Endlich Frieden für Kambodscha ?



Kambodschas Regierung meldet endgültigen Sieg über Rote Khmer

Hun Sen: "Das Regime der Völkermörder kommt nicht wieder"

Phnom Penh/Bangkok, 3. Mai (AFP) - Nach einer Massenflucht von Anhängern der Roten Khmer nach Thailand hat die Regierung Kambodschas den endgültigen Sieg über die berüchtigte Rebellenbewegung verkündet. "Das Regime der Völkermörder kommt nicht wieder", sagte der kambodschanische Machthaber Hun Sen am Sonntag in einer vom Rundfunk übertragenen Ansprache. Die Armee nahm nach eigenen Angaben am Samstag morgen die letzte Stellung der Roten Khmer im Gebiet von Anlong Veng nahe der thailändischen Grenze ein, das bereits Ende März zum größten Teil in die Hände der Regierungstruppen gefallen war. Die Roten Khmer dementierten dagegen Berichte, die seien bereit, sich zu ergeben, und protestierten gegen den Vorschlag der USA, ihre Führungspitze vor ein UN-Tribunal zu stellen. Aus dem früheren Rebellengebiet um Anlong Veng flohen unterdessen weiter tausende Zivilisten nach Thailand. Die kambodschanische Regierung forderte sie zur Rückkehr auf.

Mit den Worten, die Armee habe jetzt das gesamte frühere Gebiet der Roten Khmer unter Kontrolle, gab Ko-Verteidigungsminister Tea Banh am Samstag in der nordkambodschanischen Stadt Siem Reap den Sieg der Regierung bekannt. Beobachter auf der thailändischen Seite der Grenze berichteten allerdings am Sonntag von heftigem Gefechtslärn aus der Gegend um Anlong Veng. In der Nacht zum Sonntag strömten mindestens weitere 7000 Flüchtlinge aus dem umkämpften Gebiet über die Grenze. Bereits am Freitag waren etwa 30.000 Zivilisten, überwiegend Angehörige von Kämpfern der Roten Khmer, nach Thailand geflohen. Beoabachter werteten die Massenflucht als Zeichen, daß die Machtbasis der Roten Khmer in ihrer bisherigen Hochburg zerfalle.

Der Führer der royalistischen Truppen in Kambodscha, General Nhiek Bunh Chhay, sagte in einem Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, die Roten Khmer stünden kurz vor der Niederlage. In endgültiger Zusammenbruch sei nur noch eine Frage von ein bis zwei Wochen. Nach Darstellung des royalistischen Generals ist die Rebellentruppe in drei rivalisierende Flügel zerfallen. Der harte Kern um Militärchef Ta Mok sei nur noch 200 bis 300 Mann stark. Der politische Führer der Roten Khmer, Khieu Samphan, und Chefideologe Nuon Chea hätten sich vor einer Woche von Ta Mok getrennt, um sich mit etwa hundert Anhängern der Regierung zu ergeben. Eine dritte Gruppe, etwa 1600 Mann, wolle zu den Royalisten überlaufen. Nach Angaben eines Kenners der Roten Khmer ist Ta Mok mit seinen Leuten seit Donnerstag auf der Flucht zur laotischen Grenze.

Die Rebellen selbst widersprachen am Sonntag über ihren Hörfunksender vehement den Berichten über Kapitulationsabsichten Khieu Samphans und Nuon Cheas. Als "unannehmbar" wiesen sie zugleich den Vorschlag der USA zurück, ihre Führungsspitze vor ein UN-Tribunal zu stellen. Nach den Worten Hun Sens soll die Entscheidung über eine Aburteilung der obersten Roten Khmer erst nach der Parlamentswahl Ende Juli fallen. Es sei Sache des neuen Parlamentes, darüber zu befinden, ob Khieu Samphan, Ta Mok, Nuon Chea "und Pol Pot" sich vor einem kambodschanischen oder einem internationalen Gericht verantworten müßten. Der ehemalige Führer der Roten Khmer, Pol Pot, starb Mitte April. Die kambodschanische Regierung wollte seinen Tod bisher aber noch nicht bestätigen.

wid/nau
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031120 MAI 98



Pol Pots Ende: Keine Gerechtigkeit - Aber Hoffnung auf Frieden

von Thomas Lanig, dpa

Phnom Penh (dpa) - Wer immer noch auf irdische Gerechtigkeit für Pol Pot gehofft hatte, für den kam der Tod des Völkermörders zum falschen Zeitpunkt: "Wir sind bestürzt, daß es keinen Prozeß geben wird", sagte der Fotograf und Exil-Kambodschaner Dith Pran, dessen Leiden unter dem Regime der "Steinzeit-Kommunisten" den Film "Killing Fields" inspiriert hatten.

Zornig sind auch die Hinterbliebenen der bis zu zwei Millionen Opfer des Diktators. "Wenn er tot ist, dann muß seine Leiche vor Gericht", meinte der 73jährige Soth in Phnom Penh.

Über den Mißerfolg der plötzlichen Initiative von US-Präsident Bill Clinton, Pol Pot 20 Jahre nach dem Ende seiner Schreckensherrschaft doch noch vor Gericht zu bringen, sind andere jedoch nicht so sehr bestürzt. "Dies könnte das Ende der Kämpfe in Kambodscha bedeuten", sagte hoffnungsvoll Kobsak Chutikul, der Sprecher des thailändischen Außenministeriums. Und auch der Kambodscha-Experte Sorpong Peou vom Institut für Südostasien-Studien in Singapur erklärte: "Das ist das Ende des Krieges in Kambodscha." Fest scheint jedenfalls zu stehen, daß Pol Pots ehemalige Getreue noch Stunden vor seinem Tod bereit waren, ihren greisen Ex-Anführer an den Meistbietenden zu verkaufen. Denn die paar hundert Kämpfer der Roten Khmer, die unter dem einbeinigen Ta Mok noch übrig geblieben sind, brauchen dringend Geld und Waffen.

Das spricht zumindest gegen die Hypothese, Pol Pot sei doch nicht an Herzversagen gestorben. Die Todesursache mag für immer ungeklärt bleiben. Daß ein internationales Tribunal bestenfalls gegen die Leiche Pol Pots verhandeln könnte, haben Landeskenner schon lange behauptet.

Der Tod im Dschungel kommt vielen entgegen. Denn unbestritten ist, daß der Anführer der Roten Khmer nicht allein für die Millionen Toten verantwortlich ist, die zwischen 1974 und 1979 elend zugrunde gegangen sind. Dieser Vorwurf trifft nicht nur Pol Pots Mitstreiter wie Ta Mok, den sie den "Schlächter" nannten oder seinen Stellvertreter Ieng Sary, der sich vor zwei Jahren plötzlich zum Demokraten bekehrte.

Auch Machthaber Hun Sen war, bevor er nach Vietnam ging, ein Kämpfer der Roten Khmer. König Norodom Sihanuk war sich nicht zu schade, mit den Mördern im Dschungel zu paktieren. Und sein Sohn, Prinz Norodom Ranariddh, suchte sogar bis zuletzt die Hilfe der Guerillas in seinem Kampf gegen Hun Sen. "Zu viele Leute haben zuviel zu verlieren, wenn es einen Prozeß gäbe", meint ein Diplomat in Phnom Penh.

Dieses Risiko scheint mit dem Tod Pol Pots ein für alle mal aus der Welt. Die meisten Beobachter teilen die Hoffnung, daß mit dem Ende des Diktators auch das Ende der Roten Khmer gekommen ist. Dies könnte zumindest ein Stück mehr Stabilität für das geschundene Land bedeuten. Kaum jemand zweifelt daran, daß Hun Sen bei den Wahlen am 26. Juli bestätigt wird - ob sie nun "fair und frei" sein werden oder nicht.

"Die Dämonen der Vergangenheit könnten noch viel Unheil anrichten", warnte die "Bangkok Post" vor einigen Tagen. Und zur Zurückhaltung mahnte auch die Leiterin des UN-Zentrums für Menschenrechte in Phnom Penh, Rosemary McCreery: "Der Tod eines Mannes, auch wenn er fast mythische Bedeutung hat, ist noch keine Garantie für Frieden und Versöhnung."

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161344 Apr 98



Kambodscha war über viele Jahre ein Spielball fremder Mächte

Hamburg (dpa) - Das südostasiatische Kambodscha gehört mit seinen 7,3 Millionen Einwohnern zu den ärmsten Ländern der Welt. 80 Prozent der Bevölkerung sind Khmer, die im sechsten Jahrhundert das unter indischem Einfluß gegründete Reich Funan in Hinterindien übernahmen.

Das Reich der Khmer war schon früh immer wieder unter die Herrschaft anderer Völker wie der Thai und der Vietnamesen geraten. 1867 wurde Kambodscha französisches Protektorat, 1941-1945 war es von den Japanern besetzt. Trotz Neutralitätsbemühungen wurde das Land in den 60er Jahren in den Indochinakrieg verwickelt. Einige der wichtigsten Daten:

18. März 1970 - General Lon Nol setzt Prinz Norodom Sihanuk ab und wird Staatschef. Mit US-Hilfe kämpft er gegen nordvietnamesische Truppen sowie die Roten Khmer.

17. April 1975 - Nach fünf Jahren Krieg nehmen die Roten Khmer die Hauptstadt Phnom Penh ein. Sie beginnen mit den Deportationen auf das Land. Pol Pot wird für den Tod von bis zu zwei Millionen Menschen während seiner Schreckensherrschaft von 1975 bis Anfang 1979 verantwortlich gemacht.

09. September 1975 - Sihanuk kehrt nach Kambodscha zurück, tritt aber im April 1976 vom Amt des Staatschefs zurück, da er sich nicht gegen die kommunistisch ausgerichteten Roten Khmer behaupten kann. Khieu Samphan wird Staatschef, Pol Pot Ministerpräsident.

25. Dezember 1978 - Vietnamesische Truppen marschieren in Kambodscha ein und vertreiben die Roten Khmer. Die Vietnamesen setzen in Phnom Penh ein Hanoi freundlich gesinntes Regime ein. Im Oktober 1979 werden die Roten Khmer von der UNO als rechtmäßige Regierung anerkannt.

21. Juni 1982 - Sihanuk, Son Sann und die Roten Khmer unter Khieu Samphan bilden eine Widerstandskoalition unter Führung Sihanuks.

02. September 1987 - In Frankreich trifft Sihanuk erstmals mit dem kambodschanischen Ministerpräsidenten Hun Sen zusammen. Zwei Jahre später stimmen sie der Einberufung einer internationalen Friedenskonferenz zu, die dann im August 1989 scheitert.

26. September 1989 - Die Vietnamesen schließen ihren Rückzug ab.

23. Oktober 1991 - In Paris werden von den vier Konfliktparteien und der UNO Verträge über Frieden und Demokratie unterzeichnet, die einen Schlußstrich unter 21 Jahre Bürgerkrieg ziehen sollen.

21. September 1993 - In Kambodscha wird eine neue Verfassung verabschiedet, die eine konstitutionelle Monarchie einführt. Sihanuk wird als König vereidigt.

21. Juni 1997 - Phnom Penh gibt die Festnahme des Ex-Diktators Pol Pot durch rebellierende Einheiten der Roten Khmer bekannt. Ab Juli 1997 steht er unter Hausarrest.

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161256 Apr 98



"The Guardian": Pol Pots Preis

London (dpa) - Der liberale britische "Guardian" fragt am Donnerstag, warum dem früheren kambodschanischen Diktator Pol Pot nicht früher der Prozeß wegen Kriegsverbrechen gemacht wurde: "Pol Pots Spitzenminister reisten nach ihrer Ausweisung aus dem Großteil Kambodschas durch die Vietnamesen 1979 jahrelang ungestört - und mit diplomatischen Pässen. Warum hat damals niemand Hand angelegt oder auch nur den leichtesten Druck auf Thailand ausgeübt, ihnen Zuflucht und Unterstützung für die Rebellion zu verwehren, die sie im Westen Kambodschas weiter schürten?

Die Antwort war immer beschämend klar: Kambodscha wurde von den falschen Rettern von Pol Pot befreit. Eine unheilige Allianz aus China und den USA, mit der schwächlichen Unterstützung Großbritanniens (...) versuchte das Regime von Phnom Penh durch die Einsetzung einer Schein-Regierung im Exil zu stürzen, in der die Roten Khmer den Kern stellten. Diese Geschichte hatte für Kambodscha katastrophale Folgen."

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160941 Apr 98



"The Guardian": Jedes Übel hat seine Gründe

London (dpa) - Der liberale britische "Guardian" kommentiert den Tod von Pol Pot. Die Zeitung fragt am Freitag nach den Umständen seines Schreckens-Regimes: "Kambodscha war 1975 physisch zerstört, politisch bankrott und emotional am Ende. (...) Die Umstände allein können Pol Pot und seinen Massenmord nicht ,erklären'. Aber es scheint offensichtlich, daß Menschen wie Pol Pot - oder Hitler, Stalin, Mobutu und andere Tyrannen unserer Zeit - leichter in Gesellschaften zum Zuge kommen, die von mehrschichtigem Streß und Verwirrung geplagt sind.

Wenn wir sagen, sie sind nicht allein verantwortlich, ist damit keine Entschuldigung gemeint. Es heißt einfach, daß in einer zusammenhängenden Welt selbst die abscheulichsten Verbrechen nicht in isoliert geschehen, und daß sie nur auf fruchtbarem Boden gedeihen. In Kambodscha nährte der Boden die Roten Khmer noch nahezu 20 Jahre, nachdem sie vertrieben wurden, weil es dem Westen zweckmäßig erschien, die Rebellion am Rand weiterschwelen zu lassen."

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170859 Apr 98


Rote Khmer für ein beispielloses Terrorregime verantwortlich

Ein Viertel der Bevölkerung wurde getötet oder starb durch Hunger
Heute gibt es nur noch einige hundert Khmer-Rebellen.


Phnom Penh, 16. April (AFP) - Die berüchtigten Roten Khmer, deren ehemaliger Chef Pol Pot am Mittwoch starb, sind für den Tod von ein bis zwei Millionen Kambodschanern verantwortlich. Während ihres Terrorregimes von 1975 bis 1979 wollte die kommunistische Bewegung einen Bauernstaat errichten. Rund drei Millionen Menschen sollten aufs Land zwangsumgesiedelt werden, um die Vision eines Lebens ohne Privatbesitz zu verwirklichen.

Im Jahre 1963 gingen die vom damaligen Staatschef Prinz Norodom Sihanouk so bezeichneten Roten Khmer in den Untergrund. Nach dem Wahlsieg der kambodschanischen Rechtskräfte 1966 und der Regierungsübernahme durch den von den USA unterstützten General Lon Nol begannen Pol Pots Leute ihren bewaffneten Kampf im Norden des Landes. Vier Jahre später kontrollierten sie bereits alle Gebiete östlich des Mekongs und damit ein Drittel des Staatsgebietes. Im Jahre 1970 wurde Sihanouk durch Lon Nol gestürzt und ging ins Exil nach China. Seine Anhänger führten derweil an der Seite der Roten Khmer einen erbitterten Bürgerkrieg gegen die Regierung Lon Nol.

Am 17. April 1975 nahmen die Truppen der Roten Khmer die Hauptstadt Phnom Penh ein und errichteten unter ihrem Führer und Regierungschef Pol Pot ein beispielloses Terrorregime. Intellektuelle wurden verdächtigt, gegen die Kontrolle der Bevölkerung durch die Khmer eingestellt zu sein. Wer nicht in der Lage war, seine wenn auch geringe Schulbildung zu verheimlichen, wurde umgebracht. Das gesamte soziale Gefüge des Landes wurde über Nacht zerstört, indem Familien auseinandergerissen und aufs Land geschickt wurden. Ein Viertel der Bevölkerung starb durch Hunger und Krankheit. Überlebende erhielten neue Namen und wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Alle Religionen, allen voran der am häufigsten praktizierte Buddhismus, wurden verboten. Sämtliche Aspekte des Lebens, von der Ernährung über das Wohnen bis zur Kleidung, sollten vom "Großen Bruder" Pol Pot geregelt werden.

Hunderttausende, die die Roten Khmer der Spionage für den "ausländischen Feind" bezichtigten, wurden erschossen. Vietnam, Kambodschas historischer Feind, wurde immer wieder als Grund für politische Säuberungsaktionen angeführt. "Im Kopf Vietnamese, im Körper Kambodschaner" war eines der Schlagwörter, mit dem die Ermordung Tausender Kleinbauern und kommunistischer Funktionäre erklärt wurde, die Pol Pots große Pläne angeblich störten.

Nach dem zweijährigen Krieg mit Vietnam endete die Herrschaft der Roten Khmer mit dem Fall Phnom Penhs am 7. Januar 1979. Seitdem führte die Bewegung vor allem vom Grenzgebiet zu Thailand aus einen Bürgerkrieg gegen die neue Regierung in Phnom Penh und die im Land stationierten vietnamesischen Truppen. Als Mitglied der von Prinz Sihanouk geleiteten Exilkoalition wurden die Roten Khmer 1990 in den Obersten Nationalrat von Kambodscha aufgenommen. Im Oktober 1991 stimmten sie dem Friedensabkommen von Paris zwar zu, ihrer Entwaffnung widersetzten sie sich jedoch.

Nachdem sie 1993 die Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung boykottiert hatten, nahmen sie ihre Guerilla-Aktivitäten wieder auf. Inzwischen haben sich ihr Reihen aber stark gelichtet; schätzungsweise einige hundert Rebellen gehören heute nur noch den Roten Khmer an. Ihren jahrzehntelangen Chef Pol Pot hatten sie bereits im Juni 1997 entmachtet. Die heutige Rote-Khmer-Führung soll nach Thailand geflüchtet sein. Die dortigen Behörden dementieren jedoch, daß sie um politisches Asyl gebeten hat.

urs/ut
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161338 APR 98



Pol Pot, einer der Schreckensherrscher des 20. Jahrhunderts ist tot

Pol Pot verordnete Kambodscha den Steinzeit-Kommunismus
Millionen Menschen starben auf seinen "Killing Fields"


Phnom Penh, 16. April (AFP) - Seine kambodschanischen Kampfgefährten nannten ihn respektvoll "Bruder Nummer Eins". Der Rest der Welt verband mit dem Namen des am Mittwoch gestorbenen Pol Pot vor allem die "Killing Fields", die "Felder des Todes", auf denen Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Kambodschaner ihr Leben unter der Schreckensherrschaft des früheren Chefs der Roten Khmer verloren. Mit Pol Pot starb einer der grausamsten Herrscher des 20. Jahrhunderts. Mit in den Tod nahm er auch viele Geheimnisse und Widerprüche um seine Person. Lange Jahre gab es nur eine Handvoll Fotos von Pol Pot. Im vergangenen Sommer konnte ein US-Journalist den gealterten Mann dabei filmen, wie ihm seine früheren Kampfgenossen im Norden Kambodschas den Prozeß machten.

In den 70er Jahren versuchte der Junge vom Lande, der sich für den Marxismus begeisterte, seinen Landsleuten einen Lebensstil aufzuzwingen, der plakativ als "Steinzeit-Kommunismus" bezeichnet wurde. Ein Leben ohne Geld, ohne Privatbesitz, ohne Religion und Bildung. In der Praxis bedeutete das: Hunger, Zwangsarbeit, Massenhinrichtungen, Krieg nach innen und nach außen.

1928 - nach anderen Quellen auch 1925 oder 1926 - wurde in einer ländlichen, eher wohlhabenden Familie der Provinz Kompong Thom ein Junge geboren, der den Namen Saloth Sar erhielt. Den Namen Pol Pot legte sich der kommunistische Kämpfer später zu. Von einem seiner Brüder wurde Pol Pot als freundliches, nettes Kind bezeichnet.

Auch während seiner Pariser Studentenzeit war Pol Pot alles andere als ein Unmensch. 1949 erhielt er ein Stipendium, um in Frankreich Rundfunktechnik zu studieren. Er war nie ein herausragender Student, doch in seinem Appartement im Quartier Latin organisierte er Treffen für junge Marxisten. Das Stipendium wurde ihm aberkannt, und Pol Pot kehrte 1953 nach Phnom Penh zurück. Mehrere Bekannte bezeugten, daß Pol Pot äußerst charmant sein konnte. Später schreckte er aber nicht davor zurück, mit einem Lächeln die Hinrichtung von Menschen aus seiner unmittelbaren Umgebung anzuordnen.

Bei den Roten Khmer hieß Pol Pot immer "Bruder Nummer Eins". 1962 wurde er Generalsekretär der geheim gegründeten Kommunistischen Partei Kambodschas. Doch schon 1963 ging er aus Furcht vor König Norodom Sihanouks Geheimpolizei in den Untergrund und lebte unter der Landbevölkerung im nordostkambodschanischen Hügelland. Den bewaffneten Kampf gegen die Regierung von König Sihanouk führte Pol Pot zunächst mit Unterstützung vietnamesischer Berater, von denen er sich 1973 aber abwandte.

1975 brachten die Khmer-Kämpfer die Hauptstadt Phnom Penh unter ihre Kontrolle. Sie ordneten die vollständige Räumung der Stadt an. Rund drei Millionen Menschen sollten aufs Land umgesiedelt werden, um die kommunistische Vision eines Lebens ohne Privatbesitz zu verwirklichen. Ungezählte Kambodschaner wurden von Erschießungskommandos ermordet, andere starben an Krankheiten oder Hunger oder fielen der Fronarbeit auf den Feldern zum Opfer. Die Zeit des Terrors währte bis zur Jahreswende 1978/79. Pol Pot ließ sich in dieser Zeit nur selten in der Öffentlichkeit blicken.

Am 7. Januar 1979 setzten vietnamesische Truppen der Herrschaft der Roten Khmer ein Ende. Die Rebellen gingen zurück in den Untergrund. Aufgrund geostrategischer Interessen wurde ihre Rolle aber wieder aufgewertet. China und die USA wollten die vietnamesische Eroberung Kambodschas nicht hinnehmen. Die Roten Khmer sollten als Guerilla-Armee weiterbestehen. In diesen Jahren machten Berichte über den vierjährigen Terror von 1975 bis 1978 die Runde, unwiderruflich verknüpft mit dem Namen Pol Pot. Zwar erklärten die Khmer 1981, Pol Pot habe seine Ämter niedergelegt, aber hinter den Kulissen soll er weiter die Fäden gezogen haben.

Die Videoaufnahmen vom vergangenen Jahr zeigen einen alten Mann, der auf dem Weg zum Prozeß gestützt werden muß. Pol Pot leide unter Malaria und Bluthochdruck, hieß es seinerzeit. Nun starb er an Herzversagen. Reue zeigte er bis zum Schluß nicht. "Mein Gewissen ist rein", sagte er einem US-Journalisten.

keh/igl
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161116 APR 98





 

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