Das Dharma
(der Buddhismus) geht heute in den Westen. In den USA, jenem mehr am Praktischen
als an Theoriedebatten orientierten Land, ist es bereits angekommen. Es
manifestiert sich u.a. in einer ersten Generation hervorragender einheimischer
Zenmeister wie Robert Aitken Roshi, Philip Kapleau Roshi, Richard Baker
Roshi, Tetsugen Bernhard Glassman Roshi und zahlreichen anderen. Dabei
stehen alle Genannten auch für das, was heute weltweit engagierter
Buddhismus genannt wird. Besonders stark beachteter Vertreter dessen ist
inzwischen Tetsugen Bernard Glassman Roshi aus New York.
Glassman Roshi, in Europa bisher wenig bekannt, gilt in den USA als bedeutender
und selbst für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlicher
Dharmalehrer. Seine persönliche Herkunft hat, wie der Name verrät,
mit Deutschland und dessen leidvoller Geschichte zu tun - er ist deutschstämmiger
Jude, seine Eltern sind aus Polen ausgewandert. Geboren 1939 in New York
und im liberal-jüdischen Milieu der Bronx aufgewachsen, studierte
er Flugzeugbau mit dem Abschluss des Dr. in Mathematik. Anschließend
arbeitete er in Los Angeles bei McDonald-Douglas im WeltraumfahrtProgramm
der NASA. In der von Kalifornien ausgehenden, stark buddhistisch-inspirierten,
weltweiten Aufbruchstimmung der Jugend der 60er Jahre hatte er erste Begegnungen
mit der Lehre und Praxis des Zen. Anfang der 70er Jahre, als er seinem
frühen Dharmabruder Taizan Maezumi nun als anerkanntem Zenmeister
wieder begegnete, wurde er voll und ganz dessen Schüler.
Bernard Glassman verließ Beruf, Karriere und Haus, wurde als Zenmönch
ordiniert und durchlief die vollständige klassische Zenschulung beider
japanischer Traditionen, die Koan-Praxis des Rinzai und die Priesterausbildung
des Soto - und er erlangte volles "Erwachen" ("Daikensho",
"Satori"). Maezumi Roshi ernannte ihn schließlich zu seinem
Dharma-Nachfolger und zum Abt des neu gegründeten Zen-Centers von
New York.
Glassman Roshi, vom Aussehen her historischen Darstellungen des legendären
Zengründer Bodhidharma (4.Jdt.n.Chr.) verblüffend ähnlich,
wurde in einer seiner 'großen Erfahrungen' tief erfüllt vom
grenzenlosen Mitgefühl mit allen leidenden Wesen. Er legte daraufhin
das Gelübte ab, allen 'hungrigen Geistern im ganzen Universum' Nahrung
zu geben, konkret - in einem der ärmsten, elendsten und gewalttätigsten
Stadtteile New Yorks, in Yonkers ein 'Mandala' buddhistischer Sozialarbeit
zu errichten. Bernie, wie er sich selbst schlicht nennt, gründete
die sog. Greyston Foundation, einen Komplex sich gegenseitig fördernder
und ergänzender Einrichtungen: eine sehr erfolgreiche Konditorei,
mehrere Häuser für Obdachlose, Ausbildungsstätten für
Arbeitslose, Kindergärten und Jugendhäuser, ein Hospiz für
Aids-Infizierte, u.a.
Die traditionellen Zenübungen erweiterte Tetsugen durch eine neue
und herausfordernde Praxis, den sog. Street Zen (in Japan von früheren
Zenmeistern bereits vorgelebt), was bedeutet, daß er sich mit seinen
Zazenschülern in den großen Städten der USA eine Woche
lang allen Bedingungen des Lebens obdachloser Menschen aussetzt (ohne Unterkunft,
Schlafplatz, Nahrung, Geld, Besitz, Waschgelegenheit usw.), um gerade unter
diesen Bedingungen den wahren Buddhageist hervortreten zu lassen. 'Bearing
Witness', 'Zeugnis geben', das ist sein Verständnis und seine Praxis
von Zen.
In den letzten Jahren machte sich Glassman Roshi darüberhinaus auf
die Suche nach den spirituellen Wurzeln und Schätzen seiner jüdischen
Herkunft, beteiligte er sich zunehmend aktiv am Dialog der Religionen und
leitete er im Winter 1996 und im Herbst 97 eine internationale und interreligiöse
Meditationswoche im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Zuletzt gründete
er einen Orden für sozial engagierte Zenpraktizierende, den Zen Peacemaker
Order. Zusammen mit dem von ihm zum Zen-Mönch ordinierten, ehemaligen
Vietnamkriegssoldaten Claude AnShin Thomas gilt nun der weltweiten Friedensarbeit
dieses Ordens seine ganze Aufmerksamkeit.
FranzJohannes Litsch