Buchbesprechung:
Anweisungen für den Koch
Bernard Glassman und Rick Fields, Anweisungen für den Koch - Lebensentwurf eines Zen-Meisters. Erschienen bei Hoffmann und Campe, Hamburg 1997, Preis: 34.-DM.
Jeder hat so seine Stärken und Schwächen. Die meisten von uns bemühen sich redlich, ihre Stärken zur Geltung zu bringen und ihre Schwächen zu verbergen. Buddha hat uns allerdings gelehrt: Deine Schwäche ist Deine Stärke! Mache sie zum Antrieb Deiner Persönlichkeits-Entwicklung und Transformation, dann erlangst Du volle Verwirklichung des Menschseins, genannt Buddhaschaft.
Auch Bernie Glassman hat eine Schwäche, er ißt gern. Das sieht man ihm auch an, er wirkt gut genährt. Aber irgendetwas brachte ihn eines Tages dazu, diese seine Schwäche zum Motor seines Weges zur Buddhaschaft zu machen. Zuerst verwandelte er seinen Appetit in geistigen Hunger, er gab seinen wohldotierten Job bei der NASA, seine Karriere und sein Haus auf und wurde Zen-Mönch unter Taizan Maezumi Roshi in Los Angeles. Sein Verlangen war so stark, daß er "Erwachen" (Kensho, Satori) erfuhr und von seinem Lehrer kurz vor dessen Tod als Zenmeister (Roshi) und Dharma-Nachfolger bestätigt wurde.
Inzwischen lebte Tetsugen Glassman Roshi als Leiter der Zen Community in New York und dort in einem der elendsten, ärmsten und aggressivsten Stadtteile, in Yonkers. Eines Tages, in einer seiner 'großen Erfahrungen' wurde er tief erfüllt von grenzenlosem Mitgefühl mit all den zahllosen 'hungrigen Geistern' im ganzen Universum. Tetsugen setzte sich ein neues Ziel. Er legte das Gelübde ab, all diesen Nahrung zu geben. So begann der "dritte Gang im Menue" seines Lebens, sein umfangreiches sozialpolitisches Engagement.
Er setzte wieder da an, wo seine größte Schwäche lag, bei Kuchen, Torten, Schokolade und Eiscreme. Er gründete eine Zen-Konditorei und die machte sich bald in New Yorker Gourmet-Restaurants einen Namen für allerfeinste Qualität. Der Gewinn schaffte die Möglichkeit, den Hunger der Strasse zu stillen. Doch Glassman wollte sich nicht nur ganz dem Nur-Kochen und -Backen hingeben sondern auch dem Hunger auf der Strasse. So begann für ihn eine weitere neue Praxis, das Strassen-Retreat unter Obdachlosen als Obdachloser. Der dort erfahrene Hunger nach Suppe, Dach über dem Kopf, Wärme, Arbeit, Geborgenheit liessen ihn weitere Sozialprojekte gründen: Obdachlosenwohnungen, Arbeitplätze, Kindergärten, ein Aids-Hospiz. usw. Aus dem Mathematiker, Zen-Mönch, Bäcker, Sozialarbeiter, Obdachlosen wurde ein erfolgreicher und selbst im "Wallstreet Journal" bewunderter Manager.
Und so entstand aus all seinen Erfahrungen mit Hunger, Nahrung erwerben, Zubereiten, Kochen, Servieren, Abräumen und Säubern das "grosse Menue des Lebens" und eine tiefe Einsicht in dessen Lehren. Die erste Summe dieser Erfahrungen ist nun niedergelegt in einem Buch: Anweisungen an den Koch - Lebensentwurf eines Zen-Meisters, erschienen bei Hoffmann und Campe Hamburg.
Ich habe schon viele Bücher über Zen gelesen, etliche haben mich verwirrt, einige überzeugt, daß es zen-gemässer ist, zu sitzen als zu lesen, andere haben mich tief beeindruckt oder gar wirkliche Einblicke eröffnet. Dieses Buch hat mich begeistert. Hier erzählt uns einer nicht nur: Zen ist "Wassereimer tragen", "Holz hacken", "Teller waschen", hier tut dies einer auch. Allerdings nicht auf dergleichen romantische Weise, sondern so modern wir unsere Welt heute ist. Mit Bernie Glassman wird Zen wirklich praktisch und gegenwärtig. Hier wird nicht eine jahrhundertealte exotische Suppe wiederaufgewärmt sondern ein westliches Menue frisch und absolut neu zubereitet.
Glassman Roshi, geschult in der Soto- und Rinzai-Tradition, intensiv erfahren in Shikantaza und Koan-Praxis, lehrt hier nicht Nonsens-Zen für frustrierte Philosophen, nicht Fitness-Zen für gestresste Manager oder Durchhalte-Zen für verhinderte Krieger, sondern er lehrt schlicht Lebens-Zen. Alles Leben ist Zen und Zen ist Alles zu leben. Ein erfülltes Leben mit den Bedingungen, wie wir sie hier und jetzt vorfinden.
Das Buch präsentiert uns ein Menue in fünf Gängen mit allen Zutaten. Die Zutaten nimmt es aus unserem Leben und unserer Mitwelt, die Gänge bieten einen abgerundeten Geschmack aus allen diesen Bereichen. Sie entsprechen den fünf Buddhafamilien und bilden ein Mandala der Ganzheit. Dieses Menue, komplett erstellt und genossen, ergibt ein wohlgenährtes, glückliches, erfülltes Leben.
Das Buch ist vom Verlag in zenartig schlichter und schöner Aufmachung herausgebracht, die Übersetzung gelungen. Nur einen Einwand habe ich, wenn die Ankündigung des Buches behauptet, Bernard Glassman sei einer der ersten Zen-Meister, die den Buddhismus handfest machen würden, er hole ihn aus seiner Zurückgezogenheit. Engagierter Buddhismus ist so alt wie der Buddhismus selbst, und angefangen bei Buddha selbst haben zahllose Lehrer und Zenmeister ihn handfest gelebt und gelehrt. Nur hat sich manches im Westen noch nicht so rumgesprochen, weil wir selbst noch zu sehr "hungrige Geister" sind. Glassman gibt uns ein Kochbuch, um uns nachhaltig zu nähren.
Franz-Johannes Litsch
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[Stand: Mai 2004]