Engagierter Buddhismus
im deutschsprachigen Raum

Franz-Johannes Litsch



Fuhrest auch Du einmal
aus den Armen der Liebe auf,
weil ein Schrei dein Ohr traf,
jener Schrei, den unaufhörlich
die Erde ausschreit
und den du für das Geräusch
des Regens sonst halten magst
oder das Rauschen des Windes.

Sieh, was es gibt:
Gefängnis und Folterung,
Blindheit und Lähmung,
Tod in vieler Gestalt,
den körperlosen Schmerz
und die Angst,
die das Leben meint.

Die Seufzer aus vielen Mündern
sammelt die Erde,
und in den Augen der Menschen,
die du liebst, wohnt Bestürzung.

Alles was geschieht, geht dich an.

Günter Eich, 1950



Vorbemerkung

Innerhalb der Geistesgeschichte des Menschheit erscheint mir keine Gedankenfolge so einleuchtend - im ureigenen Sinn des Wortes innerlich erhellend - wie die vor 2500 Jahren von Siddharta Gautama Buddha verkündeten "Vier edlen Wahrheiten", die da in kürzester Form lauten: 1. Im Leben der Menschen existiert ein zentrales Thema - Leiden; 2. für alle unsere Leiden lässt sich letztlich eine Ursache erkennen, deshalb gibt es 3. auch eine Lösung und die Lösung kann 4. in konkreten Schritten benannt und realisiert werden.

Es scheint mir darum nur folgerichtig, in einer Darstellung des Hintergrunds, der Inhalte und der Erscheinungsformen des engagierten Buddhismus im deutschsprachigen Raum, diesem natürlichen Erkenntnisstrom des Buddha zu folgen, ohne in jene unfruchtbare Scholastik zu verfallen, die die Dinge so deutet, weil Buddha oder ein anderer es so gesagt haben. War es doch ebenfalls der "Erwachte" selbst, der uns immer wieder deutlich machte, dass Einsicht nur heilsam und wirksam sein kann, wenn sie unsere eigene geworden ist.

Meine Betrachtung richtet sich deshalb zunächst auf unsere globale heutige Wirklichkeit, versucht dafür Bedingungen und Ursachen zu erkennen, um schließlich zu dem zu kommen, was sich aus der Sichtweise des Buddha als aktuelle und konkrete Antwort darauf ergeben kann und bereits konkret entwickelt hat: verschiedene Versuche, Buddhismus im ehemals christlich- abendländischen Europa gesellschaftlich lebendig und wirksam werden zu lassen.
 

Die weltweite Bedrohung

Der auf geschäftsfördernden Zweckoptimismus programmierte herrschende Zeitgeist mag es zwar nicht mehr sehen und hören, und doch bleibt es unübersehbare Wahrheit: unsere gegenwärtige Welt ist in einem bedrohlichen Zustand, geprägt von tiefem Unfrieden und enormer Zerrissenheit und anscheinend unaufhaltsam auf grosse ökologische, soziale, politische, gesellschaftliche und psychische Katastrophen zusteuernd. Wie beherrscht von einer übermächtig gewordenen Sucht zerstören wir gegenwärtig weltweit nahezu alle Grundlagen für friedliche, harmonische, gerechte, mit ausreichendem Wohlstand und natürlicher Schönheit ausgestattete Lebensverhältnisse.

Wir stören und zerstören in bedrohlichem Ausmass die Existenzbedingungen anderer Lebewesen und Daseinsformen, wir zerstören die Lebensgrundlagen, Kulturen und Erzeugnisse anderer Menschen und Völker, wir zerstören die Lebensfreude und Zukunft unserer eigenen Kinder. Wir berauben uns unseres über viele Generationen hinweg erarbeiteten kulturellen Reichstums, wir berauben uns unserer sozialen Errungenschaften, unserer mitmenschlichen Geborgenheit und Solidarität, wir berauben uns unserer eigenen fundamentalen Überlebens- Bedingungen, der Gunst des Klimas und des Wetters, der Gesundheit des Wassers, der Nahrung, der Luft, selbst des Schutzes, den uns die Erde mit ihrem atmosphärischen Mantel gewährt...

Diese Entwicklung der Verhältnisse ist wohl bekannt. Ja, wir sind eher schon so sehr von Gefahren- und Katastrophenprognosen überhäuft, dass wir sie kaum mehr verkraften können. Und die die nicht wegschauen wollen, geraten dabei in Gefahr, in den Sog einer allgemeinen Weltuntergangsstimmung zu geraten, die uns entweder allen Lebensmut verlieren oder in ein zynisches: "jetzt erst recht - nach uns die Sintflut" verfallen läßt.
 

Wo sind die Lösungen?

Der deutsche Dichter: Friedrich Hölderlin sagte einst: "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!" Tatsächlich existieren längst zahllose konkrete und praktikable Lösungsansätze, geniale Ideen und Alternativ-Modelle für fast jedes zeitweilig unüberwindbar erscheinende Problem. Und es gibt eine beachtliche Anzahl von Menschen, Gemeinschaften, Initiativen und Aktivitäten, die bestrebt sind, eine grundlegende Wende herbeizuführen und die damit begonnen haben, diese zu realisieren und praktisch zu leben.

Und doch - es gibt keine deutlichen Anzeichen, keine tiefgreifenden Entschlüsse, keine ernsthaften Versuche der gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch und technisch letzlich Verantwortlichen die Probleme nun auch zur Kenntnis zu nehmen und deren Lösungsansätze aufzugreifen. Nein, alles geht blindlings weiter wie bisher und die Verhältnisse spitzen sich immer mehr zu.

Jene Hauptverantwortlichen, die wir immer noch vorwiegend in den Führungspositionen der westlichen Staaten und Wirtschaftsunternehmen ausmachen können, werden allerdings entweder von uns gewählt oder gehen aus Institutionen hervor, die im Prinzip jedem die Chance geben, selbst in diese Verantwortung zu kommen. Und sie agieren nicht unabhängig von unserer Unterstützung für ihr Verhalten. Sie selbst sehen sich unterworfen und abhängig von zahllosen Interessen, vom Willen der Parteimitglieder, der Wähler, der Banken, der Aufsichtsräte, Geldanleger, Aktienbesitzer, Investoren usw. der Arbeitenden, der Käufer, der Steuerzahler, der Arbeitslosen, der Rentner, der Medien, der Zuschauer usw. sehen sich als Opfer der Anderen.

Und selbst da, wo es auf den Verantwortungsebenen ernsthafte Entschlüsse und Anstrengungen gibt, die Probleme zu lösen und der Entwicklung eine neue Richtung zu geben, da scheitern diese schon nach kurzer Zeit an unvorhergesehenen Widerständen und Widersprüchen der bestehenden, allgemein akzeptierten Systembedingungen.

Vor allem aber: unsere kleinen alltäglichen Handlungen und Gewohnheiten - zahllose Verhaltensweisen, die für sich alleine zweifellos von geringer Wirkung sind, wie z.B. die kurze Autofahrt zum nächsten Kino, obwohl wir dahin auch laufen könnten; das bißchen Stromverbrauch des laufenden Radios, auf den wir gar nicht hören; das einfach gründlicher reinigende chemische Waschmittel, von dem wir wohl wissen, das es sehr viel schwerer biologisch abbaubar ist, als das weniger effektive biologische; der etwas billigere Einkauf von gespritzten Äpfeln aus Neuseeland, obgleich es daneben auch einheimische ungespritzte gibt - millionenfach in gleicher Weise wiederholt, verhindern in breitem Ausmass die not-wendige globale Umorientierung.

Denn, obwohl uns heute die Ökologie und die Systemtheorie gezeigt haben, dass kein Phänomen der Wirklichkeit auf einen eindimensionalen monokausalen Zusammenhang reduziert werden kann, sondern alles sich in einem grenzenlosen, vieldimensionalen multikausalen Beziehungsgeflecht bewegt, und obwohl uns die Chaostheorie sagt, daß ein Schmetterlingsflügel in Peking einen Hurrikan in der Karibik auslösen kann, trotz all dem sehen und behandeln wir die Erscheinungen und Probleme weiterhin so, als seien sie völlig voneinander isolisiert und als hätten sie keinerlei weitere Aus- und Nachwirkung.

Wo auch immer, ob auf hoher oder scheinbar belangloser Entscheidungsebene, die ganzheitlichen Ursachen und Folgen unseres Denken und Handelns werden fast durchweg schlicht ignoriert. Und diese tiefgreifende und globale Blindheit ist letztlich die entscheidende Grundlage der verhängnisvollen Entwicklung.
 

Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit

Unser Widerstand dagegen, die ganze Wahrheit bzw. die Wahrheit des Ganzen zur Kenntnis zu nehmen und unser Denken und Verhalten auch danach auszurichten, unsere hartnäckige Weigerung die eigenen Vorstellungen und Lebensgewohnheiten der Bedrohung entsprechend zu verändern, sitzt offensichtlich sehr tief in unserer persönlichen Struktur.

Dieser Widerstand wurzelt zunächst in fest verankerten gesellschaftlich-kulturellen Meinungen, Erwartungen, Gewohnheiten, Konzepte und Glaubensinhalten. Noch tiefer reichen kollektiv-menschliche Gefühle und Emotionen, Wünsche und Begierden, existieren Ängste, Hoffnungen und Erwartungen, die nicht nach den notwendigen Bedingungen dafür fragen.

Letztlich wurzelt der Widerstand in unserer grundlegenden und allgemeinen Lebenseinstellung, wie sie aus unserer alltäglichen, scheinbar völlig richtigen und normalen Wahrnehmung der vermeintlichen Wirklichkeit hervorgeht.

Diese, unsere "normale" Wahrnehmung von Wirklichkeit ist von einer verhängnisvollen Sichtweise geprägt, nämlich der des Getrenntseins, des Nichtbetroffenseins, des Alleinseins. Wir existieren, denken, fühlen und handeln umfassend aus dem Selbstbild der autonomen, allein für sich und aus sich heraus existierenden, vollkommen in sich selbst abgeschlossenen Identität. Wir sehen und handhaben alles aus der Wahrnehmung "meines Ichs" heraus.

Unsere Wirklichkeiterfahrung ist so zugleich und eigentlich eine Weise der Selbsterfahrung. Und als solche sieht sie das eigene Selbst als Betrachter und nicht als Teil der Wirklichkeit. Sie sieht sich als der Wirklichkeit gegenüber stehend. In gleicher Weise, wie wir der Ansicht sind, daß unsere Gedanken nicht wir selbst "sind", sondern daß wir Gedanken "haben", meinen wir, daß auch unsere Welt nicht unsere Welt "ist", sondern dass wir eine Welt "haben". Wenn wir die Welt nicht sind sondern haben, dann können wir mit ihr auch tun, was wir wollen, dann können ja sollten wir sie erobern, besitzen, beherrschen, umgestalten, zerstören, wie es uns gefällt.

Wenn es jedoch gar keine Trennung zwischen meinem Bewußtsein und meinen Gedanken gibt und keine Trennung zwischen meinem Bewußtsein und der Welt existiert und auch keine Trennung zwischen meinen Gedanken und der Welt möglich ist, dann verändert dies unsere gesamte Existenz und die der Welt auf grundlegende Weise. Dann ist nichts "Ich" und zugleich alles "ich selbst".

Dies war die plötzliche grosse Einsicht, die jenem Gautama Shakyamuni Buddha vor 2500 Jahren aufleuchtete, so dass er zu einer völlig neuen Wirklichkeit "erwachte". Er selbst und die Welt mussten nicht erst verändert werden, alles war von diesem Augenblick an völlig verändert und neu.

Tatsächlich haben unsere westlichen wissenschaftlichen Bemühungen, uns selbst und die Welt zu verstehen, unser gängiges Ich-Bild bereits völlig destruiert, hat sich - beginnend mit Darwin, über Freud, Einstein, Watzlawik, Bateson, Maturana und viele andere gezeigt, dass der Mensch nicht jenes ewige, göttliche Auge ist, das die Welt betrachtet und lenkt sondern jenes von Buddha bereits als solches erkannte hier und jetzt gegenwärtige Zusammentreffen ständig wechselnder und wechselwirkender, universaler Beziehungen.

Und tatsächlich sind wir, unsere Lebensweise, unsere Welt, alles was uns geistig, seelisch, körperlich ausmacht, in historisch nie dagewesener Weise voneinander abhängig und miteinander verbunden. Die Wirtschaft ist global, die Politik ist global, die Unterhaltungs- und Nachrichten-Medien sind global, viele Menschen arbeiten und reisen global, die Moden und der Zeitgeist werden immer globaler und die multimediale Kommunikationstechnik verbindet uns in Sekundenschnelle mit fast jedem beliebigen Ort der Erde über Text, Bild und Ton. Wir existieren in jedem Augenblick in einem sich in ständiger Veränderung befindenden universalen Beziehungsnetz.
 

Die Herrschaft der Verhältnisse

Die heute bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen, in denen wir leben, sind jedoch Ausdruck und Manifestation dieses unseres abgespaltenen, angstvollen und vom Haben beherrschten Ich-Denkens. Sie sind nicht nur der Spiegel sondern die riesenhafte Vergrösserung unseres Selbstbildes.

Und dabei wiederspiegeln und wiederholen sie jene abgespaltene verselbständigte Existenz, als die sich unser Selbstbild unserem wahren Sein gegenüber darstellt. Unsere gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen haben sich weitgehend verselbständigt. Wir produzieren und beherrschen nicht mehr sie, sondern sie produzieren und beherrschen uns. Wir sind zu Sklaven und Opfern unseres Selbstbildes und der daraus hervorgegangenen gesellschaftlichen Wirklichkeit geworden.

Die bestehenden Verhältnisse sind gar so sehr zur einzigen und absoluten Wirklichkeit geworden, dass sie geradezu göttlichen Anspruch erheben. Die von uns hergestellte und abgespaltene Welt ist zu unserem übermächtigen Gott geworden, dem wir nun angepasst und angstvoll unterworfen sind. Und unsere Hingabe an die heute herrschende Weltzivilisation hat diese gar zu einer herrschenden "Religion", zu einem geradezu totalitären Glauben gemacht (Was die Prediger dieses Glaubens gar dazu veranlasst vom entgültigen Sieg der "freien Marktwirtschaft" und dem "Ende der Geschichte" zu sprechen.).

Der pseudoreligiöse Totalitarismus der Konsumgesellschaft besteht darin, daß die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse sich selbst zum "allein seelig machenden" Heilsweg erhoben haben. Sie verkünden eine Botschaft die heißt: es gibt keine andere Wirklichkeit als die hier und heute herrschende und keinen anderen Weg zum Glück und zum wahren Leben als das Funktionieren nach den Gesetzen des global ausgetragenen aber von jedem allein auszutragenden Kampfs ums Überleben.

Jede wirkliche Religiosität wird dagegen entweder in den Bereich weltfernen "Gutmenschentums" abgeschoben oder zu einem neuen Feld kommerzieller Ausschlachtung und Vermarktung. An Stelle einer Religion der ganzheitlichen Wirklichkeit haben wir heute eine totalitäre Wirklichkeit als (Pseudo-)Religion.

Bei einem kürzlichen Besuch in Tibets alter Hauptstadt Lhasa schien mir, als würde dieser weltweite kulturelle Kampf hier geradezu stellvertretend und symbolisch ausgetragen, indem die Chinesen auf jede Weise versuchen, die bisher unerschütterliche Religiosität des tibetischen Volkes durch die aggressive Pseudoreligion der Marktwirtschaft zu ersetzen. Die tibetische Altstadt um den Jokhang herum, diesen über tausend Jahre alten, heiligsten Tempel Tibets, wird Zug um Zug abgerissen und durch supermoderne, gleisende und dröhnende Konsum-Tempel ersetzt. Die neue Weltreligion führt hier sinnlich wahrnehmbar den Kampf gegen die alte um die Herzen und den Geist der Menschen.
 

Der Bedeutung des Religiösen

Wenn die herrschende gesellschaftliche Ideologie in einem solchen Ausmass als göttliche Macht und als Ersatz von Religion auftreten kann, dann kann dies allerdings nur auf einen gewaltigen Verlust und Zusammenbruch der traditionellen Religion selbst hindeuten. Und dies wiederum läßt uns ahnen, an was es uns für eine heilsame Veränderung und Lösung der katastrophen-trächtigen globalen Entwicklungen letztlich mangelt. Es fehlt uns die Kraft und Weisheit jener Religiosität, die alle Getrenntheit und Begrenztheit erlösend überwindet.

Denn wahre Religiosität oder Spiritualität ist die geistige Dimension und Qualität, die der Ganzheit der Wirklichkeit entspricht. Sie ist die Dimension der Verbundenheit mit dem Ganzen. Und als solche war und ist sie die prägende Kraft und Orientierung des Menschen seit seinem eigentlich menschlichen Erscheinen (Homo Sapiens, vor ca. 30.000 Jahren). Sie gab und gibt ihm seinen Sinn, die Richtung und die Bedeutung seines Daseins, seines Denkens, seines Fühlens, seines Handelns, seiner Entwicklung. Und sie gab und gibt ihm alle Kraft, Hoffnung und Zuversicht, denn sie geht über ihn hinaus und ist durch nichts begrenzt.

Wir haben die "religio", die "Rückbindung" an das Übergreifende und Umfassende verloren, die Rückbindung an den Kosmos, an die Erde, an die anderen Lebewesen, an die anderen Menschen, Völker und Generationen, die Rückbindung an uns selbst und an das, was heilsam und ursprünglich ist. Nur diese Rückbindung an das umfassende Ganze und Ursprüngliche gibt uns wieder das Vertrauen und den Mut, uns zu öffnen. Nur sie ermöglicht uns, Bestehendes, Besitz, Ansprüche, Begierden und feste Vorstellungen loszulassen und uns dem Neuen, Ungewissen und Fremden anzuvertrauen.

Der Verlust des ursprünglich Religiösen macht sich heute unübersehbar im weitgehenden Zusammenbruch ethischer Orientierung und Verantwortlichkeit deutlich. Täglich vermitteln uns die Medien die Botschaft: es existieren derzeit keinerlei Grenzen der egozentrischen Willkür mehr. Es gibt keine Beschränkung dafür, mein vermeintliches Glück, meinen Vorteil, meine Macht, meinen Reichtum, meinen Genuss auf Kosten der anderen, ja, der ganzen Erde zu befriedigen. Die gesamte Erde und ihre weitere Entwicklung ist freigegeben den Antrieben nackter Gier, blinden Hasses und dumpfer Verblendung.

Der Verlust des Religiösen erweist sich vor allem auch als schwerwiegender Verlust des Weiblichen, der Bedeutung der Frauen und der weiblichen Kräfte und Fähigkeiten. In der Missachtung des Weiblichen (auch durch Frauen selbst) werden vor allem die lebensspendenden und lebensbewahrenden Qualitäten des Menschen unterdrückt und zurückgedrängt, während männlicher Kampf, Konkurrenz, Gewalt, Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit immer aggressiver alle gesellschaftlichen Denkweisen und Strukturen beherrschen.

Religion ist seit jeher die Quelle und Dimension des Heilen, des Heilens und des Heiligen. Sie ist der einzige und ursprüngliche Ort der Rettung in uns selbst. Und so ist das Religiöse zwar die äußerst verborgene, doch zugleich die wirksamste, stärkste, dauerhafteste, unerschöpflichste Kraft der Menschheit. Das befreite und befreiende Religiöse, das wahrhafte Heil in uns allein hat die Einsicht und Energie, um die Verhältnisse und ihre weitere Entwicklung umzukehren.
 

Das Versagen der Religion in Europa

Der Verlust des Religiösen in der modernen Gesellschaft hat allerdings seine Wurzel in der Religion bzw. den Religionen selber. Es liegt letztlich nicht an der modernen Gesellschaft, an der Welt, oder an bösen, äußeren Mächten, dass die Religionen ihre Bedeutung verloren haben, dass die Menschen in Europa sich derzeit in dramatischem Ausmaß von den traditionellen christlichen Kirchen ab- und der neuen Konsum-Religion zuwenden. Es hat seinen Grund in den Religionen.

Dem Verlust des Religiösen in der Gesellschaft ging der Verlust des Religiösen in der vorherrschenden Religion selbst voraus. Die moderne Gesellschaft hat ihre Mitte, die Religion verloren, weil die Religionen selber ihre Mitte verloren haben.

Das Christentum in West-Europa hat schon seit über 500 Jahrhunderten seine prägende Bedeutung verloren. Seit dem Ende des Mittelalters war die Kirche innerlich erstarrt und erstorben in Institutionalisierung, Dogmatisierung und Intellektualisierung bei gleichzeitiger Wissenschaftsfeindlichkeit, Gefühls- und Körperabspaltung. Die christliche Lehre war zutiefst in dualistischer Wirklichkeitssicht verfangen. Wo Gott und die Schöpfung, Gott und Mensch, der Mensch und die Welt und der Mensch wiederum in sich selbst als grundsätzlich getrennt betrachtet werden, da kann keine ganzheitliche Haltung, Heilung und Verantwortung entstehen. Im Gegenteil: die Spaltung der Welt, der Gesellschaft und letztlich der Religion selbst ist vorgezeichnet.

Die Trennung von Staat und Kirche und von religiöser Überzeugung und wirtschaftlich-politischer Tätigkeit gilt heute im Westen als eine der grossen aufklärerischen Errungenschaften der europäischen Zivilisation. Tatsächlich ist sie nur das pragmatische Ergebnis krass enttäuschter Hoffnung und Verheissung.

Jener Jesus von Nazareth hatte das unmittelbare Kommen des "Reiches Gottes", des "Neuen Jerusalem", des "Neuen Bundes" zwischen Gott und den Menschen verkündet. Ihm folgend beginnt die Geschichte des christlichen (nicht mehr antiken) Abendlands mit der Idee der kosmischen Einheit, der Einheit von Gott und Welt, Glaube und Handeln, Kirche und Staat. Nach dem Ende der Verfolgung der Christen sollte sich dies in der Gestalt des Kaisers als dem Stellvertreter Christi ausdrücken. Aber diese Verabsolutierung in Gestalt einer einzelnen Person an Stelle gesellschaftlich-kultureller Einheit enthielt bereits die Wurzel der Entfremdung und des Verlusts der Ganzheit. Denn der Kaiser war nur Symbol der Einheit nicht deren Wirklichkeit. Er hatte die Einheit von göttlicher und irdischer Welt nur rituell zu repräsentieren.

Das Reich von Byzanz versuchte diesem Ideal 1000 Jahre lang gerecht zu werden. Es zerbrach an der Uneinigheit der Christen (Kirchenschisma Ost-West) und endete unter der Eroberung der Türken, den Anhängern des auf das eine Buch (Koran) und den einen Gott (Allah) begründeten Gottesstaats. Die Idee des Gottesstaates fand schließlich im russischen Zarismus und letztlich im Islam der Gegenwart seine geistige und zumeist verhängnisvolle Fortsetzung.

Auch Westeuropa war unter diesem Ideal im Jahr 800 von Kaiser Karl dem Grossen als "Heiligem römischem Reich" neubegründet worden. Die Einheit zerbrach hier in einem jahrhundertelangen Kampf zwischen dem deutschen Kaisertum und der Papstkirche in Rom um die Oberherrschaft. Der endgültige Bruch von Kirche und Staat wurde schließlich hervorgerufen durch die Spaltung und Verweltlichung der römischen Kirche selbst und wird markiert durch die Reformation und die Renaissance. Martin Luther stand gegen die Kirche auf, indem er Religion und Glauben zur Privatangelegenheit erklärte. Und das hieß, der Gläubige war nicht mehr an die Gemeinschaft, die Kirche und die Überlieferung gebunden.

Damit war das absolute Monopol der einen und einzigen, katholischen Kirche gebrochen. Es spaltete sich daraufhin nicht nur die Kirche, sondern die ganze christlich-abendländische Kultur. Zwei Jahrhunderte später formulierte es der preussische König Friedrich II auf seine, klassisch gewordene Weise: "In meinem Staat kann jeder nach seine Facon seelig werden". Religion war Privatsache geworden, die den Staat nichts mehr anging.

Umgekehrt ging den religiösen orientierten Menschen nun die diesseitige Welt, die Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft nichts mehr an. Luther vertiefte diesen Spalt schwerwiegend, indem er die "Zwei Reiche Lehre" verkündete, die analog zu Himmel und Erde bzw. Jenseits und Diesseits, Religion und Staat als zwei Bereiche sah, die deutlich von einander zu unterscheiden seien. Der christliche Bürger war fortan ein innerlich zweigeteilter Mensch. Am Sonntag und Feiertag war er Kirchenchrist und hatte der christlichen Botschaft und Autorität zu folgen, an den Werktagen war er Staatsbürger und hatte der Obrigkeit und ihren Gesetzen zu gehorchen.

Die Trennung gab dem individuell Religiösen und Geistigen im Menschen zunächst grosse Freiheit und Selbständigkeit. Damit wurde sie Grundbedingung für die moderne Demokratie und die westliche Idee der individuellen Freiheitsrechte. Doch die andere Folge war die Spaltung von christlicher Ethik und wirtschaftlich-politischem Kalkül. Sie befreite auch die menschliche Gier, den Neid, den Konkurrenzkampf, die Bereitschaft zur gegenseitigen Vernichtung und zur rücksichtslosen Ausbeutung von Menschen, Völkern, Natur von religiöser, ethischer, moralischer Bindung und Begrenzung.

Der Kapitalismus in Europa und Nordamerika warf schließlich alle christlichen Skrupel und Gewissensbisse über Bord, ebenso wie sich auch das Christentum von aller Verantwortung verabschiedete, für das was "draußen in der Welt" geschah. Und so war in dieser Spaltung ebenso der Beginn der westlichen Demokratie und Wohlstandsgesellschaft wie der des modernen politischen und ökonomischen Totalitarismus angelegt.

Religion ist dementsprechend heute weitgehend von der Bevormundung des Staates verschont, doch um den Preis, dass der Staat und die Wirtschaft seither auch von aller religiösen Mahnung und Besinnung verschont wird. Beide Seiten sind von gegenseitiger Beeinflussung abgeschirmt und für gegenseitige Kritik und Korrektur weitgehend unzugänglich. Darum konnte Hitler sich bequem darauf verlassen, dass die christlichen Kirchen sich nicht gegen seine Eroberungs- und Judenvernichtungspolitik stellen würden, denn das war ja für sie "nur" Politik. Dem damaligem Papst, der gerade mit Nazi-Deutschland ein Konkordat über die gegenseitige Aufgaben- und Privilegienverteilung von Staat und Kirche vereinbart hatte, war die Einhaltung des Vertrages wichtiger als der Mord an Millionen Angehöriger des Volkes Jesu. Und den Christen in Deutschland, die nach dem Krieg daraus die Konsequenz gesellschaftlich-politischer Verantwortung zogen und sich beispielsweise in den 80er Jahren gegen die ebenso massive wie unsinnige Aufrüstung des Westens engagierten, konnte auf diese Weise der überzeugte evangelische Christ, Laienprediger, Orgelspieler und deutsche Bundeskanzler Helmuth Schmidt entgegenhalten: "Die Bergpredigt Jesu taugt nicht für die Politik".

Nicht zuletzt aufgrund dieser abgrundtiefen Spaltung der christlich-abendländischen Kultur steckt das Christentum in Europa heute in einem geistigen Dilemma, das die tiefsten Fundamente seiner Botschaft erschüttert. Denn die Menschen haben den Eindruck, daß die "frohe Botschaft" mit der heutigen Wirklichkeit und unserem Leben kaum noch etwas zu tun hat und daß Christentum und Glaube fast nichts dazu beitragen, die Probleme und Leiden der heutigen Menschen zu lösen oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Mehr noch, die Menschen haben den Eindruck, dass das Christentum ihnen Lösung für Probleme verspricht, die von der christlichen Theologie überhaupt erst zu solchen gemacht werden (z.B. mit dem Konzept der "Sündenschuld"). Zwischen Religion und Alltagsleben herrscht eine abgrundtiefe Kluft.

Gleichzeitig erheben die christlichen Kirchen weiterhin den Absolutheitsanspruch auf Heil und Erlösung und machen diesen, trotz eifrig betriebenem interreligiösen Dialog immer noch machtvoll geltend (Erklärung "Dominus Iesus" über die "Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche" aus dem Jahr 2000). Auf diese Weise versperren die Kirchen vielen Menschen gründlich jeden Zugang zu Spiritualität und religiöser Vertiefung.

Somit gibt es keine Erneuerung von Spiritualität und Religion in der westlichen Zivilisation ohne eine tiefgreifende Öffnung und Erneuerung des Christentums, eines Christentums, das religiöses Leben wieder zuinnerst mit dem konkreten Leben verbindet. Der interreligiöse Dialog ist deshalb für die christlichen wie die nichtchristlichen Religionen in den traditionell christlichen Ländern von existentieller Bedeutung.
 

Der Buddhismus als Antwort?

Angesichts der spirituellen Verarmung wie des verbürokratisierten Ausschliesslichkeits-Anspruches des Christentum erscheint der Buddhismus heute vielen Menschen im ehemals christlichen Westen als Lösung und Erlösung. Er erscheint als Alternative in dem, wie sich traditionell Religion darstellt, überwindet die Barrieren des gewohnten Zugangs zur Religion, eröffnet das Tor der Spiritualität neu, frisch und direkt.

Der Buddhismus unterliegt zugleich aber auch den traditionellen Blockaden und Verfälschungen des Religiösen in dieser Kultur. Auch er wird von deren gewohnter Sicht auf die Religion, auf die Welt, auf das Leben, auf uns selbst geprägt, verzerrt und verfälscht. Und auch er unterliegt sofort den blind wirkenden Mechanismen der heutigen globalen Konsumideologie und ihrer gesellschaftlichen Strukturen. (Buddhismus als Konsumangebot und Egotrip).

Schließlich ist auch der Buddhismus in seiner historischen Gestalt nicht frei von Missverständnissen, Veräußerlichungen, Verzerrungen, Verfälschungen und Verhinderungen im Zugang zur eigenen Tiefe. Ja, auch er enthält manch dunkle Seiten und Schatten, die dem ursprünglichen Gehalt der Lehre und dem Anliegen des Buddha völlig widersprechen und die es zu erforschen und aufzudecken gilt. Ohne eine gründliche, tabufreie, kritische und selbstkritische Betrachtung der historischen Erscheinungen und Fehlentwicklungen des Buddhismus in Asien kann letztlich keine wirklich befreiende Kraft von ihm ausgehen.

Der Buddhismus in Asien befindet sich heute sogar in einer schwerwiegenden Krise, die allerdings weniger ihren Ursprung in eigenen Wurzeln hat, als in der wirtschaftlichen und geistigen Eroberung Asiens durch die Zivilisation des Westens. Von der neuen Weltreligion des Konsumismus wird der Buddhismus in Asien massiv in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit abgedrängt und zunehmend auf blosse Folklore reduziert.

Angesichts der gewalttätigen und diskriminierenden Bedrohung, die gegenwärtig von der Religion des fundamentalistisch-verzerrten Islam ausgeht, aber auch vom blinden, uneinsichtigen und mitleidlosen Krieg des jüdischen Staates gegen das palästinensische Volk, stellen sich auch diese Religionen heute nicht als Kräfte der Heilung und Überwindung der globalen Menschheitskrise dar, sondern geradezu als deren Ursache und Antrieb.

So bedarf der Buddhismus (Buddha-Dharma) der tiefgreifenden Erneuerung, um seinen Geist und seine Kraft neu lebendig zu machen. Und es bedarf einer Erneuerung aller Religionen, um die in uns Menschen angelegte, grenzenlose, heilsame Kraft und Weisheit des Religiösen wieder lebendig und fruchtbar zu machen.
 

Engagierter Buddhismus

Engagierter Buddhismus ist aus dem Bemühen hervorgegangen, eine religiöse Praxis, die sich vom alltäglichen Leben unserer heutigen Welt allzu weit entfernt hat, wieder in dessen Mitte zurück zu führen. Sein innerstes Anliegen ist es, alltägliches Leben zur buddhistischen Praxis werden zu lassen und buddhistische Praxis zu heilsamem Leben.

Engagierter Buddhismus ist das Fruchtbarmachen der Weisheit und Kraft des Buddhismus zur Überwindung der Krisen und des Leidens in unserer Welt. Ihn zu entfalten, heißt das tiefste Potential des Menschen, seine Fähigkeit zum Erwachen, zur Erleuchtung, zur höchsten Bewußtheit - kurz seine Buddha-Natur wirksam werden zu lassen.

Da die meisten heutigen Krisen und Leiden globale Erscheinungen sind (was ihre Ursachen oder ihre Wirkungen oder beides betrifft), ist auch engagierter Buddhismus heute ein globales Phänomen geworden. Ja mehr noch: Engagierter Buddhismus ist globaler Buddhismus, indem er schulübergreifend ist, indem er international, also kultur- und völkerübergreifend ist, indem er geschlechtsübergreifend ist, indem er menschheitsübergreifend ist, indem er letztlich die Gesamtheit des Lebens auf unserem Planeten in seine Wahrnehmung und Fürsorge einbezieht. "Das Dharma schützt die Welt", dies war einer der wegweisenden Sätze von Buddhadasa Bhikkhu (Mönchslehrer aus Thailand), einem der Inspiratoren des derzeitigen engagierten Buddhismus.

Auf diese Weise verwirklicht sich im engagierten Buddhismus, als wichtigem Aspekt des heutigen Gesamt-Buddhismus möglicherweise eine historisch und inhaltlich völlig neue Entwicklungsphase des Buddhismus, die wir möglicherweise sog. 3. Drehung des Dharma-Rades nennen können.

Der Inhalt dieses neuen Verständnisses von Buddhismus beruht auf einer neuen vertieften Einsicht in die Lehre von "paticca samuppada" (wechselseitig bedingtem Entstehen), von "anatta" (Nicht-Ich) und von "sunyata" (Leerheit) als "Interbeing", als globale Vernetztheit aller Wesen und Phänomene, als wechselwirkendes- miteinander- Verbundensein.

Daraus ergibt sich auch ein neues vertieftes Verständnos von Buddhaschaft. Buddhas Weg der Befreiung beginnt bei uns selbst, beim Ich und besteht in der Befreiung vom abtrennenden, verabsolutierenden Ich. Doch kann dieser Weg nicht beim Ich enden, sondern er führt in die "grosse Weite", erkennt sich im anderen und in allem und erfährt die anderen und alles in sich selbst. Buddhaschaft kann nicht mehr nur individueller Weg der Befreiung und Verwirklichung der uns alle zugrunde liegenden Buddha-Natur sein, sondern muss sich ausweiten zu einem gemeinschaftlichen, menschheitlichen, ja globalen Weg der Verwirklichung. Der Weg Buddha beginnt also bei uns selbst, aber endet nicht bei uns selbst. Er endet in der Befreiung und Verwirklichung der gesamten Menschheit, ja des ganzen Universums.

Eben diese Aussage macht auch das im Mahayana-Buddhismus (insb. im Zen) bekannte und oft zitierte Bodhisattva-Gelübde.

"Die Lebewesen sind ohne Zahl, ich gelobe, sie alle zu erretten.
Die Anhaftungen sind unerschöpflich, ich gelobe, sie alle zu überwinden.
Die Tore der Wahrheit sind unermesslich, ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.
Der Weg des Erwachens ist unübertroffen, ich gelobe, ihn zu gehen."

Dies ist die grenzenlose Aufgabe und Vision, die Buddha uns hinterlassen hat und der tiefste Inhalt von engagierten Buddhismus.

Mit diesem Verständnis gewinnt auch der Begriff Sangha eine völlig neue und weitere Dimension. Die Sangha als Gemeinschaft derer, die den Weg zur Buddhaschaft gehen, wird zur Gemeinschaft aller Wesen, allen Lebens und aller evolutionären Prozesse auf unserem Planeten, die in diesen Weg eingebunden sind. Und so kann Thich Nhat Hanh davon sprechen, dass der kommende Maitreya-Buddha möglicherweise nicht in Gestalt eines einzelnen Menschen sondern in Gestalt einer grossen spirituellen Gemeinschaft, einer Sangha in der Welt erscheinen wird.

Dies könnte zugleich bedeuten, dass in der Begegnung von Buddhismus und Christentum - einem Austausch, der bisher weitgehend einseitig nur das Christentum als lernend erscheinen lies (und es in Teilbereichen buddhistischer machte) - der Buddhismus durch einen zentralen Inhalt des Christentums erweitert und damit seinerseits christlicher würde. Nämlich mit der Idee einer menschheitlichen oder gar planetarischen Verwirklichung von Buddhaschaft. Denn die Idee einer weltlichen Heilsgeschichte, die Botschaft vom irdischen "Reich Gottes", vom "Neuen Jerusalem", vom wiedererscheinenden kosmischen Christus gehört zum Wesen des Christentums. Ansätze zu solchem "chiliastischen" Verständnis des Buddha und seines Weges gab es auch bereits in der buddhistischen Vergangenheit in verschiedenen Ländern Asiens (Südostasien, China u.a.).

Auf diese Weise kann ein solches Verständnis auch eine ganz neue Begegnung mit dem Judentum und dem Islam eröffnen, in deren Lehre und Tradition die menschliche Lebensgemeinschaft (das Volk Gottes, die Umma) eine ganz besonders zentrale Bedeutung hat.

Als grundlegend für den Buddhismus bleibt jedoch, dass es keine an irgendein Ende kommende Verwirklichung irgendeines Zieles gibt, dass es auch kein fassbares Ziel gibt, das erreicht werden könnte, sondern dass es um den Weg geht - der allerdings entscheidend vom Ziel geprägt wird, das wir uns gesetzt haben - und dass es schließlich darum geht, auf diesem Wege kleine Schritte zu tun, ganz in Achtsamkeit, ganz eins mit dem, was Hier und Jetzt ist.
 

Der Buddhismus in Deutschland

Das Interesse am Buddhismus war in Deutschland zuerst unter den Philosophen entstanden. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war wohl der erste Europäer, der gestützt auf Texte jesuitischer Missionare ein ernsthaftes Interesse an der Lehre des Buddha entwickelte. Als aufgeklärter Rationalist faszinierte ihn die Idee, dass hier die Welt nicht auf Gott sondern "auf das Nichts zurückgeführt" würde. Seine Monadenlehre hat zugleich eine gewisse grobe Ähnlichkeit mit der Lehre von den Dharmas in der Abidamma-Tradition.

Doch es dauerte ca. 150 Jahre bis sich wieder einer der grossen deutschen Philosophen auf die geistige Welt des Buddhismus einließ. Arthur Schopenhauer (1788-1860) konnte sich bereits auf das Studium erster europäischer Übersetzungen buddhistischer Texte einlassen und nannte schließlich seine, aus der Auseinandersetzung damit entwickelte Philosophie europäischen "Buddhaimus". Mit ihm erlangte der Buddhismus erstmals grössere Beachtung in dem bis dahin hermetisch abgeschlossenen Denkgebäude des Abendlands. Doch Schopenhauers Sicht war tief geprägt von pessimischer Grundhaltung gegenüber der Welt und dem Leben und stand als solche viel eher in der Tradition orientalisch-christlichen Asketentums (Anachoreten) als in der des Buddha. Umso nachhaltiger war allerdings die Nachwirkung seiner Sichtweise bis heute.

Das Verständnis von Buddhismus als einer Lehre der Willensabkehr, Weltabkehr, Lebensverneinung, die er vermittelte, hatte nicht nur grossen Einfluss auf die Menschen seiner Zeit sondern prägte nachhaltig die Interpretation des Buddhismus in der ganzen westlichen Welt. Noch heute wird im deutschsprachigen Raum der Buddhismus von Außenstehenden zumeist in der Weise beschrieben und gedeutet, wie Schopenhauer dies einst getan hatte.

Die Missdeutung wurde noch vertieft durch den Beitrag eines weiteren bedeutenden deutschen Gelehrten: Max Weber, der Großmeister der Soziologie. In seinen berühmten Untersuchungen über den Einfluss der Religionen auf die gesellschaftliche Entwicklung der Kulturen, beschrieb er den Buddhismus als weltflüchtige und weltindifferente Religion, aus der zwangläufig kein moderner, innovativer und weltverändernder Entwicklungsimpuls für die Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft hervorgehen könne. Seither herrscht im westlichen Denken die Stereotype: Buddhismus und weltliches Engagement sind unvereinbar.

Und so schreibt der derzeitige polnische Papst Johannes Paul II nach einer Vielzahl persönlicher Begegungen mit Repräsentanten des Buddhismus heute noch in seinem Buch "Die Schwelle der Hoffnung überschreiten", der Buddhismus sei eine pessimistische, welt- und lebensfeindliche Religion, ja eigentlich gar keine Religion, da er keine Erlösung sondern nur die Lebensverneinung anzubieten habe, demgegenüber das Christentum doch voller Lebensfreude sei (u.a. wörtlich: "die Erleuchtung des Buddha beschränkt sich auf die Überzeugung, dass die Welt schlecht und für den Menschen Quelle des Bösen und des Leides sei").

Als der eigentliche Begründer des Buddhismus im deutschsprachigen Raum gilt der grosse Übersetzer Karl Eugen Neumann (1865-1915). Neumann kam über Schopenhauer zum Buddhismus und entschied sich daraufhin für das umfassende Studium der Indologie. Sein ganzes Leben galt der Übersetzung des Pali-Kanon in deutsche Sprache. Seine Übersetzung ist zwar von grosser Sprachkraft und -Schönheit, doch im heutigen Abstand gelesen, so voller christlicher Begriffe und Deutungen wie auch von jener schopenhauerschen Weltsicht geprägt, dass sie nicht wenig dazu beigetrug, diese einseitige und verkürzte Sicht der Lehre des Buddha bis heute auch unter zahlreichen Buddhisten für zutreffend zu halten.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Buddhismus in Deutschland erstmals als geistige Bewegung in Erscheinung. Es waren Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, die sich von dieser "Religion der Vernunft" angezogen fühlten. Viele unter ihnen suchten nicht nur nach einer Alternative zum unglaubwürdig gewordenen Christentum und zur lebensfremd gewordenen Wissenschaft sondern auch nach gesamtgesellschaftlichen Alternativen oder Neuansätzen. So entfaltete sich eine ebenso lebendige wie skurille Begegnung der intensiv aufblühenden Jugend- und Lebensreformbewegung mit der neuen, exotischen Weisheitslehre aus dem Osten (siehe: Monte Verita u.a.). Besonders Pazifisten, Vegetarier und Tierschützer fanden hier eine religiöse Heimat, die ihren Wünschen zu entsprechen schien, wie umgekehrt religiös Suchende zu neuen, buddhistisch geprägten ethischen Konsequenzen fanden.

Den konzentriertesten Ausdruck erlangte diese Begegnung Ende der 20er Jahre in Hermann Hesses begeistert aufgenommenem Buch "Siddharta". Schon damals beeinflusste es eine ganze Jugendgeneration, um etliche Jahrzehnte später (in der Hippie- und Aussteigerbewegung der "Sixtees") noch einmal zum Ausdruck des Aufbruchs einer ganzen Generation suchender Jugend zu werden. Doch wie Hesses Siddharta sich von Buddha abwandte, um seinen eigenen Weg zu gehen, so trennten sich auch damals jene beiden Strömungen wieder, ohne sich wirklich zu begegnen oder verwandeln zu lassen. Die Jugendbewegung wurde reaktionär und schließlich faschistisch instrumentalisiert, der deutsche Buddhismus blieb weltabgewandt und intellektuell.

Die im deutschsprachigen Raum starke Neigung, den Buddhismus hauptsächlich philosophisch aufzunehmen, prägte nicht nur die erste Generation buddhistischer Lehrer wie Paul Dahlke und Georg Grimm sondern brachte zum dritten Mal namhafte deutsche Philosophen dazu, sich mit der Lehre des Buddha intensiv auseinanderzusetzen. Nach der Lektüre von Eugen Neumanns Pali-Übersetzungen äußerte Eugen Husserls sich in tief beindruckter Weise über den Buddhismus und seine Fähigkeit, in einer Zeit der Orientierungslosigkeit neue Masstäbe zu setzen. Gleichzeitig zog Husserls eine ganze Generation von japanischen Schülern der deutschen Philosophie an, die ansschliessend wieder grossen Einfluss auf die japanische Philosophie dieses Jahrhunderts, insb. die Zen-orientierte Kyoto-Schule hatten.

Edmund Husserls Schüler Martin Heidegger schließlich widmete sich in seinen späteren Jahren einer intensiven Begegnung und Auseinandersetzung mit dem japanischen Zen-Buddhismus und hatte mehrere bedeutende japanische Zenmeister aus Japan in seiner, mit japanischen Teehäusern wesensverwandten Schwarzwälder Berghütte zu Besuch. Daraus ging wiederum in Japan eine Verehrung für Heidegger hervor, die diesem in Deutschland eher versagt blieb.

Besonderen Eindruck machte das kritische Verhältnis Buddhas zur Sprache auf die Urväter der westlichen Sprachphilosophie, insbesondere auf Fritz Mauthner, den man (zurückgezogenen in Meersburg am Bodensee lebend) den "Buddha vom Bodensee" nannte. Mauthner hatte in seinem Buch "Der letzte Tod des Gautama Buddha" gar ein eigenes buddhistisches Sutra, die "Schmetterlingspredigt" verfasst. Er übte massgeblichen Einfluss auf die Philosophie der Wiener Schule aus. Ausserdem war er Inspirator und Freund des Mystikers und Anarchisten Gustav Landauer, dem Wiederentdecker der Schriften Meister Eckhards, Freund Martin Bubers und geistigen Anführer der Münchner Räterrepublik (Landauer wurde dort 1918 von faschistischen Freikorps ermordert).

Der weltberühmte Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein schließlich, der über seine fundamentale Sprachkritik seinerseits zum Schweigen der Mystik fand, trug sich in seinen letzten Lebensjahren sogar mit den Gedanken, buddhistischer Mönch zu werden. Doch, so wie er selbst, so gelangten alle diese philosophischen Annäherungen an den Buddhismus nicht über die Schwelle des Denkens zur unmittelbaren gelebten Praxis hinaus. Und insofern blockierten sie auch die Entwicklung des Buddhismus im deutschsprachigen Raum bis zum Ende des 60er Jahre dieses Jahrhunderts.

Die wichtigsten Impulse, den Buddhismus bei uns auch zu einer ganzheitlichen Lebenspraxis werden zu lassen, wurden letztlich in Gang gesetzt durch die politische, gesellschaftliche und ideologische Katastrophe, die 1933 über Deutschland und schließlich ganz Europa hereinbrach.
 

Der deutsche Buddhismus wird praktisch

Der ursprüngliche, monastische und mit ganzer Person gelebte Weg Buddhas wurde in unsrer Kultur erstmals von drei grossen Persönlichkeiten begangen, die nach ihrer Ordinierung leider nie wieder als Lehrer nach Deutschland zurückkehrten. 1903 legte der erste Deutsche, der hochbegabte Musiker Anton W.F. Gueth in Burma die Robe des Bhikkhu an. Unter dem Namen Nyanatiloka erlangte er durch seine tiefgehende Textkenntnis höchste Anerkennung in den Theravada-Ländern Asiens, so dass er nach seinem Tode 1957 in Sri Lanka mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurde.

Ein anderer Künstler (Maler und Dichter) war Ernst Lothar Hoffmann, der als Lama Anagarika Govinda berühmt wurde. 1928, in seinem 30. Lebensjahr wurde er in Sri Lanka ebenfalls Bhikkhu und Schüler von Nyanatiloka. Bei einer Sikkim-Reise kam er in Berührung mit dem tibetischen Buddhismus und wurde davon so ergriffen, dass er in diese Tradition wechselte und Schüler eines tibetischen Meisters (Tomo Geshe Rinpoche) wurde. Lange Jahre wanderte er dann in Tibet umher, gründete nach Kriegsende den ersten westlichen tibetischen Orden (Arya Maitreya Mandala), verfasste eine Vielzahl tiefschürfender Werke und verstarb schließlich im hohen Alter in Kalifornien.

Der dritte grosse Bhikkhu der Frühzeit des deutschen Buddhismus, war der ebenfalls hoch geehrte Nyanaponika Mahathera. Er war jüdischer Herkunft mit dem Namen Siegmund Feniger. Mit ihm beginnt in Deutschland zum ersten Mal das, was engagierter Buddhismus genannt werden kann. Bereits Buddhist und fest entschlossen, in Sri Lanka die Robe anzulegen, sah er es dennoch zunächst als seine Aufgabe, angesichts des zunehmenden Terrors der Nazis gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu helfen, soviel noch geholfen werden konnte.

So arbeitete er mitten im nationalsozialistischen Berlin mehrere Jahre für den "Zentralausschuß der Juden für Aufbau und Hilfe" bis es nicht mehr möglich war. 1936 reiste er nach Sri Lanka aus, rettete anschließend noch seine Mutter, um dann, 50 Jahre lang als Mönch, bis zu seinem Tode dort zu bleiben. Auch er wurde durch seine gründliche Text-, Übersetzungs- und Interpretationsarbeit zu einem Klassiker des neuzeitlichen Buddhismus. Einen später von ihm immer wieder zitierter und kommentierter Satz Buddhas aus seinem Lieblingssutra, dem Satipatthana Sutta hat sich das heutige Netzwerk engagierter Buddhisten als Leidsatz erwählt: "Auf sich selbst achtend achtet man auf andere, auf andere achtend achtet man auf sich selbst."

Zu gleicher Zeit als Nyanaponika Deutschland verlies, kamen auf Grund der politischen Koalition Deutschland-Japan vier deutsche Professoren zu einem langjährigem Aufenthalt nach Japan, der sie in unerwartete und intensive Begegnung mit der meditativen Praxis des Zen führte. Es war dies zunächst der in Japan Philosophie lehrende Eugen Herrigel, der als sich erster Europäer auf den "Zen in der Kunst des Bogenschiessens" einliess. Sein gleichnamiges Buch wurde zu einem Klassiker für eine ganze Generation von Zenbegeisterten.

Karlfried Graf Dürckheim war Psychologie-Professor in Leibzig gewesen und einer der Mitbegründer der in der NS-Zeit in die USA emigrierten Gestaltpsychologie. In Japan studierte er im Auftrag des deutschen Aussenministers Ribbentrop die geistigen Grundlagen der japanischen Erziehung, gelangte darüber zur Begegnung mit dem japanischen Zenmeister Yuho Seki Roshi und schließlich zur Praxis des Zazen. Er war der erste Deutsche, der nach dem 2. Weltkrieg in seine Heimat zurückkehrend auch die buddhistische Meditationspraxis mitbrachte und in seinem kleinen Therapiehaus im Schwarzwald lehrte.

Der dritte war Eugen Enomiya Lassalle, ein Jesuit, der an der katholischen Universität von Kyoto lehrte, beim Kriegsende auf wunderbare Weise den Abwurf der Atombombe in Hiroshima überlebte und bis kurz vor seinem Tode in Japan lebte. In gut jesuitischer Tradition vertiefte er sich intensiv in den japanischen Buddhismus und absoltvierte über Jahrzehnte die vollständige traditionelle Schulung des Soto-Zen unter Yamada Roshi, bis zur eigenen Autorisierung als Zenlehrer. In den 60er Jahren führte er die ersten Zen-Sesshins in Deutschland durch.

Sein ebenfals deutscher Mitbruder in der Universität von Tokio, Heinrich Dumoulin trat seinerseits mit zahlreichen Werken als einer des besten Kenner der Geschichte des Zen in China und Japan hervor.

Doch alle diese vier beschriebenen Pioniere des Zen im Westen vollzogen nie den Schritt, auch in die buddhistische Tradition einzutreten, selbst Zuflucht zu nehmen oder sich als Schüler Buddhas zu verstehen. Sie nahmen den Zengeist und die Zenpraxis auf und "intergrierten" sie in ihren westlichen geistigen Hintergrund, der ein philosophischer, therapeutischer oder christlicher blieb.

Einer der ersten in Deutschland lebenden und ordinierten Buddhisten war eine Person, die man auch als ersten Vertreter eines bewußt gesellschaftlich engagierten Buddhismus bezeichnen kann. Es war der ehemalige kommunistische Bergarbeiter und spätere buddhistische Lehrer Wilhelm Müller, bzw. Anagarika Subhuti. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie am Niederrhein, wurde Bergmann im Ruhrgebiet, kämpfte als junger Mann gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus, wurde 1933 verhaftet und mehrere Jahre "wegen Hochverrats" inhaftiert. Im Gefängnis wurde er über eine zufällige Literaturbegegnung Buddhist und überlebte alle Verfolgung wie auch den Krieg.

Nach Kriegsende begann er damit, in Vorträgen, Arbeitskreisen und durch die Herausgabe einer Zeitschrift, vor allem den einfachen Arbeitern die befreiende Lehre des Buddha zu vermitteln. Er wurde Mitglied des von Lama Govinda gegründeten AMM-Ordens. Neben seiner Lehrtätigkeit kümmerte er sich viele Jahre intensiv um psychisch labile und drogengefährdete Jugendliche, bot Beratung für Kriegsdienstverweigerer an und engagierte sich leidenschaftlich für den Schutz der Tiere. All dies sah er als Erfüllung seines Bodhisattva-Gelübdes, 'allen Wesen in der Welt' behilflich zu sein. Wilhelm Müller starb 1990 im Alter von 78 Jahren. Seine Überzeugung war: "Niemand kann, nach der Lehre des Buddha, seine eigene Erlösung verwirklichen, ohne sich auch für das Wohlergehen der Anderen - Menschen und Tiere - einzusetzen."

Der grosse Aufschwung des Buddhismus im deutschsprachigen Raum setze schliesslich mit der Jugend- und Studenten-Bewegung der 60er Jahre ein. Da war einerseits das unbewältigte und verdrängte millionenfache Verbrechen, das im Namen des deutschen Volkes an anderen Völkern, insb. den Juden verübt worden war. Viele junge Menschen litten schwer unter dieser "Schuld" und unter dem Schweigen und der versteckten Fortwirkung der Gewalt in ihren Familien. Und da war andererseits die Tatsache, daß Westeuropa an der Seite des Verbündeten USA in Südostasien bereits wieder in einen furchtbaren Krieg involviert war. Ein Krieg, der von Vielen ebenso als rassistischer Mord an unschuldigen und wehrlosen Menschen gesehen wurde.

Zugleich kam aber auch diese lebensfrohe, kreative, befreiende Botschaft des "make love not war" aus jenem kriegsführenden Amerika und ein bisher völlig unbekanntes Interesse an Bewußtseinserweiterung, spiritueller Erfahrung und den Jahrtausende alten Wegen der Selbsterfahrung und Selbstfindung im Osten. Genau zu jener Zeit wurden in Deutschland auch die ersten Zen-Meditationskurse angeboten. Jetzt war es nicht mehr so sehr die Lehre, jetzt war es die Meditationspraxis die faszinierte.

Der kulturrevolutionäre Aufbruch der "Sixties" ging über in die zahlreichen unterschiedlichen Bewegungen der 70er Jahre, in neomarxistische Gruppen, in die 3.Welt-Solidaritätsbewegung, die Landkommunebewegung, die Frauenbewegung, die Ökologiebewegung und die Friedensbewegung der 80er Jahre. Zugleich entstand die Therapiebewegung und die breite Ströhmung des New Age, der Esoterik, der Jugendreligionen und schliesslich der enorme Aufschwung des Buddhismus.

Die letzteren Strömungen entwickelten sich allerdings in Gegenbewegung zu den politisch-ideologischen. Sie verstanden sich als Weg nach Innen, dem Weg nach Außen entgegengesetzt. Sie hatten die politischen Bewegungen erlebt als beherrscht von Intoleranz, Dogmatismus und Gewaltbereitschaft und geprägt von Mißerfolg, Enttäuschung und Isolation und wollten dem nicht weiter folgen. Sie wollten auch nicht auf ferne Verheisungen von Glück und Frieden hinarbeiten, sondern wollten etwas von den Zielen bereits im "Hier und Jetzt" erfahren. Sie suchten nach Wegen, die den Unfrieden und die Unfreiheit zuerst in uns selbst überwinden könnten, bevor wir daran gingen, andere damit zu beglücken. So erlebte Psychotherapie, Selbsterfahrung, Meditation und spirituelle Suche einen plötzlichen und lawinenartigen Aufschwung. Und innerhalb dieses breiten, bunten und verwirrenden Spektrums gewann der Buddhismus innerhalb weniger Jahre eine Kraft und Verbreitung, die ihn inzwischen zu einem ernsthaften und beachteten Faktor im gesellschaftlichen Leben des ehemals christlichen Abendlands gemacht hat.
 

Lehrer für engagierten Buddhismus

Erste konkrete Anstösse für soziales und humanitäres Engagement von Buddhisten entstanden mit dem Erscheinen des tibetischen Buddhismus und seiner Lehrer in Westeuropa. Als Flüchtlinge eines besetzten Landes und einer verfolgten Religion weckten sie bei etlichen ihrer Schüler und Verehrer die Bereitschaft, sich der Hilfe für das tibetische Volk und die Erhaltung der tibetischen Kultur und Religion zu widmen. Insbesondere die geistige Offenheit und persönliche Ausstrahlung des Dalai Lama, der sich in seinen Bemühungen nicht nur auf die Thematik des tibetischen Leids beschränkt sondern immer wieder von unserer "universellen Verantwortung" spricht, trug bei einigen Buddhisten dazu bei, den Blick für die globalen Probleme der Zeit zu öffnen.

Ein zweiter Ansatz ging ebenfalls von einer ins Exil gezwungenen buddhistischen Schule Asiens aus, von dem vietnamesischen Zen- (Tien-) Lehrer Thich Nhat Hanh und zahlreichen Mönchen und Nonnen Vietnams. Auch hier ging es zunächst um praktische Hilfe für Vietnam. Durch Thich Nhat Hanhs ausgeprägte und beispielhafte Praxis von friedenspolitisch-, sozial- und ökologischem-engagiertem Buddhismus in Vietnam wie auch im Westen, wurde "engagierter Buddhismus" schließlich auch als Begriff bekannt und fand als eigenständiger Impuls und Gedanke Verbreitung.

Die Kultur Nordamerikas ging vorwiegend aus der Kultur und den Menschen Europas hervor. Doch heute folgt das alte Europa immer stärker allen Entwicklungen, die in den USA entstehen und sich von dort über die Welt ausbreiten - im Negativen wie im Positiven. Dies trifft auch auf den westlichen Buddhismus zu. Der engagierte Buddhismus kommt heute vielfach als amerikanische Form des Dharma zu uns. Wir erkennen in ihm den ausgeprägt experimentierfreudigen und pragmatischen Charakter dieser modernen multikulturellen Zivilisation. So sind die Repräsentanten, Lehrer und Buchautoren des engagierten Buddhismus aus den USA, insbesondere aus dem Spektrum der Buddhist Peace Fellowship inzwischen zu einem besonders starken Impuls für die Entwicklung im deutschsprachigen Raum geworden.

Dazu gehören jene neuen Wege und Praxisansätze, wie sie von asiatischen Lehren in Nordamerika entwickelt wurden, z.B. durch Tschögyam Trungpa, Tartang Tulku oder die durch den tibetischen Lehrer Sogyal Rinpoche intensiv geförderte Bewegung für eine neue Kultur des Sterbens und den Aufbau einer buddhistischen Sterbebegleitung im Westen.

Den jüngsten und zugleich engagiertesten Anstoss erhielt der engagierte Buddhismus in Europa aus der Sozialarbeit sowie dem Friedens- und Versöhnungsengagement von Tetsugen Glassman Roshi und Claude AnShin Thomas, durch die von ihnen inspirierten Retreats in deutschen KZ's wie Auschwitz und Sachsenhausen und durch erste Strassen-Retreats in grösseren deutschen oder schweizer Städten.

Der für die Entfaltung des engagierten Buddhismus entscheidende Impuls ging und geht jedoch nach wie vor weiter vom Buddhismus in Asien selbst aus. Der dortige Buddhadharma ist heute unübersehbar in einer schweren Krise. Sie wurzelt in der kulturellen Konfrontation mit dem Westen, die einerseits zu einer Überflutung durch die moderne Konsum- und Informationsgesellschaft mit allen Folgen und Extremen geführt hat und andererseits in etlichen Ländern zur Herausbildung totalitärer ideologischer Systeme, die die bewußte Zerstörung der eigenen Kultur und Überlieferung betrieben und betreiben. Aus dieser Krise, die unmittelbar auf die grosse Krise durch den Kolonialismus folgte, ging inzwischen eine völlig neue Generation sowohl gesellschafts- wie selbstkritischer Mönche, Nonnen, Lehrer und Autoren hervor, deren gesitige und praktische Impulse nun auch den Westen erreichen. Um nur einige der bekanntesten zu nennen: Buddhadasa Bhikkhu, Maha Ghosananda, Aung San Suu Kyi, A.T.Ariyaratne, Sulak Sivaraksa, Phra Payutto, Chatsumarn Kabilsingh, Rewatta Dhamma Sajadaw, Walpola Rahula, Samdong Rinpoche, Dagyab Kyabgön Rinpoche, Akong Rinpoche, Hozumi Roshi, Fumon Nakagawa Roshi usw.

Ein Ausdruck dieser Ströhmung und Erneuerung war die Gründung des International Network of Engaged Buddhists (INEB) im Januar 1989 in Thailand, das im Buddhismus Süd- und Südostasiens inzwischen zu einer wichtigen vorwärtsweisenden Kraft geworden ist. Dieser Impuls strahlt inzwischen auch auf den Westen aus und setzt ganz neue Akzente für die Entwicklung des dortigen Buddhismus.

Der Anstoss des INEB war ohne Zweifel der wichtigste für die Herausbildung eines engagierten Buddhismus in Deutschland und ein entscheidender Schritt dafür war die Gründung des Netzwerks engagierter Buddhisten im Jahr 1993 als Zweig des INEB und als Mitglied der Deutschen Buddhistischen Union (DBU). Das Netzwerk sammelt und konzentriert seither alle diese obigen Ansätze und Formen des Engagements, versucht sie zu fördern und miteinander in Beziehung zu bringen und sie zu einem integralen Bestandteil individueller und gemeinschaftlicher buddhistischer Praxis werden zu lassen
 

Engagierter Buddhismus im deutschsprachigen Raum

Ein kleiner Kreis von Dharmaschülern aus dem deutschsprachigen Raum hatte auf der 5. Jahreskonferenz des INEB 1993 in einem thailändischen Kloster die Initiative zur Gründung eines deutschsprachigen Netzwerks engagierter Buddhisten aufgenommen. Es wurde eine Zeitschrift ins Leben gerufen, eine Geschäftsstelle zur Koordination und Vermittlung eingerichtet und es wurden überregionale Netzwerktreffen durchgeführt. Eine Fülle von Kontakten, Austausch, Aktivitäten und Projekten hat sich seither entwickelt. Schwerpunkt war zunächst die Unterstützung engagierter Buddhisten in Asien, zunehmend entwickeln sich nun aber auch Ansätze buddhistischen Engagements im eigenen Umfeld.

Am Anfang der Aktivitäten des Netzwerks standen jene Dharmaschüler, die das Bedürfnis hatten, für das Geschenk des Dhamma/Dharma, das die Menschen Europas von den Kulturen und Völkern Asiens erhalten, den Menschen dort auch wieder etwas zurückzugeben. Und die westlichen Möglichkeiten zu geben sind vor allem solche der finanziell-materiellen Unterstützung oder des wissenchaftlich-technischen Wissens. So sind einige aus dem Netzwerk schon seit etlichen Jahren in zahlreichen kleinen Projekten unmittelbarer Not- und Aufbauhilfe in verschiedenen Ländern Südostasiens engagiert.

Da geht es einmal darum, den Menschen zu helfen, die vor dem Minderheiten-Krieg und der Terrorherrschaft des Militärregimes in Burma nach Thailand oder Bangladesh geflohen sind. In den zahlreichen Flüchtlingslagern entlang der thailändisch-burmesischen Grenze fristen Zehntausende ein Leben ohne Hoffnung. Sie sind aus Burma vertrieben, von Thailand nur widerwillig geduldet und von der Welt und den grossen Hilfsorganisationen übersehen und vergessen. Und da sind die zahlreichen ethnischen Minderheiten, die Karen, die Shan, die Mon, die Pao und viele andere, unter ihnen Völker, die zu den ältesten und kreativsten Trägern der buddhistischen Hochkultur in Südostasien gehören, die heute aber nur noch Überlebenschancen finden, indem sie sich an der wirtschaftlichen Ausplünderung ihrer eigenen Heimat, dem Verkauf ihrer Mädchen oder dem Geschäft mit harten Drogen beteiligen.

Besonders katastrophal ist unter diesen Bedingungen der Zustand der Gesundheitsversorgung. Hier leisten Netzwerk-Engagierte seit vielen Jahren eine vielseitige, opferbereite wie auch erfolgreiche Direkthilfe. Hochwertige Medikamente oder auch medizinische Instrumente konnten aus Deutschland nach Thailand gebracht werden, Spendensammlungen ermöglichten den Einkauf einheimischer Heilmittel oder die Ausstattung kleinerer Krankenstationen. Junge Menschen wurden zu Hilfsmedizinern ausgebildet, um eine minimale medizinische Grundversorgung in die oft abgelegen Dschungeldörfer zu bringen. Es konnte der Bau von Brunnen, Wasserpumpen und Toiletten finanziert oder angeregt werden, da verseuchtes Wasser häufig die gravierendste Ursache zahlreicher verbreiterer Krankheiten ist. Frauen wurden Kenntnisse in Empfängnisverhütung und Familienplanung vermittelt oder mit grundlegenden Verhaltensweisen zur Verbesserung der allgemeinen Hygiene vertraut gemacht.

Es konnte der Bau oder Erhalt von Schulen unterstützt werden, Kinder konnten mit Lehr- und Lernmitteln ausgestattet werden. Waldklöster und Laien wurden mit buddhistischen oder anderen Schriften und mit Ton-Aufnahmen aus ihrer eigenen Tradition und Sprache versorgt. Die Achtung und Förderung der jeweils eigenen Kultur und Gemeinschafts-Identität ist für eine wirksame Hilfe von zentraler Bedeutung, denn das äußere, materielle Elend hat zumeist seinen Grund im Versiegen der inneren, spirituellen und kulturellen Quelle der Menschen.

Die Buddhistische Gesellschaft München unterstützt seit Jahren mehrere Dörfer, Klöster, Schulen, Altenheime der buddhistischen Minderheit in Bangladesh. Dass dieses Land eine bedeutende buddhistische Kultur und Tradition besitzt, ist selbst den allermeisten Buddhisten im Westen unbekannt. Und die Unterdrückung und Verfolgung durch eine immer militanter werdende islamische Mehrheit, der diese Minderheit ausgesetzt ist, findet nirgendwo in der Weltöffentlichkeit Beachtung. Die Sangha und die Mönche Bangladeshs können dabei mit ihrer Arbeit und ihren Projekten in ganz besonderer Weise als vorbildhaft für engagierten Buddhismus in Asien geltend gemacht werden.

Ein besondere Form der Unterstützung, die hier geleistet wird, sind Einzel- oder Dorfpatenschaften. Sie sollen den Menschen ermöglichen, über ihre Startschwierigkeiten hinweg zur Selbsthilfe zu kommen, bis sie ihrerseits solche Anfangshilfe wiederum anderen bieten können. So kann auf diese Weise ein Schneeballeffekt der Verbesserung in Gang gesetzt werden.

Aus dem Kreis der Schüler von Thich Nhat Hanh ist eine Hilfsorganisation entstanden, die sich der Hilfe für Vietnam und Kambodscha verpflichtet hat. Auch hier steht medizinische Hilfe an erster Stelle der Dringlichkeit. Lepra ist in Vietnam wieder eine verbreitete Krankheit. Der Maitreya Fonds leistet darüberhinaus umfangreiche Unterstützung für den Aufbau und Unterhalt von Schulen, Waisenhäusern, Kindergärten, Altenheimen und Schulen in Zentralvietnam, jenem Landesteil, der bis heute noch immer am meisten an den verheernden Folges des Krieges leidet. Die Bauern dort sind mit Umweltbedingungen konfrontiert, die von den Flächenbombardements der USA während des Krieges der 60er/70er Jahre gezeichnet und seither von Minen-, Kampf- und Entlaubungsgiften verseucht sind. Alte Menschen, Kranke oder Kriegskrüppel haben häufig keine Angehörige mehr, während der Staat keinerlei Sozialversicherung bietet. Und bis in unsere Tage werden Kinder neu geboren, die von den Nachwirkungen des Krieges gezeichnet sind.

Ebenfalls der Krankheit Lepra, einst "Geisel der Menschheit" genannt, widmet sich die Maitri-Klinik am heiligsten Ort des Buddhismus, im indischen Bodh Gaya. Das Krankenhaus ging aus dem Engagement des tibetischen Lama Thubten Zopa Rinpoche hervor und wird heute vor allem von der FPMT getragen. Die Direktorin ist Italienerin, Frau Dr. Adriani Ferranti. Lepra ist eine furchtbare Krankheit, doch eine, die innerhalb von 6-24 Monaten zum Stillstand gebracht werden kann. Auf Grund der hohen Ansteckungsgefahr leiden alle Leprakranken zusätzlich schwer unter der sozialen Ausgrenzung. Und Bihar ist wiederum einer der ärmsten Landesteile Indiens. Ein Lepra-Kranker ist dort ein zum qualvollen, langsamen Tode Verurteilter. In der Lepra-Klinik in Bodh Gaya erhalten die Betroffenen medizinische und soziale Fürsorge, Heilung und Rehabilition. Darüberhinaus hat das Projekt ein umfangreiches Vorsorgeprogramm für die ganze ländliche Umgebung entwickelt. Auf Grund der Heilungs-Erfolge konnte in jüngster Zeit das Behandlungsangebot auch auf Tuberkulose-Kranke ausgedehnt werden. Durch Spenden und durch Hinweise an die zahlreichen Bodh Gaya Besucher unter uns westlichen Buddhisten versucht das Netzwerk die wertvolle Arbeit dieses Klinik zu unterstützen.

Die Hilfe, die von tibetischen Lehrern und tibetisch-buddhistischen Gemeinschaften für Tibet und Tibeter in Asien geleistet wird, macht den Hauptanteil an humanitär engagiertem Buddhismus im deutschsprachigen Raum aus. Ungefähr 40 verschiedene Hilfs-Vereine und Projekt-Initiativen sind hier tätig und der finanzielle und planerische Umfang ihrer Aktivitäten ist beachtlich und im Bereich einiger Millionen DM. Schwerpunkte der Unterstützung sind auch hier Kinderhorte, Schulen, Waisenhäuser, Ausbildungsstätten und Krankenstationen sowie Einzel-Patenschaften und -Stipendien für Kinder, Mönche und Nonnen. Ein einzelne Frau, Ingrid Wäger hat mit der von ihr gegründeten Deutschen Tibet-Hilfe in jahrzehntelanger, unermüdlicher und effektiver Arbeit geradezu außerordentliches geleistet. Der Dalai Lama zählt sie zu seinen engsten Freunden und nennt sie "eine der grossen Wohltäterinnen Tibets".

Einige von diesen tibetischen Flüchtingshilfen leisten auch direkte Nothilfe an ihre weitere Umgebung wie z.B. Rokpa mit Armenspeisungen in Nepal, die von Deutschland, der Schweiz und Österreich aus gefördert werden. Der Dagyab-Verein, der von dem seit 30 Jahren in Deutschland lebenden, bedeutenden tibetischen Lehrer Dagyab Kyabgön Rinpoche gegründet wurde, sieht gar ein Entwicklungs- und Aufbauprogramm für eine ganze tibetische Provinz (Kyabgön, Osttibet) vor.
 

Menschenrechte

Wie im Internationalen Netzwerk engagierter Buddhisten so ist auch im deutschsprachigen Netzwerk das Thema Menschenrechte in Asien ein besonderer Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und der Bemühungen. Es wird im Westen allgemein übersehen, daß der Buddhismus zu den Religionen gehört, die im 20sten Jahrhundert schwerste Verfolgung und Unterdrückung zu erleiden hatten. Es gab schlimme Buddhisten-Verfolgung in Russland, Mongolai, China, Nord-Korea, Tibet, Vietnam, Laos, Kambodscha und Bangladesh. Und selbst in buddhistischen Ländern wie Burma, Thailand und Sri Lanka sind buddhistische Mönche nicht frei von politischer Verfolgung, wenn sie herrschenden Interessen im Wege stehen.

Insbesondere in Burma gibt es seit dem Putsch der herrschenden Militärjunta (1989) gegen die Demokratiebewegung von Aung San Su Kyi Tausende inhaftierte, gefolterte und zur Zwangsarbeit verurteilte Angehörige der Mönchs-Sangha, nicht zu sprechen von den vielen Tausenden Laien. Das Netzwerk hat sich gleich nach seiner Gründung der Situation in diesem Lande angenommen und zusammen mit der japanischen Buddhist Relief Mission eine breite Briefaktion zur Freilassung von in Burma inhaftierten Mönche gestartet. Es wurde dabei aufgezeigt, dass das Militär selbst vor der Verfolgung höchster Würdenträger des Dhamma nicht Halt macht und seit Jahren einige sehr prominente Mönche an unbekannte Orte verschleppt hatte. Die Briefaktion richtete sich nach dem Vorbild von Amnesty International an zahlreiche bekannte Politiker und Religionsvertreter in aller Welt. Die Resonanz unter zahlreichen Buddhisten war gut. Zur grossen Überraschung der Beteiligten hatten sie mit der Aktion sogar Erfolg. Ein halbes Jahr nach der Aktion erhielt die UN-Menschenrechts-Kommission in Genf einen Brief der Regierung von Myanmar, in der diese bezugnehmend auf Briefe von deutschen buddhistischen Gemeinschaften, die Freilassung von 84 burmesischen Mönchen aus der Haft bekannt gab. Darunter war auch der bei der Briefaktion besonders hervorgehobene und in Burma hoch verehrte Tipitakadara, einer von weltweit 5 Mönchen, die den gesamten Pali-Tipitaka-Kanon auswendig beherrschen. Durch nachfolgende Recherchen vor Ort konnte sich das Netzwerk zumindest bei jenem Mönch von der Tatsache der Freilassung überzeugen. Dies zeigte, dass zumindest in Ländern, in denen der Buddhismus eine hohe kulturelle Bedeutung hat, die Stimme von Buddhisten aus dem Westen einen gewissen Einfluss hat.

Kaum erfolgreich waren die Bemühungen allerdings, wie auch die der ganzen übrigen Welt, mit dem Ziel, freie Entfaltung für die bewunderswerte und mutige Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, für die Demokratiebewegung und die zahlreichen ethnischen Minderheiten in Burma zu erlangen. Hier steht das Netzwerk in engem Kontakt zu verschiedenen nicht-buddhistischen Menschenrechts-Initiativen in Deutschland, um das kritische Bewußtsein der Politiker wie auch der Wirtschaft weiterhin wach zu halten.

Lange Jahre wenig erfolgreich waren auch die Bemühungen, durch gleichartige Briefaktionen die seit vielen Jahren inhaftierten höchsten Vertreter des vietnamesischen Buddhismus freizubekommen. Viele von diesen sind ehemalige enge Dharmabrüder von Thich Nhat Hanh und waren in den 60er Jahren Sprecher der unparteischen buddhistischen Friedensbewegung Vietnams gewesen. Einige von ihnen, wie Thich Huyen Quang und Thich Quang Do wurden Mitte der 90er Jahre, gerade erst aus jahrelanger Haft entlassen, erneut inhaftiert, weil sie sich für die Opfer einer Überschwemmungskatastrophe in Südvietnam engagiert hatten. Nichts scheint die heutige vietnamesische Regierung so sehr zu fürchten, wie die grosse Tradition des engagierten Buddhismus im eigenen Land. Im Jahre 1998 wurden jene zuletzt genannten Mönche jedoch endlich freigelassen.

Auch im Bereich der Menschenrechte findet das Engagement für Tibet und das exilierte tibetische Volk unter Buddhisten wie Nicht-Buddhisten in Westeuropa starken Widerhall und breite Unterstützung. Die Popularität des Dalai Lama in Deutschland ist enorm und die Forderung nach Freiheit für Tibet wird selbst von Menschen geteilt, die sonst kaum politisches oder religiöses Interesse zeigen. Dennoch folgte die deutsche Außenpolitik bisher so sehr dem Interesse an guten Geschäften mit China, dass es Jahre grosser Anstrengungen bedurfte, bis S.H. der Dalai Lama erstmals auch von Vertretern der deutschen Regierung empfangen wurde. Als anschließlich die Abgeordneten des deutschen Bundestag in grosser Mehrheit eine Verurteilung der chinesischen Repression in Tibet beschlossen, kam es gar zu einer schweren Erschütterung in der deutsch-chinesischen Politik einerseits und zu heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen andererseits. Seither gehört das Thema Menscherechtsfreiheit für Tibet gar zur Identität bestimmter politischer Parteien in Deutschland.

Im Schatten dieser Aufmerksamkeit steht allerdings die Verfolgung und Vertreibung der Buddhistischen Minderheit in Bangladesh durch den fundamentalistischen Islam. Die Menschen dort leben in ständiger Angst und Bedrohung. Dörfer werden überfallen, Mädchen vergewaltigt oder verschleppt, jahrhundertealte kunsthistorisch einmalige Tempel zerstört, Buddhafiguren die Köpfe abgesägt, Friedhöfe geschändet. Und die Gegenwehr der Betroffenen hat meist noch schlimmere Reaktionen zur Folge, so dass ihnen nur hilfsloses Gewährenlassen übrigbleibt. Freunde des Netzwerks, die in diesen Gebieten herumreisten, um sich ein Bild von der Situation zu machen, wurden von Tausenden von Menschen wie Befreier und hochrangige Vertreter rettender Mächte gefeiert. Es war für sie erschütternd zu sehen, wie sehr diese Menschen sich von aller Welt verlassen fühlen und dankbar für jedes Interesse an ihrem Schicksal sind. Doch Bangladesh gehört auf Grund seiner äußerst bedrohten ökologischen Situation, seiner Überbevölkerung, seiner gewaltigen Armut zu den Ländern, die man in der übrigen Welt offensichtlich bereits abgeschrieben hat.

 
Frauenbefreiung

Bei unseren grundsätzlichen Überlegungen hatten wir festgestellt, dass der Verlust des Religiösen in der Gesellschaft und den Religionen eng mit dem Verlust des Weiblichen in der Gesellschaft und den Religionen verknüpft ist. Ohne Befreiung der Frauen kann es keine Befreiung der Religion und der Gesellschaften geben und zugleich kann nur die Befreiung des Religiösen den Frauen wieder ihre tiefe weibliche Qualität zurückgeben und den Gesellschaften schlicht ihre Lebensfähigkeit.

Bei Gründung des Netzwerks hatten die Initiatoren sich darum vorgenommen, sich in der Unterstützungsarbeit für Asien und den dortigen Buddhismus besonders der Verbesserung der Situation der Frauen und der Nonnen anzunehmen. Das auch, weil Menschen aus westlichen Ländern sehr stark am schrecklichen Phänomen der Massen-Sex-Tourismus und des Mädchenhandels beteiligt sind und zum anderen, weil die traditionelle Unterdrückung der Frauen in Asien es vielen westlichen Frauen schwer macht, in gleicher Weise wie Männer Zugang zur ganzen Breite der Dharmapraxis zu finden. In einigen Theravada-Ländern wie Thailand ist die Nonnenordination schon lange nur sehr reduziert möglich (Maeji, Zehn-Gelübte-Nonnen), in anderen wie Burma und Sri Lanka, aber auch im tibetischen Buddhismus oder im japanischen Zen ist sie in unterschiedlicher Ausprägung eingeschränkt oder nicht voll anerkannt. Nur in Vietnam, Taiwan und Korea blieb die volle Nonnenordination erhalten.

Hier engagiert sich seit Jahren in einmaliger Weise eine deutsche, grün-alternative NGO, die Heinrich-Böll-Stiftung, indem sie gezielt und grosszügig buddhistische Frauen- und Nonnenprojekte in Kambodscha, Thailand, Sri Lanka und Indien unterstützt. In enger Zusammenarbeit mit dem INEB konnten zahlreiche länderübergreifende Nonnen-Treffen, Workshops und Ausbildungsprojekte durchgeführt werden. Durch Bildung und Austausch entstehen so Bedingungen, die eine Wiedereinführung der Nonnenordination in diesen Ländern möglich machen. Zugleich sind diese Frauen aber auch in besonderer Weise befähigt und motiviert in ihren sozialen Umfeldern die ethischen und spirituellen Kräfte der gesellschaftlichen Erneuerung zu wecken.

Tatsächlich haben diese Bemühungen bereits viel schneller, als von allen Beteiligten erwartet, Erfolg gehabt. Nach zwei grossen Nonnen-Vollordinationen in Sarnath und Bodh Gaya, Indien durch koreanische und chinesische Traditionslinien unter Anwesenheit prominenter Theravada-Lehrer aus verschiedenen Ländern (1996/97), gab es erstmals seit ca. 1000 Jahren wieder vollordinierte Nonnen in Sri Lanka. Der Mönchs-Sangha in Sri Lankas tat sich jedoch schwer in der Anerkennung dieser Nonnen. Die breite und begeisterte Zustimmung der Bevölkerung zur Ordination hat jedoch den Damm gebrochen. Und so erhielten im Jahre 1998 ca. 25 Nonnen beim Felsenkloster von Dhambula durch eine der Mönchs-Traditionen Sri Lankas ihre volle Nonnenordination. Damit ist Buddhas Nonnentradition im Theravada entgültig wieder eingeführt. Eine deutsche Buddhistin und geborene Jüdin, die ehrwürdige Nonne Ayya Khema hatte den Weg ca. 15 Jahre zuvor erstmals eröffnet durch ihren Tabubruch, sich ebenfalls über eine chinesische Tradition als Theravada-Nonne ordinieren lassen.

Auf weltweiter Ebene werden diese Bemühungen vor allem von Sakyadhita, dem internationalen, buddhistischen Frauen-Netzwerk getragen und vom Internationalen Netzwerk engagierter Buddhisten stark unterstützt. Sowohl innerhalb des INEB wie auch im deutschsprachigen Netzwerk besteht zwischen beiden Zusammenschlüssen ein enger Kontakt und Austausch. Denn der Buddhismus der Zukunft wird wohl ein Buddhismus sein, der vor allem die besonderen Fähigkeiten und Kräfte der Frauen zur vollen Anerkennung und Entfaltung bringen wird.

Ebenfalls seit Gründung des Netzwerk war es ein Anliegen, sich der Problematik des Sex-Tourismus, des Frauenhandels und der AIDS-Ausbreitung in traditionell buddhistischen Ländern wie Thailand, Burma, Vietnam, Sri Lanka usw. anzunehmen, da an der Entstehung und Ausbreitung dieser schlimmen Erscheinungen verantwortungslose Reisende und skruppellose Geschäftsmacher aus den reichen Ländern Europas entscheidend beteiligt sind. Doch war das Netzwerk bisher nicht in der Lage, mehr zu tun, als die Aktivitäten anderer, in dieser Arbeit engagierter NGO's ideel und durch Information zu unterstützen.

In jüngster Zeit engagieren sich Freunde des Netzwerks auch aktiv gegen die weltweite Kinderpornographie und Kinderprostitution im Internet, ein Phänomen, das auf Grund seiner beachtlichen Dimension an krimineller Geschäftemacherei viele Menschen in Europa sehr erschüttert und bewegt hat.
 

Friedensarbeit

Unsere Welt ist voller Krieg, kleinster Kriege in Familien, am Arbeitsplatz, in den Schulen, auf den Strassen, kleiner Kriege zwischen Parteien, Interessenverbänden, Unternehmen, Konzernen, Monopolmächten und Wirtschaftsblöcken und grosse Kriege zwischen Ländern, Völkern, Ethnien, Ideologien und Religionen.

Die Lehre des Buddha ist zutiefst eine Lehre der Gewaltlosigkeit und des Friedens. Buddhist zu sein, bedeutet zuallererst Friedensstifter zu sein. Gewalt und Unfrieden zu überwinden ist einer der zentralen Inhalte von engagiertem Buddhismus. Und es gehört zur Grundorientierung des Buddha, dass die Bemühungen darum in und bei uns selbst beginnen müssen, um davon ausgehend auf andere und die Welt auszustrahlen.

Unsere Möglichkeiten, hier auf der Ebene grösserer und grosser Kriege etwas auszurichten sind leider sehr gering. Doch wir können etwas bewirken bei der Unterstützung von Kriegen aus unseren eigenen Ländern heraus. Durch die Arbeit für Burma und Kambodscha wurden wir z.B. mit der furchtbaren Tatsache der dort millionenfach verbreiteten Antipersonen-Minen konfrontiert. Darum engagierten sich einige unter uns in der Antiminen-Kampagne und konnten dazu beitragen, dass Deutschland eines der ersten Länder war, das sich entschloss, auf den Einsatz und die Produktion dieser schrecklichen, antihumanen Terror-Mittel zu verzichten. Inzwischen hat das Thema weltweite Aufmerksamkeit erlangt und es kam zu einem ersten internationalen Vertrag der Minen-Ächtung und zur Verleihung des Friedensnobelpreis an die Bewegung zur Abschaffung der Landminen. Ein äußerst wertvoller Erfolg, denn er kam innerhalb weniger Jahre aus einer weltweiten Bewegung von unten. Der Beitrag engagierter Buddhisten daran war nicht unerheblich.

Andere Bemühung der Friedenförderung durch uns bestanden in der Unterstützung von Maha Ghosanandas einzigartiger Friedensarbeit in Kambodscha, in der Bekanntmachung und Förderung seiner jährlichen Dhamma-Yetra Friedensmärsche durch das zerrissene und geschundene Land Kambodscha unter Beteiligung von vielen Hundert oder gar Tausend Teilnehmern.

In Sri Lanka herrscht seit fast 20 Jahren ein grausamer und sinnloser Krieg zwischen der von der singhalesischen Mehrheit getragenen Regierung und der von Südindien her unterstützten, tamilischen Tamil Tiger Terrororganisation. Die elenden Opfer sind die Menschen auf beiden Seiten, Tamilen und Singhalesen. Daneben gibt es weitere gewalttätige Konflikte, feindlich gegeneinander stehender Gruppen im Land. Einige buddhistische Mönche und Laien bemühen sich mit grossem Mut und bewundernswerter Ausdauer, die ausweglos erscheinende Situation im Land dennoch zu überwinden. Ven. Omalpe Sobhita Thero, einer dieser Mönche und Leiter eines grossen Sozial- und Versöhnungsprojekts in Sri Lankas Süden steht in enger Freundschaft mit einem Bildungszentrum für Gewaltfreiheit in Deutschland und beteiligte sich dort an Trainingsprogrammen für Menschen, die in der deutschen Anti-Atom-Bewegung oder in anderen Bürgerbewegungen aktiv sind, während umgekehrt seine Freunde hier ihrerseits versuchen, seine Arbeit für Gewaltfreiheit in Sri Lanka zu unterstützen. Ebenso versucht das Netzwerk hilfreich zu sein bei der bewundernswerten Friedens- und Versöhnungsarbeit zwischen verschiedenen Volks- und Religionsgruppen durch die von A.T. Ariyaratne gegründete, grosse buddhistische Sozialbewegung Sri Lankas, Sarvodaya Shramadana sowie durch etliche andere buddhistische Friedens-Initiativen im Land wie das Dhammavedi Institut oder den besonders unter den Tamilen wirkenden Mönch Ven. Punnasara Thero.

Der ethnische Krieg im ehemaligen Jugoslawien, war für alle Europäer ein Schock. 45 Jahre lang hatten die Menschen Europas in Frieden leben können. Dass es nach dem letzten schrecklichen Krieg nochmal einen Krieg geben könnte, war den meisten nicht mehr vorstellbar. Zwar war die Welt nicht frei von Kriegen, doch die schienen alle weit weg zu sein. Und zeigten die Fernsehbilder, wie in Europa wieder Dörfer und Städte zerschossen wurden, Menschen auf Marktplätzen zerfetzt wurden, wie es Massaker, KZ-ähnliche Lager und ethnische Ausrottung gab. Das bewegte auch viele Buddhisten und einige fanden Wege kleine, unmittelbare Hilfeleistungen in Gang zu bringen oder sich um Flüchtlinge aus jenen Ländern zu kümmern.

Einige waren jedoch gewillt, unmittelbarer in das Geschehen einzugreifen und selbst das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, um Anstösse zum Frieden und zur Versöhnung zu geben. Eine internationale und interreligiöse Initiative unter dem Namen 'Sjeme Mira' (Seeds of Peace) machte sich Mitte der 90er Jahre mit ca. 75 Beteiligten auf den Weg durch bosnisches Kriegsgebiet, um den Menschen durch die eigene Anwesenheit zu zeigen, dass es auch andere, weit beglückendere Möglichkeiten der Beziehung zwischen Angehörigen verschiedener Völker und Religionen untereinander gibt.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Beendigung des 2. Weltkriegs ging von einer ländlichen, spirituellen Lebensgemeinschaft die Initiative zu einem weltweiten Netzwerk der Meditation aus. Europaweit sollten sich während dieser Gedenkwoche Menschen in Schweigen und Andacht zusammenfinden. Unser Netzwerk schloss sich der Initiative an und verbeitete die Idee unter zahlreichen buddhistischen Freunden.

Im Dezember 1994, 50 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz kamen am Ort dieses unermesslichen Leidens ca. 200 Menschen aus zahlreichen Ländern und von verschiedenen Religionen zusammen. Das Treffen war von Mönchen des japanischen Ordens Nipponzan Myohoji initiiert worden. Buddhistische Lehrer, Mönche und Laien aus der ganzen Welt sowie Vertreter und Angehörige anderer Religionen erlebten eine tief eindrucksvolle Begegnung untereinander und mit ehemaligen Opfern wie Tätern dieses Schreckensortes. Im Anschluss daran begann von Auschwitz aus ein Friedensmarsch, der eine internationale Gruppe von Menschen über Polen, Jugoslawien, Israel, Indien, Kambodscha, Vietnam bis nach Hiroshima führte.

Der Marsch begann schon einige Wochen früher in Berlin, unmittelbar am Brandenburger Tor, wo wenige Jahre zuvor die 45-jährige politische Spaltung Deutschlands und der ganzen Welt mit dem Fall der Mauer beendet worden war. Zusammen mit Buddhisten aus Berlin starteten die japanischen Mönche dann ihren Friedens-Marsch durch Berlin und das ehemals sozialistische Deutschland. Sie folgten dabei auch Routen, die Ende des 2. Weltkriegs Tausende von KZ-Häftlingen nehmen mussten, weil die Nazis sie nicht der heranrückenden Sowjetarmee überlassen wollten. Viele der völlig entkräfteten Menschen hatten damals dabei den Tod gefunden.

Wichtigen Anteil am Zustandekommen und an der Durchführung des Friedensmarsches hatte der ehemalige amerikanische Vietnamkriegsveteran und heutige Zen-Mönch Claude AnShin Thomas. Claude hatte nach schweren und leidvollen Jahren der inneren und äußeren Zerrüttung nach dem Krieg, Heilung und tiefgreifende Umkehr in der Begegnung mit Thich Nhat Hanh und seiner klösterlichen Gemeinschaft Plum Village in Südfrankreich erfahren. Nun hat er sich mit seiner ganzen Person und Kraft der weltweiten Überwindung von Gewalt verschrieben.

Die Berliner Thich Nhat Hanh Sangha steht in engem freundschaftlichem Kontakt mit Claude. Inspiriert durch sein Vorbild unternahm die Gemeinschaft, zusammen mit weiteren Freunden aus anderen deutschen Städten erstmals das Wagnis, in einem deutschen Konzentrations-Lager ein Retreat der Meditation und Trauer durchzuführen. Es war das unweit von Berlin gelegene KZ Sachsenhausen, in welchem während der NS-Herrschaft Zehntausende politische Gefangene aus Berlin, Deutschland und später aus ganz Europa den Tod gefunden hatten. Für alle Retreatteilnehmer war diese Erfahrung ein tiefgreifendes und sehr nachhaltiges Erlebnis.

An dem Treffen in Auschwitz und am anschliessenden Friedensmarsch durch Europa beteiligten sich dann ebenfalls etliche buddhistische Freunde aus Deutschland und aus dem Kreis des Netzwerks. Insbesondere in Jugoslawien gewannen sie dabei erschütternde aber auch hoffnungsvolle Eindrücke.

Mit solchen Aktivitäten war für das Dharma in Deutschland eine völlig neue Form der Dharma-Praxis geboren. Sie beruhte auf der unmittelbaren Konfrontation mit dem tief verborgenen und nicht überwundenen Leid der Menschen in diesem Land, mit seinen Ursachen und seiner Entstehung und mit den Möglichkeiten seiner Überwindung und Heilung.

Im Winter 1996 lud der New Yorker Zen-Meister Tetsugen Bernard Glassman Roshi zu einer internationalen und interreligiösen Meditationswoche in Auschwitz ein. 150 Menschen aus der ganzen Welt folgten dem Aufruf, darunter auch Buddhisten und Christen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine Woche lang setzten wir uns dem Schrecken, der Kälte und dem Schmerz dieses Ortes aus. Doch zu unserer grossen Überraschung erfuhren wir dort nicht nur erschütterte Trauer und die von den deutschen Teilnehmern besonders befürchtete Schuldzuweisung als Deutsche, sondern alle erlebten tiefe und befreiende Offenheit, Freude und Freundschaft. Sie alle hatten eine unmittelbare Erfahrung der jegliche Grenzen überwindenden Kraft des Buddha-Dharma.
 

Sozialarbeit

Manche buddhistischen Freunde, die sich für die Arbeit des Netzwerks interessierten, bemängelten nach einiger Zeit, dass die Aktivitäten sich zu einseitig auf das Engagement in Asien richten würden. Tatsächlich dominierte dieser Anteil in den ersten Jahres des Netzwerks, ganz einfach weil die Beteiligten als Teil des internationalen Netzwerks sich zuerst in dessen Aktivitäten einzubinden suchten.

Das Engagement in der eigenen unmittelbaren sozialen und ökologischen Mitwelt war dem Netzwerk aber eine ebenso wichtiges wie naheliegendes Anliegen. Das ergibt sich bereits daraus, dass unter den Buddhisten im deutschsprachigen Raum ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Menschen zu finden ist, die beruflich in sozialen, therapeutischen, heilenden oder pädagogischen Bereichen tätig sind. Sehr viele Dharma-Praktizierende oder -Interessierte sind Sozialarbeiter, Pädagogen, Heilpraktiker, Psychotherapeuten oder Ärzte und möchten ihre Dharmapraxis und ihre berufliche Tätigkeit miteinander verbinden und aneinander bereichern.

Auf Grund dessen entschloss sich die Österreichische Buddhistische Religionsgemeinschaft (ÖBR) für den Aufbau eines psycho-sozialen Netzwerks, das Menschen dieser Tätigkeitsbereiche einerseits in Kontakt miteinander bringen wie auch für Interessierte besser zugänglich machen sollte. Das Netzwerk in Deutschland übernahm diese Initiative und ein Arbeitskreis brachte nach 1-jähriger Vorarbeit ein erstes psycho-soziales Adressenhandbuch heraus. Darin boten Buddhisten ihre Fähigkeiten und Dienste an oder stellten eigene Projekte und Ideen vor.

Doch die Initiative fand weniger Resonanz und Erfolg als erwartet. Angebot und Nachfrage passten zumeist nicht zusammen, die regionale Verteilung war zu weitläufig, die Eigeninitiative der Beteiligten zu gering, die Interessenlage schnell wieder verändert und die Adressen bald veraltet.

Nur ein Bereich innerhalb dieses Spektums psychosozialer Arbeit erlebte in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung unter zahlreichen Dharmaschülern, das Arbeitsfeld der Sterbebegleitung. Dies kann zweifellos als die Leistung von Sogyal Rinpoche und der Rigpa Gemeinschaft gesehen werden, unterstützt durch hervorragende Lehrer für diese Arbeit aus den USA wie Christine Longaker und Frank Ostaseski vom Zen Hospiz Projekts San Francisco.

Ein von Rigpa in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hospiz-Gemeinschaften durchgeführter Kongress über Tod und Sterben 1997 in München brachte über Tausend Gäste und zahlreiche Referenten aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zusammen. Dabei richtete sich der Kongress bewußt nicht an das gewohnte eigene buddhistisches Publikum sondern an Menschen, die in Krankenhäusern, Altersheimen und Hospizen, in der Sozialbetreuung, als Hausarzt oder im Rettungsdienst täglich mit Tod und Streben konfrontiert sind. Sicher konnte dieser Kongress diesen Menschen kein weiteres Fachwissen bieten, doch der spirituelle Zugang zum Sterben und zur Dimension des Todes, wie er von buddhistischen Lehrern und Praktizierenden wie auch von christlichen Mönchen und Meditationserfahrenen geboten wurde, eröffnete vielen Besuchern erstmals ganz neue Horizonte für ihre tägliche Arbeit und auch ihre Person selbst und bot eine faszinierende Begegnung zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Eine ganz neue Dimension buddhistischer Praxis wie auch sozialen Engagements öffnete sich den Dharmapraktizierenden selbst wiederum durch die Begegnung mit dem New Yorker Zenmeister Tetsugen Bernard Glassman Roshi. Glassman Roshi hat in Yonkers, einer an New York angrenzenden Stadt mit besonders hoher Arbeitslosigkeit und grosser ethnischer Konfliktträchtigkeit seit Beginn der 80er Jahre ein eindrucksvolles Mandala buddhistischer Sozialarbeit aufgebaut, das in seiner Ganzheitlichkeit der Problemlösung als beispielhaft für zukunftsweisende Sozialentwicklung gelten kann.

Der entscheidende Ansatz von Glassman Roshi sind dabei nicht die einzelnen Projekte und Vorhaben selbst, sondern seine Herangehensweise an die Situation des zu überwindenden Leidens. Er nennt diese Grundhaltung "Bearing Witness", Zeugnis geben, was bedeutet, dass er die in allen herkömmlichen Hilfsprojekten und Organisationen grundlegende Trennung von Helfer und Hilfebedürftigen aufheben will, indem er und seine Schüler sich selbst für einige Zeit in die Situation der Hilfebedürftigen hineinbegeben, um aus dieser heraus unmittelbar zu erfahren, was Helfen heisst und welche Hilfe notwendig ist. Es ist die buddhistische Grundhaltung der Nicht-Dualität, mit der Glassman Roshi in jede seiner sozialen, ökonomischen, organisatorischen Tätigkeiten hineingeht und die ihn jeweils die unmittelbar nächstliegenden Lösungen finden läßt.

Im Herbst 1997 unternahm Bernie Glassman eine grosse Vortragsreise durch mehrere Städte Deutschlands und der Schweiz. Dabei führte er in der alten Dom-Stadt Köln auch erstmals als Obdachloser ein Strassenretreat mit einem Kreis deutscher Zen-Schueler durch. Nur zwei Wochen später führte die Thich Nhat Hanh Sangha in Berlin zusammen mit Claude AnShin Thomas ebenfalls ein einwöchiges Strassenretreat durch, an dem sich 18 Personen beteiligten. Claude war nach seiner Rückkehr aus dem Militardienst in Vietnam selbst jahrelang Obdachloser gewesen. Die Erfahrung der Ungeborgenheit und Hilflosigkeit, der allgemeinen Ablehnung und Angstabwehr und die Überwindung all dieser Schmerzerfahrungen im eigenen Geist war nicht nur für die nnmittelbar Beteiligten sondern die ganze Sangha eine umwälzende Erfahrung.

Am letzten Tag des Retreats veranstalteten die Retreatteilnehmer und die Sangha in einer Kirche, die sich schon seit Jahren für die auf der Strasse lebenden Menschen einsetzt, ein grosses Essen für Obdachlose und übergab mehreren Obdachloseneinrichtungen eine beträchtliche Spende, die in den Wochen zuvor unter Freunden und Bekannten erbettelt worden war. Seither haben sich einige der Sangha-Mitglieder zur festen Beteiligung an der Obdachlosenarbeit dieser Kirchengemeinde entschlossen.

Claude AnShin Thomas war das erste Mitglied des von Glassman Roshi und seiner Partnerin Jishu Holmes gegründeten Zen Peacemaker Ordens. Mit einem Seminar in Köln Ende des Jahres 1997 unter Beteiligung von Tetsugen, Jishu und Joan Halifax wurde der Orden offiziell auch in Deutschland eingerichtet und ist nun durch einen Zen-Priester und seine Soto-Zen-Gemeinschaft aus dem Rheinland präsent.
 

Schutz der Umwelt

Das Thema Ökologie, Naturschutz, umweltgerechtes Denken und Handeln findet unter der Mehrzahl der Buddhisten im deutschsprachigen Raum am weitesten Resonanz und Unterstützung. Dies beruht einerseits auf der grossen Bedeutung, die die Umweltbewegung in Deutschland während der 70er und 80er Jahre erlangt hatte aber andererseits auch darauf, daß Viele zwischen ökologischem und buddhistischem Denken eine besonders grosse Ähnlichkeit sehen. Und das entspricht wiederum dem Bedürfnis heutiger Menschen, Wissenschaft und Spiritualität miteinander in Einklang bringen zu können, wobei die Ökologie von vielen als die neue Leitwissenschaft gesehen wird.

Tatsächlich zeichnet sich der Buddhismus seit der Zeit Buddhas durch seine mitfühlende, achtsame und gewaltfreie Haltung gegenüber allen empfindenden Wesen und in Bezug auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen aus. In Südostasien z.B. wird immer wieder betont, dass Buddha Shakyamuni unter einem Baum geboren wurde, unter einem Baum Erleuchtung erfuhr, unter Bäumen lehrte und unter einem Baum verstarb. Bis heute wird in Theravada-Ländern das Herz eines Klosters (Viharas) durch einen Ableger des Bodhibaums repräsentiert und ein neu erbauter Tempel mit dem Pflanzen eines Baumes geweiht. Die im Vinaya niedergelegten Regeln des Ordenslebens enthalten zahlreiche genaue Anweisungen für schonendes und achtsames Verhalten gegenüber der Natur. Verschwendung von natürlichen Resourcen wird in der buddhistischen Mönchstradition als besonders schädliches Verhalten betrachtet.

Der heutige Schutz der Kühe in Indien beruht auf den Tierschutzgesetzen Ashokas, des grossen buddhistischen Kaisers im Indien des 200 Jhdt. vor unserer Zeitrechnung. Dogen Zenji, der bedeutende Begründer des Soto-Zen in Japan, hat vor 800 Jahren für die im Bergwald lebenden Zen-Schüler des Eiheiji-Klosters die alten naturschonenden Mönchs-Regeln durch noch präzisere, strengere Anweisungen verstärkt. Frühere Inkarnationen der Dalai Lama hatten in Tibet schon vor Jahrhunderten strengste Gesetze zum Schutze der wildlebenden Tierwelt erlassen, obwohl Fleischkonsum in Tibet keine verzichtbare Luxusernährung wie bei uns ist, sondern in einer Landschaft, die kaum pflanzliche Nahrungsmittel hervorbringt, vielfach notwendig war und ist zum Überleben.

Nie wurde die Natur in Asien als geistlose Materie betrachtet, die lediglich dem Menschen zur Beherrschung, Ausbeutung und Bereicherung überlassen sei. Sondern immer galt es als Aufgabe und Würde des Menschen, sich in harmonischer wie schöpferischer Weise in die Gesetze und den Fluss der Natur einzubinden. Höchsten Ausdruck fand dies in den Künsten des chinesischen und letztlich japanischen Zen: in der Tuschmalerei, der Haiku-Dichtung, der Kunst der Bambusflöte, der Teekeramik, der Architektur, in den japanischen Zen-Gärten. Die Natur wurde nicht ab- oder umgebildet - "menschlich zivilisiert" - sondern das Ideal bestand darin, dass der Künstler und sein Werk selbst zur Natur würden.

Heute allerdings ist vom lebensschützenden, naturverbundenen Geist des Dharma in den Ländern Asiens, auch in den traditionell buddhistischen kaum noch etwas zu spüren. Die westliche Wirtschaftmaschinerie ist innerhalb weniger Jahrzehnte über diese Länder hinweggerollt, schlimmer als die verheerendsten Monsumstürme. Die riesigen Wälder, die noch zu Anfang dieses Jahrhunderts das ganze südliche Asien überzogen haben, sind bis auf minimale Reste verschwunden. In 30 Jahren - so sagen Berechnungen - wird es in Asien keinen natürlichen tropischen Wald mehr geben. Dies bedroht nicht nur die Tiere und Menschen insgesamt sondern ganz direkt auch die Lebensweise der von Buddha gelebten und gelehrten Form der Waldsangha. Der Waldmönch war und ist seit über 1000 Jahren die Urzelle der Theravada-Kultur Süd- und Südostasiens. Aus dem Wald und der Spiritualität der dort praktizierenden Mönche und Nonnen bezogen diese Gesellschaften und Länder ihre innere Kraft und Orientierung. Mit dem restlosen Verschwinden der Wälder, verschwindet auch weitgehend das Dhamma und seine gesellschaftlich heilende Energie. So sind es auch die Mönche und Nonnen, die in diesen Ländern den Kampf um die Rettung der letzten Wälder aufgenommen haben.

In den vergangenen 15 Jahren gab es in Thailand, ausgehend von verschienenen Mönchsäbten wie Phra Pongsak, Phra Kru Nandakan, Phra Prachak oder auch dem kanadischen Abt Ajahn Pasanno eine zeitweilig sehr erfolgreiche und weltweit Aufsehen erregende buddhistische Bewegung gegen die Abholzung der letzten Urwälder Thailands. Intensive und bewundernswert mutige Unterstützung erhielten sie von den in Thailand nur wenig anerkannten "Nonnen in weiss" (Maejee). Als besonders spektakulär und wirkungsvoll erwies sich dabei die Praxis des Ordinierens vom Bäumen durch Mönche, d.h. durch das zeremonielle Umgeben eines Baumes mit einer Mönchsrobe, wodurch der so geheiligte Baum für die in Thailand immer noch stark von buddhistischer Symbolik geprägten Menschen (auch Holzfäller) unantastbar geworden ist. Die Nonnen ihrerseits scheuten sich nicht, sich auf die riesigen Plannierraupen zu setzen, um sie an ihrem Zerstörungswerk zu hindern. Gleichzeitig bemühten sich die Mönche, den so teilweise um ihre Arbeit gebrachten einfachen Dorfbewohnern sinnvolle ökonomische Alternativen (Weberei u.a.) aufzuzeigen. Insbesondere die Aktivitäten Phra Prachaks wurden durch das INEB und durch das deutsche Netzwerk intensiv unterstützt und im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Dabei gab es grosse Veranstaltungen und Spendensammlungen in Zusammenarbeit mit deutschen Regenwald-Initiativen.

Die um ihren Profit gebrachten Holzkonzerne in Thailand waren durch die Erfolge jener Mönche allerdings nicht von ihrer grenzenlosen Gier abgebracht. Der hochangesehene Phra Pongsak wurde durch eine bösartige Presseverleumdung zum Niederlegen seiner Robe gezwungen und Phra Prachak wurde so unter lebensbedrohenden Druck und unter gerichtliche Anklage wegen "Waldfrevels" gesetzt, bis auch er seine Robe ablegte und zeitweilig unter Haft genommen wurde. Seither ist er gezwungen, einen jahrelangen, zermürbenden und kostenintensiven Rechtsstreit durchzustehen. Das Netzwerk in Deutschland bemüht sich, ihm dabei erneut solidarisch beizustehen.

Phra Prachak hatte auch immer wieder umweltengagierte Freunde in jenen Dong Yai Nationalpark im Norden Thailands eingeladen, um mit ihnen eine Woche lang ohne jeden gewohnten modernen Komfort und Schutz im Wald zu leben. Dabei gibt es in diesem Wald noch Reste freilebender Elefanten und Tiger. Netzwerk-Freunde aus dem deutschsprachigen Raum nahmen daran teil und hatten intensive Erlebnisse.

Die Haltung der thailändischen Waldmönche findet in Geist und Praxis der Tiefenökologie eine gewisse moderne, westliche Entsprechung. Ausgehend von dem norwegischen Philosophen Arne Naess versucht die von ihm "Deep Ecology" genannte Bewegung, den Dualismus zwischen Mensch und Umwelt, Intellekt und Natur, Umweltschützer und zu schützendem Naturobjekt, wie er der wissenschaftlichen Ökologie und dem ökologischen Engagement weitgehend zugrundeliegt, zu überwinden und uns selbst als eins mit der Natur und mit allen Wesen erleben zu lassen. Die kalifornische Buddhistin, Religionswissenschaftlerin, Systemtheoretikerin und Umweltengagierte Joana Macy ist die profilierteste Vertreterin dieser tiefenökologischen Bewegung, die inzwischen in Deutschland zahlreiche Schüler, Symphatisanten und Vertreter hat. Viele von diesen verstehen sich als Buddhisten oder stehen diesem sehr nahe. Insbesondere sehen sich viele in tiefer Verbundenheit mit Thich Nhat Hanhs Denken und Botschaft, seiner Lehre vom Intersein und der Praxis der Achtsamkeit in allen Handlungen des Alltags.

Darüberhinaus gibt es unter den deutschen Buddhisten auch einen beträchtlichen Anteil von Personen, die aus der Ökologiebewegung der 70er und 80er Jahre - nach Jahren der Enttäuschung und Krise über die letztendliche Erfolglosigkeit und innere Verhärtung - schließlich zum Buddhismus gefunden haben. Sie haben sich in der Antiatombewegung, im Schutz der Wälder, gegen die Verschmutzung von Wasser, Luft und Lebensmittel eingesetzt, sie haben jahrelang all ihre Energie in Umweltschutzorganisationen oder Umweltfestivals investiert, sie haben die Partei der Grünen mitgegründet oder sich in Parlamente und Stadträte wählen lassen. Und manche haben versucht, aus den herkömmlichen naturfeindlichen Produktions- und Konsumverhältnissen völlig auszusteigen und kleine Inseln und Modelle anderer Lebens- Arbeits- und Umgangsformen zu entwickeln. In der Lehre Buddhas sehen sie einen Weg, ihre nach aussen gerichteten Bemühungen um Heilung unserer zerstörerischen Lebensweise mit der nach innen gerichteten Bemühung um Heilung zu vereinen. Viele von ihnen geben dann zwar für längere Zeiträume alle ehemaligen Aktivitäten auf, doch etliche finden schließlich zu einer Synthese mit ihrem früheren Engagement wieder zurück.

Auf Grund seiner grossen Nähe zu ökologischem Denken vermag der Buddhismus viel und tiefgründiges zur Entwicklung eines mitweltgerechten Verhaltens beizutragen. Dies erkennend sind insbesondere einige Lehrer der tibetisch-buddhistischen Tradition seit Jahren um die Förderung eines vertieften ökologischen Bewussteins bemüht. Traditionelle Meditations- und Achtsamkeitsübungen wie die tibetische Tonglen-Praxis (Nehmen und Geben) können sehr wirkungsvoll unsere Wahrnehmung und Verbundenheit mit allen fühlenden Wesen schulen. Solche Formen meditativer Praxis, die auch an konkreten Problemen der heutigen Zeit anknüpfen, finden darum grossen Anklang bei Menschen, die ursprünglich keinen spontanen Zugang zur Spiritualität in sich verspüren.

Immer mehr Menschen in Westeuropa wenden sich heute auch ab vom übermassigen Fleischkonsum, wie er sich in der modernen Indistriegesellschaften etabliert hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, ein erhöhtes Gesundheitsbewußtsein, mehr Mitgefühl mit der leidenden Tierwelt, eine grössere Entschlossenheit zu Gewaltfreiheit und Achtung vor allem Leben. Hier begegnet sich die von Anbeginn grundlegende, gewaltfreie und allen Lebewesen wohlwollende Haltung des Buddhismus mit einer Denkweise vieler heutiger Menschen, die bereit ist, umfassend mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. In Österreich und Bayern entstand so, ausgehend von einem buddhistischen Zen-Lehrer eine Tierschutz-Initiative, in der sich die Menschen nicht nur für das Verschwinden der KZ-artigen Massentierfabriken einsetzen, sondern die dies auch mit einer ganz betont interreligiösen, ökumenischen Haltung tun. So führen sie nun seit einigen Jahren sog. "Tierschutzpilgerfahrten" zu besonders lebensverachtenden Tierfabriken durch.
 

Lebensgemeinschaften

Ein weiterer, noch wesentlich breiter angelegter Berührungspunkt von Buddhisten mit Nicht-Buddhisten ist die Herausbildung alternativer Lebens- und Arbeitsgemeinschaften. Die europäische Geschichte dieses Jahrhunderts ist reich und vielfältig an Versuchen, aus den bestehenden repressiven, lebensfeindlichen und naturfernen Gesellschaftsverhältnissen auszusteigen und von ganz unten, einfach und gemeinschaftlich neue Formen sinnerfüllten Lebens erstehen zu lassen. In diesem Jahrhundert mehrfach und in den letzten 30 Jahren fortwährend gab es im deutschsprachigen Raum solche Gründungsbewegungen für experimentelle Gemeinschaftsformen. Die Jugend- und Lebensreformbewegung zu Anfang des 20sten Jahrhunderts gipfelte vor allem im legendären Ort Ascona hatte aber zahlreiche kleine weniger beachtete Nebenzentren. Wie bereits erwähnt, war es dort bereits zur ersten Begegnung zwischen gesellschaftlicher Erneuerung und buddhistischem Erwachen gekommen. Dies wurde durch den Aufstieg und zeitweiligen Sieg des Faschismus auf viele Jahrzehnte unterbrochen.

Erst die aus der Beatnik-Bewegung hervorgehende Hippie-Kultur Kaliforniens und die gesellschaftskritische 68er Bewegung der Studenten und Schüler weckte erneut die Suche nach alternativen Lebensformen unter experimentierfreudigen Jugendlichen ebenso wie unter gesellschaftlich enttäuschten Älteren. Die erste dieser neuen Aussteiger-Bewegungen in Deutschland, die Kommunebewegung der 60er war stark anarchistisch geprägt. Die zweite zurück-zur-Natur-Bewegung ging mit der mächtigen Ökologiebewegung Ende der 70er Jahre einher. Die dritte Gemeinschaftsgründungsbewegung ist derzeit im Aufschwung. Sie ist sehr wenig spektakulär, wächst eher verborgen, nicht mehr so romantisch und exotisch, weniger technikfeindlich und wesentlich professioneller. Sie hat einen ausgeprägt sozialen Charakter, ist damit auch Antwort auf die ständig wachsende Arbeits- und Perspektivlosigkeit junger und auch gut ausgebildeter Menschen. Und sie ist gekennzeichnet durch die Offenheit und Bereitschaft, dort auch zahlreiche alte dualistische Abgrenzungen wie die von Leben und Arbeiten, Privatleben und öffentliche Mitverantwortung, Alltag und Spiritualität zu überwinden.

Diese Ökodorf-Initiativen, die heute vielfach weltweit miteinander vernetzt sind, erkunden und erproben die zukünftige Struktur und Gestalt der immer enger zusammenrückenden Weltgemeinschaft, des global denkenen, lokal handelnden 'Global Village'. Die Struktur des buddhistischen Sangha ist diesem egalitären, dezentralen, selbstversorgenden und vernetzten Ordnungsprinzip schon immer gefolgt. Und je mehr das Dharma sich auch in unsere westlichen Gesellschaften integrieren wird - und das heißt engagierten Buddhismus praktiziert - umso mehr und vielfältiger wird es solche Formen gesellschaftlicher "Einheit in der Vielheit" hervorbringen. Diesem ganzheitlichen gesellschaftsverändernden Experiment, auf dessen Weg der Buddhismus im Westen auch zu einem westlichen Buddhismus werden wird und auf dem die westliche Gesellschaft zu einer andersartigen, buddhistisch mitgeprägten Gesellschaft werden wird, gilt die grosse Zielsetzung und Perspektive des Netzwerk engagierter Buddhisten.
 

Interreligiöser Dialog

So kommen wir am Schluss zum Ausgangspunkt zurück, insofern das Netzwerk auch den interreligiösen oder überweltanschaulichen Dialog als einen wichtigen Anteil gesellschaftlich engagierter buddhistischer Praxis betrachtet. Der katholische Theologe formulierte beim Weltparlament der Religionen in Chikago 1993 den Satz: "Ohne Religionsfrieden auch keinen Weltfrieden". Der hier vorliegende Aufsatz stellte die These auf: "Ohne Heilung der Religionen, keine Heilung der Erde". Diese Heilung der Religionen muss vor allem von innen kommen. Aber der Anstoss von aussen kann entscheidend dafür sein, dass die Heilung von innen her überhaupt lebendig wird. Darum ist der ernsthafte interreligiöse Dialog nicht nur für die Religionen sondern für die ganze Menschheit überlebenswichtig. Er öffnet allen immer wieder den Blick für die umfassende, grenzenlose und nie ausschöpfbare Ganzheit der Wirklichkeit, für die Wahrheit, dass wir die Wahrheit nie in Besitz nehmen können. Das Interesse an diesem Dialog ist unter der Mehrzahl der Buddhisten im deutschsprachigen Raum sehr gross und zahlreich sind die Aktivitäten und daran Beteiligten. Geht es dabei doch immer wieder auch um eine Begegnung mit uns selbst, unseren eigenen historischen oder auch biografischen Wurzeln und Herkünften.

Doch tiefer noch als unsere kulturellen Wurzeln ist unsere menschliche, unsere lebendige, unsere universale Natur. Der Buddhismus nennt sie die Buddha-Natur, die Natur des Erwachens und Erwachtseins. Wir finden sie, wie er lehrt, letztlich in allem. An diesen Quell zurückkehrend, ist die Welt, die Natur, die Gesellschaft, sind wir selbst immer neu und gerettet. Hier bedarf es keines engagierten Buddhismus, ja keines Buddhismus und keiner Religion mehr, sondern hier ist reines Dasein vollkommen und frei.  





Dieser Aufsatz wurde im Auftrag der Harvard Universität verfasst als Beitrag für ein Forschungsprojekt, das den gegenwärtigen, weltweiten "engagierten Buddhismus" beschreiben soll. Er wurde in stark gekürzter Form in folgendem Buch abgedruckt.


QUEEN, CHRISTOPHER S.
Engaged Buddhism in the West

Wisdom Publication-Verlag, Boston, 1999

Der erste Band dieses Projekts stellt das Verständnis und die Praxis von engagierten Buddhismus in Asien dar:

QUEEN, CHRISTOPHER S. / SALLIE B.KING
Engaged Buddhism

Buddhist Liberation Movements in Asia
State University of New York, New York 1996





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