Schreckensherrschaft der Militärs über
die Mönche und Nonnen in Burma, Myanmar



Novize




SPIEGEL ONLINE - 03. Oktober 2007, 07:36

URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,509179,00.html

SCHRECKENSHERRSCHAFT IN BURMA

"Sie kommen nachts und ermorden die Mönche"

Das Morden in Rangun geht weiter. Regimegegner und Mönche werden nachts Opfer von Greiftrupps der Junta. Diplomaten vermuten, dass bereits mehrere hundert Menschen getötet wurden. Jetzt setzt sogar China die Militärs unter Druck. Von unserem Korrespondenten in Rangun.

Rangun - Es ist die Stunde, in der sich die Angst wie eine lähmende Fessel über die Stadt legt. Vor den Toren eines der wenigen Restaurants in Rangun, dass noch ausländische Gäste bewirtet, beziehen schon die ersten schwer bewaffneten Soldaten Stellung. Es ist 21.15 Uhr am Dienstagabend. Um 22 Uhr beginnt die Ausgangssperre. Dann muss jeder, der noch auf der Straße angetroffen wird, um sein Leben fürchten.

"Fahrt mit dem Fahrrad zur Straße, ein Taxi holen", ruft der Manager von L'Opera, einem italienischen Restaurant zur Küche hinaus. Die Ausländer, draußen im Hof wartend, finden keinen Mietwagen mehr. Dann rast jemand vom Gelände auf der Suche nach einer Transportmöglichkeit.

Einen Moment ist es still auf dem Parkplatz, dann tritt ein junger Mann aus der Dunkelheit hervor. Offenbar hat er darauf gewartet, allein mit den Ausländern zu sein. Er ist ärmlich gekleidet, doch sein Englisch ist halbwegs verständlich. "Bitte glauben sie nichts, was die Junta sagt", raunt er. "Die Unterdrückung geht jede Nacht weiter. Wenn es keine Zeugen mehr gibt, dann fahren sie nachts durch die Vorstädte und bringen die Leute um."

Der junge Mann hat eine kurze Geschichte zu erzählen und er weiß, dass er sich dabei nicht erwischen lassen darf, sonst könnte er bald ins Gefängnis wandern oder tot sein. Er komme aus Süd-Okalapa, dem riesigen Landgürtel im Osten Ranguns. In der Vorstadt herrscht Hunger und Elend. Deswegen kamen von dort auch die meisten Mönche, die vergangene Woche gegen das Regime demonstrierten. Als die Truppen der Junta die Unruhen im Stadtzentrum am Samstag endgültig niedergeschlagen hatten, nahmen sie am Sonntag in Okalapa grausame Rache.

200 Mönche erschlagen

Es war um Mitternacht, da sei eine lange Kolonne von Militärfahrzeugen in dem Stadtviertel vorgefahren. Es waren Polizisten der Einheit zur Aufstandsbekämpfung dabei und die sogenannten "Lome-Ten", jene Einheit von Gangstern und Haftentlassenen, die für das Regime die Drecksarbeit machen.

In der Straße "Weiza Yandar" umstellten sie ein Kloster. Alle der etwa 200 Mönche, die dort lebten, mussten sich in einer Reihe aufstellen und anschließend schlugen die Sicherheitskräfte die Köpfe der heiligen Männer gegen eine Backsteinwand. Als alle Blut überströmt und jammernd auf dem Boden lagen, wurden ihre Körper auf Lastwagen geworfen und weggeschafft. "Wir weinen um unsere Mönche", sagt der Mann noch, dann ist er weg.

Es ist Tag vier, nachdem im Zentrum Ranguns die letzten Schüsse gefallen sind. Aber Normalität ist in Burmas größter Stadt noch lange nicht eingekehrt. Die meisten Geschäfte blieben auch heute geschlossen und die Menschenrechtsverletzungen reißen nicht ab. Erschreckende Gerüchte und Nachrichten von immer neuen Unterdrückungsmaßnahmen machen die Runde.

Diese Gerüchte sind schwer zu bestätigen, den Journalisten ist das Arbeiten im Land verboten. Die wenigen Korrespondenten, die als Touristen im Land geblieben sind, werden auf Schritt und Tritt überwacht. Spione des Geheimdienstes lauern ihnen vor den Hotels auf. Und wenn es das Regime nach dem Tod des japanischen Kameramannes von letzter Woche auch nicht mehr wagen wird einen weiteren ausländischen Journalisten zu exekutieren, ist doch eine normale Nachrichtenbeschaffung und Recherche unmöglich.

Jeder Burmese, dessen Name in einem ausländischen Medium erscheinen würde, müsste um sein Leben fürchten. Selbst im Land lebende Ausländer, ziehen es aus Angst vor Verfolgung vor, zu schweigen. Aber die immer gleichen Gerüchte und Erzählungen, die in der Stadt die Runde machen, verdichten sich zu einem grausamen Bild. Offenbar hat sich Rangun fast vollkommen seiner Mönche entledigt.

In der riesigen Klosteranlage unterhalb der Shwedagon-Pagode, dem geistigen Zentrum des Landes wehen nur noch die roten und safranfarbenen Roben der heiligen Männer im Wind. Von den mehreren tausend Mönchen und Novizen, die der Anlage stets ein einzigartiges und friedliches Flair verliehen haben, fehlt jede Spur.

Auch in den Vorstädten Ranguns, wie Okalapa oder Takada, wo junge Mönche aus anderen Provinzen in kleinen religiösen Institutionen normalerweise Lesen und Schreiben lernen, ist Grabesstille eingezogen. Die Lerneinrichtungen haben ihre Fensterläden geschlossen, die Eingänge sind mit Eisentüren verrammelt und auf dem Gelände türmt sich der Abfall. Ansonsten sind die Klöster und Tempel, die Schulen und Waisenhäuser der Umgebung leer.

"Wir gehen davon aus, dass die Opferzahlen unter den Mönchen und Demonstranten von vergangener Woche weit in die Hunderte gehen", sagt ein Diplomat, der namentlich nicht genannt werden will. Offenbar hat es gerade in diesen beiden Vororten schwere Übergriffe der Sicherheitskräfte gegeben. Als die Schergen der Junta am Sonntag und am Wochenbeginn die Mönche abtransportieren wollten, stellten sich ihnen die Bewohner der beiden Stadtteile entgegen. Viele der Demonstranten sollen mit Gewehren niedergemacht worden sein.

"Unsere Studenten sind erst einmal in ihre Heimatdörfer zurückgegangen", sagt der Abt eines Klosters in Okalapa. Das ist nur Teil der Wahrheit. Denn Diplomaten wissen mittlerweile ziemlich genau, dass die Junta in den letzten Tagen mindestens drei Internierungslager für Regimegegner in Rangun eingerichtet hatten.

Eines davon liegt auf den Sportanlagen bei der alten britischen Pferderennbahn, zwischen der 50sten und 51sten Straße Ranguns gelegen. Ein weiteres ist nahe dem internationalen Flughafen Mingala zu finden. Die schlimmsten Verhältnisse herrschen aber auf dem Gelände des Ranguner Instituts für Technologie.

Im Nordwesten der Stadt, in unmittelbarer Nähe des berüchtigten und überfüllten Insein-Gefängnisses gelegen, wurden in den letzten Tagen etwa 300 Zellen von jeweils drei auf drei Meter errichtet. Etwa 800 Mönche wurden allein dort eingesperrt. Die hygienischen Verhältnisse sind grauenhaft und die Mönche befinden sich in einem Hungerstreik. Denn noch immer weigern sich die heiligen Männer, wie auch während ihrer Proteste, Essen von den Militärs anzunehmen. Als jedoch Anwohner aus der Nachbarschaft versucht hatten, den Mönchen Nahrung zu bringen, weigerten sich die Bewaffneten Spenden anzunehmen. Wenn die Behörden nicht bald internationalen Organisationen Zugang zu den Lagern verschaffen, ist es nur eine Frage der Zeit, wann es dort zu weiteren Toten kommt.

Doch so aussichtslos die Lage erscheint, ausgerechnet der britische Botschafter, sieht in der verfahrenen Situation, einen ersten Hoffnungsschimmer. Mark Canning sitzt in weißem Hemd, aber ohne Jacket und Krawatte in seinem hoch gesichertem Büro mit Blick auf den Hafen von Rangun. Der groß gewachsene Mann mit dem jungenhaften Gesicht, ist sicher nicht der typische Vertreter des Foreign Office. Die Lösung des Konflikts in dem Land, das einst Großbritanniens wohlhabendste Kolonie in Südostasien war und heute zum erbärmlichen Armenhaus verkommen ist, scheint gerade ein persönliches Anliegen von Canning zu sein.

Britischer Botschafter schöpft Hoffnung

Er schöpft seinen Bewegungsspielraum bis an die Grenzen dessen aus, was ihm als Diplomat möglich ist. In den Tagen des Aufstandes hat der Botschafter ständig auf BBC Live-Interviews über die Lage im Land gegeben. Jetzt sagt er: "Wenn die Ereignisse eines bewirkt haben, dann ist es, dass sich die internationale Gemeinschaft einig in der Verurteilung des Regimes ist.

Mehrmals wiederholt Canning das Wort "Abscheu", dass die ansonsten sehr zurückhaltende Gemeinschaft der Staaten Südostasiens (Asean) benutzt hat, um sein Mitgliedsland Burma wegen der Niederschlagung der Aufstände zu verurteilen.

Canning glaubt deshalb, dass der von den Uno angeregte Dialog-Prozess mit dem burmesischen Militär-Regime bald die ersten Erfolge zeigen könnte. Nachdem der Uno-Sonderdelegierte für Burma Ibrahim Gambari nach seiner Ankunft in Burma am Wochenende die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi in ihrem Hausarrest sprechen konnte, traf er heute Morgen den Mit-Junta-Führer Than Shwe im Regierungssitz Naypyidaw.

Besondere Hoffnung setzt Botschafter Canning auf die Chinesen. Ohne die wirtschaftliche Hilfe des nördlichen Nachbarn könnten die Generäle nicht mehr überleben. "Und die Chinesen", sagt der britische Botschafter, "haben Burma klar gemacht, dass sie Stabilität und Ruhe an ihrer südlichen Grenze wollen. Damit meinen die Chinesen zwar keine Demokratie, so Canning, aber vielleicht entwickle sich daraus ja ein Dialog des Militärs mit Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Hunger und Elend in Südostasiens ärmsten Land könnten so gelindert werden. Genau das hatten die demonstrierenden Mönche von der Junta eingefordert.

Hinweis: Aus Sicherheitsgründen wird der Name unseres Korrespondenten nicht genannt.




SPIEGEL ONLINE - 02. Oktober 2007

URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,509071,00.html

BURMA

Gespenstische Ruhe in Rangun

Burmas Militärjunta versucht in Rangun den Anschein von Normalität zu erwecken. Stacheldrahtzäune wurden entfernt, doch statt der Mönche bevölkern nun Soldaten die Umgebung der Tempel. Tausende Menschen sind nach Angaben von Augenzeugen verschleppt worden.

Berlin - "In Myanmar ist wieder Normalität eingekehrt", so die Worte des burmesischen Außenministers U Nyan Win am Montagabend vor der Generalversammlung. Das ist der Eindruck, den die Sicherheitskräfte gerne erwecken wollen. Laut "New York Times" wurden die Stacheldrahtzäune von den Straßen entfernt und 70 Verhaftete wieder frei gelassen. Die Zeitung bezieht sich dabei auf das Exil-Internet-Portal Irrawaddy. Doch die Ruhe ist trügerisch.

Wo normalerweise tausende Mönche beten oder in Gruppen zusammenstehen, um sich zu unterhalten, patrouilliert nun das Militär. Bis zu 100.000 Demonstranten protestierten noch vergangene Woche in den Straßen von Rangun - dann schlug die Militärregierung die Proteste gewaltsam nieder. Die Gewalt der Sicherheitskräfte richtet sich vor allem gegen die Mönche, die den Kern der Bewegung bildeten.

Ende vergangener Woche wurden hunderte Mönche aus den Klöstern abgeführt. Diplomaten sagten der Zeitung, sie hätten keine Ahnung über ihren Verbleib. Der oppositionelle Hörfunksender Democratic Voice of Burma geht von insgesamt 1600 Verhafteten aus, darunter 1400 Mönche. Der britische "Independent" zitiert einen Klosterältesten, nach dessen Angaben sogar 3000 Mönche festgenommen worden sein sollen, die in Camps festgehalten würden.

Im Schutz der Sperrstunde

"Die Mönche sind weg. Wir machen uns Sorgen um sie. Wir haben keine Ahnung, wo sie sind", sagte ein junger Touristen-Führer am Shwedagon-Tempel dem "Independent": "Es ist seltsam. Wir denken nicht, dass die Armee hier sein sollte." Als einziges Zeichen von Achtung gegenüber heiligsten Stätten haben die Soldaten ihre Schuhe ausgezogen und laufen barfuss. Der junge Führer erklärt weiterhin: "Wir denken, dass die Mönche weggebracht wurden und dass sie im Gefängnis sind."

Nachts, unter dem Schutz der Sperrstunde, griffen Soldaten die Klöster an, schüchterten die Mönche ein und nahmen sie fest, so die Darstellung des "Independent". Zahlreiche Zivilisten, nur bewaffnet mit Steinen und Stöcken, haben nach Angaben der Zeitung versucht, die Verfolgten zu beschützen, indem sie die Zugänge zu den Klöstern abzusperren versuchten.

Kaum Kontakt zur Außenwelt

Währenddessen schottet die Militärregierung das Land weiterhin von der Außenwelt ab. Die Internetverbindungen bleiben gekappt. Nach Angaben des "Independent" werden sogar Textnachrichten von Mobiltelefonen geblockt. Demonstranten haben in den vergangenen Tagen Informationen hauptsächlich über diese Kanäle in die ganze Welt verschickt. Wie die "New York Times" berichtet, wurden insgesamt mindestens vier Journalisten verhaftet. Zahlreiche weitere sollen festgenommen worden sein. Zehn Journalisten sollen nach Angaben der Zeitung angegriffen worden sein. Unter ihnen befanden sich Mitarbeiter der Agenturen Reuters und Agence France Press.

Nach offiziellen Angaben der Militärregierung sind bislang mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. Der Sender Democratic Voice of Burma schätzt die Zahl der Toten hingegen auf mindestens 138, auch westliche Regierungen gehen von Zahlen aus, die deutlich über denen von der Militärregierung liegen. Die friedlichen Proteste begannen am 19. August nach einem starken Anstieg der Ölpreise. Vergangene Woche begann die Junta mit Gewalt gegen die Demonstranten vorzugehen.

nim




Informationen eines Augenzeugen aus Burma vom 28.09 bis 30.09:

PRESSEINFORMATION (2.10.2007):

Bericht eines Ausländers, der während der Ereignisse in Burma war

Der Bericht wurde gekürzt und anonymisiert. Im Bericht enthaltenen Informationen (punktuelle Befehlsverweigerung, Flucht der Familie des Diktators, Überfall auf weitere Klöster, das Internierungslager in einem Stadion) sind zum größten Teil auch von anderen Quellen berichtet worden. Der im Bericht geschilderte Aspekt der eingesetzten, unter Drogen stehenden, Kindersoldaten mit den bunten Tüchern ist bisher weniger berichtet worden. Dieser Bericht einer Ausländerin, gibt einen Eindruck der aktuellen Geschehnisse und fordert auf, die zentrale Frage nach Verbleib und Lage der verschleppten Mönche und Laien auch in der nächsten Zeit medial immer wieder zu stellen. Dieser Bericht kann in Medien zitiert werden, Rückfragen, Belegexemplare oder Links bitte an hazeshuh@gmail.com

Burma 28.09.07

… heute Morgen wurde das Internet endgültig lahm gelegt. Die Kommunikation kann nur noch über (überwachte) Telefone laufen. […]

… es gibt Meldungen, dass ein kleiner lokal stationierter Teil der Armee … die Waffen niedergelegt hat und mit den Demonstranten geht. Das wäre unglaublich, wenn es denn wirklich wahr wäre, … Wir erwarten das schlimmste für heute; sie haben unerbittliche Zerschlagung angekündigt; jetzt wird es Massaker noch schlimmerer Natur als gestern geben. Gestern sind wesentlich mehr Leute getötet worden als in den Medien und es ging bis in die Nacht hinein. […]

Mittlerweile denken hier alle dasselbe: alle Birmanen müssen auf die Straße, nicht mehr nur ein paar, die abgeschlachtet werden, sondern so viele, dass sie nicht mehr Herr werden.

Than Shwe ist mittlerweile höchstpersönlich oberster Kommandeur geworden, denn Gerüchten zufolge gab es Weigerungen von ranghohen Armeekommandeuren, weiter so vorzugehen. … Seine Familie hat er aber vorher noch mit einer Air Bagan Maschine aus dem Land nach Laos geschafft. Es scheint ernsthafte Uneinigkeit unter den Generälen zu geben. Gestern hat es ungeachtet von Geschlecht und Alter Festnahmen, Schläge und Schüsse gegeben. Oft in Gegenden, die etwas außerhalb der großen Schauplätze liegen, laufen unglaubliche Grausamkeiten ab. Die Zusammenstösse passieren immer unbeobachtet von breiten Masse oder Medien. Eltern, Mütter, die vor der Schule ihrer Kinder warten, um sie abzuholen werden verhaftet und abtransportiert (bestätigter Augenzeugenbericht), obwohl sie weder mit Demonstrationen noch politischen Aktivitäten irgendwas zu tun haben, keiner weiß wohin. … es ist an diesen Orten, wo die meisten Menschen geradewegs umgebracht werden. Ein 16-jähriger ist gestern in einer Seitenstraße der Kreuzung Hledan-Insein erschossen worden. Es werden immer mehr dieser Meldungen laut. […]

Ich sehe die Soldaten in mehreren Reihen hintereinander stehen. Sie tragen verschiedene Tücher um den Hals, was recht unverständlich auf mich wirkt. Mittlerweile weiß ich, was das bedeutet: die mit den gelben Tüchern tragen Rauchbomben mit sich und sind auch immer in vorderster Reihe. Die grünen haben die Schlagstöcke und die roten Gewehre. Letztere sind so gedrillt, dass sie bereit sind zu sterben, egal bei welchem Einsatz! Sie werden immer zusammen in verschiedenen Proportionen und LKWs zu und auf die Demonstranten losgeschickt. […] Ich bin mitten unter den Demonstranten und 200 Meter weg von den Soldatenreihen, die in unsere Richtung schauen. Sie bewegen sich nicht. Die Demonstranten singen die Nationalhymne und sind sehr gut drauf; sie rufen Parolen in Richtung Soldaten. Diese kommen mir wie Roboter vor, sie stehen wie fest geschweißt. Ein Wort jedoch würde genügen, sie zu Tötungsmaschinen werden zu lassen. „Das ist der Beruf eines Soldaten" sagt mir ein Passant heute, der sehr gut Englisch konnte. Er wird so gedrillt, dass er auf ein Wort gegen alles, was sich bewegt, schießt. Ich entgegne nur, dass dies normalerweise aber nicht seine eigenen Landsleute sind, sondern er nur sein Land bewachen müsse

Ja, sagt er lächelnd, so sollte es sein…Dann sagt er mir, dass das Zuschauen sehr gefährlich sei, und ich sehe ihm an, dass er Angst hat. […] … seit gestern (Erschießung des japanischen Journalisten) der Besitz einer Kamera auch risikoreich geworden, …. Im Neuen Licht (Anm. Regime Zeitung) steht zum Mord an dem Japaner:

…Among the dead was a Japanese named Mr. Nagai Kengi, 52. He was killed while gathering news amidst the protests although he was there on a tourist visa. Together with him at the time were a Canon video camera and mobile phone, it is learnt."

Es ist nicht zu fassen. Heute hieß es im Übrigen, dass es Soldaten gegeben hätte, die verweigert haben und sich auf die Seite der Demonstranten geschlagen hätten. […]

Wie ich heute aus sehr zuverlässiger Quelle bestätigt bekommen habe, ist im Ngwe Kya Yan Kloster in Süd-Okkalapa bei einem nächtlichen Überfall der Armee neben den Mönchen auch mindestens eine Buddhastatue durch einen Hieb mit der Machete quer über die Brust geschändet worden. Der Oberkörper ist schwer zerstört worden und liegen geblieben. Mitglieder der Oppositionspartei sind im Kloster von Soldaten festgehalten worden, nachdem sie vor Ort Fotos der Zerstörungen und Verwüstungen des Klosters gemacht hatten, von dem alle Mönche verschleppt worden sind. […]

Burma 29.09.07

Heute kommt UN Abgesandter Gambari, und es sind bereits viel weniger Strassen gesperrt. Das Volk fürchtet, dass durch die einschneidenden Maßnahmen im Bereich der Kommunikation die Welt das Ausmaß der Katastrophe schnell vergisst. Bitte, bitte sorgt dafür, dass das nicht passiert. Es ist unvorstellbar, dass alle diese Menschen, Laien, Nonnen und Mönche umsonst leiden und gelitten hätten. Lasst das nicht zu! […]

Nach heutigen Informationen sind Panzer nach Yangon unterwegs. … SMS sind blockiert. Das war das Hauptkommunikationsmittel …. Wir bekommen nur noch wenige Meldungen, das Meiste basiert auf Hörensagen. Es bleibt nur noch der Radiokontakt zu Sendern von Exilbirmanen aus dem Ausland. Gegen Mittag … in der Gegend um die Sule Pagode. … sahen …schon von weitem die Vorbereitungen der Soldaten für 13 Uhr, die Zeit, zu der die meisten Aktionen beginnen. Wir gehen weiter und auf die Soldaten zu, da die Straße noch offen ist. Plötzlich wird es totenstill, noch nicht mal die Vögel im Bandoola Park singen mehr. Eine furchtbare Atmosphäre herrscht hier. Sule wird für immer ein Ort bleiben, an dem friedliche Mönche und Nonnen geschlagen und misshandelt worden sind. Schrecklich! Als wir an den Soldaten vorbeikommen, die in Erwartung der Dinge am Straßenrand sitzen, schaue ich mir ziemlich unverblümt ihre Gesichter an. Es sind nur ganz selten Birmanen, sondern vielmehr ethnische Minderheiten. Die meisten sind wohl der Chin-Volksgruppe zuzuordnen, die von den Engländern missioniert worden waren und dementsprechend weniger Hemmungen haben als Birmanen gegen Mönche und buddhistische Heiligtümer vorzugehen. Aber die schlimmste Erkenntnis ist, dass die Hälfte der Gesichter Kindersoldaten sind; ihr Alter ist schwer zu schätzen, aber unsere Volljährigkeitsgrenze von 18 Jahren haben sie noch lange nicht erreicht – und sie gehören alle zur Gruppe der roten Tücher!!! Die restlichen dort sitzenden Soldaten sind nur wenige Jahre älter. Die Kommandieren alleine sind Birmanen und sind alle älter. Eine zweite schockierende Erkenntnis bringt der weitere Blick in ihre emotionslosen Gesichter mit starren, toten und leeren Augen: sie stehen alle unter Drogen, wahrscheinlich ein Bestandteil ihrer disziplinären Ausbildung in den Dschungelcamps der Armee, wohin immer wieder viele Kinder ethnischer Volksgruppen verschwinden. Militärischer Drill im kindlichen Alter, Gehirnwäsche und Drogen sind also das Geheimnis dieser fast unglaublich wirkenden Grausamkeiten. […]

Wie ich erfahren habe, steht der Klosterkomplex unmittelbar vor einem Überfall der Armee. …, aber nachdem in den ersten Nächten die „auffälligsten" Klöster „gesäubert" wurden, sind jetzt die etwas außerhalb liegenden und weniger bedrohlichen Klöster dran. XXX sagte heute auf meine Bemerkung, es seien ja deutlich weniger Mönche auf der Straße bei den Demos zu sehen: „es sind ja keine mehr übrig, alle sind verschleppt worden". Diese Bemerkung war ein Schock, denn es war mir irgendwie nicht bewusst, wie gezielt gegen die Klöster vorgegangen wird. Bewohner des angrenzenden Viertels haben sich schon seit einigen Nächten im Klostergelände eingeschlichen, um den drohenden Überfall und die Verschleppung der Mönche zu vereiteln. Die Menschen riskieren dabei natürlich auch ihr Leben, aber für die Mönche tun sie das ohne zu zögern.

Andere laufen Wache, was aber durch die Ausgangssperre ebenfalls sehr gefährlich ist. […] Mandalay ist noch wesentlicher abgeschlossener von der Außenwelt als wir das hier sind. Es dringt viel weniger nach außen. Dort hat die Armee die größten und bedeutendsten Klöster vollständig abgeriegelt und umzingelt. Es darf kein Mönch mehr hinaus. Inwieweit die Versorgung geregelt ist, … Die Armee hat eine solche Angst vor den Mönchen aus Mandalay, dass dort ganz anders vorgegangen wird.

Ich möchte noch mal ganz klar sagen, dass das keine Fiktion ist, kein schlechter Film oder Roman – dies ist die reale aktuelle Situation in dieser Minute in einem buddhistischen Land. Die Verhaftungswellen innerhalb der Bevölkerung werfen eine große und wichtige Frage auf: wo kommen alle hin? Da niemand auf freien Fuß gesetzt wird, werden somit auch diese Informationen recht lange geheim gehalten werden können. Das Stadion … ist auch irgendwann einmal voll. Dieses Thema sollte umso öfter angeschnitten werden, je länger diese Katastrophe hier dauert. Das Regime von Pinochet und seine Lösung solcher Fragen ist noch nicht so lange her…[…]

Als ich heute Nachmittag über die Straße gehen will, kommen sie! 5 oder 6 LKWs voller Soldaten verschiedenfarbiger Tücher. Ein großer vergitterter Häftlingstransporter, Wasserwerfer sowie 2 Busse mit diesen Schlägertrupps (bezahlte Ex-Häftlinge, USDA Mitglieder, arme Kreaturen, die für Geld alles machen…). Sie alle fahren voll (auf)gerüstet die Mahabandoola Straße hinunter in Richtung Sule. […]

Burma 30.09.07

Heute Morgen hat xxx angerufen. Nachts gegen 23 Uhr sind 6 Militärtrucks vor dem Klosterkomplex vorgefahren und haben Stellung bezogen. Da das ungefähre Eintreffen bis auf 2 Tage vorauszusehen war, hatten gegenüber dem Kloster die Dayakas (Anm. Laienunterstützer der Mönche) und Bewohner des gesamten Viertels schon abgewartet, um die Soldaten am Eindringen in die Kloster zu hindern; die Mönche selbst waren wach und vorsichtig. Manche haben schon in den Häusern ihrer Dayakas übernachtet. Manche Mütter kommen ihre Novizen nach Hause holen. Aber es gibt viele, die vom Land in Yangon sind, um die Pali-Schriften zu studieren, sie können nirgends hin, sie müssen in den Klöstern bleiben. Die „Beschützer" haben nicht zugelassen, dass die Soldaten ohne weiteres in die Klöster eindringen können, haben Bäume gefällt, und als Barrieren auf die Straße vor dem Klosterkomplex gelegt, um sich nähernde LKWs an der Einfahrt zu hindern. Verbal haben sie ihnen auch gedroht. Der Überfall konnte vereitelt werden, aber leider sind 5 oder 6 Männer verhaftet und mitgenommen worden, einer ist durch einen Schuss getötet worden. Gegen 2 Uhr sind sie abgezogen. Ich habe auch die Information bekommen, dass ein Ort, wo die Gefangenen hingebracht werden, wohl das GTI in Insein Township ist …. das Ausmaß der kontinuierlichen Verhaftungen ist sehr beunruhigend und es ist nicht mehr auszuschließen, dass alle Verhafteten in akuter Lebensgefahr schweben. … Es müssen laut Orte beim Namen genannt werden. Diese Dinge … müssen in die Medien. Vielleicht kann so noch Schlimmeres verhindert werden. … Massenmord …. Es weist alles darauf hin und es ist nichts übertrieben. […]

1,5h später kommt die Nachricht, dass sie Soldaten diesmal nicht mehr die Nacht abgewartet haben, sondern mit einer großen Einheit bereits im Klosterkomplex seien und alles durchforsten. Durch eine Warnung nur wenig vorher, konnten sich die meisten Mönche und Novizen in Sicherheit bringen. Es war xxx nicht bekannt, ob noch Mönche dort waren, die verhaftet werden konnten. Da diese Überfälle jetzt anscheinend noch schamloser am helllichten Tag stattfinden, ist zu befürchten, dass dadurch das Tempo erhöht werden soll, um die „Säuberung" der Klöster nicht allzu lange ein Thema werden zu lassen. Dies bestärkt meine vorher beschriebenen Befürchtungen. Die Mönche, die heute flüchten mussten, haben zum Teil Unterschlupf bei ihren Laienunterstützern gefunden. Die anderen müssen sich anderswo verteilen. Gott sei Dank sind die Menschen sehr hilfsbereit. In ihre Dörfer zu reisen ist ausgeschlossen, denn es werden alle reisenden Mönche verhaftet. Das oberste Sanghakomitee zeigt keinerlei Reaktion zu den seit immerhin 5 Tagen stattfindenden Grausamkeiten, Verhaftungen und Tötungen. Warum wissen nur sie selbst. […] (Anm. Das Sanghakomitee - Sangha Maha Nayaka Committee, 1980 auf Druck der Militärs gegründet - ist eine Gruppe ältere Mönche, die von der Junta abhängig sind und zur Represäntation verwendet wird. Der Einfluss dieses Komitees auf die Generäle oder die jungen Mönche ist gering)

Bitte schickt Metta und habt Karuna für die inhaftierten Mönche, Nonnen und anderen Birmanen und wünscht, dass unsere schlimmsten Befürchtungen nicht wahr werden.

Die Gewalttätigkeiten dauern jetzt 5 Tage an, aber es kommt mir wie eine schreckliche Ewigkeit vor. Was soll nur werden?

Der schlimmste Gedanke, der mich latent begleitet ist der, dass all dieses Leid, diese Schmerzen, die Grausamkeiten, der Terror, die Folter, Verhaftungen und Toten nichts geändert hätten. Dass Gewalt und brutales Niedermetzeln, Skrupel- und Gewissenlosigkeit die Oberhand behalten hätten…nicht auszudenken!

Grüße und Gedanken schickt euch allen



Buddhanetz
[Stand: Oktober 2007]