Kiran Bedi ist Schülerin des indischen Vipassana-Lehrers S.N.Goenka. Sie wurde vor einigen Jahren weltweit bekannt dadurch, dass sie im grössten Gefängnis Indiens statt Gewalt, Zwang und Bestrafung buddhistische Vipassana Meditation (Einsicht in den eigenen Geist), gesunde Ernährung und Selbstverwaltung einführte. Unter den Gefangenen war sie damit sehr erfolgreich und beliebt. Doch die Gegner solcher Überwindung der Kriminalität, wie sie der Inder Gautama Buddha schon vor 2500 Jahren vorgeschlagen hatte, erwirkten, dass sie Ihres Amtes enthoben wurde. Heute hat sie einen neuen Arbeitsbereich gefunden, den Umweltschutz und ist darin nicht weniger revolutionär und erfolgreich wie ehemals. Sie beweist damit hervorragend die befreiende Kraft eines befreiten Geistes.



Die Frankfurter Rundschau vom 21. Oktober 1997


Müll ist guter Boden für kreative Reformen

Kiran Bedi, Umweltbeauftragte aus Neu-Delhi bekommt heute den Joseph-Beuys-Preis


Von Thomas Wolff


Kleinholz und verbogene Kleiderbügel, alte Turnschuhe und Joghurtbecher - das Förderband schleppt scheppernd einen hübschen Querschnitt deutschen Konsummülls quer durch die Sortierhalle. Flörsheim-Wicker, Recyclinghof der Abfallentsorgungsanlage: Nicht gerade der Ort, an dem der Frohsinn regiert. Doch Kiran Bedi ist verzückt. Immer wieder blitzt sie mit ihrer Kamera durch die Halle, um jedes Maschinendetail, jeden zusammengepreßten Schrotthaufen festzuhalten. "Alles sehr, sehr nützliche Informationen", nickt sie den Sortierern freundlich zu. Daheim, in Neu Delhi, warten auf die Umweltbeauftrage des Gouverneurs schließlich zwischen 6000 und 10 000 Tonnen Müll - jeden Tag.

Ein Irrsinnsjob? "Es ist der beste Job, den man haben kann: die Natur zu bewahren", sagt Bedi. Soziales Engagement ist schließlich ihr Lebenselixier. Wie schon bei ihrem vorgehenden Job: Als General Officer des Tihar Gefängnisses, mit knapp 10 000 Insassen die größte Haftanstalt in Asien, setzte sie dort radikale Reformen durch - heute gleicht die Anstalt eher einer Schule. Für ihre "ganz unkonventionelle und schöpferische Weise" bekommt Bedi heute abend in Frankfurt den mit 25 000 Franken dotierten Joseph Beuys-Preis der Schweizer Beuys-Stiftung verliehen.

Nein, von Beuys habe sie vorher noch nicht viel gehört, gibt Bedi zu. Aber die Idee einer "Sozialen Skulptur", die ihr die Stiftung nahebrachte, empfindet sie als "bemerkenswerten Ansatz". Auf die kreative Kraft der Mitmenschen zu bauen: Nichts anderes hat die 48jährige ihr Leben lang getan.

So hat sie, die als erste Frau 1972 das Studium an der Polizei-Akademie in Neu-Delhi aufnahm, auch ihren Staatsdienst stets als soziale Verantwortung begriffen. "Polizeiarbeit ist eine Mission, nicht ein Job" - das mag pathetisch klingen. Doch Bedi kann die großen Worte durch ganz praktische Erfolge untermauern. Die Insassen von Tihar ermutigte sie binnen zwei Jahren, selbst die miserablen Verhältnisse im Knast zu bessern. "Es gibt dort so viele gebildete Leute unter den Kriminellen: Rechtsanwälte, Professoren, Geschäftsleute - sie alle wurden hier zu Lehrern." Und brachten den anderen Insassen Lesen, Schreiben, Fremdsprachen und Rechtsgrundlagen bei. "Jeden Morgen von neun bis elf Uhr wurde der Gefängnishof zu einer Freiluft-Schule." Das Wort "Gefängnis" ließ Bedi schließlich mit "Ashram" überpinseln.

Meditationsräume, Sprachkurse, selbstgezogenes Gemüse: Reform-Ideen, "von denen einige auch hierzulande funktionieren könnten", sagt Bedi. Die ansonsten ihren zweitägigen Besuch dazu nutzt, um selbst an Wissen mitzunehmen, was sie für ihre Leute in Indien nur gebrauchen kann. Im Frauengefängnis in Preungesheim, oder eben auf der Deponie in Wicker. Getrennter Müll? Grüner Punkt? Rings um Delhi "gibt es nur drei große Deponien, auf die alles einfach draufgeworfen wird" - und der Platz "wird allmählich eng".

Da muß Bedi schon zur Eile mahnen. Geschäftsführer Gerd Mehler, verantwortlich für Entsorgung in Wicker, hat größte Mühe, mit der Neugier der Besucherin Schritt zu halten. Müllkalender für jeden Haushalt? Kostenloser Humus für die Bürger? "Yes", nickt sie wieder freundlich, aber bestimmt, "genau so müssen wir's anpacken." 4000 Tonnen organischer Abfall in Delhi - "da kriegen wir 1000 Tonnen Dünger 'raus." Jetzt müssen nur noch die Bürger und der Gouverneur überzeugt werden.

Doch, doch: Das wird sie schon hinbekommen, lächelt Bedi - und baut schon wieder zielstrebig an ihrer nächsten Sozialen Skulptur.

weitere Informationen auch hier


 




Copyright 2004 ©  by Netzwerk engagierter Buddhisten
Mai 2004