Behutsamer Umgang mit dem Leben
wann beginnt, wann endet es?

Überlegungen aus buddhistischer Perspektive

Renate Noack


1. Die Expansion der biologischen Forschung

Die Grundsatz-Debatte um den Wert menschlichen Lebens ist aufgrund der letzten Forschungsergebnisse um das Klonen von Menschen und die Verwertung menschlicher embryonaler Stammzellen neu entbrannt. Dabei hat es den Anschein, als ob nicht nur die Ablehnung religiöser Orientierung, sondern gerade das Übertreten von Tabus für manchen Forscher einen besonderen Anreiz darstellt ("Nicht alles Leben ist heilig", in: Spiegel, 25.11.01, Interview mit Peter Singer, dem "kaltherzigen Vordenker"). Diese Tendenz, Grundwerte wie das auf Leben in Frage zu stellen, zeigte sich ja schon in der Diskussion um die Sterbehilfe, die Themen wie Euthanasie wieder gesellschaftsfähig machte.

Interessant ist, dass die öffentliche Debatte um Anfang und Ende des Lebens vorwiegend von Menschen geführt wird, die der abendländisch westlichen Tradition verpflichtet sind – einer Tradition, die sich im Laufe ihrer Geschichte mehr und mehr von allen theologischen Dogmen lossagte, da diese ja schon öfter den Fortschritt der Wissenschaften hemmten und von den Tatsachen korrigiert wurden (vgl. Galileo Galilei oder die Diskussion um die Pille als Verhütungsmittel). Insofern haben es gerade Religionsvertreter schwer, den modernen Forschern etwas entgegenzusetzen, um nicht wieder in den Ruf der Rückschrittlichkeit zu kommen, zumal die Ergebnisse der Biotechnologie der Menschheit medizinisch zugute kommen sollen.

Die Debatte um die Embryonen-Forschung kreist hauptsächlich um zwei Punkte: Entweder wird das Leben als heilig, als gottgewollte Schöpfung angesehen, in das der Mensch nicht eingreifen darf, oder es wird als automatisch ablaufender Prozess von Naturkräften beschrieben, die zu manipulieren der intelligente Mensch die Freiheit und das Recht hat, um sich über die Natur zu erheben. Das Klonen von Menschen wäre dann der sichtbarste Ausdruck dieser Überlegenheit. Tatsache ist jedoch, dass niemand weiß, was in einem Embryo vor sich geht, sei er nun künstlich oder natürlich erzeugt, ob er eine Art von geistiger Qualität hat, die auch Empfindungen mit einschließt. Niemand kann dessen inneren Zustand nachvollziehen.

Der Laie fragt sich, aufgrund welcher ethischen Maßstäbe entschieden wird, ob Embryonen als schützenswerte Lebewesen oder als materielle undefinierbare Zellklumpen gesehen werden, an denen man herumexperimentieren kann, um sie im besten Fall sinnvoller Nutzung, nämlich der Heilung von schweren Krankheiten, verfügbar zu machen – auch wenn man nicht weiß, welche langfristigen Auswirkungen diese therapeutischen Maßnahmen haben werden. Die expansive Dynamik der biologischen Forschung droht traditionelle abendländische Werte wie Freiheit, Autonomie, Humanität, Gleichheit, Gerechtigkeit und das Recht auf Leben zu erschüttern.


2. Karma als Schöpfer von günstigen und ungünstigen Welten

Steht der Wert des Leben selbst zur Verhandlung, so eröffnet sich nach buddhistischer Auffassung eine hochbrisante ethisch-moralische Dimension, die, weil die Debatte weltweite Ausmaße angenommen hat, das "Schicksal" der Menschen insgesamt betrifft. Schicksal wäre im buddhistischen Verständnis gleichzusetzen mit Karma und dies heißt Handeln. Die Menschen handeln nach buddhistischer Auffassung mit Hilfe ihres Körpers, ihrer Sprache und ihres Geistes und setzen somit einzeln oder in Gruppen Ursachen, die je nach Qualität der Handlung entsprechende Wirkungen hervorrufen werden.

Die aus Indien stammende Lehre vom Karma als "Schöpfer" der Welten und die damit verbundene Wiedergeburtslehre ruft zwar in der westlichen Intelligenz Interesse hervor, aber man tut dies doch eher als Aberglauben ab oder bewertet es als pädagogisches Mittel, mit dessen Hilfe eine bestimmte moralische Ordnung etabliert werden sollte. Nach buddhistischer Auffassung gilt jedoch die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung im geistigen Bereich genauso wie im physikalischen und somit wäre die Wiedergeburt als Mensch kein Zufall, sondern hätte eine moralische Biografie, die über dieses Leben hinausweist. Der Beginn und das Ende des menschlichen Lebens wären demnach äußerst wichtige Übergänge.

Der Buddha beschrieb sechs Daseinsbereiche, in denen fühlende Wesen existieren. Neben dem menschlichen Bereich gibt es die günstigen Bereiche der Götter und Halbgötter und die weniger günstigen Bereiche der Tiere, der Hungergeister und der Höllenwesen. Nach der Lehre des Buddha sind diese Bereiche nicht durch einen Schöpfergott hervorgebracht worden, der uns nach einmaliger Existenz erretten oder verdammen wird, sondern wie gesagt durch die Handlungen der einzelnen Wesen selbst, die, durch den Daseinsdurst angetrieben, immer wieder in eine neue Existenz drängen (siehe: S. H. der Dalai Lama, in: Sogyal Rinpoche, Das tibetische Buch vom Leben und Sterben, Bern 1993, S.116).

Die Menschen gehören genauso wie die Tiere, Hungergeister, Höllenwesen, Halbgötter und ein Teil der Götter zum Begierdebereich (kamadhatu). Der größte Teil der Götter hält sich in den Form- (rupa-) und formlosen Bereichen (arupadhatu) auf, die feinere Ebenen der Existenz darstellen. Auch wenn es in den höheren Götterbereichen außerordentliche Annehmlichkeiten geben soll, sind diese für einen Buddhisten nicht erstrebenswert, weil auch diese Bereiche keine Befreiung aus dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten darstellen. Das Wandern in den verschiedenen Daseinsbereichen (samsara) wird illusionslos als Leiden (dukkha) angesehen, aus dem man irgendwann beginnt – z. B. wenn man die zugrunde liegende Zwanghaftigkeit erkannt hat –, sich befreien zu wollen. (Siehe: L. S. Dagyab Rinpoche, Buddhistische Glückssymbole, München 1992, 134f.)


3. "Person" und "Individuum" aus buddhistischer Sicht

Jedes Lebewesen hat, wenn es in Erscheinung tritt, erst einmal die ihm karmisch entsprechende Umgebung, und so könnte man die Welt, in der wir leben, als unser Gefäß betrachten. Da der Begierdebereich eine materielle Welt darstellt, "in der das Bewußtsein hauptsächlich äußeren Reizen ausgesetzt ist" (a.a.O., S.135), versuchen die Lebewesen dort ständig nach Dingen und Erfahrungen zu greifen und sie als "Ich" und "mein" festzuhalten.

In der Lehre vom abhängigen Entstehen hat der Buddha gezeigt, wie alles karmische Leben aufgrund dieses Greifens zwangsläufig mit Leiden gekoppelt ist; er hat aber auch gezeigt, wie diese Leidenskette aufgehoben werden kann. Das entscheidende Glied der Kette ist die Unwissenheit über unsere Existenz. So wird vor allem der Persönlichkeitsglaube als eine der verkehrten Ansichten angesehen. Er geht davon aus, dass entweder Körper und Geist identisch sind und mit dem Aufhören des einen Teils auch der andere endgültig verschwindet (Vernichtungsglaube) oder aber, dass Körper und Geist zweierlei sind und ein aus sich selbst heraus bestehender geistiger Teil ewig leben wird (Ewigkeitsglauben).

Beide extremen Ansichten verwirft der Buddha und nennt fünf Daseinsgruppen (=Skandhas), die, als wechselseitig bedingt entstanden, die "Person" oder das "Individuum" ausmachen: 1. der Körper, 2. die Empfindung (angenehm, unangenehm und neutral), 3. die unterscheidende Wahrnehmung, 4. die karmischen Bildekräfte oder Tendenzen und 5. das Bewusstsein (aufgrund der Sinne). Das Zusammenspiel dieser fünf Faktoren wird vom einzelnen als "Ich" erlebt, das die meisten Glaubensrichtungen als "Seele" oder "festen Wesenskern" betrachten. Der Buddha erklärte jedoch, dass die fünf Skandhas im Tod auseinander fallen und die karmisch angesammelten subtilen Energien nach einer neuen Existenz streben. Befreiung ist dann erlangt, wenn die fünf Skandhas in die fünf Weisheiten eines Buddha umgewandelt worden sind.

Nach den Lehren des Buddha ist also nicht nur eine bestimmte Funktion des Lebens, nicht nur ein bestimmtes Skandhs wie das Körperliche oder das Bewusstsein wertzuschätzen und als "Person" zu achten, sondern Leben an und für sich ist als Wert zu respektieren und zu fördern. Dabei unterscheidet man in der buddhistischen Logik zwischen rein biologischen Lebewesen wie den Pflanzen und fühlenden Lebewesen, die den Keim der Erleuchtung in sich tragen und die Voraussetzung dafür mitbringen, weitere Qualitäten entwickeln zu können wie Weisheit, Mitgefühl und eine alle Wesen einschließende Liebe und Freundschaft. Als Menschen leben wir zwar im Begierdebereich, der uns in leidvolle Erlebnisse verstrickt, aber weil wir zwischen heilsamen und unheilsamen Handlungen unterscheiden können, bietet dieser Bereich die beste Chance, günstige Umstände für ein glückliches Leben zu schaffen und letztlich den Körper und den Geist eines Buddha zu erlangen.


4. Nicht-Verletzen als höchstes Gut

Die buddhistische Sichtweise orientiert sich am Gebot des Nicht-Verletzens bzw. des Nicht-Schädigens. Die Heilung von Krankheiten kann demnach nicht durch das "Opfer" von gerade verfügbarem menschlichem (wie auch tierischem) Leben geschehen, nur weil es als solches nicht wertgeschätzt, akzeptiert bzw. definiert ist. Die Isolierung der Keimzellen aus dem menschlichen Zusammenhang stellt eine große Versuchung dar, sie anonym als Sache zu behandeln. In einer Stellungnahme der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) vom April d. J. (siehe in: Tibet und Buddhismus, Nr.58, S.28/29) wird jegliche Forschung an Embryonen, auch zu therapeutischen Zwecken, abgelehnt, weil dadurch Bestrebungen in Gang gesetzt werden, den Menschen selbst "zum Industrieprodukt und Konsumangebot" (a.a.O., S.28) zu machen.

Die grundsätzliche Orientierung, mit Hilfe von Technik und Forschung den Menschen von allen Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten zu befreien, ist nach buddhistischer Auffassung eine "Sackgasse verhängnisvoller Selbsttäuschung" (a.a.O., S.28) und führt nur wieder zu neuem Leiden. "Der Weg des herstellbaren und einklagbaren Glücks" (a.a.O., S.29) wird hier auf die biologische Ebene reduziert und hat jüngst schon zu so absurden juristischen Prozessen geführt, dass Eltern Schadensersatz forderten, weil einer ihrer Zwillinge, der behindert war, nicht abgetrieben wurde.

Das menschliche Leben wird in den buddhistischen Kulturen in all seinen Phasen als schützenswert angesehen. Jedes Lebewesen, mit dem man in Beziehung tritt, wird möglichst behutsam behandelt, denn es könnten sich aus einer problematischen Beziehung negative Folgen bis in spätere Leben hinein fortsetzen. Das Töten bzw. das Beenden der Lebenskraft eines anderen Wesens wird als unheilsam betrachtet, d. h. in Bezug auf werdendes Leben, dass Abtreibung negativ gesehen, Verhütung aber akzeptiert wird, und in Bezug auf das Ende des Lebens bedeutet es, dass aktive wie passive Sterbehilfe abzulehnen ist. Das menschliche Leben ist, so der Buddha, schwer zu erlangen. Sehr viel wahrscheinlicher wird die Wiedergeburt in den niederen Bereichen wie denen der Tiere, Geister und Dämonen sein, weil die Wesen aus Gewohnheit dazu tendieren, eher negative schädigende Handlungen zu begehen, weil sie sich über deren Folgen nicht bewusst sind.


5. Streben nach Glück

Obwohl mit dem Aufkommen neuer Technologien immer wieder eine Verbesserung unseres gesamten Lebens versprochen wird, stellt sich die Frage, ob die Probleme auf der Welt im Laufe der Geschichte tatsächlich geringer geworden sind. Shakyamuni Buddha hat vor mehr als 2 500 Jahren diese grundsätzlichen Leiden genannt, denen der Mensch wohl auch heute noch unterworfen ist: "Geburt ist leidvoll, Alter ist leidvoll, Krankheit ist leidvoll, der Tod ist leidvoll, mit Unlieben vereint, von Lieben getrennt sein ist leidvoll, nicht erlangen, was man begehrt, ist leidvoll, kurz die fünf Gruppen von Daseinsfaktoren, die das Hängen an der Welt verursachen, sind leidvoll." (Die Rede im Tierpark von Benares von den vier edlen Wahrheiten. In: Reden des Buddha, Reclam, S.32/33)

Der Buddha erkannte, dass jedes Lebewesen im Universum, obwohl es nach Glück strebt und Leiden vermeiden möchte, aus Unwissenheit heraus ständig ungeeignete Mittel einsetzt, um sein Ziel zu erreichen; auf der Suche nach Glück kann er sogar das Leiden noch verstärken. "Zwei Arten, ihr Mönche, gibt es des Suchens, das wahre Forschen und das falsche. Was ist nun, ihr Mönche, das unrechte Forschen? Da untersucht ein Mensch, der selbst dem Gesetz der Geburt unterworfen, allein nur das, was dem Gesetz der Geburt unterworfen ist. (...) Und was ist das wahre Forschen? Da untersucht ein Mensch, der selbst der Geburt unterworfen ist und das Elend in dem Geborenwerden erkannt hat, das Ungeborene, Unvergleichliche, das Zurruhekommen des Werkes, das Nibbana." ("Die Rede vom rechten Forschen." In: Reden des Buddha, Reclam, S.15f.; Pali: nibbana bedeutet die Aufhebung des Leidens, das Verlöschen von Gier, Hass und Unwissenheit.)

Die Zielrichtung des Strebens und Forschens ist also, wenn man den Lehren des Buddha folgt, sehr wichtig, um sich nicht in weitere Leiden zu verstricken. Der Eingriff in das Leben anderer hilfloser Wesen, seien sie nun winzig klein oder fast schon tot, setzt ein hohes moralisch-ethisches Verständnis voraus. Selbst ein In-Kauf-Nehmen negativer Wirkungen in der Zukunft, aber dafür die Schaffung einer momentanen Entlastung leidhafter Daseinszustände – vielleicht aus einem Motiv des Mitgefühls heraus, wie z. B. beim Abtreiben eines unerwünschten Kindes oder bei der Sterbehilfe – wäre nach buddhistischer Auffassung ein kurzsichtiges Handeln, weil die Leidenskette nicht so einfach abzubrechen ist, wenn man lediglich die körperliche Seite manipuliert. Das Leiden kann sich sogar in einem anderen Bereich verstärkt fortsetzen, was man heute jedoch noch nicht zu überblicken vermag. In Härtefällen mag zwar für den einzelnen das Gesetz vom geringeren Übel gelten, aber dies kann auch nicht die karmische Verstrickung, die man erlebt hat, auflösen.


6. Buddhisten und werdendes Leben

In der tibetischen Kultur wird die Zeugung neuen Lebens nicht als isoliertes Ereignis angesehen, sondern als eine "Manifestation einer ununterbrochenen Reihe zusammenhängender Leben und Wesen" (Willkommen in dieser Welt, München 1999, S. 37). Das Haupgewicht liegt nicht nur bei der Geburt, sondern schon die Zeit vor der Empfängnis bis hin zur frühen Kindheit sind wichtige Abschnitte, um ein Lebewesen behutsam ins neue Dasein zu begleiten. Es fällt auf, dass in den genannten 7 Stadien, die für das menschliche Lebewesen von besonderer Bedeutung sind, nicht nur auf die körperliche Entwicklung, sondern immer auch auf die geistig-psychische Atmosphäre geachtet wird:

1. Die Zeit vor der Empfängnis, in der sich das Paar und die Familie körperlich, emotional und geistig auf die Empfängnis eines neuen Wesens einstimmt, denn die "Lebensausrichtung der Eltern vor der Empfängnis zieht das Kind an, das sich inkarnieren wird, und beeinflußt somit das Wesen und die Eigenschaften des Kindes, das in eine Familie eintritt." (a.a.O., S.40);

2. Die eigentliche Empfängnis, die sowohl als ein körperlich-sinnliches als auch als ein tief spirituelles Ereignis angesehen wird: zunächst können Träume auf das Ereignis hinweisen, die Eltern empfinden tiefe Freude, im Paar selbst werden zur Zeit der Empfängnis "72 000 energetische Kanäle" geöffnet.

3. Die Schwangerschaft, in der Ernährung und die spirituelle Praxis wichtig genommen werden, um die Entwicklung zu fördern. Falls Komplikationen eintreten, werden Rituale und Zeremonien durchgeführt bzw. besondere Pillen verabreicht, um die Gefahr abzuwenden.

4. Die Geburt, bei der die gesamte Familie beteiligt ist. "Als menschliches Wesen geboren zu werden ist ein kostbares Privileg, (...), die Wirklichkeit zu erfahren, Wissen zu erwerben, sich spirituell zu entwickeln und eine umfassende Verantwortung für alles Leben zum Ausdruck zu bringen."(S. 115)

5. Die Einbindung ("Bonding") in Familie und Kultur, die sich schon vor der Zeit der Empfängnis entwickelte und sich im Mutterleib fortsetzte und durch die Liebe, Nähe und Tiefe der Beziehung zwischen Eltern und Kind weiter anwächst. Der körperliche Kontakt zu allen Familienmitgliedern ist wichtig, beim Stillen soll die Mutter auf ihre Gefühle wie "Ärger, Gier oder Verleugnung" achten, damit sie ihr Kind nicht "vergiftet".

Als 6. und 7. Stadium folgen die Kleinkindzeit und die frühe Kindheit bis zum 8. Lebensjahr, in denen das Kind durch Nachahmung, Einprägung, Anfassen und Bewegung lernt und nach Auffassung der Tibeter das Wissen aktiviert, welches es schon aus vergangenen Leben mitgebracht hat.


7. Die Bedingungen für den Beginn individuellen Lebens

In den buddhistischen Schriften werden allgemein drei Faktoren genannt, die erfüllt sein müssen, um ein menschliches Leben zu erlangen: "Mönche, es geschieht aufgrund des Zusammentreffens von drei Dingen, daß der Herabstieg eines Wesens, das sich im Zwischenzustand befindet, in den Mutterschoß stattfindet (...:) wenn die Eltern sich vereinigen, wenn die Mutter ihre rechte Zeit hat und wenn das Zwischenzustandswesen gegenwärtig ist, dann, aufgrund der Verbindung dieser drei Dinge, wird der Herabstieg eines Wesens, das sich im Zwischenzustand befindet, geschehen" (Majjhima-Nikaya I, 256, zit. nach: D. Keown, Bioethics, S.69).

Tritt das Zwischenwesen nicht hinzu, entwickelt sich die Zelle nicht weiter und stirbt ab. Insofern könnte also die biologische Basis existieren – aber ohne Bewusstsein. Der Embryo wäre nicht lebensfähig. "Einem Embryo, der nicht belebt wurde, fehlt diese Fähigkeit, sich zu entwickeln: höchst wahrscheinlich wird er sich abnorm entwickeln und im Verlauf des Menstruationszyklus’ verlorengehen" (D. Keown, Bioethics, S.81). Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass so viele Embryonen frühzeitig aus der Gebärmutter abgestoßen werden oder sich erst gar nicht darin einnisten, obwohl hier noch andere Ursachen genannt werden: die körperliche Kondition der Mutter, karmische Unverträglichkeit mit den Eltern oder Mikroorganismen (a.a.O., S.84).

Nun könnte man annehmen, dass eine Zeugung außerhalb des Mutterleibes, wo kein direktes sexuelles Beisammensein der Eltern für das Bardo-Wesen gegeben ist, eine Wiedergeburt verhindere. Der Buddha hat allerdings nicht gesagt, in welcher zeitlichen Folge die drei Bedingungen für eine Wiedergeburt erfolgen. Auch weiß man heute, dass die zwei Komponenten – geschlechtliche Vereinigung und Empfängnis – nicht simultan ablaufen müssen, weil die Empfängnis später erfolgen kann (vgl. D. Keown, Bioethics, S.78f.).

Es stellt sich die Frage, wann das Zwischen-Wesen als Drittes hinzukommt, damit wirklich neues Leben entsteht. Reicht das Zusammentreffen von Samen und Eizelle aus? Wenn man alle drei Komponenten als gleichwertig ansieht, so muss die Attraktion der Sexualität und die dadurch ausgelösten Gefühle des Bardo-Wesens als Erlebnis ebenfalls da sein. Chögyam Trungpa beschreibt heftige Gefühle, die das Bardo-Wesen befällt, wenn es von den elterlichen Substanzen angezogen wird: "(...) und in der Vereinigung des Sperma mit dem Ei wirst du die Aus-sich-seiende Glückseligkeit erfahren. In jenem glückseligen Zustand wirst du das Bewußtsein verlieren, und der Embryo wird erst rund, dann länglich und so weiter wachsen, bis der Körper ausgereift ist und aus dem Mutterschoß hervortritt." (Das Totenbuch der Tibeter. Eine neue Übersetzung aus dem Tibetischen mit Kommentaren von Francesca Fremantle und Chögyam Trungpa (aus dem Engl. von S. Schuhmacher), 2. überarb. Auflage, Düsseldorf/Köln 1977, S.128).

Bei einer Geburt als Mensch scheint auf alle Fälle das Sehen der so genannten weißen und roten Essenzen ausschlaggebend zu sein, die dem Vater bzw. der Mutter zugeordnet werden, denn offenbar gibt es auch noch andere Möglichkeiten, eine Geburt ohne die Wahrnehmung dieser beiden Essenzen anzunehmen, also ohne "Eltern", z. B. nur durch Wärme und durch spontanes Eintreten. "Es gibt vier Arten der Geburt: Geburt aus dem Ei, Geburt aus dem Mutterschoß, spontane Geburt und Geburt aus dem Feuchten. Unter diesen sind die Geburt aus dem Ei und die Geburt aus dem Mutterschoß ähnlich." (Das Totenbuch der Tibeter. Eine neue Übersetzung aus dem Tibetischen mit Kommentaren von F. Fremantle und Chögyam Trungpa (aus dem Engl. von S. Schuhmacher), 2, überarb. Aufl., Düsseldorf/Köln 1977, S.128).

Der Buddha hat jedoch die "Bardo-Lehren des Totenbuchs auf der Grundlage des menschlichen Körpers gelehrt" (Tenga Rinpoche, Übergang und Befreiung, Khampa-Buchverlag 1996, S.24) und dieser hat feinstoffliche Kanäle (Nadis), in denen die Lebensenergie (Prana) fließt, die wiederum die weißen und roten Elemente von Vater und Mutter befördern. "FRAGE: Wie verhält es sich mit extrauterinär gezeugten Kindern? (...) ANTWORT: (...). Wenn die Energie des weißen und roten Elements des Vaters und der Mutter zusammentreffen, ist der Eintritt des Bewußtseins möglich" (a.a.O., 25).

Eine weitere Möglichkeit, nämlich die Einnistung des biologisch befruchteten Eis in die Gebärmutter, könnte ebenfalls als Zeitpunkt für das Hinzukommen des Bardo-Wesens angenommen werden. Dies bedeutete aber, dass das Wesen eine längere biologische als geistige Existenz hätte (vgl. D. Keown, Bioethics, S.77). Das Erlebnis des Zusammentreffens der roten und weißen Essenzen und das Eintreten in den Mutterleib werden, wie gesagt, in den Texten für das Bardo-Wesen als gleichzeitig beschrieben und kennzeichnet somit die Empfängnis: "(...) denn das, was wir vorher vorschlugen, war nicht, daß die zwei (Anmerkung der Verf.: d. h. die physische und die spirituelle Komponente) immer verbunden sind, sondern daß die zwei immer in der Erzeugung eines neuen Individuums simultan auftreten" (D. Keown, Bioethics, S.81).

Insofern wäre eine spätere Austragung von zunächst außerhalb des Mutterleibs gezeugtem Leben kein Problem. Wichtig in dieser Diskussion ist, dass es in Wissenschaft und Forschung keinen Konsens darüber gibt, ob der Embryo, der außerhalb der genetischen Mutter gezeugt wurde, ein Lebensrecht aus sich selbst heraus mitbringt und, wenn er nicht gebraucht wird, als Freiwild behandelt werden kann. Nach buddhistischer Auffassung wäre aber das Zusammentreffen der beiden Komponenten (Same und Eizelle als körperliche Grundlage und das Bardo-Wesen) ausreichend, um die Zellen als Lebewesen zu schützen


8. Zusammenfassung: Grenzen erkennen

Aufgrund des heutigen Wissensstands ist nicht klar und eindeutig festlegbar, wann ein individuelles Leben beginnt, d. h. wann tatsächlich zu den biologischen Essenzen der Eltern das geistige Prinzip hinzutritt, so dass eine Festlegung auf einen späteren Zeitpunkt innerhalb der Entwicklung der befruchteten Eizelle reine Spekulation wäre. Die Forschung an Keimzellen liefe somit Gefahr, fühlende Wesen zu schädigen. Insofern wäre es vom buddhistischen Standpunkt aus ratsamer, in der biologischen Forschung, was z. B. die Nutzung von embryonalen Stammzellen betrifft, alternative Möglichkeiten zu fördern, die den gleichen (medizinischen) Nutzen hätten.

Beim Ende des Lebens ist man aufgrund von Erfahrungen mit sterbenden Yogis vorsichtiger geworden, den seit einiger Zeit juristisch festgelegten Hirntod als einziges Kriterium anzuerkennen (siehe Lati Rinpoche / J. Hopkins (Hg.), Stufen zur Unsterblichkeit, München 1983, S.40ff). Für das Zusammenziehen der feineren und subtilsten Energien im Körper und die Erfahrung des "klaren Lichts des Todes" soll die Herzgegend ausschlaggebend sein, wobei hier wieder die roten und weißen Essenzen der Eltern, die ja schon beim Beginn des Lebens so wichtig waren, eine besondere Rolle spielen. Diese subtilsten Ebenen des geistig-körperlichen Kontinuums sind jedoch mit wissenschaftlich-technischen Mitteln nicht nachzuweisen.

Wer als Forscher, Wissenschaftler oder Mediziner mit dem Beginn oder dem Ende des Lebens zu tun hat, müsste sich nach buddhistischer Auffassung über die eigenen Ziele und die eigene Motivation im Klaren sein. Der Buddha verbot seinen Mönchen, die auch als Ärzte tätig waren, menschliches Leben absichtlich zu beenden oder Helfershelfer zum Töten zu sein. Selbst den Tod zu loben und günstige Umstände zum Sterben herbeizuführen, bedeutete eine Regelübertretung, die zum Ausschluss aus der Sangha (hier: der Gemeinschaft der Ordinierten) führen können (siehe: Vinaya III 70 + 72, in D. Keown, Bioethics, S.170/171).

Selbst altruistische Motive, die die Forscher in die Diskussion einbringen, sind auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Denn wäre z. B. das Ziel der Forscher, Eltern, die sich ein Kind wünschen, aus Mitgefühl zu helfen, dann würden sie ein Leben gegen viele andere setzen, und es begänne eine Selektion von Leben. Würden jetzt die überflüssigen Embryonen für die Stammzellen-Forschung und die Medizin von Nutzen sein, so wäre das ein weiterer zynischer Schritt in Richtung Ausbeutung menschlicher Ressourcen. Oder, wenn das Ziel der Forscher das wissenschaftliche Experiment wäre, das für die Menschheit insgesamt größere Erkenntnisse bringen könnte, dann würde man Wissen gegen Leben setzen und das Gut des Lebens instrumentalisieren, vor allem mit Wesen, die ihre Rechte nicht einklagen können (a.a.O., S.120).

Der Forscher, der meint, ethisch-moralische Reflexionen würden seine Freiheit, seinen Forscherdrang nur einschränken, unterläge aus buddhistischer Sicht einer der vielen Formen der Gier – der Gier nach immer neuen Entdeckungen und Sensationen. Mit Macht gekoppelt wäre dies eine neue Art der Beherrschung und Ausbeutung Schwacher und Abhängiger. Die Manipulierbarkeit des Lebens in seinem Beginn oder an seinem Ende wird dabei immer mehr als rein materieller Vorgang betrachtet – eine den buddhistischen Quellen genau entgegengesetzte Sicht.

Schaut man sich die Geschichte unseres Jahrhunderts an, so wäre darauf zu achten, den Strang, der die Entwurzelung des Menschen anzeigte, nicht weiter fortzusetzen. Die Tiere haben wir Menschen seit ca. 10.000 Jahren für unsere Zwecke ausgebeutet und jetzt stehen wir eigentlich an der moralischen Grenze, auch ihr Leben und ihre Verwertung zu unterbinden; hoffen wir, dass wir Menschen, die ja "sowieso so zahlreich" sind, jetzt nicht "dran" sind, um die nächsten Genarationen von "kaltherzigen" Forschern zu ernähren.

Die biologische Forschung schafft seit den letzten Jahren immer neue Fakten, die uns beunruhigen und die politisch, juristisch und sozial verarbeitet werden müssen, wobei eben auch zu bedenken ist, ob die Bereitstellung der enormen finanziellen Mittel für diese Forschung staatlich oder privat erfolgt. So steht die Forschung selbst nicht, wie sie so gerne hätte, in einem wertfreien Raum, sondern in einem kausalen Zusammenhang der Prüfung, Kontrolle und Regulierung durch gesellschaftliche Interessen. Je komplexer und globaler eine Gesellschaft sein will, umso wichtiger erscheint es, auf welchem Niveau ein Konsens über den Wert des menschlichen Lebens hergestellt wird und welche Grenzen man sich selbst setzt.





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[Stand: Mai 2004/ September 2003]