Ein weiches Herz bewahren

Jonathan Porritt


Jonathan Porritt, ein führender englischer Umweltschützer, macht uns mit einigen herausfordernden Gedanken über geistige Werte, Erziehung und Politik bekannt.

Jonathan Porritt war viele Jahre ein führender Sprecher der grünen Bewegung in England. Neun Jahre lang war er Lehrer an einer Londoner Schule, bevor er Mitvorsitzender der Grünen Partei (GP) und Direktor der "Freunde der Erde" in Großbritannien wurde. Er ist Autor mehrerer Umwelt-Bücher, darunter "Save the Earth and Seeing Green". Gegenwärtig setzt er sich aktiv für die Förderung der Umwelt-Erziehung ein.


Ich denke, es ist keine Übertreibung zu behaupten, daß die Zukunft der Menschheit davon abhängt, wie wir heute die jungen Leute erziehen. Meine Generation kommt nur taumelnd, ganz allmählich und schrittweise mit den die Erde zerstörenden Prinzipien und Methoden klar, an die wir uns seit Jahrhunderten gewöhnt haben. Aber im Grunde bleibt es für die Mehrheit der politischen Entscheidungsträger unglaublich schwierig, mit etwas anderem klarzukommen als mit einem kleinen grünen Herumflicken an den Rändern. Und vieles davon geht auf den unablässigen Druck von Umweltschützern zurück, die aus solchen Entscheidungsprozessen herausholen, was sie nur können.

Ein Teil unserer Zukunfts-Hoffnung muß es daher sein, daß die nächste Generation viel intuitiver und natürlicher die Wichtigkeit akzeptiert, unser gesamtes Handeln das ökonomische, kulturelle, soziale, künstlerische, philosophische und religiöse auf einer äußerst vernünftigen und gründlichen Umwelt-Ethik aufzubauen. Und der Schlüssel und Ausgangspunkt dafür muß eine Art von Fähigkeit sein, Umwelt lesen und schreiben zu können. Ich werde hier aber nicht in die Details irgendeines speziellen Umwelt-Plans gehen und dabei den üblichen Katalog der Düsternis beiseite lassen. Stattdessen habe ich vor, die Möglichkeiten zu betrachten, mit denen unser neu erworbenes Wissen über die Umwelt-Belastungen die Systeme zund Methoden zu beeinflussen beginnt, auf die wir mit Rücksicht auf gute Entscheidungen angewiesen sind.

Kürzlich wurde ich durch eine Notiz in einer Zeitung auf eine Initiative von John Gummer, unseren Umwelt-Minister verwiesen, der dem Premierminister offenbar einen Brief geschrieben hatte und darin ausführte, daß jener für die G 7Konferenz im Fernen Osten eine überaus wichtige Botschaft mitnehmen sollte: daß die Welt an der Schwelle von dramatischen NahrungsmittelKürzungen steht, die in den nächsten 10 bis 20 Jahren noch schlimmer werden, und daß wir wenn die jungen IndustrieNationen in SüdostAsien diese Tatsache jetzt nicht berücksichtigen , in relativ kurzer Zeit auf eine sehr dramatische und schmerzhafte Mauer stoßen werden.

Gerade vor wenigen Tagen traf ich zufällig den Mann hinter diesem ziemlich dramatischen Hinweis von John Gummer, nämlich Lester Brown vom Worldwatch Institute in Washington, der ein neues Buch mit dem Titel "Who will feed China" ("Wer wird China ernähren") geschrieben hat. Ich muß sagen, dieses Buch schockiert zutiefst. Selbst diejenigen, welche daran gewöhnt sind, grüne Rhetorik wahrzunehmen, werden darüber außer sich sein, was dieses Buch aufzeigt. Es macht nicht irgendwelche eindeutigen Voraussagen, sondern es zeigt die Konsequenzen dessen auf, was aktuell in China passiert.

Lassen Sie mich einen kleinen Geschmack davon geben: es geht um den Konsum von Eiern. Die Bürger Englands verzehren durchschnittlich 232 Eier in einem Jahr, nicht nur direkt als gekochte Eier, Spiegeleier, Rührei und so weiter, sondern auch indirekt, in Keksen, Kuchen usw. Der Durchschnittskonsum von Eiern in China beträgt 100 pro Jahr. Im Rahmen einer staatlich organisierten, sehr erfolgreichen kapitalistischen Wirtschaft haben die chinesischen Führer geglaubt, daß es für das chinesische Volk irgendwie unpassend ist, nur 100 Eier im Jahr zu essen, während die Menschen in England 232 Eier jährlich verzehren. Also haben sie das Ziel eines Eierkonsums von 200 pro Person und Jahr angepeilt. Wie man sich vorstellen kann, ist die Verdopplung des Eierkonsums einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden eine sehr ernsthafte Verpflichtung, und Lester Brown hat sich die Mühe gemacht auszurechnen, was dieses Vorhaben hinsichtlich der notwendigen zusätzlichen GetreideProduktion bedeutet.

Er hat berechnet, daß, wenn alle Extra-Hühner mit Getreide gefüttert werden, die erforderliche Menge von ExtraFutter im Jahr 2000 dem gesamten jährlichen Getreide-Export von Australien entsprechen würde. Nun steht Australien an fünfter Stelle der Getreide exportierenden Länder der Erde. Bloß um es China zu gestatten, dieses relativ kleine Ernährungsziel zu erreichen und sie haben noch zahlreiche andere Ziele in ihren Zukunftsplänen , würde also bedeuten, das gesamte ExportVolumen von Australien dafür aufzuwenden.

Ich denke, daß Lester Brown uns aufzuwecken versucht. Wir haben die Schreckens-Nachrichten der 60er und 70er Jahre irgendwie verdrängt, wir haben aufgehört, über die endlichen Grenzen für die MaterialErwartungen und Hoffnungen der Menschheit zu sprechen, weil diese Botschaft nichts fruchtete. Im großen und ganzen wollten die Menschen nichts davon wissen, und damals gab es nicht genügend Beweise, um eine Fortführung der auf die Grenzen orientierten Analyse der NichtNachhaltigkeit zu rechtfertigen.

So ließen wir das alles hinter uns, indem wir einfach davon ausgingen, daß das nicht als psychologischer Hebel für die Prozesse des politischen und sozialen Wandels wirken konnte. Ich denke, daß Lester Brown's große Stärke darin besteht, darauf zurückzukommen und zu sagen: "Ihr dachtet, all diese Fragen der Grenzen von Wachstum sind pass‚? Denkt nochmal darüber nach!" Wenn eine Nation mit 1,3 Milliarden Menschen, die jährlich um 14 Millionen Menschen wächst, ihre Wirtschaft schneller ausweitet, als irgendjemand in diesem Land [England, d.Ü.] überhaupt verstehen kann die chinesische Wirtschaft hat sich seit 1979 verfünffacht , dann müssen wir ganz einfach zu dem Gedanken von den Grenzen des Wachstum zurückkehren.

Das ist verteufelt schwierig, und zwar weil wir alle Opfer nicht so sehr der Auswirkungen des Wachstums noch seiner Wohltaten, sondern vielmehr Opfer der Ideologie des Wachstums sind. Es handelt sich um eine Ideologie, die ihre Nützlichkeit ganz deutlich mit dem Argument an den Mann bringt, daß wir nur durch ein exponentielles ökonomisches Wachstum den materiellen Lebensstandard und die Lebensqualität erhalten können. Es handelt sich um eine inzwischen universelle Ideologie. In vieler Hinsicht hat sie die andere˙Universalien aus früherer Zeit ersetzt, darunter auch einige der offenbarten religiösen Wahrheiten. Diese Ideologie ist aktuell nicht als ein Mittel anzusehen, um bestimmte Zwecke in der Gesellschaft zu erreichen; sie ist einzuschätzen als ein Selbstzweck in sich selbst und ist, so meine ich, der Selbstzweck selbst, das Prinzip, welches alle politischen Methoden bestimmt.

Der Grund dafür ist von vielen einflußreichen und klarsichtigen Ökonomen erläutert worden: der Konsum, welcher das Rad der Wirtschaft dreht, ist nicht nur eine wünschenswerte Aktivität, wie man es früher sah; er ist zur Pflicht jedes selbstzufriedenen Bürgers eines jeden Landes geworden. Ich werde regelmäßig zur Weihnachtszeit daran erinnert, wie sehr unsere Pflichten als englische Bürger uns angeboren erscheinen in der endlosen Begeisterung, hinauszugehen und wie verrückt einzukaufen. Wenn wir nicht einkaufen und speziell in dem Auftrieb vor Weihnachten, dann drehen sich die Räder der Wirtschaft nicht schnell genug, und die Dividenden, die wir erhalten Nutzen, Gehälter, Löhne werden nicht ausgezahlt. Wenn wir in einer Zeit, in der wir uns auf die überaus unbeschreiblichen, wunderbarsten Dinge konzentrieren sollten, sogar schauderhaft unpassende Klöppel-Spitzen kaufen würden, so macht das gar nichts; denn wir haben als Verbraucher die Pflicht, da draußen zu sein und unser Geld auszugeben.

Ich denke, daß man dieser Ideologie entgegentreten muß. Ich möchte gern zu klären versuchen, warum wir es bisher nicht geschafft haben, dieser Ideologie angemessen zu begegnen, und zwar mit unseren Erziehungs-Methoden sowie mit den geistigen und religiösen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Ich bin sehr beeindruckt von einer Analogie im Werk von Thomas Berry, der sehr weise und menschlich über die Schwierigkeiten geschrieben hat, denen religiöse und politische Führer heute gegenüberstehen, indem sie sich "zwischen verschiedenen Geschichten" oder Kosmologien wiederfinden. Was er damit meint, bedeutet, daß wir heute eingeklemmt sind zwischen einer alten Geschichte, an der wir immer noch hängen (aus Nostalgie, Treue und Ungewißheit über die Alternativen) sowie einer neuen kosmologischen Geschichte, die sich in unserer Mitte entfaltet, die aber noch recht entmutigend und tatsächlich auch entnervend für diejenigen ist, die sich an dieses Ebene des Denkens noch nicht gewöhnt haben.

Ganz einfach gesagt, beruht die alte Geschichte aus einer westlichen Sicht auf der jüdischchristlichen Tradition, die im Lauf der Jahrhunderte durch die Prinzipien des wissenschaftlichen Materialismus verstärkt wurde. Wesentlich ist der Glaube an einen transzendenten Gott, und wir sollen glauben, nach dessen Bild einzigartig erschaffen worden zu sein. Kein anderes Lebewesen auf der Erde teilt diese Verpflichtung und dieses Privileg, und deshalb steht alles andere auf der Erde unter unserer Herrschaft, damit wir darüber verfügen. So mag es gehen mag bis zum Zeitpunkt der Wiederkunft des Herrn, die alles in durchaus anderer Weise auflösen wird. Die Natur wird seit dem Sündenfall als verdorben angesehen, so wie wir alle selbstverständlich auch, und in der Zwischenzeit müssen wir tun, was wir tun können, um die Erde so gut wie möglich zu verwalten.

Die neue Kosmologie, die zwar aus demselben Glauben, aus demselben Grund erwächst, ist davon sehr unterschieden. Sie läßt sich vielleicht zusammenfassen in dem einzigartigen Spruch von Meister Ekkehart: "Jede Kreatur ist ein Wort Gottes!" Diese Idee sieht uns, die menschliche Gattung, als das letzte Stadium in einem ungebrochenen, 15 Milliarden Jahre andauernden Prozeß einer göttlichen kreativen Zielvorstellung, die das Ganze der Schöpfung als spirituell bedeutsam und Gott als Bestandteil dieser Schöpfung sieht, mit uns Menschen nicht als davon gesonderte Wesen, sondern als bewußter Ausdruck dieser Schöpfung.

Es ist wichtig zu sagen, daß es die alte Geschichte ist, welche diese neue Geschichte gebar, und in vieler Hinsicht ist die neue Geschichte immer in die alte eingebettet gewesen. Es ist sehr wichtig, auf diesen Punkt zu verweisen, speziell für diejenigen, die mit der neuen Weltbetrachtung nicht klarkommen, weil diese sich selbst manchmal als eine neue Religion darstellt. Ich denke, das ist ganz falsch. Daran ist überhaupt nichts neues. In vieler Hinsicht ist es die älteste Religion auf der Erde und in der Welt. Sie ist weit davon entfernt, frisch gemünzt worden zu sein, um den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu begegnen. Eher ist sie eine Neu-Interpretation und ein Wiederfinden von sehr alter Weisheit und alten Wahrheiten. Thomas Berry hat das in dem Gedanken zusammengefaßt, daß das Universum die Hauptoffenbarung des Göttlichen, die Heilige Schrift und der HauptOrt der göttlichmenschlichen Zwiesprache ist.

Interessanterweise befinden wir uns nicht nur zwischen verschiednen kosmologischen, sondern auch zwischen verschiedenen politischen Geschichten. Auf dem Erdgipfel 1992 [in Rio de Janeiro] kamen die führenden Männer und Frauen der Welt zu dem Schluß, daß die Art und Weise, wie wir heute leben, Wohlstand schaffen und verteilen, nicht unbegrenzt in aller Zukunft beibehalten werden kann. Sie sahen ein, daß sie als Weltführer verpflichtet waren, die Auswirkungen dieser Nicht-Nachhaltigkeit (unsustainability) abzuwägen und sie in ein nachhaltiges (sustainable) System umzuwandeln. Dieses Treffen markierte einen überaus wichtigen Meilenstein des menschlichen Abenteuers, der ganz zu unrecht von vielen Umweltschützern als heiße, rhetorische Luft abgetan wurde. Vielmehr war war das eine ernsthafte Inventur über uns als Gattung heute auf diesem Planeten.

Natürlich ist es trotzdem wahr, daß es unendlich viel leichter zu sagen ist, wir leben nicht nachhaltig, als der Politik zu vermitteln, daß sie uns erlaubt, nachhaltig zu leben. Und wahr ist auch, daß, obwohl wir die NichtNachhaltigkeit unserer Systeme durchschauen, wir nicht erkannt haben, daß die Ursache dieser Nicht-Nachhaltigkeit in der˙Ideologie des Wachstums zu finden ist.

Dies bleibt eine Wahrheit außerhalb des existierenden Konsenses über die Nachhaltigkeit (sustainability). Grüne werden darüber sehr aufgeregt; sie verstehen nicht, warum die Politiker diese Wahrheit nicht erkennen das sieht doch ein Blinder und sich dieser Wahrheit nicht annehmen. Die Welt funktioniert doch nicht, nicht einmal unter ihren eigenen Bedingungen des Wachstums. Warum also finden wir keinen anderen Weg, um zu tun, was wir tun müssen?

Wir unterschätzen ständig, in welchem Ausmaß die WachstumsIdeologie in unserer Kultur gegenwärtig verankert ist, in der individuellen Psyche, in unseren Institutionen, in unseren politischen Parteien und, wenn ich so sagen darf, verankert in unseren Religionen. Die bloße Macht des Konsumdenkens wird von den Grünen und auch von den Weltreligionen ständig unterschätzt. Wann hört man tatsächlich die religiösen Weltführer bekräftigen, was als erstes bekräftigt werden müßte: daß wir uns fest im Griff eines kollektiven Wahns befinden, innnerhalb dessen unser ÜberlebensInstinkt systematisch von der Wirklichkeit abgeschirmt wird. Ted Roszak beschreibt diese Geisteskrankheit, indem er fragte, was wir von einem Menschen sagen würden, der sich nicht entschließen konnte, aus einem brennendes Gebäude zu fliehen, weil er es ganz einfach nicht geschafft hat, seine Kreditkarte rechtzeitig zu finden.

Eine Kultur, die ihre zukünftige Wirklichkeit ignorieren kann, die so viel tun kann, um die planetarische Struktur zu zerstören, welche uns erhält, und mehr oder weniger unbehindert doch immer weiter ihren Kurs verfolgt, ist wahnsinnig aufgrund einer tödlichen Zwangsvorstellung. Nach meiner Kenntnis ist es wirklich nur Al Gore, der amerikanische VizePräsident, der in seinem Buch "Earth in the Balance" ("Erde in der Balance") versucht, mit dem Zwangscharakter des modernen Konsumdenkens und Verhaltens klarzukommen. Die meisten Politiker schrecken davor wie vor einer TabuZone zurück; tabu, weil es um den Kern unserer wirtschaftlichen, Wohlstand schaffenden Prozesse geht. Politiker sehen bis jetzt keine Möglichkeit, ihre Machtbasis zu stärken oder ihre politischen Aussichten sicherzustellen, wenn sie gleichzeitig beginnen, die Wahrheit über die Herrschaft der WachstumsIdeologie zu sagen.

Ich möchte darüber nicht zu sehr niedergeschlagen erscheinen. Denn es gibt eine Änderung, ein wachsendes Bewußtsein. Die Menschen knabbern an der Vorstellung herum, was Nachhaltigkeit denn nun wirklich bedeutet. Sie beginnen zu verstehen, daß der Bereich der Nachhaltigkeit einen völlig anderen Entscheidungsprozeß auf höchster Ebene erfordern wird. Und sie fangen auch an zu erkennen: wenn Nachhaltigkeit das bedeutet, was es aussagt, nämlich die Fähigkeit zur Dauer, und wenn wir den Menschen eine höhere Lebensqualität auf einem absterbenden planetarischen System verschaffen wollen und das ist es, wovon wir ausgehen , dann müssen wir die Realität anerkennen und " weniger konsumieren. Das ist das TabuWort. Anders konsumieren, konsumieren auf grüneren Wegen, konsumieren in wirksamerer, ökologisch sensiblerer Weise alles das ist fein. Man wird es in den Verlautbarungen jeder politischen Partei finden. Aber "weniger konsumieren"? Vergiß es!

Was müssen wir daraus folgern? Ist es nicht politisch machbar, den Übergang zu einer echten Nachhaltigkeit zu finden? Um den Bereich des Geistes und der Religion für einen Augenblick beiseite zu lassen: ist es möglich, das ausschließlich mit unseren politischen Mitteln zu machen? Das ist die Frage, mit der ich im Augenblick ringe. Ich behaupte, daß Politiker, die nur in politischen Zusammenhängen und Institutionen handeln, Nachhaltigkeit nicht voranbringen können. Warum nicht?

Erstens, weil unsere politischen Systeme gegenwärtig so verkümmert sind, daß sie praktisch unfähig sind, irgendwelche neuen Ideen und neues Leben aufzunehmen. Zweitens müssen Politiker einen derart hohen Preis dafür zahlen, in einflußreiche Positionen zu kommen, daß sie zu der Zeit, wenn sie dorthin gelangen, zu einer Führerschaft als Ideengeber praktisch unfähig sind. Drittens hat all das zu einem dauerhaft verkümmerten Niveau der Entfremdung in unserer Gesellschaft geführt. Die Politik ist aus der Sicht der meisten Menschen heute fast vollständig dysfunktional. Weit davon entfernt, Probleme zu lindern, den Menschen beizustehen, Prozesse zu erleichtern, scheint die Politik das genaue Gegenteil davon zu machen. Und viertens, schauen Sie auf das, was die beiden großen Makro-Systeme, Kapitalismus und Kommunismus, in der relativ kurzen Periode der menschlichen Geschichte seit der industriellen Revolution angerichtet haben. Zu welch anderem Schluß kann man kommen, als daß beide Systeme die Armen im Stich gelassen, die Erde im Stich gelassen und den menschlichen Geist im Stich gelassen haben. Ich denke nicht, daß wir uns in anbetracht der Tragweite einer solchen Analyse davonstehlen können.

Interessanterweise sind Politiker sehr flexibel, und sie finden neue Wege, um etwas zu tun. Was z.B. aktuell in England auf lokaler Ebene passiert, ist ungeheuer aufregend. Der Agenda21-Prozeß der Grünen Partei bewirkt nicht nur einen Umwelt-Nutzen für die Menschen auf lokaler Ebene, sondern erstrebt eine Neu-Legitimierung des Regierens überhaupt. Sie haben verstanden, daß man mit den Menschen in der Gemeinschaft zusammenarbeiten muß, wenn man ihnen dort Umwelt-Vorteile verschaffen will.

Die unmittelbare Folge davon, gewählt zu werden, ist ganz allgemein, daß man repräsentiert, aber man beteiligt sich nicht. Aber die Agenda 21 gestattet solche Unnahbarkeit und solchen Abstand von den Menschen nicht, die von Delegierten nur repräsentiert werden sollen. Im Ergebnis sehen wir eine Wiedergeburt von Prinzipien des guten, auf einer Gemeinschaft gegründeten lokalen Regierens auf der Grundlage eines umweltorientierten Prozesses. Das ist nicht leicht, da geschehen keine Wunder, aber ich bin beeindruckt von der Zahl von kommunalen Politikern, die mit der Erkenntnis ringen, daß Nachhaltigkeit nur geschaffen werden kann, wenn gleichzeitig eine Umwandlung menschlicher Werte in Gang kommt.

Um noch weiter politisch zu sprechen: welche Art von Wertewandel würden wir in der Gesellschaft brauchen, damit wir so leben können, daß wir unsere Lebensqualität verbessern, ohne die Lebenserhaltungssysteme zu zerstören, von denen wir abhängen?

Wenn wir jetzt absolut fair sind, müßten wir sagen, daß alle diese Werte aus einer rein humanistischen oder weltlichen Weltanschauung abgeleitet werden könnten. Möglicherweise ist der Gebrauch des Wortes 'Ehrfurcht' für Humanisten schwierig, aber wenn wir 'Respekt' vor der erschaffenen Welt dafür setzen würden, wären sie wohl glücklich. Dennoch behaupte ich, daß solche Werte unendlich viel eher von einer religiösen als von einer weltlichen oder humanistischen Weltsicht her entwickelt werden können, und darum rückt an dieser Stelle die Bedeutung einer religiösen Erziehung in den Vordergrund des Bildes.

Ich bin mir durchaus des Beitrags bewußt, der von vielen Einzelpersonen aus den großen Glaubens-Richtungen der Welt und in der Tat auch von einigen dieser Religionen selbst für die Naturschutz-Dynamik geleistet worden ist. Speziell die Christlich-orthodoxe Kirche, die Bahai's und die Jains haben uns eine Führerschaft in diesem Bereich gelehrt, die andere Religionen zu Kenntnis nehmen müssen. Aber im wesentlichen, so behaupte ich, sind die großen Weltreligionen unglaublich langsam gewesen, das anzuerkennen, was heute mit der Erde geschieht. Und sie haben darauf reagiert mit etwas, das man nur beschreiben kann als totales Flickwerk, als ad hocReaktion, als reaktionäre, schlecht ausgedachte und theologisch schlecht begründete Antwort auf die genannten Probleme.

Das klingt hart, ich gebe es zu, aber ich sehe es so. Und ich sehe das auch noch so, wenn ich die gewaltigen Initiativen betrachte, die gegenwärtig laufen, vor allem glaubensübergreifende Initiativen, ausgehend von Assisi, wo die Weltreligionen 1986 zusammenkamen, um auf einige der Probleme zu antworten. Ich sehe die Stärke dieser Initiativen, aber ich sehe auch ihre Zerbrechlichkeit. Das erinnert mich an die frühen 70er, als das, was wir Umweltschützer taten, nur als ein Anhängsel der gesellschaftlichen Hauptrichtung angesehen wurde. Ich meine, daß diese glaubensübergreifenden Initiativen von den Führern der Religionen heute ähnlich behandelt werden, nämlich als unwesentliche Anhängsel.

Was das Christentum betrifft, so glaube ich, daß es Mittäter gewesen ist bei der hegemonialen Durchsetzung von ökonomischen und KonsumWerten, die uns jetzt zu verschlingen drohen. Ich glaube, daß die Kritik der Kirche an der heimtückischen Suchtgefahr des Konsumverhaltens jämmerlich gewesen ist. Ich kann nur feststellen, daß sich diese Kritik sich in vieler Hinsicht auf dieselbe Art von psychologischem Zeigefinger verläßt wie das, was ich als vorsintflutliche Umwelt-Kritik bezeichne, nämlich die gute altmodische Schuldzuweisung.

Viele von uns haben in diesen Tagen viel mit Schuldzuweisungen zu tun, sei es nun in religiöser oder grüner Ausprägung, und ich denke, daß es an der Zeit für ein umfassendes psychologisches Selbstbekenntnis darüber ist, was wir den Menschen dadurch angetan haben, daß wir sie so lange mit Schuld-Gefühlen behängt haben. Sucht muß bekämpft werden, gewiß, aber weder Angst noch Schuld, noch puritanische Selbstanklage werden das Kunststück vollbringen, eine echte Motivation für die notwendige Veränderung zu erzeugen.

Deshalb bin ich von der "Schöpfungs-Geist-Bewegung" (Creation Spirituality movement) so begeistert und von der Art, wie sie zu dem Kern des Versuchs vordingt,, die Menschen davon zu überzeugen, sich selbst zu verändern, indem sich sich als fester Bestandteil dieser Welt verändern.

Die Herausforderung von "Schöpfungs-Geist" ist einfach:

Die Stärke von "Schöpfungs-Geist" liegt in der Art und Weise, wie diese Bewegung mit einem Versammlungs-Prinzip arbeitet, das Menschen von allen und keiner Glaubensrichtung erlaubt zusammenzukommen, um auf die Zerstörungen des Wachstums an der menschlichen Seele sowie auf den Planeten Erde zu antworten. Das ist umfassend und prophetisch. Es berücksichtigt eine unterschiedliche Beurteilung seitens unterschiedlicher Glaubensrichtungen, aber es bewirkt in meinen Augen eine bei weitem lebendigere Ökumene-Bewegung als alles, was sich heute ökumenisch nennt. Es ist eher eine Ökumene-Bewegung der Praxis als eine der Theorie: anstatt über abgelegene Punkte von Schrift-Autoritäten zu feilschen oder wieviele Engel auf einer Nadelspitze zu finden sind, gehen sie mit einer glaubensübergreifenden Perspektive voran in dem Bemühen, die Wunden zu heilen, die wir der Erde und der menschlichen Psyche zugefügt haben.

Ich denke, daß "Schöpfungs-Geist" heute ein erstaunliches Potential in der Welt bildet. Aber ich bin doch sehr von der Tatsache betroffen, daß so viele Menschen, besonders derart viele Christen, davon wirklich verängstigt sind. "Ist das Heidentum?" Es gibt viele Christen, die echt nervös und deshalb oft feindlich gegenüber "Schöpfungs-Geist" eingestellt sind, und zwar mit der Begründung, daß es sich um eine umstürzlerische, zerstörerische Infiltration von New AgeVerrücktheiten in den Hauptstrom ihres Glaubens handle. Ich deute das als ein Zeichen ihrer Unsicherheit bei gleichzeitiger Unfähigkeit, ihre Theologie auf irgendeinen schöpfungszentrierten Prozeß zu gründen. An dieser Stelle erinnere ich mich an ein Gedicht von Walt Whitman, und ich frage mich, ob Sie, wenn Sie die Ideen in dieser Strophe billigen, ein Heide wären:

"Ich schwöre, es gibt keine Größe noch Kraft, es sei denn, sie wetteifert mit der Erde, Es kann keine Lehre geben, die etwas taugt, es sei denn sie bekräftigt die Lehre der Erde,

Nicht Politik, nicht Dichtung, Religion noch Sitte oder was sonst, hat Bedeutung, es sei denn, es kann sich messen mit der Weite der Erde,

Es sei denn, es kann sich vergleichen mit der Genauigkeit, Lebenskraft, Unparteilichkeit, Redlichkeit der Erde.

Alles drängt zur Offenbarung des unausgesprochenen Sinnes der Erde,

Zu ihm, der die Lieder singt von dem Leib und den Wahrheiten der Erde, ..."*

Die Nervosität, die wir bei den großen Religionen beobachten, beruht sicher auf einem Mangel an Verständnis für das Wesen der Herausforderung, die uns alle betrifft, welchen Glaubens wir auch sein mögen. Es ist kein Heidentum, wenn jemand Gott in allem, aber nicht die Natur als ein Gott sieht. Wenn Gott Leben ist, dann hat jedes Lebewesen Gott in sich, und jede Zelle hat einen winzigen Anteil am göttlichen Feuer.

Viele Menschen kommen langsam zu dem Ergebnis, daß wir Nachhaltigkeit nur dann schaffen können, wir wir über die Grenzen unserer politischen Prozesse hinausgreifen. Wie es ein amerikanischer GemeinschaftsAktivist kürzlich sagte, können wir nur dann eine gemeinsame Grundlage finden, wenn, wenn wir uns auf eine höhere Grundlage hinbewegen. Das hat mich richtig getroffen. Der größte Teil meiner Arbeit als ein Aktivist betrifft heute präzise das Finden und Bestimmen einer gemeinsamen Grundlage sowie die Versuche, Menschen zu überzeugen, daß sie sich dorthin bewegen und diese Grundlage erweitern. Außerdem habe ich mir diese Grundlage oft als ein Fleckchen Erde irgendwo vorgestellt, wohin Menschen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven kommen und dorthin wandern könnten. Ich sah das niemals in irgendeiner Weise erhöht gegenüber dem, was wir zu tun versuchen.

Außerdem müssen wir aufgrund der Verkümmerung unserer politischen Prozesse die Menschen einladen, sich uns auf einer höheren Grundlage anzuschließen. Wenn die Politik auf einen äußerst selbstsüchtigen Kampf um die Macht zwischen angemaßten Einzelinteressen verkürzt worden ist, wenn die Politik alles andere als wertfrei geworden ist in der Art und Weise, das Schicksal der Menschen auf dieser Erde zu "verbessern", dann müssen wir einen anderen Weg finden. Ich meine nicht, daß wir die Politik ersetzen müssen, sondern wir müssen das Wesen unseres politischen Engagements ändern. Ich denke, es ist völlig unhaltbar anzunehmen, daß eine nachhaltige Zukunft für die gesamte Menschheit, einschließlich der 1,3 Milliarden (1.300.000.000!) Menschen in China, die 200 Eier im Jahr verzehren, ohne eine vorherige und verbindliche Bestimmung von moralischen und spirituellen Werten erreicht werden kann, wie ich sie umrissen habe. Nur eine solche prophetische politische Ethik ist in der Lage, die heutigen abgedroschenen politischen WachstumsIdeologien zu überwinden, neue Gemeinschaften zu schmieden die auf ein gemeinsames Interesse gegründet sind, das zu schaffen, was getan werden muß und die Individuen zu befähigen, ihr Potential zu entfalten.

Ich bin mir bewußt, daß dies ein gefährliches Gebiet ist, aber es scheint mir, daß jede Vision einer politischen Transformation geistig fundiert sein und zugleich eine moralische Sensibilität mobilisieren muß, die sich weigert, unsere politischen Vorstellungen auseinanderzuhalten von den Konsequenzen für uns und die Schöpfung. Ich denke, wir brauchen wieder eine echte prophetische Vision in unserer Politik. Wo sonst sollten wir beginnen als bei unseren Kindern, wo sonst die Menschen ermutigen, ein "weiches Herz zu bewahren" ("to keep a moist heart"), in den Worten des Dichters Richard Myers. Wenn das Zusammenfinden von Politik und Spiritualität eine Vorbedingung für Nachhaltigkeit ist, dann sind die Folgerungen daraus für Pädagogen enorm. Die Rolle religiöser Erziehung kennt buchstäblich keine Grenzen.

Vortrag, gehalten von Jonathan Porritt im Rahmen der 5. Allison-Barnard-Gedächtnis-Vorlesung am Königlichen Institut, London, im März 1996. Die Vorlesung wurde vom Religiösen Erziehungs- und Umwelt-Programm (REEP) organisiert, 8th Floor Rodwell House, Middlesex Street, London E1 7HJ.

Erschienen in der Zeitschrift "View" der tibetisch-buddhistischen Gemeinschaft RIGPA, Nr 6/1996, S. 4-11. - Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Kaczerowsky. Unveröffentlichtes Manuskript, März 1997.


Creation Spirituality. Wisdom for an Evolving Planet. Informationen von: The Centre for Creation Spirituality, St James' Church, 197 Piccadilly, London W1V 0LL. - Tel.: 0171 287 2741.

* Deutscher Text aus: Walt Whitmans Werk. Übersetzt von Hans Reisinger. München, Droemer, 1960, S. 271. - Grashalme, Ein Gesang von der rollenden Erde, Kapitel 3.



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