
Auszüge aus einer Presseerklärung des Umweltbundesamtes in Berlin vom 1. Juni 2001:
Umweltbundesamt
Leiter des Präsidialbereichs/Pressesprecher
Postfach 33 00 22
14191 Berlin
Seit 1861 ist die global gemittelte Lufttemperatur um etwa 0,6 °C angestiegen. Die im 20. Jahrhundert auf der Nordhalbkugel beobachtete Erwärmung ist die stärkste der letzten 1000 Jahre. Sieben der zehn weltweit wärmsten Jahre traten nach 1989 auf. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) belegen, dass Klimaänderungen im 21. Jahrhundert weltweit gravierende Folgen nach sich ziehen werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird ein Anstieg der globalen mittleren Temperatur um 1,4 °C bis 5,8 °C prognostiziert. Diese Temperaturänderungen übersteigen alle während der letzten Jahrhunderte beobachteten natürlichen Temperaturschwankungen. Auch die Dynamik, mit der diese Prozesse ablaufen, ist Besorgnis erregend. Temperaturänderungen in derartig kurzen Zeiträumen waren in den letzten 10.000 Jahren nicht nachzuweisen.
Viele Klimamodelle weisen auf die zu erwartenden - teilweise dramatischen - globalen und regionalen Veränderungen hin. Sie werden zum Beispiel beim Niederschlag befürchtet. Extreme Wetter- und Klimaereignisse werden zunehmen. Dazu zählen Starkniederschläge, Überschwemmungen, Hitze- und Dürreperioden mit Schäden in Landwirtschaft, Industrie und Infrastruktur, mit unmittelbaren Gefahren für menschliches Leben. Gelingt es uns nicht, den globalen Klimawandel und seine Folgen durch rasches und entschlossenes Handeln mit vertretbarem Aufwand zu bremsen, werden sich diese Probleme in der Zukunft weiter verschärfen.
Die Broschüre „Klimaschutz 2001 - Tatsachen, Risiken, Handlungsmöglichkeiten“ zeigt auch Wege zur Begrenzung der vom Menschen verursachten Klimaänderungen und deren Auswirkungen.
Berlin, den 01.06.2001
Die Broschüre „Klimaschutz 2001 - Tatsachen, Risiken, Handlungsmöglichkeiten“ kann kostenlos beim Umweltbundesamt, Zentraler Antwortdienst, Postfach 33 00 22, 14191 Berlin, Fax: 030/ 8903 2912, angefordert werden. Informationen über stundenaktuelle deutschlandweite Luftbelastungsdaten finden Sie im Internet unter der Adresse: www.umweltbundesamt.de
Ans „Gift der Woche“ hat sich der Zeitungsleser gewöhnt und sucht dem mit Hakenschlägen im Speiseplan auszuweichen. Die Frage, ob der zivilisierte Mensch noch Fleisch essen könne, hat sich – vorläufig – erübrigt, nicht nur wegen der Aussichten auf Gehirnerweichung. Das Mitleiden mit der geschundenen Kreatur ist geweckt: Macht das Steak seinen Esser nicht zum Mitglied einer terroristischen Vereinigung, die nur deswegen nicht als solche gilt, weil sie sich nicht gegen den Staat richtet, sondern gegen die Tierwelt?
Derartige Gewissensbisse sind noch nicht verstummt, da schneit die Meldung der Vereinten Nationen ins Haus: Die Klimakatastrophe kommt schneller und ärger als bisher angenommen! Aber nun die Überraschung: Diese Katastrophennachricht verhallt folgenlos im Raum. Gerade ist die Schutzbehauptung, Deutschland sei BSE-frei, turbulent in sich zusammengebrochen, da wird die schöne neue Idylle errichtet: Deutschland ist klimakatastrophenfrei.
Man sucht nach Erklärungen: Ist durch die Rinder-Maul-und-Klauen-Wahn-Seuche Weghören vielleicht ein Akt der Selbstverteidigung geworden? Möglicherweise wird aber auch die Stimme der UN-Kassandra lauter, je größer der öffentliche Druck ihrer Kritiker wird? Gab es nicht den Treibhauseffekt schon im Mittelalter?
Auch dieser Fluchtweg ist abgeschnitten. „Die Aussage des UN-Berichtes ist klar und wurde von mehr als hundert Staaten gut geheißen“, sagt der Präsident der UN-Gruppe für Klimaschutz, Robert Watson. Es drohen Überschwemmungen und Dürren. Gerade Bayern ist betroffen. Viele Alpengletscher werden schmelzen. Man kann sich das kaum vorstelle. Die Zukunft eines schneefreien, skifreien Bayerns zeichnet sich ab – und Stoiber schweigt!
Vielleicht hat Deutschland ja seine Hausaufgaben in Sachen Klimaschutz erfüllt, die Politiker können sich zurücklehnen und die USA als größten Verschwender fossiler Energie anschwärzen? Das Gegenteil ist richtig: Der Autoverkehr nimmt zu und damit die Menge der Kohlendioxid-Abgase. Deutschland – die grüne Nation – ist Energieverschwender Nummer eins in Europa!
Wenn alles dies richtig ist, ist einiges falsch, beispielsweise dass Deutschland ein umweltbewusstes Land ist; der pflichtvergessene Deutsche – eine Nachricht, die viele Nachbarländer mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen werden. Auch falsch ist, dass wir in unmoralischen Zeiten leben. Wieso das?
Die wissenschaftlich begründete Aussage, dass die Zukunft der Menschheit gefährdet ist, richtet sich nicht nur an alle Regierungen, alle Manager einschlägiger Industrieunternehmen, sondern an alle Menschen der Welt. Alle sind aufgefordert, das Verhalten sofort und tiefgreifend zu ändern. Globale Risiken sind wissenschaftlich verkleidete, moralische Maximen in „kosmopolitischer Absicht“ (Kant). Argumentiert und gestritten wird über BSE, Ozonloch, Klimakatastrophe in einer wissenschaftlichen Formelsprache. Doch die Botschaft ist klar: Wir müssen handeln.
Der Teufel steckt im Wir: Wer ist „wir“? Die Politiker? Die internationalen Organisationen? Deutschland, Europa, die USA, die Dritte Welt? Die Autoindustrie? Die Wissenschaftler? Die Verbraucher? Die Massenmedien? Geht es um Rechtsfragen? Um Verkehrsfragen? Um den Autobahnbau? Um Konkurrenzstrategien der Katalysatoren-Hersteller auf den europäischen Märkten? Um Fragen der asiatischen Landwirtschaft? Um mögliche Kriege? Um Trinkwasserknappheit in Teilen Afrikas und Südamerikas? Werden Holland und Bangladesch vom Meer verschlungen? Oder geht es um die Bettenkapazität in der bayerischen Ferienindustrie? Das Problem des Problems ist: Es geht ein bisschen um alles dies zugleich, und deshalb kann niemand mit Sicherheit sagen, worum es tatsächlich geht. Jedenfalls nicht, ohne damit entschiedenen Widerspruch von Stimmen aus Nachbarindustrie, Nachbardisziplin oder der Dritten Welt auszulösen.
Ein „Wir“ dieser Unabschließbarkeit ist nicht nur handlungsunfähig, es ist auch inexistent. Weltprobleme wie die drohende Klimakatastrophe werfen genau dieses Dilemma auf: Es gibt weder einen globalen Konsens noch globale Handlungsinstitutionen. So verschärft sich das Bewusstsein einer drängenden Handlungsnot ohne Handlungschance.
Schon in Europa tun sich für eine Politik, die tatsächlich ernstmachen will mit transnationalen Problemen wie Klimakatastrophe, den Austritt aus der Kernenergie, rechtlichen Regelungen der Humangenetik, aber auch Einwanderung, Menschenrechte undsoweiter, komplizierte Fragen auf. Alle diese Probleme sind beides zugleich: innenpolitisch hochbrisant und innenpolitisch unlösbar. Sie erzwingen einen Quantensprung der Politik, nämlich die Preisgabe nationaler Souveränität zur Lösung nationaler Probleme. Dagegen aber lässt sich erfolgreich Widerstand mobilisieren.
Wer also die Lösung der großen Probleme vorantreiben will, muss die Fiktionen einer nur nationalen Politik aufbrechen und die Politik programmatisch und institutionell europäisieren. Fast alle Fragen, die den Menschen auf den Nägeln brennen, haben eine europäische Dimension. Es müsste durchsichtig gemacht werden, wie die Lösung der Alltagsprobleme, beispielsweise Ernährungsfragen, eine Europäisierung der nationalen Politik voraussetzt. Allerdings darf die Europäisierung nicht die Entdemokratisierung der Politik weiter vorantreiben.
Doch geschieht diese transnationale Öffnung der nationalen Politik nicht, wird das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Institutionen dauerhaft in Frage gestellt. Das überschießende Risikobewusstsein verändert auch als solches die Welt. Es erzeugt, züchtet ein kulturelles Rot-Kreuz-Bewusstsein, labilisiert Weltmärkte, zwingt Konzerne ihre Produktionsgeheimnisse offen zu legen, verschafft ganzen Kolonnen von Leugnungsexperten dauerhafte Brot- und Karrierechancen. Die kulturellen Bühnen der ökologischen Frage modernisieren das antike Drama: Hier gibt es Heroen und Schurken, Odysseen, Götter und Dämonen; nur dass diese jetzt auf chemische Formeln hören und mit zugeteilten Rollen in allen Handlungsfeldern – in der Politik, in der Wissenschaft, nicht zuletzt auch in der Wirtschaft – gespielt, verteilt, zugewiesen und abgewiesen werden.
Was daraus wird, gerät oft genug zur Groteske. Seitdem der Bauernverband als Patentantwort auf die BSE-Krise die Politik der „gläsernen Wurst“ entdeckt hat, schwebt die Frage im Raum: Wollt ihr die totale Wurstkontrolle?
Die Stadtplaner an der TU Berlin haben abgefragt, was ökologisches Handeln – alltäglich angewendet – bedeutet: Feuerwerkskörper abschaffen, Nachttöpfe wieder einführen, mit weniger Wasser kochen, Kerzen statt Glühbirnen benutzen, Schaufensterbeleuchtungen abschalten, nur sichtbar getragene Kleidungsstücke bügeln, Kopfsteinpflaster abschaffen, Rauchen verbieten . . .
Gottfried Benn hatte also wieder einmal die Nase im Wind, als er die Zukunft beschrieb: „Kleinbausiedlungen, darin durch Steuergesetz begünstigten Geschlechtsverkehr, in der Küche selbst gezogenes Rapsöl, selbst bebrütete Eierkuchen, Eigengraupen, am Leibe Heimatkurkeln, Grauflanell, ein Turnreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer – das ist der Vollgermane.“ Nur in einem irrte Benn: Auf den Höhen Rinderfeuer – das ist Europa.
ULRICH BECK
Amerika blockiert den Kampf gegen den Treibhauseffekt - und schadet damit der eigenen Wirtschaft
Von Fritz Vorholz
Die Botschaft des Schreckens kam ganz beiläufig in einem Brief an vier republikanische Parteifreunde. Das Schreiben wurde publik, und so erfuhr - nicht gerade die Hohe Schule der Diplomatie - auch der Rest der Welt, wie der mächtigste Politiker des Planeten mit einer wahrhaft planetarischen Herausforderung umzugehen gedenkt: völlig ignorant.
Das Wissen um die Gefahr der globalen Erderwärmung war noch nie so umfassend wie heute. Erst kürzlich hat ein hochrangiges UN-Wissenschaftlergremium vor den katastrophalen Folgen des Treibhauseffekts gewarnt: vor Dürren und Fluten, vor Hunger und Seuchen. Doch der amerikanische Präsident George W. Bush hält diese Erkenntnisse für "unvollständig" - und tritt nun zur Freude aller Klimasünder auf die Bremse. Amerikanische Kohlekraftwerke sollen weiter ungestört Treibhausgase in die Erdatmosphäre pusten dürfen. Das Klimaschutzabkommen, um das die Weltgemeinschaft seit einer halben Dekade ringt, will Bush entsorgen: "Wie Sie wissen, bin ich gegen das Kyoto-Protokoll ...", lautet seine Botschaft.
Auf halber Strecke zwischen der im November ergebnislos vertagten Klimakonferenz in Den Haag und der für Juli anberaumten Fortsetzung in Bonn bleibt die globale Umweltpolitik stecken - dank amerikanischen Widerstands. Erst, 1997 in Kyoto, sorgten die Vereinigten Staaten dafür, dass das Klimaschutzabkommen in ein nur noch Eingeweihten verständliches Paragrafenmonstrum verwandelt wurde. Dann scheiterte die Den Haager Konferenz an den amerikanischen Unterhändlern, weil sie die Schlupflöcher des Kyoto-Protokolls über Gebühr ausreizen wollten. Nun, so scheint es, will die neue Regierung in Washington das ganze Vertragswerk über Bord werfen. Obwohl sich die Warnzeichen des Treibhauseffekts mehren, droht das Ende der globalen Klimapolitik. Bizarrer geht es kaum.
Der Protest der Europäer und der weltweiten Ökogemeinde wird die US-Regierung kaum beeindrucken. Auch deshalb nicht, weil den Amerikanern nicht verborgen blieb, wie schwer sich auch die Länder jenseits des Atlantiks mit dem Klimaschutz tun. War nicht vor fast neun Jahren der damalige EU-Umweltkommissar Carlo Ripa di Meana der Umweltkonferenz von Rio ferngeblieben, weil er unter den Europäern klimapolitische "Heuchelei" ausgemacht hatte?
Tatsächlich wollte Europa schon in Rio mit einer EU-weiten Öko- oder Energiesteuer Eindruck schinden; sie fehlt bis heute. Und waren die Europäer nicht mit dem Ansinnen nach Kyoto gefahren, sämtliche Industriestaaten zu Emissionsminderungen in Höhe zweistelliger Prozentsätze zu verpflichten? Heute quält sich die EU damit, ihre Emissionen bis um das Jahr 2010 wenigstens um acht Prozent zu verringern. Von solchem Pharisäertum müssen sich die Europäer verabschieden, wenn sie das Klima vorerst allein, ohne Amerika, schützen - und wenn sie Bush zum Einlenken bewegen wollen.
Der Klima-GAU droht. Ob er noch abzuwenden ist, hängt vor allem von der Wirtschaft ab. Deren Wachstum wolle er nicht gefährden - so hat Bush seine Äußerungen begründet. Ökonomisch fundiert ist das nicht. Denn erstens haben sich längst auch amerikanische Konzerne wie Ford oder DuPont klimapolitisch auf den Weg gemacht. Blockiert Präsident Bush die internationale Umweltpolitik, bringt er sie um die Früchte ihrer Bemühungen.
Zweitens gleicht die amerikanische Wirtschaft in puncto Energieeffizienz eher der eines Entwicklungs- als der eines Industrielandes. Mit wenig Aufwand ließe sich viel Energie einsparen. Und schließlich, drittens, passt es nicht zusammen, Kohlekraftwerke von Auflagen und Abgaben verschonen zu wollen, um ihnen Kosten zu ersparen, gleichzeitig aber den Bau neuer, teurer Atommeiler zu propagieren.
Es ist nicht auszuschließen, dass Präsident Bush noch einsieht, dass er der eigenen Wirtschaft eher schadet als nützt. Das letzte Wort über Amerikas Ausstieg aus der Klimapolitik ist deshalb noch lange nicht gesprochen.
Die Fackeln werfen ein unruhiges Licht auf den blutroten Teppich am Eingang des Luftschlosses vor dem provisorischen Kanzleramt auf Berlins Schlossplatz. Ein großer blonder Herr im cremefarbenen Mantel weist schweigend den Weg hinein. Und dort: ein schwarzer Gang, mit Schwarzlicht schwach erleuchtet, auf silbernen Pyramiden thronen Bildschirme, die alle synchron Filme verheerender Naturkatastrophen zeigen. Lawinen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Sintfluten. Wassermassen stürzen auf den Betrachter ein. Diesen Film kann der Kameramann unmöglich überlebt haben. Am Ende nur Verwüstung, Zerstörung, Vernichtung, letzte Spuren alltäglicher Weltuntergänge. Am Ende: Nichts. - Neben jedem Bildschirm reichen lächelnde Kellnerinnen Sekt und Orangensaft auf silbernen Tabletts.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. hat zu seiner alljährlichen Dialogveranstaltung "Versicherungen im Gespräch" geladen. Thema heute: "Katastrophe Natur? Strategien zur Bewältigung von Naturkatastrophen". Etwa dreihundert Herren in grauen oder schwarzen Anzügen legen das verteilte zweihundertseitige Hochglanzbuch zum Thema des Abends (von Seite 18: "Die Sintflut im Alten Testament", über Seite 146: "Naturkatastrophen und globale Klimagefährdung - Standpunkte der Versicherungswirtschaft", bis zu Seite 180: "Der Treibhauseffekt - Ursachen, Folgen, Gegenmaßnahmen") neben ihre roten Stühle und nehmen gespannt Platz.
Die Versicherungsbranche ist alarmiert: Nach Angaben der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, dem größten Rückversicherer der Welt, hat die Zahl der Naturkatastrophen in den letzten vierzig Jahren weltweit um das Dreifache zugenommen. Gleichzeitig hat sich die durch Naturkatastrophen verursachte Schadenssumme, inflationsbereinigt, verneunfacht und - das ist hier in diesem Kreise die nun wirklich alarmierende Zahl - "die Summe der versicherten Schäden ist sogar um das Sechzehnfache gestiegen", so der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Bernd Michaels, am Mittwochabend in jenem Katastrophenzelt im Kreise seiner Kollegen. Das hat nicht nur der Münchener Rückversicherung im abgelaufenen Bilanzjahr das schlechteste Ergebnis in ihrer Geschichte, die immerhin bis ins Jahr 1880 zurückreicht, beschert. Die ganze Branche zittert vor der Natur und ihrer Macht.
Vor der Natur? Sie zittert vor dem Menschen. Denn dass dieser kontinuierliche Katastrophenanstieg kein naturgegebener Zufall ist, dass ist mittlerweile auch der Versicherungsbranche klar: "Der Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung, Kohlendioxidausstoß und der Häufigkeit und Schwere wetterbedingter Katastrophen ist inzwischen zweifelsfrei erwiesen", erklärte der Chefforscher der "Münchener Rück" kürzlich in einem Interview. Daraus folgt, dass weite Teile der Versicherungslobby vehement die Ökosteuer unterstützen (die Forderung, die Einnahmen hieraus ausschließlich für Ökoprojekte zu nutzen, fand lang anhaltenden Beifall) und dass sich die rot-grüne Bundesregierung von Versicherungsmanagern schon sagen lassen muss, man hoffe, dass die Umweltpolitik bei der derzeitigen Regierung bald wieder einen höheren Stellenwert einnehme.
Die Branche zittert. Die Klimakatastrophe ist da und hat den Versicherern in den letzten Jahren die Bilanzen verhagelt. Für die Zukunft fürchtet man, von (versicherten) Sintfluten davongespült zu werden. Nicht nur die dramatische Inszenierung des Katastrophendialogs im Berliner Luftschloss trägt panikartige Züge, die schrill auf einen drohenden Weltensturz hinzuweisen scheinen, nein, von Versicherungsmanagern, Verantwortungsträgern hört man in letzter Zeit schon manchmal die Worte, die bislang noch niemand zu sprechen wagte, die Worte vom Ende aller Sicherheit auf Erden, die Worte von der "Grenze der Versicherbarkeit". Schon heute sei diese Grenze im Bereich Überschwemmungen erreicht, sagt Bernd Michaels an diesem Abend, und weitere Eingriffe des Menschen beschleunigten diesen Prozess scheinbar unaufhaltsam. Sein dramatischer Appell: "Versicherung kann das Fehlverhalten der Gesellschaft nicht abdecken oder gar rückgängig machen. Wenn den betroffenen Menschen dann nicht nur die finanziellen Folgen nicht mehr ersetzt werden, müssen soziale Probleme in erschreckendem Umfang auftreten." - Die Grenze der Versicherbarkeit ist da. Die Apokalypse kommt. Die Versicherungen steigen aus. Die Künder der apokalyptischen Visionen erscheinen im neuen Jahrhundert in erstaunlich neuer Gestalt. Und selbst die nicht gerade als Umweltblättchen bekannte FAZ kommentierte am Samstag auf Seite 1 anlässlich des zurzeit in Den Haag tagenden Klimagipfels die drohende Umweltkatastrophe mit einem fröhlichen "Die Zeichen stehen unverkennbar auf Sturm" und bekennt freimütig, dass die gegenwärtige Entwicklung den "Unheilsverkündern" Recht gebe.
Währenddessen scheint unter den Klimaforschern in Den Haag eine erstaunlich neue Nüchternheit eingezogen zu sein. Natürlich wiederholten die Experten schon im Vorfeld die Selbstverständlichkeiten, dass "für diplomatische Bedenkpausen keine Zeit mehr" bleibe, kritisierten das unwürdige Emmisionsgeschacher und die zu erwartende Halsstarrigkeit der USA. Aber unter den Forschern ist man schon weiter. Unter der inzwischen als unvermeidbar angesehenen Prämisse, dass die Klimakatastrophe kommen wird, muss nach Ansicht der Experten, auf dieser Konferenz und in der Zeit danach ein neues Thema ins Zentrum treten: Anpassung. In dem 2001 erscheinenden Bericht des internationalen UN-Klimarates, aus dem im Vorfeld des Den Haager Gipfels bereits Auszüge bekannt wurden, werden weltweit notwendige Methoden der Anpassung an den kommenden Klimawandel zentrales Thema sein. (siehe auch taz vom 14. 11.) Anpassung, das heißt höhere Dämme, andere Pflanzen in der Landwirtschaft, anderer Umgang mit Wasser, Gesundheitsvorsorge, allgemein: das Entwickeln politischer Vorgaben für die Veränderungen, die bevorstehen. - Die Klimakatastrophe steht bevor. Wir passen uns an. Das ist ein Pragmatismus, den man früher nur aus nüchteren Bereichen wie der Versicherungsbranche kannte.
Untergangsstimmung, where have you gone? Ein Jahrhundert ging zu Ende, und außer dem großartigen Milliardengeschäft der Computerindustrie mit der Nulljahr-Panik, blieb es überall verdächtig still. Und selbst ein Michel Houellebecq, der mit seinen Menschenuntergangsvisionen in kürzester Zeit zum einsamen Star des Jahrhundertabschieds wurde, ist in seiner neuesten Erzählung "Lanzarote" auf wundersame Weise weltbeglückt und zuversichtlich. Zwar preist er hier die kanarische Inselwelt ob ihrer postapokalyptisch kargen Gestalt, doch findet der Houellebecqförmige Ich-Erzähler (nach gefundenem Liebesglück) zu ganz neuen optimistischen Weltansichten, wie etwa "Man kann sehr gut leben, ohne sich etwas vom Leben zu erhoffen. Das ist sogar meistens der Fall", die ein Menschen- und Weltenende kaum noch wünschenswert erscheinen lassen.
Was soll man auch groß schreiben, nachdem der Untergang zur Versicherungsfrage wurde ... Nur Alexander Kluge macht aus der neuen Nüchternheit noch große Literatur. In seiner gerade erschienenen mehr als zweitausendseitigen "Chronik der Gefühle" werden die Vorbereitungen für das Weltenende als Bilanzzählung für den Schadensfall (d. i. die Vernichtung des Planeten) geschildert. Ein Xaver Holtzmann hat, gesponsert von dem UN Environment Programme (dessen Direktor Klaus Töpfer übrigens, nicht bei Kluge, sondern in der Wirklichkeit, eine weltweite Versicherungspflicht für Industrieunternehmen gegen Umweltschäden fordert) und anderen Organisationen, eine Eröffnungsbilanz zum 21. Jahrhundert vorgelegt und die Tiere und Menschen gezählt, gewogen und bewertet. "Hinzu tritt bei Verlust des Planeten: Erdöl, Kohle, Bodenschätze, umbauter Raum, Antiquitäten." Wobei eine Fußnote darauf verweist, dass "der entgangene Gewinn, d. h. noch nicht gehobene Bodenschätze für eine Sammelklage unerheblich" seien.
Später, genauer im Januar 2011, wird die Erde wirklich vernichtet. Nicht durch die Klimakatastrophe, sondern durch einen "Kernbandprozess". Und die wenigen überlebenden Menschen, die sich auf dem Mars einfinden, streiten natürlich über nichts anderes als über Schadensersatz- und Versicherungsfragen. Der zufällig gerettete Kleingärtner Helmut Heuber etwa erstreitet sich immerhin zwei Morgen Erdbeer- und Gemüseland zurück, und der Mars-Advokat Treitschke bemüht sich lange Zeit "Regressansprüche an die Marsadministration" für die Totalversehrten von der Erde geltend zu machen, "die in großen durchsichtigen Tüten an der Wand eines temperierten Raumes hingen und sich nicht äußerten". Später richtet man für solche und ähnliche Fragen einen ganzen Planeten ein, einen "Zentralen Justizplaneten", auf dem nach Belieben prozessiert und schadenseratzgeklagt werden kann.
Ach. Da wurde früher angesichts des Weltuntergangs doch Wesentlicheres befürchtet. In den 70ern, den 80er-Jahren, den großen Untergangsjahrzehnten, als das Weltenende praktisch täglich hereinzubrechen drohte, da wurden die allergrößten Ängste so gründlich ausgelebt, dass nun, am neuen Jahrhundertbeginn, keine Angst mehr wirklich ernst genommmen wird. Damals, in der Folge des Club-of-Rome-Berichts über die Grenzen des Wachstums und Hans Magnus Enzensbergers wegweisendem Essay "Zur Kritik der politischen Ökologie" von 1973, in dem er die Verwirklichung eines ökologisch bewussten Sozialismus zu einer "Frage des Überlebens" erklärt hatte und damit die politischen Auseinandersetzungen der folgenden Jahre zu einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod machte, ja, damals ging es noch um buchstäblich alles. Der Ausweg, den Enzensberger damals wies, hieß China und die Poltik Mao Tse-tungs, der als einziger Staatsmann "konsequente Strategien zur Verhinderung der Katastrophe entwickelt" habe.
"Kuhmist ist wichtiger für China als Dogmen" ist das euphorisch zitierte Mao-Motto, das Enzensberger ganz im Ernst wegweisend erscheint. Bei Kluge nun, heute, sind es auch die Chinesen, die jene Weltzertrümmerung überraschend überlebten und sich nun auf der verwaisten Erde ungehindert ausbreiten. Ihre Botschaft an die Marsflüchtlinge: "Ihr könnt dem Mao Tse-tung-Denken nichts anhaben." Bei Kluge ist das natürlich nicht mehr als ein guter Witz. Die Rettung von Mao? Die Rettung kommt als Versicherungspolice.
Überschwemmungen, Dürre, Krankheiten - ein neuer Klimabericht kommt zu altbekannten Ergebnissen: Die globale Erwärmung wird verheerende Folgen haben.
GENF. Ein neuer UN-Klimabericht warnt vor den verheerenden Folgen der globalen Erwärmung. Steigende Meeresspiegel bedrohen Millionen Menschen in den Küstenregionen, Krankheiten durch verseuchtes Trinkwasser breiten sich aus und in den Trockengebieten vor allem in Asien sind ganze Ernten bedroht. Betroffen sind vor allem die ärmsten Länder der Welt, warnen die UN-Experten.
Trinkwasser wird knapp «Die meisten Menschen werden auf der Verliererseite stehen», sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Jim McCarthy, am Mittwoch in Genf. Schon jetzt leben 1,7 Milliarden Menschen in Regionen, in denen Trinkwasser knapp ist. Diese Zahl könnte in den nächsten 25 Jahren auf fünf Milliarden steigen, heißt es in dem Report.
Der Bericht ist der zweite Teil eines umfassenden Klimareports des wissenschaftlichen UN- Gremiums für Klimaveränderungen (IPCC). Im ersten Teil dokumentierten Wissenschaftler im Januar im Shanghai erstmals, dass das Weltklima sich viel dramatischer erwärmt als bisher angenommen. Die Experten sprachen von einer «potenziell katastrophalen Erwärmung» von 1,4 bis 5,6 Grad in diesem Jahrhundert.
Veränderungen bereits sichtbar Viele der Veränderungen, die die Wissenschaftler bei steigender Erwärmung erwarten, sind bereits sichtbar. In tropischen Regionen gehen die Ernteerträge zurück, es kommt vermehrt zu Überschwemmungen, in den Subtropen wird das Trinkwasser knapp. Krankheiten wie Cholera, Malaria und Dengue-Fieber sind weltweit auf dem Vormarsch.
Das arktische Eis ist schon um bis zu 15 Prozent zurückgegangen. Zugvögel ziehen später im Jahr in wärmere Gefilde und kommen früher zurück. Die Kosten zur Behebung von Wetterkatastrophen lagen in den 90er Jahren bei 40 Milliarden Dollar im Jahr.
Drohender Klima-Notstand Nach Schätzung des Potsdamer Klimaforschers Hans-Joachim Schellnhuber wird dieser Betrag auf wenigstens 100 Milliarden Dollar jährlich ansteigen, wenn die vorausgesagten Klimaveränderungen eintreten. Darunter fielen sowohl Kosten für Küstenschutz und Deichbau als auch Folgekosten von Stürmen, Überschwemmungen, Dürre und Hitzewellen, erklärte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) am Montag.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach in einer Reaktion von einem drohenden Klima-Notstand. «Es wird Zeit, dass die Regierungen, und dabei vor allem die neue Regierung von US-Präsident Bush, erkennen lassen, dass sie die Klimaveränderungen ernst nehmen», erklärte eine Sprecherin.
Hitzige Diskussionen Der Bericht war von 900 Experten in dreijähriger Arbeit vorbereitet worden. Eine Zusammenfassung der Studie, die Grundlage für politisches Handeln sein soll, war Ende der vergangenen Woche in Genf nach zum Teil hitzigen Diskussionen angenommen worden.
Der dritte Teil des IPCC-Reports, der Anfang März in Ghana veröffentlicht wird, befasst sich mit Vorschlägen zur Reduzierung der Treibhausgase und den Kosten für eine Änderung der weltweiten Energiepolitik. (dpa)
Antarktis-Gletscher schmelzen schneller als bisher angenommen. Kein kurzfristiges Phänomen, sagen Wissenschaftler, sondern Bedrohung für die Küsten der Welt.
WASHINGTON. Der größte Gletscher der Westantarktis wird nach Angaben britischer Forscher in etwa 600 Jahren komplett geschmolzen sein, falls der derzeitige Trend anhält. Schmelze das gesamte Westantarktische Eisschild, dann könnte der Meeresspiegel allein dadurch um bis zu fünf Meter ansteigen. Im amerikanischen «Science»-Journal (Bd. 291, S. 862) vom Freitag stellen die Wissenschaftler jüngste Messdaten vor, nach denen der Sockel des Pine Island Gletschers (PIG) zwischen 1992 und 1999 jährlich um 1,6 Meter abnahm.
Vier Milliarden Tonnen Eis Das entspreche pro Jahr einem Verlust von vier Milliarden Tonnen Eis und einem Anstieg des weltweiten Meeresspiegels von jährlich 0,01 Millimeter. Die Abnahme des PIG-Eissockels war bis zu 150 Kilometeeit in das Innere des Pine Island Gletschers zu verfolgen, berichten Andrew Shepherd und Kollegen vom Zentrum für Polar-Beobachtung und - Modellen des Universitätskollegs London. Da kein anderer Gletscher der Westantarktischen Eisplatte so viel Schmelzwasser in das Meer fließen lässt wie dieser, schenken die Wissenschaftler dem Trend besonderes Augenmerk. Ihre Daten beziehen sie aus Satellitenmessungen von der Höhe des Gletschers und weiteren Daten über die Geschwindigkeit seiner Eisströme.
Veränderte Eisströme Die Ergebnisse geben laut Shepherd auch zu erkennen, dass sich der Sockel des Gletschers nicht nur 1,6 Meter verdünnt hat, sondern allein zwischen 1992 und 1994 um fünf Kilometer Länge geschrumpft ist. Die neuen Entdeckungen schließen nach Überzeugung der britischen Wissenschaftler aus, dass der Verlust des Gletschereises Folge «einer kurzfristigen Veränderung des Schneefalls» ist. Vielmehr seien sie das Resultat eines veränderten Eisstroms innerhalb des Gletschers, betonen Shepherd und Kollegen. (dpa/nz)
Das Erdklima heizt sich immer schneller auf. Nach Meinung von UN-Experten steht eine menschengemachte Katastrophe bevor.
SHANGHAI. Die globale Erwärmung wird immer stärker. Auch gibt es mehr und bessere Beweise als je zuvor, dass der Mensch weitgehend dafür verantwortlich ist. Das geht aus einem Bericht des zwischenstaatlichen Gremiums für Klimaveränderungen (IPCC) hervor, der am Montag in Shanghai veröffentlicht wurde.
«Potenziell katastrophal» Die Wissenschaftler erwarten eine schnellere und «potenziell katastrophale globale Erwärmung» von 1,4 bis 5,6 Grad in diesem Jahrhundert. Bislang war nur mit einem Temperaturanstieg von 1 bis 3,5 Grad von 1990 bis 2100 gerechnet worden. Der Bericht, an dem führende Wissenschaftler und Regierungsvertreter aus aller Welt drei Jahre geschrieben haben, «sollte in jeder Hauptstadt und jeder lokalen Gemeinde die Alarmglocken klingeln lassen», sagte der Leiter des UN-Umweltprogramms (UNEP), Klaus Töpfer, in einer Erklärung.
Stärkste Erwärmung im ganzen Jahrtausend «Es gibt neue und bessere Beweise, dass die meiste Erwärmung, die in den vergangenen 50 Jahren beobachtet worden ist, menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben ist», stellt der Bericht fest. Die 90er Jahre seien sehr wahrscheinlich das wärmste Jahrzehnt und 1998 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1861 gewesen. Weitere Untersuchungen hätten gezeigt, dass auch die Erwärmung im zu Ende gegangenen Jahrhundert wahrscheinlich die höchste in den vergangenen 1.000 Jahren gewesen sei. (nz/dpa).
Der Klimaschutz bleibt weiter umstritten: Nach dem Klimagipfel in Den Haag sind jetzt auch die Gespräche in Ottawa gescheitert.
BONN/OTTAWA. Die Verhandlungen zum weltweiten Klimaschutz sind erneut festgefahren. Bei einem zweitägigen Treffen in der kanadischen Stadt Ottawa konnten Beamte aus der EU auf der einen und den USA, Kanada, Japan und Australien auf der anderen Seite keine Verständigung erzielen.
Nach dem Scheitern des Weltklimagipfels von Den Haag vor zwei Wochen wollten die wichtigsten Industrieländer möglichst noch vor Weihnachten zu einer Kompromisslösung kommen. Dies erscheint nun fraglich. Wegen des ergebnislosen Treffens in Ottawa muss jetzt auf hoher Ebene zunächst entschieden werden, ob ein für Mitte Dezember geplantes Ministertreffen in Oslo überhaupt noch sinvoll ist.
Streitpunkt Treibhausgas Hauptstreitpunkt der Verhandlungen ist die Verminderung der klimaschädlichen Treibhausgase. Ohne eine Verständigung darüber bleiben aber auch die übrigen Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls von 1997 wirkungslos und das Abkommen kann nicht in Kraft treten.
Die EU möchte Aufforstungen im eigenen Land nur begrenzt als Beitrag zum Klimaschutz anrechnen. Vor allem die USA wollen hier aber möglichst großzügig verfahren, um ihrer Industrie nicht zu große Einschränkungen aufzuerlegen. Auch Wälder, die Industrieländer in Entwicklungsländern anpflanzen, bewerten beide Seiten unterschiedlich stark.
Bereits der Gipfel in Den Haag war auf Grund der bis zuletzt unüberbrückbaren Positionen bei der Anrechnung von Wäldern und zusätzlichen Forstmaßnahmen gescheitert. (nz/dpa)
Nach dem Scheitern des UN-Klimagipfels in Den Haag haben deutsche Umweltorganisationen vor einer weiteren Klimazerstörung gewarnt.
BERLIN/HAMBURG. Der Bund für Umwelt und Naturschutz betonte, Teile der Industrie verhinderten eine Reduzierung des Treibgas-Ausstoßes. Auch den USA, Japan, Australien, Kanada und der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) warfen die Umweltschützer eine Blockadehaltung vor.
Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sprach von einem «schweren Rückschlag» für den Klimaschutz. Auch SPD-Politiker sprachen von einer enttäuschenden Politik der USA.
Greenpeace: Alleingang notwendig Die 160 Teilnehmer-Staaten in Den Haag hätten sich de facto von konkreten Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung verabschiedet, kritisierte Greenpeace. Jetzt sollten Deutschland und andere Industriestaaten im Alleingang erneuerbare Energien wie Sonne, Wind und Wasser fördern.
Auch der Leiter der UN-Umweltbehörde UNEP, Klaus Töpfer, sagte der Zeitung Welt am Sonntag, notfalls müssten Staaten weiter im Alleingang Maßnahmen zur Treibgas-Reduzierung durchführen. Besonders für die unter dem Klimawandel am stärksten leidenden Entwicklungsländer sei die gescheiterte UN-Konferenz ein «sehr, sehr negatives Signal».
Streit zwischen Industrieländern Die Klimakonferenz in Den Haag war am Samstag gescheitert, weil sich die USA, die EU-Mitglieder und andere Staaten nicht auf Klimaschutzziele einigen konnten. Streit war in Den Haag über das Vorhaben der USA entstanden, die Waldbestände der Industrieländer auf die Reduzierung der Treibhausgase anzurechnen.
Damit wird das Klimaschutz-Protokoll von Kyoto aus dem Jahr 1997 zunächst nicht umgesetzt. Das Protokoll schreibt unter anderem 38 Ländern eine Verringerung der sechs wichtigsten Treibhausgase um durchschnittlich 5,2 Prozent bis zum Jahr 2010 im Vergleich zum Jahr 1990 vor. (nz/dpa)
Der Weltklimagipfel ist gescheitert. Es werde keine gemeinsame Grundsatzerklärung geben, sagte Konferenzpräsident Jan Pronk am Samstag in Den Haag.
DEN HAAG. «Wir haben keine Einigung erzielt», sagte Pronk. In der Nacht auf Samstag hatten die Teilnehmer in einer Marathonsitzung über die geplante Grundsatzerklärung verhandelt. Die Konferenz hatte zwölf Tage gedauert.
Die Umweltminister der 180 Teilnehmerstaaten wollten in Den Haag die Umsetzung des Klimaschutz-Protokolls von Kyoto aus dem Jahr 1997 klären und den Weg für seine Ratifizierung ebnen. Das Protokoll schreibt unter anderem 38 Ländern eine Verringerung der sechs wichtigsten Treibhausgase um durchschnittlich 5,2 Prozent bis zum Jahr 2010 im Vergleich zum Jahr 1990 vor.
Damit das Protokoll in Kraft tritt, muss das Protokoll von Kyoto von mindestens 55 Staaten ratifiziert werden. Die 15 EU-Staaten und Japan haben die Ratifizierung bis zum Jahr 2002 zugesagt. Ohne die Zustimmung der USA ist das Protokoll jedoch weitgehend nutzlos, da sie mit fast einem Viertel den größten Anteil am weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß haben.
Streit war in Den Haag darüber entstanden, ob die Waldbestände der Industrieländer zur Reduzierung der Treibhausgase angerechnet werden könnten. Da es hierbei zu keiner Einigung kam, war das Fiasko der Klima-Konferenz offenbar.
Bonn, 2. Juni (AFP) - Durch die Erwärmung der Erdatmosphäre drohen
verheerende Folgen für das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die
als Katastrophenszenarien anmutenden Vorhersagen sind keineswegs als
Fiktion zu betrachten. Seit Dienstag beraten Experten aus rund 150
Ländern in Bonn wieder einmal über den Schutz des Erdklimas. Am
wenigsten unter den drohenden Klimaveränderungen leiden dürften mit den
USA und Kanada ausgerechnet die größten Luftverschmutzer der Welt.
Einem UN-Bericht zufolge drohen Nordamerika durch die vortschreitende
Erwärmung zwar mehr Wirbelstürme und Unwetter, aber wesentlich weniger
spürbare Folgen als anderen Regionen. Die kleinen Inselstaaten im
Pazifik und in der Karibik sowie die Pole müssen mit dramatischen
Folgen rechnen. Am verwundbarsten ist der afrikanische Kontinent.
Die schwerwiegendsten Folgen der Erderwärmung werden gegen Ende des 21.
Jahrhunderts der Anstieg der Temperatur um 1,0 bis 3,5 Grad Celsius
sein. Der Meeresspiegel wird um 15 bis 95 Zentimeter ansteigen, im
Schnitt wird die Erhöhung bei 50 Zentimetern liegen.
Arktis und Antarktis müssen dem UN-Bericht zufolge mit "größeren
physikalischen und ökologischen Veränderungen" rechnen, darunter vor
allem dem Abschmelzen der Gletscher. Die Bewohner müssen sich auf
Veränderungen einstellen, die ihre Traditionen völlig durcheinander
werfen. Den kleinen Inseln in Karibik und Pazifik droht schlicht der
Untergang. Die Bahamas, Kiribati, die Malediven und die
Marshall-Inseln, die allesamt kaum aus dem Meer herausragen, wird es
möglicherweise irgendwann nicht mehr geben.
Afrika ist fast gar nicht auf die drohenden Entwicklungen vorbereitet
und erscheint kaum in der Lage, angemessene Gegenstrategien zu
entwickeln. Bereits eine minimale Erderwärmung hat ernste Auswirkungen
für die Region. Der Kontinent, der bereits unter der größten
Trockenheit zu leiden hat, wird künftig mit noch größerer Dürre zu
rechnen haben. Schon jetzt ist Afrika am stärksten von der Ausbreitung
der Wüsten betroffen.
Auch in Asien stehen einschneidende Veränderungen bevor. Japan, China,
Sibirien und der koreanischen Halbinsel droht ein weiteres Verschwinden
von Tundra und Wäldern, ein Rückgang der Berggletscher sowie
Wassermangel. In vielen Staaten dürften die Auswirkungen der
Klimakatastrophe zu den Nachteilen der raschen Urbanisierung und
Industrialisierung hinzukommen. In den großen Deltas und den
Küstenregionen wird es gravierendere und häufigere Überschwemmungen
geben als bisher.
Europa schließlich wird von der Klimaveränderung zwar nicht ausgespart,
hat aber relativ gute Vorkehrungen getroffen, um den härtesten
Auswirkungen zu begegnen. Vor allem für den Süden des alten Kontinents
sagen die Experten aber zunehmende Trockenheit voraus.
Australien, auch einer der Hauptverursacher der Erwärmung der
Erdatmosphäre, wird unter Verknappung seiner Wasserreserven zu leiden
haben, auch wenn es bereits gut auf die drohenden Klimaveränderungen
eingestellt ist. Auf dem südamerikanischen Subkontinent wird die
Erwärmung der Atmosphäre das Verschwinden des Amazonasurwaldes
beschleunigen.
bk/dja
© AFP
021304 JUN 98