Erfahrungen eines ehemaligen Soldaten in Auschwitz

von Claude AnShin Thomas


Mein erstes Meditations-Retreat in Auschwitz war 1994. Zu der Zeit saß ich 4 Tage lang zwischen den Eisenbahnschienen dort in Birkenau, Auschwitz 2. Der Ort, an dem ich saß, war genau derselbe Ort, an dem die Gefangenen von den Eisenbahnwaggons geladen wurden, als sie ins KZ gebracht wurden. Während ich dort saß und sang und betete, wurde meine Aufmerksamkeit immer wieder von den Wachtürmen angezogen. Alle sprachen über die Gefangenen, über die Menschen, die dort umkamen, aber keiner sprach über die Lageraufseher, über die SS-Leute. Der Grund, warum meine Aufmerksamkeit von den Wachtürmen angezogen wurde, war die Natur meines eigenen Leidens.

Ich war selbst amerikanischer Soldat in Vietnam gewesen, und war wirklich heftigen Angriffen und großer Ablehnung ausgesetzt, denn die Hauptlast der Verantwortung für den Krieg wurde auf die heimkehrenden amerikanischen Soldaten projiziert, und zwar nicht nur von seiten der amerikanischen Öffentlichkeit, sondern auch von der gesamten Weltbevölkerung.

Während des Auschwitz-Retreats im November 1996 erinnere mich besonders an einen Moment während einer Gesprächsrunde: Eine junge jüdische Frau stand auf und sagte, daß sie keine zu sanfte oder naiv-freundliche Haltung unterstützen wolle, daß wir nicht vergessen sollten, was wirklich dort stattgefunden hat, und daß wir uns die Menschen ins Bewußtsein rufen sollten, die diese Greueltaten, diese schrecklichen Verbrechen verübt haben - daß diese verantwortlich gemacht und bestraft werden sollten. Ich sprach dann öffentlich über die Tatsache, daß ich Soldat gewesen war. Ich sprach darüber, wie ich Soldat geworden bin und das Töten zu verantworten habe, und wie ich gewissermaßen eine Unterstützung für eine Regierung darstellte, für die sie Steuer zahlte, so daß auch sie mitverantwortlich war, für das was in Vietnam geschah. Denn indem sie die gesamte Verantwortung auf die Soldaten übertrug und damit auch auf mich, wusch sie ihre Hände in Unschuld, um ihr Gewissen zu beruhigen.

Und ich habe über mein Leben nach dem Vietnamkrieg gesprochen, wie sich diese allgemeine Abwehr und die Schuldprojektion, um sich von jeglicher Verantwortung zu befreien, auf mich ausgewirkt haben. Und ich habe in dem Augenblick diese Realität des miteinander Verbundenseins sehr klar gesehen - wie wir alle für solche Taten verantwortlich sind, wenn wir nicht in der Lage sind, die Natur unseres ganzen Seins zu betrachten, die Gewalt in uns selbst. Und ich habe in dem Augenblick auch gesehen, daß diejenigen, die die Opfer dieser Verbrechen und Grausamkeiten waren, selbst wiederum andere zu Opfern gemacht haben, denn im Augenblick ihrer Befreiung sind sie wiederum zu Mördern geworden. Sie haben ihre Handlungen vor sich selbst gerechtfertigt, da sie nur das taten, was andere ihnen angetan hatten.

Auf einer gewissen Ebene kann ich das verstehen, aber auf einer tieferen Ebene ist es so: wenn wir wirklich Gerechtigkeit wollen, wenn wir solche Taten verhindern wollen, dann müssen wir aufhören, sie selbst zu begehen. Wenn wir nicht damit aufhören, dann setzen wir den Leidenskreis weiter fort. Denn die Wahrheit ist, daß nichts eine Mordtat gerechtfertigt, jedenfalls nicht in meinem Denken oder nach meiner Lebenserfahrung.

In dem zweiten Retreat 1996 waren meine Erfahrungen noch tiefgreifender. Ich habe vor allen Leuten erzählt, daß ich Soldat gewesen war. Als ich aufstand, schlug mein Herz sehr heftig, ich war voller Angst und konnte meine Gedanken kaum ausdrücken. Und ich erzählte, daß ich für das Töten verantwortlich gewesen war, und daß ich diese Taten begehen konnte, weil ich selber ein Opfer der Gewalt gewesen war, und daß das Töten ein Ausagieren von unausgesprochenem Leiden ist. Mir wurde bewußt, wie unfähig oder unwillig die Menschen waren, den Mörder in sich selbst zu sehen, sich selbst als Täter wahrzunehmen, und wie sie sich von mir abwandten, als ich sprach. Aber sie wenden sich eigentlich nicht von mir ab, sie wenden sich von dieser Realität in sich selbst ab. Und so können solche Taten weiterhin verübt werden. ...

Ich begann nun die Natur meines Zustands in der Zeit, nachdem ich von Vietnam zurückkam, zu verstehen und wie mein Leben in diese Richtung driften konnte: daß ich Drogen nahm, Alkohol, verschiedene Rauschmittel, Betäubungsmittel, - alles um diesem starken Schmerz zu entkommen. Indem ich mich der Natur des Schmerzes und des Leidens in mir zuwandte, begann ich zu verstehen, wie es wohl sein muß, in der Haut der anderen zu stecken, welchen Schmerz sie in sich tragen, aber sich dessen nicht einmal bewußt sind. Und ich erkannte auch, wie ich selbst eine Widerspiegelung des gesellschaftlichen und kulturellen Schmerzes war, den ich für eine Menge Menschen mittrug. Und dies möchte ich nicht mehr tun, denn es scheint solch eine Last. - Was ich da tun kann, ist, anderen zu helfen, sich ihres Schmerzes und Leides bewußt zu werden.

So kann ich auch in mir Erleichterung erfahren, und wenn den anderen dies bewußt wird, dann gibt es eine Möglichkeit zur Heilung und Gewalt kann aufhören. Denn ich begreife, daß durch solche Retreats in Auschwitz die Bedingungen, die solche Taten zuließen, anerkannt und respektiert werden, daß die Menschen, die umgebracht wurden, respektiert und geehrt werden, und auch die Menschen, die gemordet haben, respektiert werden und um ihre Heilung gebetet wird, so daß solche Taten sich nicht wiederholen müssen. Denn wenn hier Heilung nicht stattfindet, dann werden solche Taten sich fortsetzen bis in unsere unmittelbare Gegenwart, sie geschehen tagtäglich in kleinerem oder größerem Ausmaß.

Mein Geist öffnete sich und stellte solche Verbindungen her, daß Auschwitz kein vereinzelte Erscheinung darstellt, kein spezielles Phänomen ist, sondern etwas, daß sich heute noch in kleinerem oder größerem Ausmaß fortsetzt. Ich möchte noch etwas ergänzen. Ich möchte sichergehen, daß es keine Mißverständnisse gibt: Ich versuche nicht, das Morden zu rechtfertigen oder zu rationalisieren. Ich versuche nicht, es zu entschuldigen. Ich weiß noch nicht so recht, wie ich dieses Dilemma in meinem Kopf lösen kann. Menschen, die solche Taten verüben, müssen dafür verantwortlich gemacht werden. Mir ist nur noch nicht klar, wie man sie verantwortlich machen kann.

Ich bin davon überzeugt, daß das Töten diesen Leidenskreis immer wieder fortsetzt. Aber jemanden umzubringen, der eine Gewalttat verübt oder einen Menschen ermordet hat, das kann nicht die Antwort sein. Ich weiß nicht, wie die Antwort lautet, ich weiß nur, von ganzem Herzen und in mit all meinem Wesen - daß dieses nicht die Antwort sein kann. ... Es ist nicht notwendig, daß die gesamte Gesellschaft gleichzeitig heilt, damit das Leiden ein Ende hat.

Es ist die Aufgabe jedes einzelnen von uns, Verantwortung für unser eigenes Leiden und unsere eigene Heilung zu übernehmen, denn die Gesellschaft ist in uns. Wir müssen nicht darauf warten, daß andere vor uns heilen oder immer bewußter werden, bevor wir anfangen zu heilen. ... Das ist der Grund, warum ich in meiner Gesellschaft nicht nach Unterstützung oder Anerkennung suchen sollte, sondern Verantwortung für meinen Heilungsprozeß, für meine Taten, für meine Gefühle übernehmen muß. Ich bin verantwortlich für meine Taten. Und ich muß in mir einen Weg finden, wie ich solche Dinge ansprechen kann.

Interview: Doris Wolter, Übersetzung: Isabela Hübner und Doris Wolter





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[Stand: Mai 2004/ 24. November 1997]