Eine buddhistische Sicht des Irak-Kriegs

Übersetzung des Artikels "A Buddhist Perspective on the New Gulf War" von David Loy (in Japan lebender amerikanischer Zen-Lehrer, Prof. für Kulturgeschichte und Autor mehrerer Bücher zur Philosophie des Buddhismus und zum Verhältnis Buddhismus und Gesellschaft.)

David Loy, Buddhist News Network, Tokyo, 17.03.03

Ich denke der Buddhismus kann uns einiges lehren zu den Hintergründen, warum dieser verrückte, dumme Krieg zu passieren scheint. Eine riesige internationale Bewegung gegen den Krieg ist beinahe über Nacht entstanden, weil die 'offiziellen' Gründe dafür, den Irak anzugreifen, einfach nicht zusammenpassen. Trotz extremer Anstrengungen sie zu beweisen, konnten keine Verbindungen zwischen dem Irak und Al Qaida entdeckt werden. Saddam ist ein brutaler Diktator? Natürlich, aber seit wann ist das etwas, das die Regierung der USA stört?

Wir haben brutale Regierungen überall auf der Welt unterstützt, und wir unterstützen sie weiterhin, solange sie unseren Interessen dienen - so wie wir Saddam bewaffnet und unterstützt haben, als er den Iran angriff und die Kurden im eigenen Land vergaste. Wenn seine Massenvernichtungswaffen ihn so gefährlich machen, warum sind sie dann so schwierig zu finden? Und warum sind seine Nachbarstaaten nicht so besonders besorgt darüber? Weil die militärische Bedrohung, die von ihm ausgeht, nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was sie vor 12 Jahren war.

Es gibt tatsächlich eine außerordentlich mächtige Nation, die nicht aufhört, entsetzlich zerstörerische Waffen zu entwickeln, und die laufend internationale Verträge außer Kraft setzt, die sie kontrollieren könnte. Aber dieser Schurkenstaat ist nicht der Irak.

Also was geht da tatsächlich vor sich? Hier ist etwas, wo buddhistische Lehren hilfreich sein können. Karma betont die Absichten hinter unseren Handlungen. Wir leiden, und wir verursachen Leid bei Anderen, wegen der 'drei Gifte' oder Wurzeln des Bösen: Gier, Haß und Wahn. Diese müssen transformiert werden in ihre positiven Gegenbegriffe: Großzügigkeit, Mitgefühl und Weisheit. Und diese Probleme stellen sich dem Kollektiv ebenso wie dem Individuum: es gibt institutionalisierte Gier (z.B. Aktiengesellschaften), institutionalisierten Haß (z.B. den militärisch-industriellen Komplex) und es gibt institutionalisierten Wahn (z.B. die Medien). Wir können sehen, wie diese drei Gifte dem neuen Golf-Krieg Motivationen liefern.

Gier? Nach Öl natürlich, und ebenso nach einer Gelegenheit, den Mittleren Osten nach unserem Gutdünken umzukrempeln (denken wir zumindest).

Haß? Uns wird erzählt, daß Saddam Bush I töten lassen wollte. Aber wichtiger ist wahrscheinlich, daß dessen alte Garde wieder an der Macht ist, und die den ersten Golf-Krieg jetzt zu Ende bringen wollen. Sie sind noch immer wütend darüber, daß Saddam den Krieg überlebt hat, die erste Bush-Administration die nächste Wahl aber nicht. Doch es gibt noch einen Faktor - die Notwendigkeit, von der Tatsache abzulenken, daß Bush II & Co. ihren Krieg gegen den Terrorismus nicht gewonnen haben. Bin Laden ist entkommen, und Al Qaida hat sich neu gruppiert. Afghanistan sinkt wieder zurück ins Chaos und neue Terroranschläge werden erwartet. Da dieser Fehlschlag nicht zur Kenntnis genommen werden kann, muß die Aufmerksamkeit auf einen neuen Feind gelenkt werden. Das Böse muß ein neues Gesicht bekommen - oder, genauer, eine neue Zielscheibe für Ärger und Frustration gefunden werden. Ganz besonders trifft dies für eine Präsidentschaft zu, welche erst am 11. 09. zu einer wirklichen Marschrichtung gefunden hat. Das Timing für diesen Wechsel war perfekt, und das war auch der Grund für ihren Wahlerfolg zur Mitte der Amtszeit.

Diese Motivation muß nicht notwendigerweise bewußt sein. Wir wissen ja alle, wie so etwas funktioniert. Dein Chef gibt Dir Saures im Büro, und wenn du heimkommst und Dein Junior etwas sagt, das Dich ein wenig ärgert, dann rutscht Dir die Hand aus...

Ein anderer Faktor ist der Wunsch, all die neuen Waffen auszuprobieren, die das Pentagon entwickelt und eingeführt hat. Die Erprobung auf einem wirklichen Schlachtfeld ist einfach notwendig um herauszufinden, wie gut die tatsächlich sind. Nachträglich müssen sie dann wieder aufgestockt werden, und das ist profitabel für die Waffenindustrie - was uns wieder zurückbringt zur ersten Wurzel des Bösen.

Wahn? Da wird es vom buddhistischen Standpunkt aus wirklich interessant. Einmal ist da diese kollektive Ego-Aufblähung, dadurch daß man die einzige Supermacht der Welt ist. Macht mißt sich an Widerstand, und ohne eine Herausforderung der militärischen Dominanz der US - was gibt es da für einen Grund zu Zurückhaltung? Man ist frei, die Welt nach Herzenslust umzukrempeln. Das geflüsterte Wort ist 'Herrschaft', aber auf lange Sicht ist eine solche Arroganz selbstzerstörend, denn sie verliert jede Legitimität.

Aber es gibt noch eine andere, ganz spezifische Einsicht, die der Buddhismus hier anzubieten hat. Sie ist verbunden mit dem Begriff 'anatta', der Lehre vom Nicht-Selbst. Anatta bedeutet, daß unsere Existenz im Grunde leer ist. Die Schattenseite dieser Leere ist das Bewußtsein des Mangels. Unser Nicht-Selbst bedeutet, daß wir uns wurzellos fühlen, und das macht das Leben manchmal zu einem vergeblichen Versuch, uns selbst zu mehr Wirklichkeit zu verhelfen. Als Individuen suchen wir Existenz in Symbolen, wie Geld, Anerkennung, oder in den Augen unserer Liebsten. Aber es gibt auch eine wichtige kollektive Dimension, die Ideologien nährt wie Nationalismus, oder Gruppenstreitigkeiten wie Krieg. Wir sind immer erleichtert wenn wir entdecken, daß für dieses Gefühl des Mangels, das uns so stört, etwas außerhalb von uns verantwortlich ist - personifiziert im Feind, der daher besiegt werden muß, wenn wir heil und ganz werden wollen.

Darum ist Krieg heilig, und darum lieben wir die Gewalt. Sie scheinen uns einen Vorteil zu bringen gegenüber dem Gefühl des Mangels, das uns sonst auf so ungreifbare Weise ängstigen will. Gewalt liefert uns einen Brennpunkt, eine Quelle unseres Unbefriedigtseins außerhalb unserer selbst - dort wo sie zerstört werden kann. Was Wunder, wenn die Menschen dann erleichtert sind, wenn der Krieg endlich ausbricht, wie es selbst Freud und Rilke anfänglich waren zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Wir fühlen uns neu verbunden mit unseren Nachbarn, in einem Kampf, der nicht mehr unbewußt abläuft, sondern in etwas, über das wir eine bewußte Kontrolle haben. Unser Problem liegt nicht länger in uns selbst, sondern das Böse ist da draußen irgendwo. In Afghanistan, oder im Irak.

Wenn Krieg und Revolution uns nicht die erhoffte Erlösung vom Mangel bringen, dann brauchen wir mehr davon, wiederholte Kriege und immerwährende Revolution. Da wir aber auf diese Weise das Loch in unserer Mitte nicht ausfüllen und uns selbst keine wirkliche Wirklichkeit verleihen können, brauchen wir immer wieder einen neuen Teufel außerhalb (oder innerhalb: eine 'fünfte Kolonne' von islamistischen Terrorgruppen), gegen den wir kämpfen und mit dem wir unseren Mißerfolg rationalisieren können. Diese Tatsache verbergen wir vor uns selbst, indem wir unseren endgültigen Sieg irgendwo in die Zukunft projizieren. Wenn der Sieg über Afghanistan uns nicht die Sicherheit gegeben hat, nach der wir uns so sehnen, der über den Irak wird es sicher tun. Und wenn das unser nagendes Gefühl kollektiven Mangels nicht besänftigt, werden wir einen andern Bösen finden, den wir bekämpfen können. Nordkorea, oder sonstwen.

Das besondere Problem von heute ist aber, daß unsere wachsenden technologischen Mittel dieses Spiel zunehmend immer gefährlicher machen. Wenn wir diesen Kreislauf nicht durchschauen und zum Stillstand bringen, werden wir uns selbst zerstören bei dem Versuch, Andere zu zerstören. Letztlich kann unser individueller und kollektiver Mangel nur spirituell befriedigt werden, denn dort liegt der einzige Weg, unseren wahren Grund zu realisieren.

Das ist es, worum es auf dem buddhistischen Weg geht. Wir müssen unsere Projektionen wieder zurückholen in uns selbst und hier mit ihnen fertigwerden. Anstatt vor meinem Bewußtsein des Mangels davonzulaufen, macht mich die Übung der Achtsamkeit (z.B. ZaZen) dessen noch mehr bewußt. Wenn ich 'mich selbst vergesse' in der Praxis der Meditation, dann kann sich die Leere in meiner Mitte wandeln in einen 'Frieden, der das Verstehen übersteigt', in eine formlose, spontane Quelle der Kreativität, die frei ist, dieses oder jenes zu werden. Meine eigene Buddha-Natur auf diesem Wege zu verwirklichen heißt aber auch zu verstehen, daß jeder andere - ja, auch Terroristen, selbst Saddam - die gleiche Buddha-Natur hat.

Der Buddhismus betont die Gewaltlosigkeit so sehr, weil dieser Weg unvereinbar ist mit dem, was man den 'Mythos der befreienden Gewalt' genannt hat, den Glauben, daß Gewalt als Lösung unserer Probleme in Frage kommt.


A Buddhist Perspective on the New Gulf War

by David Loy, Buddhist News Network

March 17, 2003

Tokyo, Japan. I think Buddhism can give us some special insight into why this crazy, stupid war seems about to happen. A huge international antiwar movement has sprung up almost overnight because the "official" reasons for attacking Iraq simply do not add up. Despite extreme efforts to prove otherwise, no connection between Iraq and Al Qaeda has been discovered. Saddam is a brutal dictator? Of course; but since when is that something that bothers the U.S. government?

We have supported and continue to support many brutal rulers around the world, as long as they serve our interests - as we armed and supported Saddam when he attacked Iran and gassed his own Kurds. If his weapons of mass destruction make him so dangerous, why have been they so difficult to find? And why aren't his neighbors more worried about them? Because Saddam's military threat is a fragment of what it was 12 years ago.

There is indeed an extraordinarily powerful nation that continues to develop horribly destructive weapons, and continues to abrogate international treaties that would control them. But that rogue nation is not Iraq.

So what is really going on? This is where Buddhist teachings can help. Karma emphasizes the intentions behind our actions. We suffer, and make others suffer, because of the "three poisons" or roots of evil: greed, ill will and delusion. These must be transformed into their positive counterparts: generosity, loving-kindness and wisdom. These problems are collective as well as individual: there is institutionalized greed (e.g., corporations), institutionalized ill will (e.g., the military industrial complex) and institutionalized delusion (e.g., the media). We can see these three poisons motivating the new Gulf War.

Greed? For oil, of course, as well as an opportunity to remake the Middle East according to our own liking (or so we think).

Ill will? We are told that Saddam tried to assassinate Bush I. More important, probably, is that the Dad's old guard is back in power, and they want to finish the first Gulf War. They are still angry that Saddam survived it, whereas the first Bush administration did not survive the next election.. But there is another factor: the need to divert attention from the fact that Bush II and Co. have not been winning their war against terrorism. Bin Laden escaped and al Qaeda has regrouped. Afghanistan is descending back into chaos. More terrorist attacks are expected soon. Since this failure cannot be acknowledged, attention must be diverted to a new enemy. Another face must be found for evil -- or, more precisely, a new target for one's anger and frustration. This is especially true for a presidency that only found a direction for itself on 9-11. The timing of the switch was perfect, and responsible for success in the midterm elections.

This motivation is not necessarily all conscious. We are all familiar with how it works. Your boss gives you a hard time at the office, so when you come home and your kid says something mildly irritating, you slap him.

Another factor that falls into this second category is the desire to test all those new weapons that the Pentagon has developed and deployed. True battlefield conditions are necessary to find out how well they really work. Afterwards they need to be replenished, which is profitable for arms companies, which brings us back to the first root of evil.

Delusion? This is where it gets really interesting, from a Buddhist point of view. For one thing, there is the collective ego-inflation that results from being the world's only hyper-power. Power is measured by its resistance. With nothing to challenge U.S. military dominance, what need is there for restraint? One is free to remold the world to the heart's desire. The whispered word is empire, yet in the long run such arrogance is self-destructive, because it forfeits all legitimacy.

But there is another, special insight that Buddhism has to offer here. It is connected with anatta, the "no-self" teaching. Anatta means that our core is hollow. The shadow-side of this emptiness is a sense of lack. Our no-self means we feel groundless, and that often makes life a futile quest to make ourselves feel more real. Individually, we seek being in symbolic ways such as money, fame, or through the eyes of our beloved. Yet there is also an important collective dimension that feeds ideologies such as nationalism and group struggles such as war. We are always relieved to discover that the sense of lack bothering us is due to something outside us - personified in the enemy, who therefore must be defeated if we are to become whole and healed.

That is why war is sacred, and why we love violence. It seems to give us clear purchase on the sense of lack that otherwise tends to haunt us in an amorphous way. Violence focuses the source of our dissatisfaction outside us, where it can be destroyed. No wonder, then, that people tend to rejoice when war finally breaks out, as even Freud and Rilke initially did at the beginning of the first world war. We feel newly bonded with our neighbors in a struggle that is no longer unconscious but something we have some conscious control over. Our problem is no longer inside us, but the evil that is over there. In Afghanistan. Or Iraq.

When wars and revolutions do not bring us the salvation-from-lack we seek, though, we need repeated wars and continual revolutions. Since we can never fill up the hole at our core in this way and make ourselves really real, we always need a new devil outside us (or inside us: a "fifth column" of Islamic terrorist cells) to rationalize our failure and fight against. We hide this fact from ourselves by projecting our victory sometime into the future. If Afghanistan didn't give us the security we crave, defeating Iraq will. When that doesn't quell our festering sense of collective lack, we'll find some other evil to fight. North Korea, anyone?

The special problem today is that our increasing technological powers make this game increasingly dangerous. If we don't see through this cycle and stop it, we will destroy ourselves in the process of destroying others. Ultimately, our individual and collective lack can only be resolved spiritually, because that is the only way to realize our true ground.

That is the point of the Buddhist path. We need to take our projections back into us and deal with them there. Instead of running away from my sense of lack, mindfulness training (such as zazen) makes me more aware of it. When I "forget myself" in meditation practice, the emptiness at my core can transform into a "peace that surpasses understanding," into a formless, spontaneous fountain of creativity free to become this or that. And to realize my own Buddha-nature in this way is to realize that everyone else - yes, even terrorists, even Saddam - has the same Buddha-nature.

Buddhism emphasizes non-violence so much because this path is incompatible with what has been called "the myth of redemptive violence," the belief that sees violence as the solution to our problems.





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[Stand: Mai 2004/ März 2003]