Bangladesh-Hilfe München:
Noch immer trage ich ein Stück der Stille und Weite des statistisch so übervölkerten Bangladesh's in mir. Selbst in den Millionenstädten Dhaka und Chittagong, im Rikscha-Stau und beim Gehupe der altertümlichen, qualmenden Busse war mein europäischer Streß abgefallen. Es war schon beim ersten Schritt aus dem modernen Flughafengebäude des ZIA International Airports in Dhaka, daß eine unerklärliche Ruhe und Gelassenheit über mich kam. Der Körper war gefordert bei der Hitze und Feuchtigkeit, und bei dem Holpern und Rütteln auf den Motorrad- oder Fahrrad-Rikschas. Aber der Geist fand Ruhe, Konzentration und Frieden.
Meine diesmalige Reise im November 1993 nach Bangladesh hatte zwei Gründe: Zum einen kam ich, um das begonnene soziale, caritative Werk der Buddhistischen Gesellschaft München (BGM) fortzuführen, die bisherige Arbeit der Mahamondal Welfare Organisation (MWO) zu begutachten und mich über weitere Hilfsmaßnahmen zur Selbsthilfe vor Ort zu informieren, neue Möglichkeiten zu diskutieren.
Der zweite Grund war der Meditationsmeister Ven. Prajnajyoti Mahathero, den ich auf meiner ersten Reise im Januar 1992 kennen und schätzengelernt hatte, und von dem ich noch viel erfahren und lernen wollte. Mein Eindruck von damals hat sich vollauf bestätigt. Er ist ein strenger Lehrer, der viel Willen, Krafteinsatz und Disziplin von mir forderte. So kämpfte ich während des Meditationskurses gegen meinen inneren Schweinehund, gegen Faulheit, Schläfrigkeit, Stolz, skeptischen Zweifel und gegen die Flut meiner Gedanken, die mich immer wieder unbemerkt in die Unachtsamkeit entführten. Aber der Meister wurde mir auch zum liebevollen, wohlwollenden und fürsorglichen Dhamma-Vater - und mich nannte er "Muni", was in Bengali ein Kosenamen für das geliebte Töchterchen ist. Er gab mir alles: sein Wissen, seine Erfahrung, seine Güte, sogar die Übertragung seiner Verdienste mußte ich annehmen, und natürlich viele persönliche Geschenke...
Ich hatte brieflich den Wunsch geäußert, während meines gut dreiwöchigen Aufenthalts in Bangladesh auch Belehrungen dieses Meisters zu erhalten und an einem stillen Ort zu meditieren. Daraufhin hatte man eigens für mich einen 10-tägigen Meditationskurs organisiert. Als Ort hatte man das kleine "Meditationszentrum und Altenheim" beim Dorf Gohira gewählt. Die Alten wurden in den großen Dorftempel ausquartiert, nur noch die zwei Sramans (Novizen) blieben dort wohnen, um uns zu versorgen und zu bedienen. Wir: das waren der Meditationsmeister, ein ausgezeichnet Englisch sprechender, gebildeter junger Mönch und Student (der für mich übersetzen mußte, da der Meister selbst nur wenig Englisch spricht) und ich. Aber ein ganzes Organisationskomitee war mit uns beschäftigt, ja das ganze Dorf hielten wir auf Trab. Die Dorfbewohner versorgten uns morgens und mittags rührend mit wahren kulinarischen, vegetarischen Köstlichkeiten, nachmittags und abends noch mit Getränken und "erlaubten" Süßigkeiten - denn auch ich hatte die 8 "precepts" genommen. Für die Dauer meines Kurses war extra ein Aufpasser angestellt worden, der den Eingang bewachte und Hunderte von Schaulustigen fernhielt. Denn ich war die Sensation, eine Ausländerin, eine weiße Frau, die aus Europa hierher aufs Land gekommen war, um bei den Buddhisten Bangladeshs Meditation zu lernen.
Zuerst lernte und praktizierte ich drei Tage Kayanupassana, die Betrachtung der 32 Teile des Körpers, um die Vergänglichkeit (anicca) und vor allem die Nicht-Persönlichkeit (anatta) tief zu durchschauen. Manchmal kam ich mir dabei vor wie ein mittelalterlicher Medizinstudent oder wie ein wandelndes Gerippe bei seiner Anweisung zur Gehmeditation: "walking like a skeleton". Danach folgten 7 Tage Vipassana. Nun, ich habe schon viele Meditationskurse, Seminare und Retreats mitgemacht, aber so intensiv mußte ich noch nie und habe ich noch nie praktiziert. Rund um die Uhr war alles einbezogen: sitzen, gehen, stehen, liegen, bewegen, sprechen, essen, sich waschen, die Notdurft verrichten..., ja sogar im Schlaf sollte ich mich um eine achtsame Haltung und Körperstellung bemühen. Der Tag begann um 4 Uhr und endete frühestens um 10 Uhr abends, mal aber auch erst um 1/2 2 in der Nacht, denn abends, sobald es dunkel wurde, begannen die Gespräche und Teachings, Fragen und Antworten zur Praxis, Dhammabelehrungen und eine Unzahl von erläuternden Suttas, Jataka-Geschichten und Legenden... Schier unerschöpflich, sein Wissen! Ich habe sehr viel gelernt in diesen Tagen der Achtsamkeit und vollen Bewußtheit, auch über mich und meine inneren Widerstände, mich ganz zu öffnen, zu vertrauen... Nie konnte ich mich gehen oder hängen lassen - als einzige Schülerin war ich ständig unter der Kontrolle des wohlmeinenden, strengen Lehrers, oder mußte zumindest damit rechnen. Und er merkte genau, sobald ich z.B. in der Gehmeditation (die in der zugehörigen Palmenplantage stattfand) nur mehr automatisch, aber nicht mehr bewußt, absichtsvoll, achtsam und konzentriert ging, und dann kam auch schon die Ermahnung aus dem Hintergrund zu "mindfulness" und "awareness". Es waren harte, aber gute, einsichtsreiche Tage.
Wir sind dabei, mit und für diesen Meditationsmeister, den Ehrwürdigen Prajnajyoti Mahathero, ein "internationales Meditationszentrum" zu gründen. Hierfür wurde ein Stück Land im (Ur-) Wald nahe dem traditionsreichen, buddhistischen Dorf Mahamuni gekauft, auf dem jetzt erstmal einige einfache Hütten in traditioneller Bauweise (gestampfte Erde, Lehm, Bambus und - statt Stroh - Wellblech fürs Dach) errichtet werden sollen, in denen Mönche und Meditierende wohnen können. Die Meditationskurse in Bangladesh sind sehr gefragt und gut besucht, viele Menschen, auch Jugendliche, haben echtes Interesse. Auch das Mönchsleben hat dank der vielen guten Lehrer und Vorbilder die letzten Jahre wieder sehr an Anziehungskraft gewonnen. Selbst einige junge Moslems möchten die Meditationspraxis erlernen und die Philosophie, die dahinter steckt. Die buddhistische, gläubige Dorfbevölkerung Mahamunis freut sich und bedankt sich jetzt schon für die Möglichkeit, zukünftig die Meditierenden und ein paar "residental Bhikkhus" verpflegen und unterstützen zu können. Das DANA-Prinzip (großzügiges Geben) ist noch ganz lebendig hier und wird gelebt. Und, da - wie der Buddha erklärt - das Dhamma die höchste Gabe ist: wollen wir nicht dazu beitragen, daß das Dhamma gelehrt und praktiziert werden kann, auch und gerade im bettelarmen Bangladesh?
Gegen Ende meines Meditationskurses fand in dem Dorfkloster ein großes Fest, die "Kathina Celebration" (robe offering ceremony) statt und man wollte mich unbedingt als Ehrengast vorstellen. (Entsprechend uralter Tradition, die bis auf den Buddha selbst zurückgeht, werden den Mönchen zum Ende der Regenzeit neue Roben geschenkt - die Laienanhänger des jeweiligen Klosters sorgen dafür. Zu diesem Anlaß wird ein Fest organisiert, alle Mönche werden großzügig gespeist und beschenkt, es finden Ansprachen, Rezitationen und Belehrungen statt.) Nach langem Hin und Her willigten mein Meditationslehrer und ich ein mit der Bedingung, daß ich abgeholt, gebracht, beschützt und nicht gestört würde; und ich bekam Anweisungen, wie ich mich zu verhalten habe, was ich in einer kurzen Ansprache in etwa sagen solle. Es war dann alles wie in einem Traum. Man holte mich und eine weißgekleidete Begleiterin mit einer Rikscha (die auf dem unwegsamen Pfad vorsichtig geschoben werden mußte) und ehrte mich wie eine Heilige. Gerne hätte ich bei dem buddhistischen Fest ein bißchen rumgeschaut und die Menschen beobachtet und in ihre Gesichter geschaut. Aber ich hatte Order, nicht aufzuschauen, niemanden anzuschauen. Hunderte, wenn nicht gar tausend Menschen müssen dagewesen sein - aber ich hab's nicht gesehen. Auch bei meiner Ansprache, die von Englisch in Bengali übersetzt wurde, redete ich ruhig, langsam und achtsam, ohne ins Publikum jenseits des Mikrofons zu schauen. Andächtiges Zuhören und Staunen, Freude darüber, dem Gast aus dem fernen, reichen Europa was bieten zu können, und über die paar Pali-Redewendungen in der gemeinsam verstandenen Sprache des Buddha.
Ich habe vor und nach dem Meditationskurs noch viele solcher Kathina-Zeremonien mitgemacht, die größte im Chittagonger Stadt-Tempel selbst. Vielleicht an die 100 Mönche, auch die bekanntesten, ehrwürdigsten aus Bangladesh waren gekommen und Tausende von gläubigen Menschen, umgeben von einem Gemisch aus Andacht und Jahrmarktsstimmung. Hinter dem Zaun und draußen auf der Straße weitere Menschenmassen, die lauschen und schauen: fast alles interessierte Moslems. Die Polizei, die vorsorglich anwesend war, hatte diesmal nichts zu tun, alles ging friedlich und harmonisch ab - was nicht immer der Fall ist im islamischen Bangladesh. Leider hörte ich wieder viel vom Leid der buddhistischen Minderheit, von Menschenrechtsverletzungen und von blutigen Vorfällen. Sie sprechen ungern darüber, auch aus Angst vor der gewaltigen Übermacht der Moslems. Sie nehmen ihr Schicksal lieber selbst in die Hand, halten in ihren Dorfgemeinschaften zusammen und haben da schon Beachtliches geleistet. Während meiner Besuche staune ich immer wieder über so viel Aktivität, Mut und Ideenreichtum beim Angehen ihrer vielfältigen Probleme.
Bangladesh ist ein klassisches "Vierte-Welt-Land" mit all den Problemen und Teufelskreisläufen, die ja auch immer wieder in den Medien erscheinen:
Innerhalb ihrer Dörfer sind die Barua-Buddhisten oder "plane-Buddhists", wie sie sich selber nennen, aber sehr aktiv und sozialengagiert, was sie mir in vielen Dörfern und Projekten vorführten. So gibt es neben den (oft schlechten, unzureichenden) staatlichen Schulen in vielen buddhistischen Gemeinden sogenannte "morning schools", die meist im Tempel selber abgehalten werden. Ehrenamtlich oder gegen ein kleines Taschengeld als Anerkennung unterrichten dort in den frühen Morgenstunden motivierte eigene Leute: Mönche, Studenten, gebildete Arbeitslose, ehemalige Lehrer. Neben weltlichem Wissen wie Englisch und Mathematik wird dort auch religiöser Unterricht gegeben. Die Kinder lernen die Lehre des Buddha, den Sangha und ihre eigene, traditionelle, buddhistische Kultur vor Ort kennen. An das Kloster angeschlossen sind oft auch Grund- und höhere Schulen, Waisenhäuser für Waisenkinder und die Kinder der Ärmsten, Altenheime, Handarbeits-Werkstätten, Bibliotheken, Pali-Institute und einfache Meditationszentren. Ihre Sicherstellung und ihr Ausbau ist geplant, ebenso die Einrichtung freier Krankenstationen und Hilfsfonds.
Wenn Sie mithelfen wollen bei diesen Versuchen zur Selbsthilfe: Sie können alle genannten Projekte und Aktivitäten unterstützen.
Aufgrund der Gemeinnützigkeit der 'Buddhistischen Gesellschaft München' sind alle Spenden steuerlich absetzbar. Spendenbescheinigungen werden zum Jahresende oder nach Anforderung ausgestellt.
Spendenkonto: 68 - 198 043, Stadtsparkasse München, BLZ 701 500 00
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