Engagierter Buddhismus in Asien

Franz-Johannes Litsch / Hans-Günter Wagner
 

Dieser Aufsatz ist leider nicht in der Lage, die ganze Geschichte, den vollständigen Umfang sowie die erstaunliche Vielfalt an humanitär-, sozial- und ökologisch-engagiertem Buddhismus in Asien zu beschreiben. Er will nur einige Aspekte beleuchten und einige Beispiele anführen. Dabei mußten selbst so breite Bewegungen außer Acht gelassen werden, wie die durch Thich Nhat Hanh heute auch im Westen bekannt gewordene buddhistische Friedens- und Sozialarbeit im Vietnam der 50er und 60er Jahre, die Befreiungs- und Selbsthilfeaktivitäten des tibetischen Buddhismus und seines umfassend engagierten Repräsentanten, S.H. der Dalai Lama oder die Bewegung der "Ambetkar-Buddhisten" Indiens, die als Kastenlose in den 50er Jahre millionenfach zum Buddhismus übergetreten sind, wie letztlich auch das breite Sozialengagement moderner buddhistischer Laien-Gemeinschaften in Südkorea und Japan.

Rückzug von den Dingen der Welt, Entsagung sinnlicher Genüsse, einfarbige Mönchsroben, rasierter Kopf und hölzerne Almosenschalen, jahrelange Meditation in der Abgeschiedenheit einsamer Höhlen und abgelegener Klausen - solche und ähnliche Stereotype prägen bis heute das Bild des asiatischen Buddhismus im Westen. Doch der Buddhismus hat nicht nur diese weltabgewandte Seite. Thailändische Mönche, die sich für den Schutz des Regenwaldes einsetzen, taiwanesische Nonnen, die Krankenhäuser und Hospize gründen und betreuen, buddhistische Mönche, Nonnen und Laien, die Friedensmärsche in Kambodscha durchführen, tibetische Lamas, die Formen des gewaltlosen Widerstands entwickeln - sie repräsentieren die weltzugewandte Seite des Buddhismus, die im Westen lange völlig übersehen, ja abgestritten wurde und erst jetzt allmählich wahrgenommen wird.

Kein Zweifel, der Erleuchtungspfad ist vom Ansatz wie vom Anspruch her ein einsamer und schwieriger Weg, den letztlich jeder alleine gehen muss. Er ist ein Weg des Loslassens und des Erlöschens von Anhaftung an vergängliche Dinge und Ziele, der Befreiung von allem Leidhaften der Erscheinungswelt (nirvana). Und der Weg des Buddha ist ein Weg, der nur durch uns selbst vollzogen werden kann, ein Weg der Selbstbefreiung. Aber Buddha Sakyamuni, der vor über 2500 Jahren die buddhistische Lehre begründete, lehrte, daß es dieses Selbst letztlich nicht gibt, das hier befreit werden könne. Die Befreiung bestehe im Gegenteil gerade in der Überwindung der Vorstellung eines Ichs, das vom anderen getrennt wäre und abgelöst von allem Nicht-Ich erlöst werden könne (anatta). Das bedeutet also, daß der Weg des Buddha zwar immer bei uns selbst beginnt und beginnen muss, bei der eigenen Befreiung, aber nicht bei uns selbst enden kann, sondern nur in der Befreiung und im Erwachen von allen und allem.

Aus Buddhas tiefer Einsicht in diese Paradoxie der höchsten Wirklichkeit zeigte er uns auch einen Weg der Befreiung, der sich vorn herein nicht auf sich selbst beschränkt, sondern durchgehend auf das Glück und die Befreiung vom Leiden anderer ausgerichtet ist. Das Ziel kann für den Übenden von Anfang an durch unparteische Liebe und tätiges Mitgefühl (metta und karuna) erreicht werden. Dies ist der Bodhisattva-Weg des Buddhismus, der nicht, wie im Westen häufig behauptet, nur dem Mahayana eigentümlich ist, sondern seit jeher in allen Traditionen, auch im Theravada und Pali-Kanon zuhause ist und dort als "der beste und oberste und höchste und erhabenste" (Angutta Nikaya) bezeichnet wird.
 

Der Weg des Bodhisattva

Buddha selbst ist Vorbild hierfür und entschied sich konsequent dafür, daß Buddhismus letztlich immer nur engagierter Buddhismus sein kann. Denn nach seinem Erwachen fasste er nicht den Entschluss, nun vermeintlich folgerichtig sich entgültig aus allem Weltlichen zu lösen und ins Nirvana einzutreten, sondern er begann mit einer 45 Jahre andauernden Tätigkeit als Lehrer, Heiler, Helfer, Aufklärer und Befreier der zahlreichen leidenden Menschen und Wesen, die ihm auf seinen Wanderungen in der "Hauslosigkeit" begegneten. Seine Lehren enthalten in der Ausformulierung der "Vier edlen Wahrheiten", des "Edlen achtfachen Pfades" wie insbesondere der 5 ethischen Grundübungen (pancasila) eine klare und deutliche Orientierung für das heilsame Bemühen in der wechselseitigen Beziehung des Einzelnen zur Mitwelt. Buddha ging darin sogar soweit, daß er z.B. deutlich gewalthaltige und ausbeuterische Berufe und Tätigkeiten als unvereinbar mit dem von ihm gewiesenen Weg ausschloß. Darüber hinaus gibt er in den von ihm überlieferten Lehrreden des Pali-Kanon (Pali ist die Sprache, in der die meisten klassischen buddhistischen Texte, der "Pali-Kanon" verfaßt sind) zahlreiche Hinweise darauf, wie die weltlichen Verhältnisse in den unterschiedlichsten Bereichen einen heilsamen, der entgültigen Befreiung dienenden Charakter bekommen können. In mehreren Sutren entwickelte Buddha gar eine detaillierte Analyse über das "bedingte Entstehen" der Klassengesellschaft, von Gewalt und Krieg aus dem Besitzdenken und von Kriminalität auf Grund von Armut. Und nicht nur in seinen Worten sondern auch in seinem Handeln gab er eindeutige Orientierungen in den Bereichen des Sozialen (Gleichwertigkeit aller Menschen, keine Klassen- und Rassenschranken), der Geschlechterbeziehung (Gleichwertigkeit von Mann und Frau), der Wirtschaft (Selbstbeschränkender Wohlstand für alle), der Politik (Gewaltlosigkeit), der Verwaltung (demokratische Selbstverantwortung), des Umgangs mit der Natur (keinem Wesen Schaden zufügen) und in vielen anderen Fragen des Zusammenlebens der Menschen. Für alle diese Bereiche, Aspekte und Fragen empfahl er uns letztlich die Grundhaltung des "Mittleren Weges", der "Nicht-Dualität" und des "Nicht-Anhaftens" an Dingen, Wünchen, Meinungen und Worten.

Als nach Buddhas entgültigem Eintritt ins Nirvana seine ersten Schüler zunächst in der Gegend des heutigen Indien und Nepal und später auch in anderen asiatischen Ländern seine Lehre und Lebenspraxis verbreiteten, gewann diese rasch an Einfluß und Anhängern. Zunächst waren es die ordinierten Anhänger der Lehre, die durch selbstloses und asketisches, aber freies Leben dem Vorbild ihres Lehrers zu folgen suchten und Beispiele für die Erreichbarkeit des vollkommenen Zustandes gaben. Bald genossen diese ersten Verwirklicher der Lehre große Anerkennung und Verehrung, die ihnen auch über ihren physischen Tod hinaus dargebracht wurde. Aber die meisten Menschen konnten den Weg nicht in dieser Vollkommenheit und Konsequenz gehen. Sie hatten Familie, Beruf und zahllose bindende Verpflichtungen. So war es kein Wunder, daß viele Menschen die Hoffnung auf die Hilfe durch diese Heiligen ihrer Zeit legten, daß sie sich von ihnen Rat, Orientierung, Anleitung, Heilung, Schutz und Beistand in vielen Situationen des Lebens und der Stunde des Todes erhofften. Der Ruf der leidenden Wesen drang zunehmend an das Ohr der auf dem Pfade Geläuterten. Der einsame, nach Beendigung des Kreislaufs der Wiedergeburt strebende Verwirklicher der Lehre wandelte sich so auch historisch zwangsläufig zum Bodhisattva, zum Helfer, der sich von den weltlichen Anhaftungen zwar befreit hat, aber dennoch in der Welt verbleibt und anderen hilft, sich aus leidhaften Zuständen zu lösen. Dabei konnte sich die Hilfe und der Dienst am Nächsten auch nicht auf geistigen Zuspruch, Lehrdarlegungen und das Zelebrieren von Ritualen beschränken, sondern musste in sehr praktischer Weise an der Verwirklichung von Lebensbedingungen mitwirken, die den Menschen den Weg der vollständigen Befreiung erst ermöglichen. Das Ideal des Bodhisattva wurde zum Leitbild Vieler, und aus dem individuellem Buddha-Weg wurde ein sozialer, gesellschaftlicher, kultureller. Der Buddhismus wurde eine starke, die Wirklichkeit gestaltende und umgestaltende Kraft in Asien.
 

Der wohltätige Monarch

Mit der kulturellen Ausbreitung des Bodhisattva-Ideals beginnt entgültig die Geschichte des gesellschaftlich, ja politisch engagierten Buddhismus und mit dem Herrscher Asoka (3. Jahrhundert vor Chr.) die Geschichte des Buddhismus als Staatsreligion. Öffentliche Wohlfahrt, Spitäler für Arme, Alte und Kranke, gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums sowie eine Gerichtsbarkeit, die weniger auf Strafe und mehr auf die Vermeidung von Verbrechen und die Besserung des Straftäters zielt, sind nur einige der kennzeichnenden Merkmale des von Asoka geschaffenen buddhistischen Sozialstaats. Mit Asokas Reich beginnt der Buddhismus Einfluß auf die Gesamtordnung der asiatischen Länder zu gewinnen. Das Grundmodell ist dabei das Ideal der gerechten Monarchen (Dhamma-Raja), der für das Volk Wohlstand und Glück schaffen und der Lehre (Dhamma) treu ergeben sein soll. Obwohl Asoka an der individuellen Erlösung vom Leid der Wandelwelt (Samsara) als Grundlage der buddhistischen Lehre und Praxis festhält, begründet er eine buddhistische Tradition der auf die ganze, ökologische, politische und soziale Wirklichkeit gerichteten Gestaltung der Lebensverhältnisse von Menschen, Tieren und Pflanzen. Konsequent verwarf Asoka den Krieg als Instrument der Politik und forderte die uneingeschränkte Verwirklichung von Gewaltfreiheit (Ahimsa). Zugleich legt er großen Nachdruck auf eine entsprechende Erziehungspolitik und plädierte für religiösen Pluralismus. In der Staatsverwaltung förderte er politische Dezentralisierung mit größerer Autonomie für Stadt- und Kreisverwaltungen. In wirtschaftlicher Hinsicht bemühte er sich um die Förderung der Wohlfahrt für breite Bevölkerungschichten durch Lockerung staatlicher Regulierungen und Steuerlasten bei gleichzeitiger Förderung von Eigeninitiativen der Bauern und Händler. Ebenso erlies er ein Verbot des Tötens von Tieren (worauf heute noch das indische Tabu des Schlachtens von Rindern zurückgeht) sowie zahlreiche Maßnahmen zum Schutz von Bäumen und überlebenswichtigen Umweltbedingungen.

Nach Asokas Ansicht sollte das Staatsgefährt auf den zwei Rädern der Macht (anacakka) und Rechtmäßigkeit (dhamma cakka) laufen, mit der Autorität des buddhistischen Monarchen (dhamma raja) an der Spitze und legitimiert durch die monastische Sangha. Durch Asokas Politik erhielt das Bodhisattva-Handeln zum Wohle der Wesen einen klaren institutionellen Rahmen und eine gesellschaftspolitisch begründete Ausrichtung. Dabei wurde der Sangha jedoch zum politischen Machtfaktor und in gewissem Sinne auch Teilnehmer an der Macht. Der Sangha geriet damit in das Spannungsfeld zwischen selbstlos engagiertem Bodhisattva-Handeln einerseits und der Instrumentalisierung eben solchen Handelns im Dienste politischer Stabilität und Machterhaltung; ein Widerspruch, der die Geschichte der asiatischen Sangha, insbesondere in den Theravada-Ländern, bis in unsere Zeit geprägt hat. Asokas "Politik der Erleuchtung" war nur eine kurze Zeitdauer beschieden. Am Ende wurde er von politischen Gegnern vom Thron verjagt und sein Reich zerfiel. Was hingegen blieb und auf Entwicklung und Gesellschaft der buddhistischen Länder Asiens nachhaltigen Einfluß ausübte, das waren die von ihm gesetzten Leh-ren und Grundsätze einer buddhistischen Sozial- und Wirtschaftsethik, das Ideal des sozial und ökologisch verpflichteten und der buddhistischen Lehre treu ergebenen Monarchen und die Forderung nach Gewaltlosigkeit und Toleranz im politischen und sozialen Leben.
 

Mahayana der grosse Bodhisattva-Weg

500 Jahre nach Asoka ist Nagarjunas "Juwelenkranz der königlichen Ratschläge" ein weiterer Meilenstein einer Sozialethik des Bodhisattva-Handelns. Nagarjuna, der grosse philosophische Begründer des Mahayana-Buddhismus, sieht in der Transformation der eigenen Persönlichkeit das Fundament einer buddhistischen Ethik sozialen Handelns. Grundlegend für Nagarjuna ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Wir sollen nicht in Aggressivität und Leidenschaft verfallen und auch nicht der eitlen Versuchung durch Macht und Eigentum erliegen. Weil Gewalt bloß neue Gewalt schafft, lehnt Nagarjuna auch die Todesstrafe ab und fordert - seiner Zeit weit voraus - Rehabilitationsmaßnahmen für Strafgefangene. Wie Asoka plädiert er für öffentliche Wohlfahrt, wobei seine Sorge gleichermaßen menschlichen wie nicht-menschlichen Lebensformen gilt.

Die Ausbreitung des Buddhismus nach China und ganz Ostasien in der Gestalt des dem Bodhisattva-Ideal besonders verpflichteten Mahayana-Buddhismus noch verstärkt durch den dies-seitigen Pragmatismus, wie er der chinesischen Kultur besonders eigen ist - ließ den Buddhismus auch in China eine breite soziale und gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten. Während der Pe-riode der 3 Reiche (ca. 200-600 n.Chr.) und der Tang-Dynastie (ca. 600-900 n.Chr.), Zeiten starker sozialer und politischer Unruhe, gelangte der Buddhismus in China zu seiner größten Blüte und Ausbreitung, insbesondere in der Form des Chan (Zen). Die buddhistischen Tempel und Klöster jener Zeit zeichneten sich durch eine rege sozialengagierte Tätigkeit aus. Es wird berichtet, daß Zen-Klöster an verarmte Bauern zinslose Kredite ausgaben und Krankenhospize sowie Schutzhäuser für Verfolgte und Obdachlose errichteten ließen. Ausserdem waren die Buddhisten sehr kreativ in der Entwicklung neuer Heilmittel und Therapien, um den bis dahin grossen Anteil an Azneimitteln aus tierischen Bestandteilen abzuschaffen. Die gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung des Buddhismus war allerdings den staats- und hierarchietragenden Konfuzianern ein grosser Dorn im Auge, so sehr, daß es auf ihr Betreiben hin zu drei Phasen schwerer staatlicher Buddhistenverfolgung in China kam (446, 574-577, 845 n.Chr.). Alten Angaben zufolge soll die Zahl der getöteten Mönche und Nonnen über 2 Millionen gewesen sein und die Zahl der zerstörten Tempel und Klöster betrug über 30.000. Von diesen verheerenden "Säuberungsaktionen" hat sich der Buddhismus in China auf Jahrhunderte nicht mehr erholt.

Mit dem Bodhisattva-Ideal und dem Mythos des asokanischen Gemeinwesens hatte der gesellschaftlich engagierte Buddhismus prägende und über die Jahrhunderte wirkende Gestalt angenommen. In den 2500 Jahren seit Buddha gab es in den verschiedenen buddhistischen Ländern zahlreiche asiatische Herrscher, bedeutende buddhistische Persönlichkeiten oder den Dharma erneuernde Basisbewegungen, die seinem Vorbild und seinen Prinzipien mit unterschiedlichem Verständnis und auf verschiedenartigste Weise zu folgen versuchten. Und obwohl der Buddhismus (wie jede erfolgreiche und dauerhafte geistige Tradition) in den Ländern, in denen er sich über Jahrhunderte hinweg stabilisieren konnte, zunehmend zum Bündnis mit den wohlhabenden und herrschenden Schichten tendierte und in Tibet sogar die Gestalt einer feudalistischen Theo-kratie annahm, wirkten in ihm doch stets so egalitäre, befreiende und humanisierende gesellschaftlichen Tendenzen und Kräfte, daß die durch ihn geprägten Geschichtsperioden, Sozialstrukturen und Kulturen Asiens aus heutiger Sicht zweifelsfrei zu den grossen Kulturleistungen der Menschheit gezählt werden können.
 

Buddhismus unter der Herrschaft des Westens

Während der Jahrhunderte der militärischen, wirtschaftlichen, politischen und geistigen Beherrschung grosser Teile Asiens durch europäische Kolonialmächte erlitt der Buddhismus einen dramatischen Niedergang in zahlreichen Ländern mit uralter buddhistischer Kultur. In Sri Lanka z.B. wurde der Mönchssangha durch die Portugiesen fast ausgerottet (16.Jh.), so daß er nach ihrer Vertreibung die Ordinationslinie aus Burma wiedereingeführt werden mußte. Japan drohte im 16. Jh. völlig unter die Herrschaft des Christentums zu fallen. In Burma war der Buddhismus unter den Engländern auf den Stand eines von Geistern und Dämonen geprägten Volksaberglaubens zurückgedrängt, während die Eliten ausschliesslich europäisch gebildet und orientiert waren. Dies änderte sich erst, als zum Ende des 19. Jahrhunderts unter den Europäern selbst die Entdeckung der "Weisheit des Ostens" modisch wurde und unter sozialistischem Einfluss in ganz Asien eine wachsende antikoloniale Bewegung aufkam. Die Lehre des Buddha wurde nun in vielen südostasiatischen Ländern zum Identifikationsobjekt im Ringen um nationale Unabhängigkeit und sozialen Fortschritt und gegen die Infiltration europäischer Religion und Kultur und den aufgezwungenen westlichen Lebensstil. Der 2. Weltkrieg schliesslich hatte die westlichen Länder so untereinander geschwächt, dass alle buddhistischen Länder Asiens ihre Unabhängigkeit zurückerhielten. Die neue Macht wurde von jenen Persönlichkeiten und Kräften übernommen, die in diesen Befreiungsbewegungen die Führung übernommen hatten. Fast alle strebten nach einer Form von Synthese zwischen ihrer westlichen Bildung und der einheimischen buddhistischen Tradition und versuchten diese in ihren Ländern umzusetzen.

Unter U Nu in Burma und S.W.R.D. Bandaraneike in Sri Lanka schien es fast so, als käme es zur Reinstallierung des Buddhismus als die Gesellschaft durchgehend prägende Kraft und Staatsreligion. Doch beide Versuche der Herausbildung eines "buddhistischen Sozialismus", sowohl in Burma als auch in Sri Lanka, fanden jeweils einen unrühmlichen Ausgang: das durch Putsch 1962 an die Macht gekommene Militärregime in Burma nennt sich zwar bis heute immer noch "buddhistisch" und "sozialistisch" praktiziert jedoch das genaue Gegenteil und hat den Einfluss der Mönche wie der einfachen Menschen auf die Gestaltung des Landes inzwischen auf einen Nullpunkt herabgedrückt. Und in Sri Lanka begab man sich nach aussen zeitweilig einseitig in die Abhängikeit grosser "sozialistischer Bruderländer", während man innen einen verhängnisvollen Kurs der ethnischen Spaltung betrieb. Das Überleben des Buddhismus wurde mit der Selbstbehauptung und Vorherrschaft des singhalesischen Volkes gleichgesetzt, das Buddha-dhamma so in einen gewalttätigen Nationalismus umgekehrt und die mit den alten Kolonialherren verbundenen tamilischen und anderen Minderheiten aus der Gesellschaft ausgrenzt. Ein Konflikt, der bis heute grausam und ohne Anzeichen auf Lösung andauert.

Die Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg waren global beherrscht von der Konfrontion der beiden, aus dem europäischen Denken hervorgegangenen, antagonistischen Macht- und Gesellschaftssysteme, dem demokratisch-kapitalistischen Westen und dem diktatorisch-sozialistischen Osten. Insbesondere die buddhistischen Länder Asiens geriet ins Zentrum dieser Auseinandersetzung und wurden auf verhängnisvolle Weise Opfer dieses äußeren und inneren Konflikts, der gerade hier zu mehreren fruchtbaren Kriegen eskalierte (Indochinakrieg, Koreakrieg, Vietnamkrieg, Indisch-chinesischer Krieg, innere Kriege in Burma, Sri Lanka, Thailand und Kambodscha). Die verschiedenen buddhistischen Länder gerieten je auf die eine oder andere Seite - Sri Lanka, Burma und China wurden sozialistisch, Japan und Thailand kapitalistisch - oder wurden zwischen den Machtblöcken aufgeteilt - Vietnam und Korea - oder überrollt und einverleibt - Tibet, Mongolei, Sikkim - oder in entsetzlichen Kriegen erbarmungslos niedergebombt - Vietnam, Laos, Kambodscha.

Für diese Zerreißproben konnten beide Seiten jeweils Anküpfungspunkte in der Lehre und Praxis des Buddhismus finden. So ging, wie bereits angedeutet, in einigen buddhistischen Reformbewegungen Asiens der fünfziger und sechziger Jahre das Bodhisattva-Ideal des selbstlosen Handelns im Dienste der Wesen eine synkretistische Mischung mit dem Ideenfundus des europäischen Marxismus und Sozialismus ein. In gleicher Weise kam es in anderen buddhistischen Ländern zu einem gänzlich unkritischen Import von westlichem Kapitalismus und Konsumismus, lag doch auch Asokas Anliegen in der Schaffung von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit für die breite Bevölkerung. In beiden Gesellschaftsmodellen wurden dem buddhistischen Ziel dienliche Antriebe zur beschleunigten Entwicklung und Modernisierung des jeweiligen Landes gesehen. Im Anknüpfen an den Mythos des asokanischen Gemeinwesens wie am Modell des ebenso egalitären wie demokratischen Mönchs-Sangha sollte die nationale Gemeinschaft diktatorisch-sozialistisch oder demokratisch-kapitalistisch organisiert sein. Zu solcher Einseitigkeit und Konfrontation konnte es hier kommen, weil das zentrale buddhistische Prinzip, nämlich die Nicht-Dualität und das Nicht-Anhaften an allen Ideologien und Konzepten nicht (mehr) beachtet wurde und stattdessen das Endweder Oder und Freund-Feind-Denken die Herrschaft übernahm.

Erst die schlimmen Folgen dieser neuen Kolonisierung und des Ost-West-Gegensatzes ließen viele Buddhisten Asiens wieder zu ihren wirklich eigenen geistigen Wurzeln und Einsichten zurückkehren, nach einer alternativen Basis und Zielrichtung gesellschaftlich-kultureller Entwicklung suchen und einen neuen, im Buddha-Dharma verankerten "engagierten Buddhismus" herausbilden. Den Ansatz dafür fand man in einer erneuerten und vertieften Einsicht in Buddhas Lehre von "paticca samupadda", der wechselseitigen Bedingtheit aller Wesen und Phänomene (siehe bei Buddhadasa Bhikkhu, Phra Payutto, Thich Nhat Hanh u.a.). Alle Erscheinungen werden erkannt als zutiefst miteinander verbunden, auseinander hervorgehend, einander gegenseitig enthaltend (Interbeing). Unser Leid rührt daher, daß wir uns als getrennte Einzelwesen wahrnehmen und eben auf diese Weise denken und handeln. Die Illusion des aus sich und für sich existierenden Selbst - das entscheidende Hindernis im Ringen um Befreiung - wird ebenso durch das kapitalistische System des unbegrenzten Privateigentums und der aggressiven Bereicherung, wie durch das sozialistische System des doktrinären Materialismus und des gewaltsamen Klassenkampfs genährt. Beide Gesellschaftssysteme fördern immens all jene von Buddha als Wurzeln des Leids aufgezeigten negativen Gefühle wie Gier, Neid, Hass, Wut, Ablehnung, Angst, Stolz, Ignoranz und Selbsttäuschung und lassen sie immer wieder neu entstehen. Daher können sie nie wahres Glück und wahre Befreiung verwirklichen noch annähernd harmonische und zufriedenstellende Gesellschaften hervorbringen.
 

Engagierter Buddhismus in Asien heute

Wir können zwei Arten von Leid unterscheiden: Leid, das aus den Bedingungen unserer physischen Existenz resultiert und jenes Leid, das durch die sozialen und politischen (kollektiv-karmischen) Verhältnisse erzeugt wird. Zur Überwindung des grundlegenden, des existentiellen Leids empfiehlt der Buddhismus eine Individualtherapie, deren Kern die Loslösung von der Anhaftung an die sinnliche Welt bildet. Die drei Grundpfeiler dieser Therapie sind sittliches Handeln (Sila), d.h. ein Handeln, das Leben und Würde anderer Wesen achtet, weiterhin Weisheit (Prajna), d.h. Erkenntnis der wahren (unbeständigen) Natur der Wirklichkeit sowie Meditation (Samadhi) als Weg, um Zugang zu den tieferen Schichten unseres Seins zu erlangen und um unseren Geist in Achtsamkeit zu schulen, damit sich tiefes Mitgefühl zu anderen Wesen entwickeln kann. Die Veränderung des eigenen Selbst in diese Richtung ist die Essenz des buddhistischen Pfades. Wer die Wirklichkeit verändern will, der sollte zuerst an der Umgestaltung seines eigenen Selbst arbeiten, sonst werden nur Menschen und Objekte manipuliert, ohne all die jeder Umgestaltung vorausgehenden Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Absichten und Überzeugungen zu verändern.

Der Weg zur Überwindung der zweiten Art von Leid, welche aus den gesellschaftlichen Verhältnissen entspringt, ist logischerweise gemeinschaftlicher Natur. Solches Leid ist durch breites soziales menschliches Handeln erzeugt und kann auch nur auf dieser Ebene aufgehoben werden. Obwohl heute der wissenschaftliche und technische Fortschritt längst die Mittel hervorgebracht hat, um jedem Menschen die materiellen Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben bereitzustellen, verhungern jährlich Millionen von Menschen, werden Hunderttausende in Kriegen und gewalttätigen Auseinandersetzungen umgebracht und leidet und stirbt eine namenlose Vielzahl an Menschen an unbeschreiblicher Not und Armut, an fehlender medizinischer Versorgung, an zerstörten Lebensräumen und anderen Folgen verantwortungslosen menschlichen Handelns. Die engagierten buddhistischen Basisbewegungen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in etlichen asiatischen Ländern herausgebildet haben, hatten darum vor allem die Veränderung unmittelbarer Lebensverhältnisse, insbesondere in armen ländlichen Regionen und städtischen Elendsquartieren zum Ausgangspunkt ihres Handelns gemacht. Lange bevor im Westen unmittelbar Betroffene begannen, ihre Interessen in basisdemokratischen Aktivitäten zu artikulieren, entfalteten buddhistische Persönlichkeiten und Initiativen in Asien bereits eine auf Liebe und Achtung gegenüber den Mitwesen gegründete, breite und vielfältige Graswurzel-bewegung der geistigen, gesellschaftlichen und kultuellen Erneuerung.
 

Der Theravada - heutiger Motor des engagierten Buddhismus

Der heutige engagierte Buddhismus in Asien bietet das Bild vielfältiger und breitgefächerter Bewegungen, die das buddhistisches Anliegen der existentiellen Befreiung mit dem Engagement für eine humane, gewaltfreie und soziale Lebensordnung sowie den Schutz der natürlichen Lebensumwelt verbinden. Vor allem in Thailand verfügt der engagierte Buddhismus über eine ausgeprägte Gestalt. Hier sind Buddhisten in die verschiedensten Aktivitäten involviert. Besonders im ländlichen Raum gibt es zahlreiche buddhistische Gemeinschaften, die gemeinsam ein Stück Erde bewirtschaften, lokales Handwerk betreiben und in erster Linie von den Dingen leben, die sie durch ihrer eigenen Hände Arbeit erzeugen. Viele solcher selbstgenügsamen Gemeinschaften existieren schon seit etlichen Jahren. Das spirituelle Ziel wird wieder mit einem Leben in Einfachheit und Bescheidenheit verbunden, wie es einst Buddha vorgelebt hat. Die Produktion mit am Ort verfügbaren Dingen für den eigenen Bedarf bzw. den Vertrieb auf lokalen Märkten bildet die materielle Grundlage dieser Gemeinschaften. Die Herausbildung dieser Bewegung und alternativen Entwicklungsmodelle wurde vor allem durch eine Gruppe aufgeschlossen und modern denkender Mönche, der sog. "Development monks" (Entwicklungsmönche) vorangebracht und unterstützt. Angesichts der verheerenden Auswirkungen der über Asien hinwegrollenden westlichen Konsum-, Medien- und Massenproduktionskultur sind es auch in wachsendem Masse Mönche, die sich der leidhaften Folgen annehmen. So gibt es in Thailand mehrere Klöster und prominente Bhikkhus, die sich intensiv und selbstlos um die HIV-infizierten Kranken und Sterbenden kümmern. Und seitdem Thailand in besonderem Masse von der politisch-ökonomischen Asienkrise betroffen ist, organisieren zahlreiche Tempel und Klöstern im ganzen Land kostenloses Essen für die zahlreich gewordenen Arbeits- und Obdachlosen.

Es sind vor allem auch thailändische Mönche und Laien, die als prominente Vertreter dem engagierten Buddhismus prägende, weit über Asien hinaus reichende Gestalt verliehen haben. So ist insbesondere Ajahn Buddhadasa Bhikkhus Konzept des Dhamma-Sozialismus auf internationales Interesse gestoßen. Ajahn Buddhadasa wandte sich gegen den offiziellen Staats-Buddhismus seiner Zeit, dem er ein Verharren in religiösen Floskeln und sinnentleerten magischen Ritualen vorwarf und der sich zugleich von den wirklichen Sorgen und Leiden der Menschen weit entfernt hätte. Im utopischen Sozialismus, mit seiner Idee von der Gleichheit und Harmonie aller Menschen, sah Buddhadasa ein dem Kern der buddhistischen Lehre entsprechendes Anliegen. In praktischer Hinsicht knüpfte Buddhadasa sehr eng an die asokanische Tradition eines wohltätigen Paternalismus an. Seiner Vorstellung eines erleuchteten Herrschers bzw. einer erleuchteten Regierung als Grundlage einer gerechten Sozialpolitik haftet daher im Widerspruch zu seiner sozialistischen Vision etwas der Geruch der Verklärung feudalistischer Verhältnisse an.

In den letzten Jahren ist ein anderer prominenter Mönch und Dhammalehrer als herausragender Theoretiker und Lehrer für engagierten Buddhismus hervorgetreten, Phra Payutto, der auch den Ehrentitel Dhammapitaka trägt. Zwar selbst von starker Krankheit heimgesucht, hat er in wenigen Jahren ein umfassendes Werk an Schriften zu fast allen grossen Fragen moderner Gesellschaften und der menschheitlichen Zukunft vorgelegt, Schriften zu Buddhismus und Ökonomie, Buddhismus und Wissenschaft, Buddhismus und Erziehung usw. Für seinen Beitrag " Buddhist solutions for the twenty-first century" (Buddhistische Lösungen für das 21. Jahrhundert) zum Weltparlament der Religionen in Chicago 1993 erhielt er nachträglich den Friedenspreis der UNESCO.

Heute bekanntester Repräsentant des engagierten Buddhismus in Thailand, ja, ganz Asien, ist der 1997 mit der Verleihung des alternativen Nobelpreises ausgezeichnete, thailändische Professor für Sozialwissenschaft Sulak Sivaraksa. Sulak wendet sich gegen die Übernahme westlicher Entwicklungsmodelle und westlicher Maßstabe auf die Entwicklung der Länder in der Dritten Welt. Mit seiner Kritik am oberflächlichen, konsumfixierten Lebensstil sowie den Versuchen, diesen Lebensstil durch Schlagworte wie "Globalisierung" der ganzen Welt aufzuzwängen, hat Sulak gleichzeitig ein alternatives Entwicklungsmodell skizziert, das sich auf lokale Demokratie und Selbstversorgung sowie einen spirituell ausgerichteten Lebensstil gründet. Sulak ist heute der führende Gesellschaftskritiker seines Landes und Sprecher der gewaltfreien Demokratiebewegung in Thailand. Internationale Bedeutung gewann Ajahn Sulak schliesslich durch das von ihm 1989 initiierte International Network of Engaged Buddhists (INEB), welches den engagierten Buddhismus in Asien auf eine neue Ebene hob und mittlerweile zu einer globalen Bewegung werden liess.
 

Die Waldmönche und der Schutz der Umwelt

Eine weitere Facette buddhistischen Engagements in Thailand ist die Bewegung der Waldmönche gegen die Abholzung des tropischen Waldes. Hier ist insbesondere der ehemalige Mönch Phra Prachak bekannt geworden, der Urwaldbäume "ordinierte", um sie vor dem Kahlschlag durch multinationale Firmen zu schützen. Phra Prachak lebte über 20 Jahre als Waldmönch, d.h. als Mönch auf ständiger Wanderschaft und in dauernder Meditation, ohne Pläne, Ziele und Berechnungen, alle Umstände so akzeptierend, wie sie ihm begegneten. Als jedoch nach langer Wanderschaft eine Dorfgemeinschaft ihn bat, sie im Kampf gegen die Zerstörung ihrer traditionellen Lebensweise durch die Urwaldrodung zu schützen, sagte Phra Prachak spontan zu. Zusammen mit anderen Mönchen gingen sie in den Wald und "ordinierten" die alten Bäume, indem sie diese mit den orangen Mönchsroben umhüllten. Aus Ehrfurcht vor der religiösen Tradition wagten die Holzfäller nicht, diese Bäume zu schlagen. Phra Prachak hatte den Wald im Bewußtsein der Menschen wieder zu dem heiligen Ort werden lassen, der er immer war. Womit er freilich nicht gerechnet hatte, das waren die Kräfte von Habgier und Macht, die durch seine Aktion mobilisiert wurden. Die Regierung und die Holzfäller-Mafia setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um Phra Prachak und die von ihm initiierte Bewegung auszuschalten. Unbekannte warfen eine Granate in seinen Tempel, wobei ein Mönch ums Leben kam. Gegen Einheimische, die ihn unterstützten, wurden fabrizierte Anklagen erhoben. Andere wurden bestochen, damit sie sich gegen ihn wandten. Phra Prachak selbst wurde verhaftet, geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Als es ihm gelang zu fliehen, wurde eine gewaltige Armada in Marsch gesetzt, um den Mann zu fangen, der nichts weiter getan hatte, als ein paar Streifen gelben Stoff um alte Urwaldbäume zu hängen. Um eine Entrobung durch die offizielle thailändische Sangha zu vermeiden, hat Phra Prachak seine Mönchsrobe schließlich selbst niedergelegt. Seit 4 Jahren führt er nun seinen Kampf in Bangkok vor Gericht weiter.
 

Sarvodaya und Tzu Chi - Engagement für die Armen

In Sri Lanka hat 1958 die Sarvodaya-Shramadana Bewegung ihren Ausgangspunkt genommen, die später auch auf Indien und andere Länder übergriff und bis heute einer der einflußreichsten Basisbewegungen des engagierten Buddhismus bildet. Sarvodaya Shramadana bedeutet wörtlich die "Wohlfahrt und das Erwachen aller". A.Y. Ariyaratne, ein junger Lehrer, begann in den späten fünfziger Jahren gemeinsam mit seinen Schülern in ärmlichen Gebieten Arbeitsferien zu veranstalten. Städtische Schüler bekamen so erstmals in ihrem Leben die Gelegenheit, mit Bauern und anderen Leuten vom Land zusammenzukommen und deren Sorgen und Nöte zu verstehen. Schnell folgten weitere Schulen und Bildungseinrichtungen diesem Beispiel. Jugendliche zogen freiwillig aufs Land, um Straßen und Bewässerungsanlagen zu errichten, halfen beim Aufbau von Kindergärten und landwirtschaftlichen Kooperativen, beim Betrieb von Dorfküchen ebenso wie bei der Entwicklung lokaler Handwerke. Vor allem jedoch lernten sie verstehen, was in den Köpfen und Herzen der Menschen vorging. Im Kontakt mit den Bauern und den Armen auf dem Lande erfuhren sie Armut als Ergebnis individueller und kollektiver Machtlosigkeit. Viele lernten so, ihre eigene Entwicklung im Zusammenhang mit der Entwicklung ihrer lokalen Gemeinschaft zu verstehen und auch zu gestalten. Innerhalb weniger Jahre entstand auf diese Weise eine basisdemokratische Entwicklungsbewegung, deren beispielgebender Funke bald auch in anderen Ländern zündete.

Unter den engagierten Buddhisten Taiwans ist insbesondere die buddhistische Meisterin Chen Yen zu nennen, die 1998 den Förderpreis der UNPO erhalten hat. [In der UNPO (Unrepresented Nations and Peoples Organisation) haben sich Nationen, Völker und Ethnien, wie die Aboriginals Australiens, die Indianer Amerikas, Völker und Volksstämme Afrikas aber auch die Tibeter, die Kosovo-Albaner und andere zusammengeschlossen, die in offiziellen Organen über keine Stimme verfügen.] Chen Yen genießt in Taiwan und anderen asiatischen Ländern große Ver-ehrung. Nachdem sie sich im Alter von 23 Jahren zum Leben als Nonne entschlossen hatte, lebte sie mit einer anderen Nonne viele Jahre in einer ärmlichen kleinen Hütte am Rande einer Stadt. Als sie das Elend der Menschen um sie herum sah, beschloß sie, sich nicht von ihnen - wie sonst in buddhistischen Ländern - über Almosengaben ernähren zu lassen, sondern sicherte ihr eigenes Überleben durch die Bearbeitung eines kleinen Gemüsegartens. Mitte der sechziger Jahre begann sie für die von den eingewanderten Chinesen diskriminierten Ureinwohner Taiwans aktive Hilfe zu leisten. Unter ihren Schülern und Nachbarn warb sie dafür, täglich ein paar Münzen in ein Bambusrohr zu werfen. Mit dem so gesammelten Kleingeld versorgten die Nonnen - ungeachtet aller ethnischen Differenzen - die Kranken, Notleidenden und Sterbenden in ihrer Umgebung. Bald folgten auch andere Menschen diesem Beispiel tätigen Mitgefühls (karuna). So entstand die Buddhist Compassion Relief Tzu Chi Foundation, eine Bewegung, die enorm anwuchs und bald eigene Krankenhäuser, Ausbildungs- und Sozialeinrichtungen betrieb. Inzwischen ist die Tzu Chi Foundation längst über die Grenzen Taiwans hinausgewachsen und ist, unterstützt durch 4 Millionen Mitglieder heute insbesondere in Indien, Indonesien und Bangladesh und selbst in Afrika und Südamerika aktiv.

Das Beispiel von Master Chen Yens hat auch vielen Frauen in den Ländern des Theravada-Buddhismus Auftrieb gegeben, die volle Nonnenordination endlich zuzulassen. Eine Bewegung, die besonders in Sri Lanka sehr stark ist. Nur in wenigen Ländern des Mahayana-Buddhismus (insbesondere China, Taiwan, Vietnam) gibt es bis heute die vollgültige Ordination für Frauen. In den Theravada-Ländern ist diese Tradition vor vielen Jahrhunderten bereits verlorengegangen. So dürfen zum Beispiel die "Nonnen" in Thailand lediglich weiße Gewänder tragen und legen auch meist nur ein "Zehn-Gebote-Gelübde" ab, im Unterschied zu dem 227 Verhaltensregeln (patimokkha) umfassenden Vinaya-Kodex der Mönche. Auch in sonstiger Hinsicht ist der Frauenorden dem der Männer untergeordnet. Bisher ist die Forderung nach voller Frauenordination am Widerstand konservativer Mönchskreise gescheitert. Frauen der Theravada-Länder oder -Schulen waren daher gezwungen, nach Taiwan oder in ein anderes Mahayana-Land zu gehen, um dort die vollgültige Ordination zu bekommen. Doch die Bewegung zur Wiedereinführung des gleichwertigen Nonnenordens in allen buddhistischen Ländern ist bereits stark und erhält von zahlreichen prominenten Dharma-Lehrern, Mönchen und Laienanhängerschaften wachsende Unterstützung.
 

Ahimsa Gewaltlosigkeit und Versöhnung

Ahimsa ist ein Pali-Wort und bedeutet Gewaltlosigkeit. Ahimsa steht jedoch nicht nur für die Vermeidung kriegerischer Mittel zu Lösung von Konflikten, sondern beginnt schon mit der Suche nach friedlichen und harmonischen Formen des Zusammenlebens in Familie, bei der Arbeit und im täglichen Leben. In kaum einem anderen Land drang in den letzten Jahrzehnten politische Gewalt so tief in die Familien wie in Kambodscha. Familienangehörige, die sich aus Angst und Haß töteten, Kinder, die ihre eigenen Eltern denunzierten und damit das Todesurteil über sie fällten, waren verbreitete Erscheinung in der Zeit der Terrorherrschaft der Roten Khmer. Ca. 2 Mill. Menschen sollen durch ihre eigenen Landsleute in den "Killing Fields" auf brutale Weise umgebracht worden sein weil sie zu langsam arbeiteten oder einfach weil sie eine Brille trugen. Nach der Vertreibung des Khmer Rouge durch die Vietnamesen war der Krieg aber noch lange nicht zu Ende sondern folgte ein zwanzigjähriger Bürgerkrieg der verfeindeten, über Teile des Landes herrschenden Machtgruppen in dem von US-Bomben und zahllosen Antipersonen-Minen zerstörten Land. Der Buddhadhamma war in Kambodscha fast ausgerottet. Maha Ghosananda, der "Supreme Patriarch" des heutigen kambodschanischen Buddhismus und einige wenige Mönche hatten im Ausland überlebt. Sie kehrten zurück und gaben ihre ganze Kraft in den geistigen Wiederaufbau ihres Volkes und ihrer Kultur. Seit 8 Jahren führt Maha Ghosananda jedes Jahr mit Hunderten bis Tausenden von Mönchen, Nonnen und Laien einen oder mehrere wochenlange Friedensmärsche durch das kriegszerstörte Land durch, um den orientierungslos gewordenen Menschen die Botschaft des Friedens, der Hoffung und der Versöhnung zu bringen. Viele singen seit 3 Jahrzehnten erstmals wieder die jahrtausendealten Gesänge, rezitierten die alten Texte und errichteten inmitten von Bombenkratern und minenverseuchten Reisfeldern neue Tempel und Begegnungsstätten. Maha Ghosananda lehrt nichts mehr oder weniger als die alte, neue Botschaft, daß Haß niemals durch Haß besiegt, sondern nur durch Liebe geheilt werden kann.

Auch in Burma wenden sich engagierte Buddhisten mit konsequent gewaltfreien Mitteln gegen das Militärregime der SLORC, das neben den brutalen Menschenrechtsverletzungen am eigenen Volk seit Jahrzehnten einen grausamen Vernichtungsfeldzug gegen die nationalen Minderheiten der Mon, Shan und Karen betreibt. Ende der achtziger Jahre weigerten sich schliesslich zahlreiche Mönche in der buddhistischen Hochburg Mandalay von den herrschenden Militärs und deren Familien Almosengaben anzunehmen, was in traditionell buddhistischen Ländern ein altes Recht des Sangha aber eine erhebliche Mißtrauenserklärung darstellt. Das Militär antwortete mit einem Feldzug gegen die Mönche, was wiederum den Aufstand der Bevölkerung zur Folge hatte. Aung San Suu Kyi, die Tochter des "Vaters der Nation", General Aung San wurde mit ihrer von Buddha und Gandhi beeinflussten, konsequent gewaltfreien und dennoch entschieden für die Rechte und den Schutz der Menschen einstehenden Haltung zur überragenden Leitfigur der mächtigen Demokratiebewegung. 1992 erhielt sie dafür den Friedensnobelpreis. In einer vom Volk erzwungenen Wahl, zur Präsidentin des Landes gewählt, verhindert das Militär nun seit 9 Jahren die Amtsübernahme dieser hervorragenden Vertreterin des engagierten Buddhismus und hält sie unter Hausarrest. Seither ist die Kette der Unterdrückung nicht abgerissen, und noch immer sitzen über tausend Mönche und Bürger in Haft und werden täglich neu verhaftet. Viele werden gefoltert oder verschwinden ohne jede Spur. Seit burmesische Truppen Anfang der neunziger Jahre das Hauptquartier der Mon-Widerstandsbewegung am Drei-Pagoden-Paß im burmesisch-thailändischen Grenzgebiet stürmten und dabei Dörfer niederbrannten, Frauen vergewaltigten und die Männer zur Zwangsarbeit im Eisenbahnbau und anderen Vorhaben pressten, leben Tausende von Mon-Flüchtlingen unter ärmlichen Bedingungen im thailändischen Exil in Flüchtlingslagern des Grenzgebiets. Engagierte Buddhisten aus Japan und dem Westen organisieren Hilfe für die Lagerbevölkerung und bemühen sich um die Aufrechterhaltung der buddhistischen Kultur der Mon und der Shan, die früher Zentren blühender buddhistischer Kultur waren, einst die Lehrmeister der Burmesen und Thais.

In Bangladesh sind die Buddhisten eine Minderheit, die in vieler Hinsicht der Unterdrückung durch die 120 Millionen Menschen zählende moslemische Mehrheit ausgesetzt ist. In den im südöstlichen Bangladesh gelegenen Cittagong Hill Tracts ist der jetzige Waffenstillstand nach einem über 20jährigem Guerillakrieg unter anderem durch die aktiven Bemühungen engagierter Buddhisten erreicht worden. Ursprünglich lebten in den Cittagong-Hügeln nur Bergvölker wie wie die Chakma und Marma, die sich zum Buddhismus bekannten oder die hinduistischen Tripura, während die bengalischen Mosleme die Ebenen bevölkerten. Nach dem grausamen Krieg um Bangladeshs Unabhängigkeit in 1971 wuchs der Druck der bengalischen Bevölkerungsmehrheit auf die Bergregionen bei gleichzeitiger intensivierter Ausbeutung der dortigen Naturresourcen. Ein gigantisches Wasserkraftprojekt und neue Siedlungsprogramme der Regierung zerstörten 40% der landwirtschaftlichen Nutzfläche und vertrieben Hunderttausende Einheimische von ihrem Grund und Boden. Nach zwei Jahrzehnten Blutvergießen, Zwangumsiedlungen und kulturellem Genozid wurde im Dezember 1997 schließlich ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und der politischen Vertretungsmacht der Bergvölker geschlossen. In einer gemeinsamen Friedenszeremonie von Muslims, Hindus, Buddhisten und Christen im Februar 1998 wurde gemeinsam das Ende der Spirale der Gewalt gefeiert. Buddhisten wirken heute an Aufbau der kriegszerstörten Gebiete, der Wiederansiedlung der einheimischen Bevölkerung, vor allem jedoch bei der Heilung der Wunden und der Versöhnung der Menschen mit. Keine leichte Aufgabe, denn das Friedensabkommen sieht sowohl die Rückkehr der vertriebenen Urbevölkerung als auch das Verbleiben der neuangesiedelten Bengalen in den Cittagong Hill Tracts vor.
 

Engagierter Buddhismus weltweit

Asien ist die Wiege des engagierten Buddhismus, der schon seit vielen Jahren auch auf Europa und Amerika übergegriffen hat und sich dort in vielfältigen Bewegungen von Buddhisten im Tier- und Umweltschutz, in Sozialprojekten oder Friedensinitiativen bis zur Hospizbewegung manifestiert. Vor allem aber existiert hier eine Vielzahl an Gemeinschaften und Hilfsprojekten, die sich mit grossen Einsatz und Erfolg der unmittelbaren Nothilfe, der Aufbau- oder Entwicklungsarbeit oder der politischen Freiheit zahlloser leidender Menschen buddhistischer Völker und Kulturen Asiens widmen. Den breitesten Raum nimmt hierbei die Unterstützung für das tibetischen Volk und seine Religion und Kultur ein. Um alle diese Aktivitäten zusammenzuführen, verstärkt zu fördern und mit anderen humanitären Bewegungen oder religiösen Traditionen in Kontakt zu bringen, wurde 1989 in einem thailändischen Kloster das International Network of Engaged Buddhists (INEB) gegründet. Es hat seinen Sitz in Bangkok, ist inzwischen in über 30 Ländern der Erde vertreten und ermöglicht über weltweite Vernetzung und Informationsaustausch, auf regelmäßigen Konferenzen und in länder- oder themenorientierten Begegnungen einen Erfahrungsaustausch aller, die sich weltweit dem Anliegen des engagierten Buddhismus verbunden fühlen. Drei prominente Vertreter der drei grossen Schulen des Buddhismus haben dafür die Schirmherrschaft übernommen, für den Theravada-Buddhismus Ajahn Buddhadasa Bhikkhu aus Thailand, für den Mahayana-Buddhismus der im französichen Exil lebende vietnamesische Zenlehrer Thich Nhat Hanh und für den tibetischen Buddhismus S.H. der 14. Dalai Lama. Nachfolger für den 1993 verstorbenen Buddhadasa Bhikkhu ist heute Maha Ghosananda aus Kambodscha. Zu den Mitgründern gehörte auch die 10 Jahre zuvor bereits in den USA auf Initiative von Robert Aitken Roshi ins Leben gerufene Buddhist Peace Fellowship (BPF), eine der breitesten buddhistischen Gemeinschaften des Westens. Sie ist inzwischen auch in Australien vertreten. Für den deutschen Sprachraum wurde 1993 in Thailand das alle Dharma-Schulen übergreifende Netzwerk engagierter Buddhisten gegründet. So stellt der engagierter Buddhismus heute eine weltweite, global-vernetze Bewegung dar.

Was alle diese Bewegung verbindet ist das Wissen, daß in einer globalisierten Welt die eigene Lebensweise, wie der eigene Weg zur Erlösung stets auf engste mit den Lebensverhältnissen anderer Wesen sowie den Bedingungen der sozialen und natürlichen Lebensumwelt verbunden sind. Mit seiner Lehre von "paticca samupadda", der Entstehung, Entwicklung und dem Verfall aller Dinge in wechselseitiger Abhängigkeit, zeigte Buddha, daß es kein isoliertes Selbst als soziale Einheit geben kann und daß unser Denken und unser Handeln niemals ohne Einwirkung auf unsere Umgebung bleiben kann. Der engagierte Buddhismus umfaßt ein breites Spektrum verschiedener Bewegungen, die jedoch um ein gemeinsames Anliegen zentriert sind: In einer Welt voller Gewalt, Krieg und Unrecht ist die eigene Suche nach Erleuchtung aufs engste mit dem Streben aller Wesen nach Aufhebung des Leidens und der Verwirklichung des vollkommenen Zustandes verknüpft. Darum ist es unumgänglich, soziale Verhältnisse zu kritisieren und zu verändern, die vermeidbares Leid erzeugen. Eine friedlichere und gerechtere Welt sowie bessere Lebensverhältnisse für alle Wesen bieten zugleich eine sehr viel bessere Grundlage für die Verwirklichung spiritueller Lebensziele und existentieller Befreiung.
 

Die Autoren:

Franz-Johannes Litsch, Jahrgang 1945, Studium der Architektur. Beruflich tätig im Bereich Umweltforschung beim Umweltbundesamt Berlin. Seit 1962 Interesse für die Lehre und Praxis des Buddha, zahlreiche Reisen nach Asien, Schüler verschiedener Zen-Lehrer, derzeit von Thich Nhat Hanh, Mitglied im Tiep Hien Orden, Initiator der deutschsprachigen Netzwerks engagierter Buddhisten, Mitglied im Rat der Deutschen Buddhistischen Union (DBU). Zahlreiche Zeitschriften-Veröffentlichungen.

Hans-Günter Wagner, Jahrgang 1957, Studium der Wirtschaftswissenschaften, Pädagogik und Anglistik. Seit einigen Jahren beruflich in der VR China tätig. Im internationalen Netzwerk engagierter Buddhisten (INEB) aktiv. Veröffentlichungen: Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen. Frankfurt/Main 1997 sowie Publikationen zu Umwelt-, pädagogischen und buddhistischen Themen.
 



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