Bernie Glassman kennt keine Grenzen

Interview in der Zeitschrift SHAMBHALA-SUN / Mai 1996


Mitten in der City von Yonkers, US-Staat New York, hat Roshi Bernard Glassman eine große Vision, ein großes Ziel und eine große Verpflichtung: allen Wesen in Not zu helfen. Wenn sein kühnes Experiment erfolgreich ist, wird es - so hofft er (mit einem Lächeln) - im ganzen Universum Nachfolger finden.

Melvin Mc Leod: Wie ist dieses einzigartige Projekt entstanden, das Sie Greyston Mandala nennen, diese Verbindung von Zen-Praxis, Sozialarbeit und interreligiöser Arbeit, die Sie mit so viel Energie vorantreiben?

Roshi Tetsugen Bernard Glassman: Ich hatte ein großes Interesse, bei meinem Lehrer Maezumi Roshi zu studieren, weil er ein sehr breites und durchdringendes Verständnis von Zen als der Gesamtheit des Lebens hatte. Ich fühlte mich aus verschiedenen Gründen von ihm angezogen, aber der zentrale Punkt war seine sehr deutliche Gleichsetzung von Zen mit Leben - ohne Grenzziehung zwischen beiden.

Das fasziniert mich noch immer. Einer der Gründe, warum ich das Studium der mystischen Judaistik aufgegeben habe, war das Gefühl, daß dort zu viele Grenzen errichtet worden sind - und nicht genug Türen. Und ich muß gestehen, daß ich auch innerhalb des Buddhismus vielen Lehrern begegnet bin, die Grenzen ziehen.

Melvin Mc Leod: Wenn Zen einfach Leben ist, wie kann man dann Spiritualität definieren?

Glassman Roshi: Spiritualität bedeutet, vom Standpunkt der Nicht-Dualität aus zu handeln. So ist für mich der Mittelpunkt des Mandalas - Vairochana Buddha - die formlose Form, der Zustand der Nicht-Dualität. Jede Handlung geschieht aus einem Zustand der Dualität heraus, aber wenn sie auf Nicht-Dualität basiert, dann ist sie eine spirituelle Praxis, ein spirituelles Mandala.

Ich setze also das Wort Praxis mit Nicht-Dualität gleich. Wenn ich Arbeits-Praxis sage, dann meine ich einfach Arbeit, eine nicht-dualistische Arbeit. Das macht sie spirituell, das macht sie zur Praxis. Wenn du aus einer dualistischen Haltung heraus meditierst oder um eine Einweihung bittest, dann ist das für mich keine Praxis. Es ist nicht spirituell. Es ist eine Kopie alter Verhaltensweisen.

Ich habe gerade etwas Interessantes darüber gelesen, warum der Bindestrich heute so wichtig geworden ist. Daß wir Dinge tun, aber uns eigentlich etwas ganz anderes wünschen. So arbeiten wir vielleicht und wünschen uns, daß diese Arbeit sinnvoll sein möge, daß sie eine spirituelle Praxis sein möge. So kannst du -Arbeit sagen - und durch einen Bindestrich läßt sie sich mit allem möglichen verbinden. Wenn du als Jude geboren wurdest und in der jüdischen Tradition stehst, bleibt doch immer noch eine Sehnsucht nach etwas anderem. Und auch wenn du in der tibetischen Tradition stehst, ist da eine Sehnsucht nach etwas anderem.

Ich denke nicht, daß das falsch ist. Viele versuchen, diese Bindestriche loszuwerden, aber ich denke, die Einheit allen Lebens sagt, daß indem wir uns entwickeln und mehr und mehr Dinge tun, es immer mehr Bindestriche geben wird. Deshalb wird der Bindestrich immer wichtiger, und wenn das, was dem Bindestrich folgt, Praxis ist, Praxis, dann kommt dadurch das spirituelle Element hinein. Es könnte auch andere Verbindungen geben, aber ich bin besonders daran interessiert, einen Bindestrich zur Spiritualität zu haben. Und für mich bedeutet Spiritualität Nicht-Dualität.

Melvin Mc Leod: Die Sozial-Unternehmen, die Sie in Yonkers ins Leben gerufen haben, können als bedeutsame, aber relativ konventionelle Projekte angesehen werden, um Menschen Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu geben und ihre Krankheiten zu heilen. Könnte man sagen, daß Sie sich noch in einer vorläufigen Phase befinden, wo Sie zunächst einmal etwas für das körperliche Wohl der Menschen tun, bevor Sie sie mit spiritueller Nahrung versorgen?

Glassman Roshi: Ja und nein. Ja, weil ich fest davon überzeugt bin, daß wenn jemand sehr hungrig ist, er zuallererst mal Nahrung braucht. Ich habe mit Koans gearbeitet, und im Koan wirst du selber zu jedem einzelnen Element des Koan. Wenn ich also mit hungrigen Menschen zu tun habe, werde ich selbst zu einem hungrigen Menschen und frage mich : Was brauche ich am dringendsten? Ich muß gar nicht sagen, was ich wirklich brauche. Wenn ich eine hungrige Person bin, dann weiß ich, daß ich etwas zu essen haben will.

Wenn wir die Metapher benutzen, hungrigen Menschen das Fischen beizubringen, anstatt ihnen einfach nur den Fisch zu geben, dann möchte ich, wenn ich erst mal was zu essen habe, auch lernen, wie man fischt, und ich möchte die Einheit des Lebens kennenlernen. All solche Dinge möchte ich dann machen. Aber es gibt auch einen zeitlichen Rahmen. Deshalb schaue ich bei den Projekten, die wir haben, mit wem wir da zusammenarbeiten, und versuche, mich in die Menschen oder in die Situation hineinzuversetzen, und frage mich: Was sind ihre Bedürfnisse?

Das wäre also ein Ja auf Ihre Frage. Das Nein auf Ihre Frage ist, daß ich das Buddhismus nenne. Das ist mein ganzes Training in Zen-Koans; wenn wir sagen, daß Zen Leben ist, daß wir im Augenblick handeln mit dem, was ist, dann ist das die Essenz des Buddhismus. Wenn da also ein hungriger Mensch ist, dann ist die Essenz des Buddhismus, ihm Nahrung zu geben.

Melvin Mc Leod: Aber haben Sie die Stufe der Versorgung mit materiellen Gütern schon hinter sich gelassen und können jetzt damit beginnen, den Dharma zu übermitteln?

Glassman Roshi: Nein, nein. Ich trenne nicht zwischen beiden.

Melvin Mc Leod: Aber wo ist dann der Unterschied zu irgendeinem Sozialarbeitsprojekt? Vielleicht gibt es keinen, und das ist überhaupt kein Problem...

Glassman Roshi: Es gibt einen in Bezug auf den Geist des Projekts. Hier ist der Schlüssel dazu: Wenn das, was du tust, auf Nicht-Dualität beruht, dann wird dein Handeln zur Lehre.

Melvin Mc Leod: Wie viele von Ihren 90 Beschäftigten praktizieren?

Glassman Roshi: Noch mal: Was ist ein Praktizierender? Ich denke, was wichtig ist zu fragen hinsichtlich der Menschen, die in unser Mandala kommen, ist, wie viele von ihnen dabei sind, ein Verständnis von der Einheit allen Lebens zu entwickeln. Wie viele verändern sich in Richtung Nicht-Dualität?

Wenn Sie wissen wollten, wie viele von ihnen eine Einweihung erhalten haben oder auf dem Kissen sitzen, ist das eine andere Frage. Und die ist für mich nicht so relevant. Für mich ist die entscheidende Frage: Wie viele entwickeln den Bodhi-Geist? Wie vielen gelingt es, ihr Leben zu transformieren, so daß sie über ihre eigenen Bedürfnisse hinweg die Einheit allen Lebens sehen können, das Miteinander-Verbunden-Sein allen Lebens? Ich denke, es sind viele. Und das ist es, was ich im Kontext der Arbeit, die wir machen, zu erreichen versuche.

Ich denke, was unser Modell von anderen sozialen oder kommerziellen Projekten unterscheidet, ist, daß die Basis die Buddha-Familie sein muß, die nicht-dualistische Familie. Und daß es sich auf eine Entwicklung des Bodhi-Geistes hin orientiert. Sonst ist es nicht mein Modell von Buddhismus.

Melvin Mc Leod: Erzählen Sie unseren Lesern etwas über Ihr Leben und wie es Sie bis zu diesem Punkt gebracht hat.

Glassman Roshi: Bernie Glassman wurde in Brooklyn in Brighton Beach geboren und wuchs in einer Umgebung von linksorientierten Sozialisten auf. Jüdische Herkunft, aber nicht religiöses, sondern eher kulturelles Judentum.

Ich war an Naturwissenschaften interessiert und - ich weiß nicht, ob Soziale Aktion das richtige Wort ist -, aber ich war sehr engagiert in der liberalen Bewegung. Tief in mir war der Wunsch, mit den Vorurteilen Schluß zu machen, die damals in den Städten und Gemeinden immer mehr zunahmen. Ich wuchs in ziemlich ärmlichen Gegenden auf, wo die Leute geschlagen wurden, weil sie schwarz waren, wo sie geschlagen wurden, weil sie Juden waren. Ich habe all das sehr intensiv wahrgenommen. Also, auf diese Weise bin ich aufgewachsen.

Ich interessierte mich schon sehr früh für Flugzeuge und besuchte eine Ingenieur-Schule in Brooklyn und später dann eine Technische Hochschule. Im College stieß ich durch Bücher auf das Zen. Einer der Lehrer, die mich beeinflußten, war Lewis Zukosky, der einer der Mentoren für Ginsberg und diese ganze Truppe gewesen war. Er war ein Dichter; ich weiß nicht, warum er an einer Ingenieur-Schule unterrichtete.

Ich beschäftigte mich mit vergleichender Religionswissenschaft, und als ich Huston Smith Ausführungen über Zen las, fühlte ich mich wie zuhause. Heute im Internet würden wir sagen, es war meine home page. Das war für mich wie Nach-Hause-Kommen. Es geschah unmittelbar, aber ich hatte vorher keine Kenntnis von dieser Welt, deshalb las ich, was ich nur darüber finden konnte. Das waren damals D.T. Suzuki und Alan Watts, das war 1958/59.

Melvin Mc Leod: Das war Karma, nicht wahr ?

Glassman Roshi: Nun, für einen Buddhisten ist alles Karma, würde ich sagen. Ja, es war nur eine Zeitfrage, bis ich auf diese Dinge stieß und herausfand, daß es genau der richtige Weg für mich war.

Meine ersten Bücher, die ich las, sagten mir nichts darüber, wie ich Zazen praktizieren sollte. Alan Watts sagte nichts darüber. Und auch D.T. Suzuki sprach damals nicht darüber. Als ich zum erstenmal etwas über Zazen las, hatte ich keine Lehrer und saß für mich allein. Dann habe ich in meiner Garage ein kleines Zendo errichtet und für mich selbst Retreats gehalten. Das war in den frühen 60er Jahren, und es gab überall eine Menge Drogen, aber ich war schon ziemlich intensiv im Sitzen. Obwohl ich also mitten in einer Gruppe von Leuten lebte, die auf Drogen waren, bin ich nicht davon beeinflußt worden. Ich denke, ich bin nicht auf diese Art Praxis hereingefallen, weil ich schon meine eigene Praxis hatte.

Für ein Jahr ging ich dann nach Israel. 1963 kam ich zurück und hörte, daß es einen Zen-Tempel in Los Angeles in Little Tokyo geben würde. Es gab da eine Gruppe von Leuten, die einmal in der Woche zusammen saßen, und einen jungen Mönch, der dem japanischen Roshi half. Dieser junge Mönch war Maezumi, der mein Lehrer werden sollte. Ich war 24 und er war 32, und zu jener Zeit wurde er noch nicht mal Sensei genannt. Er war nur ein junger Mönch und er sprach nicht sehr viel.

Ich verließ diese Gruppe, weil da nicht viel Englisch gesprochen und weil sehr lange nur einfach gesessen wurde - und ich dachte, ich könnte für mich allein sitzen. In dieser Zeit machte ich eine Erfahrung, in der ich das Gefühl hatte, verrückt zu werden, und deshalb hörte ich für ein Jahr mit dem Sitzen auf, fing aber später wieder an.

Einige Jahre später, um 1966/67 herum, nahm ich an einem Workshop von Yasutani Roshi teil, und der Übersetzer war dieser junge Mönch Maezumi, und sein Englisch war nun perfekt. Ich suchte nach einem Lehrer, und als ich Maezumi Englisch sprechen sah, ging ich zu ihm und fragte: Kann ich bei Ihnen studieren? Ich erfuhr, daß er ein Haus gemietet und gerade einen kleinen Zendo eröffnet hatte, und ich begann zu sitzen. Ich war irgendwie ein fanatischer Praktizierender in jenen Tagen und war fast jeden Tag dort im Zendo.

Melvin Mc Leod: Neben Maezumi Roshis beeindruckender Gestalt, was an ihm hat Sie außerdem angezogen?

Glassman Roshi: Es war nicht nur seine beeindruckende Gestalt, es war auch die Betonung von Klarheit. Es war die Betonung der Tiefe seiner Klarheit und der Breite seiner Aktivitäten, die mich wirklich fesselte. Ich hatte das Gefühl, immer etwas von ihm lernen zu können. Ich fühlte diese Tiefe und Breite, so lange ich bei ihm studierte. Ich spürte diese Dinge in ihm und schätzte seine Forderungen so sehr, daß ich nun selbst in diese Richtung gehe.

Melvin Mc Leod: War er hart?

Glassman Roshi: Nicht zu mir. Einige Leute sagen, daß er sehr hart war, aber nicht zu mir. In gewisser Hinsicht waren wir eher wie Liebende, denke ich.

Melvin Mc Leod: Wie kamen Sie zurück zu einer Betonung von sozialer Aktion?

Glassman Roshi: Die hab ich nie verloren. Ich war immer interessiert an sozialer Aktion. Ich war immer interessiert an Wissenschaft. Ich war immer interessiert an interreligiöser Arbeit. All dies ist nicht neu.

Vor einigen Jahren hatte ich eine große Erfahrung, in der ich fühlte, daß überall hungrige Geister sind, und ich habe ein Gelübde abgelegt, daß ich daran arbeiten werde, ihnen allen Nahrung zu geben. Das ist ein großes Versprechen, aber es bedeutet, daß ich in all diesen Bereichen tätig werden muß.

Melvin Mc Leod: Sahen Sie buchstäblich hungrige Geister oder sprechen Sie von Menschen als hungrigen Geistern?

Glassman Roshi: Es war die Sicht von allem und jedem als hungrige Geister. Es war eine buchstäbliche und eine bildliche Erfahrung. All die unterschiedlichen Formen von Begierde und all die Wesen um uns herum zu sehen.

Das ist mein Hauptthema geworden. Meine wichtigste Zeremonie heißt Das Tor des süßen Nektars, eine Zeremonie, in der wir alle hungrigen Geister einladen, in unser Mandala zu kommen, und wir geloben, den Bodhi-Geist zu entwickeln, um sie zu nähren. Grundnahrung bedeutet, den Bodhi-Geist zu entwickeln. Das ist die einzige Nahrung, die uns wirklich befriedigen kann. Aber es bedarf vieler Schritte, die notwendig sind, um den Bodhi-Geist entwickeln zu können.

1979, bevor ich nach New York kam, um die Zen-Gemeinde zu gründen, trafen wir uns im Haus eines der Studenten, um darüber zu sprechen, wie die Gemeinschaft aussehen sollte. Und ich beschrieb die 5 Buddha-Familien und die interreligiöse Arbeit und die Sozialarbeit; ich beschrieb, was ich hier dargestellt habe.

Melvin Mc Leod: Wenn Nicht-Dualität vom Zentrum des Mandalas ausgeht, könnte man sagen, daß das Prinzip der Buddha-Familie von Ihnen als dem Lehrer ausgeht?

Glassman Roshi: In mancher Hinsicht von mir als dem Gründer, ja, aber es arbeiten auch andere hier, die dies genauso verstehen. Dann sind da andere Lehrer oder andere Menschen, die es reizt, dies zu tun und die sehen wollen, ob es wirklich geschehen kann, und dann werden sie ein Teil des Mandalas. Und bis zu einem gewissen Grad ist da die ganze Umgebung: Wenn wir eine Umgebung schaffen, in der dies möglich ist, dann wird die Umgebung selbst zum Lehrer.

Das Aufregende an all dem ist, daß mit dem nicht-dualistischen Verständnis des Geistes neue Fähigkeiten entwickelt werden müssen. So mußten wir unsere Visionsgruppe - wir nennen sie das Office des Mandalas - fragen, ob unsere Arbeit sich vielleicht so entwickelt, daß sie nicht mehr auf das Erwecken des Bodhi-Geistes ausgerichtet ist. Bewegen sich die Unternehmen, die wir gründen, oder die sozialen Projekte in eine Richtung, die nicht auf Nicht-Dualität basiert?

Das ist eine sehr schwierige Sache. Können wir Dinge schaffen, die eine wirkliche Nicht-Dualität in ihrer Infrastruktur und ihrer Umgebung haben, so daß sie dazu beitragen, andere Dinge in die richtige Richtung zu bewegen? Es ist fast so wie ein Kloster zu gründen, um den Übenden, die dorthin kommen, zu helfen, ihre Praxis zu vervollständigen. Verschiedene Lehrer in verschiedenen Traditionen haben verschiedene Wege entwickelt.

Melvin Mc Leod: Die Übenden, die in Ihr Kloster kommen, sind also die Menschen, die in Not sind?

Glassman Roshi: Ja. Unser Kloster ist unsere Gemeinschaft. Als ich zum erstenmal hierher kam, habe ich von einem Kloster der Straßen gesprochen.

Melvin Mc Leod: Meinen Sie die ganze Gemeinschaft, das ganze Mandala von Yonkers?

Glassman Roshi: Die ganze Gemeinschaft. Offensichtlich werden die Menschen, die zu uns kommen, in unser Mandala hineingezogen, aber das hört hier ja nicht auf. Menschen sprechen miteinander, sie schauen sich an, was hier geschieht, Leute kommen, um Interviews zu machen, Fernsehaufnahmen. Wenn das Modell, das wir geschaffen haben, gut ist, wird es nachgeahmt. Wenn nicht, wird es zerfallen.

Melvin Mc Leod: Und wie weit wird diese Gemeinschaft wachsen oder dieser Einfluß zurückstrahlen?

Glassman Roshi: (Lächelt) Ich hoffe, auf die ganze Welt, auf das ganze Universum. Ich habe gelobt, alle hungrigen Wesen zu nähren. Sie sind überall.

Melvin Mc Leod: Sie haben tatsächlich ein Gebäude der Kath. Kirche und damit auch einige ihrer traditionellen Aufgaben übernommen, die sie vielleicht nicht länger erfüllen kann. Der Buddhismus selbst verfügt ja nicht über eine sehr starke Tradition des sozialen Engagements.

Glassman Roshi: Wissen Sie, ich habe diese Art von Einschätzung schon oft gehört, aber ich verstehe sie wirklich nicht. Mir scheint, daß jede Religion und jede spirituelle Praxis etwas mit sozialer Arbeit zu tun hat.

Ich weiß nicht, wo Ihre Ansichten über den traditionellen Buddhismus herkommen, um ehrlich zu sein. Ich weiß nur, daß die ersten Menschen, die in diesem Land über Zen sprachen, keine Ahnung hatten, was Zen überhaupt ist. Die Leute, die ich traf, sprachen über Zen und waren nie in Japan gewesen. Was sie hatten, waren die Schriften von D. T. Suzuki, die Schriften von Alan Watts und ein oder zwei Zentren in Nordamerika, und aus all dem schöpften sie ihr Wissen über Zen. Sie hatten keine Ahnung über die Breite und Tiefe von Zen. Es gab Zeiten, da lagen die Krankenhäuser, die Altersheime, die Schulen alle in buddhistischen Klöstern. Man ging dorthin. Sie waren nicht getrennt von den Klöstern.

Der japanische Zen hat sich in jüngster Zeit nicht in Sozialarbeit engagiert, aber der Gründer der Shingon-Sekte wird als sozialer Reformer seiner Zeit angesehen, und es gibt eine große buddhistische Sekte in Japan, die nichts anderes tut als Sozialarbeit.

Melvin Mc Leod: Sie fühlen sich also fest in buddhistischer Tradition stehend?

Glassman Roshi: Was mich außerdem stört, ist, daß in verschiedenen Interviews und Diskussionen Buddhisten dazu gebracht werden, sich dafür zu entschuldigen, daß sie Sozialarbeit machen. Es ist für mich unvorstellbar, zu denken, daß Sozialarbeit auf irgendeine Weise als nicht-spirituell verstanden werden kann. Daß irgendeine der spirituellen Traditionen sich nicht auf die eine oder andere Weise in Sozialarbeit engagiert. Es ist karuna, Mitgefühl. Daß wir auch nur so denken könnten, halte ich für vollkommen sinnlos. Daß eine spirituelle Tradition lediglich den Aspekt der Weisheit oder den Aspekt der Disziplin verkörpert und das Mitgefühl draußen läßt - ich weiß nicht, wie jemand so etwas schaffen kann. Es funktioniert nicht.

Melvin Mc Leod: Man kann Ihre erstaunliche Fähigkeit, Projekte ins Leben zu rufen und finanzielle Mittel aufzutun, nur bewundern, aber verfügen Sie auch über eine Gemeinschaft in Ihrer Umgebung, die stark genug ist, solch riesige Unternehmen zu tragen?

Glassman Roshi: Sicher. Und wieder ist der Grund dafür, daß ich das nicht lokal betrachte. Um es anders zu sagen: die Frage ist, ob es genug Menschen auf der Welt gibt, die daran interessiert sind, ein buddhistisch inspiriertes Mandala sich zu voller Blüte entfalten zu sehen - und ich denke, die Antwort ist ja. Weiß ich, wo sie alle in diesem Augenblick sind? Nein.
Als wir zum Beispiel mit der Einrichtung für AIDS-Kranke anfingen, hatten wir nicht genügend finanzielle Mittel und auch keine Leute, die das machen konnten. Aber dann kamen wunderbare Menschen und schlossen sich uns an. Als ich mit der Arbeit für Obdachlose begann, hatten wir weder die Mittel, noch die Leute, um all die Arbeit zu machen. Aber als es dann losging, waren sie aufeinmal da.

Ich glaube wirklich an das Miteinander-Verbunden-Sein allen Lebens. Deshalb sehe ich keine Begrenzung. Ich werde angetrieben durch die Not und nicht dadurch, welche Mittel mir zur Verfügung stehen. Wenn ich Not sehe, dann eröffnen sich plötzlich neue Bedingungen. Wenn die Mittel, die ich habe, sehr gering sind, aber die Not groß ist, dann arbeite ich an dieser Not und alle erforderlichen Zutaten sind aufeinmal da, mehr Mittel kommen herein.

Melvin Mc Leod: Was ist das Geheimnis Ihrer Fähigkeit, Gelder zu beschaffen, die in der amerikanischen buddhistischen Welt beispiellos ist? Ist es, daß Regierungsstellen und private Spender und potentielle Unterstützer auf die Ernsthaftigkeit Ihrer Verpflichtung reagieren, Verantwortung für die Nöte der Menschen zu übernehmen und den hungrigen Geistern Nahrung zu geben?

Glassman Roshi: Das kann sein. Ich denke, es ist einfach da. Aber ein anderer Faktor ist, daß ich wirklich glaube, daß ich das alles im einzelnen gar nicht steuern muß. Ich muß nicht der Boß sein, und ich denke die Leute erkennen das und dadurch kann alles leichter fließen. (...)

Ich denke, meine Verpflichtung ist sehr ernsthaft, daß ich dienen und geben will. Ich will nicht einfach nur nehmen. Die Menschen spüren das, und daraus entsteht Vertrauen und Zuversicht. Ich habe schon oft gesagt, daß ich daran interessiert bin, anderen Gemeinschaften bei ihrer Arbeit zu helfen. Was kann ich ihnen sagen? Das Problem ist, daß das, was ich zu sagen habe, nicht jeder hören will: daß du, um die Arbeit zu machen, nicht voraussetzen kannst, daß du das Sagen hast. Ihr müßt mit anderen zusammenarbeiten, Koalitionen suchen. Es ist die Padma-Energie im Mandala. Die Padma-Energie und die Buddha-Energie sind sehr wichtig, und nicht jeder will damit zu tun haben. (...)

Melvin Mc Leod: Es ist wirklich sehr schwer, sich um andere zu kümmern...

Glassman Roshi: In meiner Tradition und aus meiner Erfahrung heraus ist es nicht das Sorgen für andere - sondern du sorgst für dich selbst. Es bedeutet, die Verwirklichung der anderen zu deiner eigenen Sache zu machen. Das ist wichtig.

Wenn deine Hand blutet, ist es nicht schwer, sich darum zu kümmern. Du sitzt dann nicht herum und sagst: Soll ich etwas tun oder nicht? Aber wenn du deine Hand als etwas von dir Getrenntes erlebst, dann kannst du dich fragen: Soll ich etwas tun oder nicht?

Das ist also der Schlüssel. Der Schlüssel nimmt die Einheit allen Lebens wahr durch diese Erfahrung. In der Zwischenzeit ist alles, was du tun kannst, zu sagen: Ja, von meinem Verstand her möchte ich das tun. Aber es ist nicht dasselbe.

Das ist also ein Grundbestandteil, und darin liegt für mich die Bedeutung des Buddhismus, der Erleuchtung. Das ist eine qualitative Veränderung, und die Qualität dieser Veränderung bedeutet, du kannst nicht davon loskommen, für andere zu sorgen, weil du für dich selbst sorgst.

Melvin Mc Leod: Ihr jüngstes Projekt ist die Gründung eines neuen Ordens von ordinierten Sozialaktivisten, die sich Friedens-Priester (Peacemaker Priests) nennen. Das ist eine verwegene Idee.

Glassman Roshi: Ich habe sehr intensiv darüber nachgedacht, was es bedeutet, ein Laie und was es bedeutet, ein ordinierter Priester zu sein. Mein Gefühl war, daß die Zeit dafür reif ist, einen Orden von Priestern zu haben, deren Aufgaben mit der Zen-Praxis und der Praxis der Sozialarbeit zu tun haben, und dies von anderen Priestern zu unterscheiden, deren Hauptaufgabe im Leiten eines Klosters oder Tempels besteht. Die Haupttätigkeit dieser Menschen wird Sozialarbeit in der einen oder anderen Form sein.

Das entwickelte sich, weil es eine bestimmte Person gab, die darum gebeten hatte, als Priester für einige Jahre ordiniert zu werden, und mir war nicht klar, warum. Diese Person wollte nicht das Leben und Arbeiten in einem Kloster auf sich nehmen. Er führte ein bewegtes Leben, und Teil dieses Lebens war ein sehr starkes Engagement in Sozialarbeit. Und es wurde mir schließlich klar, daß der einzige für ihn sinnvolle Weg, seine Verpflichtung für den Dharma zum Ausdruck zu bringen, darin bestand, die Robe zu tragen und ein Sozialarbeiter zu sein.

Es war zunächst nicht klar, wie dieser "Behälter" aussehen würde, bis eine dringende Bitte an mich herangetragen wurde und ich fühlte, daß es richtig war, es zu tun. So wie ich es oft in meinem Leben getan habe, ich machte diesen Schritt, und nachdem ich ihn getan hatte, kamen einige andere, die Sozialarbeiter waren, und sagten, daß sie auch gerne auf diese Weise ordiniert werden möchten.

Melvin Mc Leod: Könnte diese Ordination ein Ausdruck ihrer tiefen Verpflichtung sein?

Glassman Roshi: Sie handelten schon so, wie ich mir vorstellen würde, daß eine ordinierte Person und ein Sozialarbeiter handeln sollten. Sie schienen sehr stark dem Dharma verpflichtet zu sein. Eine Person, die von Ihrer Shambhala

Tradition beeinflußt ist, ist Fleet Maull, der als Gefangener im Krankenhaus arbeitet. Er schrieb: Ich hörte, daß Sie dies tun, und es ist genau das, was ich auch tun will. Ich sah ihn an und sagte: Nun, du tust es ja schon. Also, für mich ist er ein echter Friedens-Priester. Ein anderer, der sich von mir auf diese Weise ordinieren ließ, ist Claude Thomas.

Da waren also sehr schnell drei Leute, die dieser Idee Konturen gaben. Dann habe ich es mit einem Jesuiten und mit der Oberin eines kath. Ordens diskutiert, die beide Zen-Lehrer in meiner Linie und sehr engagiert in Sozialarbeit sind. Ihnen gefiel diese Idee, wir dachten also an einen interreligiösen Friedens-Orden, in dem die Friedens-Priester in ihrer eigenen Tradition ausgebildet werden und zusammen in sozialen Projekten arbeiten. So weit sind wir inzwischen gekommen, und im Dezember werden einige kath. Priester in den Friedens-Orden eintreten.

Melvin Mc Leod: Wie wünschen Sie sich, soll das "Greyston Mandala" in zehn Jahren aussehen?

Glassman Roshi: Ich hoffe, in zehn Jahren wird es für jeden, der hier herumgeht, sehr augenfällig sein, daß dies ein buddhistisch inspiriertes Mandala ist. Daß das, was hier passiert, dazu beiträgt, den Buddha-Geist zu entwickeln.

Wenn das geschieht, werde ich sehr glücklich sein, weil es bedeutet, daß es sich über diesen Ort hinaus ausbreiten kann. Die Menschen werden kommen, etwas fühlen, wieder weggehen und es selbst tun. Nach meiner Ansicht kann etwas, das dazu beiträgt, den Buddha-Geist zu entwickeln, nur zur Verbesserung einer Situation führen. Die Menschen werden das erkennen und verinnerlichen.

Das ist also meine größte Hoffnung: daß in zehn Jahren wirklich sichtbar wird, daß du es spürst, daß sich etwas hier entfaltet. Wenn du in einen Tempel oder in ein Kloster gehst, dann spürst du, daß da etwas passiert. Du weißt, daß irgendetwas anders ist. Ich möchte, daß hier etwas anders - und doch gleich ist. Daß es eine ganze Gemeinschaft ist und doch anders.

In diesem Kontext wirst du alle möglichen Dinge sehen. Du wirst ein Altersheim sehen und Schulen und alle möglichen Einrichtungen dieser Art. Und du wirst auch, was ich Mystisches nenne, sehen, Praktizierende aus vielen Traditionen. Wir haben schon jetzt in dem kleinen Block, in dem ich lebe, ein Haus der Zen-Priester, ein Haus der Sufis und ein Haus der Pfingst-Gemeinde, wo der Priester Zazen praktiziert. Das gibt es bereits in dem Block genau gegenüber der Stelle, wo unser erstes College entstehen soll, und in zehn Jahren wirst du hier Yogis und Hindus verschiedener Sekten sehen und alle Arten von Buddhisten.

Melvin Mc Leod: Dies ist eine große Vision, und bisher gibt es nur Sie und eine kleine Gruppe von Leuten - nach weltlichen Maßstäben gemessen. Aber offensichtlich sind Sie ganz zuversichtlich, daß Sie es verwirklichen können. Woher kommt diese Zuversicht?

Glassman Roshi: Oh, ich war ein Nachkömmling und hatte vier ältere Schwestern, die mich liebten (lacht). Ich war ein verwöhntes Baby mit vier älteren Schwestern.

Es ist nicht so sehr Zuversicht. Ich meine, ich habe tatsächlich Zuversicht, aber ich habe zugleich keinerlei Erwartungen. Deshalb fühle ich mich nicht schlecht, wenn etwas nicht so geschieht, wie ich es mir gewünscht hätte. Als ich 1980 hierher kam, wollte ich ein interreligiöses Zentrum haben, das all diese funktionierenden Häuser hat. Aber es klappte nicht. Die Zeit war nicht reif dafür. Es fängt jetzt langsam an. Das ist 15/16 Jahre später.

Setzt euch für eure Sache ein und regt euch nicht auf, wenn es nicht klappt. Wenn ihr davon überzeugt seid, wird es gelingen, ob es nun hundert oder tausend Jahre dauert oder zwei Kalpas. Das macht nichts. Aber das heißt nicht, daß ihr nicht all eure Energie hineinstecken müßt.

Übersetzung aus dem Englischen von Elisabeth Bellermann

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