Buddha den Laien, wie wichtig es ist, ihre wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Das bedeutet nicht, daß er es guthieß, wenn man gierig und geizig Reichtum anhäufte, was gegen seine fundamentalen Lehren verstößt, und er hieß auch nicht jedwede Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen für gut. Es gibt gewisse Sparten wie die Produktion und den Verkauf von Waffen, die er als verwerfliche Art, den Lebensunterhalt zu verdienen, bezeichnet.

Ein Mann namens Dighajanu besuchte einmal Buddha und sagte: "Verehrter Herr, wir sind alle gewöhnliche Laien mit Familie, mit Frau und Kindern. Würde der Erleuchtete uns einige Lehrsätze sagen, die unserem Glück auf dieser Welt und danach förderlich sind?" Buddha erzählte ihm, daß vier Dinge dem Glück der Menschen auf dieser Welt förderlich sind:

erstens sollte jeder jedweden Berufs seine Arbeit geschickt, tüchtig, ernsthaft, aktiv und kompetent erledigen (utthana-sampada);

zweitens: Er sollte sein Einkommen, das er auf diese Art rechtmäßig und im Schweiße seines Angesichts erworben hat, schützen (arakkha-sampada); (dies bezieht sich auf den Schutz des Eigentums vor Dieben usw. All diese Ideen müssen auf dem Hintergrund der damaligen Zeit gesehen werden);

drittens: Er sollte gute Freunde haben (kalyana-mitta), die loyal, gebildet, tugendsam, großzügig und intelligent sein und ihm auf dem rechten Pfad fern des Bösen helfen sollten;

viertens: Er sollte sein Geld vernünftig und in Relation zu seinem Einkommen ausgeben, nicht zu viel und nicht zu wenig, d.h. er sollte sein Geld nicht geizig horten, es aber auch nicht für Extravaganzen ausgeben " mit anderen Worten, er sollte innerhalb seines finanziellen Rahmens bleiben (samajivikata).

Danach erklärt (legt dar) Buddha die vier Tugenden, die zum Glück eines Laien für spätere Leben beitragen:

Saddha "Er sollte Glauben und Vertrauen in moralische, spirituelle und intellektuelle Werte haben.

Sila "Er sollte kein Leben zerstören oder verletzen, nicht stehlen und betrügen, nicht untreu oder falsch sein und keine berauschenden Getränke zu sich nehmen.

Caga "Er sollte stattdessen Wohltätigkeit und Großzügigkeit üben und Besitztümern weder anhaften noch sie begehren.

Paa "Er sollte Weisheit entwickeln, die zur endgültigen Aufhebung des Leidens führt, zur Verwirklichung von Nirvana.

Zeitweilig äußerte sich Buddha sogar in Details über Sparen und Geldausgeben, so zum Beispiel, als er dem jungen Mann Sigla riet, er solle ein Viertel seines Einkommens für seinen täglichen Lebensunterhalt aufwenden, die Hälfte in sein Geschäft investieren und ein Viertel für Notfälle zurücklegen.5

Einmal erzählte Buddha dem großen Bankier Anathapindika, einem seiner ergebensten Laienschüler, der für ihn das berühmte Jetavana-Kloster in Savatthi gründete, daß ein Laie, der ein gewöhnliches Familienleben führe, vier Formen glücklicher Umstände besitze:

- Erstens sei dies, wirtschaftliche Sicherheit zu genießen oder genügend Vermögen zu besitzen, welches man auf gerechte und rechtschaffene Weise erworben habe (atthi-sukha);

- ein weiterer glücklicher Umstand sei, das Vermögen freigebig für sich selbst, seine Familie, Freunde und für gute Taten ausgeben zu können (bhoga-sukha);

- der dritte glückliche Umstand sei, keine Schulden zu haben (anana-sukha),

- und der vierte, ein makelloses, reines Leben zu führen und nichts Schlechtes zu tun in Gedanken, Worten und Taten (anavajja-sukha).

Man beachte, daß drei dieser glücklichen Umstände wirtschaftlicher Natur sind und daß Buddha abschließend den Bankier daran erinnerte, daß wirtschaftliches und materielles Glück nicht (einmal) ein Sechzehntel so viel wert sind wie das spirituelle Glück, das einem makellosen (einwandfreien) und guten Leben entspringt.6

Anhand dieser wenigen Beispiele kann man erkennen, daß Buddha wirtschaftliches Wohlergehen als Voraussetzung für das Glück der Menschen ansah, daß er aber keinen Fortschritt als wirklich und wahrhaftig anerkannte, wenn dieser nur materiell, ohne spirituelle und moralische Grundlagen, war. Obwohl der Buddhismus zu materiellem Fortschritt anhält, legt er gleichzeitig großen Wert auf die Entwicklung des ethischen und spirituellen Charakters für eine glückliche, friedliche und zufriedene Gesellschaft.

Ebenso deutlich äußerte sich Buddha zu Politik, Krieg und Frieden. Es ist zur Genüge bekannt und muß an dieser Stelle nicht wiederholt werden, daß der Buddhismus Gewaltlosigkeit als seine universelle Botschaft befürwortet und propagiert und keinerlei Gewalt oder Zerstörung gutheißt. Aus buddhistischer Sicht gibt es keinen "gerechten Krieg" " dies ist ein falscher Begriff, nur dazu geschaffen und in Umlauf gebracht, um Haß, Grausamkeiten, Gewalt und Massaker zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Wer entscheidet, was gerecht oder ungerecht ist? Die Mächtigen und Siegreichen sind "gerecht" und die Schwachen und Besiegten sind "ungerecht". Unser Krieg ist stets ein gerechter, und euer Krieg ist immer "ungerecht". Buddha lehrte nicht nur Gewaltlosigkeit und Frieden, sondern begab sich sogar selbst auf das Schlachtfeld, trat dazwischen und verhinderte den Krieg, wie im Fall des Disputs zwischen den Sakya und den Koliya, die sich anschickten, um das Wasser des Rohini zu kämpfen. Auch hielten seine Worte einst König Ajasattu davon ab, das Königreich der Vajji anzugreifen.

Zu Buddhas Zeiten, ebenso wie heutzutage, gab es Herrscher, die ihre Länder ungerecht regierten. Menschen wurden unterdrückt und ausgebeutet, gefoltert und verfolgt, übermäßige Steuern wurden erzwungen und grausame Strafen verhängt. Buddha wurde von diesen Unmenschlichkeiten tief berührt. Das Dhammapadatthakatha verzeichnet, daß er daher seine Aufmerksamkeit dem Problem des guten Regierens zuwandte. Seine Ansichten sollten auf dem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergrund seiner Zeit verstanden werden. Er zeigte damals auf, wie ein ganzes Land korrupt und unglücklich wurde und sich zu seinem Nachteil veränderte, als die führenden Köpfe seiner Regierung, das heißt der König, die Minister und die führenden Verwaltungsbeamten korrupt und ungerecht wurden.

Damit ein Land glücklich sein kann, muß es eine gerechte Regierung haben. Wie man diese Art gerechter Regierung verwirklichen kann, erklärt Buddha in seiner Lehre von den "Zehn Pflichten des Königs" (dasa-rajadhamma), die im Jataka-Text 7 niedergelegt sind. Natürlich ist der Begriff "König" (Raja), der sich auf früher bezieht, heute durch den Begriff "Regierung" zu ersetzen, die "Zehn Pflichten des Königs" gelten also heutzutage für all diejenigen, die an einer Regierung beteiligt sind, wie Staatschefs, Minister, führende Politiker sowie Beamte in Rechtswesen und Verwaltung usw.

Die erste der "Zehn Pflichten des Königs" ist Aufgeschlossenheit, dazu Großzügigkeit und Freigebigkeit (dana). Die Regierenden sollten Reichtum und Vermögen weder begehren noch daran festhalten, sondern für das Wohlergehen des Volkes verwenden.

Zweitens wird ein hochgradig moralisches Verhalten (Charakter) verlangt. Ein Regierender sollte niemals Leben zerstören, betrügen, stehlen oder andere ausbeuten, keinen Ehebruch begehen, nicht die Unwahrheit sagen und keine berauschenden Getränke zu sich nehmen. Das bedeutet, daß er mindestens die fünf grundlegenden ethischen Regeln (Panca Sila) eines buddhistischen Laien einhalten muß:

kein Leben zu zerstören,
nicht zu stehlen,
nicht durch Sexualität zu verletzen,
nicht zu lügen
keine berauschenden Mittel zu sich nehmen.
Drittens: Ein Regierender muß bereit sein, alles für das Wohl des Volkes zu opfern und dabei alle persönlichen Bequemlichkeiten aufzugeben sowie seinen Ruf und sogar sein Leben im Interesse des Volkes einzusetzen.

Viertens: Ehrlichkeit und Integrität (ajjava). Man muß seine Aufgaben ohne Furcht und persönliche Abhängigkeiten ausführen, aufrichtig in seinen Absichten sein und die öffentlichkeit nicht hinters Licht führen.

Fünftens: Güte und Freundlichkeit (maddava). Man muß ein sanftes Temperament besitzen.

Sechstens: Regierende sollen einfache Lebensgewohnheiten (tapa) besitzen, ein einfaches Leben führen und sollten sich nicht dem Luxus hingeben, sondern Selbstbeherrschung üben.

Siebtens: Wer regiert, sollte frei sein von Haß, Böswilligkeit und Feindseligkeit (akkodha). Er sollte gegenüber niemandem einen Groll hegen.

Achtens: Gewaltlosigkeit (avihimsa), das bedeutet nicht nur, daß man niemandem schadet, sondern aktiv versuchen sollte, den Frieden zu fördern, indem man Krieg ebenso vermeidet und verhindert wie alles, was mit Gewalt und Zerstörung von Leben zu tun hat.

Neuntens: Geduld Nachsicht, Toleranz und Verständnis (khanti). Wer ein Regierungsamt ausübt, muß in der Lage sein, Not, Schwierigkeiten und Kränkungen geduldig zu ertragen.

Zehntens: Nicht-Opposition, Nicht-Behinderung (avirodha), das heißt, man sollte sich dem Willen anderer nicht entgegenstellen und keine Maßnahmen behindern, die das Wohlergehen des Volkes fördern. Mit anderen Worten, man sollte in Harmonie mit seinem Volk regieren.

Buddha sagt: "Niemals wird Haß durch Haß besänftigt, sondern durch Güte. Das ist eine ewige Wahrheit." Man sollte ärger durch Güte überwinden, Boshaftigkeit durch Gutes , Egoismus durch Wohltätigkeit und Falschheit durch Wahrhaftigkeit. So lange, wie ein Mensch danach trachtet, seinen Nachbarn zu erobern und zu unterwerfen, gibt es für ihn selbst keinen Frieden und kein Glück. Wie Buddha sagt: "Der Sieger ruft Haß hervor, und der Besiegte liegt betrübt zu Boden. derjenige, der sowohl dem Sieg wie der Niederlage entsagt, ist glücklich und zufrieden."11 Der einzige Sieg, der zu Frieden und Glück führt, ist der Sieg über sich selbst. "Man mag Millionen in der Schlacht erobern, aber wer sich selbst besiegt, nur dieser einzige, ist der größte aller Eroberer."12

Der Buddhismus trachtet danach, eine Gesellschaft zu schaffen, die dem ruinösen Machtkampf entsagt, in der Ruhe und Frieden herrschen fern aller Siege und Niederlagen; eine Gesellschaft, in der die Verfolgung Unschuldiger vehement angeprangert wird und in der jemand, der sich selbst besiegt, mehr Respekt genießt als einer, der Millionen durch militärische und wirtschaftliche Kriegführung erobert; eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht von Feindseligkeit, Eifersucht, Böswilligkeit und Gier befallen sind, sondern Mitgefühl die treibende Kraft des Handelns ist; wo alle, auch die geringsten Lebewesen, fair, rücksichtsvoll und liebevoll behandelt werden; wo ein Leben in Frieden und Harmonie in einer Welt materieller Zufriedenheit auf das höchste und vornehmste Ziel, die Verwirklichung der Höchsten Wahrheit "Nirvana" ausgerichtet ist.


2 Majjhima-nikayatthakatha, Papancasudani, I (Pali Text Society), S. 25O ff. Buddhistische Mönche, Ordensmitglieder der Sangha, sollen kein persönliches Eigentum haben, aber es ist ihnen erlaubt, Gemeinschafts- (Sanghika) Eigentum zu besitzen.





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