Orientierungsgespräch in Deutschland vertretener Religionen zur Umweltpolitik unter besonderer Berücksichtigung der Klimafrage


Am 6. und 7. Mail 2002 trafen sich in Goettingen Vertreter der in Deutschland vorhandenen grossen Religionsgemeinschaften zu einem ersten gemeinsamen Gespraech ueber den Beitrag der Religionen zum Schutz der Umwelt, insbesondere des Weltklimas. Es beteiligten sich daran: Der Umweltbeauftragte der Katholischen Kirche (Diözese Freising), der Umweltbeauftragte der Evangelischen Kirche (EKD), eine Vertretung der ACK (Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen), ein Vertreter des Zentralrats des Muslime, ein Vertreter des Islamrats, 3 Vertreter der Deutschen Buddhistischen Union, 3 Vertreter des Nationalen geistigen Rats der Bahai. Der Zentralrat der Juden lies sich entschuldigen. Weiterhin ein Vertreter der WCRP (Weltkonferenz der Religionen fuer den Frieden) und ein Vertreter des Erdcharta. Die Moderation hatte Prof. Gottfried Orth vom Ernst-Lange-Institut fuer oekumenische Studien. Zum Abschluss waren als Gaeste anwesend: der Buergermeister von Goettingen, Herr Holefleisch, Herr Wazlawik vom Umweltbundesministerium und der Bundesumweltminister Herr Trittin. In einer Pressekonferenz wurde der Oeffentlichkeit ein gemeinsam verfasstes Resumee des Gespraechs vorgestellt.


Presseerklaerung

"Die Religionen sind sich in ihrem Einsatz dafuer einig, die Integritaet der Natur zu achten und zu bewahren. Menschen aller Religionen bekraeftigen die Achtung und ŽEhrfurcht vor dem LebenŽ und ein Engagement, das den religioesen Traditionen entspricht, obwohl sie sich in Lehre und Praxis ihres Glaubens vielfach unterscheiden." Dies betonte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesumweltminister Trittin der Organisator des Orientierungsgespraeches der Religionen, Prof. Dr. Gottfried Orth (Leiter des Ernst Lange-Instituts, Rothenburg). Bundesminister Trittin wuerdigte die besondere Bedeutung dieses Treffens, auf dem deutlich geworden sei, dass "sich eine gemeinsame ethische Grundlage fuer die Erhaltung von Natur und Umwelt herausbildet".

Bedeutende Persoenlichkeiten unterschiedlicher Religionen - christliche Kirchen, Muslime, Buddhisten und Bahá'i - kamen erstmals in Deutschland am 6. und 7. Mai 2002 in Goettingen zu einem "Orientierungsgespraech in Deutschland vertretener Religionen zur Umweltpolitik unter besonderer Beruecksichtigung der Klimafrage" zusammen.

Menschen aller Religionen sind herausgefordert durch die von Menschen mit verursachte Veraenderung des Klimas, durch die zunehmende Vernichtung von Tier- und Pflanzenarten und durch die anhaltende Zerstoerung der Natur. Noch immer handelt die Mehrzahl der Menschen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anders, als es angesichts der bedrohlichen Eingriffe in die Grundlagen menschlichen und natuerlichen Lebens noetig waere. Gemeinsam wollen die Religionsgemeinschaften Verantwortung wahrnehmen gegen die Verschwendung unserer Konsumgesellschaft, fuer Selbstbegrenzung, Nachhaltigkeit und oekologisches Handeln sowie fuer die Beteiligung der Religionsgemeinschaften an den lokalen Agenda 21-Gruppen. Menschen aller Religionen sind sich einig, einen Beitrag dazu zu leisten, das vorherrschende Entwicklungsmuster in Deutschland in Frage zu stellen. Sie koennen helfen, eine sehr deutliche Abkehr von der in Europa und Nordamerika vorherrschenden, auf Verschwendung von Guetern und Ressourcen beruhenden Wirtschafts- und Lebensweise vorzubereiten. Gemeinsam wollen sie einen Beitrag zu einem dem Leben in der Natur entsprechenden, massvollen Lebensstil leisten. Die Religionsgemeinschaften wollen das Gespraech auf unterschiedlichen regionalen und lokalen Ebenen in Deutschland und darueber hinaus in Europa fortsetzen.

Ernst-Lange-Institut - Gespräch der Religionen

 




Resümee des Orientierungsgespraeches der Religionen zur Umweltpolitik unter besonderer Beruecksichtigung der Klimafrage

Angehoerige unterschiedlicher Religionen - Christen, Muslime, Buddhisten und Bahá'i - kamen am 6. und 7. Mai 2002 in Goettingen zu einem "Orientierungsgespraech der Religionen zur Umweltpolitik unter besonderer Beruecksichtigung der Klimafrage" zusammen. Die folgenden Ueberlegungen und Forderungen, die uns in dem Orientierungsgespraech gemeinsam wichtig und von uns gemeinsam formuliert wurden, wollen wir als Resuemee der Oeffentlichkeit uebergeben.

I.

Menschen aller Religionen sind sich in ihrem Einsatz dafuer einig, die Integritaet der Natur zu achten und zu bewahren.

Menschen aller Religionen bekraeftigen die Achtung und "Ehrfurcht vor dem Leben" und ein Engagement, das den religioesen Traditionen, ihrem Glauben und ihrer Spiritualitaet entspricht, obwohl sie sich in Lehre und Praxis ihres Glaubens vielfach unterscheiden. Die Heiligen Schriften und die Traditionen unserer Religionen unterscheiden sich voneinander und treffen doch in Bezug auf Natur und Umwelt auf zentrale Gemeinsamkeiten, die eine gemeinsame Verantwortung fuer die Natur begruenden.

II.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespraeches leben in den Traditionen ihrer jeweiligen Religion und sind gemeinsam herausgefordert durch die von Menschen mit verursachte Veraenderung des Klimas, durch die zunehmende Vernichtung von Tier- und Pflanzenarten und durch die anhaltende Zerstoerung der Natur.Noch immer handelt die Mehrzahl der Menschen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anders, als es angesichts der bedrohlichen Eingriffe in die Grundlagen menschlichen und natuerlichen Lebens noetig waere.

1. Menschen aller Religionen stehen in der Verantwortung fuer einen umweltgerechten Umgang mit dem Planeten Erde: Wer das Leben der Natur mit spirituellen Augen sieht, erkennt in ihm eine ueber jeden unmittelbaren Nutzen hinausgehende sinnvolle und schuetzenswerte Qualitaet; er nimmt eine Haltung des Staunens ueber ihr Dasein und ihre Schoenheit ein. In allen Religionen gibt es alte Ueberlieferungen, die gegen die Zerstoerung der Natur und ihre Ausbeutung ein glueckliches Leben setzen, das alles Sein und die gesamte Natur, die Tiere, Schwester Mond und Bruder Sonne und die Menschen einschliesst. In diesem Geist koennen Verantwortung fuer die Erde, oekologisches Handeln und eine umweltgerechte Ethik des Lebens entstehen. Wir schoepfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass dies moeglich ist!

2. Zentrale Ursache der Zerstoerung der Natur und der Grundlagen des Lebens auf der Erde ist die Verschwendung von Guetern und Ressourcen. In unterschiedlicher Weise wird in allen Religionen Verschwendung als verantwortungslos gegenueber Menschen und Natur gewertet: Verschwendung widerspricht einer einfuehlsamen Haltung gegenueber der Natur. Selbstbegrenzung und Nachhaltigkeit sind Konzepte, die es in unserer vom masslosen Konsum beherrschten Gesellschaft stark zu machen gilt. Selbstbegrenzung und Nachhaltigkeit muessen als Fragen der ethischen Verantwortung, der Gerechtigkeit, des Rechtes und der Liebe gesehen werden: Liebe fuer den Naechsten, die Natur und das Leben insgesamt. Gerechtigkeit und Recht sind Hauptthemen fuer die internationalen Verhandlungen ueber die oekologischen Fragen und den Klimawandel - insbesondere beim kommenden Weltgipfel fuer nachhaltige Entwicklung in Johannesburg: Recht und Gerechtigkeit beim Zugang zu den Ressourcen der Erde, bei den weltweiten Anstrengungen zur Senkung der Treibhausgasemissionen, als Grundsteine auf der Suche nach alternativen Modellen fuer nachhaltige Gemeinschaften und als Massstab moeglichst schonender Eingriffe in die Natur. Dies gilt in besonderer Weise fuer einen sorgsamen Umgang mit Wasser, ohne das Leben unmoeglich ist. In allen Religionen ist Wasser ein Teil des spirituellen Lebens. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt deshalb dem oekologischen, oekonomischen, sozialen und friedensfoerdernden Umgang mit Wasser. Besondere Bedeutung haben wir in unserem Gespraech auch dem Tierschutz beigemessen: Tiere haben ein ihrer Art gemaesses eigenes Lebensrecht. Wir schoepfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass die Erde ein lebensfreundlicher Ort fuer alle sein kann!

3. Menschen aller Religionen koennen dazu beitragen, das vorherrschende noerdliche Entwicklungsmuster in den eigenen Laendern wie weltweit in Frage zu stellen. Wir in den industrialisierten Laender muessen unsere Hauptverantwortung fuer die Schaedigung des Globus und die Bedrohung des Lebens erkennen. Wir koennen nicht auf unserem Konsumniveau und Lebensstil bestehen, die gekennzeichnet sind von hohem Energieverbrauch, Emissionen von Treibhausgasen und deshalb weltweit nicht verallgemeinerungsfaehig sind. Menschen aller Religionen helfen dazu, eine sehr deutliche Abkehr von der bei uns vorherrschenden, auf Verschwendung von Guetern und Ressourcen beruhenden Wirtschafts- und Lebensweise vorzubereiten. Gemeinsam wollen sie einen Beitrag leisten zu massvollen, oekologisch vertraeglichen Lebensstilen. Wir schoepfen aus unserem Glauben die Zuversicht, weitreichende oekologische und soziale Lernprozesse in Politik und Alltagshandeln als gemeinsame Suche nach einem lebensdienlichen Weg in eine gerechte und friedliche Zukunft zu organisieren!

4. Solche Verantwortung hinsichtlich menschlicher Eingriffe in den Haushalt der Erde entspricht den Kriterien, die die Agenda 21 formuliert hat; sie entsprechen den ethischen Grundsaetzen der Religionen: Nachhaltige Entwicklung versucht, oekologische, oekonomische und soziale Ziele zum Ausgleich zu bringen, die jeweils betroffenen Menschen an der Loesung der Probleme zu beteiligen, die Lebensumwelt fuer benachteiligte Gruppen zu verbessern und Lebenschancen fuer kuenftige Generationen zu erhalten. Menschen aller Religionen haben die Aufgabe, Spielraeume fuer eine nachhaltige, das Leben auf der Erde bewahrende Politik und Entwicklung erweitern zu helfen. Wir schoepfen aus unserem Glauben die Zuversicht, dass die Erde als Lebensraum fuer alle Menschen wie fuer die Natur erhalten werden kann!

III.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespraeches haben die ermutigende Erfahrung gemacht, dass das Engagement der anderen fuer die Natur jeweils das eigene Engagement bekraeftigt und verstaerkt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespraechs wollen offen sein fuer neue Beziehungen untereinander. Die Zukunft verlangt von Menschen in allen Religionen, dass sie zusammenarbeiten und gemaess ihrer religioesen Ueberzeugung leben. Menschen aller Religionen suchen das Gespraech und das gemeinsame Handeln mit allen Menschen in unserer Gesellschaft.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gespraeches wollen diese Erklaerung in ihren Religionsgemeinschaften bekannt machen. Sie wollen ihre Gemeinschaften und deren Einrichtungen an ihre je besondere religioese Verantwortung gegenueber der Natur und dem Leben insgesamt erinnern und sie zu einem sorgsamen Umgang mit der Natur und einem nachhaltigen Lebensstil motivieren. Sie ermutigen dazu, dass sich die religioesen Gemeinschaften vor Ort beteiligen an Aktivitaeten der lokalen Agenda 21 und die Zusammenarbeit mit anderen Nicht-Regierungs-Organisationen suchen. Zusammenarbeit vor Ort ist eine zentrale Notwendigkeit. Sie sind ueberzeugt davon, dass das gemeinsame Engagement fuer die Umwelt friedensfoerdernd in unserer eigenen Gesellschaft wie weltweit ist. Sie wollen das begonnene Gespraech auf unterschiedlichen regionalen und lokalen Ebenen in Deutschland und darueber hinaus in Europa fortsetzen.

Goettingen, den 7. Mai 2002

Prof. Dr. Gottfried Orth, Leiter des Ernst-Lange-Instituts


Beitrag der Vertreter des Buddhismus




Goettinger Tageblatt, 10.5.2002:

Trittin: Umweltbewusstsein schaerfen

Laut Bundesumweltminister Juergen Trittin (Gruene) sind mehr Menschen vor den Folgen von Umweltverschmutzung und Klimaveraenderung auf der Flucht als vor Kriegen. Es sei eine wichtige Aufgabe der Religionsgemeinschaften, das Bewusstsein der Bevoelkerung fuer den Erhalt der Umwelt zu schaerfen, sagte Trittin am Dienstag in Goettingen bei einer Konferenz fuehrender Religionsvertreter zu Umweltfragen.

An dem zweitaegigen Treffen hatten sich Christen, Muslime, Buddhisten und Bahai beteiligt. Trittin sagte, dass es Gerechtigkeit auf der Erde nur dann geben koenne, "wenn alle Menschen dasselbe Recht haben, an den Schaetzen dieser Welt zu partizipieren". Der Schluessel fuer mehr Gerechtigkeit liege bei den reichen Laendern des Nordens.

In der abschliessenden Erklaerung der Konferenz heisst es, dass die Mehrzahl der Menschen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft noch immer "anders handele, als es angesichts der bedrohlichen Eingriffe in die Grundlagen des Lebens noetig waere". Die Religionsgemeinschaften sprachen sich dafuer aus, die Anstrengungen zum Erhalt von Natur und Rohstoffen zu verstaerken. Sie sehen der Erklaerung zufolge die "Verschwendung von Guetern und Ressourcen" als wesentliche Ursache fuer die Zerstoerung der Natur und aller Lebensgrundlagen an. Alle Teilnehmer seien sich einig, "nicht mehr aus der Natur zu entnehmen als nachwachsen kann", sagte Professor Gottfried Orth vom Ernst Lange-Institut fuer Oekumenische Studien aus Rothenburg o.d. Tauber, das das Gespraech organisiert hatte.

"Menschen aller Religionen koennen dazu beitragen, das vorherrschende noerdliche Entwicklungsmuster in den eigenen Laendern wie weltweit in Frage zu stellen", heisst es weiter. Die industrialisierten Laender muessten ihre Hauptverantwortung fuer die Schaedigung der Erde und die Bedrohung des Lebens anerkennen. Ein Lebensstil, der von hohem Energieverbrauch und dem Ausstoss von Treibhausgasen gekennzeichnet sei, koenne nicht laenger aufrecht erhalten werden.

Die Teilnehmer der Goettinger Konferenz wollen die Erklaerung in ihren Gemeinden vor Ort bekannt machen und diese zu einem sorgsamen Umgang mit der Natur und einem nachhaltigen Lebensstil motivieren. Das Gespraech werde auf unterschiedlichen Ebenen in Deutschland und Europa fortgesetzt, kuendigte Orth an. epd



 
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