Der Einfluss der Globalisierung
auf Gesellschaft und Religion

Prof. Dr. David Loy


Das erste Modewort des neuen Jahrtausends heißt "Globalisierung", und es wird zunehmend schwierig, es zu vermeiden. Es scheint, dass wir keine Zeitung und kein Magazin aufschlagen können, ohne etwas über Globalisierung zu lesen. Sehr oft zu oft geht es in der Diskussion um ökonomische Globalisierung, insbesondere um die wachsende Rolle der transnationalen Unternehmen (die nun in Rekordgeschwindigkeit fusionieren) und die verschiedener internationaler Organisationen wie den Internationalen Währungsfonds (IMF), die Weltbank und die Welthandelsorganisation (WTO). Der Großteil der restlichen Diskussion dreht sich um die IT-Revolution (Informationstechnologie) und wie diese die Welt verändert, indem unsere Kommunikationsweise verändert wird. Aber das sind nur einige wenige Beispiele für die aktuelle Globalisierung der Welt. Globalisierung ist keine "Sache" sie ist ein Bündel unterschiedlicher Prozesse technologische, ökonomische, ökologische, soziale, religiöse die auf komplizierte Art und Weise miteinander interagieren; gewöhnlich unterstützen sie einander, gelegentlich treffen sie aufeinander. Man denke z.B. an Internet und Email. Sie haben unglaubliche neue Märkte geschaffen für sich schnell entwickelnde Firmen. Email war aber ebenfalls wichtig für die Koordination der erfolgreichen Proteste gegen die WTO in Seattle im vergangenen Jahr (1999), die das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung beschleunigt haben. Das Internet bietet Unternehmen Mittel und Wege, sich zu reorganisieren und auch Unternehmensgegnern, sich zu organisieren.

Hier möchte ich aber die Aufmerksamkeit auf einen anderen Aspekt der Globalisierung richten, einen, dem gewöhnlich nicht so viel Beachtung geschenkt wird, während er mir als der wichtigste Aspekt von allen erscheint. Ich möchte die Einflüsse der Globalisierung auf die bürgerliche Gesellschaft betrachten nicht auf die Wirtschaft, nicht auf Technologie und nicht auf Regierungen, sondern auf menschliche Gesellschaften, also die Art und Weise, wie wir zusammen leben und zusammenleben wollen. Wenn wir uns diesen Aspekt der Globalisierung ansehen, können wir erkennen, dass er Kampf involviert in der Tat ist es keine Übertreibung zu sagen, dass eine Art ideologischer Krieg stattfindet. Wenn wir über die Informationstechnologie nachdenken und bedenken, wie transnationale Unternehmen ihre Märkte ausweiten, können wir den Eindruck gewinnen, dass Globalisierung prinzipiell ein freundlicher win-win (Gewinn-Gewinn) -Prozess für nahezu jeden zu sein scheint. Das täuscht. Wenn wir nach den Auswirkungen der Globalisierung auf unseren Versuch miteinander-zu-leben fragen, erkennen wir, dass Globalisierung in Wirklichkeit ein Wettbewerb ist zwischen sehr unterschiedlichen Sichtweisen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein, und darüber, was unsere Verantwortung ist gegenüber dem jeweils anderen wie auch der Erde. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf diese unterschiedlichen Sichtweisen lenken. Wir müssen wissen, wer die verschiedenen Protagonisten sind, weil jeder von uns entscheiden muss, wo wir bei dieser Frage stehen. Wahrscheinlich ist es nicht möglich, in diesem Kampf neutral zu bleiben. Und wenn wir nicht vermeiden können, ein Kämpfer zu sein für die eine oder die andere Seite, müssen wir uns sehr im Klaren drüber sein, was die Fragen sind und warum sie wichtig sind.

Bis 1989 war die Welt in zwei Hauptlager unterschieden. Im Westen wurde dies gewöhnlich als politischer Kampf dargestellt zwischen Demokratie und Kommunismus, aber es war genauso ein ökonomischer Konflikt zwischen zwei ökonomischen Systemen, Kapitalismus und Sozialismus.

1989 sind die meisten kommunistischen bzw. sozialistischen Länder zusammengebrochen, und der Sieger war nicht nur die Demokratie sondern weit mehr der Kapitalismus. Seit 1989 gibt es für den Kapitalismus keinen ernsthaften wirtschaftlichen Konkurrenten mehr. Die Wahl scheint heute nicht zu sein, ob man eine kapitalistische Wirtschaft hat oder nicht, sondern welche Form der Kapitalismus annehmen wird. Die Welthandelsorganisation (WTO) wurde etabliert, um den Kapitalismus zu "liberalisieren" die Handelsbarrieren und andere nationale Zwänge zu beseitigen, die die Freiheit von Unternehmen beim Zugang zu Ressourcen und zur Gewinnung neuer Märkte stören. Dahinter steht der Glaube, dass "freier Handel" die beste Art und Weise ist, für jedermann Nutzen zu ziehen.

Die Kritiker der Weltbank und der WTO argumentieren, dass dies ein Mythos sei, da die wirtschaftliche Globalisierung primär den Reichen (denjenigen, die Kapital haben, um zu investieren) nützt und darüber hinaus viele Arme noch ärmer werden lässt, so dass sie die Kontrolle über ihr eigenes Land und dessen Ressourcen verlieren. Dem Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen für 1999 zufolge konsumieren nahezu eine Milliarde Menschen in 70 Ländern heute weniger als vor 25 Jahren; die reichsten 20% der Weltbevölkerung (die uns hier alle einschließt) tätigen 86% des privaten Konsums, die ärmsten 20% nur 1,3% - eine Kluft, die weiterhin zunimmt. Eine Folge davon ist, dass jede Woche eine Viertelmillion Kinder an Unterernährung oder Infektionen sterben, während weitere Hunderte Millionen in einem Zustand von Hunger und zunehmend verschlechtertem Gesundheitszustand überleben...

Weil die Frage lautet, "wie sollen wir zusammenleben?" und, "was ist unsere Sichtweise über die Bedeutung des Menschseins?", möchte ich das Augenmerk auf eine weitere Beteiligte richten, die in diesem ideologischen Kampf über die von uns gewollte Art der bürgerlichen Gesellschaft involviert ist: die Religion.

Traditionsgemäß ist die Religion einer der wichtigsten Faktoren, vielleicht der wichtigste überhaupt. Für die meisten Menschen in der ganzen Welt waren Religionen die Quelle und (der Nährboden) für die wesentlichen Werte. So müssen wir uns notwendigerweise fragen: welche Rolle spielen Religionen in diesem ideologischen Krieg um die Art der zivilen Gesellschaft, die wir in unserer globalisierten Welt wollen?

Natürlich wird die Religion durch die Globalisierung verändert. Da die Welt kleiner wird, finden wir uns Schulter an Schulter mit anderen Völkern und anderen Kulturen wieder, zu denen zuvor Distanz herrschte. Wir müssen diese Völker und Kulturen nun mehr beachten, weil sie unsere unmittelbaren Nachbarn geworden sind. Das stellt eine große Herausforderung für die Religionen dar, die in der Vergangenheit mehr Raum und Freiheit hatten, sich aus sich selbst zu entwickeln.

Wie reagieren Religionen auf diese Herausforderung? Eine Reaktion besteht darin, umso mehr an den "ewigen" Wahrheiten und traditionellen Handlungsweisen festzuhalten. Weil dies in einer vielfältigen und schnellebigen Umgebung geschieht, in der wir sehr viel mit Menschen interagieren, die nicht unserem Glauben angehören oder unseren Wegen folgen, bringt das oftmals eine Art von "antiethischem Bündnis" mit sich, welches Gefühle von Gruppensicherheit und -identität schafft, indem andere Gruppen herabgesetzt werden. Indem sie uns in engeren Kontakt miteinander bringt, kann die Globalisierung zu einem tieferen Verständnis vom "Anderen" führen. Aber sie kann auch eines der grundlegenden Muster des menschlichen Gruppenverhaltens stärken: wir schaffen eine In-Group (Innengruppe, Sekte), mit der wir uns identifizieren, indem wir eine Out-Group (Außengruppe, Feinde) schaffen, die wir nicht mögen und zum Prügelknaben machen. Dies trägt zu etlichen ernsthaften Konflikte bei, die wir heute an vielen Orten der Welt beobachten können (wie z.B. im Palästina-Israel-Konflikt).

Diese "fundamentalistische" Antwort mag für die meisten von uns reizlos sein, aber sie ist ziemlich "normal": in vielen Fällen reagieren Gruppen auf schnelle Veränderungen die sie nicht wollen und die ihnen aufgedrängt werden auf diese Weise, und sie reagieren damit auf die einzige Art, die sie kennen, um ein Gefühl dafür zu bewahren, wer sie sind und wie sie in der Welt leben. Für viele Menschen, deren Leben und Lebensunterhalt die Globalisierung bedroht, ist eine solche konservative Antwort "natürlich". Rapider sozialer Wandel, auch wenn er in vielerlei Hinsicht positiv ist, hat einen destabilisierenden Charakter und erzeugt Angst, insbesondere für jene, die nicht unseren privilegierten Lebensstil oder unser Evangelium des sozialen Fortschritts teilen.

Am anderen Ende des Spektrums von Reaktionen steht der ehrliche interreligiöse Dialog (ich sage ehrlich, weil manchmal der Dialog nicht wirklich offen für das ist, was andere Menschen zu sagen haben: z.B. kann es sich auch um eine missionarische Tour handeln, um den anderen zu bekehren.) Als jemand, der sich im buddhistisch-christlichen Dialog engagiert hat, halte ich dies für eine hoffnungsvollere Antwort auf den neuen religiösen Nachbarn, der Tür an Tür mit mir wohnt. Heute müssen alle Religionen durch ihre Begegnung mit anderen Religionen wachsen und sich entwickeln. In einer offenbar säkularen Welt, die dominiert ist von wissenschaftlichen und technologischen Paradigmen, brauchen die Religionen heute einander, damit sie erkennen, was wirklich wichtig ist in ihren eigenen Lehren und worauf sie verzichten können, weil es nicht länger relevant ist. D.h. interreligiöser Dialog ist in einer globalisierenden Welt notwendig, um z.B. Christen bei der Erkenntnis des wirklich Wichtigen in ihrem eigenen Christentum zu unterstützen. Dann können wir sehen, dass andere Religionen nicht "der Feind" sind, eine Erkenntnis, die sehr wichtig ist, weil sie uns erkennen hilft, was heute die wahre spirituelle Herausforderung ist.

Was ist diese spirituelle Herausforderung? Das bringt mich zu einem wesentlichen Punkt. Ich habe über die Antwort der religiösen Institutionen auf die Globalisierung gesprochen. Es gibt aber noch andere Seiten der Religion. Religion ist tatsächlich extrem schwierig zu definieren. Die Gelehrten waren bisher nicht in der Lage, eine zufriedenstellende Definition zu finden. Ein wichtiger Weg zum Religionsverständnis liegt darin, zu sehen, dass sie uns Grundlagen darüber vermittelt, was hinsichtlich der Welt wirklich wichtig ist und wie wir deshalb in der Welt leben sollten. Aus einer solchen "funktionalen" Perspektive können wir allerdings sehen, dass es heute eine neue Religion gibt: in Wahrheit die erfolgreichste Religion aller Zeiten, wenn man sie danach beurteilt, wie schnell sie neue Anhänger für ihre Sache gewinnt.

Das bedeutet, dass traditionelle Religionen heute ihre traditionelle Rolle immer weniger erfüllen, weil diese Rolle von einem anderen Glaubens- und Wertesystem verdrängt wird. Natürlich beziehe ich mich damit nicht auf irgendeine der sog. "neuen" Religionen. Da die maßgebliche Erklärung für die Welt heute von den Wissenschaften gegeben wird, ist der Konsumismus das attraktivste Wertesystem geworden. Mit anderen Worten: unser gegenwärtiges globalisiertes Wirtschaftssystem kann verstanden werden als unsere (eigentliche) Religion, weil es begonnen hat, für uns eine religiöse Funktion zu erfüllen. Ich glaube, dass die Ökonomie (als Wissenschaft) heute weniger eine "Sozialwissenschaft" ist als eine Theologie dieser Religion. Ihr Gott, der Markt, bietet eine Art säkulare Erlösung für uns mit ihrem Zyklus von ständig wachsender Produktion und Konsum. Die Menschen waren es gewohnt, Schreine und Gotteshäuser aufzusuchen, um ein Gefühl von spiritueller Sicherheit zu erfahren. Heute sind Kaufhäuser, Banken und Börsen unsere Tempel und Kathedralen. Weil wir eine andere Art der Sicherheit suchen, müssen wir dort anbeten.

Aus dieser Perspektive ist die Globalisierung des Marktkapitalismus mehr als der einfache Sieg des "freien Handels". Vielmehr ist es der Sieg einer bestimmten Interpretation und Einschätzung der Welt, die nicht "natürlich" (wie Ökonomen, die eifrig wissenschaftlich sein wollen, uns glauben machen möchten) oder "unvermeidlich" ist. Dieses Wirtschaftssystem ist eine der historisch bedingten Arten, die Welt zu organisieren bzw. zu reorganisieren. Darin eingebaut ist eine "religiöse" Weltsicht, mit ihrer eigenen Theologie und Ethik, die mit anderen Verständnissen darüber, was die Welt ist und wie wir in ihr leben sollten, konkurriert.

"Freier Handel" klingt attraktiv, weil er im wirtschaftlichen Bereich den hohen Wert, den wir der Freiheit beimessen, zu erfüllen scheint. Er optimiert den Zugang zu den Ressourcen und Märkten. Was sollte daran falsch sein? Mehr als ein bisschen, wenn wir "freien Handel" aus religiöser Perspektive betrachten oder vielmehr als eine religiöse Perspektive. Wenn wir nach der Weltsicht schauen, die sich in diesem Ansatz verkörpert, sehen wir, dass sie dazu tendiert, die gesamte Welt zu versachlichen, uns eingeschlossen (Arbeiter verkaufen ihre Zeit und ihre Arbeitskraft). Der kritische Punkt bei der Entwicklung des Marktkapitalismus ereignete sich während der industriellen Revolution im ausgehenden 18. Jahrhundert, als die neue Technologie zur "Befreiung" einer kritischen Masse von Land, Arbeit und Kapital führte. Ihre "Befreiung" bedeutet, dass sie auf eine neue Weise verstanden wurden: nämlich primär als Waren, als Dinge, die man kaufen und verkaufen kann. Die Welt war aufgeteilt in "Ressourcen" und in austauschbare Marktwaren verwandelt, damit Marktkräfte frei und produktiv interagieren können.

Für jene, die Kapital hatten, um zu investieren, war die industrielle Revolution außergewöhnlich profitabel, aber von den meisten Menschen wurde die industrielle "Warenmentalität" als Tragödie empfunden. Die Erde (unsere Mutter und unser Heim) wurde zu einer Ware in einer Sammlung von Ressourcen, die es auszubeuten galt. Das menschliche Leben wurde zur Ware Arbeit oder Arbeitszeit, ebenfalls bewertet nach Angebot und Nachfrage. Das familiäre Erbe, das angesammelt und erhalten wurde für die Nachkommen, wurde zu Kapital für Investitionen, eine Quelle von unverdientem Einkommen für die wenigen Glücklichen, aber eine Quelle von vernichtender Schuldenlast für viele mehr.

Dieser Prozess der Vermarktung verdeutlicht, wie unsere Welt, die soziale und ökonomische Welt in der wir heute leben, geschaffen wurde, aber diese Umwandlung ist weit davon entfernt, beendet zu sein. Das ist der Grund, warum die Weltbank und die WTO notwendig sind - um sicherzustellen, dass nichts der Umwandlung der gesamten Welt in ein bequemes Warenhaus von auszubeutenden Ressourcen und in Märkte für Produkte im Wege steht. Um das aus religiöser Perspektive zu beschreiben: die Welt und all ihre Geschöpfe werden entheiligt. Da sie mehr und mehr als Waren behandelt werden, deren einziger Wert darin besteht, von uns gekauft und verkauft und konsumiert zu werden, verlieren sie jegliche heilige/spirituelle Dimension.

Solche vermarkteten Werte sind nicht natürlich oder unvermeidlich, aber ihre missionarischen Bekehrungstechniken sind außerordentlich effektiv und überzeugend. Als Lehrer der Philosophie weiß ich, dass alles, was ich mit meinen Studenten in ein paar wenigen Stunden pro Woche tun kann, trivial ist im Vergleich zu den attraktiven Werbebotschaften, die uns überall außerhalb des Klassenraums umgeben: im Fernsehen und Radio und in Zeitungen und Zeitschriften und Zügen und Bussen usw., wo uns allen gelehrt wird: "kaufe mich, wenn du glücklich sein willst!"

Dem Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen für 1999 zufolge, wurden in diesem Jahr weltweit mindestens 435 Milliarden US$ für Werbung ausgegeben, und nahezu die Hälfte davon allein in den Vereinigten Staaten. Darin sind Public Relations und Marketing nicht enthalten, was weiter über 100 Milliarden US$ im Jahr ausmacht. Es ist kein Wunder, dass dem gleichen Bericht zufolge ein Kind in den entwickelten Ländern 30-50 mal mehr als ein Kind in der Dritten Welt konsumiert. 270 Millionen "globale Teens" bewohnen nun eine einzige Popkultur, konsumieren die gleichen Designerkleidung, Musik und Limonaden. Und das Ausmaß unseres Konsums ist umwerfend. Dem Worldwatch Institut zufolge wurden in den vierzig Jahren zwischen 1950 und 1990 mehr Waren und Dienstleistungen konsumiert, als von allen vorangegangenen Generationen der Menschheitsgeschichte zusammen.

Was geht hier vor sich? Wiederum denke ich, dass wir diesen Aspekt der wirtschaftlichen Globalisierung nur als ein religiöses Phänomen verstehen können? 1. Die Vereinigten Staaten und nun nahezu die gesamte Welt haben hier einen neuen Weg eingeschlagen, um Glück zu verwirklichen. 2. Traditionelle Religionen bieten unterschiedliche Erklärungen an für unsere Unfähigkeit, glücklich zu sein, und einen sehr anderen Weg, um glücklich zu werden. Ich denke, dass sie die religiöse Funktion des globalisierten Konsumismus nicht ignorieren können.

Aus religiöser Sichtweise gibt es zwei Probleme hinsichtlich unserer globalisierenden Konsumwerte: Gier und Täuschung. Einerseits macht der "freie Markt" Gier erforderlich. Um die Wirtschaft am Wachsen zu halten, braucht man das Begehren nach Profit und man muss einen Weg finden, damit die Menschen mehr haben wollen und konsumieren. (In technologischer Hinsicht wurden die meisten Probleme der wirtschaftlichen Produktion gelöst; das wirtschaftliche Problem schafft jedoch die Notwendigkeit der Nachfrage bei jenen, die Geld haben, um zu kaufen). Die Idee, dass irgendetwas falsch ist an der Gier, an dem Gefühl, immer mehr zu brauchen, scheint jedoch verloren zu gehen.

Traditionelle religiöse Verständnisse der Welt haben zwar dazu geneigt, die Gier in gewissem Maße als etwas natürliches anzusehen, aber anstatt sie zu liberalisieren, haben sie die Notwendigkeit empfunden, sie zu kontrollieren. Der hierbei wichtige Punkt ist, dass die menschliche Natur formbar ist, weil jeder von uns eine Ansammlung von verschiedenen Charakterzügen ist, einige eigennütziger und einige altruistischer Natur. So stellt sich die Frage wie folgt: welche unserer Eigenschaften heißt die Gesellschaft gut und werden von ihr betont, welche werden sozial entmutigt und begrenzt? Aus religiöser Sicht sollte man kein auf unersättlicher Gier basierendes Wirtschaftssystem schaffen, wie man auch keine Gesellschaft auf der Grundlage unserer Neigung zu Aggression und Gewalt errichten sollte.

Das grundlegende Problem ist, dass Gier auf Täuschung basiert: der Täuschung, dass auf diese Weise Glückseligkeit zu erlangen ist. Der Buddhismus betont, dass unsere unersättlichen Begierden die Quelle der Frustrationen sind, die wir in unserem täglichen Leben erfahren. Übermäßiger Konsum, der uns ablenkt und vergiftet, ist eine der Hauptsymptome unseres Unglücks, nicht ihre Lösung. Das bringt uns zur Ironie dieser Abhängigkeit: Ebenfalls dem Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen von 1999 zufolge hat die Prozentzahl der sich als glücklich bezeichnenden Amerikaner 1957 ihren Höchststand erreicht, obwohl sich der Konsum seit dieser Zeit mehr als verdoppelt hat. Mehr Konsum macht uns nicht glücklicher! Gleichzeitig haben Untersuchungen über die US-Haushalte festgestellt, dass sich zwischen 1986 und 1994 der Geldbetrag, von dem die Menschen meinen, dass sie ihn für ein glückliches Leben brauchen, verdoppelt hat. Das erscheint paradox, aber ist nicht schwer zu erklären: wenn wir uns selbst vor allem als Konsumenten definieren, können wir niemals genug haben.

Das weist auf das Problem des Wirtschafts-Wachstums hin, welches heute der höchste Wert der Regierungen und Unternehmen geworden ist. Aus religiöser Sicht ist solches Wachstum durchaus notwendig die Mehrheit der Erdbewohner brauchen mit Sicherheit besseres Essen, Unterkunft, medizinische Versorgung usw. aber an sich ist Wachstum ein bedenkliches Ziel. Heute verfolgen wir Wachstum, weil um die Wahrheit zu sagen wir nicht wissen, nach welchem anderen Ziel wir streben sollen. Wir haben keine andere Sicht der Glückseligkeit, keine andere Lösung für das Problem, wie wir glücklich leben sollen. Dabei sehen wir uns heute zunehmend konfrontiert mit den Grenzen des Wachstums, insbesondere durch Umweltkatastrophen, die nicht mehr länger drohen, sondern bereits begonnen haben.

Zusammenfassend: die Globalisierung verändert die Religionen ziemlich radikal, so denke ich, und die mit der Globalisierung verbundene Herausforderung kann durchaus damit enden, dass sie etwas Gutes ist für religiöse Institutionen, die weitgehend versteinert sind.

Wir brauchen neue, verbesserte Religionen, weil wir ihre Weisheit brauchen, um die Konsumwerte der wirtschaftlichen Globalisierung herauszufordern. Meine Hoffnung ist, dass der Kampf zwischen ihnen uns helfen wird, eine Alternative zu finden zur "Religion des Marktes".

Prof. Dr. David Loy
Faculty of International Studies
Bunkyo University
JAPAN

(Übersetzung Franz-Johannes Litsch)





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[Stand: Mai 2004/ ]