Buddhismus und Ökologie

Buddha im Baum



Was ist der Beitrag des Buddhismus zur ökologischen Frage?

In Rahmen des Netzwerk-Jahrestreffens Oktober 94 im Waldhaus am Laacher See wurde der Arbeitskreis "Buddhismus und Ökologie" gegründet, der über die augenfällige Nähe buddhistischer Weltauffassung zu Erkenntnissen der ökologischen Wissenschaft sowie über den spezifischen Beitrag des Buddhismus zur ökologischen Problematik diskutierte und zu folgenden Ergebnissen kam.

Im Zentrum der Lehre des historischen Buddha Shakyamuni steht die Lehraussage von patticca-samuppada, vom "wechselseitig bedingten Entstehen" aller Wesen, Dinge und Erscheinungen. Diese deckt sich in wesentlichen Teilen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der ökologischen Forschung.

Während die Ökologie als moderne Leitwissenschaft (hierbei die Physik ablösend) ein Weltbild entwirft, in dem von den Beziehungen des Organismus zu seiner Umwelt und vom Zusammenspiel der verschiedenen Lebensfaktoren die Rede ist, von der Vernetztheit der Systeme, von Regelkreisen, Wechselwirkungen und Rückkopplungen, skizziert eine der frühesten Formulierungen von patticca-samupadda in aller Einfachheit und Konsequenz ein ganzheitliches Leitbild einer dynamischen Wirklichkeit:

"Wenn das besteht, so entsteht jenes. Durch das Entstehen von jenem wird dies hervorgebracht. Wenn jenes nicht ist, so entsteht auch dies nicht. Durch das Aufhören von jenem wird dieses beendet." (Samyutta Nikaya II, 28.65)1

Realität entsteht also nicht aus den Phänomenen selbst, ist nicht das Produkt linearer Kausalitätsbeziehungen, sondern entsteht, wirkt und verändert sich aus den Beziehungen zwischen den Phänomenen. Nach buddhistischer Auffassung stehen wir also mit allem, was ist, in Wechselbeziehung.

Der frühbuddhistische Lehre von "paticca samupadda" wurde in der Mahayana-Tradition noch wesentlich vertieft. Das Avatamsaka-Sutra zeigt uns die Wirklichkeit als universales "wechselseitiges Ineinander-Enthaltensein" oder "gegenseitiges Durchdrungensein" und gibt uns davon eine annähernde Vorstellung im Bild vom "Netz des Indra". Die Wirklichkeit gleicht einem Netzwerk, dessen Knoten durch Edelsteine gebildet werden, von denen jeder gleichzeitig alle anderen reflektiert und so das ganze Netz in sich enthält. So enthält das Ganze das Eine und das Eine das Ganze.

Die Erkenntnis von der Nicht-Existenz eines abtrennbaren Ichs (anatta), bzw. der offenen Verbundenheit (idappaccayata) mit allem, vermeindlich "anderen" und die Erfahrbarkeit dessen in der Meditation (samadhi/vipassana), überwindet tiefgreifend die ich-bezogenen, anthropozentrischen Tendenzen unseres "unwissenden" Geistes (avidja) und seiner "anhaftenden" Wahrnehmung (upadana).

"Meditation ist das Mittel, um den einzelnen wieder mit dem Ganzen in Verbindung zu bringen... der Pfad der Meditation ist die einzige erfolgversprechende Möglichkeit, den Ich-Komplex zu durchschauen und so die Illusion einer vom Ganzen abgesonderten und unabhängigen Seele oder Selbstheit zu überwinden..."2

Auch hier nähert sich die ökologische Debatte zunehmend buddhistischer Denkweise, indem sie mehr und mehr Abschied nimmt von einer menschzentrierten Betrachtungsweise der Umwelt (Anthropozentrik) hin zu einer "bio- oder ökozentrischen" Einbettung des Menschen in seine lebendige Mitwelt3. Die Gaia-Hypothese von James Lovelocks zeigt uns die Erde als ein umfassendes, lebendiges, "sich selbst organisierendes" System 4, in dem der Mensch nur einer von unendlich vielen, mitwirkenden Faktoren ist. Die Tiefenökologie (Deep Ecology) des norwegischen Philosophen Arne Naess überwindet die überlieferte westliche Ich-Konzeption schließlich soweit, dass sie gar von der Erde als unserem "ökologischen Selbst" spricht.

"Wir unterschätzen uns selbst. Ich betone Selbst. Wir neigen dazu, es mit dem begrenzten Ego zuverwechseln."5

Während jedoch die Ökologie als Naturwissenschaft sich spätestens mit der Beibehaltung des Konzepts einer trennbaren Subjekt-Objekt-Beziehung wieder in den wissenschaftlichen Kontext einer dualitätsgeprägten Weltauffassung stellt, hebt die buddhistische Weltsicht das Dualitätsdenken vollständig auf.

"Der Weg der Welterfahrung gipfelt in der Erkenntnis des Leidens und seiner Ursachen, der Weg der Weltüberwindung gipfelt in der Aufhebung der Leidensursachen durch Selbstentäußerung, der Weg der Weltverwandlung gipfelt in der Verwirklichung der Ganzheit, in der die Dualität von Welt und Ich aufgehoben sind."6

Diese Aufhebung der Dualität in der buddhistischen Betrachtungsweise der Wirklichkeit führt zur notwendigen Auflösung ichhafter Betrachter-Vorstellungen. Umwelt kann somit nur Mitwelt heißen, einen objektiven Betrachter, der unverändert vom Wirklichkeitsgeschehen bleibt, gibt es nicht. Die Umweltkrise ist folglich eine Wahrnehmungskrise des Menschen, eine Krise unserer Selbsterkenntnis und Selbstbeziehung. Um Umweltzerstörung zu stoppen, müssen wir den zerstörerischen Umgang mit uns selbst stoppen. Nicht die Erde braucht letztlich Heilung, sondern der Mensch muss geheilt bzw. heil (wieder ganz) werden. Buddhistische Erfahrungswege der Selbstheilung (Ganzwerdung) des Menschen können dabei helfen.


Anmerkungen:

1) siehe auch: Joanna Macy, Die Wiederentdeckung der sinnlichen Erde, Theseus-Verlag, S. 80 ff

2) Lama Anagarika Govinda, Buddhistische Meditation, in: Buddhistische Reflexionen, Fischer Verlag

3) Klaus Meyer-Abich, Aufstand für die Natur. Von der Umwelt zur Mitwelt, Hanser Verlag

4) James Lovelock, Gaia - Die Erde ist ein Lebewesen, Scherz Verlag

5) Arne Naess, Selbst-Verwirklichung: Ein ökologischer Zugang zum Sein in der Welt, in: Denken wie ein Berg, Bauer Verlag

6) Lama Anagarika Govinda, Bewußtseinsentwicklung und das Ziel des Heilswegs, in Buddh. Reflexionen



 

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