Buddhistische Ökonomie

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck


"Wälder sollen nicht sinnlos niedergebrannt werden." – "Tiere sollen nicht mit anderen Tieren gefüttert werden" – "Es sind zwei Arten der medizinischen Fürsorge einzurichten, nämlich medizinische Fürsorge für Menschen und medizinische Fürsorge für Tiere." Das sind keine ethischen Sätze, die Konsequenzen aus der globalen Erwärmung, der BSE-Krise oder dem Hormonskandal in der Schweinezucht ziehen, sie wurden vielmehr im dritten vorchristlichen Jahrhundert von König Ashoka (268–232 v.Chr.) als geltendes Recht verfügt. Ashoka hat versucht, ein großes Reich nach den Prinzipien des Buddhismus zu regieren. Seine praktische Ethik und Soziallehre, die als in Stein gehauene Gesetzgebung erhalten ist, kann einen unmittelbaren Einblick in eine Wirtschaftsweise geben, die nach buddhistischen Grundsätzen geformt war. Die Felsen-Edikte zeigen auch, daß die darin formulierten Prinzipien für die Gegenwart unveränderte Aktualität behalten haben. Die Popularität des Buddhismus inmitten einer zwischen Fieber und Crash schwankenden Weltwirtschaft legt darüber hinaus die Vermutung nahe, daß eine Nachfrage nach ethischen Antworten besteht, die man andernorts nicht zu finden glaubt.

Es gibt keine "buddhistische Ökonomie" als fertiges theoretisches System, wie etwa die Katholische Soziallehre. Dennoch liegen Ansätze zur Entwicklung einer buddhistischen Wirtschaftslehre vor. Als "Klassiker" gilt das Kapitel "Buddhistische Wirtschaftslehre" in Ernst Friedrich Schumachers "Small is Beautiful". Der thailändische Mönch Prayudh Payutto hat daran anknüpfend einen umfangreicheren Entwurf vorgelegt, der 1999 auf deutsch unter dem Titel "Buddhistische Ökonomie" erschienen ist. In Thailand und Sri Lanka sind bereits früher zahlreiche Vorschläge zu einer "Zähmung" der Ökonomie im Geist des Buddhismus gemacht worden; sie wurden jedoch kaum in Europa oder Amerika rezipiert. Auch der Dalai Lama hat sich wiederholt dezidiert zu ökonomischen Fragen geäußert und jüngst "eine neue Ethik für unsere Zeit" publiziert, die versucht, durch eine Veränderung der Motivation die Wettbewerbsgesellschaft positiv zu beeinflussen. Gemeinsam ist diesen Konzepten die Absicht, aus Grundsätzen des Buddhismus, vor allem der Lehre von der Gewaltfreiheit (ahimsa) und des Mitgefühls (bodhicitta), einen Gegenentwurf zum Menschenbild des Egoismus in der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Wirtschaftsform vorzulegen. Das Mitgefühl erstreckt sich hierbei ausdrücklich auch auf andere Lebewesen und fordert deshalb nicht nur einen schonenden Umgang mit der Natur, sondern – ganz praktisch – den weitgehenden Verzicht auf Fleisch als Nahrungsmittel.

Die Notwendigkeit einer ethischen Beschränkung des wirtschaftlichen Egoismus wird keineswegs nur von Buddhisten betont. Es läßt sich hierbei aber im Vergleich zu anderen ethischen Systemen eine durchaus andere Zielrichtung erkennen. Zwar wird auch im Buddhismus die zentrale Rolle von ethischen Regeln betont; die Ethik dient allerdings gleichsam nur als Basis zu einer Veränderung des Handelns aus Erkenntnis und Überzeugung. Auch das findet sich bereits in Ashokas Gesetzgebung; im siebten Felsen-Edikt heißt es: "Die Vervollkommnung der sittlichen Lebensführung haben die Menschen auf zweierlei Wegen erlangt, durch Moralvorschriften und durch eigene Überzeugung. Hierbei richten Moralvorschriften indes nur wenig aus, mehr dagegen vermag die eigene Überzeugung."

Die Betonung der je eigenen Überzeugung und Motivation, der direkte Bezug auf das Individuum verleiht der buddhistischen Wirtschaftsethik ihren eigentümlich modernen Charakter. Darin liegt auch eine gemeinsame Gesprächsbasis für den Dialog mit der liberalen Wirtschaftstheorie. Während jedoch der Liberalismus von dem methodischen Postulat einer unveränderlichen, egoistisch vorprogrammierten Menschennatur ausgeht, hält der Buddhismus an der Veränderbarkeit der Individuen durch rationale Einsicht und einer Veränderbarkeit der Motivation fest. Die "individualistische" Ausgangsbasis macht – trotz des direkten Gegensatzes von Egoismus und Altruismus – für viele Manager den Buddhismus zu einem interessanteren Gesprächspartner als die christlichen Kirchen: Katholische und protestantische Wirtschaftslehre richten ihre Hoffnung auf die sittliche Wirkung staatlicher Institutionen, denn – wie Paulus sagt – "es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt" (Rom 13,2). Die Skepsis gegenüber dieser Position beruht auf der Erfahrung ihrer Umsetzung: "Es darff niemant gedencken, das die wellt on blut regirt werde. Es soll und mus das welltlich schwerd rod und blutrustig seyn" (Martin Luther). Mildere Töne der Gegenwart können Erinnerungen an solche Gewaltverherrlichung nur sehr langsam durch positivere Erfahrungen mildern.

Der Buddhismus ist eine atheistische Religion, auch in dem Sinn, daß niemals ein heiliger Zweck gewaltsame Mittel heiligt: Weder im Staat noch in der Wirtschaft. Zwar tolerieren verschiedene Varianten des Buddhismus Geister, Götter usw. als Bestandteil der jeweiligen lokalen Volksreligionen in Tibet, China, Thailand oder Japan, doch sie betonen stets, daß es sich dabei letztlich um Projektionen des eigenen Geistes handelt, nicht um fremde Schicksalsmächte. Es gibt im Buddhismus keine transzendente göttliche Ordnung, die in der weltlichen offenbar würde. Deshalb ist aber auch der Markt nicht eine quasi-naturhafte Instanz mit höherer Vernunft. Es gibt keine "unsichtbare Hand". Der Markt ist nur ein Produkt des menschlichen Handelns, und dieses Handeln wird vielfach von Täuschungen und verwirrten Emotionen geleitet.

Die Notwendigkeit von Institutionen zur Regelung und Organisation der Wirtschaft wird von der buddhistischen Ökonomie keineswegs geleugnet; doch auch für die Staatsverwaltung zielen alle Vorschläge wiederum auf die individuelle Motivation, unter Verzicht auf äußere Gewalt. Ashoka schrieb seinen Beamten im ersten Felsenedikt ins Stammbuch, stets "Unparteilichkeit walten zu lassen. Dies gelingt aber nicht, wenn folgende Gemütsbewegungen beteiligt sind: Neid, Zorn, Grausamkeit, Ungeduld, Scheu vor wiederholter Anstrengung, Trägheit und Energielosigkeit. Ihr sollt aber bemüht sein, diese Gemütsbewegungen nicht in euch aufkommen zu lassen." Selbst die Kontrolle dieser Verordnung orientierte sich wieder an der individuellen Motivation, indem Ashoka "alle fünf Jahre einen hohen Beamten von sanfter, umgänglicher Gemütsart und freundlichem Auftreten (entsandte), um festzustellen, ob man dies alles beachtet und so verfährt, wie ich es angeordnet habe."

Die Welt ist nach der buddhistischen Karma–Lehre das Resultat von Handlungen. Probleme in und mit der Welt sind nicht einem fernen Gott oder einer blinden Naturmacht anzulasten, sie sind das Ergebnis früherer Handlungen aller Lebewesen, allen voran der Menschen. Letztlich ist jede Situation nach buddhistischer Auffassung selbstverschuldet und selbst zu verantworten – aber eben deshalb auch positiv veränderbar. Dieser Gedanke kommt sicherlich den Überzeugungen vieler Entscheidungsträger in der Wirtschaft nahe. Und eben darin liegt die Chance einer Gesprächsbasis mit der buddhistischen Wirtschaftslehre, während sich die christlichen Kirchen (oder der Islam durch die "Scharia") mit ihrer Vorstellung einer in transzendenten Gründen ruhenden weltlichen Ordnung eher schwer tun.

Obgleich sich im kalifornischen New Age-Kapitalismus oder in der Managementliteratur vor dem Hintergrund der genannten Gemeinsamkeit häufig ein modisches Kokettieren mit buddhistischen Vorstellungen findet (vielfach unter dem Schlagwort "Zen" oder "Tao"), muß doch auf eine grundlegende Differenz hingewiesen werden. Die buddhistische Ökonomie ist eine kritische Ethik. Ihre Absicht ist es nicht, ein bestimmtes Verhalten vorzuschreiben, vielmehr wird der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Motivation und Handlungsresultat betont. Ziel ist es, das eigene Handeln zu erkennen und darauf aufbauend als freiwillige Konsequenz auf negative Handlungen zu verzichten.

Auch als ökonomische Lehre bleibt der Buddhismus vor allem eine Methode, ein Geistes- und Motivationstraining, das auf Erkenntnis abzielt. Ein Kernsatz des Buddhismus lautet, daß es deshalb so viel Leid, Frustration und Abhängigkeit von "Sachzwängen" in der Welt gibt, weil die Menschen in ihrem Handeln einer Täuschung erliegen. Und diese Täuschung beruht auf dem Glauben, ein von anderen Lebewesen getrenntes, auf einem unabhängigen Ich beruhendes Individuum zu sein. Der Vater des modernen Liberalismus – Ludwig von Mises – sagt in seinem Buch "Nationalökonomie": "Das Ich ist die Einheit des handelnden Menschen. Es ist fraglos gegeben und kann durch kein Denken aufgelöst werden." Eben dieser Gedanke gilt in der buddhistischen Ökonomie als tiefste und eigentliche Täuschung.

Wenn also die liberale und die buddhistische Wirtschaftslehre gleichermaßen beim Individuum ansetzen, so geschieht dies doch mit völlig unterschiedlichen Vorzeichen: Was im ersten Fall eine (womöglich genetisch determinierte) unveränderliche Tatsache der Menschennatur sein soll, ist in der buddhistischen Ökonomie der Ausgangspunkt einer Veränderung des menschlichen Handelns und seiner Motivation durch Einsicht. Das unantastbare Axiom der ökonomischen Theorie zur Ableitung von Marktgesetzen, Preisbewegungen und wirtschaftlichen Abläufen – die Profit- oder Nutzenmaximierung vereinzelter Eigentümer –, gilt für die buddhistische Ökonomie als Quelle fast aller Probleme, ökonomischer Krisen und sozialer Ungerechtigkeit. Während der Liberalismus die Anpassung der Ökonomie an die von einem mechanischen Egoismus gelenkten Märkte fordert, betont die buddhistische Ökonomie eine aus der Einsicht in die negativen Folgen dieses Handelns erwachsende Möglichkeit zur Veränderung der egoistischen Motivation.

Ich möchte diesen Gedanken etwas illustrieren. Das "Ego" ist, sagen die Buddhisten, keine starre Wesenheit. Es ist ein illusionärer Prozeß, in dem die Menschen, angetrieben von verwirrten Emotionen, um ein fiktives Zentrum kreisen. Wie funktioniert diese Ego-Täuschung? Andere Menschen, Tiere, Pflanzen oder leblose Dinge werden von uns sortiert nach einem schon dem neugeborenen Säugling vertrauten Prinzip des Ergreifens oder der Ablehnung, bei Erwachsenen entfaltet als Begierde und Aggression. Diese beiden emotionalen Grundtendenzen ("Begierde und Aggression") beruhen auf der Täuschung ("Unwissenheit"), Lebewesen oder Dinge seien substantielle, bleibende und unveränderliche Wesenheiten. Wenn man etwas, das vergänglich ist, als etwas Unvergängliches ergreift und festhält, dann entsteht Frustration, sobald sich die Wahrheit zeigt: Beziehungen zerbrechen, der eigene Körper altert, Reichtümer schwinden, errichtete Mauern und Grenzen fallen – kurz, das, was man festhalten möchte, zerrinnt unter den Fingern.

Diese drei Gifte der Gier, der Aggression und der Glaube an das bleibende Wesen der Dinge lassen sich in der Wirtschaft sehr konkret aufzeigen als Grundlage marktwirtschaftlicher Dynamik: Die "Gier" erscheint hier als Profit- oder Nutzenmaximierung; die Aggression entfaltet sich als Wettbewerb, der global sehr selten mit fairen Mitteln geführt wird; und schließlich dreht sich dieser gesamte Prozeß um die Jagd nach einem bloßen Schein, dem Schein des Geldes. Obgleich diverse Börsen–Crashs, die Entwertung ganzer Fabrikanlagen durch neue Technologien oder durch das Auftreten neuer Wettbewerber die Scheinhaftigkeit aller Werte in der Welt der Ökonomie täglich zeigen, werden auf dieser fiktiven Grundlage dennoch Entscheidungen getroffen, Investitionen geplant, Arbeitskräfte eingestellt oder entlassen, Ausbildungsgänge für Hochschulen konzipiert oder Steuern erhoben und Staatsausgaben getätigt. Zu keiner Zeit vorher war die große Macht des Scheins deutlicher sichtbar als in der globalen Ökonomie: Über Nacht kann sich ein Boom, der eben noch Reichtum hervorbrachte, in eine Krise verwandeln und ganze Volkswirtschaften ins Elend stürzen. Mußten früher buddhistische Lehrer ihren Schülern die Macht des Scheins an eher seltenen Beispielen wie magischen Vorführungen im Zirkus oder einer Fata Morgana illustrieren, so genügt es heute, einige Tage lang The Wall Street Journal zu lesen.

Eine wachsende Kritik am wirtschaftlichen Egoismus, an der mechanischen Blindheit des Wettbewerbs, an unfairen Praktiken von Unternehmen nach innen und außen, an ökologischen Sünden oder der Quälerei von Tieren für das Verfertigen einer Dissertation oder neuer Kosmetika wird von vielen Standpunkten aus vorgetragen. Die immer dringlicher werdende ethische Beschränkung blinder Marktprozesse wird von vielen Seiten zurecht gefordert. Der besondere Reiz der buddhistischen Begründung für eine solche Ethik liegt darin, daß sie sich nicht auf transzendente Werte beruft, sondern auf die Kraft der Einsicht, die aus einer rationalen Kritik irrtümlicher Auffassungen erwächst.

Ich möchte dies an der aktuellen Diskussion der industriellen Fleischproduktion, der BSE-Krise, verdeutlichen. Die Agrarfabriken basieren auf einer Maschinentheorie der Lebewesen, die Descartes begründet hat. Von Nicolas Malebranche, einem Schüler von Descartes, wird berichtet, daß er auf einem Spaziergang einmal eine trächtige Hündin durch einen Fußtritt zum Aufheulen brachte und den erstaunten Blick seines Begleiter mit dem Satz kommentierte: "Tut nichts, das ist nur eine Maschine, nur eine Maschine". Die Massentierhaltung und Massentötung von Tieren sind die praktische Konsequenz dieser mechanischen Philosophie. Offenbar beruhen solche Handlungen also auf falschen Gedanken: Tiere sind empfindende Wesen und keine Maschinen; Menschen und Tiere sind verwandt. Seine Verwandten aber pflegt eigentlich niemand zu essen. Es ist also letztlich eine Täuschung (Tiere sind Maschinen) und eine verwirrte Emotion (Geldgier), die in unheiliger Allianz das produziert haben, was heute als schlichte Konsequenz marktwirtschaftlich organisierter Nahrungsproduktion erscheint. Die Arbeitsteilung, in der die Qual der Massentierhaltung, der Ställe und Schlachthöfe von der Lackfassade der Fast Food-Ketten hermetisch getrennt wird, begünstigt auf berechnende Weise das Nichtwissen oder –wissenwollen vom Leiden jener Tiere, deren geröstetes Fleisch zwischen zwei Brötchenhälften konsumiert wird. Auch hier paart sich Eßlust mit Nichtwissen. Die bloße Kenntnis der Produktionsbedingungen hat vielfach eine völlige Veränderung der Motivation zur Folge, auch ohne ethisches Gebot: Der Besuch eines Schlachthofs brachte so manchen Vegetarier hervor.

Ein Handeln, das letztlich auf einer Täuschung über die menschliche Natur und die Welt beruht, muß zu unheilvollen Konsequenzen führen. Dieser Gedanke, im Buddhismus als "Wahrheit vom Leiden" ausgedrückt, hat unmittelbar ökonomische Implikationen. So lassen sich z.B. viele Wirtschaftskrisen auf trügerische Erwartungen zurückführen: Crashs an Börsen oder ganzer Märkte beruhen auf irrtümlichen Annahmen über die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Und derartige Täuschungen paaren sich immer wieder mit einem der beiden anderen Gifte "Gier" oder "Aggression". Letztlich, so kann man die empirische Grundthese der buddhistischen Ökonomie formulieren, müssen sich alle Handlungen, die von den drei Giften (Unwissenheit, Gier, Aggression) gelenkt werden, schließlich auch gegen die Handelnden selbst kehren. Die Täuschung, die Natur sei ein mechanisches Gefüge, das sich beliebig menschlichen Zwecken unterordnen läßt, zeigt in der Klimaveränderung, wachsenden Naturkatastrophen, Seuchen usw. eine unerwartete Kehrseite. Und das wichtigste Ziel einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft – der Gewinn – erweist sich als endlos flüchtige Größe. Man erreicht nie das Ziel, weil die Geldgier des einen durch die Geldgier des anderen stets in einem aggressiven Wettbewerb aufgehoben wird. Die schwarzen Zahlen des Vorjahres sind angesichts aktueller Verluste nur Schnee von gestern, und jedes erreichte Vermögen ruft nach weiterer Steigerung. Einem unerreichbaren Ziel nachzujagen, ist aber eine Illusion, die sich im Wettbewerbsprozeß wechselseitig und interdependent als soziale Wirklichkeit stabilisiert.

Wenn in Texten zur "buddhistischen Ökonomie" immer wieder betont wird, daß das Streben nach materiellen Gütern unbefriedigend bleibt, so ist auch das keine moralische Verurteilung des Konsums, sondern Ausdruck einer praktischen Erfahrung: Kaum sind die Mägen und die Geldbörsen halbwegs gefüllt, so füllen sich die Wartezimmer der Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten. So stellte schon die älteste buddhistische Spruchsammlung (der Dhammapada) im 75ten Vers mit erhabener Schlichtheit fest: "Der eine Pfad führt zu Gewinn, / der andere Pfad zum Nirwana". Das Nirwana, das buddhistische Heilsziel, ist nicht eine Art Himmel des Nichts oder des Weltverlustes. Das Nirwana ist das Glück des Loslassens, es ist ein Leben ohne Täuschung, ohne Wahn ("Nir-wahn" lautet die pfiffige Übersetzung Karl Eugen Neumanns dieser buddhistischen Grundkategorie).

Die Beobachtung, daß das menschliche Leben trotz aller ökonomischen Reichtümer immer wieder in Enttäuschungen endet, findet in der buddhistischen Ökonomie eine einfache Erklärung: Ent-Täuschungen setzen offenkundig eine Täuschung als ihre Ursache voraus. Und diese Täuschung ist der Glaube, wir hätten oder seien ein getrenntes, bleibendes Ego. Das Ego ist das fiktive Zentrum des Strebens nach mehr Geld, Macht, Lust oder Anerkennung. Und dieses Ego ist – in buddhistischer Sprechweise – "leer" an einer bleibenden Substanz. Der Gedanke ist einfach: Wenn es keine isolierten Lebewesen und Dinge gibt, die aus sich selbst heraus existieren, wenn also alle Lebewesen und Dinge durch Ursache und Wirkung miteinander verbunden und vernetzt sind, dann muß ein Handeln, das ein isoliertes Individuum und dessen ängstlich abgegrenztes Eigentum in den Mittelpunkt stellt, zu enttäuschenden Konsequenzen führen. Auch die ökonomische Theorie wurde auf ihre Weise zu dieser Einsicht genötigt: Der Versuch, ökonomischen Gütern einen inneren Wert (Nutzen oder Arbeitswert) beizumessen, ist gescheitert. Ein Ding hat erst durch einen Preis einen ökonomischen Wert, und die Preise sind interdependent, also vielfältig voneinander abhängig. Man kann keinen Wert von der übrigen Wirtschaft trennen und festhalten. Die gegenseitige Abhängigkeit und Vernetzung aller menschlichen Handlungen untereinander und von der Natur ist eine Tatsache. Die buddhistische Ökonomie fordert eigentlich nur, diese unstrittige Erkenntnis auch zur Grundlage des Handelns zu machen.

Man kann dies auch in der Sprache der Spieltheorie ausdrücken: Die Menschen, die Zusammenarbeit und wechselseitige Kooperation durch egoistisches Gewinnstreben, unfairen Wettbewerb und den Glauben an die Dauerhaftigkeit scheinbarer Werte verhindern, geraten in ein "Gefangenen-Dilemma". Das Gefangenen-Dilemma beruht auf einer Geschichte von zwei Gefangenen, die man – hätten sie beide geschwiegen – nicht hätte verurteilen können. Da sie, aus gegenseitigem Mißtrauen, auf die Verlockung des Versprechens hereinfielen, bei der Beschuldigung des je anderen als Mittäter eine Strafminderung zu erhalten, standen sie am Ende mit einer zweifachen Gefängnisstrafe viel schlechter da als bei gegenseitigem Vertrauen. Verallgemeinert führt diese (moralisch eher zweideutige) Geschichte zu der spieltheoretischen Erkenntnis, daß die Verweigerung der Zusammenarbeit, das Ignorieren gegenseitiger Abhängigkeit bei menschlichen Handlungen zu einem insgesamt für alle Beteiligten schlechteren Ergebnis führt, gerade weil jeder egoistisch für sich ein maximales Ergebnis erreichen möchte. Dasselbe gilt für die Zusammenarbeit des Menschen mit der Umwelt, mit natürlichen Kreisläufen. Anders gesagt: Die individuelle "Rationalität" des homo oeconomicus ist global irrational und für die Umwelt verhängnisvoll.

Wenn die buddhistische Ökonomie weiter sagt, daß aufgrund der Allverbundenheit aller Wesen jedes Lebewesen wie die eigene Mutter oder der eigene Vater zu betrachten ist, dann ist dieser Gedanke, in die Sprache der Evolutionstheorie übersetzt, gleichfalls leicht nachvollziehbar: Die Menschen stammen vom Tierreich ab; die genetische Differenz zwischen Mensch und Schimpanse ist ziemlich gering. Die Natur ist kein mechanisches Gegenüber, sondern ebenso lebendig, wie die Menschen immer noch das natürliche Erbe körperlich mit sich tragen. Es ist deshalb einfach unverständlich, daß die Menschen zwar die eigenen Mütter ehren, die Nachkommen der Urgroßmütter aus dem Tierreich aber in den Labors quälen, in enge Käfige zwängen, mit Chemikalien vergiften, um sie anschließend selbst aufzufressen – zu schweigen von den täglich vernichteten Pflanzen- und Tierarten, die Opfer der Unterwerfung von Natursystemen für kurzfristige Gewinnmaximierung werden.

König Ashoka – um den eingangs zitierten Gedanken nochmals aufzugreifen – ließ für Menschen und Tiere entlang der Hauptstraßen Erfrischungsräume errichten, baute die ersten Tierkrankenhäuser und ermahnte seine Untertanen, die Lebewesen als Brüder und Schwestern zu betrachten. Diese Handlungsweise erwuchs, wie Ashoka sagte, aus seiner Einsicht in die innere Natur eines vernetzten Kosmos. Die buddhistische Ökonomie hält der alltäglichen Welt der Wirtschaft nicht ein fremdes Ideal entgegen, sie appelliert an die Verantwortung und die Einsicht jedes Individuums. Da der Egoismus eine grundlegende, gleichwohl alltägliche Täuschung ist, richtet sich der Appell an jedes Individuum, verbunden mit der Bitte um Toleranz. Was Ashoka den religiösen Sekten seiner Zeit empfohlen hat, kann hierbei als Leitbild für die "ökonomischen" und "ethischen" Sekten der Gegenwart genommen werden. Im 12. Felsen-Edikt heißt es: "Wer aber die eigene Sekte herausstreicht und über die anderen Sekten abfällig urteilt und dies alles in der Absicht, der eigenen Sekte einen Dienst zu erweisen und die Interessen der eigenen Sekte zu fördern, der fügt durch solches Verhalten der eigenen Sekte nur beträchtlichen Schaden zu." Als Grundsatz für einen fairen Wettbewerb wäre dieser Satz – man ersetze einfach "Sekte" durch "Firma" oder "Interessengruppe" – ein großer Schritt hin zu einer ethisch verantworteten Wirtschaftsweise.





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[Stand: Mai 2004/ April 2004]