Der Beitrag des Buddhismus zur Überwindung der Gewalt

Franz-Johannes Litsch


Schriftliche Fassung eines stark gekürzten Vortrags auf dem Seminar der Landeszentrale für Politische Bildung: "Brücken in die Zukunft - Über den Zusammenhang von Religions- und Weltfrieden" am 20. April 2002 in Magdeburg.

Angesichts der jüngsten Ereignisse ist es wohl kaum nötig, die Bedeutung und Aktualität des Themas zu begründen oder eigens in Erinnerung zu rufen. Faktisch befinden wir uns mit Bushs Krieg gegen "die Achse des Bösen" im 3. Weltkrieg. Gewalt und Gegengewalt in Israel und Palästina steigern sich in immer brutalere Ausmaße des Irrsinns hinein, während die ganze Welt untätig zuschaut. Und mitten in unseren scheinbar wohlstandsbefriedigten westlichen Gesellschaften brechen immer wieder schreckliche Szenarien von alltäglichem Krieg jedes gegen jeden auf.

Dabei gehen im Konkurrenzkampf der Sensationsnachrichten all jene Ereignisse verloren, die von erfolgreichen und hoffnungsvollen Beispielen der Überwindung der Gewalt zeugen. Die Medienöffentlichkeit ist fast nur noch auf die Gewalt fixiert, so dass die Frage gestellt werden muss, ob sie überhaupt ein Interesse daran hat, dass Gewalt und Krieg überwunden werden. Denn, wie nur wenig anderes erregt Gewalt unsere Neugier und Aufmerksamkeit und in der globalen Mediengesellschaft kann der Gewalttäter sich deren heute sicher sein. Je extremer die Gewalt, umso mehr Öffentlichkeit. So wird Gewalt geradezu belohnt. Und das zeigt, dass unsere Wahrnehmung bereits das Phänomen mitbestimmt, dass wir auch als "friedfertige" Beobachter am Anwachsen der Gewalt beteiligt sind. Der Krieg und die Gewalt sitzen sehr tief in uns allen und in den heutigen Menschheitsverhältnissen


Was ist Gewalt? Wann kommt es zur Gewalt?

Gewalt ist der Versuch, durch die Schwächung oder Zerstörung eines Anderen eigene Empfindungen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen, oder eigene Bedürfnisse, Wünsche oder Ziele durchzusetzen. Gewalt setzt immer sich selbst und die eigene Sichtweise absolut. Gewalt ist extremer Ausdruck der Entgegensetzung von Ich und Anderem; ist Demonstration von Macht über Andere. Kurz: Gewalt ist aggressives zur Geltung bringen von Ich.

Gewalt entsteht jedoch zumeist daraus, dass eine Person, eine Gemeinschaft, eine Macht sich in Frage gestellt, bedroht, verletzt, eingeschränkt oder frustriert fühlt und in der Gewalt Selbstbehauptung, Zuflucht und Ausgleich zu finden sucht. Von daher ist Gewalt - tiefer geschaut - zumeist Ausdruck von Schwäche, vom Gefühl der Unterlegenheit, von mangelndem Selbstvertrauen, von geringer Gelassenheit und innerer Stärke. Gewalt ist Schwäche, die sich als Stärke ausgibt; Unterlegenheit, die sich als Überlegenheit darstellt. Insofern ist Gewalt eine Form der Täuschung und der Selbsttäuschung.

Zur Gewalt neigt vor allem der, der selbst schlimme Gewalt erfahren hat. Solange er innerlich keine Befreiung davon gefunden hat, wird er weiter von ihr beherrscht. Er muss sie wiederholen, sie ausagieren, um sich vermeintlich von ihr zu befreien, während er nur noch tiefer in sie hineingerät. Er wird vom Opfer zum Täter, vom Unschuldigen zum Schuldigen; sowohl gegen sich selbst wie gegen andere. Gewalt gründet in verhängnisvoller geistig-psychischer Unfreiheit.


In welchem Verhältnis steht der Buddhismus zu Krieg und Gewalt?

Wohl mit Recht kann gesagt werden, dass von allen Geistestraditionen, Weltanschauungen und Religionen der Menschheit der Buddhismus - eine geistige und kulturelle Strömung, die vor 2500 Jahren von dem indischen Weisen Siddharta Gautama Buddha - ausging die älteste gewaltfreie Bewegung ist und diejenige, die dem Anliegen der Gewaltlosigkeit in ihrer Geschichte auch am meisten gerecht wurde. In Buddhas Lehrreden (immerhin einige Tausend Texte) wurde bisher keine einzige Rechtfertigung für Gewaltausübung gefunden. Begriffe wie "Heiliger Krieg" oder "Kreuzzug", ja selbst "Kampf gegen das Böse" sind dem Buddhismus unbekannt.

In der langen Geschichte des Buddhismus gab es auch keinen Fall eines buddhistisch begründeten Angriffskriegs. Kein Beispiel, wo mit dem Ziel der Ausweitung des buddhistischen Einflussbereiches, der Mission oder der Bekehrung ein Krieg geführt wurde. Aus dem 20.sten Jahrhundert gibt es allerdings Beispiele, wo kriegerische Handlungen als Akte der Verteidigung der buddhistischen Kultur oder der Kultur Asiens gerechtfertigt wurden (der Krieg Japans gegen die USA im 2.Weltkrieg; der Krieg der Regierung Sri Lankas gegen den tamilischen Terrorismus).

So kann und soll nicht behauptet werden, dass alle Buddhisten immer nur friedlich und freundlich seien, dass es in buddhistischen Ländern keine Gewalt gäbe und dass buddhistische Völker oder Länder keinerlei Kriege geführt hätten. Zeugnisse von Gewalt gab es auch dort leider etliche. Buddhistische Schulen oder Klöster haben sich gelegentlich gegenseitig bekämpft (in Tibet und Japan) und einige Male führten buddhistische Länder Kriege gegen andere buddhistische Länder, zerstörten gar die Tempel der anderen oder entführten wertvolle Buddhafiguren (insb. Thailand und Burma). Dennoch - diese Kämpfe und Kriege gingen nie von inhaltlichen (Lehr-) Streitigkeiten oder Wahrheitsansprüchen aus und nur selten von den religiösen Institutionen oder Führern. Ihre treibenden Kräfte waren stattdessen ethnische Konflikte (Völkerwanderungen in Südostasien oder der 2000-jährige Konflikt zwischen den Tamilen Südindiens und den Singhalesen Sri Lankas), Sippen- und Clankriege (insb. im japanischen Mittelalter), soziale Aufstände (Bauernkriege in China) sowie die weltlichen Machtansprüche oder auch nur puren Emotionen (Wut, Rache, Eifersucht) verschiedener Herrscher oder Mönchsgemeinschaften.

Der Buddhismus hat sich auch, im Unterschied zu den monotheistischen Religionen, in keinem Land Asiens als einzige Religion durchgesetzt, sondern hat die bestehenden oder sogar neu hinzukommenden Religionen (Islam, Christentum) toleriert oder gar in sich aufgenommen. Auf diese Weise hat er sich dort nie das alleinige Machtmonopol verschafft, war so auch weniger in die herrschenden Machtverhältnissen korrumpiert. Insbesondere in den Ländern des Konfuzianismus (China, Vietnam, Korea) blieb die politische Macht weitgehend in den Händen von dessen Vertretern, so dass die für alle Religionen bestehende Gefahr der politischen Instrumentalisierung für den Buddhismus nicht sehr groß war.

Dass es in buddhistisch beeinflussten Ländern dennoch Gewalt, Kämpfe und Kriege gab und gibt, ist aus buddhistischer Sicht selbst nicht verwunderlich, denn das bloße Bekenntnis zum Buddhismus oder bloße Geborensein in einem buddhistischen Land macht keinen Menschen schon automatisch zum besseren Menschen oder zu einem Menschen, der das leben würde, worum es dem Buddha ging, nämlich Buddhaschaft. Buddhistsein hatte für den Buddha keinerlei Bedeutung. Für ihn zählte nur die gelebte Praxis. Es ging ihm nicht um Glaube, Bekenntnis und Zugehörigkeit sondern um Verwirklichung der Buddhaschaft und die bedarf wahrhaft großer Anstrengung und Ausdauer, wird darum nur von wenigen Menschen ernsthaft angestrebt und nur von sehr, sehr wenigen auch verwirklicht.

Dessen ungeachtet lässt sich, wie schon angedeutet, erkennen, dass die friedvolle und tolerante Botschaft des Buddha sich auf die damit in Berührung gekommenen Menschen und Völker heilsam ausgewirkt und einen befriedenden Einfluss ausgeübt hat. Einige Beispiele möchte ich im Folgenden anführen:

  1. der historische Buddha selbst war Angehöriger der Kriegerkaste und Sohn eines Politikers. Sein Vater war gewählter Präsident einer kleinen Stammesrepublik mit Namen Shakya (in Nordindien vor 2500 Jahren). Die spätere mythische Überhöhung machte aus Siddharta einen Königssohn und lies ihn aufwachsen in sagenhaftem Reichtum und Luxus, fern allen Leids. Im Alter von 29 Jahren verzichtete er auf seinen Reichtum und seine Macht und verließ seinen Palast, um von da an über 50 Jahre lang als besitzloser Bettelmönch durch Nordindien umher zu ziehen. Zuerst auf der Suche nach Wahrheit - dann als Erwachter, um durch Lehre, Vorbild und Zuwendung den Menschen einen Weg aus dem Leid aufzuzeigen.
  2. Buddha wurde während seines Lebens dreimal mit drohenden Kriegssituationen konfrontiert. Zweimal konnte er durch sein direktes Eingreifen den Ausbruch eines Krieges verhindern. Einmal, indem er sich unmittelbar zwischen die Fronten stellte und die beiden Kriegsparteien zur Einsicht in das Unheilsame ihres Tuns brachte. Ein andermal, indem er einen König im direkten Gespräch von seinen Kriegsabsichten abbringen konnte. In einem dritten Fall gelang es Buddha jedoch nicht, den Hass und die Kriegsentschlossenheit eines Königs zu überwinden, wobei es hier sogar um sein eigenes Heimatland ging. Dieses wurde erobert, Buddhas Heimatstadt zerstört und ein Großteil seiner Verwandtschaft umgebracht.

  3. Die Lehre und Praxis des Buddha war schon zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreich und breitete sich schnell über Nordindien (insb. die Ganges-Ebene) aus. 200 Jahre nach Buddhas Tod wurde der Buddhismus bereits von dem ersten Gesamtherrscher Indiens als Religion angenommen. Kaiser Ashoka hatte, bevor er zum Buddha gefunden hatte, viele Jahre zahlreiche und mörderische Kriege geführt, um Indien zu einigen. Doch dann begegnete er dem Buddhaweg und wurde von tiefer Trauer und aufrichtigem Bedauern über die leidvollen Folgen seines Tuns erfasst. Fortan bemühte er sich, in jeder Hinsicht ein Leben zu führen, das nicht an Macht und Gewalt sondern an der Achtung allen Lebens, an Mitgefühl und Sorge für die Menschen und Tiere seines Landes orientiert war. Ashoka schwor jeder Kriegsführung ab, initiierte zahlreiche soziale Einrichtungen (wie Brunnen, Krankenhäuser, Rasthäuser, schattenspendende Bäume an den Straßen u.a.) und erließ Gesetze zum Schutze aller Religionen wie auch der Tierwelt. Überall im Lande stellte er Säulen auf, auf denen er seine ethischen Grundsätze bekannt machte und er schickte seine Beamten ins Land hinaus, um sich nach den Sorgen und Nöten der Menschen zu erkundigen. Kaiser Ashoka war der Begründer des ersten Sozialstaates in der Menschheitsgeschichte und bis heute in allen buddhistischen Ländern ein Vorbild für gutes Regieren.
  4. Der Buddhismus in Indien dehnte sich zunächst weniger nach Osten und Süden als insbesondere nach dem Westen hin aus, war es doch die Begegnung mit der griechischen (hellenistischen) Kultur durch den Eroberungszug Alexanders, aus der im heutigen Afghanistan und Pakistan eine der ersten hochentwickelten buddhistischen Kulturen, die früheste buddhistische Kunst und die ältesten Buddha-Darstellungen der Geschichte hervorgingen (Gandhara und das Kushan-Reich). Von hier aus breitete sich der Buddhismus in der Form des Mahayana über die Seidenstraße auch nach Zentral- und Ostasien bis Japan hin aus. Ab dem 8. Jahrhundert wurden Afghanistan, Pakistan und Indien von kriegerisch vordringenden persisch-islamischen Eroberern unterworfen. Für jene galt die Lehre des Buddha, die keine Gottesidee kennt, als besonders ausgeprägter Fall von Ungläubigkeit, so dass der Buddhismus in Indien mit seiner großen Tradition bedeutender Klöster und Universitäten völlig zerstört und ausgerottet wurde. Von buddhistischer Seite aus gab es hiergegen nicht den geringsten gewaltsamen oder militärischen Widerstand. Zahlreiche Mönche und Lehrer flohen stattdessen nach Tibet und verliehen dem dortigen Buddhismus einen enormen Aufschwung.
  5. Dasselbe geschah kurz darauf mit den buddhistischen Kulturen entlang der Seidenstrasse, auch sie wurden von islamischen Eroberern weitgehend zerstört. Viele Mönche und Lehrer wichen nach China aus. Einige Zeit später ereignete sich dies noch einmal mit den buddhistischen Kulturen Indonesiens, die ebenso vom Islam verdrängt wurden. Nirgendwo in all diesen Fällen hat der Buddhismus gewaltsamen Widerstand geleistet. Heute geschieht das Gleiche seit der gewaltsamen Besetzung Tibets durch China.
  6. Ein weiteres historisches Beispiel ist die Befriedung Tibets durch den Buddhismus. Tibet kam relativ spät zum Buddhismus. Es war fast 1000 Jahre lang von reich entfalteten buddhistischen Kulturen umgeben (im Süden von Indien, im Westen und Norden von den Kulturen der Seidenstrasse, im Osten von China), war selber aber von einer magisch-schamanistischen Religion (Bön) und einer sehr kriegerisch-expansiven Tradition geprägt (ähnlich wie die Mongolei). Tibet galt in dieser Zeit als der "Schrecken" Innerasiens und war mehrmals in der Lage, das mächtige China zu überfallen und die chinesischen Kaiser tributpflichtig zu machen. Ab dem 7. Jahrhundert drang der Buddhismus von Indien her langsam und unter schweren Rückschlägen in Tibet ein, um sich dann ab dem 11. Jahrhundert endgültig als dominierende Religion und Kultur durchzusetzen und beendete damit alle kriegerischen Aktivitäten Tibets nach außen bis zum heutigen Tag.
  7. Bis heute berühmt-berüchtigt ist Dschingis Khan und der Mongolensturm über fast den gesamten asiatisch-europäischen Kontinent. Im 13. und 14. Jahrhundert herrschten die Mongolen über das größte Reich der Menschheitsgeschichte. In China kamen ihre Herrscher und Militärführer in Kontakt mit der hochentwickelten chinesischen Kultur und mit dem Buddhismus. Der Enkel Dschingis Khans, Kublai Khan (jener, an dessen Hofe Marco Polo zu Gast war) war ein geistig toleranter und gebildeter Herrscher und nahm schließlich den Buddhismus in seiner tibetischen Form als Religion an. Ihm folgte fast das gesamte mongolische Volk. Das hatte zur Folge, dass die Mongolen sich bald darauf weitgehend kampflos aus China in die mongolischen Steppen zurückzogen, wieder ihr anspruchsloses und naturverbundenes Hirten- und Nomadendasein aufnahmen und seither eines der friedlichsten Völker waren.
  8. In unserer heutigen Zeit, im 20. und nun im 21. Jh. gibt es ein breites und ausgeprägtes Friedensengagement bedeutender und zahlreicher buddhistischer Repräsentanten, Lehrer und Anhänger. S.H. der 14. Dalai Lama hat für seine nun 50jährigen, konsequent gewaltfreien Bemühungen um die Unabhängigkeit, Lebensfähigkeit und Entfaltungsmöglichkeit des tibetischen Buddhismus und Volkes 1989 den Friedensnobelpreis erhalten. Heute ist er weltweit die anerkannteste Stimme des Weges der Gewaltfreiheit geworden. Obwohl Tibet in seiner religiösen, kulturellen und ethnischen Existenz gegenwärtig zutiefst bedroht ist, gibt es von Seiten der Tibeter keinen gewaltsamen sondern nur gewaltfreien Widerstand. Stattdessen tragen die zahlreichen aus Tibet geflohenen Mönche und Lamas nun ihre Form des Buddhismus in den Westen und die ganze Welt.
  9. Aung San Suu Kyi, praktizierende Buddhistin und Sprecherin der Demokratiebewegung in Burma (Myanmar), 1990 mit überwältigender Mehrheit zur Präsidentin des Landes gewählt, durch einen Militärputsch bis heute an der Übernahme ihres Amtes gehindert und nun seit über 10 Jahren unter Hausarrest stehend, erhielt 1991 für ihre standhafte und konsequent gewaltfreie Haltung ebenfalls den Friedensnobelpreis. Im Sommer 2002 hatte ihre unermüdliche Ausdauer Erfolg, der Hausarrest wurde aufgehoben, sie kann sich wieder frei im Lande bewegen. Die weitere Entwicklung Burmas darf mit Spannung betrachtet werden.
  10. In den letzten Jahren im Westen sehr bekannt wurde der vietnamesische buddhistischer Mönch Thich Nhat Hanh, der seit 30 Jahren im Exil in einer klösterlichen Gemeinschaft in Südfrankreich lebt. Thich Nhat Hanh gehörte Anfang der 60er Jahre zu jenen buddhistischen Mönchen in Vietnam, die sich unter großen persönlichen Opfern bemühten, den Krieg zwischen Südvietnam und den USA einerseits und Nordvietnam und der Untergrundbewegung des Vietkong andererseits zu verhindern bzw. zu beenden. Da sie sich mit keiner der beiden Fronten identifizieren wollten, waren sie von beiden Seiten grausamer Verfolgung ausgesetzt. Thich Nhat Nhat war viele Jahre in den USA und im Westen unterwegs, um die Menschen über die wahren Vorgänge in Südostasien aufzuklären. Martin Luther King, der ihm begegnete und davon tief beeindruckt war, unterstützte daraufhin die Bewegung zur Beendigung des Vietnamkriegs und wurde dafür ermordet. Kurz zuvor hatte er noch Thich Nhat Hanh für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Ungeachtet dessen durfte Thich Nhat Hanh nach dem Sieg der Vietkong in Südvietnam nicht mehr nach Hause zurückkehren und die Buddhisten in Vietnam werden bis heute verfolgt. Nach dem Krieg engagierte sich Thich Nhat Hanh in bewundernswerter Weise in der Überwindung des Kriegstraumas vieler US-Kriegsveteranen und für die Versöhnung zwischen den beiden verfeindeten Seiten. Auch derzeit wieder, angesichts des 11. Sept. und des neuen Kriegs der USA-Regierung "gegen die Achse des Bösen" ist Thich Nhat Hanh weltweit darum bemüht, für andere, gewaltfreie, die Gewalt wirklich überwindende Lösungen und Antworten einzutreten.
  11. Ein ebenso unermüdlich Friedenangagierter ist der heutige Patriarch des kambodschanischen Buddhismus, der Mönch Maha Ghosananda. Nachdem die Roten Khmer Ende der 70er Jahre in Kambodscha fast alle Mönche und Nonnen umgebracht, die Tempel zerstört und den Buddhismus in diesem Land fast ausgerottet hatten, bemühte sich Maha Ghosananda in den langen Jahren des darauf folgenden Bürgerkriegs zwischen den verfeindeten Fronten Frieden und Versöhnung herzustellen. Dazu unternahm er noch in hohem Alter, jährlich, mit Tausenden von Mönchen, Nonnen und Laien, bei sengender Hitze, viele hundert Kilometer lange Friedensmärsche durch Kriegsgebiet und minenverseuchtes Land. Nicht zuletzt seinen Bemühungen ist es zu verdanken, dass sich die Roten Khmer inzwischen aufgelöst haben, der Bürgerkrieg beendet ist und Kambodscha über eine demokratisch gewählte Regierung verfügt.
  12. Auch im noch jungen westlichen Buddhismus zeigt sich bereits ein mutiges, entschlossenes und kreatives Friedensengagement. Der jüdisch-stämmige amerikanische Zen-Meister Bernie Glassman Roshi hat in den letzten Jahren durch seine ungewöhnlichen Praxisformen Aufsehen erregt. So lebt er immer wieder mit einigen seiner Schüler längere Zeit ohne jeden Besitz auf den Straßen oder in U-Bahnen unter Obdachlosen oder führt im Vernichtungslager Auschwitz oder in Schlachthöfen Meditations-Retreats durch, um in solch herausfordernder Umgebung den Wurzeln der Gewalt in uns zu begegnen. Die von ihm gegründete Peacemaker Community möchte Friedensengagierte aus allen Religionen und Gegenden der Welt zusammenführen.
  13. Zahlreiche buddhistische Mönche, Nonnen und Laien praktizieren seit Jahren Friedensmärsche (darunter: von Auschwitz nach Hiroshima), manche gar unmittelbar durch akute Kriegsgebiete (wie Jugoslawien oder Israel) oder entlang der Route von Todesmärschen ehemaliger KZ-Häftlinge (der US-Zen-Mönch Claude AnShin Thomas). Sie sprechen mit Zeugen und Betroffenen von Krieg und Gewalt, bringen gar Täter und Opfer zusammen, besuchen Schulklassen, halten Vorträge, sammeln Gelder, organisieren Hilfsmaßnahmen. Andere errichten weltweit Friedenspagoden, schreiben Briefe oder sammeln Unterschriften für Friedensaufrufe an Politiker, sind Veranstalter oder Teilnehmer an internationalen und interreligiösen Begegnungen für den Frieden und gegenseitige Verständigung.


Worin gründet die Gewaltlosigkeit des Buddhismus?

Der Weg des Buddhismus ist kein Weg des Glaubens, insbesondere keiner des Glaubens an bestimmte Aussagen, starr definierte Lehrinhalte oder unanzweifelbare Dogmen. Es geht bei ihm auch nicht um den richtigen Vollzug oder die genaue Einhaltung bestimmter Riten, Gebräuche, Gebote. Und die religiöse Praxis besteht dort nicht in der Versöhnung, Verehrung oder Anbetung höherer Mächte, jenseitiger Wesen oder eines einen, ewigen und allmächtigen Gottes. Der Buddhismus ist also kein "Glaube an Gott", wie Religion im Westen im allgemeinen verstanden wird.

Der Buddha-Weg geht stattdessen ganz nüchtern und konkret von einer der grundlegenden Gegebenheiten unseres Lebens aus, nämlich der Tatsache, dass wir mit unserem Leben und Dasein kaum jemals glücklich und zufrieden sind. Immerfort streben wir danach und glauben wir fest daran, dass es da noch mehr zu erlangen oder zu erleben gäbe. So wie es ist, ist es noch nicht das wahre, endgültige, vollkommene Glück. Ob das die Eltern sind, mit denen wir als Kind nicht zufrieden sind, die Schule, die Ausbildung, der Beruf, der Arbeitsplatz, die Karriere, der Wohnort, die Wohnung, der/die Partner/in, der/die Geliebte, die Kinder, das Auto, das Hobby, der Urlaub usw.. Die Grundtatsache des "Unbefriedigtseins" oder der "Unvollkommenheit", des Dukkha steht am Ausgangspunkt des buddhistischen Weges und wird als die "Wahrheit vom Leiden" bezeichnet.

Das zentrale Anliegen des Buddha war - warum er seinen Palast verlassen und sich auf die Suche gemacht hatte - die Ursache und den Ausweg aus diesem grundlegenden, existentiellen Unzufriedensein (Leiden) des Menschen zu finden, und - nachdem er die ihn überzeugende Antwort und Lösung (Erlösung) gefunden hatte - diese allen, in gleicher Weise leidenden Menschen zu vermitteln.

Befreiung vom Leiden (vom inneren Unfrieden) - das war für ihn zentrale Erkenntnis - erfordert, sich auf den Weg innerer Erfahrung, Vertiefung, Vervollkommnung, Persönlichkeitsentfaltung zu machen. Dies ist der Weg der Verwirklichung der Buddhaschaft. Die von ihm als Lebens- und Daseinsziel aufgezeigte Buddhaschaft ist nichts anderes als die vollständige Verwirklichung des Menschseins, die schöpferische Entfaltung der uns allen zugrundeliegenden tiefsten Menschlichkeit. Buddha, der Erwachte, ist die Bezeichnung für den zu sich selbst erwachten Menschen.

Die Überwindung der Gewalt in unserer Welt ist ein ganz wesentlicher Inhalt dieses Weges. Und die Überwindung der Gewalt ist die Überwindung meiner Gewalt. Nur ich selbst kann die Wurzeln der Gewalt in mir überwinden. Anderen deren Gewalt austreiben zu wollen, ist zumeist nichts anderes als in Selbsttäuschung befangene eigene Gewalt. Mahatma Gandhi sagte: "Es gibt keinen Weg zum Frieden - Frieden ist der Weg". Dieser Weg beginnt bei mir, endet aber nicht bei mir, sondern in der "Befreiung aller Wesen vom Leiden".

Abgesehen davon, dass der Buddhismus im Lauf seiner Geschichte und Ausbreitung in Asien eine außerordentliche Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit (in drei großen und zahllosen kleinen Schulen) entwickelt hat, unterteilt sich der Weg zur Verwirklichung der Buddhaschaft (der sogenannte 8-fache Pfad) inhaltlich in drei große Bereiche. Diese sind:

Sila - Ethik

Samadhi - Sammlung

Pañña - Weisheit

Die Überwindung der Ausübung von Gewalt, bzw. die Entwicklung der Qualität des "Nichtverletzens" ist in allen drei Bereichen, bzw. auf allen drei Ebenen verankert. Das Thema Gewalt ist für den Buddhismus somit keine Nebenfrage, sondern eine, die im Zentrum der Lehre und Praxis steht und dort umfassend (ganzheitlich) behandelt wird.

Die drei Aspekte stehen hierbei einerseits in einer Stufenbeziehung, andererseits in einer Kreisbeziehung und zum dritten in einer Ausgleichsbeziehung zueinander. Sie bauen aufeinander auf, wobei die dritte Stufe sich in der ersten wieder fortsetzt. Zusammengesehen stellen sie so eine Spiralbewegung des Aufstiegs dar. Zugleich müssen sich Ethik und Weisheit im Gleichgewicht zueinander befinden. Ethik ohne Weisheit ist blind und Weisheit ohne Ethik ist kalt. Sammlung bzw. Achtsamkeit wahrt die Mitte und den Ausgleich.


1. Ethik

Der historische Buddha formulierte als Basis für alle, die seinem Weg folgen wollen (also Mönche, Nonnen und Laien) 5 ethische Grundprinzipien. Sie bilden den Anfang, das bleibende Fundament und das Ziel der Praxis. Mit der "Zuflucht" zu Buddha (unserem inneren Potential), zum Dharma (der Wirklichkeit und Lehre) und zum Sangha (der Gemeinschaft der Übenden), verbunden mit der Annahme der ethischen Übungen, beginnt der Praktizierende den Weg oder wird man gleichsam zum Buddhist. Die ethischen Richtlinien (Silas) lauten in der Form, in der sie angenommen und erinnert werden:

Kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nichtgegebenes nicht zu nehmen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Keine unheilsamen sexuellen Beziehungen zu pflegen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nicht zu lügen oder unheilsam zu sprechen,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Nicht durch berauschende Mittel mein Bewusstsein zu trüben,
diese Übungsregel nehme ich auf mich.

Buddha verkündete keine moralischen Gebote und Verbote. In seiner Ethik handelt es sich um Übungen, hervorgegangen aus der Einsicht in die Grundtatsache der Wirklichkeit, dass kein lebendes Wesen verletzt werden und Leid erfahren möchte. Missachten wir diese Ethik, gibt es niemanden, der uns dafür bestraft. Doch wir selbst werden die Folgen unseres Denkens und Handelns zu tragen haben (Karma). Denn jede Handlung wirkt nicht nur nach außen, auf andere, sondern auch nach innen, auf uns selbst. Damit fällt sie in doppelter Weise auf sich bzw. uns zurück. Sie begegnet sich selbst. Wir werden selber Leid erfahren müssen. Sehr wahrscheinlich wird Verletzen mit Verletzen, Gewalt mit Gewalt beantworten werden. Brechen wir daraus nicht aus, beenden wir das Verletzen und die Gewalt nicht von uns aus, erzeugen wir einen Teufelskreis, eine Spirale der Eskalation des Leids bis zum Irrsinn der Selbstzerstörung. Es ist das, was der Buddha "Wiedergeburt" oder den "Kreislauf des Leidens", Samsara nannte. In dem gibt es nur einen Weg der Befreiung, selbst daraus auszusteigen.

Die ethischen Prinzipien des Buddha resultieren nicht aus göttlicher Offenbarung sondern aus eigener, aufmerksamer und klarer Beobachtung der Wirklichkeit. Sie beschreiben schlicht das, was für uns selbst, für alle Menschen, ja für alle Wesen heilsam und wünschenswert ist. Sie zeigen auf, wie wir Leiden und das Entstehen von Gewalt vermeiden können. Sie schaffen die Grundlagen dafür, zu innerem und äußerem Frieden zu gelangen. Ihnen zu folgen, bedeutet Klarheit, Ordnung und Frieden in unser Leben zu bringen. Wir schaffen kein neues Chaos, keine Verstrickungen, keine Konflikte, kein Unheil, keine Feindschaften mehr. Wir hören auf, Unfrieden zu erzeugen. Den ethischen Regeln Buddhas gemäss zu leben, heißt, Frieden zu praktizieren und Frieden entstehen zu lassen.

Die Ethik des Buddha lässt sich so in einem Satz zusammenfassen, nämlich: "Ich übe mich darin, kein lebendes Wesen zu verletzen". Oder noch konzentrierter in zwei Begriffen: Ahimsa, Nicht-Verletzen. Und Sati, Achtsamkeit. Nicht-Verletzen ist das Ziel der ethischen Praxis, Achtsamkeit ist die Methode.

Mich selbst und andere nicht zu verletzen, bedeutet Achtsamkeit und Bewusstheit zu entfalten und zwar umfassend und immerwährend. Im schönen deutschen Wort "Achtsamkeit" lassen sich mehrere verschiedene Bedeutungen erkennen: 1. wach- und gegenwärtig sein, 2. rücksichtsvoll- und verantwortlich sein, 3. Achtung und Respekt haben, 4. Sanftheit, Mitgefühl und Zuwendung zum Ausdruck bringen. All das trifft ziemlich gut jene Qualitäten und Fähigkeiten, um deren Entwicklung es dem Buddha ging.

Wer achtsam ist, der kann nicht gewalttätig sein. Denn Gewalt ist zumeist blind - unachtsam. Achtsamkeit ist deshalb die alltägliche Grundpraxis oder Grundübung auf dem Weg des Buddha. Und es geht darum, sie so umfassend wie möglich in unserem Leben zu entfalten. In allen unseren Handlungen und Situationen möglichst uneingeschränkt achtsam und vollbewusst zu sein, so dass wir tatsächlich wissen, was wir tun. Nur der Wirklichkeit bewusst können wir ihr gemäss leben. Nur achtsam und bewusst sind wir in der Lage, verantwortlich zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Bewusstheit ist Verantwortlichkeit. Selbstverantwortlichkeit zu praktizieren, ist ein zentraler Inhalt des buddhistischen Weges.

Die Veränderung oder Heilung der Welt, die Überwindung der Gewalt, beginnt bei mir und liegt in meiner Hand. Sie wird möglich und wirklich, indem ich achtsam bin.


2. Meditation

Mit der Übung der Achtsamkeit sind wir bereits beim zweiten Aspekt des Weges zur Buddhaschaft; bei Samadhi oder Meditation. Samadhi heißt Sammlung, Konzentration, Vertiefung und bedeutet, uns körperlich, psychisch und geistig zu sammeln, zu konzentrieren, zu uns zu finden. Samadhi heißt, zur inneren Ruhe und Klarheit zu kommen. Wie ein Glas verschmutztes Wasser, das wir längere Zeit ruhig stehen lassen, von selbst klar und rein wird, so wird auch das menschliche Bewusstsein umso klarer, je stiller wir sind. Ein gesammelter, ruhiger, klarer Geist ist ein friedlicher Geist.

Wenn es darum geht, Frieden zu schaffen, dann erfordert das, den permanenten Unfrieden in mir zu beenden. Mich darin zu schulen, die Unruhe des ständig hin und her springenden, immer wieder nach neuem und anderem greifenden, permanent hinweg flüchtenden Geistes zu beenden.

Die buddhistische Samadhi-Übung oder Samatha-Meditation ist Überwindung von Gewalt, indem sie unseren Geist zur Ruhe bringt, zur Stabilität, zum inneren Frieden. Nur gesammelt, nehmen wir wirklich wahr, was ist und vor allem, was wir denken und tun. Es ist kein Zufall, dass die Ausübung von Gewalt zumeist mit dem Einfluss von Alkohol und Drogen verbunden ist, also mit der Trübung, Verzerrung und Zerstreuung unseres Bewusstseins, mit der Herabsetzung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, Konzentriertheit und Klarheit. Darum lehnt der Buddha - wie wir schon sahen - den Gebrauch von Drogen und Rauschmitteln jeder Art konsequent ab.

Die zunehmende Gewaltbereitschaft unserer Gegenwart hat in erheblichem Maße auch mit der ungeheuren Beschleunigung aller Prozesse zu tun, in die wir im 20. Jh. eingetreten sind. Diesem Tempo, dieser Schnelligkeit von Reiz und Reaktion, dieser Hektik und Aufgeregtheit, dieser Aggressivität allgegenwärtigen medialen Dauerbombardements, dieser Unruhe und Ungeduld im öffentlichen und privaten Umgang miteinander, diesen rasanten globalen Veränderungen, pausenlosen Neuerungen, permanenten Umwälzungen sind wir in keiner Weise mehr gewachsen. All das ist System gewordene Gewalt, die uns überwältigt, erschöpft, ohnmächtig und wehrlos macht. Darum brauchen wir Entschleunigung, bewusste Langsamkeit, Entspannung, Nichtstun, Ruhe, Stille, Frieden. Buddhistische Meditation ist zur Ruhe kommen, ist Schweigen, ist Stille, ist Frieden.

Die Befriedung unseres Geistes oder Bewussteins, die Samadhi-Meditations-Übung können wir erlernen. Sie beginnt damit, dass wir zuerst unseren Körper zur Ruhe bringen. Beruhigt und entspannt bringt unser Körper unseren Atem (und damit unsere Gefühle und Emotionen) zur Ruhe. Mit innerer psychischer Ausgeglichenheit und ruhigem freiem Atem bringen wir unseren Geist zur Ruhe. Ein ruhiger Geist ist ein friedlicher Geist. Und dieser strahlt aus auf andere, er beruhigt und befriedet, wirkt wohltuend auf andere, er besänftigt, entspannt, befreit. Ein ruhiger Geist schafft Frieden.

Allerdings - dieser innere Frieden ist noch nicht dauerhaft. Es fällt uns extrem schwer, in jener inneren Ruhe und Ausgeglichenheit zu verweilen. Zur wirklichen Überwindung unserer Unfriedlichkeit und Gewalt bedarf es noch eines weitergehenden Schrittes, denn unser Leiden wurzelt tiefer. Es wurzelt in unserem Verhältnis zu uns selbst und zur Wirklichkeit, in unserer Wahrnehmung und Einsicht.


3. Weisheit

Der dritte Aspekt bzw. die dritte Ebene des Dharma-Weges ist die Entwicklung von Weisheit. Weisheit ist nach buddhistischem Verständnis: die Einsicht in die Wirklichkeit, das Erkennen der Wirklichkeit, so wie sie ist. "So wie sie ist" heißt hier, ohne das Hinzutun unserer Vorurteile, Verzerrungen, Einseitigkeiten, Vorlieben, Abneigungen, Meinungen, Vorstellungen. Also all dessen, was wir den Dingen, die uns begegnen, zusätzlich aufladen, was aber nicht wirklich zu ihnen gehört, nichts mit ihnen zu tun hat, was wir auf sie projizieren.

Nur der erkennt darum die Wirklichkeit, so wie sie ist - und nicht, wie wir sie sehen oder sehen wollen - der sich selbst erkennt, der sich selbst "auf die Schliche kommt", dem seine Projektionen bewusst werden. Sich selbst erkennen, erfordert, die uns eigene Weise kennen zu lernen, die Dinge und die Welt zu sehen; kennen zu lernen, wie wir auf die Erscheinungen und Begebenheiten, gewohnheitsmäßig und unbewusst, von eigenen Erfahrungen und Konditionierungen geprägt, reagieren. Wirklichkeitserkenntnis heißt im Buddhismus darum vor allem anderen Selbsterkenntnis. "Wer sich selbst erkennt, der erkennt die Welt", so lehrte der Buddha.

Doch nicht nur unsere Gewohnheiten, Meinungen, Vorstellungen und Projektionen verfälschen die Wirklichkeit, sondern bereits die Tatsache, dass wir fest an die Wirklichkeit unsere Sprache, Worte, Begriffe und gedanklichen Konstruktionen glauben.

Der Schriftsteller Arthur Koestler schrieb einmal: "Kriege werden um Worte geführt". Der heutige israelische Philosoph Amnon Raz-Krakotzkin sagte vor kurzem: "Seit dem Scheitern von Camp David haben wir kein brauchbares Vokabular mehr. Für Verhandlungen und Friedensschluss brauchen wir eine neue Sprache." Für eine andere Wirklichkeit brauchen wir also eine andere Sprache oder zumindest das Loslassen unserer bisherigen Sprache und Sichtweisen über das, was wir für wirklich halten..

Es ist unsere Sprache, die Wirklichkeit schafft, die die Wirklichkeit in unseren Köpfen erschafft. Nach buddhistischem Verständnis ist die Welt nicht so, wie wir sie vorfinden, oder im Bewusstsein spiegeln, sondern wie wir sie innerlich erschaffen. Unsere Welt ist tatsächlich unsere Welt. Sie ist oder wird nicht von Gott geschaffen, sondern durch uns selbst. Sie wird geschaffen in unserer Wahrnehmung, durch das, was wir als wahr annehmen (siehe die moderne Erkenntnistheorie des sog. Konstruktivismus). Und sie wird vor allem geschaffen durch unsere Sprache. Was wir sprachlich erschaffen haben, nennen wir Wahrheit. Und für diese Wahrheit kämpfen wir und um die allein richtige Wahrheit streiten wir und mit der einzigen und absoluten Wahrheit ziehen wir in den Krieg.

Fast alle Kriege wurden und werden mit dem Anspruch geführt, die Wahrheit zu besitzen, ja letztlich im Auftrag des "einzig Wahren", Gottes selber zu handeln. Usama bin Laden schickt Amerika nicht Terroristen sondern ein "Strafgericht" im Namen Gottes und George W. Bush schickt den Terroristen ein "Strafgericht" in der Gewissheit, dass Gott auf Seiten der USA steht. Und die, die nicht an Gott glauben, wissen neuerdings unumstößlich, dass der Westen mit all seiner überwältigenden technologischen, ökonomischen, medialen Macht und Gewalt nur die edelsten universellen Werte verteidigt, oder aber, dass sich die ganze Welt in der Hand des CIA oder der Weltverschwörung des Judentums befindet. Jeder ist sich sicher, über die einzig gültige Sicht der Dinge und alternativlose Antwort und Konsequenz zu verfügen.

Der Krieg beginnt im Kopf, er wurzelt in Worten und im Denken. Darum lehrt der Buddhismus, aller Sprache, aller Theorie, aller Ideologie und Theologie, allen Ansprüchen auf absolute Wahrheit grundsätzlich zu misstrauen. Sie alle sind nur "Spiegelbilder des Mondes im Teich", nicht der Mond selber - oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Spiegelungen des Mondes. Wer tatsächlich zur Wahrheit gelangen will, der muss alle Worte, Bilder, Konzepte und gedanklichen Konstrukte loslassen, geistig offen und leer werden. Mit "leerem" Geist (in diesem Sinne) erschließt sich die Wirklichkeit von selbst.

Dies gilt insbesondere für die Religionen. Wer die Wahrheit im Vordergründigen sucht - in Worten und Lehren und Ritualen - der verfehlt sie. Wer gar glaubt, sie zu besitzen, hat sie längst verloren. Darum, so mahnte Buddha seine Schüler, sei es notwendig, auch seine eigenen Lehren (also den Buddhismus) am Ende des von ihm gewiesenen Weges zu überwinden, loszulassen und zu vergessen. So wie ein Floß, das einen über den Fluss gesetzt hat und das man liegen lässt, wenn man den Weg fortsetzen möchte. Der Buddhismus ist - meines Wissens nach - bisher die einzige Weltreligion, die nicht den Anspruch hat, über die absolute und allein-seelig-machende Wahrheit zu verfügen. Darum behauptet er auch nicht, aus göttlicher Offenbarung zu stammen.

Damit die Religionen nicht zur Ursache von Gewalt werden, müssen sie erkennen, dass alle ihre Wahrheiten nur relative Wahrheiten sind, nie absolute. Die eigentliche, endgültige, höchste Wahrheit, um die es ihnen geht, befindet sich immer jenseits von allem fassbaren. Wäre es nicht so, gäbe es ja noch ein dahinter, ginge es also gar nicht um die letzte Wahrheit. Darum, weil sie nicht greifbar ist, ist es nicht möglich, für die höchste Wahrheit, für Gott, Jesus, Allah oder Buddha zu kämpfen. Wer dies dennoch tut, der tötet die Wahrheit.

Der Zen-Buddhismus hat das in dem radikal paradoxen Satz ausgedrückt: "Wenn dir Buddha begegnet, töte ihn." Das klingt zunächst sehr nach Gewalt, ist aber gerade das Gegenteil davon, denn es meint zum einen: ein Buddha, den man töten kann, ist kein echter Buddha, ist nicht der Buddha, um den es geht. Denn der geht über Leben und Tod hinaus. Der Buddha kann nicht getötet werden (genauso wie Gott, Christus oder Allah). Und es meint zum andern: gib dein Festhalten an deinem Buddha auf; gib deinen hartnäckigen, vielleicht sogar fanatischen und sektiererischen Wunsch auf, unbedingt Buddha und nur ihm begegnen zu wollen und begegne wirklich dem, der dir begegnet. Wirf Deinen Buddha-Götzen weg und begegne dem Wahren. Anders gesagt: lasse los von dem, was du finden oder haben willst, nimm an, was dir geschenkt wird.

Annehmen ist nur möglich durch Loslassen. Begegnen, empfangen, erfüllt werden kann nur, wer geistig offen ist, wer loslässt, wer leer wird. Nur in ein leeres Gefäß kann etwas gefüllt werden. Meditation ist das Entrümpeln, Öffnen, Entleeren des Geistes. Der entleerte Geist ist fähig zu empfangen und zu erfahren. Das offen und leer gewordene Bewusstsein erkennt sodann, dass sein Leersein der wahre und ursprüngliche Zustand der Wirklichkeit und seiner selbst ist und dass darin alle Wesen und Erscheinungen ungetrennt voneinander, wechselseitig auseinander hervorgehend existieren.

Alle Vorstellungen unserer, als normal gesehenen Alltagserfahrung werden auf dieser Ebene der Einsicht als Illusion erkannt. Diese unsere grundlegende Täuschung besteht darin, die Erscheinungen und Wesen als voneinander getrennt zu sehen. Zu glauben, dass wir als ein Ich von allem Anderen, allem Nicht-Ich getrennt seien. Die Sichtweise: hier ist das Ich, hier endet mein Ich - und da beginnt das Nicht-Ich, das Andere, das Fremde, das Unbekannte, das Bedrohliche, das Böse, der Feind - diese Vorstellung wird im Buddhismus als die fundamentale Verblendung unseres Geistes betrachtet, als die Ursache allen Leids und als die letzte Wurzel aller Gewalt.

Das Wirkliche - das was wirkt - wird erkannt, als nicht wahrhaft aus festen Dingen, Gegenständen, Objekten bestehend, sondern als permanenter Prozess und alles umfassende Wechselwirkung unbeständiger Phänomene. Alles existiert nur und insofern, als es mit anderem in Beziehung steht und unbegrenzt interagiert. Die Wirklichkeit ist ein Fluss, ist wie Wasser - unsere Hände bzw. unser Bewusstsein oder Verstand können sie nie fassen. (Hier begegnen sich auch die zeitgleich lebenden Philosophen Buddha und Heraklit). Doch in unserem Alltagsdenken glauben wir an das Aus-sich-selbst-sein und Für-sich-selbst-sein, die Abgegrenztheit und Stabilität, die Greif- und Habbarkeit der Dinge mit äußerster Hartnäckigkeit. Weil wir glauben, dass sie wirklich sind und wir damit von ihnen getrennt sind, sind wir darauf aus, sie haben, besitzen, beherrschen, erobern zu müssen. Weil wir uns von allem - von den anderen und auch von uns selbst - getrennt sehen und fühlen, darum müssen wir uns alles aneignen und unterordnen. Weil wir uns getrennt sehen, entwickeln wir Gier und Greifen nach dem, was wir nicht haben und Hass und Abwehr gegenüber dem, was wir haben. Wir müssen uns der Existenz unseres getrennten Ichs und seiner Verfügung, Macht und Kontrolle über die abgetrennte Wirklichkeit versichern. Hier ist der Moment, wo die Gewalt auf ihrer tiefsten mentalen Ebene entsteht.

Wir glauben an die Wirklichkeit der Dinge, so wie sie uns erscheinen, wir glauben an unser Ich- oder Selbstsein, so wie wir es uns erschaffen haben und wir glauben an die Wahrheit der Sprache, so wie sie die Dinge vermeintlich beschreibt. All das betrachtet der Buddhismus als Täuschung, als Selbsttäuschung. Der Weg des Buddha ist ein Weg der Überwindung der Selbsttäuschung. Und der Weg der Befreiung von Selbsttäuschung ist die Einsicht in die Leerheit (Sunyata) all dessen, was wir für wahr und wirklich halten und wofür wir meinen kämpfen und andere verletzen zu müssen.

Lassen wir los, beenden wir unsere Anhaftung, nehmen wir die Offenheit, Leerheit und Ungetrenntheit der Erscheinungen an, dann erscheint das, was der Buddhismus Maha-Karuna nennt, das große Mitgefühl, das unbegrenzte liebende Verbundensein mit allen empfindenden Wesen.

Der offene leere Geist erkennt sich als ungetrennt mit allem anderen, erkennt sich im anderen und den anderen in sich. Er erkennt, ich bin Du. Er erkennt, dass alles, was ich anderen antue, ich mir selbst antue. Wer die Erfahrung des Ungetrenntseins aller Menschen, Wesen und Erscheinungen gemacht hat, der ist nicht mehr in der Lage, andere, die er als sich selbst erfährt, zu verletzen oder gegen sie Gewalt auszuüben. Und so heißt es in einem der zentralen buddhistischen Lehrtexte (Vorbemerkung: der "Bodhisattva" ist ein zum Erwachen, zur Buddhaschaft strebender Mensch):

"Der Bodhisattva soll in bezug auf alle Wesen die Idee entwickeln:
dies ist meine Mutter, mein Vater, mein Sohn, meine Tochter, ja dies bin ich selbst.
Wie ich selbst von allen Leiden gänzlich frei sein möchte, so möchten alle Wesen frei sein."
(Prajna-Paramitta-Sutra)

Und in einer Lehrrede über die universelle Liebe (Metta-Sutta) sagt Buddha:

"Genau so, wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt und unter Einsatz ihres Lebens schützt, sollten auch wir grenzenlose, allumfassende Liebe für alle Lebewesen entwickeln, wo immer sie sich auch befinden mögen. Unsere grenzenlose Liebe sollte das ganze Universum durchdringen, nach oben, nach unten und überall hin. Unsere Liebe wird keine Hindernisse kennen, und unsere Herzen werden vollkommen frei von Hass und Feindschaft sein. Ob wir stehen oder gehen, sitzen oder liegen - solange wir wach sind, sollen wir diese liebende Achtsamkeit in unserem Herzen bewahren."

All das, was hier über den Weg des Buddhismus zur Überwindung der Gewalt gesagt wurde, über den Weg der Ethik, der Sammlung und der Weisheit, finden wir schließlich in folgendem Satz des historischen Buddha in kürzester Form zusammengefasst:

"Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst."
(Satipatthana Samyutta, Nr. 19)

Dies gilt auch für die Religionen selber. Indem sie Achtsamkeit und Verantwortung für sich selbst übernehmen, praktizieren sie dies für andere. Und indem sie dem anderen mit Achtsamkeit begegnen, tun sie dies für sich selbst.

Möge es uns und den Religionen gelingen, unseren Geist, unsere Herzen und unsere Hände zu öffnen, um Hass, Krieg und Gewalt zu überwinden. Möge die Lehre und Praxis des Buddha dazu ein Beitrag sein.




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