Festvortrag zum gemeinsamen Vesakh-Fest der Buddhistischen Union Berlin-Brandenburg (BUBB) im Mai 2007 in der Werkstatt der Kulturen in Berlin. (Der Text wurde dort in stark gekürzter Form vorgetragen.)

 

 

Moderne, Postmoderne und Buddhismus

Warum der Buddha heute in den Westen kommt

 

Franz-Johannes Litsch

 

 

 

Vorbemerkungen

 

Den Weg des Buddha gehen, heißt, die Lehre und Praxis des Buddhismus in unser Leben zu integrieren, und das heißt wiederum, sie in die Kultur und Gesellschaft Deutschlands und des Westens zu integrieren, denn unser Leben kann nicht getrennt davon existieren. Meinen Beitrag hier und insgesamt sehe ich im Rah­men die­ser Aufgabe, wobei es mir inzwischen vornehmlich darum geht, Missverständnisse, Einseitig­keiten und Fehlentwicklungen – wie ich sie in der Ausprägung des Buddhismus im Westen zu erken­nen meine – deutlich zu machen und Ansätze für Korrekturen aufzuzeigen.

 

Eine besonders ins Auge fallende Fehlentwicklung scheint mir darin zu bestehen, dass der Buddhis­mus im Westen derzeit vorherrschend individualistisch und psychologistisch interpretiert wird. Es hat in breitem Ausmaß den Anschein, als wäre der Buddhismus bei uns eine rein private Angelegenheit. Das wird ihm aber nicht gerecht. Mein persönliches Anliegen ist es seit vielen Jahren, aufzuzeigen, inwiefern die Lehre des Buddha über den Ein­zelnen hin­ausgehende, gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung hatte und hat und heute – im Zei­chen globaler, menschheitlicher Vernetzung, Abhängigkeiten und Probleme – mehr denn je haben muss.

 

Denn, was war es, worum es dem Buddha vor allem ging? Ohne das hier im Einzelnen und Konkreten herzuleiten, möchte ich es folgendermaßen benennen, weil es mir nur so als schlüssig erscheint:

 

Es ging dem Buddha darum - als Einzelne und als Gemeinschaften - aufzuhören damit, für uns selbst und für andere Leiden zu erzeugen.

 

Es ging ihm nicht hauptsächlich darum, kein Leiden mehr zu erleben – um das zu erreichen, gibt es auch etliche illusionäre Wege – son­dern es ging ihm darum: möglichst kein Leiden mehr zu schaffen, also das Leiden von seinen Wurzeln her zu überwinden und in Folge dessen dann auch kein Leiden mehr zu erleben. Dies entspricht dem Unterschied zwischen einer Medizin, die nur die Symptome bekämpft und einer, die an den Ursachen ansetzt. Wollen die meisten von uns nicht einfach nur die Symptome weghaben aber möglichst nicht an die Wurzeln herangehen?

 

Hiervon ausgehend stelle ich mir die Frage: Warum kommt der Buddha heute in den Westen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Lehre und Praxis des Buddha und der gegenwärtigen Kultur und Gesellschaft des Westens? Die wird allgemein als Moderne bezeichnet, in jüngster Zeit auch als Post­mo­derne, was auf eine bedeutsame zivilisatorische Veränderung hinweisen soll, in die wir in jüngster Zeit eingetreten sind.

 

 

Wo stehen wir heute?

 

Es ist vermutlich kein bloßer Zufall oder ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt dessen, was wir jetzt  Globalisierung nennen, dass in den letzten Jahrzehnten gerade in jenen Ländern, die von der westlichen Moder­ne am stärksten geprägt sind (Europa, Nordamerika, Australien, Südafrika, einige Länder La­tein­ame­ri­kas) ein stark gewachsenes Interesse für die 2500 Jahre alte Geistestradition des Buddhismus erkennbar ist. Dabei be­ruht die westliche Zivilisa­tion ja selber auf einer 2500 Jahre alten geistesgeschichtlichen Kulturtradition, der Antike, die für Ost und West gleichzeitig und in mancher Hinsicht miteinander verknüpft (Alexanderfeldzug, Hellenismus, Seidenstrasse) zur Ausgangssituation wur­de (insb. das 5. Jh. vor Chr., die sog. Achsenzeit), in der sich jedoch die bis dahin noch weitgehend ähnlichen kulturellen Wege plötzlich weit voneinander trennten und fortan bis in unsere Zeit hinein einander fremd blieben.

 

Die heutige gegenseitige Begegnung, richtiger also Wiederbegegnung hat offensichtlich etwas mit dem Stand der jeweiligen Entwicklung und einer geheimnisvollen inneren Beziehung der beiden Welten Asien und Europa zu tun. Von diesem gegenwärtigen Entwicklungsstand können wir zunächst ganz allgemein und offenkundig sagen, dass sich der Westen wie der Osten – und darüber hinaus die gesamte Menschheit – in einer tiefgreifenden Entwicklungs- und Orientierungskrise befinden. Eine Krise, die beide Seiten zur Suche und Öffnung veranlassen, so dass sich aus der gemeinsamen Begeg­nung möglicherweise neue, heilsame und befreiende Antworten, Lösungen, Perspektiven ergeben können.

 

Wenn wir einen kurzen und groben Blick auf die derzeitige Welt werfen, dann sind es vor allem fol­gende ge­samtmenschheitlichen Probleme, die wir in nächster Zeit zu bewältigen haben:

 

        eine menschengemachte globale Klimaveränderung mit einer Vielzahl an einschneidenden, schmerzvollen, riesige Kosten verursachenden, zahlreiche Menschen und Lebewesen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und ihres Überlebens führenden Auswirkungen, zusammen mit einer Fülle weiterer ökologischer Probleme und Bedrohungen, welche Folgen unserer naturmissachtenden und selbstbezogenen, industriellen und konsumorientierten Lebensweise sind.

 

        für zwei Dritteln der Menschheit Lebensverhältnisse, die von enormer Armut, Unterernährung, Bildungs-, Arbeits- und Chancenlosigkeit wie verheerenden ökologischen und gesundheitlichen Bedingungen geprägt sind, bei gleichzeitig gewaltiger Anhäufung von Reichtum, Macht und Luxus in den Händen weniger Staaten, Wirtschaftskonzerne, Institutionen, Familien und Einzelpersonen, also extrem ungleiche und ungerechte Lebens- und Entwicklungsbedingungen.

 

        an Ausmaß und Härte eskalierende Strukturen, Formen, Rechtfertigungen von Gewalt: vom fortwährenden Ausbau staatlicher Überwachung und Polizeimacht über neue imperiale Kriege, internationalen Terrorismus, Religionskriege, Bürgerkriege, Mafiagewalt, praktizierte Folter bis zum wachsenden Rassismus und religiösen Fanatismus, zur exzessiven Gewaltdarstellung in den Medien, privaten Bewaffnung und Brutalität, Geschlechtergewalt, Jugendgewalt usw.

 

        eine wissenschaftlich-technologische Entwicklung, die dem Menschen eine Macht über die Natur und sich selbst verleiht, wie sie kaum noch zu kontrollieren und in ihren Wirkungen abzuschätzen ist und die, vorangetrieben von überwiegend wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen sich daran begibt, die Natur nanotechnisch um- und neu zu konstruieren und den Menschen zum Rohstoff oder zum gen-, bio- oder robotertechnischen Kunstprodukt zu machen.   

 

Alle diese Phänomene zeigen eine Gemeinsamkeit: sie sind Auswirkungen und Zeugnisse der westlichen Moderne, die mit ihrer Wissenschaft, Technik und Ökonomie nunmehr zur globalen Zivilisation der Menschheit gewor­den ist. Und sie sind Folgen der von dieser Moderne geprägten intensiven und (vordergründig) effektiven Bemühungen, die Wirklichkeit und Welt in Besitz zu nehmen, zu be­herrschen, zu steuern, zu verän­dern, zu verbessern, zu perfektionieren, kurz: in den Griff zu bekommen – mit dem fatalen Ergebnis, dass uns dies zugleich immer weniger gelingt, dass uns die Dinge aus dem Ruder laufen, noch vorhandene überkommene Ordnung ins Chaos gerät und sich die Ver­hält­nisse als unregierbar, unkontrollierbar, unbeherrschbar zeigen.

 

Wir Bewohner der nördlichen Wohlstandsinseln unseres Planeten werden wohl in den nächsten Jah­ren und Jahrzehnten mit der Erkenntnis und Erfahrung konfrontiert sein, dass die gänzlich globalisierte westliche Moderne, so wie sie sich heute darstellt, die Menschheit letztlich in die Selbstzerstörung führt. Wollen wir das verhindern, wird es nicht ohne grundlegende und drastische Veränderungen ge­hen. Doch wohin soll es gehen und wer ist gegenwärtig schon bereit dazu?

 

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war sich die westliche Moderne in ihrer Antwort auf jegliche Ge­fah­ren, Risiken, Bedrohungen sicher: das haben wir alles im Griff, kein Grund zur Beunruhigung, wir werden alle Probleme mit den Mitteln der Moderne (Rationalität, Wissenschaft, Technik, Ökonomie, Recht, Öffentlichkeit, Politik) lö­sen und bewältigen. Doch der Glaube an die Allwissenheit und Allmacht der nicht selten zur (säkularen) Religion gewordenen "Moderne" ist in­zwi­schen, wie der an die alte Religion Christentum, in breitem Maße geschwunden.

 

Dementsprechend breiten sich sowohl bei den Mächtigen wie den Ohnmächtigen und denen, die sich dennoch zu engagieren versuchen, in steigendem Aus­maß Rat­losigkeit, Orientierungslosigkeit, Hoffungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit aus mit de­ren Folgen: Depression (die psychische Massenkrankheit nunmehr), Desinteresse, Zynismus, Wirk­­lich­keits­flucht und Drogenkonsum oder die Haltung "Jetzt voll Spaß haben, nach uns die Sintflut". Andere dagegen sehen unser aller Heil in der Wiederbelebung autoritärer, totalitärer, fundamentalistischer Gewissheiten und erteilen sich hieraus den allerhö­ch­sten Auftrag, jene allen Menschen missionarisch aufzuwingen.

 

Und damit sind wir im Zentrum der Auseinandersetzung über unsere heutige westliche Moderne und de­ren mögliche Überwindung (der Philosoph Martin Heidegger sprach von "Verwindung", also Heilung) durch die sog. Postmo­derne.

 

 

Was ist die Moderne?

 

Um die Frage zu klären, was die Moderne ist, müssen wir historisch weit zurückgehen, näm­lich an den Anfang unserer westlichen oder abendländischen Kultur. Die beginnt bekanntlich und wie be­reits erwähnt, bei den Griechen, insb. in der griechischen Philosophie. Im Zentrum der griechi­schen Phi­losophie steht die Idee des Logos: zunächst das universelle geistige Prinzip, dann reduziert auf die menschliche Vernunft und schließlich noch weiter eingeengt auf den Verstand oder die Ratio als die Entdeckung, Ausarbeitung und Anwendung der Logik, des zielgerichteten, trennenden und identifizierenden Den­kens und der auf (vermeintlich) eindeutige Begriffe, Aussagen, Konzepte und Theorien gestützten Wissenschaften

 

Rationalität bzw. begriffliches Denken heißt, dass ein sog. Objekt (ein Beobachtetes) von einem sog. Subjekt (einem Beo­bach­ter) ergriffen wird, ein Etwas von einem anderen Etwas (von Begehren, “loba” oder Abneigung, “dosa” geprägt) erwünscht wird (“tanha”) und als solches ergriffen, festgehalten, identifiziert, eingeordnet, bewertet, be­herrscht, angeeignet, in Besitz genommen wird (“upadana”) – um weiterhin benutzt, verwertet, verändert, hergestellt, weggeworfen oder vernichtet werden zu können (Etwas-werden, "bhava"; Geburt "jati"; Altern und Sterben, "jaramarana"). Während für das abendländische Denken das Subjekt und das Objekt immer schon und unabhängig voneinander existent sind, entstehen für den Buddha beide erst wechselseitig im Prozess der Wahrnehmung ("vinnana", "nama-rupa", "salayatana", "phassa", "vedana") und des greifenden bzw. begrifflichen Erkennens ("paticca samuppada"). Die Subjekt-Objekt-Trennung und das auf diese Weise alles verdinglichende, substantialisierende, ontologisierende Denken ist für den Buddhismus somit eine zwar begrenzt gültige doch letztlich illusionäre, wirklichkeits- und selbst­täuschende, unerwachte Form menschlichen Bewusstseins (“avijja”), während die abendländische Philosophie in ihr die einzig vernunftgemäße sieht.

 

Im begrifflichen Denken geschieht ein geistiges Erfassen und Auftrennen des (für uns) Wirklichen mit dem Ziel, sich dessen zu bemächtigen. "Divide et impera" - “teile und herrsche”, das war das Macht­prin­zip des imperialen Rom, gültig und angewandt bis zum heutigen Tag. Die Aufteilung beinhaltet die bereits er­wähnte Ge­genüberstellung von Subjekt (Erkennendem) und Objekt (Erkanntem) und zum anderen die Aufteilung in Dinge, die "sind" oder die "nicht sind", anders gesagt, die Festlegung aller Phänomene in die Grundkate­gorien von Sein oder Nichtsein. Ein Drittes, ein dazwischen, eine Sphäre des Werdens, des Über­gangs, des Noch-nicht oder Nicht-mehr, des Unbestimm­baren, Unfassbaren, Am­bivalenten, des Sowohl-als-Auch oder Weder-Noch, des "Mittleren Wegs" gibt es hier nicht oder darf es nicht geben, denn es geht ja um eindeutige Bestimmung. Eine Erscheinung wird als ein Etwas gedeutet, wird auf ein ganz bestimmtes Sein oder auf Sein überhaupt (und nicht Nichtsein) reduziert. "Tertium non datur" - “ein Drittes gibt es nicht”, er­klär­te Aristoteles zum Grundsatz der Logik.

 

Zum somit alles prägenden logischen Dualismus kommt noch ein Weiteres hinzu: die Hierarchisierung der einander gegenübergestellten Seiten, was heißt, dass in fast alle jene Gegensätze zusätzlich noch eine Bewertung hineingetragen wird, eine Über- und Unterordnung, die jeweils eine der beiden Seiten als höher, wahrer, besser, wertvoller, eigentlicher, wirklicher, seinshaltiger sieht, wie z.B. in: Sein – Nicht­sein, Wahr­heit - Lüge, Richtig - Falsch, Oben - Unten, Rechts - Links, Innen - Außen, Hell - Dunkel, Gut - Böse, Geist - Materie, Subjekt - Objekt, Gott - Welt, Mann - Frau, Mensch - Tier, Kultur - Natur usw. Der hierarchische Dualismus bzw. der die andere Seite letztlich negierende (oder gar vernichtende) Monismus bildet bis heute die Grundlage un­se­rer herkömmlichen abendländischen Weltsicht.

 

Im Unterschied zu der, Dinge oder Begriffe oder Wahrheiten ergreifenden, festhaltenden und bemächtigenden Seins-Ontologie des Parmenides, Platon und Aristoteles lehrte der Buddha in Indien – ähnlich und zur gleichen Zeit wie noch Heraklit in Kleinasien – eine Prozess-Ontologie oder Philosophie des “Mittleren Wegs”, in der die Erscheinungen weder sind noch nicht sind, sondern immer werden, d.h. im Fluss sind, entstehen und vergehen – wechselseitig bedingt auseinander hervorgehend oder auf­einander bezogen ("idapaccayata") – momenthaft erscheinen und verschwinden. Eben das, nicht etwa das bloß negative Nichts (oder Nicht­sein), meint dann der im Abendland so allgemein un­verstan­dene Be­griff "sunyata", "Leerheit", nämlich die letztliche Offenheit, Nichtfassbarkeit, Trans­zendenz aller Wirklichkeit und Wahr­­heit. Wenn es demgemäß im ma­ha­yana-bud­dhis­ti­schen Diamant-Sutra heißt: “Der Buddha ist nicht der Buddha, darum ist er der Buddha.” dann ist dies bester Ausdruck buddhistischer Logik und tiefer Einsicht in unsere Wirklichkeit, für die klassische abendländische Philosophie ist es logischer Un­sinn oder zirkuläre Paradoxie.

 

Die abendländische seins-ontologische Metaphysik seit Aristoteles besteht auf der Zielsetzung, die Wirklichkeit exakt abzubilden und auf diese Weise handhabbar zu machen. Die westliche Philosophie, Kultur und Ge­schichte wird so vom metaphysisch verankerten "Willen zur Macht" (Nietzsche) geprägt. Es geht ihr um das zunächst geistig-ideelle (begriffliche), dann körperlich-ma­te­rielle (in­stru­men­telle) Ergreifen der Wirklichkeit, um die Beherrschung der Welt, die Beherrschung der Natur, die Be­herrschung des Menschen. Der vollendete Ausdruck dieser Bemühung ist die wissen­schaftliche Mathe­ma­tisierung (Berechenbarkeit) der Wirklichkeit, die Technisierung (Kon­stru­ier­bar­­keit) der Natur und die Öko­nomisierung (Verkäuflichkeit) aller Dinge und unseres Lebens.

 

Das ergreifende und aneignende Subjekt macht demgemäß alles zum Objekt und schließlich zum Ding, es ver­dinglicht die Wirklichkeit. Aus den vieldimensionalen Ereignissen und Eindrücken des Lebens wer­den greifbare, herstellbare, besitzbare Tat-Sachen und Gegen-Stände. Für den Buddha war diese Verdinglichung der Wirklichkeit die Wurzel aller Verblendung und allen Leids.

 

Was wir heutzutage Kapitalismus nennen, ist die logische Konsequenz und Weiterführung der metaphysischen Verdinglichung. Denn er macht alles zum käuflichen Ding oder Objekt, zum Produkt, zur Ware, zum Kapital, zur Möglichkeit des Ergreifens und An­eignens von Wirklichkeit durch Geld. Darum werden wir im Kapitalismus von Produkten und Waren überschwemmt und sollen immerfort zugreifen. Über das begehrte permanente Begehren hinaus hat uns dabei heute die Schnäppchen-Mentalität voll im Griff, betrügt uns zusätzlich zum “Kaufgenuss” mit dem Gefühl, einen besonderen Glücksgriff getan zu haben, während wir in Wahrheit der fatalen Strategie erliegen, alle Kosten der Verbilligung auf die globale Umwelt, den Sozialabbau, das Lohndumping, die wachsende Arbeitslosigkeit, die Zukunft unserer Kinder abzuwälzen. So kaufen wir unsere eigene soziale, kulturelle, ökologische Verelendung.

 

Geld wiederum, in seiner Abstraktheit und eigentlichen Wert­losig­keit ist die Verdinglichung aller Ver­ding­lichungen, das Ding an sich, das Meta-Ding. Wichtig daran ist nur die Zahl, die auf dem oder für das bedeutungslose Geldmaterial steht, der Glaube, dass es mit diesem Wert akzeptiert wird (gültig ist) und die Frage, in wessen Händen es sich vor dem Austausch befindet, d.h. von wessen Subjekt es als Objekt ergriffen und angeeignet wurde. Über Geld wird alles greifbar, besitzbar, berechenbar, bewertbar, es ist reine potentielle Macht. Mit ihm haben wir die Welt (scheinbar) im Griff. Doch tatsächlich beherrscht es – mit den von ihm ausgehenden Illusionen, der Gier und der Feindschaft – vor allem uns selbst.

 

Das Geld ist die verdinglichte (traditionelle) Metaphysik des Abendlands. Der geistige Wille zur Macht führt zur materiellen Macht des Geldes. Und die ist heute global und alles beherrschend und umwälzend geworden und zwar in Richtung, alle Erscheinungen der Wirklichkeit und des Lebens nur noch auf ihre Weise zu sehen und zu behandeln. Dies hat mittlerweile zu einer umfassenden, ja totalitären Ökonomisierung unserer Wirklichkeit geführt.

 

Von daher ist es kein Zufall, dass die Entstehung des modernen Geldsystems auf jenen Zeitpunkt und Kulturraum fällt, in dem auch die griechische Philosophie entstand. Es war kein geringerer als der uns heute noch namentlich bekannte König Krösus (griech. Kroísos) von Lydien (Regierungszeit 560 bis 546 v. Chr.), der das gemünzte (mit seinem Bild versehene und damit beglaubigte und genormte) Geld einführte und auf diese Weise zu seinem sagenhaften Reichtum kam.

 

Es dauerte allerdings einige Zeit, ca. 2000 Jahre, bis sich dieser Denkansatz in seiner ganzen Konsequenz durchsetzte. Zuerst gab es noch das Mittelalter, in dem es um die vorwiegend geistig-seelische Beherrschung der Welt und des Menschen mithilfe der Religion und Kirche und die Beherrschung der Religion und Kirche mit Hilfe der Theo­logie (der Lehre von Gott, Welt und Mensch) ging. Der Wunsch nach umfassender Beherrschung – den die frü­he Antike nicht kannte – zeigte sich nun deutlich im Absolutheitsanspruch und der Gewalthaltigkeit des katholischen Christentums (“katholisch” heißt: allumfassend), Merkmale, die vom Islam, der sich ebenso auf die griechische Philosophie stützt, voll übernommen wurden. Sie sind auch bereits in der Religion des Monotheismus enthalten, denn in der darf es nur noch den einen und ein­zigen, allmächtigen, ewigen Gott geben – alle anderen Götter werden rigoros (als “falsche” Götter oder “Götzen”) be­kämpft. Das Nicht-Eine, das Viele, Pluralistische, Unübersichtliche, Ungeordnete, Chaotische, Unbe­herrschbare ist des Teufels (Diabolus, wörtlich: der Durcheinanderwerfer). Er ist all das, was wir nicht im Griff haben.

 

Jene Zeit, mit der sich der endgültige, vor allem auch materielle Zugriff auf die Welt durch­setzte, – Luthers: "Macht euch die Erde untertan" (Auftrag des biblischen Gottes an die Menschen nach der Erschaffung der Welt) – war genau die Zeit, in der jener Satz formuliert wurde: die Reformation und Renaissance. Die historische Periode seither nennen wir die "Neuzeit" oder die "Moderne" (insb. im Englischen und Französischen). Der Zeitpunkt war wiederum nicht zufällig auch der Augenblick der "Entdeckung" Amerikas und der anderen außereuropäischen Kontinente, der Beginn der christli­chen Weltmission, des europäischen Kolonialismus, der Frühzeit des Kapitalismus und des Aufstiegs der Naturwissenschaften.

 

Nun steckt bereits in dem Wort Moderne ein folgenreicher Widerspruch, nämlich: eine gesamte Ge­schichtsepoche von immerhin 500 Jahren (manche lassen die Moderne auch erst mit der Aufklärung des 18. Jh. be­ginnen oder noch etwas später, das ist hier aber unerheblich) - kann nicht über­zeu­gend als "modern" bezeichnet werden. Modern ist immer nur das gerade Existierende, ja eigentlich nur das der­zeit erst Kommende. Was schon da ist - und erst recht -, was schon vergangen ist, ist nicht mehr modern. Auf diese Weise existiert das Moderne nie wirklich, denn ab dem Augenblick, wo es allgemein und vor­herrschend wird, ist es bereits Konvention und somit unmodern geworden.

 

Die westliche Moderne hält sich gegenüber allem Vorherigen wie auch Andersartigen (Fremden) für überlegen, denn moder­ner heißt für sie besser. Modernität ist immer neuer, jünger, schneller, kreativer, fortschrittlicher als alles Bis­herige oder Andere. Siehe: unser heutiger Jugendlichkeitskult und die Abwertung alles Alten und "Altmodischen". Zugleich jedoch: die Moderne selbst kann nie wirklich sein, nie andauern und verharren, sondern muss ständig von Modernerem überholt, abgelöst, überwunden, niederge­macht, zerstört wer­den, um weiterhin modern zu sein. Im Nu ist das Neue, Junge, Modische, Progres­sive, Moderne selbst wieder out. Die Moderne negiert sich permanent selbst - aber auch alles andere, was "unmodern" ist (fremde Lebensformen, Kulturen, Religionen). Ständig muss die Moderne Kriege, Um­stürze und Revolutionen gegen sich selbst und gegen andere hervorbringen, An­griffe und Aufbrüche, die das Alte oder Fremde beseitigen und das Neue und Eigene an die Macht bringen. Indem die Moderne sich selbst und alles, was sie nicht ist, fortwährend modernisieren muss, kann sie nie etwas so lassen, wie es ist, nie anhalten, nie zur Ruhe kommen, nie still werden. Und so jagt ein Fortschritt den vorherigen und eine Mode die nächste. Und der in die Moderne geratene Mensch hetzt atemlos und gestresst hinter der Modernität her wie der Hund hinter der Wurst, die man ihm vor die Nase gebunden hat. Nicht nur die Moderne, wir selbst existieren auf diese Weise nicht in der Gegenwart, sondern fast immer in einer besseren oder angst­besetzten Zukunft, oder trauern einer verlorenen, ungelebten oder unabgeschlossenen Ver­gangenheit hinterher.

 

Die permanenten Neuerungen und Umwälzungen des Abendlands zeigen sich anschaulich an den unentwegt zwanghaft wechselnden Kleidungs- und Outfitmoden, oder den zahllosen Stilepo­chen, die die abend­län­di­sche Kunst, Gestaltung, Architektur und Musik der Neuzeit hervorgebracht hat und die jeweils die alten be­seitigten, umformten oder überlagerten. In gleicher Weise an den fortlaufend neuen und "letztgültigen" wissenschaftlichen Einsichten und ultimativen technischen Neu­erungen, die die bishe­rigen (buchstäblich) zum alten Eisen warfen, bis sie selbst davon betroffen waren. Oder an der kaum überschaubaren Vielzahl west­licher Philosophien, Weltanschauungen und Ideo­logien, die sich gegenseitig zu widerlegen, dialektisch zu überwinden oder aggressiv zu beseitigen trachteten. Und nicht zuletzt an den zahlrei­chen politischen Umwälzungen, Umstürzen, Revolten, Revolutionen, Konterrevolutionen, Kriegen, die das vergangene 20. Jh. in besonderem Maße prägten.

 

Dabei hatten sie fast alle - die Künste, die Wissenschaften, die Technologien, die Philosophien - den Anspruch, die jeweils einzig wahre, richtige, endgültige Malerei, Musik, Dichtung, Architektur, Technik, Wissenschaft, Theorie, Philosophie, Ideologie oder Politik zu sein. Die Moderne hat zwar den christlichen Glauben und Gott für tot erklärt, doch den metaphysischen Absolutheitsanspruch hat sie ungebrochen übernommen. Im­mer ging es um die in den Griff und Begriff bekommene oder zu bekommende, ewige, einzige und ab­solute Wahrheit, den eigenen privilegierten Zugriff auf das Absolute. Und als solche war diese Wahrheit und diese Moderne dann auch immer das End­gültige, die höchste Vollendung und das Ende der Geschichte.

 

Die Idee der Moderne mit ihrem Fortschritts-, Perfektions- und Wachstumswahn ergibt sich aus dem metaphysischen "Willen zur Wahrheit" (zur letzten, höchsten und ewigen Wahrheit), der sich in seiner Steigerung als "Wille zur Macht" zeigt. Und obwohl es offenkundig ist, dass wir die absolute Wahrheit noch (!) nicht gefunden ha­ben und auch die absolute Macht über die Natur und Welt bisher nicht verwirklichen konnten, wollen wir doch fest da­ran glauben, dass wir das eines jüngsten Tages erlangen werden und dann am Punkt der Ver­wirk­li­chung, der Vollkommenheit, der letzten Synthese, des Paradieses, des "Reichs Gottes" (christlich), des "Reichs der Freiheit" (marxistisch), des "Tausendjährigen Reichs" (nationalsozialistisch), der Weltdemokra­tie (liberalistisch), des totalen Reichtums (kapitalistisch) oder der Allwissenheit (szientistisch) oder welcher Utopie auch immer stehen werden.

 

Gerade Berlin und Deutschland haben in ihrer Geschichte mehrfach schlimmste Erfahrungen mit derart abso­lu­tis­tischen Erlösungen und Endlösungen gemacht. Ausgehend von dieser Stadt hatte sich ein totalitär-meta­physisches System – von "der Vorsehung" geführt und im Dienste des Heils und so mit gutem Ge­wissen, doch gnadenlos und unmenschlich, dem absoluten Willen zur Macht verschrieben. Dem Prinzip "divide et impera" gemäß machte es sich daran, die Welt in seinem Sinne zu ordnen, was hieß: den Ariern gehört die Zukunft, den Juden der Tod. Bis zum letzten Tag vom Endsieg überzeugt, hatte man nach 13 Jah­ren diese Stadt, ganz Deutschland und halb Europa in eine Trümmer- und Leidenswüste verwandelt.

 

Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass der moderne ideologische Absolutheitsanspruch erneut regierte und Berlin und Deutschland durch eine Mauer bzw. einen Todeszaun in zwei Teile zerschnitt. Auch die sich einmauernden Beschützer des "sozialistischen Arbeiter- und Bauernparadieses" waren zutiefst davon überzeugt, dass dies das Ende der Geschichte sei. Wohl keinem kam in den Sinn, dass die Mauer das Ende ihrer Geschichte sein würde.

 

"Das Ende der Geschichte", so hieß denn auch ein berühmt-berüchtigtes, 1992 erschiene­nes, im Auftrag der US-Regierung geschriebenes Buch eines amerikanischen Universitätsgelehrten (Francis Fukuyama), das nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und Ostblocks den nun endgültigen, die Menschheits­ge­schichte ab­schließenden Sieg des "american way of life" verkündete. Etwas Besseres als dieser konnte (für ihn) nicht mehr kommen, alle anderen Länder, Völker, Kulturen hatten dem nur noch zu fol­gen. Wir sahen schon nach wenigen Jahren, dass die menschliche Geschichte auch hier nicht zu Ende war, und dass wir heute vielleicht erst wirklich in die Geschichte der Menschheit, genannt "Glo­ba­li­sie­rung" eintreten. Aber un­schwer finden wir in dem, was sich derzeit wieder als Konfrontation Abend­land - Morgenland (bzw. Christentum - Islam) vollzieht, den Absolutheits-Fun­da­men­ta­lis­mus und -Fanatismus auf beiden Seiten un­gebrochen wieder. Und sowohl Mr. Bush wie Osama Bin Laden glauben fest an ihren einstigen Endsieg über das jeweilig andere “Reich des Bösen”.

 

 

Was ist die Postmoderne?

 

Sind wir nicht eigentlich – das weiß oder spürt heute fast jeder aufmerksame und kritische Zeit­ge­nosse – über diese Konfrontationen und die ihnen zugrunde liegenden gedanklichen Ab­solutheiten längst hinaus? Die Künste, die Wissenschaften, die Philosophien, selbst die meisten Religionen (oder Religionsangehörigen) gehen inzwischen über den Anspruch auf greifbare und aus­schließlich in ihrem Besitz befindliche, einzige, ewige und endgültige Wahrheit hin­aus und haben ge­lernt, das Eigene wenigstens ein bisschen loszulassen und Anderes zuzulassen und die letzte und höchste Wahr­heit als ungeklärt oder gar grundsätzlich offen anzuerkennen.

 

Eben das ist die Haltung, die die sog. Postmoderne (wörtlich Nach-Moderne, die Moderne nach oder jenseits der Moderne) kennzeichnet. Die Postmoderne als Zeitepoche oder als alternative Denkweise innerhalb der Moderne lässt die Zeit und Kultur der Moderne insoweit hinter sich (bzw. neben sich), als sie deren (metaphysischen) Anspruch auf Eindeutigkeit und Letztgültigkeit, auf die umfassende Wahrheit und das in ihr gefundene Ende der Geschichte und der Lebensmöglichkeiten des Menschen und damit auch den per­manenten Zwang zum Fortschritt und zur Modernisierung (auf dieses Endziel hin) nicht mehr aner­kennt.

 

Die Postmoderne ist die Öffnung des Zugriffs, das Loslassen des Begreifens und Ergreifens und damit das Zulassen dessen, was sich selber geben (phänomenologisch ergeben) will. Die Postmoderne in ihrer ganzen Konsequenz ist die Auflösung aller herkömmlichen Ein­deu­tig­­keiten und Sicherheiten und damit unseres Glaubens an die Machbarkeit und Beherrschbarkeit der Din­ge. In der Postmoderne hat sich die abendländische Kultur bzw. Moderne geöffnet für das Andere, für das Unbekann­te, das Ungewisse, das Fremde, das Alternative, das Unbedachte, Übersehene, Unbewusste, das Uner­­kenn­ba­re, Unverfügbare, Unbegreifliche - kurz für all das, was jenseits dessen ist, was wir im Griff haben oder meinen, im Griff zu haben oder im Griff haben wollen.

 

Für uns BuddhistInnen heißt das: mit der Postmoderne hat sich die westliche Zivilisation erstmals seit Be­ginn der Moderne, ja letztlich seit der römischen Antike in größerem Masse wieder dem Mysterium und der Mystik ge­öffnet. Das breite Interesse für den Buddhismus wie für andere außereuropäische Religio­nen, für christliche Mystik und für Spiritualität insgesamt setzt darum nicht zufällig exakt zu jener Zeit ein, die heute als Be­ginn des postmodernen Zeitgeistes gesehen wird, in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhun­­derts. Es ist die Zeit, die mittlerweile auch als Beginn dessen gilt, was wir "Globalisie­rung" nennen. Nicht we­nige der heutigen westlichen Meditations- und Dharma-Lehrer oder -Prak­tizierenden sind damals als Hippies nach Indien und Nepal gepilgert, während gleichzeitig asiatische Dhar­ma-Lehrer erstmals in den Westen aufbrachen und zahlreiche tibetische Rin­poches vor dem Einbruch der maoistisch-marxistischen Moderne in ihre Heimat fliehen mussten. Der Dalai Lama ist geradezu eine Personifikation der post­modernen spirituellen Globalisierung.

 

Die Postmoderne begann kaum bemerkt bereits im 19. Jahrhundert und dann verstärkt im 20. Jh. in zahlrei­­chen Bereichen: in der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, der Religion. In der Religion war es be­­reits die Entdeckung des Buddhismus, die etliche suchende Geister des Abendlands fas­zinierte (Scho­penhauer, Wagner, Nietzsche, die Theosophen, die Lebensreformer u.a.) In der Philosophie war es vor allem Friedrich Nietzsche, gefolgt von Martin Heidegger und Theodor W. Adorno und danach einer Vielzahl westlicher Phi­­losophen insb. in Frankreich in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg und insbesondere in der Zeit des be­­rühmten und für manche immer noch berüchtigten Kultur­umbruchs von 1968. Da sind zu nennen: Mi­chel Foucault, Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard, Gilles Deleuze, Jean Baudril­lard, Gianni Vattimo, Judith Butler, Ri­chard Rorty, Paul Feyerabend, Zygmunt Bauman, Stuart Hall, Samuel Weber u.v.a. Ein Phi­losoph, der den Begriff Postmoderne bereits lange vor den meisten ande­ren (hier genannten) gebrauchte und mit Inhalt zu füllen suchte, wird dabei – und das ist wiederum bezeichnend für die immer noch bestehende eurozentristische Beschränktheit auch der post­modernen westlichen Philosophie – durch­­weg übersehen, nämlich der 1980 verstorbene japanische Zen-Meister und Philosoph Shinichi Hisamatsu. Er erkannte in der Philosophie der Postmoderne die "Philosophie des Erwachens" (wie auch sein Haupt­werk heißt).

 

In den 80er Jahren und Anfang der 90er gab es dann eine intensive und zeitweilig hitzig geführte in­ter­na­tio­nale Diskussion um die Postmoderne und wie sie zu verstehen und zu bewerten sei. Inzwi­schen hat sich die Debatte erheblich beruhigt, ja scheint fast schon wieder – ehe sie von einer breiteren Öffentlichkeit ernsthaft wahrgenommen wurde – in typisch moderner Weise unmodern geworden zu sein. Tatsächlich aber ist die Auseinandersetzung mit anderen Begriffen und anderen Themen direkter in unsere konkre­ten kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Fragen, Konflikte, Entwicklungen einge­drungen. Und sie wird fast täglich in den aktuellen öffentlichen Debatten ausgetragen – z.B. in den Diskussionen um die Integration des Islams bzw. von türkischen, arabischen, afrikanischen und anderen außereuropäischen Zuwanderern in die deutsche oder europäische Kultur und Gesellschaft (bezeichnenderweise wird hierbei der beträchtliche Anteil der nichtmoslemischen Asiaten kaum wahr­genommen); oder über die rechte (autoritäre oder liberale) Art und Weise, unsere Kinder auf die sie erwartende Zukunft vorzubereiten; über die Rolle des heute stark in Frage gestellten Sozialstaats oder über unsere Haltung zum globalen Krieg der derzeitigen US-Regierung gegen den Terrorismus und nicht zuletzt über unsere Stellungnahme zum Thema Globalisierung.

 

Die postmoderne Philosophie ist eine der Folgen und Antworten auf das, was wir seit den 90er Jahren Globa­li­sie­rung oder weltweite Abhängigkeit und Vernetzung nennen. In ihr anerkennt das Denken des Abendlands u.a. erst­mals, dass es auch andere, nichteuropäische, bedenkenswerte kulturelle Sichtweisen und Lebens­ent­würfe gibt und geben kann und dass nicht alle Völker, Gesellschaften, Kulturen, Religi­onen dem Mo­dell der westlichen Moderne und ihres Fortschritts folgen müssen. Die Postmoderne anerkennt die Viel­falt, Viel­deutigkeit und Multidimensionalität des Lebens und der Wirklichkeit, sie nimmt Abschied von der Unterordnung der Vielen und des Vielen unter das Eine und Einzige (Monotheismus, Monismus, Monokultur, Monopol).

 

Die Philosophie der Postmoderne (richtiger müsste hier dann auch von "Philosophien" gesprochen werden) zieht vor allem die philosophische Konsequenz aus den Entwicklungen, die unsere wissen­schaft­li­chen Versuche, die Welt in den Griff und Begriff zu bekommen, im vergangenen 20. Jh., ins­besondere wäh­rend der letzten Jahrzehnte, genommen haben. Um die dort vollzogenen und sich vollziehenden Veränderungen näher zu be­leuchten, möchte ich nachfolgend einen Autor zitieren, der des Buddhistseins wahrhaft unverdächtig ist, in seinem Text jedoch ge­radezu buddhistische Erkenntnisse wiedergibt – den vor wenigen Jahren ver­storbenen und in der heutigen Medientheorie renommierten Medienphilosophen Vilem Flusser (No­men est Omen!). In seinem Buch "Vom Subjekt zum Projekt" be­schreibt er an Hand von vier zentra­len wissenschaftlichen Themenbe­reichen (der Physik, Biologie, Psy­chologie, Philosophie), eine immer deutlicher hervortretende Tendenz zur Auflösung, "Dekon­struk­tion" oder Verflüssigung (buddhis­tisch: zum "Leer-Werden") der ehemals (seins-on­to­lo­gisch) als solide, dauerhaft, statisch, abgegrenzt, dinghaft, substantiell und selbstseiend gesehenen Phänomene der Wirklichkeit. (Der zitierte Text ist gekürzt):

 

"Demnach hat man zwischen zwei konvergierenden (wenn auch einander implizierenden) Tendenzen in der Neuzeit zu unterscheiden. Die eine Tendenz baut schrittweise den Glauben an die Solidität der Dingwelt ab [des Objekts, d.A.], die andere den Glauben an die Solidität des Subjekts in dieser Dingwelt, und diese beiden Tenden­zen beginnen gegenwärtig aufeinanderzustoßen. Hier muß es genügen, vier dieser Tendenzen - zwei des ersten und zwei des zweiten Typs - kurz zu erwähnen. Die Auswahl dieser vier Tendenzen aus zahlreichen anderen erfolgt gezielt: Sie sollen das Verständnis der emportauchenden «postModernen» Denkart und Praxis erleichtern.

   Die erste Tendenz soll das «physikalische Weltbild» genannt werden. Die Welt der Dinge zeigt sich darin als eine Streuung von Teilchen [Atome], welche in vier einander kreuzenden und sich überschneiden­den Relations­feldern schweben. ( ... ) Es hat sich herausgestellt, daß die Teilchen selbst teilbar sind, nur ist diese Teilung ge­genwärtig so weit fortgeschritten, daß die Frage entsteht, ob diese Teilchen der Teilchen (etwa die Quarks) nicht besser als Symbole des numerischen Denkens denn als Teilchen der Dingwelt anzusehen sind. Doch ist wahr­scheinlich eine derartige Unterscheidung nicht mehr von Interesse; denn das physikalische Weltbild hat als gan­zes den unmißverständlichen Charakter einer Projektion des numerischen Denkens. Es ist nicht mehr «sinnlich».

   Dies führt zu einer zweiten Tendenz, die «neurophysiologisch» genannt werden soll. Man beginnt zu verste­hen, wie die «sinnliche», die durch die Körpersinne wahrgenommene Welt zustande kommt. Punktförmige Reize werden von Nervenfasern empfangen, und zwar nach einem «digitalen» Prinzip: Jeder einzelne Reiz wird ent­weder aufgenommen oder abgewiesen («1 - 0»). Die aufgenommenen Reize werden im Zentralnervensystem elektromagnetisch und chemisch prozessiert und ergeben - auf nicht völlig durchschaute Weise - die Wahrneh­mungen der ausgedehnten Dinge. Die Reize sind die Daten, aus denen die ausgedehnten Dinge komputiert sind. Die wahrgenommene Welt ist eine Projektion der Datenprozessierung. ( ... ) Das Prozessieren der Daten zu Wahrnehmungen geht jedoch nicht in einem isolierten Nervensystem vor sich, sondern dieses System ist mit anderen gekoppelt. ( ... )

   Dies leitet zu einer dritten Tendenz über, die «psychologisch» genannt werden soll. Man hat begonnen, die psychischen Prozesse, nicht nur Wahrnehmungen, auch Empfindungen, Wünsche, Urteile, Entscheidungen usw. zu analysieren. Dabei hat man festgestellt, daß die «bewußten» psychischen Vorgänge - das sogenannte «Ich» keine definierbare Einheit bilden. Es handelt sich um Prozesse, welche einem Gewebe von («unbewußten» kollektiven psychischen Vorgängen aufsitzen und von diesem Gewebe nicht nur gespeist, sondern auch weitgehend gelenkt werden. Dieses Gewebe reicht weit über das Menschliche hinaus, umfaßt vielleicht alles Lebendige und zerfranst sich nach «unten». Das «Ich» erweist sich als eine Art von Spitze eines sich im Kollektiven auflösenden und von dort aus sich kristallisierenden Eisbergs. Es erweist sich als eine ideologische Reifikation von psychischen Prozessen. Außerdem wird deutlich, daß selbst auf der «bewußten» Ebene von einer definierbaren Identität nicht die Rede sein kann. Eher handelt es sich um eine intersubjektive Vernetzung, durch welche In­formationen in ständigem Austausch hergestellt werden. ( ... )

   Dies führt zu der vierten Tendenz, die hier erwähnt und «existentiell» genannt werden soll. Phänomenologi­sche Untersuchungen haben gezeigt, daß die neuzeitliche Erkenntnisproblematik (zum Beispiel eben die cartesi­anische) falsch formuliert ist. Letztere geht von dem Standpunkt aus, daß Erkennen ein erkennendes Subjekt und ein zu erkennendes Objekt voraussetzt. Die phänomenologische Untersuchung hingegen zeigt, daß Erkennen ein konkretes Phänomen ist, aus dem erst nachträglich das Subjekt und das Objekt des Erkennens extrapoliert wer­den. Sie zeigt, daß die konkrete «Lebenswelt» ein Beziehungsfeld ist - wobei das Erkennen nur eine unter zahl­reichen Beziehungen ist - und daß die Subjekte und Objekte in ihm als abstrakte, «einzuklammernde» Extrapola­tionen anzusehen sind. Deutlich wird dies bei dem Versuch, ein gegebenes Subjekt zu definieren. Dann erweist sich, daß sich das «Ich» nur im Verhältnis zu einem «Du» sagenden anderen identifizieren kann und daß diese Relation reversibel («dialogisch») ist: «Ich» und «Du» sind dialogische Pole. Irgendein «harter» Kern des Ich (ein «Selbst», eine «Seele») erweist sich als logisches und existentielles Unding.

   Ergänzend zu den vier erwähnten Tendenzen sind noch zwei weitere zu streifen. In der Genetik zeigt sich, daß die einzelnen Organismen als «Phänotypen» anzusehen sind, durch welche ein vernetzter Strom von geneti­schen Informationen fließt, auf den die Organismen keinen Einfluss haben. Und in der Ökologie zeigt sich, daß die einzelnen Lebewesen als Funktionen von vernetzten Ökosystemen, nicht als autonome Systeme anzusehen sind. Vergleichbare Einblicke in vernetzte Beziehungsfelder bietet zum Beispiel die Linguistik, die Kulturana­lyse oder die Kybernetik. Das neuzeitliche numerische Denken hat somit zu einer Auflösung der Dinge und des Denkens selbst geführt und damit den neuzeitlichen Glauben von innen her zerbröckeln lassen."

   (Vilem Flusser: Vom Subjekt zum Projekt - Menschwerdung, Frankfurt am Main, 1994, S. 12.)

 

In einem anderen Buch, welches die Philosophie und Psychologie des sog. Poststrukturalismus, der vorherrschenden Schule postmoderner französischer Philosophen, beschreibt, gibt der (der Buddhis­mus-Sym­pa­thie ebenso gänzlich unverdächtige) Autor Gabriel Kuhn folgende Kennzeichnung:

 

Diese Positionen lassen sich negativ wie positiv beschreiben: Der Poststrukturalismus wendet sich gegen

   die Idee einer Wahrheit, die es zu erkennen, entdecken oder erfassen gilt, die auf einer abstrakten Konstruktion einer dualistischen Welt (Sein-Schein, Tiefe-Öberfläche, Wissen-Meinung, Bewusstsein-Ge­gen­stand, Innen-­Außen) beruht, und die ein Instrumentarium zur intellektuellen Legitimation der Herrschaft bereitstellt (»das Sein, das Wahre, das Wirkliche sind ... Arten, das Leben zu verstümmeln, es reaktiv werden zu lassen«).

   die Idee einer Wesenheit [festen Substanz, d.A.], die den Charakter des Seins (mehr oder weniger) bestimmt, und dieses auf (mehr oder weniger) starre, unveränderbare Zustände festlegt, sodass das Entfalten fluktuierender und revolutionärer Theorien als unangemessen und chaotisch diffamiert und bekämpft wird.

   die Idee eines autonomen, rationalen und bewusstseinstragenden Subjekts, die erstens eine Trennung zwischen dem vernünftigen Menschen und der (als etwas Minderwertiges konstruierten) Natur ( ... ) postuliert, und die zweitens eine Individualisierung der (ja jeweils "autonomen") Einzelnen vorantreibt, die mit der Entwicklung des individuell ökonomisierten ("kapitalisierten") und diszipliniert-unterworfenen Bürgertums korreliert .

   die Idee von der Verfügbarkeit der Sprache, die versucht, Sprache als Instrumentarium der Wirklichkeits-Abbildung im Dienste kommunikativer "Interessen" und "Bedürfnisse" der Menschen darzustellen, was zur Unterbindung einer zur Gestaltung lebendigen Daseins notwendigen Ausdrucksvielfalt beiträgt."

    (Gabriel Kuhn:· Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, Eine Einführung in die politische Phi­lo­so­phie des Poststrukturalismus, Münster, 2005, S 22)

 

Ich denke, dass nach den hier vorgestellten Beschreibungen dessen, was die Ansichten oder Einsichten führender Wissenschaften und postmoderner Philosophien aus­macht, die erstaunliche Nähe und Ähnlichkeit zu buddhistischen Sichtweisen – mit deren Infragestellung metaphysischer Kategorien wie: Sein, Substanz, Identität, Subjekt, Objekt, Wirklichkeit, Wahrheit, bei Verkündung der Lehre vom “wechselseitig bedingten Entstehen” und der “Leerheit” aller Phänomene – deutlich geworden ist. Bedeutet das, dass damit die Gesellschaft, Kultur und Denkweise der Postmoderne insgeheim als "buddhistisch" ge­se­hen werden kann, oder der Westen nun "buddhistisch" würde?

 

 

Wird der Westen buddhistisch?

 

Zum einen wird der Westen ganz sicher nicht (als Ganzer oder auch nur mehrheitlich) buddhistisch werden, denn jegliche erneute Festlegung auf eine einzige kulturel­le, philosophische oder religiöse Identität widerspräche unmittelbar der Grund­haltung der Postmoder­ne, die ja die Vielfalt betont, es wäre gleichsam eine Rückkehr in die Ausschließlichkeitshaltung der Moderne. Zum anderen widerspräche es auch der Haltung des Buddhis­mus selber, der sich unter allen Weltreligionen dadurch auszeichnet, dass er bereit ist, sich in seiner Letztgültigkeit, Absolutheit und zeitlichen Dauer selbst zu re­la­tivieren. Religiöser Pluralismus ist für den asiatischen Buddhismus der Normalfall. In keinem Land Asiens (auch in Tibet nicht) war der Bud­dhis­mus die einzige und ausschließliche Religion, immer ließ er (auf der philosophischen Grundlage der “Leerheit” aller Wirklichkeit und Wahrheit) re­ligiöse Vielfalt zu und förderte sie auch auf der eigenen Seite. Daher auch die enorme Pluralität buddhistischer Schulen und Lehren.

 

Auf gleiche Weise stellt auch die sog. Säkularisierung für den Buddhismus keine besondere historische Krisenerscheinung dar, wie dies für das Christentum oder den Islam gilt, geht es hierbei doch vor allem um den Verlust der Alleinherrschaft (der Anerkennung des Absolutheitsanspruchs) jener Religionen und der sie tragenden Institutionen, und des weiteren um jenen existentiellen Grundzustand des Menschen, den der Buddhismus als “normalen” alltäglichen Verblendungszusammenhang, als Gefangensein im Kreis­lauf des Nichtwissens, Begehrens und Leidens (Samsara) sieht. Insofern setzt der Buddhismus als Religion ohne Gott genau da an, wo die monotheistischen Re­ligionen in die Krise ge­raten. Und eben das macht ihn zu einer ernsthaften Antwort für den Westen und die heutige Zeit.

 

Auf Grund dessen, dass wir im Geist der Postmoderne einige Entsprechungen, Parallelen, An­nä­he­run­gen zum buddhistischen Denken finden, kann zudem bei weitem noch nicht gesagt werden, dass da­mit bereits das Wesentliche der Lehre und Praxis des Buddha von uns und in unserer westlichen Welt erkannt, anerkannt oder gar verwirklicht würde. Im Gegenteil, schon der grobe Blick auf unsere gegenwärtigen glo­balen Zustände, wie wir ihn zu Anfang dieses Beitrags kurz gewagt hatten, zeigt, dass wir uns eher weiter weg von dem entfernen, um das es dem Buddha ging, als dass wir uns darauf zu bewe­gen. So hat es den Anschein, dass die Postmoderne bisher lediglich zu einer Flexibilisierung, Entgren­zung und Entfesselung der Moderne, zu einer "zweiten Moderne" (Ulrich Beck) mit einer globalen, vernetzten und virtuellen Metatechnik und einem all­mächtig gewordenen, orkanartig alles umherwirbelnden, neoliberalistischen Turbo-Kapitalismus geführt hat. Das war zwar keineswegs die Absicht dieser Philoso­phie und der Protagonisten der 68er-Revolte aber bislang ihre konkrete Wirkung. Und dabei wäre denn auch der aktuelle Beitrag des westlichen Buddhismus, der zunehmend die Form eines kommerzialisierten, harmlosen, narzisstischen Lifestyle- und Wellness-Buddhismus annimmt, kritisch zu hinterfragen.

 

Darüberhinaus können wir derzeit (zumindest) im deutschsprachigen Raum auch einen gewissen Rückgang oder eine Zurückdrängung des Buddhismus beobachten und eine deutliche und breite Rückwendung zu den gerade vor kur­zem verlassenden Positionen des Fundamentalismus und der allein gültigen Wahrheit. Das hat sicher mit einer gewissen Enttäuschung und Ernüchterung angesichts unrealistischer Glücks- und Heilserwartungen gegenüber dem Buddhismus und der Kultur der Postmoderne zu tun. Zum anderen mit aktiven Widerständen und Verlustängsten traditioneller religiöser und politischer Mächte und Kräfte. Vor allem hat dies der inzwischen alles beherrschende "Krieg gegen den Terrorismus" und die Konfrontation des Westens mit dem isla­mischen Fundamentalismus möglich gemacht. Die neue Begeisterung für einen, vor kurzem noch hef­tig kritisierten, vehement den Absolutheits­anspruch des Katholizismus verkündenden und administrie­renden, deutschen Theologen zum neuen Papst, hat es unübersehbar zum Ausdruck gebracht. Darüber sollte auch der derzeitige, insbesondere von den Buchverlagen und Medien betriebene einseitige Da­lai-Lama-Kult nicht hinwegtäuschen. Im Gegenteil, er bestätigt geradezu den geäußerten Eindruck. Die Orientierung wird wieder weniger in illusionskritischer Selbsterkenntnis und Eigen­verantwortung als in der frommen Bewunderung von Autoritäten gesucht.

 

Dabei erschöpft sich der Buddhismus ja in keiner Weise – wie ihm der neue Papst unter­stellt – in der Re­­lativierung und Auflösung aller Dinge (der von Benedikt XVI. diagnostizierten und beklagten, angeb­lichen "Diktatur des Relativismus" über die Gegenwart). Die oben angedeutete Einsicht in die "Leerheit der Wirklichkeit" ist weder das vielfach behauptete Auf­gehen im reinen Nichts, noch das "non plus ultra", das einzige und letzte Ziel der buddhistischen Geistesentfaltung. Wäre dem so, wäre der Vorwurf des Nihilismus an den Buddhismus vielleicht nicht völlig unberechtigt.

 

Die Lehre und Praxis des Buddha betont seit jeher ihr unverzichtbares ethisches Fundament: die fünf ethischen Grund­sätze - “panca-sila”, das durchgängige Prinzip des Nichtverletzens und der Gewaltlosigkeit - “ahimsa” und die grundlegende Praxis der immerwährenden Achtsamkeit auf uns selbst und den anderen - “satipatthana”. Und darüber hinaus die komplementäre Ergänzung zur Einsicht in die Leerheit aller Phänomene, welche heißt: Metta und Maha-Karuna (oder Brahmavihara), unbeschränkte Liebe und tä­tiges Mitgefühl gegenüber allen empfindenden Wesen. Die in der buddhistischen Meditationspraxis, auf dem Wege der Einsicht in die Leerheit (Offenheit) der Wirklichkeit gewonnene, zentrale Erfahrung und Geistesqualität des Ver­bun­den­seins mit dem Anderen und allen Wesen – dies aktuell und praktisch in den Geist und die Epoche der Moderne oder Postmoderne einzubringen, ist denn auch – neben der notwendigen Dekonstruktion all unserer festen Vorstellungen, Kategorien, Urteile, Dogmen, Fundamentalismen und Ideo­logien mit ihrem Willen zur Macht – der wertvollste Beitrag und die wesentliche Aufgabe, die der Buddhismus erfüllen kann und zu entfalten hat.

 

Es ist dieses Bewusstsein, an dem es uns in der postmodern-modernisierten Moderne am stärksten mangelt: der Geist der Verbundenheit, der Zugewandtheit, der Solidarität, der Verlässlichkeit, des Wissens um das Angewiesensein aufeinander, der persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Für­sorge füreinander und für den Zustand unserer Welt, der "Universellen Verantwortung", wie es der Dalai Lama nennt.

 

Das gilt gerade auch für uns westliche Buddhisten. Trotz allem Bodhisattva-Ideal dominiert bei uns doch sehr die Suche nach dem auf uns selbst begrenzten vollkommenen Glück. Es stimmt einen sehr nach­denklich, wenn man beobachtet, dass es in den letzten Jahren bei uns kaum noch eine buddhistische Neuerscheinung (in einem größeren Verlag) gibt, die nicht das Wort "Glück" im Titel oder Untertitel führt. Angesichts all der inflationären Glücksrezepte gewinnt man aber nicht den Eindruck, dass wir irgendwie glücklicher geworden sind. Wird das Glück wirklich gefunden, indem wir es zu greifen suchen? Und sei es auch “buddhistisch” ergreifen? Vielleicht erleben wir das zwar nicht ganz vollkommene und große Glück, aber ein stilles und zwangloses, wenn wir uns tatsächlich etwas mehr um das Glück der Anderen und unser aller Wohl kümmern? Bei der so not-wen­di­gen und heilenden Öffnung zum Anderen und Gemeinschaftlichen hin kann der Buddhismus dann durchaus auch einiges aus der westlich-christlichen Kul­tur und Vergangenheit lernen und seinerseits Bereicherung erfahren.

 

Ich möchte von daher schließen mit einer Meditationsanweisung, die uns der Buddha selbst einst ge­geben hat und die uns zu einer solchen Geisteshaltung führen möchte, wie sie mir mehr denn je heute als wertvoll, notwendig und heilsam erscheint:

 

“Da strahlt ihr Bhikkhus, ein Mönch in liebevollem Geiste verweilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränkten, von Ärger und Abneigung geklärten Geist.

 

Da strahlt ihr Bhikkhus, ein Mönch in mitfühlendem Geiste verweilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit mitfühlendem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränkten, von Ärger und Abneigung geklärten Geist.

 

Da strahlt ihr Bhikkhus, ein Mönch in mitfreudigem Geiste verweilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit mitfreudigem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränkten, von Ärger und Abneigung geklärten Geist.

 

Da strahlt ihr Bhikkhus, ein Mönch in ausgeglichenem Geiste verweilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wieder erkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit ausgeglichenem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränkten, von Ärger und Abneigung geklärten Geist.”

 

(Digha Nikaya, Sangiti Sutta)




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[Stand: August 2007]