Die natürliche Essenz des Dhamma

Ajahn Buddhadasa Bhikkhu


Buddhadasa Bhikkhu vor seinem Kuti Nur der wirkliche Buddhist kann die Natur auf der tiefgründigsten Ebene schützen, auf der mentalen. Ist die geistige Natur geschützt, so kann die äußere physische Natur sich selbst schützen.

Reden wir über diese innere geistige Natur, so sollten wir ein anderes Wort dafür benutzen, das Wort "dhammadhatu", die natürliche Essenz des Dhamma. (...) Wenn diese innere Natur, wenn dhammadhatu geschützt wird, bleibt kein Raum für Selbstbezogenheit oder Egoismus. Dann ist gewiß, daß da kein "Selbst" ist, dann herrscht Freiheit von "mir" und "mein", dann herrscht Selbstlosigkeit. Wenn es keine Selbstsucht gibt, ist nichts mehr übrig, das nach draußen geht und die Natur zerstört. Sich gerade einmal für den Schutz der physischen Natur einzusetzen, gereicht keinem Buddhisten zur Ehre, das ist ein Kinderspiel. Statt dessen sollten alle Buddhisten in er Lage sein, diese innere Natur, den dhammadhatu, zu bewahre. Dies in Wahrheit ist angemessen und ehrhaft für die, die dem Erhabenen, dem Buddha, folgen.

Der Buddhist bemüht sich, tief in diese innere Natur einzudringen, diese mentale oder spirituelle Natur, die in jedem von uns zu finden ist, die Natur, die das Gesetz der Natur schlechthin ist, das Wesen aller Dinge. Ein anderer Name dafür ist das "Idappaccayata-Gesetz", die Tatsache, daß alles in Abhängigkeit und in Verbindung mit allem anderen existiert. Wenn wir diese Natur der Dinge wirklich verstanden haben, ist Egoismus unmöglich geworden. Wenn das Idappaccayata-Gesetz klar in unserem Geist verankert ist, bleibt kein Weg, auf dem sich Selbstsucht Bahn brechen kann, besteht keine Möglichkeit mehr für Selbst und Selbstbezogenheit. Wenn wir diese innere Natur bewahrt haben, können wir die äußere ganz leicht bewahren. (...)

Der Buddha bezeichnete diese innere Natur als dhammadhatu, als dhatu (Element, Essenz) des Dhamma. Diese dhatu ist die Grundlage und Basis des Dhamma, der ganzen Natur. Er unterstrich: Ob ein Weiser dies bereits erkannt hat oder nicht, der dhammadhatu existiert - natürlich und absolut.

Weiter führte der Buddha aus, daß der dhammadhatu Idappaccayata ist. Idappaccayata ist die fundamentale Tatsache, daß alles geschieht in Abhängigkeit von Gründen und Ursachen. Diese universelle Konditionalität ist das Idappaccayata-Gesetz.



Mit anderen Worten: nichts geschieht, besteht, ändert sich oder stirbt aus sich heraus. Nichts geschieht außer in Abhängigkeit von verschiedensten Gründen und Ursachen. Selbst Tod und Zerstörung benötigen Gründe, benötigen Ursachen; auch die Anwesenheit von Wesen die Töten oder zerstören; oder die Abwesenheit von Wesen die helfen. Weiterhin sind die Gründe und Ursachen von etwas wieder durch etwas anderes begründet oder verursacht. Diese konditionale Interaktion durchzieht das ganze Universum - das geistige wie das physische, alles verbindend in einem Geflecht von Interdependenz, geistigen Beziehungen, wechselseitiger Verbundenheit und Verwobenheit. Diese fundamentale Tatsache ist derart erhaben, daß wir sie als "Naturgesetz" oder "Gott" bezeichnen können.



Vier Aspekte der Natur

Laßt uns etwas sorgsamer umschreiben, was wir mit dem Wort "Natur" meinen. Obwohl der deutsche Terminus nicht ganz unserem buddhistischen "dhammajati" entspricht, wird er verwendbar sein, wenn wir ihn hinreichend beschrieben haben. Natur (dhammajati) ist alles das, was aus dem Dhamma entspringt, aus dem Dhamma geboren ist. Das ist das Absolute und hat die höchste Kraft in sich. Natur hat mindestens vier grundlegende Aspekte, denen wir auf den Grund gehen sollten:

- die Natur an sich

- das Gesetz der Natur

- die Notwendigkeit, sich an der Natur auszurichten und

- das Ergebnis dessen, das durch die Ausführung dessen im Einklang mit den Naturgesetzen entsteht.

Laßt uns zunächst über uns selbst reflektieren. Jeder Mensch hat von Natur aus einen Körper. In uns wirkt das grundlegende dhammagemäße Naturgesetz, das alles reguliert. Jedes Bestandteil in uns setzt konsequent das Gesetz der Natur um. Mit jeder Tätigkeit praktizieren wir die Aufgabe das Gleichgewicht in der Natur aufrechtzuerhalten. In Abhängigkeit davon, wie wir diese Pflicht ausführen, erfahren wir die Resultat, die Früchte unserer Taten: Glück und Leid, Befriedigung und Unzufriedenheit. In uns selbst, innerhalb dieses physischen Körpers, befinden sich alle vier Bedeutungen von Natur.

So wie wir in jedem Menschen alle vier Aspekte der Natur finden können, so können wir in allem diese vier Aspekte finden. Und im gesamten Universum mit all seinen Subsystemen können wir das Wesen der Natur erkennen, das Naturgesetz, die Aufgabe der Natur und die Ergebnisse der Natur. (...) Wenn wir die Natur nicht völlig verstehen, wenn wir nicht alle vier Aspekte verstehen, vergeuden wir nur unsere Zeit, während wir vom Naturschutz faseln. (...)

Wenn wir alle Aspekte der Natur verstehen und das Gesetz in unserem Inneren bewahren, wird es unmöglich sein, für Selbstsucht und Egoismus Einfluß auf uns zu nehmen. Wenn es kein Ego und keine Selbstsucht gibt, gibt es nichts, das die Natur zerstört, nichts, was die Natur ausbeuten oder mißbrauchen wird. Dann wird der externe, Physische Aspekt der Natur in der Lage sein, den Schutz selbstgesteuert durchzuführen. (...) Ohne Selbstsucht wird diese Welt natürlich rein und wunderschön


Selbstsucht verursacht seit Jahren Chaos

Selbstsucht aber ist in die Welt gekommen und hat seit langer Zeit Verwüstung angerichtet. Schon seit Zeiten hat die Menschheit die Natur ausgebeutet und zerstört. Selbst in den alten Palischriften können wir ein Texte finden wie den, der von einem Mann erzählt, der einen Baum voller reifer Früchte sah, aber nicht in der Lage war, auf den Baum zu steigen und die Früchte zu Pflücken. Also nahm er eine Axt und fällte kurzerhand den ganzen Baum. Dann trug er so viele Früchte davon, wie er konnte, aber die meisten ließ er zurück, diese verfaulten. (...)

Vor mehr als 50 Jahren (...) kam ich an einem Baum vorbei, nicht weit von der Stelle, wo wir jetzt sitzen (im Suan Mokkh-Kloster). Dieser Baum war gefällt worden. Als ich nachfragte, erfuhr ich, daß jemand ihn getötet hatte, nur um an eine Ladung seiner Früchte zu kommen.



In den vergangenen Jahrzehnten hat derartige Selbstsucht unterstützt durch moderne Technologie ganze Wälder zerstört, einzig um einzelne Holzarten herauszuziehen, die sich vermarkten lassen, während der größte Teil der Vegetation der Vertonung überlassen oder abgebrannt wurde. Diese Torheit ist nur allzu deutlich geworden durch die Feuer, die große teile Indonesiens verwüsteten und weite Teile Südostasiens mit Luftverschmutzung überziehen. Aber nicht nur die Wälder werden zerstört, sondern auch die Dörfer und Kulturen von indigenen Völkern und politisch einflußlosen Bauern, die meist in Harmonie mit den Wäldern lebten, die sie umgaben. Und nicht zuletzt ist die Seele der Gesellschaft zerstört worden, indem wir uns zu übermenschlich mächtigen Unmenschen erhoben.



Wenn mentale und spirituelle Gesundheit herrschen, werden sich die physischen Dinge selbst regulieren. Umgekehrt hat die äußere Ordnung der Dinge einen wohltuenden Effekt auf das Bewußtsein. Wenn also die äußere Natur in Unordnung ist, wird das einen negativen Effekt, einen verheerenden Einfluß auf die innere Natur ausüben. Wenn beide fehlgeleitet sind, wird dies zu extrem gefährlichen Konsequenzen führen. Es bedeutet Tod und Zerstörung überall, ein Tod, schlimmer als der Tod.

Das ist der Grund, warum Buddhisten daran arbeiten, die innere Natur zu erhalten, den dhammadhatu. Ist diese Basis gerettet, so ist automatisch auch der Rest in Ordnung. Ein Buddhist versucht nicht blind an den Symptomen zu kurieren. Der Buddhist weiß, daß wir an die Wurzeln und Ursprünge der Phänomene herangehen müssen.



Dieser Punkt enthält Achan Buddhadasas Kritik an übertriebenem Aktionismus. Wenn wir uns auf die Ergebnisse, also das, was bereits geschehen ist, konzentrieren und diese zu ändern trachten, verpassen wir es häufig, tiefer in die Ursachen, insbesondere moralischer und spiritueller Art zu sehen. Schlimmer noch, unachtsamer Aktionismus kann zu einer Flucht werden, um den tieferen Ursachen moralischer, kultureller und spiritueller Art nicht ins Auge sehen zu müssen. Der entgegengesetzt Fehler greift Raum in einem engen Akademismus, wenn Intellektuelle ihr Wissen von moralischer und spiritueller Verantwortung abtrennen und sich hinter einer Maske von Scheinobjektivität und Unparteilichkeit verstecken.



Bedeutung und Motivation von Bewahren

Es ist wichtig, daß unsere Schutzbemühungen erfolgreich, korrekt und echt sind. Dies wirft die Frage auf, welche Art von Macht oder Druck wir für den Naturschutzgedanken bemühen sollten. Der Druck, der direkt zwingt, unseren Willen zu tun ist die eine Art von Autorität. Aber es gibt auch den Druck, eine richtige Art von Verständnis für die Realität zu erzeugen, so daß wir unsere Pflicht klar erkennen und sie freiwillig erfüllen. Diese beiden Arten von Druck gibt es.



Welche Art von Druck sollen wir ausüben? Diese Frage ist von entscheidender Bedeutung für praktizierende Buddhisten, insbesondere für engagierte Buddhisten, die selten - wenn überhaupt - über weltliche Macht verfügen. Wir können nicht auf die Hilfe des Staates oder der Marktkräfte vertrauen, um Naturschutz durchzusetzen. Statt dessen müssen wir eine eigene Art von moralischer und spiritueller Autorität aufbauen, durch unsere Integrität und unser uneigennütziges Beispiel.



In einem der Säulenedikte Asokas (3. Jhd. v.u.Z.) können wir ein Dekret lesen, das jedermann anhielt, verschiedene Arten von Bäume zu pflanzen, im einzelnen auch welche Bäume gepflanzt werden sollten und die Anzahl der Bäume. Einige sollten der Früchte wegen angebaut werden, andere aus ästhetischen Gründen. Auch Mangos wurden erwähnt. Als ich vor 30 Jahren nach Indien kam, war ich überrascht, überall Mangobäume zu sehen (...), dies ist das Ergebnis von Kaiser Asokas Dekret, das das Pflanzen von Mangobäumen überall anordnete.

In den Palischriften finden wir auch Hinweise auf unterschiedliche Arten von Parks. Offensichtlich gab es überall im alten Indien Naturparks. (...)

Was war die Motivation, solche Parks anzulegen. Denkt man genau darüber nach, wird die Antwort augenfällig. Das rechte Erkennen, welches vom Schutz der inneren Natur kommt, vom Pflegen des rechten Gefühls im Herzen, beugte Selbstsucht vor. Alle diese Parks sind Zeichen der Selbstlosigkeit. Niemand zerstörte sie, denn sie bewahrten die innere Natur auf. Diese Parks entstanden überall im alten Indien, weil es keine Selbstsucht gab, sie zu verhindern oder zu zerstören. Schutz des Dhammadhatu war die Motivation hinter den Parks.

Wenn Buddhisten sich erinnern, daß der Buddha geboren wurde unter Bäumen, erleuchtet wurde, als er unter einem Baum saß, im Freien unter Bäumen seine Lehre darlegte und schließlich unter Bäumen verstarb, ist es unmöglich, Bäume nicht zu lieben und nicht deren Schutz zu wünschen. (...)


Die Ökologie des Dhamma

Mit anderen Worten, Dhamma ist die Ökologie des Geistes. Das ist die Art, wie die Natur die Dinge gerichtet hat, und so war es schon immer, auf eine sehr natürliche Art. Der dhammagefüllte Geist hat die natürliche spirituelle Ökologie, denn er ist frisch, schön, mutig und freudevoll. (...) Wenn keines der schwerwiegenden Übel aufsteigen kann, wie Gier, Zorn, Unruhe oder Verwirrung, dann ist da die perfekte natürliche Ökologie des dhammaerfüllten Geistes. Aber sowie diese Übel auftreten, wird unmittelbar die natürliche Ökologie des Geistes zerstört. Diese Übel sind wie böse Geister oder Dämonen, die den natürlichen Status des Geistes zerstören.

Unsere physischen Körper haben eine ähnliche Kondition, wenn nichts sie stört; sie haben eine natürliche physische Ökologie. Wenn keine "bösen Geister" oder "Dämonen" den natürlichen Status des Friedens stören, ist das Resultat ungemein befriedigend. (...) Einmal hörte ich die Worte: "Gott schafft, der Mensch zerstört." Das ist, wie es immer war; Gott sagte, die Schöpfung sei gut, aber die Menschheit hat sie kontinuierlich zerstört. Mit anderen Worten, die Natur hat alles fein gerichtet, bis wir auftraten, alles mit unserer Ichbezogenheit zu zerstören. Sobald die Übel auftreten, zerstören sie. So ist deren Natur.


Begierde

In diesem Zusammenhang können wir uns dem Übel, das mit Begierde bezeichnet wird, näher widmen, jener Begierde, die zunächst die innere Ökologie des Geistes zerstört und sich dann nach außen wendet, um die äußere physische Ökologie zu zerstören. Diese Begierde muß man genau verstehen. Begierde meint immer jenes idiotische Verlangen, das aus Unwissenheit erwächst, weil jemand die Dinge nicht so versteht, wie sie wirklich sind. Unglücklicherweise erläutern die meisten Buddhisten, wenn sie von samsara sprechen, Begierde so, als sei jedes Verlangen Begierde. Das ist falsch. Nur das dämliche Verlangen nennt man richtigerweise Begierde. Wenn ein Wunsch intelligent ist, dann bezeichnet man ihn als "sankappa" (Ziel oder Streben), was wir auch als weises Wünschen bezeichnen können.(...) Begierde ist immer von Ignoranz getragen, völlig egal welches Wort wir dafür im Deutschen verwenden. Wenn aber das Verlangen weise ist, sollten wir es "Streben" oder "Ziel" nennen.

Begierde zerstört beide, die die innere-mentale und die äußerlich-physische Ökologie. Hier dürfte es nützlich sein, drei Arten von Ökologie zu unterscheiden: die physische, die mentale und die spirituelle. Begierde zerstört alle drei. Selbst die erste Ebene, die materielle Ökologie wird inzwischen dezimiert durch diese idiotische, blind Begierde. Bis zu dem Grad, in dem es Begierde gibt, bis zu dem Grad wird die Ökologie zerstört, Wenn Begierde das Niveau der Industrie erreicht, zerstört sie die Ökologie industriell, wie wir es heute sehen können. Diese erste Ebene ist die physische oder materielle. Unser Körper ist materiell und steht im Austausch mit anderen materiellen Dingen, die zusammen die physische Welt ergeben. Begierde schafft vielfache Schwierigkeiten für diese.

Die zweite Ebene ist das mentale System, die natürliche Ebene des Geistes, der nicht in Verbindung mit höheren spirituellen Ebenen, mit dem Reich der Weisheit steht. Es ist der nicht-physische Teil von uns, der i erster Linie betroffen ist von physischen Dingen wie Bedürfnissen und Instinkten unseres Körpers. Solange Begierde den Geist nicht stört oder von ihm Besitz ergreift, ist er von natürlicher Schönheit und erfüllt seine Aufgabe, neue Dinge zu kreieren. Die grundlegende Bedeutung des Wortes "citta" (Geist) bezeichnet kreatives Denken. (...)

Die dritte Ebene ist das "spirituelle System", die Fähigkeit achtsamer Weisheit, die den höheren Aspekt des Geistes bezeichnet. Diese spirituelle Ebene ist die von Achtsamkeit und Verstehen und bezieht Ansichten, Perspektiven, Meinungen, Theorien und Ideale ein. Wenn dieses System funktioniert, ist es im wahrsten Sinne des Wortes wunderbar. Auf der höchsten Ebene erreicht es Rechtes Erkennen (samma ditthi) und ist in der Lage, Begierde in jeder Form zu eliminieren. Allerdings - Begierde stört, quält und zerstört sie. Selbst diese höchste spirituelle Ebene wird durch Begierde in Unordnung gebracht.



Netzwerk engagierter Buddhisten
[Stand: Mai 2004/ März 1998]