Das "Projekt Weltethos" aus buddhistischer Sicht

Franz-Johannes Litsch

Vortragstext zum Symposium "Projekt Weltethos – Herausforderungen und Chancen für eine Weltpolitik und neue Weltordnung" am 14./15. Mai 2004 im ORF, Landesstudio Tirol in Innsbruck/Österreich


Die "Erklärung zum Weltethos"

Meine Ausführungen über die buddhistische Sichtweise zum "Projekt Weltethos" (initiiert vom bekannten katholischen Theologen Prof. Hans Küng aus Tübingen) stützen sich auf die "Erklärung zum Weltethos", wie sie beim "Weltparlament der Religionen" 1993 in Chicago formuliert wurde. Vertreter fast aller Religionen der Erde waren dort zusammen gekommen, um über ihren Beitrag zur Überwindung der Leiden und Herausforderungen der Gegenwart zu sprechen. Hans Küng hatte einen Entwurfstext für die Erklärung eingebracht, der wurde diskutiert, überarbeitet und schließlich von der überwiegenden Mehrheit der anwesenden Religionsvertreter angenommen und verbreitet.

Ich gehe davon aus, dass diese Erklärung hier bekannt ist und möchte lediglich die darin heraus gearbeiteten vier "unverrückbaren Weisungen" für ein globales Ethos nochmal in Erinnerung rufen:

1. "Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben."

Dazu heißt es: "Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit (aber) vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!"

2. "Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung."

"Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit (aber) vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht stehlen! Oder positiv: Handle gerecht und fair!"

3. "Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit"

"Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit (aber) vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht lügen! Oder positiv: Rede und handle wahrhaftig!"

4. "Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau"

"Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit (aber) vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht Unzucht treiben! Oder positiv: Achtet und liebet einander!"

Die im Weltethos zusammengeführten ethischen Prinzipien aller Religionen sieht Hans Küng bekanntlich in der sog. "Goldenen Regel" in komprimiertester Form ausgedrückt: "Wir müssen andere so behandeln, wie wir von anderen selbst behandelt werden wollen." oder: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg΄ auch keinem andern zu."

 

Der buddhistische Anteil am Weltethos

Im folgenden möchte ich kurz aufzeigen, in wie weit die Erklärung zum Weltethos mit den ethischen Grundlagen des Buddhismus übereinstimmt.

Von vornherein kann festgestellt werden, dass der buddhistische Einfluss auf die in der Erklärung zum Ausdruck kommende Haltung beträchtlich ist. Dem entsprach auch die Beteiligung am Weltparlament, wie am Zustandekommen der Erklärung. Der Anteil der buddhistischen Gemeinschaften und Vertreter beim Treffen war groß, er kam zahlenmäßig direkt nach dem Anteil der Christen, die die größte Gruppe stellten. Dagegen war der Teilnehmerkreis islamischer und jüdischer Gemeinschaften leider relativ klein. Auch etliche Vertreter der Naturreligionen und amerikanischen Ureinwohner waren anwesend. S.H. der Dalai Lama hielt die Hauptrede auf der Schlussveranstaltung des Weltparlaments und er war es auch, der die fertiggestellte Erklärung zum Weltethos als erster unterschrieb.

Der starke inhaltliche Einfluss auf die Erklärung insgesamt, wie auf die darin aufgestellten "vier unverrückbaren Weisungen" wird bereits offensichtlich, wenn man die von Buddha einst formulierten, für alle Buddhisten fundamentalen 5 ethischen Grundsätze, die sog. Pança Sila kennt. Diese fünf buddhistischen Grundübungen der Ethik lauten in der Form, in der sie von Dharma-Praktizierenden im allgemeinen rezitiert werden:

Kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nichtgegebenes nicht zu nehmen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Keine unheilsamen sexuellen Beziehungen zu pflegen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nicht zu lügen oder unheilsam zu sprechen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nicht durch berauschende Mittel mein Bewusstsein zu trüben,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Der Vergleich zeigt, dass die Erklärung die buddhistischen Silas fast direkt übernommen hat. Sie hat lediglich das 5. Sila weggelassen, das sich auf den Konsum von berauschenden Mitteln bezieht, weil in verschiedenen Religionen der mäßige Genuss von solchen wichtige rituelle oder spirituelle Bedeutung hat, wie z.B. das Trinken von Wein im Judentum und Christentum, der Gebrauch von Haschisch im Hinduismus, von Schnaps im Schamanismus oder bei manchen Indios der Genuss von Peyote, Giftpilzen u.a..

Sogar die Reihenfolge der buddhistischen Silas wurde in den 4 Weisungen nahezu übernommen. Lediglich die dritte und vierte Weisung sind gegenüber den Silas vertauscht.

Im weiteren wurde insbesondere der Grundsatz der Gewaltlosigkeit aufgegriffen und mehrmals ausdrücklich im Text verankert. Ebenso die Forderung nach der notwendigen Überwindung unserer menschlichen Gier nach Haben, Macht und Genuss. Des weiteren der mehrmalige Hinweis, dass die Veränderung der Welt und ihrer Verhältnisse von der Veränderung unser selbst ausgehen muss.

Unmittelbar buddhistischer Denkweise begegnet man auch in folgendem Satz der Erklärung: "Wir sind alle voneinander abhängig. Jeder von uns hängt vom Wohlergehen des Ganzen ab. Deshalb haben wir Achtung vor der Gemeinschaft der Lebewesen, der Menschen, Tiere und Pflanzen, und haben Sorge für die Erhaltung der Erde, der Luft, des Wassers und des Bodens. Wir tragen die individuelle Verantwortung für alles, was wir tun. All unsere Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen haben Konsequenzen."

Hier ist wohl die Handschrift des Dalai Lama zu erkennen, zu dessen zentraler Botschaft der Hinweis auf unsere - wie er sagt - "Universale Verbundenheit und Verantwortlichkeit" gehört. Er bezieht sich mit dieser Aussage auf die für den Buddhismus grundlegende Lehre von "Paticca samuppada", vom "wechselseitig bedingten Entstehen" aller Erscheinungen sowie auf die Lehre vom karmisch selbstverantwortlichen Charakter unserer Denkens und Handelns.

Bei dieser weitgehenden Nähe der Weltethos-Erklärung zur buddhistischen Ethik gilt es von buddhistischer Seite aus aber auch einige Anmerkungen und Kritikpunkte an der Erklärung deutlich zu machen. Dazu ist es nötig, die buddhistische Ethik genauer zu betrachten und zu sehen, in welcher Weise sie im Gesamtsystem des Buddha-Weges verankert ist und ihre Bedeutung gewinnt.

Zuvor jedoch noch einige Bemerkungen zur Terminologie. Es herrscht heute eine gewisse Begriffsverwirrung über den Inhalt der Worte: Ethik, Ethos, Moral, Sittlichkeit, Tugend usw. Ethik bezeichnet ursprünglich die Lehre vom richtigen menschlichen Verhalten und Ethos (Tugend) die jeweils konkret umgesetzte, die gelebte Ethik. Moral oder Sittlichkeit werden oft mit Ethos in eins gesetzt, meinen aber die praktischen soziokulturellen Regeln und Sitten, die sich in Gemeinschaften, Völkern, Kulturen, Gesellschaften herausbilden. Die hier jeweils herrschende Moral muss nicht immer auch ethisch sein. Das zeigt sich heute in der heftigen Debatte über die Rechte und das Erscheinungsbild der Frauen in den verschiedenen Kulturen und Religionen oder an Phänomenen wie Blutrache, Beschneidung usw.

Der Begriff Ethik wird im derzeitigen Sprachgebrauch häufig gleichgesetzt mit dem Begriff Ethos. Ähnliches finden wir auch auf anderen Gebieten, z.B. wird der Begriff Ökologie, der zunächst nur die Wissenschaft von den natürlichen Zusammenhängen bezeichnet, heute vielfach für die Natur selber gebraucht. Der Begriff für die Wissenschaft eines Gegenstandes wird hier für den Gegenstand selbst verwandt. Dasselbe begegnet uns auch im Begriff Psychologie, der oft auch für die Psyche des Menschen steht. Ich passe mich im folgenden diesem Sprachgebrauch an, da es im westlichen buddhistischen Bereich üblich geworden ist, mit buddhistischer "Ethik" das gelebte buddhistische Ethos zu meinen. Außerdem entspricht das In-eins-setzen von Theorie und Praxis ohnehin buddhistischer Denkweise. Ich werde auf die tiefere Bedeutung dessen und der genannten Begriffe später noch einmal zurückkommen.

 

Die Ethik des Buddhismus

Die Lehre und Praxis des Buddha wird traditionell eingeteilt in drei Bereiche oder auch Stufen: 1. Sila - Ethik, 2. Samadhi - Sammlung, 3. Pañña - Weisheit. Die drei Übungsgebiete beinhalten das, was auch der "achtfache Pfad" genannt wird, dieser wird in jene drei Themenbereiche eingeteilt. Wir können uns die drei Stufen in ihrer Bedeutung etwas anschaulicher machen, indem wir sie vergleichen mit dem Fundament, den Stockwerken und dem Dach eines Hauses – oder mit dem Unterkörper, Oberkörper und Kopf eines Menschen (siehe: das Bild eines sitzenden Buddha).

Ethik ist somit das Fundament der buddhistischen Praxis. Ohne stabile Ethik steht alles weitere (z.B. die Meditation) auf tönernen Füßen. Darum ist es notwendig, dass der Übende zunächst sein ethisches Denken und Handeln in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit (Achtsamkeit) stellt. Auf den höheren Ebenen der Praxis wird die Ethik jedoch nicht zurückgelassen sondern selbst auf eine höhere Ebene gehoben. Das Grundanliegen der Ethik durchzieht alle Stufen der Praxis. Durch Sila, Samadhi und Pañña wird die ethische Lebenshaltung immer tiefer verankert bzw. immer höher verwirklicht.

Sila:

Wir haben die 5 ethischen Grundsätze, die Pança Sila bereits kennengelernt. Die Ethik des Buddha kann und will sich aber nicht in einer buchstabengetreuen Einhaltung der ethischen Grundregeln erschöpfen. Diese und alle Ethikregeln nehmen nämlich lediglich von außen her – als Regelsätze – vorweg, was auf den entwickelteren Ebenen von innen her – als natürliches Tun – entfaltet wird. Von vorn herein besteht die Zielsetzung, die verbal formulierten ethischen Regeln und Grundsätze überflüssig zu machen.

Die fünf ethischen Grundsätze des Buddha beinhalten letztlich auch nur ein einziges Prinzip oder Anliegen, nämlich Nichtverletzen, Ahimsa. Es geht ihnen darum, kein Lebewesen zu verletzten, für kein lebendes Wesen Leid zu erzeugen. Ob dergleichen in lebensbedrohender oder subtiler Gewaltanwendung besteht; oder indem wir Dinge an uns nehmen, die uns nicht gegeben wurden; ob wir durch Sexualität verletzen oder durch Worte; oder, ob wir Schaden anrichten, weil wir unser Bewusstsein getrübt haben, all das bedeutet Verletzen und Leid erzeugen. Der Buddhismus bezieht in das Anliegen des Nichtverletzens bekanntlich auch die Tiere mit ein. Tieropfer sind für ihn undenkbar. Es war dies für Siddhartha Gautama Buddha einer der Hauptgründe für seine Abkehr von der Religion des Brahmanismus. Ebenso dessen Haltung zu Krieg und Gewalt und zur Kastenordnung. Jedem Lebewesen einschließlich unserer selbst dagegen mit Achtung und Mitgefühl zu begegnen, beendet Leiden für uns selbst und für andere. Nicht mehr und nicht weniger ist das ganze Anliegen des Buddha und des Buddhismus – Beendigung des Leidens, das wir uns und anderen schaffen. Und nichts anderes meint das Ziel des Nirvana (Nibbana).

Um das zu erfüllen, beruht buddhistische Ethik nicht auf Geboten oder Verboten, aufoktroyiert durch höhere geistige oder weltliche Mächte sondern auf freiwilliger, von innen heraus motivierter Bemühung. Es wird nicht gesagt "du sollst" oder "du musst", sondern: "diese Übungsregel nehme ich auf mich". Es gibt keinen Zwang und kein Versprechen, auch keine Sündigkeit und kein Schuldbewusstsein, keine Verurteilung, keine Bestrafung. Es geht um die Wahrnehmung unserer Selbstverantwortung, die aber so konsequent wie möglich, fern von Scheinheiligkeit und Selbstbetrug.

Dieses Grundverhältnis zur Ethik ist für den Buddhismus so wichtig und prägend, dass sich auf Grund dessen – in deutlichem Unterschied zu den monotheistischen Religionen – nie eine buddhistische Rechtslehre oder Rechtstradition entwickelt hat, schon gar keine, von rechtlichen Begriffen geprägte Theologie. (mit Begriffen wie: Sünde, Schuld, Strafe, Busse, Rechtfertigung, Endgericht, Verdammnis, Vergebung, Gnade, Barmherzigkeit usw.)

Die buddhistische Ethik zielt stattdessen auf größtmögliche Bewusstheit in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Sie weckt uns dazu auf, zu wissen, was wir tun; aufzuhören damit, nicht sehen und nicht wissen zu wollen, uns unbewußt, blind und von außen gesteuert treiben zu lassen. Stattdessen: wahr-nehmen (im doppelten Sinne des Wortes), was geschieht – und zwar in mir, mit mir und außer mir. Es geht um Sati, um Achtsamkeit. Das innerste Wesen der buddhistischen Ethik und spirituellen Praxis insgesamt ist Achtsamkeit, und zwar immerwährende und umfassende Achtsamkeit.

Es geht in der ethischen Praxis des Buddhismus, z.B. bei der Annahme der 5 Silas auch nicht um ein Versprechen, eine Verpflichtung oder ein Gelöbnis, sondern um das Sich-üben in dieser Praxis, um die Ausrichtung meiner Lebenshaltung auf unermüdliches Beachten der ethischen Grundsätze. Auch wenn ich immer wieder gegen sie verstoße oder mich ihnen nicht gewachsen fühle. Verletzen wir die ethischen Regeln, so gibt es (aus der Religion selbst heraus) niemanden, der mich dafür verurteilt oder bestraft, sondern ich nehme mir in dem Falle vor, sie in Zukunft besser zu beachten, mich mehr zu bemühen – oder auch nur, die Übung auf jeden Fall fortzusetzen.

Beachte ich die ethische Praxis überhaupt nicht, so gibt es auch dann keine Strafe und keinen Strafenden sondern lediglich den Hinweis darauf, dass ich letztlich mir selber damit den größten Schaden zufüge. Denn jede Handlung wirkt nicht nur auf den anderen, sondern im gleichen Augenblick auf mich selbst zurück. Durch jede Handlung beeinflusse, forme, präge, ja erschaffe ich mich selbst, stelle ich die Bedingungen und Impulse für mein weiteres Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Handeln her und damit schließlich auch für das, was mir als davon ausgehende Wirkung begegnet. Ich erschaffe mich und ich schaffe (ob bewusst oder unbewusst) die Welt, die mir entgegentritt, bedinge die Erfahrungen, die - vermeintlich von außen - auf mich zukommen. Dies ist die buddhistische Sichtweise von Karma, bzw. wie es korrekter heißt, von kamma-vipaka (rückwirkendes Handeln). Es ist die Erkenntnis, dass wir zutiefst mitverantwortlich dafür sind, wie die Welt ist und wie wir sie erleben.

In dem Maße, in dem wir allseitige Achtsamkeit praktizieren, hören wir auf zu verletzen, übernehmen wir Selbstverantwortung, entwickeln wir Bewusstheit von uns selbst. Und in dem Maße, in dem wir Achtsamkeit praktizieren, entfalten wir Offenheit, Zuwendung, Mitgefühl und Liebe für andere. Achtsamkeit ist Geist und Herz der buddhistischen Praxis.

Samadhi:

Praktizieren wir so - über die Beachtung der Ethikregeln hinaus - die Übung umfassender Achtsamkeit, sind wir bereits auf der zweiten Ebene der buddhistischen Praxis angelangt, nämlich auf jener der geistigen Sammlung oder Meditation. Wenn es sich hier auch um eine höhere (spirituellere) Ebene von Praxis handelt, so bedeutet das nicht, dass sie nicht auch von Anfang an geübt werden kann. Im Gegenteil, die ethische Praxis gewinnt durch Samadhi, durch Sammlung, Konzentration, Geistesruhe an Tiefe und Kraft. Doch wo umgekehrt die ethische Grundpraxis (Sila) nicht geübt wird oder nicht ehrlich und ernsthaft ist, kann auf der Stufe der Meditation kein wirklicher Fortschritt erlangt werden. Diese Wahrheit wird im Westen von Meditations-Anfängern häufig gering geschätzt oder gar bewusst übergangen. Viele sind zunächst nur auf spirituelle Erlebnisse aus. In dem Falle kann Meditation auch unheilsame Folgen hervorbringen und in psychische Labilität oder Realitätsverlust oder einen bedenklichen Egotrip abgleiten.

Samadhi ist die Vertiefung der Achtsamkeit, ist das Richten der Achtsamkeit auf die Achtsamkeit selbst. Die zuvor auf die Vielheit der Dinge orientierte Achtsamkeit wird hier auf sich selbst konzentriert. Es geht darum, die Klarheit und Wachheit des Geistes zu erhöhen, den ständig umherschweifenden, unfriedlichen, chaotischen Geist zur Ruhe zu bringen. Der Übende bemüht sich, sein Bewusstsein auf die Inhalte seines Bewusstseins oder den eigenen Zustand zu sammeln. So werden wir unserer zerrissenen, friedlosen, schmerzvollen und leiderzeugenden Gedanken, Gefühle, Emotionen gewahr. Wir erkennen, dass der Unfriede in unserem Leben und in unserer Welt in uns selber – im Körper, in den Gefühlen, in den Gedanken – wohnt. Dass er seinen Ausgang nimmt in der Unfriedlichkeit (der Hetze, dem Stress, der Chaotik und Verwirrtheit) und der Unzufriedenheit (dem Habenwollen und Nichthabenwollen) unserer eigenen inneren Verfassung. Gier (Begehren), Hass (Aversion) und Verblendung (Nichtwissen) in unserem Geist nannte der Buddha die Wurzeln allen Leids.

Doch all dies lediglich wahrnehmend, uns nicht dafür verurteilend oder bestrafend, es sein und sich beruhigen lassend, hören wir auf, uns an etwas zu hängen oder umgekehrt etwas zu bekämpfen, an den Dingen oder Menschen anzuhaften oder sie abzulehnen. Wir lassen los und nehmen zugleich an. Stille, Gelassenheit, innerer Friede, geistige Freiheit und Offenheit entfalten sich.

Auf diese Weise gelangt die buddhistische Ethik (1. Ebene) auf eine (2.) Ebene, die weit stabiler und tragfähiger ist, als die der willentlichen Vermeidung von leidvollem Denken, Fühlen und Handeln. Ethik, Nichtverletzen verwirklicht sich dann ohne Anstrengung und Kampf.

Allerdings ist die Praxis der Samadhi- oder auch Samatha-Meditation in unserem normalen und vor allem modernen Lebensalltag nur schwer längere Zeit aufrecht zu erhalten. Es fehlt uns zumeist die äußere Ruhe und Abgeschiedenheit oder die innere Entschlossenheit und Disziplin dafür. Zu sehr sind wir von zahllosen Einflüssen, Wünschen, Antrieben, Abneigungen, Anforderungen, Problemen, Konflikten beansprucht oder lassen wir uns von diesen beherrschen. Wir unterliegen ja in der Welt der Moderne geradezu einem Dauer-Bombardement von zahllosen Sinneseindrücken. So sind die Zustände tiefen inneren Friedens, stabiler Wachheit und freier Gelassenheit leider selten und kaum dauerhaft.

Die älteste buddhistische Tradition, der Theravada besteht darüber hinaus auf der Ansicht, dass auf dem Wege des Samadhi bzw. der Samatha-Meditation die Befreiung, wie sie der Buddha erfuhr (Erwachen, Erleuchtung) ohnehin nicht zu erlangen ist. Buddha selber hatte diese Erkenntnis dazu veranlasst, nach langer Suche und Schülerschaft unter den Samadhi-praktizierenden Weisheits-Lehrern seiner Zeit, seinen eigenen geistigen Weg zu gehen und die Methode der Satipatthana- oder Vipassana-Meditation zu entwickeln, die, über die Erlangung vollkommener Geistesruhe hinaus, auf grundlegendes Durchschauen der Wirklichkeit, auf höchste Erkenntnis zielt.

Pañña:

Es bedarf somit eines weiteren Schrittes, einer noch tieferen Verankerung der buddhistischen Ethik, unserer Übung von Achtsamkeit und Nichtverletzen. Das ist die Stufe von Pañña, von Einsicht, von Erkenntnis, Entfaltung von Weisheit. Erst selber erworbene und "den Dingen auf den Grund gehende Einsicht" (yoniso manasikara) ist tragfähig, gründlich und dauerhaft, geht nicht verloren. Befreiende Erkenntnis war die Erfahrung, die der Buddha in jener Nacht hatte, die man die "Nacht der Erleuchtung" nennt.

Eine der vielen Konsequenzen daraus enthält folgende berühmte Lehrrede des Buddha. In dem Sutta geht es um eine Antwort des Erwachten an die nach einem Kriterium für Wahrheit suchenden Bewohner der Stadt Kalama. Dort heißt es:

"Geht Kalamer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber Kalamer, selber erkennt: Diese Dinge sind unheilsam, sind verwerflich, werden von Verständigen getadelt. Und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Unheil und Leiden, dann oh Kalamer, möget ihr sie aufgeben." (Anguttara-Nikaya III, 66, Kalama-Sutta)

Es geht den Menschen aus Kalama um die alte erkenntnistheoretische Frage: was ist Wahrheit? Wie können wir Wahres von Unwahrem unterscheiden? Welches Kriterium hilft uns zu entscheiden, was wir als richtige Lehre annehmen können? Buddha antwortet darauf: das Kriterium ist, ob das Gesagte Leiden erzeugt oder nicht erzeugt bzw. gar Leiden überwindet. Wahr ist, was heilsam ist, unwahr ist, was unheilsam ist. Und heilsam meint: Leid vermeidend, überwindend, beendend. Die Ethik gibt im Buddhismus also die Antwort auf die Frage der Erkenntnistheorie und die Erkenntnistheorie beantwortet die Frage nach der Grundlage der Ethik.

Buddhas Ethik gründet auf eigener, freier, wacher Einsicht in die Wirklichkeit der Dinge und des Lebens. Die buddhistische Ethik lehrt nicht etwas, was – wie in der westlichen Wissenschaft – zur Erkenntnis der Wirklichkeit (Physik, Chemie, Biologie, Soziologie, Psychologie usw.) zusätzlich hinzukommen muss, sondern was aus der Erkenntnis der Wirklichkeit unmittelbar hervorgeht. Es ist dies allerdings nicht die äußere, vermeintlich objektive Wirklichkeit der Dinge, wie sie uns die herkömmliche Wissenschaft liefert. Es geht um unsere Wirklichkeit, die Wirklichkeit unser selbst. Es geht um die tiefgehende Selbsterfahrung des Erkennenden. Von ihr sagt der Buddha: "Wer sich selbst erkennt, der erkennt die Welt." In uns liegt der Ursprung dafür, wie die Welt ist und wie wir sie erschaffen.

Diese Selbsterkenntnis besteht auf ihrer höchsten Ebene in der paradoxen Einsicht in die Nichtexistenz eines vom anderen getrennten, für sich und aus sich bestehenden, dauerhaften Ich oder Selbst.

Auf diese Weise wird Wirklichkeitserkenntnis zur höchsten Grundlage von Ethik. Denn nichts anderes als das Wirken des für die Wirklichkeit blinden Egos ist der Grund, warum es überhaupt Ethik gibt und was Ethik zu überwinden sucht. Ethik dient der Gemeinschaftlichkeit des Menschen, dient der Überwindung unserer leiderzeugenden Ichverhaftung. Wir überwinden unser Egoverhalten, unsere unheilsame Selbstbezogenheit, indem wir uns selbst im Anderen erkennen und den Anderen in uns, indem wir unsere grenzenlose Verbundenheit erfahren mit allem, was existiert.

Der Buddha hat diese innere Verknüpfung von Einsicht und Ethik sowie von Ich und dem Anderen in folgendem kurzen Satz zum Ausdruck gebracht:

"Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst."
(Satipatthana Samyutta, Nr. 19)

Das einfühlsame und ungetrennte auf uns selbst und den anderen achten, lässt unmittelbar nichtbegrenzende Liebe (metta) und umfassendes Mitgefühl (karuna) erwachen. Und damit auch eine Haltung unmittelbarer Verantwortlichkeit, die keiner ethischen Grundsätze, Gebote, Regeln und Prinzipien mehr bedarf.

Pañña, Weisheit - die höchste Ebene der Verwirklichung buddhistischer ethischer Praxis ist auf diese Weise eine Ethik, die keine Ethik mehr ist, oder - anders gesagt - eine Lebenspraxis, die keine ausdrückliche Ethik mehr braucht. Das Denken, Fühlen und Handeln eines aus dieser Einsichtsstufe heraus Wirkenden - eines Buddha, eines Erwachten - ist in jeder Situation ganz natürlich und spontan ethisch.


Moral oder Ethik

Der letztere Aspekt ist von besonderer Wichtigkeit für ein tiefes Verständnis entwickelter buddhistischer Ethik. Um das noch mehr zu verdeutlichen, möchte ich kurz auf die ethische Diskussion der letzten 100 Jahre in unserer westlichen Kultur eingehen.

Seitdem Nietzsche die - wie er es sah - wenig frohmachende und heilvolle Moral des abendländischen Christentums anprangerte und Freud den krankmachenden moralischen Verdrängungsmechanismus der europäisch-bürgerlichen Psyche aufdeckte, erleben wir in der westlichen Zivilisation ebenso den Zusammenbruch der Gültigkeit der traditionellen ethischen Orientierung und der sie tragenden Mächte, wie auch die immer intensivere Diskussion darum, wie den ebenso unheilsamen Folgen des Zusammenbruchs der alten Ordnung zu begegnen sei. Küngs Projekt Weltethos ist ein unmittelbarer Ausdruck dieser Entwicklung und Debatte.

Hier bietet eine leider nur wenig bekannte, doch inhaltlich um so bedeutsamere Untersuchung wertvolle Erkenntnisse. Die Schrift heißt: "Tiefenpsychologie und Neue Ethik", ihr Autor ist der deutsch-jüdische Tiefenpsychologe und C.G.Jung-Schüler Erich Neumann und sie erschien 1948, also unmittelbar nach der größten moralischen Katastrophe und Barbarei der abendländischen Geschichte.

Neumann diagnostiziert in der aktuellen Kulturgeschichte der Menschheit den Zusammenbruch der - wie er sie nennt - "alten Ethik" und das Heraufkommen einer "neuen Ethik". Die alte Ethik kennzeichnet er als eine Außenethik, als Gesetzesethik - die neue Ethik als eine Innenethik, als Ganzheitsethik. Die alte Ethik ist jene, wie sie uns insbesondere durch die Stifter- und Offenbarungsreligionen (vor allem die abrahamitisch-monotheistischen Religionen oder z.B. den Konfuzianismus) vermittelt wurde. Sie beruft sich unmittelbar auf Gott selber, tritt auf in der Form ethisch-moralisch-sittlicher Gebote, Verbote, Normen, Gesetze und wird übermittelt durch Propheten, Heilige, Weise, Könige, Helden, Anführer und Gesetzgeber. Diese Ethik wird den Menschen als Moralgesetz von oben nach unten, autoritär auferlegt, bzw. von außen nach innen, erzieherisch eingeprägt. Wir nennen sie auch die normative Ethik. Sie ist beherrscht von einer dualistischen Sichtweise der Wirklichkeit, vom "Kampf des Guten gegen das Böse". Dazu ist Gewalt als Mittel der "Ausrottung des Bösen" berechtigt, ja geradezu moralisch geboten. Darum braucht die alte Ethik Gesetze, Polizei, Gerichte, Urteile, Strafen, Gefängnisse, Militär... und damit Verletzen, Unterdrückung, Zerstörung, Gewalt, Töten und Krieg.

Die schwarz-weiss-denkende und -urteilende alte Ethik, so sagt Neumann, projiziert mit Vorliebe das eigene Böse (den eigenen inneren Schatten) auf den anderen. Sie erschafft Sündenböcke, die an allem schuld sind und schlägt Opferlämmer zur Sühne und Erlösung ans Kreuz. Um hier kein Missverständnis entstehen zu lassen: dies ist keine Kritik an der zentralen Botschaft des Christentums sondern ihre Bestätigung. Es ist nicht Gott oder Jesus, der ans Kreuz schlägt oder dies von uns verlangt, sondern es ist der Mensch, es ist die alte Ethik die kreuzigt. Sie reinigt sich (vermeintlich) vom Bösen durch Blut. Ihre letzte logische Konsequenz - so Neumann - ist Auschwitz.

Dagegen setzt Neumann die "neue Ethik". Sie kommt nicht von oben und außen sondern von innen. Sie beruht auf eigener Erfahrung und Einsicht und wird beachtet auf Grund freiwilliger Entscheidung. Sie sucht und verfolgt das Böse (den Schatten) nicht im anderen sondern erkennt und anerkennt das (zuweilen auch nur vermeintlich) Böse als in uns selbst existierend. Darum braucht die neue Ethik keinen Kampf und keine Gewalt, weder gegen andere noch gegen uns selbst. Ihre Grundlage ist die umfassende (den Schatten integrierende) Selbsterkenntnis aus welcher die frei gewählte Eigenverantwortlichkeit hervorgeht. Die neue Ethik bedarf von daher der Entfaltung von Freiheit, Bewusstheit, Einsicht, der Verantwortung, der Zuwendung, des Mitgefühls.

Die neue Ethik ist eine Ethik der Selbstverantwortung, während die alte Ethik eine Ethik der Fremdbestimmung ist und das macht die grundsätzliche Unhaltbarkeit der letzteren aus.

Was Neumann "alte" und "neue Ethik" nennt, das unterscheiden andere Denker in den Begriffen Moral und Ethik. (Dies weicht bewusst von dem Verständnis ab, das in der Ethik die Theorie und in der Moral die Praxis richtigen Tuns sieht.) Der für das 20. Jahrhundert bedeutende Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb 1922 in seinem Hauptwerk "Tractatus logico-philosophicus" den rätselhaften Satz: "Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt." Und: "Wenn ein ethisches Gesetz der Form "du sollst" aufgestellt wird, dann ist der erste Gedanke: ΄Und was dann, wenn ich es nicht tue?΄ Es ist aber klar, daß die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat....Nichtsdestoweniger muss es eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben: Diese müssen in der Handlung selbst liegen."

Einem weiteren bedeutenden Österreicher - einem Wiener Verwandten Wittgensteins - dem (2002 verstorbenen) Konstruktivisten Heinz von Foerster wurden diese Sätze zum ethischen Leitmotiv seines Lebens. Dies kam für ihn darin zum Ausdruck, dass er - wie er später sagte - vom Kybernetiker zum KybernEthiker wurde. In seinen letzten Lebensjahren bemühte er sich darum, eine ethische Kybernetik bzw. eine kybernetische Ethik zu entwickeln. Er erläuterte: "Moral und Ethik beziehen sich auf zwei verschiedene Bereiche....Daher ist Ethologie die Lehre vom Verhalten, während Moral die gesammelten mores sind, die Sitten, die eine Gesellschaft sich durch ihr Zusammenleben über Jahrhunderte oder Jahrtausende konstruiert hat." Und "Die Handlung selbst muss der Lohn sein. Das ist die Idee von einer Ethik, die sich nicht aussprechen lässt. Warum? Von meinem Standpunkt aus ist Ethik Handlung, das Verhalten. Ethik heißt für mich Tun."

Für Wittgenstein und von Foerster ist die "alte Ethik" Moralisieren und Moralpredigen. Hier wird Ethik gefordert und jeweils von anderen gefordert, hier heißt es "Du sollst". Die alte Ethik bezieht sich selbst nicht ein, schaut nicht auf sich selbst. Sie wird verkündet aber nicht selbst praktiziert. Sie verlangt Ethik, ohne selbst ethisch zu sein. Die neue Ethik dagegen bezieht sich selbst ein. Sie ist auch ethisch im Hinblick darauf, wie sie auftritt. Der ethische Beobachter beobachtet sich selbst und indem er sich selbst beobachtet, lebt er Ethik. Von Foerster sagt: "Ethik ist implizit." Sie zeigt sich im Handeln, auch im Sprechen als Handeln, nicht aber im Verkünden oder Fordern.

Moralisierer dagegen fällen mit Leidenschaft ethische Urteil über andere, ohne zu erkennen, wie unethisch sie selbst dabei handeln. Sie geben sich über den Anderen erhaben, akzeptieren ihn nicht, drängen sich ihm auf, urteilen ab, demütigen und schließen aus. Das Moralisieren bzw. die alte Ethik verhindert so gerade das, was sie angeblich herbeiführen will, die Unverletzlichkeit und die Einheit der Menschen.

Die Lehre des Buddha kennt die Unterscheidung zwischen äußerer gesetzter Moral und innerer gelebter Ethik auch begrifflich von Anfang an. Der buddhistische Gelehrte Nyanatiloka schreibt in seinem "Buddhistischen Wörterbuch": "Pakati síla - die ‘Natürliche oder eigentliche Sittlichkeit', bildet den Gegensatz zu der in äußeren Vorschriften bestehenden Sittlichkeit (paññatti-síla). Paññatti síla - ‘Vorgeschriebene Sittlichkeit' bezeichnet die an sich moralisch neutralen, rein äußerlichen Mönchsregeln zum Unterschied von der natürlichen oder eigentlichen Sittlichkeit."

Dem buddhistischen Kaiser Ashoka, der im Indien des 2. Jh. v. Chr. den ersten Sozialstaat der Geschichte errichtete und den Krieg als Mittel der Politik bereits ächtete, waren darum schon damals die zwei Arten der Ethik, die prinzipielle Unzulänglichkeit ethischer Gesetzgebung und die Überlegenheit einer auf Freiheit gründenden Einsicht klar bewußt. In seinem 7. Pfeiler-Edikt hatte er niederschreiben lassen:

"Die Vervollkommnung der ethischen Lebensführung haben die Menschen auf zweierlei Wegen erlangt, durch Moralvorschriften und durch eigene Überzeugung. Hierbei richten Moralvorschriften indes nur wenig aus, mehr dagegen vermag die eigene Überzeugung. Eine Moralvorschrift war es z.B., wenn ich bestimmte Lebewesen für unverletzlich erklärte. [Auf Ashoka geht die bis heute geltende indische Tradition zurück, keine Kühe zu töten.] Und auch andere Moralvorschriften habe ich erlassen. Durch die eigene Überzeugung aber erhält die Vervollkommnung der sittlichen Lebensführung der Menschen einen viel stärkeren Antrieb und hierdurch wird dann schonende Behandlung und das Meiden des Tötens erreicht."

Trotz Buddhas Lehre einer Ethik, die auf sich selbst achtet, und trotz seiner eindeutigen Warnung vor jeglichem Urteilen über andere, gibt es in Asien, wie im stark vom Urteile-fällen geprägten Westen, leider nicht wenige "Buddhisten", die dennoch jener moralisierenden "alten Ethik" folgen, indem sie z.B. die uralte indische Karmalehre dazu mißbrauchen, zynische und selbstgerechte Urteile über das angebliche "Karma" oder die vermeintliche "Schuld" oder "Strafe" zu fällen, die sie im Schicksal anderer zu erkennen glauben. Buddhistische Ethik ist eine ganzheitliche, eine rekursive, eine ethische Ethik. Sie achtet darauf, daß wir in unserem ethischen Denken selbst ethisch denken.

Aber auch Jesu Botschaft enthielt in seiner, von Gewaltfreiheit und Sanftmut geprägten Bergpredigt, in seinem auf Hingabe und Nichtkämpfen beruhenden Kreuzestod diesen Impuls der neuen Ethik. Leider wurde diese Lehre und Aussagen wie: "Urteilt nicht, damit ihr nicht verteilt werdet" oder "Widersteht nicht dem Bösen" in der Geschichte des Christentum und Abendlands allzu sehr ignoriert.


Die Ethik des Weltethos

Die Erklärung zum Weltethos enthält jene Einsichten und die heute unbedingt notwendige Unterscheidung von Moral und Ethik mit – wie ich es sehe – nicht ausreichender Deutlichkeit. Zwar handelt es sich in der Erklärung um eine Selbstverpflichtung der Vertreter der Religionen, darin ist sie neue Ethik. Doch enthält sie auch einige stark moralisierende Züge nach dem Muster der alten Ethik. Z.B. hat sie da, wo sie die buddhistischen Silas übernommen hat, nicht auch die Haltung des sich selbst darin Übens übernommen, sondern verkündet in gewohnter Tonart: "Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit (aber) vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!"

Auch wird im Text immer wieder von "unverrückbaren, unbedingten ethischen Werten, Maßstäben und Normen" gesprochen. Doch wer definiert, was unverrückbar und Norm ist? Worauf gründet sich das Weltethos? Auf der geistigen Kraft und weltlichen Macht der Religionen, die derzeit doch eher instabil und nicht selten zwiespältig ist? Auf äußerer Autorität oder auf innerer Einsicht?

Es wird gesagt, der heutige Verlust der Ethik beruhe darauf, dass die Menschen nicht mehr wüßten, was "unbedingte moralische Norm" sei, darum müsse Ihnen das wieder gesagt, müßten sie wieder daran erinnert werden. Obwohl das sicher zutrifft, drückt es noch die Sichtweise der alten Ethik aus. Ich meine: viele Menschen sind heute nicht unethisch, weil sie nicht mehr wissen, was ethisch ist, sondern weil sie gar nicht mehr wissen wollen, was ethisch ist. Und zwar weil sie die Art ablehnen, wie die alte Ethik bzw. Moral entstanden ist und vermittelt wurde.

Die Menschen wollen das leben und beachten, was sie aus sich selbst als lebens- und beachtenswert erkennen. Sie wollen ihre ethischen Prinzipien selbst entwickeln, um sie dann auch selbst leben zu können. Die neue Ethik kann deshalb nur eine Ethik des Nicht-Moralisierens sein. Sie kann nicht mehr gefordert, gelehrt, ja ausgesprochen werden. Sie kann letztlich nur gelebt werden und das heißt, sie muss von denen, die sie vertreten und fördern wollen, vorgelebt werden.

Es mag durchaus sein, dass die Situation und Krise, in die sich die Menschheit heute gebracht hat, uns eigentlich nicht die Zeit lässt, auf das Erwachen und Wachsen eines neuen ethischen Bewusstseins der freien Selbstverantwortung zu warten, so dass es nötig ist, die Menschen autoritativ zur Verantwortung zu rufen. Doch, wo genau das heute nicht mehr wirksam ist, wo die Haltung und Wirkung der alten Ethik möglicherweise selbst eine entscheidende Wurzel unserer Probleme ist, ist zu fragen, ob die bedrohliche Situation überwunden werden kann, auf einem Weg, der selber zu ihrem Entstehen beitragen hat.

Nicht nur diese Frage, die sich aus den Einstellungsveränderungen in unseren Gesellschaften ergibt, sondern auch die politischen Ereignisse der jüngsten Zeit – spätestens seit dem 11. Sept. 2001 – veranlassen uns, das Thema der ethischen Krise und des Weltethos noch einmal sehr gründlich unter dieser neuen und – wie wir gesehen haben – zugleich schon sehr alten Sichtweise zu beleuchten. Das Projekt Weltethos und die ethische Diskussion der letzten 20 Jahre gehen nämlich von einer Kerndiagnose aus, die heißt: wir haben es mit einer weltweiten Auflösung moralisch-ethischer Bindung und Orientierung zu tun. Dementsprechend bedarf es einer Wiederbelebung solcher Bindung und Orientierung, bedarf es einer ethischen Offensive. Dem moralischen Zerfall muss entgegengewirkt werden und zwar auf globaler Ebene.

Doch - wenn wir genau hinschauen – kommen wir nicht umhin festzustellen: wir haben diese moralische Offensive schon, allerdings als extremer Rückfall in die Haltung der alten Ethik. Osama Bin Laden und George W. Bush, der islamische wie der christliche Fundamentalismus sehen sich beide im unerbittlichen globalen Kampf gegen die Unmoral und den Sittenverfall. Und beide sehen die Ursache des allgemeinen Niedergangs der überkommenen Ordnung und Moral im jeweils anderen. Amerika ist der "Satan auf Erden" und Al Qaida das "Netzwerk des Bösen". Darum gilt es jeweils den Anderen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vernichten. Und welche Mittel sind dies auf beiden Seiten? Es ist die Missachtung jeglicher Ethik, jeder Menschlichkeit, jeder wahren Religiosität. Das Böse soll vernichtet werden, indem das Böse unmittelbar entfesselt wird. Die Unmoral im gemeinsamen Haus soll durch die Vordertür vertrieben werden, indem sie durch die Hintertür einbricht. Es ist ein Weg in die gemeinsame Katastrophe und das Ende jeglicher Ethik.

Wenn es noch einer offensichtlichen Illustration dessen bedurfte, was die alte Ethik kennzeichnet: die Bilder aus dem Foltergefängnis von Bagdad, auf denen US-Soldaten ihren perversen Spaß an der grausamen Erniedrigung anderer Menschen dokumentierten, zeigen dies auf drastische Weise: völlige Abwesenheit von praktizierter Moral bei gleichzeitig völlig fehlendem Schuldbewusstsein und unerschütterlichem moralischen Überlegenheits- und Sendungsanspruch. Solche Bilder sind keine zufälligen Entgleisungen einzelner, sondern sie zeigen die missionarische Doppelmoral, mit der die abendländische Zivilisation seit 500 Jahren gegenüber allen außereuropäischen Kulturen aufgetreten ist, ob das die Indianer, die Afrikaner, die Chinesen oder welche Menschen auch immer waren.

Es ist gut, wenn dieser Widerspruch heute endlich als Katastrophe gesehen wird. So hat die militärische, politische und ethische Krise, in die uns sowohl der Terrorismus wie der Krieg gegen den Terror geführt haben, – bei aller Tragik – auch ihre heilsame Seite. Es ist nun offensichtlich geworden, dass das im anderen gesehene Böse nicht bekämpft werden kann, ohne selber böse zu werden (was übrigens schon unsere Alltagssprache weiß). Es ist offensichtlich geworden, dass sich Ethik dem anderen nicht aufzwingen lässt, ohne selber die Ethik zu verlassen. Es ist offensichtlich geworden, dass Krieg und Gewalt keine Mittel der Lösung von Problemen und nie ein Weg der Ethik sein können. Die Idee der "humanitären Gewalt" ist ein absurder Widerspruch in sich selbst, eine gefährliche Selbsttäuschung. (Was nicht ausschließt, dass Soldaten auch humanitär wirken können, doch nicht durch Ausübung von Terror, Zerstörung, Folter und Erniedrigung gegenüber Menschen.)

Die Ethik der Zukunft kann ab jetzt keine Ethik mehr sein, die sich an den anderen richtet, die wir vom anderen fordern, dem anderen aufzwingen wollen, sondern nur noch eine Ethik, die sich an uns selbst richtet, zu der wir uns selbst bewusst entschließen. Und zwar auf Grund tiefer Einsicht in die Wirklichkeit und das Leiden, das wir fähig sind zu schaffen. Also auf der Basis von Selbsterkenntnis.

Die Ethik der Zukunft kann keine Ethik der Gewalt, der Drohung, der Bestrafung mehr sein wie auch keine der Angst, des schlechten Gewissens, der Schuldgefühle, der Vermeidung von Strafe. Sie ist eine Ethik, die im ethischen Handeln unmittelbar Erfüllung, Freude und Kraft findet, die – wie Wittgenstein sagt – ihren Lohn in der Handlung selbst hat.

Um zum Ende zu kommen: die Religionen, die Philosophen, die Ethiker müssen heute erkennen, dass sie selbst einen schwerwiegenden Anteil an der gegenwärtigen Krise der Menschheit haben, weil sie – im Stil der alten Ethik – sich bisher selber allzu wenig in die von ihnen verkündete Ethik einbezogen haben, während sie sich berufen fühlten, sie anderen gegenüber zu lehren und durchzusetzen. Auch das Projekt Weltethos muss in diesem Sinne voll und ganz zur neuen Ethik werden, indem wir uns als Einzelne und als Religionen vor allem zur Aufgabe machen, es selber zu leben. Und indem wir uns dabei zusammenschließen, findet das Weltethos auch bereits seine Verwirklichung. In diesem Sinne kann ich schließen mit den Worten der Erklärung zum Weltethos selbst:

"Unsere Erde kann nicht zum Besseren verändert werden, ohne daß das Bewusstsein des Einzelnen geändert wird. Wir plädieren für einen individuellen und kollektiven Bewusstseinswandel, für ein Erwecken unserer spirituellen Kräfte durch Reflexion, Meditation, Gebet und positives Denken, für eine Umkehr der Herzen. Gemeinsam können wir Berge versetzen! Ohne Risiko und Opferbereitschaft gibt es keine grundlegende Veränderung unsere Situation! Deshalb verpflichten wir uns auf ein gemeinsames Weltethos: auf ein besseres gegenseitiges Verstehen sowie auf sozialverträgliche, friedensfördernde und naturfreundliche Lebensformen. Wir laden alle Mensch, ob religiös oder nicht, ein, dasselbe zu tun!"

Franz-Johannes Litsch, Mai 2004





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[Stand: Mai 2004]