Buddhistische Entwicklung

Sulak Sivaraksa

in: Resurgence Magazine 184


Zentral in der buddhistischen Vorstellung von menschlicher Entwicklung ist eine angemessene Behandlung und Achtung der Natur

Es ist offensichtlich, dass unsere Welt in einem Kreislauf gefangen ist. Besonders was die quantitative Entwicklung betrifft, tauchen hier immer mehr Probleme auf, je weiter diese voran schreitet. Je größer zum Beispiel die Bedeutung der Konsum-Kultur in einer Gesellschaft ist, desto mehr Menschen werden von Gier und Lust gefangen gehalten. Je größer das wirtschaftliche Wachstum, desto höher die Verbrechensrate, je mehr Konsumgütern produziert werden, desto größer die Umweltverschmutzung.

Der jetzige Entwicklungsprozess hat einen Weg eingeschlagen, der die Kluft zwischen den Reichen und den Armen, und zwischen den wohlhabenden und den armen Nationen anwachsen ließ. Seit in Siam (traditioneller Eigenname für Thailand) die Entwicklungs-Planungen begannen, sind wenige wohlhabende Menschen in Bangkok noch wohlhabender geworden, während die Menschen anderer Landesteile, wie z.B. im Nordosten, noch ärmer geworden sind. Legen die Menschen gegen diese Entwicklungskonzepte Beschwerde ein oder sind sie Thai's, werden sie womöglich der Treulosigkeit gegenüber ihrer Nation und dem König beschuldigt. Ist es nicht an der Zeit, dass wir die Wahrheit sprechen? Wir müssen ehrlich sein und eingestehen, dass diese Art von Entwicklung dem Glück einer großen Anzahl von Menschen nicht zuträglich ist. Darüber hinaus müssen wir erkennen, dass die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die wir für diese Art von quantitativer Entwicklung benötigen, nicht ewig so weitergehen kann. Öl, Kohle und Eisen werden eines Tages aufgebraucht sein und können nicht zurückgebracht werden. Wenn Wälder und Wildtiere erst einmal dezimiert oder ausgerottet sind, werden sie zu unseren Lebzeiten und auch in Generationen nach uns nicht zurückkehren.

Wäre jedes Land der Erde so weit entwickelt wie die USA, würde sich der Erdölverbrauch verfünfzigfachen, der Eisenverbrauch verhundertfachen und der Verbrauch von anderen Metallen verzweihundertfachen. Und die USA selbst müssten die dreifache Menge dieser Materialien allein in ihrem Produktionsprozess verbrauchen. Weder sind ausreichend Rohstoffe auf der Welt für dieses Szenario vorhanden, noch wäre die Erdatmosphäre in der Lage, diese Veränderungen zu verkraften.

Es ist nicht nur so, dass die materialistische Entwicklung Gewalt fördert, sondern es werden auch der Wert von Zeit und Raum zerstört. In einer materialistisch eingestellten Gesellschaft bedeutet Zeit lediglich messbare Einheiten im Sinne von Arbeitstagen, Arbeitsstunden, Arbeitsminuten. Raum besteht einfach aus drei Dimensionen, welche mit materiellen Gütern gefüllt sind. Darum sagte Buddhadasa Bhikkhu, ein führender Thai-Mönch, dass Entwicklung Irritation bedeutet, da sie von einem Je-mehr-desto-besser, Je-länger-leben-desto-besser ausgeht und keinen Gedanken daran verschwendet, den wahren Wert eines langen und freudlosen Lebens gegen den eines kurzen aber erfüllten Lebens abzuwägen. Dies alles steht in unmittelbarem Gegensatz zu den Lehren des Buddha, der sagte, dass das Leben eines guten Menschen, wie kurz es auch sei, wertvoller ist, als das eines schlechten Menschen, wie lang dieses auch sei. Wenn wir also der buddhistischen Vorstellung von Entwicklung folgen, sollten wir nach einem guten (heilsamen) Leben streben, und nicht nach einem hohen Lebensstandard.

In der Religion werden materialistische Dinge nicht in den Vordergrund gestellt und die eigentlichen Ziele der Entwicklung, die den wahren Wert des menschlichen Lebens hervorbringen kann, werden anvisiert und klar im Bewusstsein gehalten. Aus buddhistischer Sicht muss Entwicklung auf eine Reduktion der Begierden, auf die Vermeidung von Gewalt und auf die Entwicklung des Geistes und weniger der materiellen Dinge abzielen.

Im quantitativen Entwicklungsmodell gilt die Devise, je mehr Wünsche und Verlangen erzeugt und befriedigt werden, desto weiter kann die Entwicklung voranschreiten. Vom religiösen Standpunkt aus hieße es aber, je mehr das Verlangen und die Bedürfnisse reduziert werden können, desto weiter kann die Entwicklung voranschreiten.

Die Werteskala der westlich geprägten Vorstellung von Entwicklung betont die Extreme. Je reicher, desto besser. Je schneller, desto besser. Je größer, desto besser. Je mehr Wissen, desto besser. Der Buddhismus betont demgegenüber einen Mittelweg zwischen den Extremen, eine Mäßigung, welche eine Balance herstellt, entsprechend der Ausbalanciertheit der Natur selbst. Wissen muss ein tiefes, vollständiges Wissen von der Natur darstellen, um Weisheit zu sein; andernfalls ist Wissen Ignoranz.

Buddhistische Entwicklung wird sich an den Rhythmus und die Bewegung des Lebens anpassen, um im Einklang mit der Natur zu sein, wobei ein Bewusstsein darüber ausgebildet wird, dass wir nur ein Teil des Universums sind, und dass Wege gefunden werden müssen, die Menschheit in die Gesetze der Natur zu integrieren. Es darf keine Prahlerei, keine stolzen, selbstgefälligen Versuche geben, die Natur zu beherrschen, keine Fixierung auf die Herstellung materieller Dinge in einem Ausmaß, das die Menschen zu Sklaven dieser Dinge werden lässt.

Es ist die Seele und der Kern buddhistischer Entwicklung, dass zuerst innere Stärke entwickelt werden muss; dann erst wird Mitgefühl und liebende Güte gegenüber anderen möglich. Es ist nicht nötig, Arbeit als etwas anzusehen, was zwangsläufig erledigt werden muss, als etwas worüber man sich streiten müsse, damit man mehr Lohn oder mehr Freizeit bekommt. Arbeitsmoral ist nicht dafür da, um sich über andere zu erheben, sondern um die Arbeit zu genießen und um in Harmonie mit anderen zu arbeiten. Materiell gesehen gibt es vielleicht in einem einfachen und bescheidenen Leben nicht viel, mit dem man angeben könnte, doch es sollte komfortabel und angenehm genug sein; einfache Nahrung ist z.B. auch weniger schädlich für Körper und Geist. Außerdem kann man einfacher Ernährung folgen, ohne die Natur auszubeuten und ohne Tiere als bloße Nahrungsmittel zu züchten.

In seinem Buch "Die Rückkehr zum menschlichen Maß" erinnert uns Ernst Friedrich Schumacher daran, dass nach der buddhistischen Vorstellung von Entwicklung Größenwahn oder Gigantomanie vermieden werden soll, besonders im Hinblick auf Maschinen, die Gefahr laufen, den Menschen eher zu kontrollieren, als ihm zu dienen. Durch Größenwahn wird die Gesellschaft zur exzessiven Gier und zur Vergewaltigung der Natur getrieben. Wenn jedoch diese beiden Extreme Gier und Größenwahn vermieden werden können, kann der Mittlere Pfad buddhistischer Entwicklung erreicht und verwirklicht werden.

Nur wenn man weniger ego-zentriert ist, kann man sich zu einem bescheidenen und natürlichen Menschen entwickeln; dann ist man auch in der Lage, davon abzusehen, andere auszunutzen nicht nur Menschen, auch Tiere, Vögel und Bienen und kann respektvoll mit unserer Umwelt umgehen.

Die Menschen sind Kreaturen der Evolution. Das erlaubt es ihnen, mit Veränderungen in ihrer Umwelt umzugehen und sich auf sie einzustellen. Das Maß jedoch und die Geschwindigkeit dieser Veränderungen sind so drastisch, dass sie die menschliche Fähigkeit weit übersteigen, sich auf diese Veränderungen einzustellen. Die Knappheit der Ressourcen wird zu einem immer gravierenderen, weltweiten Problem. Es können nicht weiterhin wahllos Abfallhalden und Müllberge produziert werden, ohne dass das Ökosystem dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Die negativen Effekte, die dies auf die Biosphäre hat, sind tiefgreifend.

Der Dalai Lama sagte einmal: "Wenn wir gute und rücksichtsvolle Eigenschaften in unserem eigenen Geist entwickeln, werden unsere Handlungen auf natürliche Weise aufhören, den kontinuierlichen Kreislauf und den Bestand des Lebens auf der Erde zu bedrohen. Indem wir unsere natürliche Umwelt schützen und daran arbeiten, die Erosion unseres Planeten für immer zu stoppen, zeigen wir Respekt für unsere menschlichen Nachkommen die zukünftigen Generationen wie auch für das natürliche Recht auf Leben aller auf der Erde lebenden Wesen. Wenn wir uns für und um die Natur sorgen, kann sie reich, großzügig, unerschöpflich und beständig sein. Wir haben die Verantwortung, und auch die Möglichkeiten, die Bewohner der Erde zu schützen die Tiere, Pflanzen, Insekten und sogar Mikroorganismen. Wenn zukünftige Generationen dieselbe Artenvielfalt kennen lernen sollen, die wir heute kennen, müssen wir jetzt handeln. Lasst uns alle zusammenarbeiten, um unsere Welt zu erhalten und zu schützen."

Eine vom Bewusstsein der Verbundenheit aller Lebewesen geprägte Weltsicht findet sich, wie im Buddhismus, auch in den spirituellen Traditionen der indigenen Völker Nordamerikas. So lehren die Ureinwohner Amerikas zum Beispiel, dass Mensch und Natur nicht getrennt sind und dass die Natur nicht einfach zur Ausbeutung und Manipulation durch den Menschen existiert. Stattdessen sind die Menschen Produkte von Naturmächten, die die Erde regieren. Die traditionellen, einheimischen Völker leben im Bewusstsein der Heiligkeit allen Lebens. Jeder Schritt, den sie machen und jede Entscheidung, die sie treffen, ist dadurch beeinflusst. Viele Gebete der Ureinwohner enden mit den Worten "Mitak oyasin", was so viel heißt wie "Allen meinen Verwandten", womit ausgedrückt werden soll, dass alles Leben auf der Welt ein Teil der eigenen Familie ist.

Dhyani Ywahoo, eine Cherokee-Medizinfrau aus Nordamerika und Lehrerin des Tibetischen Buddhismus, die zwei große Traditionen in ihrer Lehre zusammengebracht hat, sagte einmal: "Es gibt einen Strom aus mitfühlender Weisheit von dem wir alle ein Teil sind ... Von diesem fließendem Herzen kommt eine große Weisheit, mit welcher jeder von uns verbunden ist ... So ist der Frieden in uns als Samen und als Lied lebendig. [To call it forth is a practice of clear vision and clear speech.] Seht die Schönheit und preist die Schönheit, und der Strom der Weisheit wird reichlich in eurer Herz fließen."

Durch seine Betonung der Verbundenheit allen Lebens, seine Lehren des Mitgefühls für alle Wesen, seine Ablehnung von Gewalt und auch (wie die spirituellen Lehren der Ureinwohner weltweit) seine Sorge für alles Existierende hat der Buddhismus viele Menschen des Westens zu einer breiteren, tieferen Interpretation der Zusammenhänge zwischen sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz und ethnischer Toleranz geführt.

Sehr inspirierend sind hierbei einige Beispiele, wie z.B. die Sarvodaya-Bewegung in Sri Lanka, und eine nicht zu übersehende Gruppe von Thai-Mönchen, die sich durch Aktivismus und buddhistische Meditation für den Erhalt ihrer Umwelt einsetzen. Die Bhikkhu-Sangha aus Chiangmai, einer Provinzhauptstadt in Nord-Thailand, hat sich sogar erfolgreich für den Baustopp einer Seilbahn durch die Heiligen Berge von Doi Suthep eingesetzt. Auch haben sie eine Kampagne gegen Hochhäuser in der Stadt angeleitet.

Thich Nhat Hanh, einer der weltweit bekanntesten buddhistischen Lehrer, sagte: "Ich weiß, dass wir in unseren früheren Leben Bäume waren, und selbst in diesem Leben fahren wir fort Bäume zu sein. Ohne Bäume kann es keine Menschen geben; deswegen sind Bäume und Menschen Inter-Sein. Wir sind Bäume und Luft, Büsche und Wolken. Wenn Bäume nicht überleben können, wird ebenso die Menschheit nicht überleben können. Wir werden krank, weil wir unsere eigene Umwelt beschädigt haben, und wir leiden mental, weil wir von unserer wahren Mutter so weit entfernt sind der Mutter Natur." Diese Art zu Denken ist der Kern der buddhistischen Vorstellung von Entwicklung.

Sulak Sivaraksa ist Professor für Sozialwissenschaft und buddhistischer Aktivist in Thailand, Mitgründer des International Network of Engaged Buddhists und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er ist Autor des Buches "Saat des Friedens. Vision einer buddhistischen Gesellschaftsordnung" und zahlreicher weiterer Bücher zum Engagierten Buddhismus. Weitere Informationen unter www.sulak-sivaraksa.org

(aus dem Englischen von Tobias Goecke)




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[Stand: September 2006]