
Der Begriff "Wechselseitig bedingtes Entstehen" (in Pali: paticca-samuppada, in Sanskrit: pratitya-samutpada) ist in der Lehre des historischen Shakyamuni Buddha der grundlegende Begriff für ein illusionsfreies Verständnis der Wirklichkeit. Als solcher steht er bis heute im Mittelpunkt der Tradition des Theravada-Buddhismus (Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos, Kambodscha).
Dagegen bildet der Begriff der "Leerheit" (in Sanskrit: sunyata) die zentrale Kategorie in der Tradition des Mahayana-Buddhismus (Tibet, China, Vietnam, Korea, Japan). Seine Bedeutung wurde insbesondere von der Madhyamika-Philosophie des Inders Nagarjuna (2 Jhd.) geprägt.
Vordergründiger Einsicht erscheint das, worauf diese beiden Begriffe und buddhistischen Schulen sich beziehen, von gegensätzlicher Natur zu sein. Masao Abe zeigt hier jedoch, dass sie in Wahrheit eine dialektische Einheit bilden. So kommen die zentralen Begriffe des Buddhismus unserer heutigen wissenschaftlich-systemischen Weltsicht sehr nahe, vertiefen diese aber noch wesentlich und universal.
Der Begriff der Leerheit ist nicht nihilistisch zu verstehen. Er beinhaltet einen positiven, bejahenden Aspekt. Was die Lehre von der Leerheit letztendlich negiert, ist die Existenz eines Selbst (atman) und einer mit Eigennatur, mit Substanz ausgestatteten Entität (svabhava). Durch das Negieren des Selbst und einer mit Selbstnatur ausgestatteten Entität kann sich die wahre Wirklichkeit manifestieren. Obwohl die Negation ein wesentlicher Faktor in der Madhyamika-Philosophie ist, wäre sie eine nihilistische Philosophie, wenn es sich dabei um eine reine Negation handelte. Es ist aber durch diese Negation von Atman und Svahhava, das heißt durch die Verwirklichung der Leerheit aller Dinge, daß sich das Gesetz des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit (pratitya-samutpada) manifestieren kann. Bei Nagarjuna sind Leerheit und Abhängiges Entstehen gleichbedeutend. Deshalb sagt er in Kapitel 24 des Mulamadhyamakakarika:
Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit ist nichts anderes als das, was wir Leere nennen; dieses Berücksichtigen aller anderen Dinge, das ist das Verständnis des Mittleren Wegs. (24:18)
Es existiert kein Dharma, das nicht abhängig entstanden wäre, und so existiert kein wie immer geartetes Dharma, das nicht-leer wäre. (24: 19)
Und tatsächlich sieht es die Madhyamika-Philosophie als ihre zentrale Aufgabe an, in die Wahrheit des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit einzudringen.
Die Lehre vom Abhängigen Entstehen repräsentiert einen fundamentalen Standpunkt des frühen Buddhismus und ist seine grundlegendste Lehre. Von historischer Warte aus gesehen, hat sich die Lehre vom Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit von den Anfängen des Buddhismus bis hin zum Madhyamika gehalten. Das Hinayana interpretierte die Lehre vom Abhängigen Entstehen auf stereotype Art und Weise, aber im Prozeß der geschichtlichen Entwicklung fand die Madhyamika-Philosophie auf der Grundlage der vollkommenen Verwirklichung der Leerheit wieder zur ursprünglichen dynamischen Natur dieser Lehre zurück. Obwohl die Lehre vom Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit den Gedanken der Kausalität (das heißt eine kausale Beziehung zwischen Ursache und Wirkung) andeutet, ist das Abhängige Entstehen, wie es Nagarjuna versteht, nicht ein Prozeß, der von einer selbst-existierenden Ursache zu einer selbst-existierenden Wirkung führt. In seinem Mulamadhyamakakarika (24:19) sagt er:
"Es existiert kein Dharma, das nicht abhängig entstanden wäre, und so existiert kein wie immer geartetes Dharma, das nicht-leer wäre.
Sowohl das Dharma, das die Ursache ist, als auch das Dharma, das die Wirkung ist, ist bar jeder selbst-existierenden Entität. Wir wissen, daß der Brennstoff die Ursache des Feuers und das Feuer die Wirkung des Brennstoffs ist. Nun müssen wir einen Schritt weiter gehen und fragen: Was war früher da, das Feuer oder der Brennstoff? Wenn wir sagen, das Feuer wäre als erstes dagewesen, sehen wir uns mit einer logischen Absurdität konfrontiert, nämlich damit, daß das Feuer ohne Brennstoff brennt. Nehmen wir hingegen an, der Brennstoff wäre als erstes dagewesen, sehen wir uns mit einer anderen logischen Absurdität konfrontiert, nämlich damit, daß wir eine Ursache ausmachen, ohne von einer Wirkung zu wissen. Sagen wir aber, daß beide gleichzeitig erschienen seien, dann müßten alle Brennstoffe gleichzeitig brennen. Für Nagarjuna ist das Abhängige Entstehen in seinem wahren Sinn dann realisiert, wenn das Eigensein aller Dinge vollkommen negiert und als leer erkannt wurde.
Im ersten Kapitel des Mulamadhyamakakarika, das den Titel "Eine Analyse der bedingenden Ursachen" (pratyaya) tragen könnte, schreibt Nagarjuna:
"Nie werden Dinge gefunden, die durch sich selbst, durch ein anderes, durch beide oder ohne Ursache entstehen." (1:1)
Diese Behauptung negiert aber nicht, daß Dinge entstehen. Feuer entsteht, empirisch gesprochen, aus Brennstoff. Sie negiert vielmehr die Existenz einer selbst-seienden Entität. Mit anderen Worten: Diese Aussage weist einfach auf die Funktion des Abhängigen Entstehens hin, indem es keine unabhängige Entität gibt. So wird klar, daß nach Nagarjuna die Verwirklichung von Leerheit untrennbar mit dem Gesetz des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit verbunden ist.
Masao Abe ist einer der führenden Interpreten des japanischen Zen-Buddhismus und der heutigen Vertreter der sog. "Kyoto-Schule" der japanischen Philosophie. Er lehrt an zahlreichen Universitäten Japans, Europas und der USA.
Der Text ist entnommen dem Kapitel "Buddhismus" aus dem Buch: "Innenansichten der grossen Religionen", Herausgegeben von Arvind Sharma, Fischer Taschenbuch, 1997.