Feminismus, Buddhismus
und gesellschaftlicher Wandel

Shelley Anderson


Seit Jahrtausenden leiden zahllose Frauen unter männlicher Dominanz. Respektierung der Menschenrechte bedeutet an erster Stelle die Anerkennung der Gleichheit der menschlichen Geschlechter, d.h. die Anerkennung der Rechte der Frauen. Obwohl die grundsätzliche Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen zur zentralen Lehraussage des Buddha gehört, haben auch die historischen Formen des Buddhismus in Asien sich an der Diskriminierung der Frauen beteiligt. Shelley Anderson, Buddhistin und Feministin und Sprecherin der Fellowship of Reconciliation (Internationaler Versöhnungsbund, IFOR) äußert hier herausfordernde Gedanken zum Verhältnis dieser beiden emanzipatorischen Bewegungen. Ihr Aufsatz (leicht gekürzt) ist entnommen der Zeitschrift SEEDS OF PEACE (International Network of Engaged Buddhists, No. 1/1994). Übersetzung aus dem Englischen von Angelika Loo.

Eine der einflußreichsten gesellschaftlichen Veränderungen dieses Jahrhunderts war der Kampf der Frauen um ihre Gleichberechtigung. In dieser Bewegung, insbesondere beim Thema Gewalt gegen Frauen, engagierten sich viele Frauen und Männer. Für viele, mich eingeschlossen, erwuchsen aus dem Feminismus die Beweggründe und die Inspiration, sich für soziale Veränderungen einzusetzen. In welcher Beziehung steht diese starke Bewegung aber zum engagierten Buddhismus?

Buddhismus und Feminismus sind häufig wie zwei Seiten ein und derselben Münze. Beide streben Befreiung und Veränderung an. Beide betonen Selbstverantwortung und Selbstbefreiung. Der Feminismus hat Frauen und Männern geholfen, die falschen Mythen, die man uns über unsere wahre Natur und unsere Fähigkeiten erzählt hat, zu überwinden; der Buddhismus vertieft diesen Lernprozeß, indem er uns hilft, uns von den Illusionen und Verhaftungen zu lösen, die uns daran hindern, wirklich in der Gegenwart zu leben. Feminismus wie Buddhismus anerkennen die grundlegende Gleichheit aller Menschen. Beide verlangen eine radikale Neubetrachtung der Individuen und der Gesellschaft sowie den Respekt vor der wahren Natur der Dinge.

Für viele westliche Praktizierende des Buddhismus sind die Zusammenhänge (zwischen Buddhismus und Feminismus) sehr eng. Letzten Sommer lernte ich bei einem MeditationsRetreat in Plum Village (der von Thich Nhat Hanh geführten Gemeinschaft in Südfrankreich) buddhistische Feministinnen kennen, die in Umweltprojekten, mit indigenen (eingeborenen) Völkern und für gewaltbedrohte Frauen arbeiten wie auch in Initiativen gegen den Transport von gefährlichem radioaktivem Abfall. Andere buddhistische Feministinnen, die ich kenne, unterrichten z.B. AidsKranke in Meditation, bemühen sich ihre Kinder zu glücklichen, friedfertigen Menschen zu erziehen, oder engagieren sich in Kampagnen für die Gleichbehandlung der Rassen. Bei uns allen nährt die buddhistische Praxis den Feminismus, und unser Feminismus nährt unsere buddhistische Praxis.

Buddhismus und Feminismus sind sich außerdem in ihrem erfahrungsbezogenen und undogmatischen Ansatz einig. Buddha lehrt uns, unser eigenes Licht zu sein, d.h. nicht unhinterfragt die Meinungen und Ansichten anderer zu übernehmen - gleichgültig wie viel Autorität sie besitzen mögen - sondern nur das anzunehmen, was wir aufgrund eigener Erfahrungen als wahr erkannt haben. Ebenso lehrt der Feminismus, daß wir Frauen unsere eigenen Erfahrungen ernst nehmen sollen. Jahrhundertelang wurde von Frauen erwartet, daß sie die männlichen Interpretationen ihrer eigenen Erfahrungen akzeptieren und auf "Experten" hören, die in Wirklichkeit sehr wenig Einblick in das Leben von Frauen hatten.

Dieser Sinn für Gleichheit führt sowohl im Buddhismus wie auch im Feminismus zu einer Ablehnung von Hierarchie, besonders wenn diese Hierarchie nicht auf persönlichem Verdienst, sondern auf gesellschaftlichem Brauch oder Status beruht. Dies bedeutet nicht, daß man Lehrer nicht achten soll. Es bedeutet, daß diese Achtung auf Fähigkeiten und Können, nicht auf leere Konventionen gegründet sein muß. Die japanischen Geschichten von einfachen Bauersfrauen, die wenig Ehrerbietung gegenüber wandernden ZenMönchen zeigten aber ihnen damit auf dem Pfad der Erleuchtung weiterhalfen, veranschaulichen die Notwendigkeit, Autoritäten zu hinterfragen und offen zu sein, von jedem Menschen zu lernen.

Alle Buddhistinnen und Buddhisten brauchen diese Skepsis gegenüber Autoritäten. Weil der Feminismus die Erfahrungen der Frauen selbst ernst genommen hat, hat er dazu beigetragen, das Schweigen über vieles Leid aufzubrechen. Über das Leiden aufgrund von Vergewaltigung, Kindesmißbrauch oder Mißhandlung durch Ehemänner zu sprechen, war in vielen Gesellschaften tabu (selbst heute riskiert eine Frau in vielen Kulturen noch, den Rückhalt ihrer Familie oder Gemeinschaft zu verlieren, wenn sie es wagt, die Wahrheit über solche Vorkommnisse aufzudecken).

So wie die 'Erste Edle Wahrheit' (des Buddha) uns lehrt, das Leiden in der Welt zu sehen, ermutigt uns der Feminismus, einer vergewaltigten Frau zuzuhören und eine, die in die Prostitution verkauft wurde oder eine lesbische Frau, der die Kinder weggenommen wurden, ernst zu nehmen. Sowohl der Buddhismus wie auch der Feminismus lehren uns, den beunruhigenden Fragen nicht den Rücken zu kehren und uns dem Leiden in unserem eigenen Leben und in unserer Umgebung zu stellen.

Ich glaube, daß Buddhismus und Feminismus viel voneinander lernen können. Ein solcher Austausch wäre bereichernd für beide Seiten. Der Buddhismus weist einen Weg, das Leiden zu betrachten in der Absicht, es zu beenden. Die meditative Praxis stärkt Konzentration und Achtsamkeit, beides wesentliche Fähigkeiten im Streben nach sozialer Veränderung. Thich Nhat Hanh empfiehlt den Praktizierenden die Betrachtung der Wunder des Alltäglichen, um nicht in Erschöpfung (burn out) und Mutlosigkeit zu verfallen. Dies kann jeder lernen, unabhängig von körperlichen Fähigkeiten, Alter oder Schulbildung.

Der Buddhismus kann dem Feminismus dabei helfen, Wut und Bitterkeit in heilsames Handeln zu transformieren. Wenn wir tiefe Einsicht praktizieren, erkennen wir, wo wir unsere eigene Opferhaltung herstellen und lernen, die Rollen von Opfer und Täter loszulassen.

Der Feminismus kann den Buddhismus von der Illusion männlicher Überlegenheit befreien. Er kann uns helfen, traditionelle Praktiken, die änderungsbedürftig sind, zu revidieren. Sind unsere ZenSesshins wirkliche Gelegenheiten, unsere Praxis zu vertiefen, oder verkehren sie sich in männliche Härtetests? Ist unser Akt des Verbeugens ein Akt echter Verehrung oder leeres Ritual? Der Feminismus hilft uns, Dominanzgewohnheiten zu entlarven und verweist uns erneut auf den Pfad des Entdeckens und Verstehens. Vor allem kann uns der Feminismus dabei helfen, nicht selbst wieder zu Tätern zu werden.

Rita Gross schreibt in ihrem nachdenkenswerten Buch "Buddhismus nach dem Patriarchat: Eine feministische Geschichte, Analyse und Rekonstruktion des Buddhismus" von dem glückverheißenden Zufall, daß der Buddhismus gerade in der Zeit im Westen zugänglich wurde, wo die feministische Bewehung in ihrer Blüte stand. Insbesondere ist sie der Meinung, daß es in der Verantwortung westlicher Buddhisten liegt, Vorbilder hinsichtlich der Gleichberechtigung zu sein. Einige westliche Frauen sind so respektierte Lehrerinnen geworden, zum Beispiel Gesshin Prabhasa Dharma Roshi, Ayya Khema, Charlotte Joko Beck und Toni Packer. Sie sind Beispiele dafür, wozu Frauen in der Lage sind, wenn man die Illusion weiblicher Unterlegenheit fallenläßt.

All unser Mitgefühl muß mobilisiert werden, wenn das große Leid, das gegenwärtig herrscht, erleichtert werden soll. Wir brauchen all unsere Fähigkeiten, um in diesem Sinne zu wirken. Ich glaube, daß Buddhismus und Feminismus viele Einsichten teilen und der heutigen Welt viel zu geben haben. Wenn diese beiden starken Kräfte der Befreiung vereint werden können, gibt es nichts, was nicht bewirkt werden könnte.




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