Buddhistische Konfliktlösung

Buchbesprechung von "Achtsame Mediation" von John McConnell

Franz-Johannes Litsch


Buddhisten sind friedlich und tolerant, sie streiten nicht und führen keine Kriege. So zumindest geht heute ihr Ruf und das bringt ihnen viel Sympathie ein. Sicher, die Lehre und Praxis des Buddha kennt keinerlei Rechtfertigung von Gewalt und Krieg. Streit, Kampf, Heldentum, Patriotismus haben hier nichts rühmliches. Gefühle von Aversion, Hass, Neid, Groll, Wut, Feindschaft gelten als schwere Hindernisse auf dem Weg der Buddhaschaft. Und tatsächlich kann der Buddhismus im großen und ganzen eine deutlich friedlichere und freundlichere Geschichte vorweisen als die meisten anderen Religionen. Missionskriege nach außen und Inquisition nach innen waren ihm fremd. Doch alltäglicher Streit unter Einzelnen, in oder zwischen Gemeinschaften, wie auch größere Konflikte, sogar Kriege gab und gibt es auch unter Buddhisten, in oder zwischen buddhistischen Ländern.

In unserer heutigen, globalisierten Welt haben wir den schmerzlichen Eindruck, dass Aggressivität und Hass, Gewaltbereitschaft und Brutalität immer mehr zunehmen. Beginnend bei unseren Kids, über das soziale Klima in unserer Gesellschaft, bis zur globalen Politik. Gibt es noch einen Tag, wo in den Nachrichten nicht über entsetzliche Terroranschläge, Amokläufe, Massaker oder martialische Militäraktionen berichtet wird? Und dies, wo die Sehnsucht nach Frieden und Verständigung in der Menschheitsgeschichte noch nie so groß war und so stark zum Ausdruck gebracht wurde.

Konfliktvermittlung, Streitschlichtung, Friedensarbeit tut not. Und - weit mehr als wir gemeinhin wissen, findet sie auch statt. Sie wächst sogar erstaunlich, nicht weniger als die Konflikte. Bloß macht dies kaum Schlagzeilen. Mediation - Konfliktvermittlung - ist in den letzten Jahren eine weltweite Bewegung geworden. Großen Anteil an ihrem Entstehen haben die amerikanischen Quäker, eine im 17. Jh. in England entstandene spirituell-pazifistische Gemeinschaft, vornehmlich verbreitet in den USA. Die "Gesellschaft der Freunde" pflegt schon lange die aktive Versöhnungsarbeit. Ein Name wurde besonders bekannt: Marshall Rosenberg, eine charismatische Persönlichkeit. Er steht für das Stichwort "gewaltfreie Kommunikation" und überall auf der Welt bietet er dafür Trainingskurse an. Westliche buddhistische Lehrer entdecken ihn und seine Methoden zunehmend als wertvolle Bereicherung ihrer Dharmaarbeit.

Doch müssen wir Methoden der Gewaltfreiheit, Konfliktlösung und Verständigung außerhalb suchen? Bietet der Dharma dafür keine Grundlagen und Mittel an? Wer die Sutta- und Vinaya-Texte des Pali-Kanon kennt, der weiß, dass der Buddha vor 2500 Jahren nicht nur die Meditation lehrte, sondern auch die Mediation, sie war ein wesentlicher Teil seiner persönlichen Praxis während seiner 45-jährigen Lehrtätigkeit. Denn auch die Zeiten Buddhas waren nicht friedlich und selbst in seiner Schülerschaft, seiner Sangha liefen die Dinge nicht frei von Streit und Problemen. Buddha hat uns nicht nur einen Weg für den individuellen inneren Frieden gezeigt, sondern auch für den äußeren in der Gemeinschaft. Mehrfach hat Buddha zu seinen Lebzeiten als Mediator und Friedensstifter zwischen verfeindeten Parteien gewirkt, zweimal konnte er durch sein direktes Eingreifen drohende Kriege verhindern und etliche Male hat er wirkungsvoll Konflikte unter seiner Jüngerschaft geschlichtet.

Ende der 80er Jahre wurde in Thailand das "International Network of Engaged Buddhists" gegründet. Ganz oben auf der Liste seiner Aufgaben und Ziele stand, geistig und praktisch zur Friedensarbeit, zur Überwindung von Streit, Gewalt und Feindschaft in und unter buddhistischen Gemeinschaften, Völkern und Ländern beizutragen. Zum Beispiel bei der Überwindung des Hass- und Gewaltpotentials der vom Vietnamkrieg der USA, der Terrorherrschaft der Roten Khmer und des nachfolgenden Bürgerkriegs traumatisierten Bevölkerung Kambodschas. Oder zur Beendigung des sinnlosen und verheerenden Krieges zwischen Singhalesen und Tamilen in Sri Lanka. Oder für eine Verständigung zwischen Chinesen und Tibetern, um die drohende Vernichtung der tibetischen Kultur zu verhindern.

Das Netzwerk führte in verschiedenen Ländern Workshops und Trainingskurse für Mönche, Nonnen und Laien in gewaltfreier Kommunikation und Konfliktlösung durch. Erfahrene westliche Mediatoren stellten sich dafür zur Verfügung. Einer von diesen war John McConnell aus England. Ehemals Quäker hat er sich etliche Jahre in Sri Lanka und Südostasien in der Konfliktvermittlung betätigt. Ihm war schnell klar, dass seine Arbeit dort am besten mit der Hilfe des Dhamma gelingen würde. Er lernte die Lehre des Buddha kennen und entdeckte, dass sie für dieses Anliegen nicht nur sehr nützlich, sondern geradezu prädestiniert ist, dass sie noch weit tiefere, geistige und methodische Ansätze liefert, als sie die bisherige Mediation kennt. Heute ist McConnell Buddhist und arbeitet auf der Grundlage der Lehren des Theravada. Nun erschien von ihm auch auf Deutsch ein Buch, das Mitte der 90er Jahre aus seiner Arbeit und der des Netzwerks hervorgegangen ist. Es ist die erste gründliche Verarbeitung der dort erworbenen Erfahrungen und Einsichten. Ich halte es für eines der wichtigsten buddhistischen Bücher der letzten Jahre.

Für McConnell besteht der grundlegende Ausgangspunkt buddhistischer Konfliktlösung auf dem Verstehen des "wechselseitigen bedingten Entstehens" (paticca samuppada) aller Konflikte, ja aller geistigen Phänomene. Die Essenz der gesamten Lehre des Buddha ist in dieser Lehre enthalten. Sie hat zwei Bedeutungsebenen, die eine ist die Lehre von paticca samuppada im Sinne des allgemeinen, umfassenden, wechselseitigen Bedingtsein aller Erscheinungen (auch idapaccayata genannt). Die andere Ebene ist die Lehre von paticca samuppada im engeren Sinne als zwölfgliedriger Bedingungskreislauf (auch maha-nidana genannt), als Kreislauf der Wiedergeburt von Anhaftung und Leiden.

Die erste Verständnisebene weist uns darauf hin, dass es keine einseitig Schuldigen, recht habenden, die Wahrheit vertretenden bei einem Konflikt gibt, sondern dass "die Tatsachen" ein äußerst komplexes Geflecht von Wahrnehmungen, Interpretationen, Projektionen, Aktionen und Reaktionen darstellen, an dem immer mindestens zwei, meistens mehrere, ja die gesamte Mitwelt (der Kontext) beteiligt sind. Einseitigkeit und Parteilichkeit führen darum zu keiner Lösung sondern nur zur Eskalation und Verhärtung. Mediation beruht wie das Wort sagt darauf, einen Weg oder eine Position der Mitte einzunehmen, was heißt: sich mit keiner Seite zu identifizieren aber für beide Seiten offen zu sein. Beiden Seiten die Möglichkeit zu geben, ihre Sichtweise darzustellen und die der anderen kennen- und verstehen zu lernen.

Die zweite Verständnisebene von paticca samuppada, der sog. Bedingungskreislauf zeigt uns, dass Wirklichkeit nicht ursprünglich gegeben ist, sondern erst in uns entsteht, durch uns über einen sich selbst hervorbringenden Prozess geschaffen wird und vom Geiste ausgehend über die Gefühle ins Körperliche hinein manifest wird. Dies betrifft unser Ichbild, die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, wie unser Weltbild, die Vorstellungen die wir über andere und die Dinge haben. Auf die gleiche Weise, über den selben Bedingungskreislauf entstehen auch unsere Streitigkeiten und Konflikte. Wobei jede Wiederholung dieses Kreislaufs die Täuschung vertieft, die Anhaftung verstärkt, die karmische Wirkung verschlimmert. Die vermeintliche Wirklichkeit wird immer stabiler und der Konflikt eskaliert immer mehr.

Der Befreiungsweg des Buddha besteht darin, den ständigen Prozess des eigenen Erzeugens unserer Wirklichkeit mit Achtsamkeit und Einsicht zu durchschauen. Dabei einerseits zu sehen, wie er entsteht und woraus er entsteht und was unsere wirklichen Motive, was unsere Täuschungen und Anhaftungen sind und andererseits, dass er und alles letztendlich leer ist, d.h. offen für Lösungen und Begegnung.

Konfliktlösung und Mediation ist möglich, wo Einsicht und Mitgefühl erscheint, sowohl beim Mediator wie bei den Konfliktparteien. Und eben dazu dient die buddhistische Meditation. Je mehr wir in der Meditation uns selbst kennen und auch akzeptieren lernen, erlangen wir Verständnis und Mitgefühl für den anderen, werden wir fähig für Ausgleich. In Meditation und Mediation geht es um Achtsamkeit für das, was ist und geschieht, um Nichtanhaften an Sichtweisen, Wünschen, Dingen und Personen, um das Loslassen von Ich und das Zulassen von Offenheit. Meditation und Mediation schaffen Räume, die Verständnis und Gemeinsamkeit möglich machen. Wir sollten sie als Einheit erkennen und praktizieren.

John McConnell: Achtsame Mediation, Buddhistische Wege der Konfliktbearbeitung, Bestellung bei:

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[Stand: Mai 2004/ August 2003]