Das Bodhisattva-Ideal im Buddhismus

Walpola Rahula Thera


Es ist ein besonders im Westen weit verbreiteter Glaube, daß das Ideal des Theravada-Buddhismus, den man praktisch mit dem Hinayana-Buddhismus gleichsetzt, darin besteht, ein Arahant (Skt. Arhat) zu werden, während es das Mahayana-Ideal sei, ein Bodhisattva zu werden und schließlich den Zustand eines Buddha zu erreichen. Es muß kategorisch festgestellt werden, daß dies falsch ist. Diese Vorstellung wurde von einigen frühen Orientalisten zu einer Zeit verbreitet, als buddhistische Studien im Westen noch in den Kinderschuhen steckten. Und andere, die ihnen folgten, akzeptierten diese Idee, ohne sich die Mühe zu machen, dem Problem auf den Grund zu gehen, indem sie die Texte und lebendigen Traditionen in buddhistischen Ländern untersucht hätten. Es ist aber eine Tatsache, daß beide - Theravada und Mahayana - den Bodhisattva-Weg einmütig als den höchsten wertschätzen.

Die Begriffe Hinayana (Minderwertiges Fahrzeug) und Mahayana (Großes Fahrzeug) sind der Theravada Literatur in der Pali-Sprache unbekannt. Man findet sie nicht im Pali-Kanon (Tipitaka, Skt. Tripitaka) oder in den Kommentaren zum Tipitaka und nicht einmal in den Pali Chroniken von Ceylon, dem Dipavamsa und dem Mahavamsa. Das Dipavamsa (ungefähr im 4. Jh. u.Z.) sowie Pali Kommentare erwähnen die Vitandavadins, offensichtlich eine Sekte von abweichlerischen Buddhisten mit einigen unorthodoxen Ansichten zu einigen Punkten in den Lehren des Buddha. Die Vitandavadin und die Theravadin zitieren beide die gleichen Autoritäten und benennen die Suttas des Tipitaka, um ihre Positionen zu stützen, wobei ein Unterschied lediglich in der Art und Weise ihrer Interpretationen besteht. Das Mahavamsa (5. Jh. u.Z.) und ein Kommentar zum Abhidhamma beziehen sich auf Vetullavadin oder Vetulyavadin (Sanskrit: Vaitulyavadin) anstatt auf Vitandavadin. Nach Aussage der Texte mag es nicht falsch sein anzunehmen, daß diese beiden Begriffe - Vitanda und Vetulya - die gleiche Schule oder Sekte bezeichneten.

Aus dem Abhidharma-Samuccaya (einem Abhidharma-Kommentar von Asanga), einem maßgeblichen philosophischen Mahayana-Text (4. Jh. u.Z.), erfahren wir, daß die Begriffe Vaitulya und Vaipulya synonym gebraucht werden und daß es sich bei Vaipulya um den Bodhisattva-Pitaka handelt. Nun aber gehört der Bodhisattva-Pitaka eindeutig zum Mahayana. Also bedeutet Vaitulya unzweifelhaft Mahayana.

Wir können also sicher sein, daß sich die Begriffe Vitanda und Vetulya, die in den Pali-Chroniken und -Kommentaren benutzt werden, auf den Mahayana beziehen. Die Begriffe Hinayana und Mahayana aber waren ihnen unbekannt, oder sie wurden von ihnen nicht beachtet bzw. nicht anerkannt.

Von den Gelehrten wird allgemein akzeptiert, daß die Begriffe Hinayana und Mahayana spätere Erfindungen sind. Historisch gesehen, existierte der Theravada lange bevor diese Begriffe aufkamen. Der Theravada, der als die ursprüngliche Lehre des Buddha gilt, wurde im 3. Jh. v.u.Z. - während der Zeit des Königs Asoka in Indien - nach Ceylon eingeführt und dort verbreitet. Zu dieser Zeit gab es nichts, was Mahayana genannt wurde. Mahayana als solcher trat viel später auf, ungefähr zu Beginn des Christlichen Zeitalters. Ohne Mahayana konnte es auch keinen Hinayana geben. Der Buddhismus, der mit seinem Tipitaka und den Kommentaren im 3. Jh. v.u.Z. nach Sri Lanka kam, erhielt sich dort unverändert als Theravada, und er spielte auch keine Rolle im Hinayana-Mahayana-Streit, der sich später in Indien entwickelte. Es erscheint daher nicht legitim, den Theravada einer dieser beiden Richtungen zuzuordnen.

Der Mahayana beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Bodhisattvayana oder dem Fahrzeug des Bodhisattva. Aber er leugnet nicht die beiden anderen: den Sravakayana (P. Savakayana) und den Pratyekayana (P. Paccekayana). So widmet beispielsweise Asanga, der Begründer des Yogachara-Systems, in seinem Hauptwerk, dem Yogacara-Bhumishastra, zwei Abschnitte des Bodhisattvabhumi dem Sravakabhumi und dem Pratyekabuddha-bhumi. Das beweist, daß alle drei Yanas gebührende Beachtung innerhalb des Mahayana erfahren. Der Status eines Sravakas oder eines Pratyekabuddhas aber ist dem eines Bodhisattva untergeordnet. Das stimmt mit der Theravada-Tradition überein, die ebenfalls davon ausgeht, daß man ein Bodhisatta werden und den Status eines völlig erwachten Buddha erreichen kann; aber wenn das nicht möglich ist, kann man den Status eines Paccekabuddha oder eines Savakabuddha entsprechend den jeweiligen Fähigkeiten erlangen. Diese drei "Stände" können als drei (verschiedene) Zustände auf demselben Pfad betrachtet werden. Und in der Tat führt das Sandhinirmocana-Sutra (ein Mahayana-Sutra) ganz klar aus, daß der Sravakayana und der Mahayana ein (einziges) Yana bilden, den Ekayana, und daß sie nicht zwei verschiedene und voneinander getrennte 'Fahrzeuge' sind.


Die Drei Persönlichkeits-Ideale

Wer sind nun diese drei Persönlichkeiten: Sravaka, Pratyekabuddha und Bodhisattva? Kurz gefaßt:

Ein Savaka (Skt. Sravaka) ist ein Schüler eines Buddha. Ein Schüler kann ein Mönch oder eine Nonne sein, ein Laie oder eine Laienfrau. Ganz auf seine oder ihre Befreiung gerichtet, folgt ein Savaka den bzw. praktiziert die Lehren des Buddha und erreicht schließlich Nibbana (Skt. Nirvana). Er dient auch anderen, aber seine Fähigkeit dazu ist begrenzt.

Ein Paccekabuddha (Skt. Pratyekabuddha, Einzel-Buddha) ist eine Person, die das Nibbana allein und nur durch sich selbst verwirklicht, und zwar in einer Epoche, in der es keinen Sammasambuddha (Skt. Samyaksambuddha)in der Welt gibt. Er leistet ebenfalls anderen Dienste, aber in begrenzter Weise. Er ist nicht fähig, anderen die Wahrheit zu enthüllen, so wie es ein Sammasambuddha, ein vollständig erwachter Buddha, macht.

Ein Bodhisatta (Skt. Bodhisattva) ist eine Person (Mönch/Nonne oder Laie), die in der Lage ist, Nibbana als ein Savaka oder Paccekabuddha zu erlangen. Aber aus großem Mitgefühl (Mahakaruna) für die Welt verzichtet er (vorläufig) darauf und fährt fort, um der anderen willen im Samsara zu existieren. Er vervollkommnet sich selbst (bzw. seine Parami) während einer unermeßlichen Zeitperiode, verwirklicht schließlich Nibbana und wird ein Sammasambuddha, ein völlig erwachter Buddha. Er entdeckt die Wahrheit und erklärt sie der Welt. Seine Fähigkeit, anderen zu dienen, ist unbegrenzt.

Die Definition der drei Yanikas (Anhänger der drei Yanas) von Asanga ist sehr aufschlußreich und klärt einige Punkte. Nach seiner Auffassung ist ein Sravakayanika (einer, der das Fahrzeug der Schüler benutzt) eine Person, die gemäß dem Gesetz der Schüler lebt. Von Natur mit schwachen Fähigkeiten und Qualitäten versehen, ausgerichtet auf seine eigene Befreiung durch das Bemühen um Loslassen, verläßt er sich auf den Kanon der Schüler (Sravaka-pitaka) und beendet allmählich, indem er große und kleine Qualitäten praktiziert, das Leiden. Ein Pratyeka-Buddha-Yanika (einer, der das Fahrzeug des einzelnen Buddha benutzt) ist eine Person, die gemäß dem Gesetz des Einzel-Buddha lebt. Von Natur aus hat er mittlere Fähigkeiten. Ausgerichtet auf seine Befreiung durch das Bemühen um Loslassen, hat er die Absicht, das Erwachen ausschließlich durch seine eigenen mentalen Anstrengungen zu erreichen; er verläßt sich auf den Sravaka-Pitaka und praktiziert große und kleine Qualitäten. Geboren zu einer Zeit, in der es keinen Buddha in der Welt gibt, beendet er allmählich das Leiden. Ein Mahayanika (einer, der das Große Fahrzeug benutzt) ist eine Person, die gemäß dem Gesetz der Bodhisattvas lebt. Von Natur hat er ausgeprägte Fähigkeiten, ist der Befreiung aller Wesen verpflichtet, verläßt sich auf den Kanon der Bodhisattvas, verhilft anderen zur Reife, kultiviert den reinen Buddha-Bereich, erhält Prophezeiungen oder Erklärungen (Vya-Karana) von Buddhas und verwirklicht schließlich das vollkommene und vollständige Erwachen (Samyaksambodhi).

Daraus können wir entnehmen, daß jemand, der danach strebt, ein Buddha zu werden, ein Bodhisattva ist, ein Mahayanist; auch wenn er in einem Land oder in einer Gemeinschaft lebt, die allgemein oder traditionell als Theravada oder Hinayana betrachtet werden. Genauso ist eine Person, die danach strebt, Nirvana als ein Schüler zu erreichen, ein Sravakayanika oder Hinayanist, obwohl er in einem Land oder einer Gemeinschaft lebt, die dem Mahayana angehören. Daher ist es falsch zu glauben, daß es keine Bodhisattvas in Theravada-Ländern gibt oder daß alle Menschen in Mahayana-Ländern Bodhisattvas sind. Es ist nicht vorstellbar, daß Sravakas und Bodhisattvas jeweils in getrennten geographischen Gebieten konzentriert leben.

Weiter sagt Asanga, daß, wenn ein Bodhisattva das Erwachen erreicht (Bodhi), er ein Arahant, ein Tathagata (d.h. ein Buddha) wird. Hier muß eindeutig verstanden werden, daß nicht nur ein Sravaka (Schüler), sondern auch ein Bodhisattva ein Arahant wird, wenn er schließlich Buddhaschaft erlangt. Die Theravada-Position ist exakt die gleiche: der Buddha ist ein Arahant - Araham Samma-SamBuddha "Arahant, völlig und vollkommen erwachter Buddha".

Der Mahayana sagt eindeutig aus, daß alle drei: ein Bodhisattva-Buddha, ein Pratyeka-Buddha und ein Sravaka-Buddha gleich bzw. sehr ähnlich sind hinsichtlich ihrer Reinigung oder Befreiung von Verunreinigungen (Klesavaranavisuddhi).

Das wird auch Vimukti-Kaya (Befreiungs-Körper) genannt, und da existiert kein Unterschied zwischen den drei Zuständen. Das bedeutet, daß es keine drei unterschiedlichen Nirvanas (P. Nibbana) oder Vimuktis (P. Vimutti, Befreiungen) für die drei Persönlichkeiten gibt. Nirvana oder Vimukti ist dasselbe für alle. Aber nur ein Buddha erreicht die vollständige Befreiung von den Behinderungen des Wissensmöglichen, d.h. von den Behinderungen des Wissens (Jneyyavaranavisuddhi), die Sravakas und Pratyekabuddhas dagegen nicht. Dies wird auch Dharma-Kaya genannt, und der Buddha wird durch diese sowie durch viele andere unzählige Qualitäten, Eigenschaften und Fähigkeiten unvergleichlich und auch den Sravakas und Pratyekabuddhas überlegen.

Diese Mahayana-Sicht ist völlig im Einklang mit dem Theravada Pali-Tipitaka. Im Samyutta-Nikaya sagt der Buddha, daß der Tathagata (d.h. Buddha) und ein Bhikkhu (d.h. Savaka, Schüler), die durch Weisheit befreit sind, im Hinblick auf ihre Vimutta (Befreiung) gleich sind. Der Tathagata aber ist insofern verschieden und zeichnet sich vor den befreiten Bhikkhus dadurch aus, daß er den Pfad (Magga) entdeckt und aufzeigt, der vorher nicht bekannt war.

Diese drei Zustände des Sravaka, des Pratyekabuddha und des Buddha werden im Nidhikanda-Sutta des Khuddakapatha, dem ersten Buch des Khuddaka-Nikaya erwähnt, der eine der fünf Sammlungen des Theravada Tipitaka ist. Darin heißt es, daß man durch das Praktizieren solcher Tugenden wie Barmherzigkeit, Moral, Selbstbeherrschung usw. unter anderem auch die "Vollkommenheit des Schülers" (Savaka-Parami), "das Erwachen des Pratyekabuddha" (Paccekabodhi) und "den Buddha-Bereich" (Buddhabhumi) erreichen kann. Sie werden nicht Yanas (Fahrzeuge) genannt.

In der Theravada Tradition sind sie als Bodhis und nicht als Yanas bekannt. Der Upasaka-janalankara, eine Pali Abhandlung über Ethik für den Laien-Buddhisten, die im 12. Jh. u.Z. von einem Thera namens Ananda in der Theravada Tradition des Mahavihara in Anuradhapura (führende Klosterschule in der damaligen Hauptstadt von Sri Lanka) geschrieben wurde, führt aus, daß es drei Bodhis gibt: Savakabodhi (Sanskrit: Sravakabodhi), Paccekabodhi (Skt: Pratyekabodhi) und Sammasambodhi (Skt: Samyaksambodhi). Ein ganzes Kapitel in diesem Buch ist der Diskussion dieser drei Bodhis mit allen Einzelheiten gewidmet. Darin steht auch, daß ein Schüler, wenn er den Bodhi (das Erwachen) erreicht hat, ein Savaka-Buddha (Skt: Sravaka-Buddha) genannt wird.


Die Bodhisattvas

Ebenso wie der Mahayana achtet auch der Theravada den Bodhisattva am höchsten. Der Kommentar zur Jataka-Sammmlung - in der Tradition des Mahavihara in Anuradhapura - enthält ein klares Beispiel: In der dunklen Vergangenheit, viele unzählige Zeitalter früher, war der Gotama Buddha während seines Werdegangs als Bodhisatta ein Asket namens Sumedha. Zu dieser Zeit existierte ein Buddha namens Dipankara, dem er begegnete und zu dessen Füßen er die Fähigkeit hatte, als ein Schüler (Savaka) Nibbana zu verwirklichen. Aber Sumedha verzichtete darauf und beschloß aus großem Mitgefühl für die Welt, ein Buddha wie Dipankara zu werden und andere zu retten. Dann erklärte und prophezeite Buddha Dipankara, daß dieser große Asket eines Tages ein Buddha werden würde, und brachte dem Sumedha acht Hände voller Blumen dar. Ebenso überreichten Schüler von Dipankara, die bei ihm waren und selbst Arahants waren, dem Bodhisatta Blumen. Diese Geschichte von Sumedha zeigt klar und deutlich die Stellung eines Bodhisatta im Theravada.

Obwohl im Theravada gilt, daß jeder ein Bodhisatta sein kann, wird nicht verlangt und nicht darauf bestanden, daß alle ein Bodhisatta sein müssen, weil das nicht praktisch erscheint. Dem Einzelnen wird die Entscheidung überlassen, ob er den Pfad des Savaka oder des Paccekabuddha oder des Sammasambuddha wählt. Aber immer wird eindeutig erklärt, daß der Status eines Sammasambuddha höher ist und daß die beiden anderen niedriger sind. Gleichwohl werden sie nicht mißachtet. (...)

Am Ende einiger Palmblatt-Manuskripte von buddhistischen Texten in Sri Lanka treffen wir auf die Namen einiger weniger Kopisten, die ihren Wunsch, Buddhas zu werden, niedergeschrieben haben; und auch sie müssen als Bodhisattas betrachtet werden. Am Ende einer religiösen Zeremonie oder eines Aktes der Frömmigkeit erinnert der Bhikkhu (Mönch), der den Segen erteilt, die Versammlung an den Entschluß, Nibbana zu erreichen, und zwar durch das Verwirklichen eines der drei Bodhis - Savakabodhi, Paccekabodhi oder Sammasambodhi - je nachdem, wie sie es gemäß ihren Fähigkeiten wünschen.

Es gibt in Sri Lanka, Myanmar, Thailand und Kambodscha (die als Theravada Länder gelten) viele Buddhisten - seien es Mönche oder Laien - , die das Gelübde oder den Entschluß bekunden, (vollständige) Buddhas zu werden, um andere zu retten. Sie sind in der Tat Bodhisattas auf verschiedenen Ebenen der Entwicklung. So kann man sehen, daß in den Theravada Ländern nicht alle Menschen Savakas sind. Es gibt dort ebenso Bodhisattas.

Es gibt nur einen bedeutsamen Unterschied zwischen dem Theravada und dem Mahayana im Hinblick auf das Bodhisattva-Ideal. Der Theravada, obwohl er das Bodhisattva-Ideal als das höchste und edelste achtet, stellt keine spezielle Literatur zu diesem Thema bereit. Die Lehren über das Bodhisattva-Ideal und den Werdegang eines Bodhisattva sind verstreut in der Pali Literatur an den betreffenden Stellen zu finden. Der Mahayana dagegen ist seiner Definition gemäß dem Bodhisattva-Ideal verpflichtet und hat nicht nur eine bemerkenswerte Literatur zu diesem Thema produziert, sondern auch eine faszinierende Gemeinschaft mythischer Bodhisattvas erschaffen.


Übersetzt aus: Gems of Buddhist Wisdom. Publications of the Buddhist Missionary Society. Kuala Lumpur, Malaysia, 1983, S. 461-471.

Übersetzung von Klaus Kaczerowsky mit geringfügigen Kürzungen. Überarbeitet von Franz-Johannes Litsch. (Alle Anmerkungen in Klammern stammen von den beiden Übersetzern.)





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