Kann uns eine neue Ethik retten?

Gedanken zu Erich Neumanns Schrift "Tiefenpsychologie und neue Ethik"

Franz-Johannes Litsch


Es ist unübersehbar geworden! Das geistige Klima in unserer westlichen 'Zivilisation', mehr noch - der gesellschaftliche Zustand der Menschheit nähert sich immer mehr einem bedrohlichen Zustand. Krieg, Gewalt und Fanatismus, Ausbeutung, Profitsucht und schamlose Bereicherung, Flucht in Wahn und Berauschung erreichen ein in der Menschheitsgeschichte bisher ungekanntes Ausmaß. Alles scheint immer stärker in einen unaufhaltsamen Sog des Verlusts an Menschlichkeit und ethisch-moralischem Verhaltens zu geraten. Auch vor allerletzten Tabus der Schonung und des Nichtverletzens von anderen und anderem gibt es in der uns alltäglich umgebenden Medienwelt kein Halten mehr.

Wurde ethisch-moralisches Denken in der Praxis zwar schon immer von vielen verletzt und von einzelnen heftig mit Füssen getreten, so hielt bisher doch selbst der Verbrecher auf saubere Weste und reines Gewissen. Heute gilt die Bemühung um menschliches Mitgefühl und ethische Verantwortung als lächerlich überholt. Wer sich darin noch auszeichnet wird als langweiliger "Gutmensch" abqualifiziert. Die Achtung der Menschenrechte, im Kampf gegen den "bösen" Kommunismus jahrzehntelang Leuchtreklame der westlichen moralischen Überlegenheit, gilt nach dem Ende des sozialistischen Lagers nur noch als lästiges Hindernis wirtschaftlicher Expansion und Profitgier. Ereiferte man sich einst weltweit über das Schicksal einzelner verfolgter Menschen des Ostens so wird heute das Schicksal ganzer Völker bedenklos kurzfristigen Öl-, Auto-, Atom- oder Waffengeschäften geopfert (ob Tschetschenien, Kurdistan, Nigeria, Guatemala, Ost-Timor oder Tibet).

Nicht nur die UNO und die politischen Führer des Westens haben mittlerweile fast jeden moralischen Kredit verspielt, die bewährten, Staat und Gesellschaft konstituierenden Ideologien und Glaubenssysteme, von den 'christlich-abendländischen Werten' über den 'wissenschaftlichen Sozialismus' bis zur 'freiheitlich-demokratischen Grundordnung' haben fast jede orientierende Kraft und Wirkung verloren. Die Glaubwürdigkeit der öffentlichen Repräsentanten und Institutionen ist allgemeiner Abkehr, Ratlosigkeit und Frustration gewichen. Und am Horizont grassierender 'Politikverdrossenheit' und 'Kirchenflucht' kündigen sich vom Ural bis zum Atlantik in düster heraufziehenden Götterdämmerung die neuen, alten apokalyptischen Reiter der 'Endlösungen' und 'tausendjährigen Reiche' an.

Angesichts all dessen wurde in den letzten Jahren eine von den 'aufgeklärten' Rationalisten längst abgeschriebene Fragestellung wieder aktuell, nämlich die nach der fundamentalen menschlichen Ethik und den Grundwerten unseres Lebens. Auf akademischen Kongressen, bei politischen Wochenendtagungen, in Manager-Trainingskursen und kirchlichen Konferenzen ist das Thema Ethik intellektuell wieder hoch im Kurs und heiß diskutiert. Und so gibt es mittlerweile bereits eine Gilde neuer Ethikexperten mit akribisch aufgeteilter Spezialisierung in Wissenschaftsethik, Wirtschaftsethik, Umweltethik usw. und natürlich eine Flut von Veröffentlichungen dazu.

Dabei ist unter Etlichen der Gedanke aufgetaucht, daß für Ethik doch eigentlich die Kirchen und Religionen zuständig seien und daß vor allem von dort Antwort, Sinngebung und die Formulierung ethischer Grundregeln erwartet werden müsste. Aber gerade jene scheinen in dieser Aufgabe völlig zu versagen, denn zumindest in den westeuropäischen Gesellschaften kehren die Menschen den Kirchen und der Religion massenhaft den Rücken. Gerade von dort erwarten die Suchenden keine ethische Orientierung mehr oder sind nicht länger mehr bereit, sich 'moralisch gängeln und bevormunden' zu lassen.

So ist es sehr zweifelhaft, ob die vielfältigen Versuche, neue ethische Grundprinzipien und Konzepte für die Zukunft der Weltgemeinschaft zu formulieren, über den durchaus wertvollen Dialog von Philosophen, Wissenschaftlern, religiösen Vertretern und Anhängern hinaus auch Wirkung und Bedeutung für die Mehrheit der Menschen und unsere Gesellschaften haben werden, ja haben können. Es genügt doch offensichtlich nicht mehr, den allgemeinen Verlust ethischer Grundhaltung festzustellen, ihn zu beklagen und die Wiedererrichtung allgemeinverbindlicher ethischer Normen zu fordern. Es ist doch sicher auch zu fragen, warum erleben wir einen derart dramatischen Verlust ethischer Orientierung? Liegt es wirklich nur daran (wie der Vorkämpfer des allgemeinen "Weltethos" Hans Küng meint), daß die Menschen nicht mehr wissen, was erlaubt ist und was nicht, weil der Eindruck besteht, daß einfach alles beliebig sei? Ist es nicht so, daß die Menschen gar nicht mehr wissen wollen, was erlaubt ist und was nicht, daß es letzlich gar nicht um die Anerkennung ethischer Prinzipien geht, sondern um die Anerkennung der Art und Weise wie diese zustande kommen und wie sie eingefordert werden.


Die "alte" Ethik

Der wenig bekannte deutschjüdische Tiefenpsychologe und C. G. Jung-Schüler Erich Neumann hat 1947, unmittelbar nach der zivilisatorischen Katastrophe des Faschismus und 2.Weltkriegs, des industriellen Massenmords an den Juden und des technologischen Wahnzeichens der Atombombe eine kleine Schrift veröffentlicht, die leider bis heute weitgehend unbeachtet blieb, während sie (meines Erachtens) eine der bedeutsamsten und aufschlußreichsten Einsichten dieses Jahrhunderts enthält. Der schlichte Titel 'Tiefenpsychologie und neue Ethik' läßt nicht erkennen, daß Neumanns Schrift - heute nach 50 Jahren gelesen - geradezu prophetische Voraussagen enthält. Seine Erkenntnisse haben sich seither in jeder Hinsicht bestätigt.

Neumann sagt in seiner Untersuchung die Krise der ethischen Elite (Vorbilder) und damit den allgemeinen Zusammenbruch der herrschenden 'alten, dualistischen Ethik' voraus und kündigt, als Orientierung in der daraus hervorgehenden kulturellen Krise, die Entstehung einer 'neuen, ganzheitlichen Ethik' an. Neumann stellt auf Grund kulturhistorischer Untersuchungen fest:

Die bisherige 'alte Ethik' war:

1. eine autoritäre Ethik,
2. eine äußerliche Ethik,
3. eine Kampfesethik.

Die alte Ethik war eine Ethik, die von einer gesellschaftlichen Minderheit, einer 'ethischen Elite', nämlich von "Heiligen", von Propheten, Priestern, Mönchen, Einsiedlern usw. entwickelt wurde. Sie wurde von den jeweiligen gesellschaftlichen Machteliten als nützlich übernommen und als festgeschriebene ethische Regeln, Normen, Gesetze - in seiner Wirkung durch gewisse Drohungen nachhaltig verstärkt - der Bevölkerung so auferlegt, wie Eltern auch ihren Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen hätten. Als autoritäre Ethik ist und bleibt diese ethische Orientierung aber eine äußerliche Ethik, denn sie ist nicht aus den Menschen selbst durch innere Erfahrung und Einsicht gewonnen, sondern sie fußt auf der von außen vorgegebenen, sozialen, gesellschaftlichen, ja staatlichen Norm, an die sich jeder zwangsläufig anzupassen hat. Dabei kann es allerdings zu Widersprüchen unter den verschiedenen Ebenen und Umfeldern der Einbindung kommen, insofern der Staat oder auch die eigene Gemeinschaft ein Verhalten fordern, das im jeweils anderen Umfeld als Verbrechen gilt.

Die alte Ethik ist jedoch in einem noch tieferen Sinne eine Außen-Ethik, denn sie beruht auch bei jenen ethischen Eliten auf einer Haltung, die das sog. Ich vom Nicht-Ich, die Innenwelt von der Außenwelt, das Denken vom Handeln, den Geist vom Körper, den Mensch von der Natur, den Mann von der Frau abtrennt. Es ist jenes dualistische, an Gegen-Sätzen orientierte Denken, welches die ganze vorderasiatische (Babylon, Persien, Palästina) und abendländische Kultur (Antike, Mittelalter, Neuzeit) beherrscht. Es drückt sich ethisch in der Trennung und Gegenüberstellung von "Gut" und "Böse" aus und führt zur "moralischen" Zielsetzung, das Böse duch das Gute zu vernichten.

Das ethische Ziel besteht im Abspalten, Ausschließen, Einsperren, Vernichten des zum "Bösen" erklärten Äußeren, Anderen, Fremden. Das Eigene wird mit dem Guten identifiziert, das Andere mit dem Bösen. So entsteht das die alte Ethik beherrschende, typische Feindbild-Denken. Das Böse ist der Feind, und der Feind ist das Böse. Ist der Feind (der Teufel) vernichtet, dann ist das vermeintlich Gute (der Heilige) gerettet und wiederhergestellt.

Unweigerlich drängen sich uns da heute die Bilder auf von Kreuzzügen, Hexen- und Ketzerverbrennungen, von Missionsfeldzügen und der Ausrottung fremder Kulturen, Völker und Religionen bis zur systematischen Vernichtung der Juden, der Zigeneur oder der Kommunisten durch die Nazis oder gar die "ethischen Säuberungen" im Jugoslawien der neunziger Jahre. Die Tiefenpsychologie nennt jenen Vorgang 'Schattenprojektion'. Der Schatten ist die dunkle Seite meiner Selbst, die umso stärker hervortritt, je mehr ich im Licht stehe. Das vom Licht der herrschenden Ethik nicht akzeptierte Dunkle, Böse in uns wird von uns, um die Helligkeit unseres Ichs herzustellen oder zu wahren auf das Nicht-Ich, den anderen, den Fremden übertragen. Er wird zur Ursache, zum Schuldigen, zum 'Sündenbock' und 'Prügelknaben' für mein Dunkles, meinen Schatten.

Die alte Ethik beruht auf Kampf und Krieg, auf Gewalt gegen sich selbst und den anderen. Sie versucht das Gute zu erzwingen, indem sie das Böse eliminiert. Doch da es das ausschließlich Gute oder Böse in der Wirklichkeit nicht gibt, schafft jene Ethik im Kampf gegen das Böse selber Böses. Die alte Ethik war so selbst Ursache für das Ausmaß an Verbrechen, Unmenschlichkeit und Verantwortungslosigkeit, dem wir uns in den letzten 2000 Jahren Menschheitsgeschichte, insbesondere aber in unserer heutigen Gegenwart, gegenübersehen. Die herrschende, dualistische Moral selbst ist unmoralisch und erzeugt das, was sie beklagt nämlich Krieg, Gewalt, Lüge.


Die "neue" Ethik

Hier wird uns die Aktualität der vor 2500 Jahren gelehrten und gelebten Botschaft Buddhas schlagartig bewußt. Eben dies, die Einsicht, daß das Konzept eines vom Nicht-Ich abtrennbaren Ichs, ja überhaupt der Abtrennbarkeit von Begriffen, Vorstellungen und Dingen (das Gute, das Wahre, der Deutsche, der Christ, der Buddhist usw.) die Ursache allen Leids (meiner selbst und der anderen) sei, war und ist der Kern des von ihm gewiesenen Weges ethischer Lebensführung. Sie, die dualistische Trennung der Wirklichkeit, die dualistische Abtrennung meiner selbst vom anderen, die dualistische Identifikation des Ich mit dem Guten und des Nicht-Ich mit dem Bösen, diese "Verblendung des Geistes" (Unwissenheit) erkannte Buddha als die wahre Wurzel alles Bösen in der Welt.

Doch nicht nur Buddha, auch Jesus hat in seiner Bergpredigt und in seinem liebenden und gewaltlosen Handeln dieselbe Botschaft gelehrt und gelebt. 'Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet' war eines seiner Worte. Aber jene Botschaft wurde bisher kaum verstanden, denn sie erfordert etwas, was wirklicher Anstrengung bedarf, nämlich Selbsterkenntnis, Selbstverantwortung, Selbstdisziplin.

Die 'neue Ethik' ist darum:

1. eine freiwillige Ethik,
2. eine innerliche Ethik,
3. eine Friedensethik

Die neue Ethik wird nicht gewonnen durch Übernahme von Normen, Vorschriften, Regeln, Gesetzen, die uns andere geben und aufzwingen wollen. Die neue Ethik ist eine freie Ethik, eine selbstgewählte Ethik, eine aus mir selbst gewonnene Ethik. Die neue Ethik beruht auf Erfahrung, kritischer Prüfung und tiefem Verstehen. Die neue Ethik ist eine Ethik der Ganzheitlichkeit und Offenheit (in der Sprache Buddhas: der Leerheit). Sie trennt nicht mehr Ich vom Nicht-Ich, Innen vom Außen, Gutes vom Bösen. Sie kennt keine Einseitigkeit und Identifizierung.

Wir beginnen zu verstehen, warum Buddha seine Schüler eindringlich ermahnte, nichts nur aufgrund irgendwelcher Autorität (einschließlich seiner eigenen), Tradition oder Vorschrift zu übernehmen, sondern alles selbst zu prüfen und in seiner Bedeutung zu ergründen. Weil ethische Regeln ernsthafte Wirksamkeit nur entfalten, wenn sie auf eigener, freier, innerer Einsicht, auf erwachsener Selbstverantwortung beruhen, darum sind Buddhas Regeln keine Regeln des 'Du sollst' sondern des 'Ich übe mich darin'.

Und wir beginnen zu verstehen, warum der Weg Buddhas ein Weg ist, der bei der Frage des 'Ich' beginnt und der die Ursachen für mein und unser Leid, wie für unser Glück nirgendwo anders als bei mir selbst zu erkennen sucht. Die neue Ethik ist eine Ethik der 'Zurücknahme der Projektionen'. Sie sieht 'das Böse' nicht mehr im anderen, sondern in uns selbst. Sie sieht die Ganzheit, die Widersprüchlichkeit unserer selbst. Die neue Ethik ist eine Ethik des Friedens, des Nicht-Verurteilens, des Mitfühlens, der Gewaltlosigkeit. 'Das Böse' in mir muß nicht bekämpft und vernichtet werden, sondern muß wahrgenommen und bewußt werden. Ja, das Böse in mir muß in seiner Ursache verstanden, akzeptiert und umarmt werden, um es zu versöhnen. Denn die Zerstörungskraft des Bösen beruht auf der Wut über seine Unterdrückung.

Dies bedeutet nicht, das Böse zuzulassen und zu verharmlosen. Es ist notwendig, das Böse und damit mich und die anderen zu schützen. Doch ist es nicht mehr die Abspaltung und Unterdrückung des Bösen, Schädlichen, Leidverursachenden, die mich und den anderen schützt, sondern es ist die allseitige Achtsamkeit (sati), die mich und den anderen schützt. "Sich selbst schützend, schützt man den anderen, den anderen schützend, schützt man sich selbst" heißt ein zentraler Satz im Satipathana-Sutra (der Lehrrede von der Achtsamkeit). Achtsamkeit ist Bewußtheit, ist Verantwortlichkeit, ist Wachheit. Achtsamkeit ist der Buddha (der Erwachte) in uns selbst.

Weil die Grundlage der ganzen Lehre Buddhas die Praxis der Achtsamkeit ist, darum ist das Wesen der ethischen Regeln, die Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren formulierte, die Praxis der Achtsamkeit. "Die fünf wunderbaren Regeln des Buddha sind nichts anderes als angewandte Übung der Achtsamkeit", lehrt uns Thich Nhat Hanh heute. Und "jede einzelne Regel enthält alle anderen", denn Achtsamkeit ist nicht trennbar. Sie umfaßt alles was existiert.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall und nicht nur bloßes Glück, daß Buddhas Weg heute in den Westen kommt, in eine Zivilisation, die ratlos vor ihrem Ende zu stehen scheint. In Wahrheit sind wir bereits mitten in einem gewaltigen und einzigartigen Transformationsprozeß. Wir stehen am Beginn einer neuen Ethik, aber sie ist eine Ethik der Nicht-Ethik, das heißt des Nicht-Moralisierens. Und zum ersten Mal in der Geschichte seit Buddha, Jesus und anderen großen Lehrern des entfalteten Menschseins hat - wenn wir uns nicht der kollektiven gegenseitigen Selbstzerstörung hingeben - ihre Botschaft die Chance, zur Praxis einer aus der Krise verwandelten Menschheit zu werden.




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