Die Bedeutung der Arbeit bei Buddha

Ein Plädoyer für den bedingungslosen Lebenserhalt

von Franz-Johannes Litsch


Kaum ein Thema beherrscht unsere heutige Lebenswelt so sehr, wie das der Arbeit. Die ist geprägt von Überarbeitung und Erschöpfung auf der einen Seite und Perspektivlosigkeit und Depression auf der anderen. Und nicht nur unter denen, die keine Arbeit haben und von Hartz IV leben, auch unter jenen, die Arbeit haben und Einkommen beziehen, reicht das Geld oft nicht mehr aus, insbesondere wenn davon eine Familie zu ernähren ist. Neue Armut breitet sich in Deutschland rasant aus. Hinzu kommt die zunehmende Unsicherheit in der Existenzsicherung. Selbst Studium und gute Ausbildung garantieren keinen Arbeitsplatz mehr, Verträge gibt es nur noch befristet, permanent droht Arbeitslosigkeit bei Sozialleistungen und Arbeitslosengeldern, die durch öffentliche Neidkampagnen gegen "faule Sozialhilfeschmarotzer" und "Leistungsverweigerer" immer mehr heruntergedrückt werden. Den Sozialstaat können "wir" uns nicht mehr leisten. Wer nicht arbeitet, ist selber schuld und hat eigentlich gar kein Existenzrecht.

Ohne Zweifel - die Arbeit stellt in unseren modernen industriellen Gesellschaften ein Hauptfeld von dukkha, von alltäglichem Leiden dar. Angesichts dessen mag sich mancher fragen: welche Bedeutung hat die Arbeit eigentlich in der Lehre und Praxis des Buddha?

Arbeit und rechter Lebenserwerb

Bei der Beantwortung der Frage fällt zuerst auf, dass es den Begriff "Arbeit" in den Ursprachen des Buddhismus, Pali und Sanskrit garnicht gibt. Heißt das, dass dem Buddha das Thema nicht wichtig war? Im Gegenteil, wir begegnen ihm an zentraler Stelle, nämlich unter den Gliedern des "Edlen acht-fachen Pfades" im Begriff samma-ajiva, "rechter Lebenserhalt".

Der achtfache Pfad wird traditionell eingeteilt in drei Themenbereiche: nämlich: sila (Ethik), samadhi (Meditation), pa˝˝a (Weisheit). Bei der üblichen Aufzählung - beginnend mit samma-ditthi, "rechte Einsicht" - steht Sila in der Mitte und umfasst: samma-vaca, "rechte Rede", samma-kammanta, "rechtes Tun" (Handeln und Verhalten) und samma-ajiva, gemeinhin übersetzt mit "rechter Lebenserwerb" oder "Lebensunterhalt".

Das Paliwort samma heißt eigentlich "zusammen" oder "vollständig", hat von daher aber auch die Bedeutung von "richtig". Was ganz oder vollständig ist, ist richtig. ajiva besteht aus den beiden Wortteilen a und jiva; a (langes a) heißt "hin", "hin zu", oder "von", "von her". Jiva bedeutet "Leben" oder "Lebewesen", im Hinduismus bezeichnet es die Individualseele. Insofern heisst ajiva wörtlich "zum Leben hin" oder "vom Leben her". Das zeigt, worum es bei samma-ajiva geht. Es geht um umfassende, richtige Tätigkeit, bezogen auf das Leben als Ganzes. Dem Lebenserhalt diese Bedeutung gebend, macht der Buddha sie zum Thema ethischer und spiritueller Lebenspraxis.

Die Arbeit dient somit nicht dem Selbstzweck ("die Bestimmung des Menschen ist, zu arbeiten"), auch nicht dem Geldverdienen ("für Geld tue ich alles") und nicht dem massenhaften Produzieren und Verkaufen von Waren ("je mehr, umso besser"). Noch viel weniger besteht ihre Aufgabe darin, zum puren Reichtum, zur Macht, zur Karriere, zur Herausstellung der eigenen Persönlichkeit zu führen. Der Sinn der Arbeit ist auch nicht die rücksichtslose Ausbeutung und technische Unterwerfung der Natur, nicht die effektive Verwertung der "Ware Arbeitskraft", nicht die massenhafte Herstellung von zweifelhaften Konsumwaren und deren Vermarktung und Umwandlung in Geld, noch die Akkumulation und Aneignung dessen als Gewinn und Kapital. Der rechte Lebenserhalt dient der umfassenden Erhaltung des Lebens. Und das ist - obwohl so naheliegend - eine höchst bedeutsame Aussage.

Die Ethik des Buddha - niedergelegt in den panša sila, den fünf ethischen Grundregeln für jeden - lässt sich in zwei Dhamma-Begriffen zusammenfassen: sati, "Achtsamkeit" und ahimsa, "Nichtverletzen"; Achtsamkeit und Nichtverletzen in Bezug auf mich selbst und auf den anderen. Dabei gibt es zwischen mir und dem Anderen letztlich auch keine Differenz. Samma-ajiva, rechter Lebenserhalt ist konkrete Umsetzung dessen. Auch in der Tätigkeit, mit der ich mir (oder den Meinen) den Lebensunterhalt sichere, bin ich achtsam und bemühe ich mich, kein Lebewesen zu verletzen. Mehr noch: ich arbeite, um Leben zu schützen und vor Leiden zu bewahren. Arbeit wird so zur Praxis der Brahmaviharas: metta, "liebevolle Freundlichkeit", karuna, "tätiges Mitgefühl", mudita, "Mitfreude", upekkha, "Ausgeglichenheit und Gleichbehandlung (Gerechtigkeit)". Samma-ajiva fällt nicht aus der übrigen Dhamma-Praxis als "weltliche Angelegenheit" heraus, sondern gehört unabtrennbar zur Ganzheit des "Edlen achtfachen Pfades", zum Weg der Beendigung des Leidens dazu.

In diesem Sinne verstandene Arbeit hört nicht auf, auch ökonomische (haushälterische) Tätigkeit zu sein. Denn natürliches Leben ist von sich aus ökonomisch. Dem Leben geht es immer um den optimalen Lebenserhalt; nicht um den Vorteil des Einzelnen zu Lasten des Ganzen oder der nachfolgenden Generationen, sondern um den Nutzen aller. Nur derjenige handelt wirklich erfolgreich, der anderen nicht schadet, da die Folgen letztlich auf einen selbst zurückschlagen; so wie dies einem geschieht, der den Ast absägt, auf dem er sitzt. Eben das meint die im Westen oft so missverstandene Lehre des Buddha vom Karma. Der heutige rücksichtslose Raubbau an der Natur, am Weltklima und am Wohlergehen der Menschheit ist extrem unökonomisches, karmisch negatives Handeln. Davor die Augen zu verschließen, ist pure Verblendung oder Selbstmord.

Die Bedeutung der Arbeit in Antike und Mittelalter

Seit es den Menschen gibt, war er tätig, um sich den Lebenserhalt zu sichern. Für Nahrungsmittel sor-gen; Werkzeuge, Kleidung und Behausung herstellen; Essen, Ausruhen, Genießen, soziale und persönliche Beziehungen pflegen; mit Pflanzen, Tieren, dem Wetter und den Kräften des Kosmos in Bezie-hung treten; all das war ehemals nicht voneinander getrennt. Die Trennung geschah in den städtischen, hierarchischen, patriarchalen und arbeitsteiligen Hochkulturen der Antike. Hier - zur Lebenszeit des Buddha - war die Arbeit - abgetrennt von den übrigen Lebensbereichen und oberen Klassen - bereits Zwang und Fluch, dukkha der unteren Gesellschaftsklassen und- kasten geworden.

Die griechisch-römische Antike verachtete die körperliche Arbeit, sie war Aufgabe der Sklaven. Geistige, künstlerische und politische Tätigkeit galt noch nicht als Arbeit, sie waren Ausdruck von Muße und Kontemplation, Betätigung der Privilegierten. Nicht anders war es im darauffolgenden Mittelalter. An die Stelle der Sklaven traten hier die Bauern, Leibeigenen, Fronarbeiter. Das deutsche Wort "Arebeit" hat etymologisch die Bedeutung von Mühsal, Not, Strafe. Im benediktinischen Mönchtum erfuhr die Arbeit eine erstmalige Aufwertung als ora et labora, "bete und arbeite", als gottgefällige Buß- und Askesepraxis. Die nachfolgenden Zisterzienser verbanden die Arbeit darü-berhinaus mit Technik und dem Ziel, die feindlich gesehene Natur zu unterwerfen.

Die vedisch-brahmanische Kultur Indiens verachtete die Arbeit in gleicher Weise. Die Kastenhierarchie - im vedischen Schöpfungsmythos begründet und damit unveränderlich - war eine Berufs- und Arbeitshierarchie. Oben standen die Brahmanen als erbliche Opfer- und Ritualpriesterfamilien, die sich der Aneignung, Ausübung und Weitergabe spirituellen Geheimwissens widmeten. Sie hatten das Monopol auf den Zugang zum Göttlichen und Heil. Der Kriegerkaste oblag die Verteidigung und Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung. Die städtischen Handwerker und Kaufleute sorgten für die Herstellung und den Vertrieb von Gebrauchs- und Luxusgütern, die Bauern für die Erzeugung und Beschaffung der Nahrungsmittel und anderer Naturgüter. Die Angehörigen der untersten Kaste fun-gierten als Landarbeiter, Knechte, Diener, Haussklaven zur Erledigung der schweren und unreinen Tätigkeiten.

Angesichts des ausufernden brahmanischen Opferkults und des rigiden Sozialsystems entstand in Indien ab dem 8. Jh.v.Chr. eine Bewegung des radikalen Ausstiegs aus der herrschenden religiösen und gesellschaftlichen Ordnung und der Suche nach alternativem und spirituellem Leben als Wanderasket oder -mönch. Diese Samanas (Sanskrit: Shramana) hatten sich zur Zeit des Buddha (5. Jh. v.Chr.) über ganz Nordindien ausgebreitet und übten starke geistige Anziehungskraft aus. Buddha folgte ihnen und verließ ebenfalls seine soziale Herkunft und Rolle, seinen Reichtum, seine Macht, seine Privilegien. Er wurde ein Teil der Nastika, der "Neinsager" zum vedischen System.

Nichtanhaften, Hauslosigkeit, Besitzlosigkeit, Freigiebigkeit, Begierdelosigkeit, Selbstlosigkeit usw. waren darum nicht zufällig die zentralen Anliegen der Lehre und Praxis des Buddha. Sie antworteten direkt auf die in Nordindien (und anderswo) entstandenen Gesellschaften des Ergreifens, Festhaltens und sich Bemächtigens und die damit auch eingetretene Pervertierung des Lebenserhalts. Buddha sah allerdings, dass er diese Entwicklung nicht aufhalten oder abschaffen konnte. Doch schien es ihm nötig und möglich, Alternativen zu schaffen, Räume sozialer und religiöser Freiheit, die es wiederum ermöglichten, vollständige geistige Freiheit zu erlangen.

Dieser Freiheitsraum war und ist der Sangha, der Mönchs- und Nonnenorden, der sich einerseits von der Klassenordnung, dem Arbeitssystem und der Geldökonomie befreit und andererseits bewusst abhängig macht von der täglichen Gebebereitschaft (dana) der Menschen, die im herkömmlichen gesellschaftlichen System verbleiben. Denn nichts darf im Sangha aufbewahrt und gehortet werden; alles was übrig bleibt, wird weiter verteilt. Da der Sangha prinzipiell jedem Menschen zugänglich ist, Mönchtum auf Zeit zulässt, hat auf diese Weise jeder Mensch ebenfalls die Möglichkeit, zumindest zeitweilig aus der Sozialordnung auszusteigen, um sich der geistigen Befreiung zu widmen. Eine ein-zigartige soziokulturelle Innovation des Buddha.

Die Arbeit in der industriellen Moderne

Im Abendland brachte die Neuzeit mit Reformation, Renaissance und Aufklärung, mit dem Aufstieg von Naturwissenschaft, Kolonialismus und Kapitalismus einen tiefgreifenden Wandel im Verständnis der Arbeit. Der Apostel Paulus hatte geschrieben: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen." Er hatte damit gemeint, dass man nicht untätig auf die "baldige Wiederkehr Christi" warten solle. Der Satz wurde zum Leitspruch der neuen Arbeitsideologie, die bis heute "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" vereint. "Müßiggang" - ehemals die Tugend der Philosophen, Weisen und Eremiten - wurde nun zu "aller Laster Anfang".

Nicht nur die Arbeit der Mönche sondern auch die der Künstler und Wissenschaftler, der Handwerker und Händler wurde nun zum Weg gottgefälligen Handelns. Weltlicher Erfolg und Reichtum durch weltliche Arbeit und Anstrengung wurde Beweis göttlicher Gnade und Erwählung, der himmlische Lohn konnte bereits im Leben erlangt werden. Die Jenseitsaskese und mönchische Disziplin ging über in die Diesseitsaskese und bürgerliche Disziplin. Die hieß: Fleiß, Strenge, Gehorsam, Pünktlich-keit, Sparsamkeit, Beharrlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ordnung, Härte gegen sich selbst. Die Arbeit wurde zum wichtigsten Lebensinhalt.

Wie die Klöster Modell der neuen industriellen Produktion von Waren und Geld wurden, richteten sich selbst soziale Einrichtungen, wie Schulen, Hospitäler, Zuchthäuser, Arbeitshäuser, "Irrenhäuser", nach dem Modell der Fabrik. Die Lebensweise der Menschen wurde systematisch arbeitsförderlich normiert, dressiert, diszipliniert, selbst Kinder massenhaft und gnadenlos in die Maschinenarbeit eingepasst. Körperliche Züchtigung war normal und viele Tausende wurden für "Arbeitsverweigerung" schwer misshandelt oder gar hingerichtet. Die Kolonisierung des Arbeitsmenschen in Europa hatte ihre Ausweitung in der Kolonisierung der außereuropäischen Kontinente, Völker, Kulturen. Abermillionen Menschen wurden der abendländischen Fortschritts- und Zivilisationsmission geopfert.

Der "Mann der Tat" erkannte sich im Schöpfer- und Unternehmertum als gottgleich und begann die Welt nach seinem Bilde zu gestalten und untertan zu machen. Die Arbeit wurde zum Hauptmotor der westlichen Moderne und zur wichtigsten Grundlage der individuellen Ichbildung. Nicht mehr nur durch günstige Geburt sondern durch eigene Arbeit konnte man sich jetzt Name und Identität erwerben. Die Arbeit machte den Menschen zur selbstbewussten Person, zum klassen-, standes-, berufs- und leistungsbewussten Subjekt. Das lateinische Wort sub-iectum bezeichnet sowohl das Unterwerfende wie das Unterworfene. Die Unterwerfung unter die Herrschaft der Arbeit machte die Menschen fähig, nahezu empfindungslos, sich selbst wie andere zu unterwerfen. Arbeit war Beherrschung der Natur, der inneren und der äußeren. Mit der Technik und Maschine wurden ihm dafür immer rationellere und mächtigere Mittel an die Hand gegeben. Die Fliessbandarbeit machte den Menschen schließlich selbst zur Maschine und letztlich zur Nummer. Am Höhepunkt dieser Entwicklung errichtete das "Paradies aller Werktätigen", die Sowjetunion riesige Arbeitslager zur Liquidierung der nummerierten "Klassen-feinde" und "Fortschrittssaboteure" und stand über dem Eingang des millionenfachen industriellen Vernichtungslagers Auschwitz der Satz: "Arbeit macht frei".

Angesichts dieser kulturellen Katastrophe hat die westliche Moderne nach dem Ende des II. Weltkriegs notgedrungen eine Wandlung durchgemacht. Aus der Arbeitsgesellschaft wurde eine Konsumgesellschaft. Den Arbeitenden wurde ein Anteil am erlangten Reichtum geboten. Kaufen und Konsum war jetzt der Sinn der Arbeit. Das verschaffte der Ökonomie des Kapitalismus einen weit größeren Erfolg und Gewinn als der vorherige direkte und normierte Arbeitszwang. Er sicherte die Unterstüt-zung der arbeitenden Massen, die nun ihr privates Wirtschaftswunder erlebten und seither Interesse am wissenschaftlich-technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Wachstum haben.

Indessen, dieser Wohlstand - erzielt durch Arbeitssteigerung, Rationalisierung, Automatisierung, sowie Naturausbeutung und Verarmung vieler Länder des Südens - kehrte sich nach kurzer Blüte (50er bis 80er Jahre) mit seiner globalen Ausbreitung in sein Gegenteil um. Er vernichtet nun zunehmend Arbeitsplätze, steigert die geforderte Arbeitsleistung bis zur Grenze, lässt - aufgrund der zahlreichen Herausfallenden - den Sozialstaat gigantisch wachsen und nimmt schleichend alle sozialen Errungen-schaften wieder zurück, die er einst gewährte. Nicht genug damit, werden jetzt auch all die bisher übersehenen und verdrängten ökologischen Folgen unserer zerstörerischen Produktions- und Lebensweise offenbar. Auf unsere Kinder und Kindeskinder kommen die versteckten Kosten unseres blinden und verschwenderischen Umgangs mit der Welt zu. Und nur eines der zahllosen Probleme lautet, dass die vom Menschen bewirkte globale Klimaveränderung noch in diesem Jahrhundert zahlreichen Men-schen die Überlebensmöglichkeit nehmen wird. Vorsichtige Schätzungen sagen voraus, dass alleine in Afrika die Zahl der Hungertoten um 55 Millionen Menschen steigen wird.

Bedingungsloser Lebenserhalt für alle

Der rasante wissenschaftlich-technologische Fortschritt seit dem II. Weltkrieg hat allerdings auch neue Perspektiven eröffnet. So ist es auf Grund dessen heute erstmals möglich, mit relativ geringem Arbeits- und Materialaufwand allen Menschen dieser Erde einen ausreichenden Lebensunterhalt mit notwendigen Gütern zu gewährleisten. Sämtliche diesbezüglichen Berechnungen zeigen, dass die Bedingungen vorhanden sind, um keinen Menschen der Erde mehr hungern zu lassen. Tatsächlich aber leiden gegenwärtig 1,2 Milliarden Menschen an chronischem Hunger. Auch alle weiteren Grundbedürfnisse können in ausreichendem Masse gestillt werden. Doch ein Drittel der Menschheit verfügt noch nicht mal über sauberes Wasser. Das Hindernis besteht einzig und allein im Willen der Verantwortlichen und in der extrem ungleichen Verteilung des Reichtums der Erde. Denn jene, die privat oder politisch die Verfügungsgewalt über den Reichtum der Erde in ihren Händen haben, halten diesen Reichtum - obwohl auch sie sterblich sind - für ihren persönlichen ewigen Besitz.

Im Jahre 2008/2009 hat die Menschheit die größte Wirtschaftskrise ihrer Geschichte erlebt. Geldwerte in unvorstellbarer Höhe wurden durch bloßen Vertrauensverlust in ihren Wert vernichtet. Auf dem Höhepunkt des Schocks wurde von 5 Billionen US $ Verlust gesprochen. Experten sagen, dass die Summe weit höher liegt. Viele Staaten haben innerhalb kürzester Zeit mit Steuermitteln horrende Summen zur Rettung der Banken und Aktionäre zur Verfügung gestellt. Obwohl die Folgen der Krise in ihrem ganzen Ausmaß noch nicht deutlich sind, kann bereits gesagt werden, dass die Weltwirtschaft davon dennoch nicht zusammengebrochen ist. Für die Rettung der Millionen der Superreichen ist der Staat also sofort zur Stelle. Für die Rettung der Millionen ohnmächtigen Armen hat er kein Geld - das nennen die Politiker dann "soziale Markwirtschaft".

Daraus ergibt sich der Schluss, es ist genug Reichtum und Produktivkraft in der Menschheit vorhanden, um ausnahmslos jedem Menschen eine ausreichende bedingungslose Grundsicherung zur Verfügung zu stellen. Der bis heute aufrechterhaltene, für viele unerträglich gewordene Arbeitszwang, angesichts dessen, dass zugleich die benötigten Arbeitsmöglichkeiten und -einkünfte nicht da sind, könnte völlig aufgegeben werden. Kein Mensch müsste dabei verhungern oder materiell leiden. Dies bedeutet nicht die Abschaffung der Arbeit, sondern lediglich die Abschaffung des Arbeitszwangs bei gleichzeitig fehlender Sicherung des Lebenserhalts. Im Gegenteil, die Grundsicherung für jeden würde eine gewaltige Entfaltung sinnvoller, kreativer, freiwilliger menschlicher Tätigkeit freisetzen. Es könnte das entstehen, was die Menschen wahrhaft wollen und können, nicht, was sie müssen. Alle immer noch notwendigen, unerfreulichen und schweren Tätigkeiten können durch attraktiven zusätzlichen Verdienst gewährleistet werden. In spätestens 100 Jahren wird man wohl gar nicht mehr verstehen, wie die moderne Welt anders funktionieren konnte.

Jenen Menschen, die wenig Interesse an materieller Anhäufung haben, sondern ihr Leben lieber geistigem Wachstums widmen möchten, würde damit gesellschaftlich auch jene Bedingung, jenes Dana geboten, das es in buddhistischen Ländern schon seit über 2 Jahrtausenden gibt. Wenn dies heute armen Ländern Asiens noch möglich ist, warum soll das den weiterhin enorm reichen Ländern des Westens nicht auch möglich sein?

Auf diesem Wege kann die menschliche Arbeit wieder die Bedeutung von gemeinschaftlicher, fürsorgender, heilsamer Lebenserhaltung annehmen, kann wieder zur Ethik, zu praktizierter Liebe (metta) und zu tätigem Mitgefühl (karuna) werden. Das Recht auf Leben muss nicht erst "verdient" werden, sondern wird wieder zum Geschenk. Arbeit ist nicht mehr Ausgangsort der Beschränkung, Belastung und Zerstörung des Lebens sondern der Erhaltung und Förderung des Lebens, nicht mehr Quelle von Leid (dukkha), sondern Quelle von Freude (sukha).





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[Stand: April 2009]