Der Beitrag des Buddhismus zum Weltfrieden

Dagyab Kyabgön Rinpoche


Vortrag 1986 in Wien anläßlich der Internationalen Weltfriedenskonferenz

Dagyab Kyabgün Rinpoche ist Tibeter und Lehrer des tibetischen Buddhismus. Er lebt heute in Bonn, spricht fließend Deutsch und war geistiges und weltliches Oberhaupt der Provinz Dagyab in Osttibet, muß aber seit 20 Jahren im Exil leben. Er leitet das CHÖDZONG, Buddhistisches Zentrum Langenfeld. Der Vortrag wurde von ihm gehalten in Vertretung und im Auftrag S.H. des Dalai Lama und wurde veröffentlich in der Ausgabe 4/5 1988 der "Lotosblätter", der Zeitschrift der deutschen buddhistischen Union (DBU). Der Vortrag wurde hier mit Zwischenüberschriften und einigen wenigen, in Klammern gesetzten Ergänzungen versehen.

Fast allwöchentlich erfahren wir durch die Presse von Kongressen und Konferenzen, die sich mit dem Thema des Weltfriedens beschäftigen. Das ist auch kein Wunder. Gewalt und Aggression haben auf der Erde in einem Maß zugenommen, daß wir uns mit Recht um den Fortbestand der Menschheit Sorgen machen müssen. Gewalt und Aggression nicht nur in Form von Kriegen und Terroranschlägen sondern vor allem auch in unserem scheinbar ganz normalen Alltagsleben: Gewalt gegen die Natur, gegen Tiere, gegen Kinder, strukturelle Gewalt in Institutionen und Beziehungen, Aggressionen im Denken, Reden und Handeln, Mensch gegen Mensch, Frau gegen Mann, Jung gegen Alt, Arm gegen Reich, Verein gegen Verein, Ideologie gegen Ideologie, Rasse gegen Rasse, Nation gegen Nation. Es ist fast ein Wunder, daß die Welt noch existiert. Aber wie existiert sie? Wohin wir sehen, finden wir Probleme. Kein Bereich des Zusammenlebens der Gemeinschaft ist mehr frei davon.


Antwort durch die Religionen?

Die sogenannte Erste Edle Wahrheit des Buddhismus lautet "Leben ist Leiden". Sie scheint mit den Jahrhunderten immer aktueller zu werden. Dabei wollen doch alle Menschen nichts anderes als glücklich sein. Und sie investieren alle Energie ihres Lebens in unendlich viele Versuche, das Glück zu erreichen und festzuhalten. Aber nichts funktioniert auf die Dauer. Wenn wir hinausgehen und die Menschen auf der Straße fragen würden, ob sie glücklich sind wieviele würden wohl ohne Einschränkung mit Ja antworten? Die einzelnen Menschen sind ganz gewiß nicht glücklich. Und was nun die unterschiedlichen Gruppierungen angeht, von der Familie bis zur Gemeinschaft aller Völker, so sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir uns in Kongressen Gedanken darüber machen müssen, ob die Menschheit eine Überlebenschance hat.

Wenn aber nun die Menschen nichts anderes wollen als glücklich sein, warum ist dann alles so schiefgegangen? Gibt es eine Möglichkeit, alles wieder in Ordnung zu bringen, und wenn ja, wie macht man es? Fragen dieser Art werden an die Wissenschaftler und Politiker, an die Philosophen und die Vertreter der Religionen immer drängender gestellt. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat in den letzten Jahren nirgendwo ein Publikum angetroffen, daß ihn nicht zuallererst mit diesen Fragen konfrontiert hätte. Natürlich sind die Religionen in dieser kritischen Zeit ganz besonders herausgefordert, Erklärungen zu liefern und Wege aufzuzeigen. Schließlich haben sie sich selbst jahrtausendelang als diejenigen präsentiert, die die Menschen in einen heilsameren Zustand führen können.

Und in der Tat sind die Religionen von ihrem Ansatz her gut geeignet, in der gegenwärtigen Krise Hilfsmittel bereitzustellen und zwar bessere als zum Beispiel politische Methoden. Denn alle großen Religionen streben nach Veränderung und Verbesserung der Lebenssituation jedes einzelnen Menschen und der ganzen Gemeinschaft. Die Methoden sollen dabei so gewählt sein, daß eine Veränderung von innen nach außen, gewaltfrei und undogmatisch möglich wird. Die Betonung des Geistigen spielt dabei eine wichtige Rolle, wie wir später noch sehen werden. Ferner liefern die Religionen ein im wesentlichen übereinstimmendes moralisches Fundament und fordern den Einzelnen auf, die engen Grenzen seiner EgoZentriertheit zu überwinden. Somit erfüllen sie alle Bedingungen, den Menschen zu helfen und zwar hier und jetzt, nicht irgendwann nach dem Tode.

Bevor wir aber den Beitrag der Religionen am Beispiel des Buddhismus näher betrachten, müssen wir uns fragen: Was ist eigentlich dieser Friede, nach dem sich alle so sehr sehnen und der so schwer zu finden ist? In der menschlichen Geschichte scheint Frieden immer nur die Phase zwischen zwei Kriegen gewesen zu sein. Gibt es überhaupt so etwas wie dauerhaften Frieden? Und wenn ja, nur für einzelne Heilige oder für die ganze Menschheit? Gibt es Frieden nur innen und ist äußerer Frieden eine Utopie? Kann man ihn erzwingen? Kann er auf dem Papier hergestellt werden? Sind die Menschen überhaupt fähig dazu? Gehört im Westen der Frieden überhaupt zu den kulturellen Werten oder gilt bei uns nur das Recht des Jungen, Starken, Cleveren? Was haben wir in den letzten Jahrzehnten für den Frieden getan, außer Lippenbekenntnisse zu formulieren? Was sind die Vorraussetzungen für die Entwicklung von Frieden? Wo liegen die Hindernisse?

Um diese Fragen zu beantworten, will ich nun etwas tiefer in die buddhistische Theorie einsteigen. Wie ihnen wahrscheinlich allen bekannt ist, ist der Buddhismus keine Religion im engeren Sinn, sondern ein System von Erklärungen und Techniken zur Beseitigung von Leiden. Dabei wird so vorgegangen: Erst wird das Leiden festgestellt, dann werden die Ursachen analysiert, dann wird erklärt, wie man die Ursachen beseitigen und damit dem Leiden den Nährboden entziehen kann. Auf unser FriedensThema angewendet heißt das: Was sind die Ursachen von Unfrieden und wie kann man sie beheben?


Die Ursachen des Unfriedens

Die Ursachen des Unfriedens und jeder anderen Art von Leiden liegen in der Funktionsweise des menschlichen Geistes. Wir leben in einer grundlegenden Unwissenheit über die Art und Weise, in der wir selbst und das gesamte Universum existieren. Durch diese grundlegende Unwissenheit nehmen wir uns selbst als vom Rest der Welt getrennte Einheit wahr und entwickeln das Konzept eines Ich, eines konkreten Ego. Daß dieses konkrete Ego ein Phantom ist, stört uns dabei nicht, denn wir glauben einfach ganz fest daran. In diesem Glauben unterstützt uns unsere ganze Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane, weil wir uns unser ganzes Leben lang darin trainiert haben, nur das wahrzunehmen, woran wir ohnehin glauben. Nun wissen wir aber auch, daß unser Ego durch alle möglichen Veränderungen bedroht werden kann. Davor müssen wir uns schützen. Also entwickeln wir ein Verfahren, mit dem wir alles, was uns begegnet, blitzschnell sortieren und bewerten können und zwar nach den Kategorien 1. "Egostabilisierend also angenehm", 2. "Egobedrohend, also unangenehm und 3. Neutral. Nach dem Angenehmen greifen wir und versuchen, es festzuhalten. Das Unangenehme versuchen wir wegzuschieben oder zu vernichten. In diesem Spannungsverhältnis verbringen wir unser ganzes Leben. Und dabei denken wir, wir seien Herr/Frau unserer freien Entscheidung! Dieses Greifen nach Angenehmem und Vermeiden von Unangenehmem ist übrigens nicht nur ein geistiger Impuls. Durch ständige zwanghafte Wiederholung beherrscht es ebenfalls unser Reden und Handeln. Wir häufen Besitz an, bauen hohe Mauern, schließen uns mit Gleichgesinnten zu Blöcken zusammen und bauen Feindbilder auf. Daß das alles der Stabilisierung des Ego und der Überwindung unserer grundlegenden Angst und Unsicherheit dient, ist uns dabei nicht bewußt. Deshalb spricht der Buddhismus von den drei grundlegenden geistigen Giften: Gier (Habenwollen), Haß (Nichthabenwollen) und Verblendung (Unwissenheit).

Sie sehen schon, daß es zwischen den Verhaltensweisen und Strategien eines einzelnen Menschen und der ganzen Gemeinschaft keinen wesentlichen Unterschied gibt. Einzelne Menschen versuchen, ihr Ego zu schützen. Gruppen jeder Größe versuchen, ihr Gruppenego zu schützen. Einzelne bilden Gruppen, um sich sicherer zu fühlen. Die Motive, Verhaltensweisen und Ergebnisse sind dieselben. Nur wird es mit zunehmender Größe einer Gruppe immer schwieriger, diese Problematik zu erkennen, weil alle Elemente einer Gruppe sich gegenseitig in ihren Strategien bestätigen. Außerdem kommt noch eine gewisse Starrheit oder Trägheit hinzu, die durch die große Anzahl bedingt ist.

Nun wäre ja an den Strategien zur Stabilisierung des Ego und zur Erlangung von Glück eigentlich nichts Schlechtes, wenn sie funktionieren würden. Aber laut buddhistischer Lehre funktionieren sie eben nicht. Sie können gar nicht funktionieren. Warum nicht? Führen wir uns nochmal vor Augen: Das Greifen nach dem Angenehmen und das Wegschieben des Unangenehmen basieren auf der Unsicherheit des Ego, das sich selbst getrennt von der Welt wahrnimmt. Diese Wahrnehmung wiederum basiert auf einer grundlegenden Unwissenheit. Solange diese Situation besteht, wird das Greifen nicht aufhören. Mit anderen Worten: das Greifen nach dem Angenehmen, das Wegschieben von Unangenehmem wird niemals von selbst aufhören. Keine dauernde Befriedigung kann jemals erreicht werden solange die Wurzel des Greifens fortbesteht. Das Greifen ist ein endloser Prozess, nur die Objekte wechseln. Wenn aber das Greifen nach Objekten niemals endet, die Objekte selbst aber begrenzt sind, können Sie sich leicht vorstellen, wie die Interessen der Individuen aufeinanderprallen. Im Extremfall kann dadurch der Lebensraum für alle Wesen zerstört werden dabei wollten doch alle möglichst gut leben. Sie haben mit ihren falschen Methoden genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich wollten. Und nicht nur das. Durch diese fortgesetzten Wiederholungen im Denken, Reden und Handeln werden ständig neue Eindrücke von Gier, Haß und Verblendung im Geist angelagert. Aufgrund des Gesetzes von Ursache und Wirkung, Karma genannt, entsteht dadurch sozusagen eine Tendenz, sich immer wieder gleiche Situationen zu schaffen. Somit hört dieses Elend niemals von selbst auf, im Gegenteil, es verstärkt sich immer mehr. Unsere einzige Chance liegt darin, diesen Prozeß zu erkennen und große Anstrengungen zu unternehmen, um ihn zu beenden. Diese Anstrengung kann uns niemand abnehmen, aber auf der anderen Seite ist jeder Mensch in der Lage, selbst einen solchen Weg zu gehen.


Möglichkeiten für Veränderung

Was führt nun im Leben eines einzelnen Menschen dazu, daß er eine Veränderung anstrebt? Die Antwort lautet meist: Der Leidensdruck. Wenn ein Mensch der Erkenntnis nicht mehr ausweichen kann, daß alle seine Bemühungen ihm nicht das ersehnte Glück sondern immer noch mehr Leiden gebracht haben, wird er vielleicht versuchen, die Ursachen dafür zu finden. Im günstigsten Fall sucht er sie bei sich selbst, das ist die Ausgangsbasis für eine Veränderung. Im Buddhismus heißt es, durch das Abschneiden der Ursachen wird auch das Leiden beendet. Dafür gibt es nun verschiedene Wege. Man kann durch Selbstdisziplin lernen, alle unheilsamen Handlungen, die durch Gier, Haß und Verblendung motiviert sind, zu unterlassen. Dann schafft man keine negativen Eindrücke mehr im Geist, und im Lauf der Zeit kann man sich so aus dem Leiden herausarbeiten. Diese Methode ist sehr sicher und einfach, sie dauert aber lange. Eventuell kann man die Schubkraft der eigenen Bemühungen dadurch verstärken, daß man sie dem Wohl der anderen Lebewesen widmet. Wenn das mit großem Mitgefühl einhergeht, ist es sehr wirkungsvoll. Der kürzeste Weg liegt darin, die grundlegende Unwissenheit, die zur falschen Wahrnehmung eines konkreten Ego führt, zu beenden und damit die Wurzel aller Greifakte abzuschneiden. Das ist ein gewissermaßen mystischer Weg, der eine intensive meditative Schulung erfordert. In der Regel wird man (im Buddhismus) alle drei Methoden miteinander kombinieren die Gewichtung erfolgt durch den jeweiligen Lehrer, individuell angepaßt an die Aufnahmefähigkeit des einzelnen Schülers.

Wenn wir nun versuchen, diese Methoden auf eine ganze Gesellschaft zu übertragen, um so die Wurzel des Unfriedens abzuschneiden und Frieden möglich zu machen, stehen wir vor verschiedenen Problemen.

  • Erstens: Wie soll man eine ganze Gemeinschaft zur Erkenntnis der Situation bringen? Es gibt noch so viele Möglichkeiten zur Verdrängung, und wenn der kollektive Leidensdruck erst einmal groß genug ist, ist es vielleicht für uns alle zu spät.

  • Zweites Problem: Wie bekommt man Millionen von Menschen dazu, sich auf den Weg zu machen, sich anzustrengen, Einsicht zu entwickeln? Und das auch noch, wo es doch so viel einfacher ist, die Schuld immer auf die anderen zu schieben und seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen!

  • Drittes Problem: Wir können uns nicht genüßlich ein Jahrhundertprogramm ausdenken, denn zu allem Überfluß stehen wir auch noch unter Zeitdruck.

    Das alles sieht ziemlich hoffnungslos aus. Aber nach den Worten seiner Heiligkeit des Dalai Lama bleibt uns in unserer verfahrenen Lage nichts anderes übrig, als Mut, Entschlossenheit und Hoffnung zu entwickeln. Wenn wir angesichts der herrschenden Probleme resignieren, dann sind wir wirklich verloren.


    Hindernisse für Veränderung

    Was also können wir tun? Natürlich können wir versuchen, den Menschen den Ernst der Lage vor Augen zu führen. Wir können an die Menge appellieren und für die Entwicklung von mehr Moral und Verantwortungsbewußtsein der Gemeinschaft eintreten. Aber gegenüber dem übermächtigen Zwang zur Egostabilisierung bleiben solche Appelle meist wirkungslos, wie die Geschichte der Menschheit gezeigt hat. Jeder wird zwar finden, daß Frieden ein gute Sache ist. Aber fast niemand wird bereit sein, bei sich selbst den Anfang zu machen und zum Beispiel auf die Chance verzichten, einem Gegner eins auszuwischen. Dennoch ist der Transport von Information eine der wenigen Möglichkeiten, die wir haben. Wir müssen uns nur bewußt sein, welche Chancen, aber auch welche Hindernisse die Kommunikation bietet. Wir müssen verstehen, daß Unfrieden von Angst und Unwissenheit kommt, also letzten Endes völlig irrational begründet ist. Deshalb ist es notwendig, den Problemen genau auf der Ebene zu begegnen, wo sie entstehen. Es ist sinnlos, nur mit Argumenten, Fakten und Zahlen Ängste besiegen zu wollen. Die Erfahrungen der Friedensbewegung haben gezeigt, daß man nicht viel erreichen kann, wenn die eine Gruppe der Bevölkerung Angst vor den Russen hat, und die andere Gruppe Angst hat vor der Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen. Es spielt dabei keine Rolle, welche Angst objektiv berechtigter sein mag. Beide Gruppe prallen mit ihren Ängsten erfolglos aufeinander und trennen sich unverändert. Wenn man Friedensarbeit machen will, muß man auch wissen, wie man am effizientesten vorgehen kann. Ich glaube, folgende Punkte sind dabei zu beachten:

    1. Die Kommunikation "von Kopf zu Kopf" muß die Informationen beinhalten, wodurch Unfrieden entsteht und wie Unfrieden beendet werden kann. Die Rolle der Egostabilisierung sollte in leicht faßlicher und nachvollziehbarer Form deutlich gemacht werden. Ganz gleich, ob man wie die Buddhisten dieses Ego für ein Phantom hält oder nicht, auf jeden Fall ist es wohl einzusehen, daß unsere gnadenlose Egoverteidigung um jeden Preis eingedämmt werden muß, zugunsten eines erweiterten Blickwinkels.

    2. Die Kommunikation "von Herz zu Herz" muß den intellektuellen Austausch ergänzen. Was bedeutet das? Jeder Mensch, an den wir uns wenden, muß in seiner Gesamtheit umfassend gewürdigt werden. Wenn wir nicht eine grundlegende Achtung vor unserem Gesprächspartner und seinen Ansichten haben, werden wir versuchen, ihn gewaltsam zu überzeugen oder zu manipulieren. Das ist der verkehrte Weg. Eine echte Kommunikation ist immer ein gegenseitiger Austausch, kein einseitiges Dozieren. Verständnis und Offenheit einem anderen Wesen gegenüber sind nicht möglich, wenn wir uns für die großen Schlaumeier halten, die den anderen beibringen müssen, wie sie ihre Probleme zu lösen haben. In diesem Punkt kann man auch niemanden täuschen. Wenn der andere nicht merkt, daß wir zu einer echten Kommunikation bereit sind, wird er sich auch für uns nicht wirklich öffnen. Die Kommunikation "von Herz zu Herz" ist ein hoher Anspruch und eine schwere Aufgabe, wenigstens am Anfang. Aber sie kann gelernt werden. Sie verbessert nicht nur die Lebensqualität des Betreffenden selbst, sondern auch die seiner gesamten Umwelt. Sie ist eine der Voraussetzungen auf dem Weg zum Frieden. Aber Kommunikation von Herz zu Herz heißt nicht nur, den anderen in seinem Persönlichkeitsmuster zu akzeptieren. Wir müssen auch etwas zu geben haben, etwas ausstrahlen. Um der Angst zu begegnen, sollten wir so weit wie möglich Freiheit von Angst ausstrahlen. Das ist auch nicht ganz so einfach. Der Buddhismus verfügt über verschiedene Erklärungen und Techniken, mit denen der Angst entgegengewirkt werden kann, zum Beispiel Meditationen über die Vergänglichkeit, über die verschiedenen Bereiche der Wiedergeburt, über Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung und so weiter. Wenn es uns gelingt, unsere eigene Angst zu vermindern und so etwas wie geistige Klarheit und Zuversicht zu vermitteln, dann erst können wir anderen helfen, ihre eigene Angst loszulassen, vorher nicht. Frieden kann aber auf dem Boden von Angst und Zwanghaftigkeit nicht entstehen, deshalb ist das ein ganz wichtiger Punkt.

    Nehmen wir einmal den günstigsten Fall einer Entwicklung in Richtung Frieden an. Nehmen wir an, viele Menschen würden das als ihr erklärtes Ziel betrachten, viele Menschen wären fähig, die richtigen Informationen zu vermitteln und auf eine gute Art mit anderen zu kommunizieren. Viele würden die Anstrengungen einer inneren Entwicklung auf sich nehmen, um einen Beitrag zum Frieden zu leisten. Würde das Ihrer Meinung nach genügen, meine Damen und Herren, um die Gefahr eines Atomkriegs (oder die anderen aktuellen Gefahren der Selbstvernichtung) abzuwenden? Nein. Eine solche allmähliche Entwicklung wäre zwar schön und wünschenswert, aber sie würde immer noch zu lange dauern. Und, wie ich eingangs sagte, wir stehen unter Zeitdruck. Nach den Worten seiner Heiligkeit des Dalai Lama müssen wir die nächsten etwa 20 Jahre alle Kräfte auf das Überleben konzentrieren. Wenn uns das gelungen ist, können wir daran gehen, von Grund auf eine neue Form des Zusammenlebens zu entwickeln. Was uns am Überleben hindern könnte, sind Bedrohungen, die sich in der Zerstörung der Natur, im Einsatz unbeherrschbarer Technologien und in der Vernichtung des Lebens auf diesem Planeten durch einen Atomkrieg manifestieren.

    Für den Frieden zu arbeiten, ist also eine überlebenswichtige Notwendigkeit. Und vor allem ist es notwendig, daß sich Ergebnisse bald einstellen. Wie sollte das wohl möglich sein? Es müßte fast ein Wunder geschehen.


    Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. (Friedrich Hölderlin)

    Ich glaube, so etwas wie ein Wunder wäre in der Tat nötig, um die bedrohte Menschheit zu retten. Was ist das eigentlich ein Wunder? Es gibt in den verschiedenen Religionen sicherlich verschiedene Definitionen dieses Begriffes, aber ich meine damit einfach einen Sieg des Geistes.

    Das kann ein Sieg über die Materie, über die Zeit oder über die Wahrscheinlichkeit sein. Es handelt sich dabei in jedem Fall um eine außergewöhnliche Leistung. Menschen, die eine solche Leistung fertigbrachten, nannte man früher Heilige. Ich glaube aber, außergewöhnliche Leistungen, die einen Sieg des Geistes darstellen, können auch sogenannte gewöhnliche Menschen erbringen, wenn bestimmte Vorraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen würde ich mit den Begriffen Notwendigkeit, Zuständigkeit, Selbstvergessenheit bezeichnen.

  • Notwendigkeit heißt, es muß eine äußerst kritische Situation bestehen, in der sofort etwas getan werden muß.

  • Zuständigkeit heißt, der Agierende muß das Gefühl haben, daß es seine Sache ist, zu handeln. Er muß sehr stark motiviert sein, z.B. durch Liebe oder Mitleid.

  • Selbstvergessenheit heißt, die Situation muß ihn so völlig gefangennehmen, daß er für den Moment nicht in der Lage ist, an seinen eigenen Vorteil oder auch nur an seine Möglichkeiten und Grenzen zu denken.

    Sie alle kennen wahrscheinlich irgendeine Geschichte von einer Mutter, die eine physikalisch nicht zu erklärende Leistung vollbracht hat, um ihrem Kind das Leben zu retten, indem sie z.B. ganz allein einen LKW hochgestemmt hat oder irgendetwas in dieser Art. Ich halte solche Leistungen für möglich, denn alle drei Faktoren kommen hier zusammen: Die Notwendigkeit, denn andernfalls würde das Kind sterben, die Zuständigkeit und starke Motivation und die Selbstvergessenheit durch das völlige Aufgehen in der Situation.

    Wir müssen uns nun fragen, ob solche Leistungen auch kollektiv möglich sind, und ob das vielleicht der einzige Ausweg aus unserer Krise ist. Wenn ja, würde das bedeuten, daß die ganze Menschheit spontan ein Potential aktivieren könnte, das bisher verborgen war. Schauen wir uns die drei Faktoren nochmals an:
    Die Einsicht in die Notwendigkeit ist zwar schwierig zu verwirklichen, wird aber mit zunehmendem Leidensdruck immer unausweichlicher.

    Die Frage der Zuständigkeit sollte eigentlich klar sein. Schließlich kann niemand anderes als die Menschen die Probleme der Menschheit lösen. Aber leider haben Menschen in Gruppen die unselige Tendenz, daß der Eine immer die Lösung der gemeinsamen Probleme vom anderen erwartet. Wir sind daran gewöhnt, Verantwortung zu delegieren, zum Beispiel an Politiker und Wissenschaftler. Nur haben wir damit durchaus keine guten Erfahrungen gemacht. Diejenigen Leute, auf die wir die Verantwortung, Macht und Mittel konzentrieren, sind genauso besessen vom Zwang zur EgoStabilisierung wie alle anderen. Das macht sie anfällig für alle möglichen psychologischen und materiellen Versuchungen. Unsere moralische Entrüstung über ihre Verfehlungen und Irrtümer ist zumindest teilweise fehl am Platze. Wir würden sehr wahrscheinlich in der gleichen Lage ähnlich handeln. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß sich diese Verfehlungen und Irrtümer für uns alle verhängnisvoll auswirken können.

    Deshalb ist es eine Frage des Überlebens, daß wir wieder lernen, mehr Verantwortung selbst zu übernehmen. Bitte glauben Sie nicht, daß ich damit für die Abschaffung der Demokratie plädiere: ganz gleich, welche Staatsform ein Volk gewählt hat, wenn sie nur zur möglichst bequemen Selbstbedienung für alle dient, ist sie gescheitert! Die Zuständigkeit liegt also bei uns allen. Und wenn sich unsere Motivation nur aus der Einsicht ableitet, daß wir im Falle eines Krieges mit ziemlicher Sicherheit alle zugrundegehen, ist das wenigstens etwas. Noch besser wäre eine Motivation, die auf Liebe und Mitgefühl für unsere Mitmenschen beruht, aber das wäre fürs erste wohl zuviel verlangt. Aber wir können diese Richtung wenigstens anpeilen. Eine Motivation, die auf positiven Kräften beruht, ist einer Angstmotivation in jedem Fall überlegen.


    Der Auftrag des Buddhismus

    Und nun kommt der schwierigste Punkt: Wie sollen wir durch Selbstvergessenheit an unser verborgenes Potential herankommen? Selbstvergessenheit in einer akuten Krise, wie bei einer Mutter, die ihr Kind retten will, das kann man sich ja noch vorstellen. Aber bei vielen Lebewesen, über einen längeren Zeitraum hinweg? Undenkbar! Das scheint ja genau das Gegenteil von dem zu sein, was wir die ganze Zeit als zwanghafte Egostabilisierung bezeichnet haben, also beinahe ausgeschlossen. Und doch muß es irgendwie möglich sein. Ich glaube, hier setzt die Aufgabe der Religionen ein, denn jetzt müssen wir versuchen, in Bereiche unseres Bewußtseins einzudringen, die uns normalerweise verschlossen bleiben. Das geht nur mit entsprechenden Anleitungen und (psychischen) Techniken.

    In den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden war es die Rolle der Religionen und ihrer Vertreter, eine bestimmte Lehre möglichst rein zu überliefern, den Menschen Verhaltensmaßstäbe zu geben und durch Riten und Zeremonien einen religiösen Bezugsrahmen zu schaffen, an dem sie sich sowohl im Alltag als auch in Ausnahmesituationen orientieren konnten. Wenigen blieb es vorbehalten, tiefer in das Wissen der Religionen einzudringen. Dagegen gab es nur allzu viele, die die äußeren Formen bereits als das Wesentliche ansahen. Auch Erscheinungen von Fanatismus, Intoleranz und Rechthaberei kamen vor. Wir können uns natürlich denken, daß man auch die Religionen benutzen kann, um das eigene Ego zu stabilisieren. Das ist eine Irrtum, der garnicht so selten vorkommt, auch unter Buddhisten.

    Jetzt befinden wir uns aber in einer Lage, wo wir für solche Spielchen keine Zeit mehr haben. Die Menschheit braucht alles an Wissen, was sie nur bekommen kann, damit sie die Ursachen ihrer existentiellen Bedrohung erkennen und beseitigen kann. Deshalb glaube ich, daß sich die Aufgabe der Religionen gewandelt hat. Sie müssen jetzt Erklärungen, Lösungen, Methoden anbieten, die ganz und gar auf unsere kritische Situation zugeschnitten und für jeden nachvollziehbar sind. Einen solch dringenden Bedarf wie heute hat es vielleicht vorher in der Geschichte der Menschheit nie gegeben. Die neue Aufgabe der Religionen besteht darin, daß sie gemeinsam, über alle äußeren Unterschiede hinweg, den Weg zeigen, der zu unserem verborgenen Potential führt, und zwar schnell und wirksam!

    Das kann nur geschehen, indem man die Sprache der Leute spricht, nicht über ihre Köpfe hinweg doziert. Nach meiner Erfahrung ist es hier im Westen besonders schwer, dem ganz normalen Durchschnittsbürger einen religiösen Sachverhalt zu vermitteln. Es scheint eine Art Überdruß und innerer Widerstand gegen religiös besetzte Begriffe zu geben. Will man etwas erklären, muß man immer topcool und möglichst ideologisch daherkommen. Darauf sollten wir Rücksicht nehmen, denn es kommt ja auf den Inhalt an, nicht die Verpackung. Außerden ist es durchaus wesentlich, Glaubwürdigkeit und persönliche Integrität auszustrahlen. Das kann man nicht heucheln, man kann es nur durch den eigenen inneren Fortschritt allmählich erwerben.

    Wenn es uns gelingt, mit den Menschen mit ganz normalen Menschen ins Gespräch zu kommen und eine echte Kommunikation anzuknüpfen, werden wir sofort feststellen, daß hinter allen individuellen Problemen eine große Fähigkeit des Verstehens, des Lernens, des Mitfühlens, der Hingabe und Zielstrebigkeit liegt. Diese Fähigkeit zu wecken und auszubilden ist unsere Aufgabe. Daß sie überhaupt existiert, ist unsere Hoffnung.





    Copyright 2004 © by Netzwerk engagierter Buddhisten