Bodhisattvas am Werk

Die edle Wahrheit von der Heilung der Welt

Fred von Allmen


Nagarjuna riet dem König: "So wie du gerne darüber nachdenkst,
was zu tun wäre, um dir selbst zu helfen, so solltest du gerne
darüber nachdenken, was zu tun wäre, um anderen zu helfen." 1)

In dem Masse wie wir die vier edlen Wahrheiten, vor allem jene des Leidens und der Befreiung vom Leiden, in uns selber verstanden und verwirklicht haben, in dem Masse werden sie auch auf die Außenwelt, unsere Mitmenschen und unsere Mitlebewesen anwendbar. Das eigentliche Maß für die Verwirklichung unseres Mitgefühls ist dessen Ausdruck in Handlungen. Der Buddha des Großen Mitgefühls, Avalokiteshvara, wird oft dargestellt mit vielen Köpfen - friedvollen und furchterregenden - und mit tausend Armen, jeder mit einem Auge der Weisheit versehen. Die Arme streckt er in jede Himmelsrichtung aus, um die Wesen zu beschützen, vom Leiden zu befreien und sie den Dharma zu lehren. Zusätzlich zum Mitgefühl braucht es Weisheit und Geschick, um wirklich hilfreich zu sein, was in den Darstellungen von Avalokiteshvara durch das Auge in jeder helfenden Hand illustriert wird.

Durch das Studium der Lehre und deren praktische Anwendung werden wir zu einem vertieften Verständnis der Wirklichkeit sowie der Natur des Geistes gelangen. Dies bedeutet, dass wir beginnen, "abhängiges Entstehen" und somit die gegenseitig abhängige Vernetztheit und Verbundenheit allen Lebens zu erkennen und zu erfahren. Es ist diese Erkenntnis, die uns mit dem Leben verbindet, uns aber auch verpflichtet. Durch Verbundenheit und Einssein mit den Lebewesen, durch das Wegfallen des Gefühls der Getrenntheit entsteht eine natürliche Motivation, zum Wohle aller zu wirken. Der Geist des Bodhisattvas erwacht.

Das traditionelle Bodhisattva-Ideal bedeutet, zum Wohle aller Wesen die Buddhaschaft erreichen zu wollen. Konkret kann das oft so aussehen, dass die vollständig im Dharma Engagierten - ob Mönche oder Nonnen, Lamas oder Zen-Meisterinnen - zwar als wichtigen Teil ihrer Praxis und als Ausdruck ihrer Verwirklichung Belehrungen geben, sich aber eher selten sozial, politisch oder einfach praktisch in der Welt engagieren. Dabei bezieht sich aber die Praxis der Bodhisattvas doch immer auf eine Auseinandersetzung mit dem Leiden und dem Wohlergehen aller Lebewesen. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass es auch immer wieder bedeutende engagierte Buddhisten gab, sei es in Ländern des Mahayana-Buddhismus, sei es in jenen des Theravada.

Besonders heute wieder scheint im Buddhismus ein Aufbruch stattzufinden; eine Sensibilisierung für die Problematik und das Leiden der Mitwelt. Dies zeigt sich in der wachsenden Zahl der Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit, für die Menschenrechte, für Freiheit und Demokratie, für Natur und Umwelt, für die Erde mit ihrer Artenvielfalt und für die Rechte der Tiere engagieren.


Buddha Shakyamuni

Aber bereits Buddha selber forderte seine Laienanhänger immer wieder auf, den Armen und Abhängigen zu helfen, sie zu ernähren und zu unterstützen. Vor allem empfahl er auch seinen hochgestellten und vermögenden Anhängern, worunter sich selbst Könige befanden, sich der weniger begünstigten und leidenden Menschen anzunehmen.

Er lehrte nicht nur den Weg zur Erleuchtung, sondern ging gegen den Aberglauben an und bekämpfte die alten Werte, nach denen gewisse Würdenträger in Religion und Politik ihre Positionen durch den Willen Gottes innehatten. Er stellte das Kastensystem in Frage, das heisst die Klassenzugehörigkeit entsprechend der Geburt: eine rassistische, sozial-religiöse Ordnung, die leider bis heute die armen und ausgebeuteten Massen Indiens, die allzu oft am Rande des Verhungerns leben, in Unterdrückung und Rechtlosigkeit behält. Auch bekämpfte er den Brauch der Tieropferung 2).

Bei verschiedenen Gelegenheiten warnte er vor Ungleichheiten in der Verteilung von Reichtum und der damit auftretenden Hungersgefahr. Er machte klar, dass Armut bei den Unterprivilegierten mehr Verbrechen zur Folge haben werde, die Moral der Gesellschaft untergrabe und in der Gesellschaft eine Atmosphäre des Hasses und des Neides schaffe - eine Lektion, die wir und die Verantwortlichen unserer Regierungen in vielen Fällen bis heute nicht gelernt haben.

Er kritisierte den Geist der Rachsucht und schlichtete potentielle Kriege. Dabei betonte er: "In einer Schlacht verlieren beide, Gewinner und Verlierer". Auch pries er den Wert der Ethik. Er betonte, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt nicht durch Arbeit und Berufe bestreiten sollten, in welchen Menschen oder Tiere getötet, verletzt oder ausgebeutet werden.

Er organisierte seine Sangha von Mönchen und Nonnen in einer Weise, die sie von der Gesellschaft, den Menschen aus Städten und Dörfern, unmittelbar abhängig machte in bezug auf Nahrung, Kleidung und andere Lebensnotwendigkeiten. Es war ihnen dadurch unmöglich, sich auf unbestimmte Zeit in die Wälder oder Berge zurückzuziehen. Vielmehr mußten sie durch Belehrungen und durch beispielhaftes Vorleben einer spirituellen und heiligen Lebensführung ihren Teil zur Dharma-Bildung der Menschen in Dörfern und Städten beitragen.

Es ist offensichtlich, dass wir alle unsere eigene Form der spirituellen Praxis finden und auf die uns entsprechende Art ausdrücken müssen. Dabei ist es sicher gerade bei der Hektik unserer Zeit von großer Bedeutung, dass wir Möglichkeiten finden oder schaffen, innezuhalten, Einkehr zu üben, zu Sinnen zu kommen, wie das in der Stille von Meditationsretreats oder Klausuren möglich ist. Andererseits muß spirituelle Praxis auch im Äußeren gelebt und manifestiert werden. Bei "Kontemplativen" mag sich das darin äußern, dass sie ihre Erfahrung und ihre Erkenntnisse in angemessener Weise mit-teilen. Für die meisten von uns dagegen, die wir in der "Welt" leben, bedeutet dies, unser Leben in einer Weise zu führen, die nicht nur für uns selber heilsam, sondern in irgend einer Weise für die Gesamtheit des Lebens auf diesem Planeten hilfreich ist. Ob Zuhause in der Familie, in unserem Beruf oder in der Freizeit, ob im kleinen Kreis oder in der Weltpolitik, unser Tun und Sein muß von Sensibilität und Verantwortung geprägt sein und vom Wunsch, zum Wohle aller zu wirken. Beides ist also wichtig: Stille und Einkehr einerseits, Handeln und Praktizieren in Verbundenheit mit der Welt anderseits.

Immer schon wurde Dharma von verschiedensten Menschen, in vielfältigsten Formen und mannigfaltigen Situationen praktiziert. So befanden sich unter Buddhas bekanntesten Schülerinnen und Schülern nicht nur viele verwirklichte Nonnen und Mönche, sondern Königinnen und Könige, Kaufleute, Kurtisanen, einfaches Landvolk und gar Räuber.

Eine der wichtigsten Schülerinnen Buddhas war dessen Tante Pajapati Gotami, die nach dem Tode von Buddhas Mutter, den Prinzen Siddharta liebevoll großzog. Sie bat Buddha, als Nonne in den Orden aufgenommen zu werden, und kann deshalb als die Gründerin der buddhistischen Nonnen-Sangha betrachtet werden. Pajapati - ihr Name bedeutet "Führerin einer großen Gemeinde" - hatte eine außergewöhnlich tiefe Praxis und erreichte die endgültige Befreiung.

Der reiche Kaufmann Anathapindika wollte dem Prinzen Jetawana aus Sawatthi dessen Hain abkaufen, um diesen der Sangha als Aufenthaltsort zu schenken. Dies gelang ihm erst, nachdem er sich bereit erklärt hatte, als Kaufpreis die ganze Fläche des Parks mit Goldmünzen zu bedecken. Der Jetawana-Hain wurde zum beliebtesten Aufenthaltsort für die Mönche und Nonnen. Buddha selber soll dort neunzehn Regenperioden verbracht haben, eine Zeit von etwa drei Monaten pro Jahr, während welcher sich die Sangha am gleichen Ort aufhält und sich vermehrt der Meditation widmet. Anathapindika war nicht nur ein großer Gönner, sondern auch ein erfolgreicher Praktizierer des Dharmas.

Bekannt ist auch die Kurtisane Ambapali, eine große Gönnerin, die der Sangha ihren Mango-Hain schenkte und diese dort mit den "vier Lebensnotwendigkeiten" Nahrung, Kleidung, Obdach und Arznei versorgte.

Ein gefürchteter Räuber und Wegelagerer hatte beschlossen, alle Menschen, die seinen Wald durchqueren würden, zu töten, einen ihrer Finger abzuschneiden und sich daraus eine Halskette zu machen. So wurde er bald unter dem Namen Angulimala - "Kette aus Fingern" bekannt und berüchtigt. Eines Tages erschien Buddha im Wald, wo Angulimala sich alsbald auf ihn stürzen wollte, um ihn zu töten. Obwohl Angulimala auf den Buddha losrannte, kam er ihm nie näher, obschon Buddha ruhig und gemächlich dahinschritt. "Halt an!" rief Angulimala schließlich frustriert und erschöpft. "Ich habe bereits angehalten", erwiderte Buddha, "du bist es, der immer noch rennt!" Angulimala war von der unerschütterlichen Ruhe Buddhas so tief beeindruckt, dass er ihn nach der Lehre und Praxis fragte, die einen solchen Seinszustand hervorzubringen vermag. Er lernte schnell und praktizierte eifrig, bis er die vollständige Befreiung erlangte.

Geschichten wie diese oder Berichte von Bimbisara dem König, Kisagotami der Mutter, Cunda dem Schmied und vielen anderen zeigen, dass Menschen jeder Couleur und aus allen Gesellschaftsschichten an der Lehre interessiert und davon berührt waren und dass diese dementsprechend in den verschiedensten Formen praktiziert werden kann.


Kaiser Ashoka

Eine bedeutende Figur in der Geschichte des Buddhismus, die spirituelle Prinzipien auf eindrückliche und nachhaltige Weise in die Tat umsetzte, war der große Kaiser Ashoka, der etwa dreihundert Jahre nach der Zeit Buddhas in Indien lebte. Nachdem er durch blutige Kriege große Teile Indiens (von Persiens Grenzen im Westen zur Ganges-Mündung im Osten und bis Goa im Süden) erobert hatte, erkannte er die erschreckend zerstörerische Wirkung seines kriegerischen Tuns und besann sich auf die wahren Werte des Lebens. Als er nämlich die Sterbenden und Toten auf dem Schlachtfeld betrachtete, auf dem er gerade einen weiteren großen Sieg erkämpft hatte, fühlte er sich zutiefst bedrückt und innerlich aufgewühlt. Als er aufblickte, sah er einen Mönch, der in tiefstem Frieden daherschritt. Da wurde ihm klar, dass er, der Herrscher über ein riesiges Reich, unglücklich war, während dieser völlig besitzlose Mönch tiefes Glück ausstrahlte. Da bat er diesen um Belehrung. Der Kaiser bekehrte sich zum Buddhismus und verbrachte den Rest seines Lebens damit, sein Reich auf humane, bestmögliche Art zu regieren. Er ließ Spitäler bauen, ernährte die Armen, ließ die Landstraßen mit Alleen versehen, die den Reisenden kühlenden Schatten gewährten, ließ Brunnen für Trinkwasser erbauen, Tierspitäler errichten und veranlaßte, dass überall im Lande Tafeln aufgestellt wurden, welche die Leitlinien der Lehre - und die seiner Überzeugung - verkündeten.

Auf einem dieser Edikte stand genau das zu lesen, was man sich auch in der heutigen Zeit so sehr wünschen würde: "Der Klang der Kriegstrommeln ist zur Musik der Lehre geworden", mit einem Aufruf zu Gewaltlosigkeit gegenüber Menschen und Tieren und zur Achtung der Familie. Ein anderes Edikt beschreibt des Kaisers eigenes Bemühen, das Essen von Fleisch zu reduzieren und letztlich ganz aufzugeben, um Tiere vor der Schlachtung zu bewahren. Freiheit von Sektierertum wurde ermutigt, und der Kaiser sah davon ab, seine eigene - buddhistische - Religion zur Staatsreligion zu erheben. Damit hatte er ansatzweise eine Trennung von Staat und Kirche vorweggenommen. In einem anderen Edikt spricht er offen über sich selber: "Ich bin nie vollständig zufrieden mit meiner Achtsamkeit und der Ausführung öffentlicher Arbeiten, und ich betrachte die Förderung des Wohles meines Volkes als meine höchste Pflicht".

Es war Ashokas Einfluß, sein Wirken und seine Macht, die den Buddhismus von einer unbedeutenden religiösen Gruppe zu einer angehenden Weltreligion machte. Es war mitunter sein Verdienst, dass sich die Lehren des Dharma als maßgebende Werte für die Gesellschaft etablieren konnten.

Zu dieser Zeit fand der Buddhismus auch in Sri Lanka Eingang. Der Mönch Mahinda, Ashokas Sohn, war der erste, der dort Mönche ordinierte, und des Kaisers Tochter, die Nonne Sanghamitta, gründete dort den Nonnenorden.


Nagarjuna

Ungefähr im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erschien der herausragende Meister und Philosoph Nagarjuna auf dem indischen Subkontinent. Er war ein großer Denker und auch Erneuerer des Buddhismus. Nach der Legende war er ins Meer hinuntergestiegen, um von den sagenumwobenen Nagas die Prajnaparamita-Texte, welche die Nagas seit Buddhas Zeit aufbewahrt hatten, in Empfang zu nehmen und sie der Menschheit zugänglich zu machen. Mit Nagarjunas Erscheinen nahm die Mahayana-Tradition des Buddhismus ihren Aufschwung und vor allem auch die Madhyamika-Sichtweise, deren Begründer und wichtigster Vertreter er war. Auch zu dieser Zeit war spirituelle Praxis unter den Laien gang und gäbe, und es gibt Berichte sowohl über einfache Leute wie über königliche Anhänger und Praktizierende der Lehre. So schrieb Nagarjuna zum Beispiel einen wichtigen Lehrbrief 1) an König Udayi, die "Juwelenkette des Rates an den König". Darin riet er dem König:

"So wie du gerne darüber nachdenkst, was zu tun wäre, um dir selbst zu helfen,
so solltest du gerne darüber nachdenken, was zu tun wäre, um anderen zu helfen."

Nachdem er in diesem Brief zuerst großes Gewicht auf spirituelle Praxis, Integrität im Verhalten, Entsagung und die Realisation der letztlichen Wirklichkeit legt, berät er daraufhin den König über das angemessene Regieren seines Volkes 3). Er empfiehlt, die Menschen spirituell zu inspirieren durch Bau und Unterhalt von Tempeln, Stätten des Lernens und der Kontemplation, durch die Unterstützung von Lehrern und das Drucken von Texten. Er ermutigt ihn, fast zweitausend Jahre vor dem Sozialismus, einen Wohlstandsstaat aufzubauen, das Leiden der Kinder, Armen, Kranken und Behinderten und der Alten zu lindern sowie Essen, Obdach und medizinische Versorgung für Bettler zu ermöglichen. Selbst die Sorge um Hunde, Vögel und andere Tiere wird dem König ans Herz gelegt wie auch das Anlegen von Notvorräten für das Volk. Auch niedrige Steuern und Preiskontrolle sind Themen, und sogar humaner Strafvollzug wird erwähnt. Nicht zuletzt fordert er den König auf, Minister einzusetzen, die "weise sind, mit spiritueller Praxis, zwar unerschrocken, aber gütig, freundlich, zugänglich und dankbar".

Auch hier wird wieder sichtbar, dass beides, die Meditation und das Wirken in der Welt, als gleich wichtige Komponenten der Praxis betrachtet werden. Nagarjuna berät den König sowohl in Belangen des angemessenen Verhaltens und Regierens als auch der tiefen Meditation über die letztlichen Aspekte der Wirklichkeit, Madhyamika.


Sulak Sivaraksa

Menschen, die sich für das Wohl aller engagieren, hat es im Buddhismus wohl zu jeder Zeit gegeben. Besonders heute finden wir wieder große, sozial wirkende Bodhisattvas, gerade auch in Ländern des Theravada.

Der Thailänder Sulak Sivaraksa ist ein international angesehener Aktivist für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte 4). Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist Autor einer Anzahl von Büchern, wie zum Beispiel "Saat des Friedens" 5) und erhielt 1995 den Alternativen Nobelpreis. Sein spiritueller Lehrer war Ajahn Buddhadassa, einer der bekanntesten Mönche und Dharmalehrer des modernen Thailand, der als bedeutender Reformator des Buddhismus gewirkt hat. Sulak ist zutiefst besorgt über die Krise, in der sich unsere Gesellschaft befindet und die sich in Ländern wie Thailand noch dramatischer auswirkt als bei uns. Wie unzählige Drittweltländer wird es durch die rasante Industrialisierung und Überflutung durch materialistische Denk- und Verhaltensweisen in seinen sozialen, geistigen, kulturellen und ökonomischen Grundstrukturen und Werten zutiefst erschüttert.

Über Jahrhunderte gab es in Thailand geschätzte und gepflegte Lebensweisen und Werte der Bevölkerung: gegenseitige Achtung, Respekt der Jungen für die Alten, Erziehung in den Werten des Buddhismus, eine gemächlichere Lebensweise, der die Hektik unserer Zeit noch fremd war, sowie eine natürliche Verbundenheit mit der Natur. Diese Haltungen wurden in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten radikal ersetzt durch kurzfristig orientiertes Profitdenken, skrupellose Ausbeutung der Natur, Abwanderung der Jungen in die Städte, etc. Gleichzeitig wurden aber die von alters her bestehenden sozialen und politischen Strukturen keinesfalls durch die westlichen Formen der Demokratie ersetzt.

Deshalb ist Sulak auch seit Jahrzehnten ein unermüdlicher Kritiker der vom Militär gestützten Regierungen Thailands, und dies mit einem großen Risiko: sein Leben und jenes seiner Familienangehörigen und Freunde zu verlieren. Nachdem er die Regierung für den offensichtlichen Mangel an Demokratie und die grassierende Korruption kritisiert hatte, wurde er vor Gericht gestellt, wo er eine Strafe von bis zu 30 Jahren Gefängnis zu gewärtigen hatte. Erst durch internationale Unterstützung von Seiten vieler buddhistischer Freunde, Amnesty International und anderer Menschenrechtsgruppen, wurde er wieder freigelassen.

Er versteht die heutige Krise als spirituell und sozial. Er spricht gegen Korruption, Nationalismus, Kapitalismus und "Konsumismus". Er betont die Notwendigkeit, die Armen zu unterstützen und zu beschützen, und befürwortet die Anwendung von buddhistischen Prinzipien auf die soziale Realität. Durch die Anwendung von Achtsamkeit, Gewaltlosigkeit und Dharmapraxis kann viel Leiden überwunden werden - im Individuum wie in der Gesellschaft. Sulak ist davon überzeugt, dass die alten Bräuche und Werte auf die heutigen Situationen und Bedürfnisse übertragen werden müssen, um den rein konsumorientierten kapitalistischen Kräften, welche das Land und die Leute zerstören, entgegenzuwirken

Er kämpft gegen die Zerstörung der teilweise noch intakten sozialen und ökonomischen Strukturen und Werte der Familie der ländlichen Gebiete sowie gegen den zunehmend mächtigen Einfluß der dekadenten, zerstörerischen westlichen Zivilisation mit ihrer Konsumhaltung, ihrem Hang zu Gewalt, mit der Drogenabhängigkeit unter den Jungen, mit ihrem Sextourismus. Wegen der zunehmenden Armut unter den Thai-Dorfbewohnern senden Zehntausende von Familien, die sich am Rande des Verhungerns befinden, ihre Töchter als Prostituierte in die Städte, um minimale Mittel zum Überleben zu beschaffen. Allzu oft kehren diese Frauen nach einigen Jahren zurück ins Dorf, leiden unter Aids und gehen durch die Qualen eines schmerzhaften Todes, wobei sie von den Dorfbewohnern und oft selbst von ihren eigenen Familien wegen ihrer Krankheit und weil sie als Prostituierte gearbeitet haben, gemieden werden.

Heute gibt es viele engagierte Buddhisten in Thailand, die gegen diese Mißstände ankämpfen und als Aktivisten, durch Erziehung und durch ihr Vorbild versuchen, ganzheitlichen Sichtweisen zum Durchbruch zu verhelfen; Sichtweisen, welche die innere Haltung des Geistes und des Herzens als Grundlage sehen. Sie erkennen die spirituellen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte des Lebens als untrennbar.

Sulak kämpft auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene für diese Prinzipien, ohne Rücksicht auf persönliche Gefahr und Anfeindung, der er immer wieder ausgesetzt ist. Vor einigen Jahren wurde erneut ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, nachdem er mit der Tatsache an die Öffentlichkeit getreten war, dass viele burmesische Studenten, die vor dem unterdrückerischen Regime in Rangoon nach Nordthailand geflohen waren, zurück nach Burma gesandt wurden, wo sie Folter und Tod erwartete. Sulak sprach darüber und nannte auch den Namen des verantwortlichen Generals. Daraufhin mußte er in eine ausländische Botschaft flüchten, von wo aus er aus dem Land gebracht wurde. Sulak bleibt jedoch unerschütterlich in der Hingabe zu seiner Arbeit, zu seiner Überzeugung und zu einer inneren Haltung, die menschliche und spirituelle Werte weit über den Egoismus der modernen Konsumgesellschaft stellt. In diesem Sinne zitiert er die folgende Aussage Buddhas:

"Die Taten, durch welche man Verdienste schafft, sind nicht einen Bruchteil der liebevollen Güte wert; denn liebevolle Güte strahlt, leuchtet, scheint und übertrifft jene Taten, gerade so, wie alles Licht der Sterne nicht einen Bruchteil des Mondlichtes wert ist, welches strahlt, leuchtet und scheint."


A.T.Aryaratne

1958 begann Dr. A. T. Aryaratne aus Sri Lanka ein Selbsthilfeprojekt in abgelegenen, armen Dörfern seines Landes. Er nennt es Sarvodaya-Bewegung, was soviel heisst wie "Erwachen für alle" oder "zur Realität erwachen", in Anlehnung an die Bewegung Gandhis und Vinoba Bhaves in Indien 4). Durch ein Netzwerk von jungen Leuten beginnt er, mit den Dorfbewohnern zu arbeiten. Es werden Projekte zur Verbesserung der Hygiene und Gesundheit, der Bildung, der Landwirtschaft, des Handwerks und der Kunst verwirklicht. Dabei spielt die Verbreitung und Anwendung buddhistischer Prinzipien eine große Rolle. Man "erwacht" zuerst zu der Realität, dass man für seine eigenen grundlegenden Bedürfnisse sorgen muss. Dann beginnt man zu schauen, wie man echt glücklicher werden könnte. Entsprechend buddhistischer Erkenntnis bedeutet dies, weniger gierig, weniger gewalttätig und weniger "unwissend" zu sein. Man versucht also, die entgegengesetzten Qualitäten des Geistes und des Herzens zu entwickeln: Teilen anstelle der Gier, liebevolle Güte anstatt Hass, Erleuchtung an Stelle von "Unverstand". Das Wort "Erwachen" in Sarvodaya schließt all diese Aspekte mit ein. Bei der Hilfe und Arbeit, die geleistet wird, wird die innere Haltung des Erwachens als der wichtigste Aspekt betrachtet. Die Arbeit wird als Bestandteil spiritueller Praxis dargebracht. Aus dieser Art des Teilens entsteht eine unmittelbare innere Freude. Die Arbeit beginnt immer mit ein paar Minuten der Meditation des Gewahrseins und der Metta, denn die innere und die äussere Arbeit werden als eng zusammenhängend empfunden.

Die Arbeit Aryaratnes und seiner Bewegung in einem Land, in dem seit Jahren Bürgerkrieg herrscht, ist nicht immer ungefährlich: es wurde immer wieder versucht, die Sarvodaya-Aktivisten in ihrer Arbeit zu behindern, und sie erhielten oft sogar Todesdrohungen. Einmal hörte Aryaratne, dass ein gedingter Mörder ihn umbringen sollte. Er ging direkt zu dem Mann hin und schilderte ihm, um was es bei seiner Arbeit und den Sarvodaya-Projekten geht und erklärte: "Wenn du mich umbringen willst, tu es bitte jetzt und hier, und nicht in der Schule, in der Gegenwart meiner Schüler. Allzuleicht könnten sonst noch andere Menschen verletzt werden". Der Mann war von Aryaratnes Mut und Mitgefühl so beeindruckt, dass er von seinem Vorhaben abliess.

Mit einer solchen Haltung zu leben und zu arbeiten, braucht viel Überzeugung und Hingabe. Dabei bleibt das Credo dieser Bewegung die Verpflichtung gegenüber den buddhistischen spirituellen Werten des Erwachens: Grosszügigkeit, Güte, Mitgefühl und Dienst zum Wohle aller. Das Selbsthilfewerk hat sich bis heute auf mehrere tausend Dörfer ausgebreitet.


Maha Ghosananda

In der Zeit, in welcher der Meditationslehrer und Aktivist Christopher Titmuss sich als Mönch in Thailand aufhielt, lebte Bhikkhu Mahaghosananda im selben Kloster. Christopher erzählt, dass dieser seine Klosterzelle nur selten verlassen habe. Man hätte in ihm nie einen Aktivisten gesehen. All die andern Mönche wurden dazu angehalten, auf dem Areal oder unter den Bäumen zu meditieren, nur dem Ehrwürdigen Mahaghosananda wurde vom Lehrer so viel Vertrauen geschenkt, dass er für sich selber praktizieren durfte.

Er ist einer der wenigen Mönche, die das Pol-Pot-Regime in Kambodscha überlebt haben. Im Laufe des langen, schrecklichen Bürgerkrieges in seinem Lande wurden sein Bruder und alle siebzehn Angehörigen seiner Familie von den Roten Khmer ermordet.

Als Massen seines Volkes vor den Roten Khmer nach Thailand flüchten mußten, ging er in die Flüchtlingslager, um zu helfen und um Dharma und Metta-Meditation zu lehren. Bald erhielt er Drohungen von Seiten der Roten Khmer, denen seine Aktivitäten mißfielen, so dass einer seiner Anhänger ihm ein Flugbillett von Bangkok nach Paris kaufte, um ihn in Sicherheit zu bringen. Er ging nach Bangkok in ein Reisebüro, verkaufte dieses Billett wieder und ließ von dem Geld Zehntausende von Metta-Flugblättern drucken. Daraufhin bestieg er den Zug, fuhr zurück in die Flüchtlingslager und verteilte die Blätter unter den Flüchtlingen.

In den neunziger Jahren begann er damit, Dhamma-Yatras oder Friedensmärsche in seinem immer noch vom Krieg heimgesuchten Land durchzuführen. Bei der zweiten dieser Yatras marschierte er mit drei- bis vierhundert Teilnehmenden von der Grenze Kambodschas nach Phnom Penh. Sie marschierten durch Gegenden, die selbst von den UNO-Truppen gefürchtet waren und wo es Landminen gab. Einige der Marschierenden wurden erschossen. Eines Nachts wurde sogar eine Handgranate in die Dharma-Halle geworfen; die Granate explodierte jedoch glücklicherweise nicht. Der Marsch wurde fortgesetzt. Der Ehrwürdige Mahaghosananda sagt über diese Friedensmärsche: "Jeder Schritt ist eine Meditation. Jeder Schritt ist ein Gebet. Jeder Schritt baut eine Brücke."

Kambodscha ist ein Land, in dem es mehr Landminen gibt als Menschen. Mahaghosananda unterstützt alle Bestrebungen, in seinem eigenen Land, wie auch international, Herstellung, Export und Einsatz dieser heimtückischen Kriegsgeräte zu verhindern. Weltweit wird jede Viertelstunde ein Mensch von einer Mine getötet oder verstümmelt. Dabei trifft es fast ausschließlich Zivilisten, mehrheitlich Frauen und Kinder. Mahaghosananda betont: "Um wirklich Frieden schließen zu können, müssen wir die Landminen des Hasses, der Gier und der Täuschung in unseren eigenen Herzen räumen."

Ein weiterer Marsch dieser Art ist bekannt als Dhammayatra-Marsch für den Frieden. Die Route sollte ursprünglich nach Pailin, der Hochburg der Roten Khmer, führen und dann weiter zu den immer wieder umkämpften und schwer verminten Regionen von Nordwest-Kambodscha, um dann bei den buddhistischen Tempeln von Angkor Wat zu enden. Obschon ein Zwischenfall, bei dem die Roten Khmer mit automatischen Waffen und Granaten das Feuer eröffneten, die Marschierenden zwang, ihre Route zu ändern, zogen sie weiter in Richtung Angkor Wat, welches sie einen Monat später erreichten. Eine Sprecherin für den Friedensmarsch sagte: "Wenn die Roten Khmer den Dhammayatra angreifen, ist das wie wenn sie unsere Nation angreifen würden." Die Roten Khmer-Guerillas entschuldigten sich später und drückten ihren Wunsch nach Frieden aus 6).

Mahaghosananda wurde gefragt: "Was sagen Sie den Leuten, wenn sie marschieren?" "Zu den Älteren sage ich: ‘Sagt euren Söhnen, sie sollen die Uniform ausziehen, ihre Gewehre niederlegen und den Hass in sich selber "töten"’. Manchmal tun sie das wirklich, und es gab Soldaten, die früher getötet hatten, die tatsächlich ihre Uniformen auszogen, ihre Gewehre niederlegten, ihre Dorfbekleidung anzogen und mitmarschierten."

Diese Märsche haben für die Heilung Kambodschas und um die Menschen für den Frieden zusammenzubringen mehr getan, als all die UNO-Missionen, Gespräche und Konferenzen; denn die Leute waren berührt vom makellosen Geist dieses Mannes und seiner Verpflichtung und Hingabe zum Frieden. Mahaghosananda 7) wünscht, dass in den folgenden Worten Buddhas alle Menschen Führung, Kraft und Mitgefühl in ihrem Herzen finden mögen:

"In jenen, die Gedanken der Anklage und der Rache gegen andere hegen, wird der Hass nie versiegen. In denen, die keine solchen Gefühle hegen, wird Hass sicher erlöschen. Denn Hass wird nie durch Hass gestillt, sondern durch liebende Güte allein. Dies ist ein ewiges Gesetz."


Thich Nhat Hanh

Bereits weltbekannt ist der vietnamesische Mönch, Dichter, Aktivist und Lehrer Thich Nhat Hanh. Mit Sechzehn ordinierte er als Mönch der Lieu-Quan-Schule des vietnamesischen Zen. Nach einem längeren Aufenthalt im Westen gründete er in seiner Heimat die Van Han Universität und die School of Youth for Social Service, welche als Basis für seine Bewegung für Gewaltlosigkeit, Frieden sowie kulturelle und spirituelle Erneuerung diente. Während dem Krieg wurde er immer wieder von beiden Kriegsparteien bedroht, denn wer nicht zur eigenen Partei stand, wurde als Feind betrachtet.

Als Leiter der vietnamesisch-buddhistischen Friedensdelegation in Paris bereiste er wieder den Westen und schilderte den Krieg aus der Erfahrung des einfachen vietnamesischen Landvolkes; er beschrieb dessen unvorstellbare Leiden unter den amerikanischen Bombenangriffen, dem tödlichen Feuer des Napalms, der Entlaubung der Wälder durch den chemischen Wirkstoff Agent Orange. Er sah seine Aufgabe darin zu helfen, die tiefen Wunden, die dieser Krieg auf beiden Seiten hinterlassen hatte, zu heilen. Dabei vermittelte er die Grundsätze der buddhistischen Lehre und ihrer praktischen Anwendungen. In seinen Belehrungen legt er großes Gewicht auf das Erfahren und Erkennen der Verwobenheit allen Lebens und aller Dinge, des "Inter-Being" oder "Inter-Seins", um den von ihm geprägten Begriff zu gebrauchen.

Er verwendete seine Energie darauf, den vietnamesischen Flüchtlingen, unter anderem den "Boat people", zu helfen, und gründete Plum Village, ein Dorf im Südwesten Frankreichs, wo auch Flüchtlinge beherbergt werden. Bald weiteten sich seine Aktivitäten zu eigentlichen Lehrveranstaltungen aus. Seine Bücher wurden weltweit bekannt, und seine 14 Regeln des von ihm gegründeten Tiep-Hien-Ordens, des Ordens des Inter-Seins 8), sind eine optimale Zusammenfassung einer buddhistisch inspirierten Ethik und eignen sich besondes für jene, die das In-der-Welt-Sein als ihr wichtigstes Praxisfeld betrachten.

Bereits 1967 wurde Thich Nhat Hanh von Martin Luther King Jr. - kurz vor dessen Tod - für den Friedensnobelpreis nominiert. Heute gibt er weltweit Dharmabelehrungen, leitet Meditationskurse und nimmt an Friedenskonferenzen und an Veranstaltungen für den Schutz der Umwelt und des Planeten teil. Er ist einer der Aktivisten, die maßgeblich dazu beigetragen haben, Spiritualität mit den Anliegen der Ökologie zu vermählen, und die ökologische Alternativbewegung auf die grundlegende Bedeutung einer inneren, spirituellen Ökologie aufmerksam zu machen.

Nicht nur im sozialen oder ökologischen Bereich, sondern auch in der politischen Arena findet man außergewöhnliche Menschen, die ihr ganzes Leben für buddhistische und menschliche Werte einsetzen und riskieren.


Aung San Suu Kyi

Eine der eindrücklichen Figuren in den buddhistischen Ländern Asiens heute ist die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus Burma oder Myanmar 9). Sie ist eine Stimme für menschliche Würde und Menschenrechte in einem Land, das eine der schlimmsten Menschenrechtssituationen der Welt aufweist.

Sie wurde 1945 als Tochter des burmesischen Nationalhelden Aung San geboren, der maßgeblich zur Befreiung und Unabhängigkeit Burmas beitrug. Nach einem Studium der Politischen Wissenschaften in Delhi und der Ökonomie in Oxford arbeitete sie für die UNO in New York, heiratete 1972 und lebte, als zweifache Mutter, in Bhutan und England. Im April 1988 kehrte sie nach Burma zurück und trat nach den ersten gewaltsamen Niederschlagungen der Demokratiebewegung in die Politik ein, wo sie sich für freie Wahlen stark machte. Die Grundprinzipien ihrer Politik sind Gewaltfreiheit sowie Wiederherstellung der Menschenrechte in Burma auf der Grundlage einer Mehrparteien-Demokratie. Nach der brutalen Niederschlagung der Freiheitsdemonstrationen im September 1988 wurde die Nationale Liga für Demokratie gegründet mit Aung San Suu Kyi als Generalsekretärin. Im Juli 1989 wurde sie festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Sie trat in einen zwölftägigen Hungerstreik. In den anschließenden freien Wahlen gewann ihre Partei mit überwältigender Mehrheit, wurde aber von der Regierung ferngehalten. 1991 erhielt Aung San Suu Kyi den Sacharow-Preis und den Friedensnobelpreis. Das Nobelpreiskomitee wollte damit die "unermüdlichen Bemühungen dieser Frau anerkennen und seine Unterstützung für die vielen Völker in aller Welt zeigen, die mit friedlichen Mitteln nach Demokratie, Menschenrechten und ethnischer Versöhnung streben".

Im Frühjahr 1995 wurde sie von den Militärs erstmals zu einer Diskussion am Fernsehen eingeladen, wo mögliche Auswege aus der Krise erörtert wurden. Im Hintergrund war der in England lebende burmesisch-buddhistische Mönch Dr. Rewatta Dhamma Sayadaw als Vermittler zwischen Aung San Suu Kyi und dem Militärregime tätig geworden. Im Juli 1995 kam sie nach sechs Jahren Hausarrest frei.

Aung San Suu Kyi schrieb 10): "Nicht Macht korrumpiert den Menschen, sondern Furcht. Furcht vor dem Verlust der Macht korrumpiert jene, die diese Macht ausüben, und Furcht vor dem Zugriff der Macht korrumpiert jene, die ihr unterworfen sind."

Sie sieht die Probleme der Menschen - persönlich oder national - als Wirkung der unheilsamen Qualitäten im Herzen des Menschen: Verlangen, Hass und Unwissenheit. Sie wiederholte die Worte ihres Vaters: "Verlaßt euch nicht nur auf den Mut und die Unerschrockenheit der anderen. Jeder von euch muß Opfer bringen, um ein mutiger, furchtloser Held zu werden. Dann erst werden wir alle wirkliche Freiheit genießen können." Sie forderte und lebte es vor, die Prinzipien von Gerechtigkeit und Anstand hochzuhalten. Sie spricht von einer "Revolution des Geistes" zur Wandlung der geistigen Haltungen und Werte. Ihr Mut und ihre Furchtlosigkeit sind solcher Art, dass sie niemals ihre Freilassung und Ausreise, die ihr mehrmals angeboten wurde, angenommen hat. Sie bleibt beharrlich in ihrem Bemühen, auf friedliche, gewaltlose Weise Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde in ihrem Land wiederherzustellen.

Noch dramatischer als in Burma ist die Situation für die Menschen von Tibet. Seit der Invasion Tibets durch China sind als direkte Folge der Besetzung schätzungsweise mehr als eine Million Tibeter umgekommen, das heisst rund 20% der Gesamtbevölkerung. Allein während dem Aufstand in Lhasa im März 1959 wurden 87’000 Tibeter von chinesischen Soldaten umgebracht. Heute gibt es 115’000 tibetische Flüchtlinge in der Welt. Zehn von hundert Tibetern waren während mindestens zehn Jahren in den Gefängnissen oder den Arbeitslagern der Besatzungsmacht. Öffentliche Belehrungen in Buddhismus sind verboten, und Mönche und Nonnen wurden endloser öffentlicher Erniedrigung und Folter ausgesetzt. Tempel werden, auch heute, als Lagerhäuser und Klöster als Maschinenwerkstätten verwendet. Die Chinesen plünderten und zerstörten während der Kulturrevolution mehr als 6’000 buddhistische Klöster.


S.H. der 14. Dalai Lama

Obschon der buddhistische Mönch Tenzing Gyatso, der 14. Dalai Lama, Oberhaupt der Tibeter, sein ganzes Leben und seine ganze Energie auf die Befreiung Tibets von der grausamen Besetzung durch die Chinesen ausgerichtet hat, ist seine Verpflichtung und seine Hingabe an die Werte des Dharma solchermaßen, dass er von tibetischer Seite Gewaltanwendung und Blutvergießen zum Zweck der Befreiung seines Landes und Volkes nie zugelassen hat. Dabei empfiehlt er nicht nur Gewaltlosigkeit im Äußern, sondern praktiziert und lehrt diese Haltung auch als Grundqualität des Herzens. So komponierte er im Herbst 1960, nur ein halbes Jahr nachdem er und 100’000 seiner Landsleute aus Tibet flüchten mußten, ein Lied über seine "Feinde", die Chinesen 11):

"Jene unerbittlich Grausamen - auch sie sind Gegenstand des Mitgefühls;
die Übel der Täuschung haben sie verrückt gemacht,
mutwillig zerstören sie sich und andere.
Mögen sie das Auge der Weisheit verwirklichen
und wissen, was zu tun und was zu unterlassen ist.
Mögen sie im Glanz der Freundschaft und der liebevollen Güte verweilen."

In einem Interview 12) betonte er: "Um in Zukunft mit den Chinesen freundnachbarlich leben zu können, ist es wichtig, den Kampf um die Freiheit ohne Gewalt zu führen." Gerade diese innere Haltung, die unter keinen Umständen Hass auf den Feind aufkommen läßt, ist Ausdruck seiner außerordentlichen menschlichen und spirituellen Stärke und Verwirklichung. Auf die Frage, ob es ihm gelinge, die Chinesen zu lieben, obschon sie ihm und seinem Volk soviel Leid zugefügt hätten antwortete er: "Nun, natürlich sind das Feinde. Doch wie kann man das erklären? Jedes Ding hat viele Seiten. Sicher haben die Chinesen gefoltert, Greueltaten begangen, vieles zerstört. Von dieser Seite gesehen nennen wir sie unsere Feinde. Sie haben unser Glück zerstört, uns unsere Rechte genommen. Doch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet ist dieselbe Person, die all das getan hat, ein Wesen, das nach Glück strebt, das nicht leiden will. Auf der Grundlage dieses Respekts kann man echtes Mitgefühl entwickeln." Es ist das konsequente Durchsetzen dieser Haltung der Gewaltlosigkeit, die ihm 1989 den Friedensnobelpreis eintrug.


Buddhismus ist engagierter Buddhismus

Gemeinsam ist diesen beispielhaften Menschen die hohe Wertschätzung menschlicher und spiritueller Qualitäten - der Prinzipien des Dharma. Dies wird sichtbar im sozialen Denken im Falle Ashokas und Sulak Sivaraksas, im altruistischen Dienen für die menschliche Gemeinschaft im Falle Aryaratnes, in den Bemühungen um den Frieden und die Mitwelt Thich Nhat Hanhs, in der Furchtlosigkeit Aung San Suu Kyis oder in der konsequenten Haltung der Gewaltlosigkeit des Dalai Lama. Diese Menschen lehren diese Haltungen nicht nur, sie verkörpern sie auch und drücken sie ebenso in ihrer Handlungsweise aus. Darüber hinaus vertreten sie eine ganzheitliche, spirituelle Sicht- und Handlungsweise gegenüber der Erde und allen ihren Bewohnern: Menschen, Tieren und Pflanzen, Wäldern, Bergen und Gewässern.

Es ist unerläßlich, dass wir lernen, ganzheitlich zu denken. Das heisst, nicht nur den Menschen, sondern unserem ganzen Planeten und allen "gewachsenen" Kulturen sowie alten Religionen und Weisheitssystemen wie auch intakten Ökosystemen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen

Rodger Kamenetz schreibt 13): "Die chinesische Attacke auf Tibets Religion ist ein besonders gewalttätiges Beispiel der globalen Zerstörung des spirituellen Ökosystems durch Materialisten, die in ihrer Suche nach Produktivität und Profit religiöse Ökosysteme zusammen mit denen der Natur entwurzeln. Es ist eine Attacke unter dem Vorwand der "Wissenschaftlichkeit" - dem Glauben, dass die Objektivität des Labors das Modell zum Verständnis der Wahrheit sei. (....) Unsere alten Quellen der Weisheit rufen die Menschen auf, sich zu ihren höchsten Fähigkeiten zu erheben und sich untereinander auf außergewöhnlich offene und großzügige Weisen zu verhalten, unter schwierigen Umständen ihre Meinungsverschiedenheiten zu transzendieren und Verständnis zu schaffen über alle Barrieren der Konvention und der Angst hinweg. Diese Weisheit ist so zerbrechlich wie unser Ökosystem, das durch eine überwältigende materialistische Kultur bedroht wird. Ich glaube an spirituelle Ökologie."

Die noch lebendigen und intakten Weisheitstraditionen, genauso wie die wenigen noch unversehrten Ökosysteme unserer Welt sind tatsächlich "vom Aussterben bedrohte Arten" geworden. Sie gilt es, neu zu entdecken, zu fördern und zur Blüte zu bringen.

Nachdem Buddhismus und Dharmapraxis bei uns im Westen Fuß gefaßt haben, Meditationszentren, Tempel, Klöster und lokale Meditationsgruppen entstanden sind, scheint ein Erwachen zu neuen Erkenntnissen stattzufinden. Dieses Erwachen zur eigentlichen Wirklichkeit dieses Daseins wirkt sich auf verschiedene Bereiche aus: Den inneren Bereich der unmittelbaren meditativen, spirituellen Praxis, den äußeren, zwischenmenschlichen Bereich und den globalen Bereich des vernetzten, abhängigen Daseins in dieser Welt.

Im inneren Bereich der meditativen, spirituellen Praxis findet ein Erwachen statt hin zum Erkennen der Wurzel allen Übels, der zerstörerischen Zustände und Eigenschaften unseres Geistes und Herzens. Unverstand, Täuschung, unrealistische Wahrnehmung werden erkannt als der Grund, aus welchem Hass und Aversion, Verlangen und Haften, die Ursachen allen Leides, entstehen. Durch vertiefte meditative Erkenntnis wird einerseits abhängiges Entstehen, die gegenseitige Vernetztheit des Daseins durch Ursache und Wirkung, erkannt. Andererseits wird die nicht erfassbare, letztliche Natur aller Dinge - leer von unabhängiger Selbstexistenz - erfahren. Dadurch wird das scheinbare Vom-Leben-Getrenntsein durchschaut und tiefere Verbundenheit erfahren. Ethische Integrität im Verhalten gegenüber allen Lebewesen wird mehr und mehr zur natürlichen Lebenshaltung. Nicht als aufgezwungene oder scheinfromme Moral, sondern aufgrund der Erkenntnis des allseitigen Verwoben- und Verbundenseins.

Dies bedeutet einen Schritt weg vom egozentrischen Versuch, immer am meisten für sich selber herauszukriegen, hin zur Erkenntnis, dass Glück und Freiheit, die wir doch permanent besitzen möchten, in einer Haltung der Grosszügigkeit, Offenheit und Liebe zu finden sind.

In diesem "inneren" Bereich haben wir unsere eigenen negativen Gewohnheiten und Tendenzen gegen uns und müssen diese erkennen, überwinden und auflösen. Wir haben aber auch die ununterbrochene Beeinflussung durch unsere Gesellschaft gegen uns. Über diese schreibt Anne Wilson-Schaef in ihrem Buch "Im Zeitalter der Sucht" 14): "Die am besten angepaßte Person in unserer Gesellschaft ist jene, die nicht tot und nicht lebendig ist, sondern empfindungslos - ein Zombie. Wenn man tot ist, ist man nicht fähig, die Aufgaben der Gesellschaft auszuführen. Wenn man aber ganz lebendig ist, muß man ständig "Nein" sagen zu vielen Tatbeständen in unserer Gesellschaft, zu Rassismus, Zerstörung der Umwelt, nuklearer Bedrohung, Wettrüsten, verschmutztem Trinkwasser und krebserregenden Nahrungsmitteln. Deshalb liegt es im Interesse unserer Gesellschaft, jene Dinge zu fördern, die dem Dasein die Schärfe nehmen und uns mit unseren Fixierungen beschäftigen, die uns leicht betäubt und Zombie-ähnlich behalten. Auf diese Weise funktioniert unsere moderne Konsumgesellschaft selber als Süchtige."

Es ist eben diese Gesellschaft, die behauptet, Fortschritt und Egoismus ohne Rücksicht auf Verluste der anderen machten uns glücklich. Diese zersetzenden Einflüsse aus unserer Umgebung müssen wir erkennen und neutralisieren.

Im äußeren, zwischenmenschlichen Bereich findet ein Erwachen statt, hin zur Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen unserer inneren Haltung und unserem Sein und Handeln in der Welt. Es wird klar, dass die krassen sozialen Ungerechtigkeiten, selbst in vielen Ländern des reichen Westens, und die völlig einseitige Verteilung des Reichtums zwischen Norden und Süden Ausdruck der unheilsamen Eigenschaften des menschlichen Geistes sind: Verlangen, Habgier, Raffsucht. Somit wird auch klar, dass unsere Praxis sich sowohl innerlich wie äußerlich manifestieren muß. Verbundenheit allen Lebens bedeutet immer ein Gefühl des Getragensein und der Dazugehörigkeit. Diese Erfahrung muß aber auch ein tieferes Verantwortungsgefühl für das Leben wecken, von welchem wir nun erfahren haben, dass wir selber es sind.


Das Leiden sehen - Leiden überwinden

Wenn 1993/94 allein in der Europäischen Union 2,5 Milliarden Kilo Obst und Gemüse für 1,2 Milliarden Mark mit Steuergeldern aufgekauft und vernichtet wurden und gleichzeitig über eine Milliarde Menschen in absoluter Armut leben und jedes Jahr 40 Mio. von ihnen an Hunger und hungerbedingten Krankheiten sterben, geht uns das etwas an. Dabei hat sich die Ernährungslage heute in 70 von 92 Ländern verschlechtert und ist in 45 Ländern gar kritisch bis alarmierend.

Der Schritt weg vom wohlwollenden Mitleid der sogenannten Wirtschaftshilfe - die oft eher menschenverachtender Ausbeutung gleicht - zu einer echten Wirtschaftszusammenarbeit, ja zu gelebter "Verbundenheit" muß, trotz fast unüberwindlich scheinender Hindernisse, dringend getan werden. Immer noch werden die natürlichen Ressourcen der Dritten Welt durch den reichen Norden ausgebeutet, und die Finanzströme fließen gesamthaft gesehen immer noch eindeutig "nordwärts". Die Vergabe von Geldern und Krediten sollte an soziale und ökologische Auflagen geknüpft sein. Den Frauen müßte endlich ein größerer Stellenwert zugestanden werden. Und es würde bedeuten, dass wir die alten Strukturen des Neokolonialismus und die Macht der Weltbanken und -konzerne, welche das heutige Weltwirtschaftssystem prägen und den Zustand vollständiger Abhängigkeit der ärmeren Völker aufrechterhalten, in Frage stellen und überwinden müßten.

Dies bedingt eine radikale Veränderung in unserem Denken und Handeln. Wir müssen unsere Verbrauchermentalität ablegen - und damit bei uns selber anfangen. Es liegt an uns, geeignete Entwicklungsorganisationen zu unterstützen, vielleicht sogar darin mitzuwirken und wo immer möglich auch Direkthilfe zu leisten. Zumindest können wir beispielsweise bewußt einkaufen und Einrichtungen für fairen Handel und partnerschaftliche Entwicklung fördern.

Wir erkennen, dass die Arroganz und der Hass des Nationalismus und des Rassismus Ausdruck des Dünkels, der Aversion und des Hasses im menschlichen Geist und Herzen sind. Gerade der Nationalismus hat als wahnhaftes Produkt des menschlichen Geistes mit der Wirklichkeit kaum etwas gemeinsam. Der syrische Astronaut M. A. Faris 17) schrieb: "Aus dem All sah ich die Erde - unbeschreiblich schön, ohne die Narben der nationalen Grenzen."

Wenn es heute weiterhin rund 60 kriegerische Konflikte und Kriege gibt, die auch mit großenteils im Westen produzierten Waffen beliefert und dadurch geschürt werden, und wenn es deshalb heute auf dieser Erde - der Heimat des Menschen - rund 20 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene gibt, geht uns das alle etwas an. Wenn es immer noch 20’000 nukleare Sprengköpfe in vermutlich fast einem Dutzend Länder gibt, hat das auch mit uns selber etwas zu tun. Und zwar nicht nur als mögliche Betroffene, sondern auch als Mit-Verursacher, -Produzenten und -Gewinnler. Dazu Erzbischof Hunthausen: "Atomkrieg beginnt in unseren Herzen. Und es ist hier, wo er enden muß."

Wenn immer noch in 80 Ländern, mit zunehmender Tendenz, gefoltert wird und gar die freisten und demokratischsten Länder die Todesstrafe - eine der schrecklichsten Foltern die es gibt - wieder einführen, müssen wir vielleicht etwas dagegen unternehmen; schreiben, protestieren oder zumindest die entsprechenden Organisationen unterstützen. Gefragt ist persönliches Engagement, und da ist jede Einzelne von uns gefordert, selbst wenn unser Beitrag manchmal entmutigend gering aussieht. Gandhi betonte in bezug auf unser Wirken in der Welt: "So ziemlich alles, was du tust, mag dir unbedeutend erscheinen, aber es ist sehr wichtig, dass du es tust!" Das Problem ist also, wie so oft, nicht unsere Ohnmacht, sondern unsere Trägheit und Gleichgültigkeit.

Letztlich findet auch im globalen Bereich ein Erwachen statt hin zur Erkenntnis der weltweiten ökologischen und sozio-ökonomischen Zusammenhänge. Noch nie in der Geschichte der Erde war es so offensichtlich, wie eng alles mit allem verknüpft ist: Durch ungehemmte Produktions- und Konsumierwut wird unsere Mitwelt vergiftet und zerstört und immer öfter auch die Ernährungskette der Menschen beeinträchtigt. Jahr für Jahr werden zum Beispiel über 160 Millionen Tonnen Dreck, Schutt, Chemieabfälle, Klärschlamm und Ölrückstände allein in die Nordsee versenkt - ein mit giftigem Abfall gefüllter Güterzug, der über anderthalbmal um den Äquator reicht. 15)

Gewinnung und Verbrauch von Rohstoffen und Energie wie auch die Zerstörung der Regenwälder wirken sich zum Beispiel als Treibhauseffekt und über die Luftqualität direkt auf das Klima und den Zustand der Umwelt aus. Bevölkerungsdichte und -zuwachs bedingen wiederum einen höheren Energie- und Rohstoffverbrauch sowie ein weiteres Eindringen der Menschen in die Natur und die noch intakten Ökosysteme. Rodung und intensive Bodennutzung fördern Erosion und Ver-Wüstung. Durch Entwaldung und Überweidung wird jedes Jahr nutzbares Land in der Größenordnung Griechenlands zu Wüste. Ein Drittel der ganzen Erdfläche ist von Verwüstung bedroht 16). Dabei gibt es heute 1,5 Milliarden Rinder auf der Erde - fast ausschließlich für Fleisch- und Milchproduktion. Sie fressen nahezu zwei Drittel des gesamten Getreideertrages der Erde und werden dann von knapp einem Fünftel der Erdbevölkerung verzehrt.

Die armen und sozial nicht abgestützten Massen der Dritten Welt sehen ihre einzige "Altersversicherung" weiterhin in vielen Nachkommen und jene die bereit wären, die Kinderzahl einzuschränken, werden von Kirchen und Fundamentalisten moralisch und materiell bekämpft. Dies läßt die Erdbevölkerung weiter anschwellen. Zerstörung in nie gekanntem Ausmaß ist die Auswirkung all dieser folgenschweren Entwicklungen.

Auch diese Tatsachen verlangen nach einer radikalen Veränderung in unserem Denken und Handeln. Wir müssen dringend wegkommen von unserer eingefleischten anthropozentrischen (den Menschen im Zentrum wähnenden) Sichtweise des Lebens zugunsten eines ganzheitlich-planetarischen Denkens und Handelns. Heute genügt es nicht einmal mehr, dass der Mensch "Umweltschutz" betreibt. Um wirkungsvolle Veränderungen zu ermöglichen, ist die Sichtweise der Tiefenökologie, der Schritt von "Umwelt" zu "Mitwelt" notwendig: eine Verschiebung unserer Perspektive vom Menschen als Beherrscher oder Beschützer des Lebens auf der Erde zum Menschen, welcher Mitbewohner und Teil des Lebens an sich ist.

Wir müssen nicht langsam, sondern schnell und sicher zu der Tatsache erwachen, dass die Natur und Mitwelt zu zerstören bedeutet, uns selber zu zerstören. Nur diese Erkenntnis wird die Menschheit dazu bewegen, in ihrer Profitgier innezuhalten und unserem Planeten und seinem Leben mit mehr Vernunft und letztlich vielleicht sogar mit Respekt, Sensibilität und Ehrfurcht zu begegnen. Der Astronaut Taylor Wang 17) schrieb nach seinem Weltraumflug: "Eine chinesische Geschichte erzählt von Männern, die ausgesandt wurden, einer jungen Frau Leid zuzufügen, aber nachdem sie ihre Schönheit erblickten hatten, zu ihren Beschützern wurden. Genau so fühlte ich, als ich die Erde zum ersten Mal sah. Ich konnte nicht anders als sie lieben und wertschätzen."

Eine erfreuliche Entwicklung zeichnet sich dort ab, wo ein gegenseitiges Sich-Entdecken, eine Annäherung stattfindet: zwischen Buddhisten und Praktizierenden anderer spiritueller Wege einerseits sowie Menschen oder Gruppen anderseits, die sich aktiv für die Menschenrechte, für die Hungrigen und die Flüchtlinge, für den Frieden, für die Tiere und für Natur und die Um- und Mitwelt einsetzen.

Friedensaktivistinnen realisieren, dass sie erst richtig wirkungsvoll sein können, wenn sie zumindest eine Ahnung von innerem Frieden haben. Umweltschützer merken, dass das Verhältnis Mensch - Natur - Umwelt erst dann stimmen kann, wenn man in sich selber die eigene scheinbare Getrenntheit vom Leben durchschaut hat, wenn man verwobenes, gegenseitig bedingtes Sein erkannt und echte Verbundenheit erfahren hat. Dadurch fällt die ruinöse Haltung der Anthropozentriertheit weg, in der sich der Mensch als auserwählten, außergewöhnlich intelligenten und schlauen Hüter, Wärter oder Beherrscher seiner Mitwelt, der Natur und des ganzen Planeten sieht.

Umgekehrt erwachen meditierende, praktizierende Buddhisten zur Erkenntnis, dass das Äussere, die Anderen, die Welt nicht vom Inneren, vom Persönlichen getrennt werden kann - und zwar heute weniger denn je - und werden selber vermehrt aktiv in der Welt.

So gibt es heute im Westen schon recht viele engagierte Gruppen von Buddhisten. Sie betreuen Flüchtlingskinder in Frankreich, betreiben Suppenküchen in den Großstädten Englands, leiten Drogenentzugsprojekte nach buddhistischen Grundsätzen und bauen unzählige Direkthilfe-Projekte auf, sei es in Drittweltländern Asiens oder anderswo. In den letzten Jahren sind weltweit für den Frieden eintretende buddhistische Gemeinschaften entstanden, ein internationales Netzwerk engagierter Buddhisten wurde geschaffen, und es gibt Menschenrechtsaktivismus, antinukleare Bewegungen, Pionierarbeit in der Tiefenökologie und Buddhisten für Tierschutz - gegen Tierversuche und Tierfabriken. Man findet sogar buddhistische Zeitschriften für Um- und Mitwelt und ein Angebot von Meditationsretreats für Friedensaktivisten, für den Weltfrieden und solche für Ökologie.

Als Praktizierende auf einem spirituellen Weg sind wir aufgerufen, unsere Praxis so zu gestalten, dass das Wohl aller Lebewesen auf diesem Planeten mit eingeschlossen ist. Wir alle müssen dazu beitragen, ja unser Bestes geben, wenn wir - oder spätestens unsere Kinder - nicht in die endgültige globale Katastrophe schlittern wollen, sondern ein friedliches, bedeutungsvolles Miteinanderleben aller Arten und Lebewesen auf diesem Planeten ermöglichen möchten.

Der deutsche Astronaut S. Jähn berichtete 17): "Bereits vor meinem Flug wußte ich, dass unser Planet klein und verwundbar ist. Doch erst als ich ihn in seiner unsagbaren Schönheit und Zartheit aus dem Weltraum sah, wurde mir klar, dass der Menschheit wichtigste Aufgabe ist, ihn für zukünftige Gerationen zu hüten und zu bewahren." Fast gleich erlebte es der sowjetische Astronaut A. Leonov 17) : " Die Erde war klein, hell-blau und so ergreifend allein; unser Zuhause, das behütet werden muß wie eine heilige Reliquie."


Quellen:

1) Nagarjuna, Rajaparikatha - ratnamala, 256.

2) Buddha, Kutadanta Sutta, (Ein unblutiges Opfer), Digha Nikaya, 5.

3) Nagarjuna, Rajaparikatha - ratnamala, 301-345.

4) Information u. a. aus: Christopher Titmuss, Spirit For Change, Voices of Hope in a World in Crisis, Green Print, London / Insight books (Totnes) c/o Gaia House, West Ogwell nr. Newton Abbot, Devon, TQ12 6EN, England, sowie Christopher Titmuss, The Green Buddha, Insight Books, (Totnes).

5) Sulak Sivaraksa, Saat des Friedens, Aurum Verlag, Braunschweig.

6) Aus "tricycle", The Buddhist Review, Fall 1994, Peacemarch in Cambodja.

7) Aus "The Path of Compassion, Writings on Socially Engaged Buddhism", Edited by Fred Epsteiner, Parallax Press, Berkeley, CA.

8) Thich Nhat Hanh, Einssein, Theseus Verlag, Berlin

9) Information u. a. aus: Aung San Suu Kyi, Ein Portrait, Michael Aris (Hg.), Heyne Sachbuch, 510, W. Heyne Verlag, München.

10) Aung San Suu Kyi, Ein Portrait, Michael Aris (Hg.), Heyne Sachbuch 510, W. Heyne Verlag, München.

11) H.H. XIV. Dalai Lama, Words of Truth, A prayer for Peace in Tibet and Compassion in the World, Wisdom Publications, Boston.

12) Brückenbauer, Nr.13, 29. 3. 95, Interview: "Die Stimme Tibets", Jean-François Duval, Übersetzung: Maja Jurt.

13) Rodger Kamenetz, The Jew in the Lotus, (p. 288), Harper Collins, San Francisco, USA.

14) Übersetzt aus: Anne Wilson-Schaef, When Society becomes an Addict, Harper Collins,
San Francisco, USA. Deutsch: Anne Wilson-Schaef, Im Zeitalter der Sucht, Wege aus der Abhängigkeit, Hoffmann & Campe. (3-455-08344-7) (vergriffen).

15) Greenpeace-Information.

16) Atlas of Earth Mysteries, Rand McNally, the Environment, Collins Insight Geography.

17) Übersetzt aus "The Home Planet", Conceived and edited by Kevin W. Kelley, for the Association of Space Explorers, Addison-Wesley Publishing Company, USA and Mir Publishers, Moscow.


Fred von Allmen ist ein bekannter Vipassana-Lehrer aus der Schweiz mit einer 30-jährigen Dharma-Praxis und -Erfahrung bei namhaften Meditations-Lehrern in Asien aus der Theravada- und Vajrayana-Tradition.

Der Text ist abgedruckt in seinem Buch: "Mit Buddhas Augen sehen - Buddhistische Meditation und Praxis", mit einem Vorwort von Joseph Goldstein, Theseus-Verlag Berlin, 1997. Er wurde mit freundlicher Genehmigung vom Autor und Verlag zur Verfügung gestellt.





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[Stand: Mai 2004/]