Geschütze gegen Buddha



Buddhakopf aus Gandhara

Ein Buddhakopf der Gandhara-Kunst
aus dem Nationalmuseum von Kabul




Die Zerstörung der griechisch-
buddhistischen Kunst Afghanistans

Bodhisattva

Buddha als junger Prinz
im griechisch-indischen Stil
aus dem Nationalmuseum Kabul.

Diese Terrakotta-Figur ging
bereits in den Kriegswirren
der letzten Jahre verloren.

Foto: Frankfurter Allgemeine
In den heutigen islamischen Ländern Afghanistan und Pakistan existierte vom 3. vorchristlichen bis zum 7. nachchristlichen Jahrhundert die hochentwickelte griechisch-buddhistische Kultur des Königreichs von Gandhara, deren Höhepunkt die Zeit der Kushan-Dynastie darstellt. Sie bildete einen zentralen geistig-kulturellen und wirtschaftlichen Knotenpunkt der Seidenstrasse. Von hier aus breitete sich der Buddhismus bis China, Korea und Japan aus.

Im Jahre 327 v. Chr. war der Makedonier Alexander der Große auf seinem Eroberungszug von Griechenland nach Indien bis hierher vorgedrungen, hatte die griechische Sprache, Schrift und Kultur eingeführt und nach seiner Heimkehr griechische Statthalter eingesetzt. In dieser Zeit kommt es bereits zu einem lebendigen geistig-kulturellen Austausch zwischen griechischem und buddhistischem Denken, wovon insbesondere das bedeutende, in Pali-Sprache überlieferte Buch "Milindapañha" ("Fragen des Königs Milinda") zeugt, ein philosophischer Dialog zwischen dem griechischen König Milinda (Menandros) und dem buddhistischen Mönch Nagasena.

Nach der Vertreibung der im Streit miteinander liegenden Herrscher der griechischen "Diadochenstaaten" nahm das Land in der Regierungszeit des indischen Kaisers Ashoka den Buddhismus an, verband diesen aber mit der Formensprache der griechischen Kunst. So bildete sich eine historisch einmalige Verschmelzung von europäischer und asiatischer Kultur, von griechischen, persischen und indischen Kultureinflüssen heraus.

Nach dem Vorbild griechischer Statuen, insbesondere nach dem Bildnis des Sonnengottes Apollo wurden hier die ersten Buddhadarstellungen Asiens geschaffen. Sie zeichnen sich aus durch ihre sanften, bisweilen ausgesprochen weiblichen (bzw. androgynen) Gesichtszüge, ihre anmutige Körperhaltung und den schwungvollen Faltenwurf von Buddhas Mönchsrobe. Aber auch zahlreiche figürlich reiche, plastische Szenen aus dem Leben oder den Vorleben des Buddha und seiner Schülerschaft, sowie eine Fülle farbenreicher Freskenmalerei in den Höhlenklöstern der Mönche und Nonnen wurden geschaffen und sind bis heute erhalten.

Einige der Zeugnisse dieser Kulturepoche sind in Museum über die ganze Welt verstreut, mehrere besonders wertvolle in der indischen Abteilung des Völkerkundemuseums von Berlin-Dahlem. Eine Vielzahl erhaltener Zeugnisse befindet sich aber noch an den archäologischen Stätten Pakistans und Afghanistans insbesondere im National-Museum der Hauptstadt Kabul. Die landesweite Zerstörung dieser Bildnisse, gegen die auch zahlreiche Muslime protestieren, stellt einen einzigartigen Kulturverlust für die ganze Menschheit dar. (F.J.Litsch, BuddhaNetz)





Neue Zuercher Zeitung, 3.3.2001:

Die Bedeutung der Buddha-Statuen von Bamian

Ein einmaliges Zeugnis kultureller Bluete

Von Eva Orthmann*

Tal von BamiyanBamian und das dazugehoerige Bamian-Becken im zentralen Hochland Afghanistans verdanken ihre kulturelle Bedeutung den von alters her durch diese Region fuehrenden Handelswegen. Auf halbem Weg zwischen Peshawar und Baktrien gelegen, am Zugang zu den hoch gelegenen Paessen des Hindukusch, war Bamian eine wichtige Rast- und Handelsstation fuer Karawanen auf dem Weg von Zentralasien nach Nordwestindien. Die geographische Lage der Stadt duerfte auch ihren Aufstieg zu einem wichtigen religioesen Zentrum begruendet haben.

Eine Hochburg des Buddhismus

Dieser Aufstieg ist mit dem Namen Kanishkas verbunden, eines Herrschers der Kushan, der im 1. Jahrhundert nach Christus regiert hat. Er trat zum Buddhismus ueber und verhalf dieser Religion in dem Gebiet seiner Herrschaft zu grosser Bluete. Bamian wurde als Folge dieser Entwicklung zu einer Hochburg des Buddhismus. Wahrscheinlich bereits unter Kanishka wurde damit begonnen, Grotten in die das Tal begrenzenden Felswaende zu hauen. Die beiden beruehmten Buddha-Statuen, die nun von der Zerstoerung durch die Taliban bedroht sind, stammen allerdings aus einer etwas spaeteren Zeit. Sie werden auf das 3. beziehungsweise 5. bis 6. Jahrhundert nach Christus datiert.

Der grosse Buddha von BamiyanBeide Statuen sind in einem Abstand von 400 Metern in die Felswand gehauen und blicken nach Sueden. Sie stehen jeweils in Nischen, die sie vor Erosion geschuetzt haben. Aehnliche Nischen finden sich auch in der Felswand zwischen den beiden Statuen und in ihrer Umgebung, zum Teil sind sie untereinander mit Gaengen verbunden.

Die kleinere und aeltere der beiden Statuen erreicht eine Hoehe von 38 Metern. Sie stellt einen stehenden Buddha dar, der mit einem Gewand im Stil buddhistischer Moenche bekleidet ist. Seine Haartracht erinnert an griechische Vorbilder und verweist auf Einfluesse aus der Gandhara-Kunst. Vergleiche mit Stuckfiguren aus Taxila legen es nahe, eine Entstehung dieser Statue nicht vor dem Jahr 200 anzunehmen. Auch bei der groesseren Statue (55 Meter) handelt es sich um das Bildnis eines stehenden Buddhas im Moenchsgewand.

Wegen ihrer ausgewogenen Proportionen gilt sie als aesthetisch gelungener als die aeltere Figur. Ihre kuenstlerische Gestaltung weist starke Parallelen zu einer auf das Jahr 449 bis 450 datierten Buddha-Statue im Museum von Lucknow auf. Sie kann zudem mit Bildwerken aus dem 5. und 6. Jahrhundert in Indien verglichen werden.

Schon frueher das Ziel von Zerstoerungen

Wie wir aus dem Bericht des chinesischen Pilgers Xuanzang erfahren, der Bamian zwischen 629 und 645 besucht hat, waren die Buddha-Statuen aus Bamian urspruenglich bemalt beziehungsweise vergoldet. Von diesem Schmuck ist heute nichts mehr erhalten. Auch sonst sind die Statuen nicht mehr in ihrer urspruenglichen Gestalt zu sehen. Bereits mehrfach waren sie mutwilliger Zerstoerung ausgesetzt. Ihre Gesichter wurden unter Aurangzeb (er regierte von 1658/59 bis 1707)zerstoert, und Nadir-Shah (1736 bis 1747) liess die Beine der groesseren der zwei Statuen beschaedigen. Die Arme dieser Statue sind ebenfalls zerstoert.

Erhalten hat sich bis in unsere Zeit jedoch eine Treppe in der kleineren der beiden Nischen, ueber die man im Felsen nach oben zu einer Galerie steigen konnte. Auf ihr liess sich der Kopf des Buddhas umwandern. Dieser Rundgang gehoerte wahrscheinlich zum Pilgerritual und wurde von frommen Pilgern und Moenchen vollzogen. Auch um den Kopf der groesseren Statue fuehrte eine solche Galerie, die jedoch heute nur noch vom Felsen aus zu erreichen ist; vermutlich gab es urspruenglich ebenfalls eine Treppe.

Höhlenfresken in Bamiyan Neben den Kolossalstatuen als solchen sind es vor allem Gemaelde, die den Ruhm Bamians begruendet haben. So waren die Waende der beiden Nischen mit Freskomalereien ueberzogen, die sich insbesondere im Bereich des Kopfes gut erhalten haben. Die Malereien weisen nicht nur in ihren Motiven Parallelen zur Gandhara-Kunst auf, sondern sind offensichtlich auch durch sassanidische Vorbilder beeinflusst. Dieser Einfluss zeigt sich in ikonographischen Details wie beispielsweise an der Kleidung, der Haartracht und an den flatternden Baendern.

Gleichartige Malereien finden sich auch in den benachbart gelegenen Nischen und Hoehlen. Drei dieser Nischen waren urspruenglich ebenfalls mit Buddha-Statuen versehen. Sie enthielten sitzende Figuren, die heute jedoch nicht mehr erhalten sind. Andere Hoehlen dienten als Zellen fuer buddhistische Moenche, denn als religioeses Zentrum verfuegte Bamian ueber mindestens zwei Kloester, deren Anlage mit den Hephthaliten in Verbindung gebracht wird. Wie ein Pilgerbericht aus dem 8. Jahrhundert zeigt, wurden diese Kloester auch in islamischer Zeit nicht beschaedigt. Sie wurden sogar von Dschingis Khan verschont, als er 1221 die Stadt Bamian zerstoeren liess.

Verschmelzung kultureller Elemente

Durch die Verschmelzung indischer, persischer und griechischer Elemente, aber auch durch das Nebeneinander von Klosteranlage, Monumentalplastik und Malerei bilden die Ueberreste buddhistischer Kultur in Bamian ein Ensemble, dass in seiner Art einmalig ist. Mit seiner Zerstoerung wuerde die Welt um ein wichtiges Zeugnis kultureller Bluete und ueberregionaler Beziehungen in einer Weltgegend, die heute nur noch durch Armut und Rueckstaendigkeit Schlagzeilen macht, aermer. Auch fuer Afghanistan selbst waere dies ein grosser Verlust.

* Die Autorin ist Assistentin am Orientalischen Seminar der Universitaet Zuerich. Sie hat in Tuebingen Islamkunde und Iranistik studiert und in Halle/Saale im Fach Arabistik promoviert.

Fotos von Dr. Volker Thewalt




ARD- Tagesschau, 12.3.2001:

Afghanistan: Buddha-Statuen vollständig zerstört

Sprengung eines Bamiyan-BuddhasTrotz des Aufschreis der Weltöffentlichkeit sind die monumentalen Buddha-Standbilder in Afghanistan offensichtlich vollständig zerstört worden. Das bestätigte der "Außenminister" des Landes, Wakil Ahmad Mutawakil. Somit kam der letzte Vermittlungsversuch von UN-Generalsekretär Kofi Annan zu spät. Er war in die Region gereist, um die Vernichtung der Kulturgüter zu verhindern. Auch Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen berichteten unter Berufung auf Augenzeugen, im Bamian-Tal sei nichts mehr von den 36 und 51 Meter hohen Statuen, die vor mehr als 1.500 Jahren in den Fels gehauen wurden, zu sehen.

Mutawakil erklärte nach der Unterredung mit Annan, es handele sich "voll und ganz um eine interne religiöse Angelegenheit" Afghanistans. Es werde alles vernichtet werden, was die Regierung als Götzentum betrachte. Ein Sprecher der obersten Taliban-Geistlichen, Mullah Muhammed Omar, hatte zuvor erklärt, wer die Zerstörung jetzt noch verhindern wolle, komme zu spät. Muhammed Omar hatte die Zerstörung aller Statuen im Land angeordnet, weil die Skulpturen nicht mit dem Islam vereinbar seien. Annan zeigte sich nach dem Gespräch "wenig ermutigt". Die Taliban erwiesen sich mit ihrem Vorgehen selbst und der islamischen Welt einen schlechten Dienst, erklärte der UN-Generalsekretär.

Besonders betroffen reagierte die internationale Gemeinschaft der Buddhisten auf den Bildersturm. Selbst die kommunistische Regierung von Laos, die sich sonst kaum zu ausländischen Vorgängen äußert, kritisierte das Vorgehen der Taliban.

Die Werke der buddhistischen Kunst stammten aus dem dritten und fünften Jahrhundert, der Zeit vor der Islamisierung von Afghanistan.




Frankfurter Rundschau Kultur 14.3.2001:

Die griechische Falte in Buddhas Gewand

Das Kuschan-Reich war ein Knotenpunkt geistiger Stroemungen - ein Nachruf

Von Karl Grobe

Die Geschichte faengt nicht mit Alexander III. aus Makedonien an; aber Alexanders Geschichte hat lange nachgewirkt. Es ist die Geschichte von der Eroberung eines Weltreichs, das von der Donau bis zum Indus reichte, und der "bewussten Versoehnungspolitik" (Franz Altheim) zwischen griechischen Siegern und persischen Unterlegenen. Die Spuren seiner Nachfahren werden erst in diesen Tagen vom Erdboden getilgt. Die Taeter: ein Regime, das an Engherzigkeit, Borniertheit und Selbstgefaelligkeit in der Gegenwart ziemlich einzig dasteht. Es ist das Regime der Taliban. Die Opfer: ausser den Voelkern Afghanistans - da vor allem den Frauen - die Relikte einer einzigartigen, offenen Kultur, einer weltgeschichtlichen Begegnungszeit zwischen Asien und Europa.

Die Region: das heutige Afghanistan, Nordwestpakistan, Tadschikistan und die Kerngebiete des gegenwaertigen Usbekistan. Baktrien hiess das Land zwischen Herat und dem Amu Darja, Sogdiane das Zwischenstromland zwischen Amu Darja und Syr Darja, Gandhara die Gegend zwischen Kabul und Peschawar.

Alexander der Grosse, der Eroberer der Reiche zwischen Donau und Indus, hat hier mehr Staedte gegruendet als irgendwo sonst in seinem Herrschaftsgebiet: Garnisonen und Machtzentren, oft an der Stelle aelterer Siedlungen, Sicherung gegen die weiter im Norden wohnenden nomadischen Staemme der zentralasiatischen Steppen und Zentren des Handels und der Kultur. Vor allem wurden die Staedte Ort der "bewussten Versoehnungspolitik" (Franz Altheim) zwischen siegreichen Griechen und unterlegenen Persern.

Muenzen nach griechischem Vorbild

Bald nach Alexanders Tod (323 vor unserer Zeit in Babylon) entstand hier ein neues Reich, das graeko-baktrische, in dem das Griechische fuer einige Zeit die vorherrschende Sprache war. "Mit Zaehigkeit" haben die baktrischen Griechen "an ihrer Art festgehalten, ganz auf sich allein gestellt, unter fremden Lebensbedingungen und voller Sehnsucht nach der alten Heimat" (Altheim), haben korinthische Tempel gebaut und Muenzen nach griechischem Vorbild geschlagen, iranische Sprachen mit griechischen Zeichen aufgeschrieben und das Pantheon der griechischen Goetter mit deren persischen Kollegen ergaenzt. Baktrien war ja auch die Heimat des grossen Religionsstifters Zarathustra gewesen. Und dessen Lehre lebte hier weiter.

Das graeko-baktrische Reich bestand keine zwei Jahrhunderte. Dann wurde es von einer Gruppe nomadischer Voelker besiegt, die wiederum von den Xiongnu - den Hunnen - aus ihren Wohngebieten im westlichen China vertrieben worden waren und ihrerseits andere Voelker aus ihren Gebieten wegschoben. Die Wanderungen der Saken, Sakarauken, Yuezhi, Wusun und anderer sind aus chinesischen Quellen bekannt. Die Fortsetzung hat der griechische Geograph Strabo geschrieben, der zu den Zeiten Caesars und Augustus' lebte: "Die groesste Beruehmtheit unter den Nomaden erlangten jene Staemme, die den Griechen Baktrien wegnahmen - die Asier oder Asianer, die Tocharer und die Sakarauken..." Eine Unterabteilung der Tocharer - die in den chinesischen Quellen Yuezhi heissen - waren die Kuschan. Hundert Jahre vorher aber hatte der groesste Herrscher der indischen Maurya-Dynastie, Aschoka, das Land suedlich der grossen Berge erobert, und aehnlich dem grossen Alexander hatte er sich auf dem Hoehepunkt seiner Expansionspolitik zur Versoehnung, zum Ausgleich und zu pazifistischen Zielen bekannt.

Wichtiger noch: Er war zum Buddhismus uebergetreten, hatte ihn zur Staatsreligion erhoben und nun nach Gandhara und an die Grenzen Baktriens gebracht. Der Herrscher ueber das groesste Reich der indischen Geschichte war auch weltlicher Foerderer des dritten grossen buddhistischen Konzils, das die bis dahin drei Jahrhunderte ueberlieferten Texte des Gautama Buddha und andere Grundlagen der Religion schriftlich festlegte. Ein weiteres solches Konzil soll unter Kanischka stattgefunden haben. Und Kanischka war der bedeutendste der Kuschan-Herrscher, "die den Griechen Baktrien wegnahmen". Da kommen geistige und religioese Stroemungen der Alten Welt in einem Knotenpunkt zusammen: Das viele, das von der graeko-baktrischen und allgemein hellenistischen Welt im Kuschan-Reich noch uebrig war; der starke Strom persischer Tradition; die buddhistische Weltreligion; und - was Folgen hatte - der Welthandel. Durchs Kuschan-Reich zogen die Karawanen auf dem suedlichsten Zweig der Seidenstrasse nach Westen, und zwar immer dann, wenn die Parther, die Herren ueber die weiten Regionen Persiens, mit Steuer- und Zollforderungen oder infolge ihrer roemischen Kriege ein Hindernis waren. Sie zogen ueber die Pamir-Paesse, ueber Kaschgarien und Dunhuang ostwaerts in die Zentren Chinas.

Viele Kaufleute aber waren in der Zeit, als Kanischka herrschte, Buddhisten. In Nordwestindien - wozu Gandhara gehoert und an das Baktrien grenzt - entstand um diese Zeit eine diesseitigere Variante des Buddhismus, Mahayana genannt; und diese wurde "zu einer Religion fuer weltliche Glaeubige; sie wurde von den Kaufleuten angenommen, die ... zwischen dem Indus-Tal und dem Amu-Darja-Becken Handel trieben" (Jacques Gernet). Die ersten Nachrichten ueber den Buddhismus, die das noerdliche China erreichten - es war etwa um 60 nach der Zeitwende -, wurden von Kaufleuten vermittelt, zuerst wohl von Leuten aus dem Kuschana-Reich, spaeter vor allem von Parthern. Der erste namentlich bekannte buddhistische Lehrer in China, An Shigao, der 148 zuerst in den Quellen auftaucht, war Parther.

Unter den Kuschan, in Gandhara, geschah nun die zweite weltumspannende Veraenderung. Erstmals wurde hier der Buddha, in der vom Mahayana geschaffenen Vielgestalt, von Bildhauern dargestellt. Die Bildhauer aber gehoerten noch in die griechische Tradition und ihre roemische Fortsetzung: Erben der graeko-baktrischen Staatlichkeit. Der Faltenwurf auf den Gewaendern Buddhas ist griechisch inspiriert. Aelteste Buddha-Skulpturen haben manche Historiker stark an die Plastiken griechischer Goetter erinnert - und der Kopf Buddhas schien geradezu dem Apoll nachgebildet.

Doch die indischen Regeln der Gestik und der Handhaltung sind ebenso unverkennbar. Das ist steinerner Ausdruck eines weltoffenen Diskurses unter Religionen und Kulturen. Die Weite des Diskurses findet sich wieder auf gemuenztem Metall, das ausser Herrscherabbildern - die eine Datierung ermoeglichen - die Goetter Griechenlands und Aegyptens, Irans und Indiens zeigt. Das "Pantheon griechischer, iranischer, hinduistischer und buddhistischer Gottheiten (erscheint) auf den Muenzen Kanischkas" (Benjamin Rowland).

Die Klosteranlagen von Kapisa (heute Bagram), die Stein- und Stuck- Skulpturen von Hadda unfern Kabul, die Koenigsportraets von Surch Kotal, Tausende von Funden, die bis vor kurzem noch im Kabuler Museum vorhanden waren - alles sind (oder leider: waren) Zeugen der synkretistischen Kultur, die unter Kanischka begann und spaeter in der eigentlichen Gandhara-Kunst fortgesetzt und vollendet wurde. Wann genau Kanischka, der bedeutendste Kuschan-Herrscher, lebte und - wie man aus Muenzfunden weiss: 22 Jahre lang - regierte, ist noch umstritten; wahrscheinlich kurz nach 100 n. Chr., als unter Hadrian das Roemische Reich und in China die Spaetere Han- Dynastie prosperierten.

Missachtung der Geschichte

Das Erbe der Han trat nach einer langen Zeit der Wirren in Nordchina das Nomadenvolk der Tuoba an und gruendete die Noerdliche Wei-Dynastie. Unter den Noerdlichen Wei wurde der Buddhismus Staatsreligion; unter ihnen entstanden die bis heute erhaltenen Hoehlentempel von Dunhuang, Yungang bei Datong und Longmen bei Luoyang. Es war die Zeit, in der die beruehmten Buddhas von Bamian entstanden, letzte und spaeteste Statuen jener Kultur, die mit den Namen Kuschan und Gandhara verbunden ist. Dass Kuenstler aus Gandhara wenigstens in der ersten Zeit an ihrem Bau und an den ersten Skulpturen mitgewirkt haben, dass die aelteste buddhistische Malerei gerade in Dunhuang auch auf Gandhara zurueckverweist, ist unbestritten und belegt wiederum die welthistorische Bedeutung der nahezu vergessenen, heute der Zerstoerung anheimfallenden des viele Kulturen verschmelzenden Hochlands in Mittelasien.

Und keineswegs ist die weitere Wirkung zu verkennen: Nach Korea und Japan ist die buddhistisch inspirierte Bildhauerei wiederum durch chinesische Vermittlung gekommen. Koreaner moegen den Buddha von Sokkuram bei Kyongju fuer die schoenste, durchgeistigtste aller figuerlichen Darstellungen halten; ohne Gandhara ist das alles nicht denkbar. Und wenn die Geschichte Baktriens, der Sogdiane und Gandharas auch aus dem Bewusstsein der gegenwaertigen Zivilisationen ein wenig geschwunden sein mag: Ihre beeindruckenden Zeugnisse, die wie die Buddha-Statuen in Bamian von Zeitgenossen jener Epoche einer weltkulturellen Verknotung geschaffen worden sind, zu zerstoeren verraet einen niedrigen Beweggrund, naemlich eine Missachtung der Geschichte, der mit Ehrfurcht zu begegnen alle bedeutenden religioesen und weltlichen Denkrichtungen den Denkenden aufgeben.




Frankfurter Rundschau, 12. März 2001:

Augenzeugen berichten von völliger Zerstörung der Buddha-Statuen

Weltweite Appelle bringen Taliban nicht von Vernichtungsaktion ab / Annan trifft sich mit Außenminister Muttawakil

Trotz weltweiter Proteste sind die Buddha-Standbilder in Afghanistan vollständig zerstört worden. Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen berichteten am Sonntag, im Bamian-Tal sei nichts mehr von den Statuen zu sehen. Taliban-Außenminister Wakil Ahmed Muttawakil sagte am Sonntag nach einem Treffen mit UN-Generalsekretär Kofi Annan, es handele sich um eine interne Angelegenheit des Landes.

KABUL / NEW YORK, 11. März (ap/dpa/rtr/afp). In einer von Deutschland eingebrachten Resolution der UN-Vollversammlung wurde die Zerstörung am Wochenende als irreparabler Verlust für die Menschheit verurteilt. Mehr als hundert Nationen schlossen sich in New York der Erklärung an, in der auch ein Stopp der Aktion gefordert wurde.

Der Außenminister der in Afghanistan herrschenden radikal-islamischen Taliban, Muttawakil, kommentierte dies allerdings mit den Worten: "Der Appell ist uns egal." Dies sei "voll und ganz eine interne Angelegenheit" des Landes. Von den Statuen sei zudem "nicht sehr viel übrig geblieben". Augenzeugen bestätigten am Sonntag die völlige Zerstörung der 36 und 51 Meter hohen Standbilder.

Der Taliban-Außenminister hatte bereits vor einem Treffen mit UN-Generalsekretär Annan erklärt, es sei keineswegs das Ziel der Islamisten, die Welt herauszufordern. Bei dem Gespräch, das in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad stattfand, wollte Muttawakil nach seinen eigenen Angaben vor allem über die schlechten Lebensbedingungen in Afghanistan und die Ungerechtigkeit der UN-Sanktionen reden.

Die Anordnung zur Zerstörung der Statuen kam einen Monat nachdem die UN ihre Sanktionen gegen die Taliban-Regierung verhängt hatten. Damit soll diese gedrängt werden, den von den USA als Terroristen gesuchten saudi-arabischen Islamisten Osama bin Laden auszuliefern.

Annan nannte das Gespräch mit Muttawakil "wenig ermutigend". Er betonte, dass die Zerstörung den Geberländern Afghanistans nicht gefallen werde. Es gelte aber dennoch, "an die in einer tragischen und hoffnungslosen Lage" lebende Bevölkerung zu denken.

Der pakistanische Innenminister Moinuddin Haider war am Samstag nach Kandahar im Südwesten Afghanistans gereist, um die Taliban in ihrem Zerstörungswerk zu stoppen. Kandahar ist das Hauptquartier des obersten Taliban-Geistlichen Mullah Muhammed Omar, der die Zerstörung aller Buddha-Statuen im Land angeordnet hatte. Pakistan gehört zu den wenigen Ländern, die die Taliban-Regierung anerkennen, und ist damit einer der wichtigsten Verbündeten des Regimes. "Wir haben Haider versichert, dass die Zerstörung eine interne religiöse Angelegenheit ist", sagte ein Taliban-Sprecher nach einem Gespräch.

Am Sonntag traf außerdem eine Delegation von zwanzig islamischen Gelehrten aus der arabischen Welt in Kandahar ein. Auch sie wollten Omar noch umstimmen. Vor dem Aufbruch in Kairo sagte der Leiter der Gruppe, der ägyptische Mufti Scheich Nasr Farid Wassel, der Beweis, dass die Buddha-Statuen den Islam nicht beleidigten, sei darin zu sehen, dass sie während der gesamten islamischen Epoche nicht angetastet worden seien. "Keine islamische Doktrin fordert ihre Zerstörung", sagte der Mufti.

Wer die Zerstörung jetzt noch verhindern wolle, komme zu spät, hatte allerdings ein Sprecher Omars bereits am Samstag gesagt. Die Werke der buddhistischen Kunst, die zum Weltkulturerbe zählten, stammten aus dem dritten und fünften Jahrhundert, der Zeit vor der Islamisierung von Afghanistan.




Neue Zürcher Zeitung, 12. März 2001:

Die Barbarei von Bamian

Zwei indische Kunstwissenschafter nehmen Stellung

Weltweit wurde die Zerstörung der Buddha-Standbilder von Bamian mit Entsetzen und ohnmächtiger Empörung quittiert. Wo aber westliche Beobachter vorab den einmaligen Kunstwert der Statuen beklagen, ist für den indischen Kulturkreis mit der Zerstörung der Zeugnisse vorislamischer Kultur in Afghanistan auch eine geistige und historische Dimension zusammengebrochen. Dies zeigen im Folgenden der Kunsthistoriker B. N. Goswamy und der Kunstkritiker und -redaktor Ranjit Hoskote auf.

Ranjit Hoskote

Der barbarische Beschluss der afghanischen Taliban-Regierung, in dem Land sämtliche Zeugnisse der vorislamischen Vergangenheit zu vernichten - und damit auch die beiden monumentalen Buddhastatuen, die zum Wahrzeichen der Provinz Bamian geworden sind -, hat in Indien eine Flutwelle von Trauer, Schmerz und berechtigtem Zorn ausgelöst. Man muss sich bewusst sein, dass das afghanische Hochland im kollektiven Geschichts- und Kulturbewusstsein der Inder einen ganz besonderen Platz einnimmt: Es war der Nährgrund für die materielle und kulturelle Blütezeit der Kushan-Periode (1.-4. Jh. n. Chr.), eines der Höhepunkte der indischen Zivilisation.

Hindus wie Buddhisten in Indien empfinden es als eine traumatische und menschenverachtende Attacke auf ihren Glauben, wenn der Taliban- Führer Mullah Mohammad Omar ihre religiösen Symbolfiguren als «Götzenbilder» bezeichnet: Neben einer grossen Anzahl von Buddha- und Bodhisattvastatuen von unschätzbarem Wert stehen auf der schwarzen Liste der Taliban auch zwei seltene Darstellungen von Hindu-Gottheiten, nämlich eine Marmorplastik des Sonnengottes Surya und eine Statue der Mahishasura-mardini , der «Muttergöttin, die den Büffeldämon tötet». Überdies steht zu befürchten, dass Mullah Omars Edikt ein Pogrom gegen die kleine hinduistische Gemeinschaft in Afghanistan nach sich ziehen wird, deren Bürgerrechte bereits gravierend eingeschränkt sind. Seit jüngstem werden ihre Angehörigen von der Taliban-Regierung gezwungen, in der Öffentlichkeit gelbe Kleider und Turbane zu tragen, um sich äusserlich von den Muslimen zu unterscheiden: Die ominöse Reminiszenz an den gelben Davidstern liegt nahe.

Worte gegen Granaten

Hochgeachtete indische Archäologen - etwa M. N. Deshpande und R. Sengupta, die sich die Restaurierung und Erhaltung des Kushan-Erbes in Afghanistan zur Lebensaufgabe gemacht haben - geben ihrer Verzweiflung und dem Gefühl eines ganz persönlichen existenziellen Verlustes offen Ausdruck. Sengupta, der in den sechziger Jahren die Mission des Archaeological Survey of India in Bamian leitete, hat gestanden, dass ihn die Vision der kühn über der Felswüste aufragenden Buddhastatuen unablässig verfolge, seit Mullah Omardas Todesurteil über sie gesprochen habe. Kulturhistoriker und Altertumswissenschafter sind zu ohnmächtiger Frustration verdammt - zum hilflosen Bewusstsein, dass Kolumnen und Leserbriefe die einzige, erbärmlich nutzlose Waffe sind, die sie gegen die Granaten und Raketengeschosse der Taliban ins Feld führen können.

Bezeichnenderweise betrachten die Inder die Entweihung und Zerstörung bedeutender Zeugnisse des buddhistischen und hinduistischen Glaubens nicht allein aus religiöser Perspektive. Die meisten, die sich in der Sache geäussert haben - von den Intellektuellen, die in sachkundigen und prägnant formulierten Zeitungsbeiträgen zu Wort kamen, bis hin zu den politischen Aktivisten, die ihrer Hilflosigkeit durch die öffentliche In-effigie- Verbrennung Scheich Omars Ausdruck gaben -, sind sich einig, dass mit den Kunstwerken in Afghanistan ein Teil des gemeinschaftlichen kulturellen Erbes der Menschheit vernichtet wurde.

Gleichzeitig hat die Hekatombe der Götterbilder auch etwas im Bewusstsein der radikalen Hindu-Nationalisten angerührt: Sie erfahren nun ein ganz ähnliches Leid wie 1992 die indischen Muslime durch die Zerstörung der Babar- Moschee in Ayodhya, die als Frontalangriff auf die ökumenischen Ideale der Nation in die Geschichte Indiens eingegangen ist. «Talibanisierung», so betonen manche indische Kommentatoren, ist kein spezifisch islamisches Phänomen, sondern eine Geisteshaltung: Der Extremismus der kämpferischen islamischen Junta in Kabul findet sein Spiegelbild in demjenigen des Vishwa Hindu Parishad, der aggressiv militanten Kaderorganisation der hinduistischen Rechten.

Angesichts der latenten religiösen Spannungen, die das Zusammenleben auf dem indischen Subkontinent in der vergangenen Dekade prägten, wäre es - bei weniger tragischem Anlass - nachgerade ermutigend zu sehen, wie in der jetzigen Situation die politischen und religiösen Führer auf lokaler Ebene äusserst wahrnehmbare und verantwortungsbewusste Anstrengungen unternehmen, um eine äusserst explosive Stimmungslage zu entschärfen. Gerade die Exponenten der hinduistischen Rechten haben bemerkenswerte Zurückhaltung gezeigt und auf die demagogischen antimuslimischen Tiraden verzichtet, die sonst das Markenzeichen ihrer Politik sind. Dieser unerwarteten Besonnenheit ist es zu verdanken, dass Indien zu dieser Stunde zumindest die Angst vor Rachefeldzügen gegen die einheimischen Muslime und ihre Gebetsstätten erspart bleibt.

Die muslimische Intelligenzia in Indien hat ihrerseits nicht gezögert, eindeutig gegen die Provokation der Taliban Stellung zu beziehen: Einhellig und rückhaltlos verurteilten die orthodoxe islamische Geistlichkeit so gut wie die liberalen muslimischen Intellektuellen das Edikt Mullah Omars. Die indischen Muslime entwickelten ihre religiöse Praxis im Dialog mit den vielfältigen anderen religiösen und philosophischen Lehren des Subkontinents; sie teilen in keiner Weise die hegemonischen Träume der Taliban, gemäss denen die islamische Lehre unerfüllt bleibt, solange sie nicht jede andere Weltanschauung vom Angesicht der Erde getilgt hat. Alle Kommentatoren hoben hervor, dass die Taliban zwar im Namen und im Geist des Islam zu handeln meinen, dass sie letztlich aber engstirnige Sektierer sind, denen jedes Bewusstsein für die der muslimischen Tradition eingeschriebene Dimension von Toleranz und Verständnisbereitschaft abgeht.

Blind aus Angst

Nicht nur in Indien wird das Glaubensverständnis der Taliban häufig mit dem Begriff «mittelalterlich» belegt. Aber während ihre Gewalttätigkeit und Intoleranz tatsächlich an voraufklärerischen religiösen Fanatismus gemahnen, muss man sich bewusst sein, dass ihr Auftreten im Letzten ein tragisches und eindeutig modernes Phänomen ist, das aus den Verwerfungen der achtziger und neunziger Jahre des zu Ende gegangenen Jahrhunderts erwuchs. Diese ungekämmten Soldaten Gottes haben nur die Scheuklappen ihrer Glaubenslehre, um sich in der beängstigenden Fülle von sinnlichen und intellektuellen Erfahrungen zurechtzufinden, die ein säkularisiertes und globalisiertes Zeitalter bereithält; Veränderung bedeutet für sie den Untergang ihres niemals in Frage gestellten patriarchalischen Wertesystems, und eine unverschleierte Frau scheint ihnen um nichts weniger bedrohlich als ein russischer Kampfhelikopter.

Die Taliban sind die eigentliche Verkörperung der Verweigerungshaltung, mit der eine weitgehend ländliche und feudale Gesellschaft den übergreifenden, aber schlecht geplanten Modernisierungsprogrammen begegnete, die zunächst durch die Monarchie und später durch diverse kommunistische Regime über sie verhängt wurden. Dieser innere Widerstand fand eine Hochburg im paschtunischen Tribalismus; und er wurde mit tödlicher Gewalt nach aussen getragen, nachdem ihn die Amerikaner mit ihrer Kriegstechnologie alimentiert hatten.

Die Taliban sind keineswegs die gefährlichste Herausforderung, mit der sich der Buddhismus im Lauf seiner Geschichte konfrontiert sah. Als eine der widerstandsfähigsten Traditionen hat diese Glaubenslehre über zweieinhalbtausend Jahre hin immer wieder Bilderstürmern, Schlächtern und Gehirnwäschern standgehalten. Allein im zwanzigsten Jahrhundert wurden ihre Anhänger in Tibet, China, Vietnam, Kambodscha und Burma mit unvorstellbarer Brutalität verfolgt. Mehrheitlich reagierten sie darauf mit Duldsamkeit und Vergebung - und überlebten ihre Unterdrücker im Bewusstsein, dass die Lehre Buddhas in der Vollendung der eigenen Lebensführung und nicht in einer Statue der Gottheit ihre eigentliche Verkörperung findet. Buddha selbst hatte es ausdrücklich abgelehnt, in einem Abbild erinnert und verehrt zu werden - erst in der Kushan-Periode wurde er erstmals in menschlicher Gestalt dargestellt. Und genau diese Bildnisse sind es, die nun der Raserei der Taliban zum Opfer fielen.

Modell für interkulturelle Toleranz

Die eigentliche Tragödie liegt darin, dass diese Statuen über ihren künstlerischen Wert hinaus eine Weltsicht und ein Werteverständnis verkörpern, das den Taliban im Innersten zuwider sein muss. Die buddhistischen Symbolfiguren verkörpern die Essenz der Lehren des Meisters: Mitgefühl, Güte, Einfühlungsvermögen und ein empfindsames Bewusstsein für die gegenseitige Abhängigkeit der Wesen und Dinge. Als Repräsentanten der Kushan-Periode stehen sie überdies für ein Reich, das ein eigentliches Modell für ökumenisches Zusammenleben war, und für ein Volk, das auf exemplarische Weise unterschiedliche kulturelle Strömungen aufnahm und weiterentwickelte. Die Kushan stammten ursprünglich aus dem Volk der Yueh-chi im nordwestlichen China; nach einem Stammeskonflikt wurden sie 165 v. Chr. aus ihrer Heimat vertrieben und dehnten ihr neues Herrschaftsgebiet allmählich von Iran bis in den Südosten Indiens aus. Da sich in dieser Region die Knotenpunkte für den wirtschaftlichen und kulturellen Verkehr auf der Seidenstrasse befanden, kam es unter der Herrschaft der Kushan zu einer vibrierenden Synthese der indischen, skythischen, graeco-romanischen, persischen und chinesischen Kulturen.

Entsprechend reich war die Diversität der Kultur- und Ausdrucksformen in diesem multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Reich. Seine westlichen Zentren lagen in der Region von Gandhara (dem heutigen Afghanistan und Pakistan), die östliche Kapitale war Mathura (im heutigen indischen Gliedstaat Uttar Pradesh). An diesen zwei Polen entwickelten sich zwei unterschiedliche und voneinander unabhängige regionale Kunststile: Während in Gandhara indische religiöse Motive mit der graeco-romanischen Formensprache verschmolzen, entwickelte sich der Mathura-Stil kontinuierlich aus der früheren indischen Kunst von Bharut und Sanchi.

Die Bildhauer von Gandhara gaben ihren Buddhas und Bodhisattvas die idealisierten, athletischen Körperformen griechischer Götter und Heroen: In grauen Schiefer gehauen, aus Stuck oder Terrakotta modelliert, waren diese Götterbilder Archetypen gelassener Heiterkeit - selber dem Leiden entrückt, doch beseelt von lebendigem Mitgefühl für diejenigen, die noch im Netz von Begehrlichkeiten, Mühsal und Sterblichkeit befangen waren.

Nach dem wüsten Bildersturm, den die Taliban - unter denen sich zahlreiche Nachfahren der Kushan finden dürften - in Afghanistan entfesselt haben, werden die schönsten Blüten der Gandhara-Kultur nur mehr in den Museen von Delhi, Boston, New York, Berlin und London zu sehen sein. Solange die Terrorherrschaft der Taliban andauert, bleiben kulturelle Vielfalt und Dialogbereitschaft, wie sie jene Kunstwerke in schönster Gestalt verkörperten, aus Afghanistan verbannt.



B. N. Goswamy

Der Glaubensakt als Showeffekt

Man erträgt den Gedanken nicht leicht, dass sie nicht mehr da sind: die beiden gewaltigen Buddhastatuen, aus lebendigem Fels gehauen. Gegen zweitausend Jahre lang ruhte ihr gütiger, heiterer Blick erhaben und gleichmütig auf den Karawanen, die im Wechsel der Zeitläufte zu ihren Füssen passierten. Für viele waren sie die Inbilder der Kulturlandschaft Afghanistan, Ikonen einer ganzen Region. Jetzt sind sie fort; ihre riesigen Felsnischen sind leer - bis auf einen Abglanz ihres Lächelns, der noch in der Luft zu hängen scheint. Und - natürlich - bis auf einen wüsten Haufen von Trümmern und Bigotterie.

Trauriger und niederdrückender noch ist die Tatsache, dass der Zerstörungsakt der Taliban eigentlich keine Überraschung darstellt. Mit ihrer Auffassung dessen, wozu sie der Islam als «wahre Gläubige» verpflichtet, müssen sie sich in der direkten Tradition illustrer Vorfahren sehen. Wahrscheinlich beschwört und feiert man heute in Afghanistan wieder die Taten des gefürchteten Mahmud von Ghazna, der im 11. Jahrhundert stolz den Beinamen but shikan - Zerstörer der Götzenbilder - trug; Reminiszenzen an weitere Herrscher, die sich im Lande als «Schwert des Islam» gerierten, werden aus den verstaubten Bücherregalen der Geschichte gepflückt und zum Wohl der Bevölkerung neu ausgesät. Die Geschichte von dem Sultan etwa, der im Mittelalter eine exquisite weisse Marmorstatue des hinduistischen Sonnengottes Surya auf dem Rücken liegend in den Fussboden seines Palastes einmauern liess, so dass jeder, der sich dem Thron näherte, auf die Figur treten musste. Dieses geschändete Götterbild habe ich vor Jahren im Museum von Kabul gesehen; mittlerweile ist es wohl ganz zugrunde gerichtet, wie ein Grossteil der anderen in jenen erlesenen Beständen versammelten Kunstschätze. Wenn wir den Berichten glauben dürfen, werden dort Elfenbeinschnitzereien von unschätzbarem Wert zu Staub eingestampft, steinerne Skulpturen in Schotter verwandelt. Der schiere Wahnsinn scheint das Zepter zu führen.

Unter solchen Umständen wird kaum jemand innehalten und sich fragen, was der «wahre Glaube» tatsächlich fordert und in welchem Verhältnis die Überzeugungen der neuen Landesherren zu den Realitäten der heutigen Welt stehen. Es scheint ausreichend, wenn man den Leuten klar macht, dass der Islam figürliche Darstellungen verbietet. Tatsächlich ist laut dem Hadîth, dem überlieferten Willen des Propheten, die Abbildung lebender Wesen nicht erlaubt: wer solches tut, masst sich eine Rolle an, die einzig dem wahren Schöpfer zusteht. Nichtsdestoweniger aber hat es in der islamischen Kultur über Jahrhunderte hin figürliche Darstellungen zumindest auf Papier gegeben; einige der schönsten Kunstwerke dieser Gattung überhaupt sind an islamischen Fürstenhöfen entstanden. Was fremde Götterbilder angeht, so hatte sich der Zorn der Gläubigen offiziell lediglich gegen diejenigen zu richten, die ihnen Verehrung zollten; und über lange Zeit scheinen sich Muslime und Andersgläubige vielerorts stillschweigend und recht gut miteinander arrangiert zu haben. Wo die fremden Gottheiten keine unmittelbare Bedrohung darstellten, wurden sie auch im islamischen Kontext toleriert.

Aber wie gesagt: wer nimmt sich heute in Afghanistan Zeit für solche Überlegungen? Vielmehr scheint die Entfesselung von Gewalt und religiösem Wahn für die dortigen Machthaber Programm zu sein. Wenn man die eigenen Kräfte mobilisieren und gleichzeitig ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit rücken will - was gibt es da Besseres als die Zerstörung von weltweit (und vorab im asiatischen Raum) in jeder Hinsicht überragenden Kunstwerken? Dabei noch einen Gedanken an Historie, Kultur oder geistige Werte zu verschwenden, scheint den Verantwortlichen mehr als überflüssig: denn weder mit dem Verkauf der Kunstschätze an auswärtige Museen noch mit der Annahme des Angebots, die Buddhas von Bamian von Archäologen ausser Landes schaffen und anderweitig wieder aufbauen zu lassen, hätte man einen ähnlichen Effekt erzielt. Einzig totale Zerstörung, im Angesicht weltweiter Proteste und Appelle, würde der Sache der Taliban Genüge tun. Für sie ist der Weg ins Paradies mit Trümmern gepflastert.

Man kann sich dem kalten Schatten, den diese Ereignisse werfen, nicht entziehen. Gewiss: Dies ist nicht das erste Mal in der Weltgeschichte, dass Kunstwerke gezielt aufs Korn genommen wurden. Alle Religionen, alle Kulturen tragen Stigmata solcher Schuld. Aber der Gedanke, dass kein menschliches Auge mehr das stille Lächeln dieser Buddhastatuen spiegeln wird, hinterlässt ein quälend leeres Gefühl. Wenn in Indien die Abbilder der Götter Jahr für Jahr dem Wasser überantwortet werden, bedeutet dies einen rituellen Abschied - mit dem das Wissen einhergeht, dass sie wiederkehren und im Jahr darauf wieder unter ihren Anhängern weilen werden. In Bamian stehen die Dinge anders. Als Gottheit wird Buddha, das sanfteste aller Wesen, weiterleben; aber die Buddhabilder von Bamian kehren nicht zu uns zurück. Denn ihresgleichen wird nie wieder geschaffen werden.




Süddeutsche Zeitung, 07.03.2001, Feuilleton:

Und der Sonnengott flog davon

Die einzigartigen Buddha-Figuren in Afghanistan sind schon öfter von Bilderstürmern attackiert worden

Von Max Klimburg

Es war ein geradezu überwältigendes Panorama in kristallklarem Licht, etwas ungemein Friedliches, ja Ätherisches, was sich den vielen Besuchern von Bamian anbot. Von einer natürlichen, etwa 40 Meter über der Talsohle liegenden Terrasse, auf der das Bamian-Hotel und ein großes Zeltlager aus Jurten standen, blickte man nach Norden auf ein breites Hochtal, 2500 Meter über dem Meer. Dieses Tal war begrenzt von einer langgestreckten Felswand aus rötlich braunem Konglomeratgestein und überragt von einer hohen Gebirgskette. Und man sah die zwei riesigen Skulpturen Buddhas, die, aus jener Felswand geschlagen und mit einer dicken Lehmschicht fertigmodelliert, etwa 400 Meter voneinander entfernt in Nischen standen. Zwar gesichts- und armlos, weil längst schon mutwillig entstellt, aber dennoch grandios standen die beiden Buddhas da, der Buddha Dipankara, der Buddha des vorangegangen Weltenalters, zur Linken und der historische Buddha Shakyamuni zur Rechten. Mit ihrer Höhe von 55 und 38 Metern übertrafen sie alle weltweit bekannten menschlichen Darstellungen; erstaunlich war aber auch, dass sie ausgerechnet in einem dünn besiedelten Hochtal inmitten der zentralen, menschenleeren afghanischen Gebirgswelt standen.

Sie standen – doch sie stehen dort nicht mehr, denn sie werden derzeit von den Taliban im Namen Allahs zerstört: Am 26. Februar 2001 befahl der Mullah Omar, ein kleiner Dorfgeistlicher, der zum Emir des Gottesstaates Afghanistan aufgestiegen ist, dass alle figürlichen Darstellungen im Land vernichtet werden.

Dabei geht es in Bamian nicht nur um die zwei Riesenstatuen, sondern auch um eine ehemalige buddhistische Klosteranlage, von der außer den beiden Figuren noch viele Kultstätten in Höhlen seitlich der beiden Nischen existieren. Von der einst reichen Ausmalung war noch einiges erhalten, vor allem die Gemälde hoch oben in den beiden riesigen Nischen und in den kleineren Höhlentempeln, von wo aus einst sitzende Buddhafiguren in südlicher Richtung das Tal überschauten.

Ursprünglich war es eine große Anlage. Als der berühmte chinesische Pilger Xuanzang (Hiuen-tsang) – er war unterwegs zu den heiligen Stätten des Buddhismus in Indien – um das Jahr 632 durch Bamian kam, war er sehr beeindruckt: „Ihre goldene Oberfläche funkelt auf jeder Seite, und ihr wertvoller Schmuck blendet mit seinem Glanz die Augen“ , beschreibt er in seinem Reisebericht den „großen Buddha“. Man erfährt da auch, dass zwischen den beiden Buddhas ein großes Kloster mit einer riesigen Darstellung des liegenden, ins Nirvana eingehenden Buddha existiert hat.

Xuanzangs Angaben sind die einzigen schriftlichen Zeugnisse aus jener Zeit, die sich auf Bamian beziehen. Die weiteren Quellen sind so spärlich, dass man über die politische Situation jener Zeit – das 6. und 7. Jahrhundert nach Christus – kaum etwas weiß. Es war die Blütezeit des Handelsverkehrs und der Kultur entlang der „Seidenstraße“, die bekanntlich in erster Linie den Mittelmeerraum mit China, in zweiter Linie auch jene beiden Kulturbereiche mit Indien verband. Bamian lag am wichtigsten Verbindungweg zwischen Indien und den Handelszentren in Zentralasien – vor allem Samarkand. Die Einnahmen aus Maut und frommen Spenden müssen groß gewesen sein, sonst hätte man ein derartiges Kloster nicht bauen können. Auftraggeber waren lokale Herrscher, die auf einem Hügel inmitten des Tals residierten.

Buddhas Stütze

Bamian dokumentiert wie kaum ein anderer Ort den Triumph des Buddhismus, nachdem er sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus auch im Nordwesten des indischen Subkontinents, im heutigen Nordpakistan und Ostafghanistan, etabliert hatte. Von dort aus fand dann die Missionierung Zentralasiens und Chinas statt. Mit den Erfolgen wuchs auch die Größe der Darstellungen ins Riesenhafte: Die riesigen Klosteranlagen von Yungang und Longmen in China wurden nur durch die beiden Figuren in Bamian, im äußersten Westen des damaligen buddhistschen Bereichs, übertroffen. Wollte man mit diesen gigantischen Darstellungen Buddhas als Weltenherrscher den Völkern im eigenen Königreich imponieren, oder auch den Völkern im Westen, vor allem im Iran, wo es einen ausgeprägten Herrscherkult gab?

Wahrscheinlich war es ein mit buddhistischen Initiationsriten und iranischen Investiturvorstellungen verbundener Herrscherkult, der sich hier manifestierte. Die schwer verständlichen Wandgemälde über dem Kopf des „kleinen Buddha“ können als einschlägige Hinweise dienen. Im Zenit der Nische flog ein Gott – ein Sonnengott? – auf einem goldenen Triumphwagen, gezogen von vier geflügelten Pferden, durch die Lüfte. Im Unterschied dazu zeigten die Wandgemälde in der Nische des Buddha Dipankara ein ganz buddhistisches, von Paradiesszenen beherrschtes Bild.

Nach dem endgültigen Einbruch des Islam im 10. Jahrhundert wurde auch Bamian von fanatischen Bilderstürmern heimgesucht. Die reiche plastische Ausstattung und die Wandgemälde, die leicht erreichbar waren, wurden beschädigt. Die Köpfe der beiden Kolossalfiguren verloren ihre Gesichter, und vermutlich unter dem Moghul-Kaiser Aurangzeb versuchte man sogar, durch Kanonenschüsse auf die Beine des „großen Buddha“ die ganze Figur zum Einsturz zu bringen. So kam ein bereits weitgehend zerstörtes Bamian in unsere Zeit, aber die beiden großen Buddhas standen immer noch fest in ihren Nischen.

In den 1930er Jahren sicherten französische Archäologen die westliche Wand der kleineren Nische durch einen mächtigen Strebepfeiler. Im Juli 1969 übernahm der Archeological Survey of India die Aufgabe, die beiden Figuren und die Wandgemälde zu konservieren. Neun Jahre lang arbeiteten die Inder im Sommer dort oben, bis der Strebepfeiler des kleinen Buddha „kaschiert“ und Bamian für eine bessere Zukunft gerüstet war.

Sieben Monate später kam es zum kommunistischen Staatsstreich, der die afghanische Tragödie einleitete. Bamian wurde ein wichtiger Stützpunkt der Regierungstruppen, bis die lokalen Mudschaheddin die Nachfolge antraten. Die buddhistischen Anlagen hatten den Krieg gut überstanden. Im Juli 1998 wurde mit Schweizer Unterstützung die Drainage oberhalb der beiden Nischen instand gesetzt. Die Welt in Bamian schien noch in Ordnung zu sein.

Sie brach aber zusammen, als am 13. September 1998 die rigid ikonoklastischen Taliban einrückten. Bald darauf beschoß man den „kleinen Buddha“, den man wegen seiner femininen Wirkung als Frau einstufte. Man nahm deshalb auch besonders das weibliche „Geschlecht“ aufs Korn. Höher oben erregte der Kopf Anstoß, obwohl ja längst keine Gesichtszüge mehr zu sehen waren; er wurde abgesprengt. Dabei gingen auch alle Wandgemälde in der Nische verloren. Der „Sonnengott“ im goldenen Prunkwagen flog davon. Bei der anderen Großfigur war man zum Glück weniger erfolgreich. Der übereifrige Kommandant wurde zurückgepfiffen. Der „große Buddha“ schien gerettet.

In Kabul war inzwischen ein Teil der Reste der einstigen großartigen Sammlung des Museums Kabul registriert worden. Man schöpfte also wieder Hoffnung, daß die Taliban vom Bilderstürmen Abstand nehmen und sich für die Bewahrung des hochkarätigen, aber schrecklich reduzierten Kulturguts in Afghanistan interessieren und einsetzen könnten.

Am 27. Februar 2001 kam die schreckliche Ernüchtigung; das Schicksal der Kunstwerke in Bamian und aller anderen bildhaften und somit gotteslästerlichen Darstellungen im Land wurde durch ein striktes religiöses Edikt (Fatwa) des in Kandahar fast schon versteckt lebenden Emirs von Afghanistan besiegelt. Der weltweite Aufschrei erbrachte nichts. Die Sache sei eine innere Angelegenheit Afghanistans. Nicht der Schutz des vorislamischen Weltkulturerbes sei im Namen Allahs vorzunehmen, sondern dessen Zerstörung . Diesem fanatischen, aber keineswegs allgemeinen orthodox-islamischen Auftrag gemäß wurden im Lauf der Jahrhunderte zahllose Kulturdenkmälern vernichtet. Im Augenblick verlieren wir ganz „auftragsgemäß“ das einmalige, das überwältigende, aber leider eben "blasphemische" Weltkulturerbe Bamian.




Die Welt, 05.03.2001:

Islamische Welt empört über Taliban

Muslime befürchten, dass die Zerstörung der Statuen die gesamte Religion in Verruf bringt

Von Hilmar König

Neu-Delhi - Unbeeindruckt von weltweiten Protesten haben die in Afghanistan herrschenden Taliban ihr schändliches Zerstörungswerk an den beiden Buddha-Statuen in Bamiyan, im Museum von Kabul und an anderen nichtislamischen Kulturstätten fortgesetzt. Sie wollten, so verkündeten Taliban-Spitzenrepräsentanten mit eigenwilligem Stolz, am heutigen Montag ihre Mission erfüllen. Dann solle Afghanistan, das zu 90 Prozent von den Taliban kontrolliert wird, von allen "Götzenbildern der Ungläubigen" gesäubert sein.

Nicht nur in Europa, Amerika und großen Teilen Asiens hat das Treiben der afghanischen "Gotteskrieger" Befremden und Empörung ausgelöst. Auch in der islamischen Welt zeigt man kein Verständnis für die Zerstörungswut der Taliban. Pakistan richtete einen zweiten Appell an die Herrscher in Kandabar und Kabul, die Weltmeinung zu respektieren und das Vernichten wertvollen Kulturguts einzustellen. Islamische Historiker verwiesen darauf, dass die vorislamische Kunst auf afghanischem Boden ebenso zur Weltkultur gehöre wie die Monumente der Pharaonen in Ägypten, die babylonischen Relikte in Irak, die präislamischen Architekturjuwelen im iranischen Persepolis in Iran und zahlreiche weitere Architekturdenkmäler.

Hamid Reza Assefi, der Sprecher des iranischen Außenministeriums, brachte die Befürchtung zum Ausdruck, das Vorgehen der afghanischen Mullahs könne den Islam insgesamt in der Welt in Verruf bringen. Der ägyptische Großmufti Nasr Farid Wasel konstatierte, altertümliche Statuen seien nichts anderes als eine historische Reflexion und hätten "keinerlei negative Wirkung auf den Glauben der Moslems". Indische Religionsexperten betonten, dass die Bamiyan-Buddhas tatsächlich niemals angebetet worden seien. Sie haben der Ausbreitung des Islam in Afghanistan und der Region nicht im Wege gestanden und wurden in der Geschichte Afghanistans von allen Herrschern nie als Bedrohung empfunden und deshalb toleriert.

Über Jahrhunderte praktizierten die Afghanen einen relativ toleranten, mit traditionellen Gepflogenheiten der verschiedenen Völkerschaften, ethnischen Gruppen und Stämme verquickten Islam. Erst mit den Mudschahedin und noch radikaler mit den auf pakistanischen Koranschulen ausgebildeten Taliban kam eine fundamentalistische Interpretation des Islam nach Afghanistan. Eine Reihe von Religionsforschern verweist darauf, dass die Ideologie der Taliban samt brutaler Missachtung der Menschenrechte nichts mit dem Koran oder den Lehren des Propheten Mohammed zu tun habe.

Wahrscheinlich sind Taliban-Befehlshaber Mullah Omar und sein Gefolge von der "reinen Lehre" überzeugt. Doch drängt sich die Frage auf, warum gerade jetzt der Geistliche den Befehl zur Zerstörung der Kunstwerke gab. Mittlerweile sind die Taliban fast fünf Jahre an der Macht.

Vor kurzem hatten die Vereinten Nationen ihre Sanktionen gegen Afghanistan verschärft und ein Waffenembargo verhängt. Die USA schlossen in diesem Zusammenhang das politische Verbindungsbüro der Taliban in New York. Die Mullahs reagierten, religiös verbrämt, auf ihre Art - mit dem perfiden Befehl zum Zertrümmern der nichtislamischen Kunstwerke. Dass das Regime nun auf weniger Hilfe zählen kann - was vor allem die ohnehin leidende Bevölkerung trifft - und es dem Islam weltweit einen denkbar schlechten Dienst erwies, nahmen die Taliban in Kauf. Sie können nicht verstehen, warum ihnen die UNO und die überwiegende Mehrheit aller Staaten die internationale Anerkennung verwehrt. Mit den zerschlagenen Buddhas geraten sie noch mehr ins Abseits.




Der Tagesspiegel, Berlin, 5.03.2001:

Taliban-Gegner auf dem Vormarsch

Während die radikalen Islamisten buddhistische Denkmäler zerstören, formiert sich eine Allianz zu ihrem Sturz

Elke Windisch

Die Unesco-Beauftragten, die Generaldirektor Koishiro Matsuda am Samstag in Marsch setzte, um die Vernichtung vorislamischer Kunst in Afghanistan zu verhindern, kommen wahrscheinlich zu spät: Das russische Staatsfernsehen berichtete am Samstagabend, die Taliban hätten im Nationalmuseum von Kabul mehrere Hundert Buddha-Statuen zerstört. Für die Sprengung der zwei berühmtesten Buddhas im Höhlenkloster von Bamian, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hatte, seien bereits Vorbereitungen für die Sprengung mit Dynamit getroffen worden, erklärte der der Taliban-Botschafter in Pakistan, Maulvi Abdul Salam, gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur Efe.

Am Freitag hatten die Taliban die Skulpturen erfolglos mit Panzerkanonen attackiert, Die ganze Aktion - die Taliban hatten zu Beginn letzter Woche alle vorislamischen Kunstwerke in Afghanistan zu einer "Beleidigung Allahs" erklärt - soll nach Worten Salams in vier Tagen "erfolgreich beendet werden". Zur Zerstörung freigegeben wurden neben den buddhistischen Kunstwerken aus den ersten fünf Jahrhunderten unserer Zeitrechnung auch Fresken und Wandmalereien aus der gräkobaktrischen Zeit (300 v. Chr.) und der Manichäer - einer Spielart der Lichtreligion Zarathustras, die in Afghanistan bis 900 weit verbreitet war.

Chancen, die Taliban von dem verbrecherischen Vorhaben abzubringen, gegen das sich in seltener Einmütigkeit auch die 54 Staaten der Islamischen Konferenz aussprachen, sind gering. Sogar Vorhaltungen Pakistans, das die Taliban Mitte der 90er Jahre aufrüstete, blieben bisher erfolglos. Die militanten Koranschüler - Talib bedeutet "Student" - sind der Kontrolle durch ihre einstige Schutzmacht längst entglitten. Mit der Zerstörungsorgie wollen sie die Weltöffentlichkeit offenbar dazu zwingen, die Probleme des durch über zwanzigjährigen Bürgerkrieg verheerten Landes zu lösen, die sich in den fünf Jahren ihrer Herrschaft zu einer Katastrophe verdichtet haben und sie jetzt selbst mit in den Abgrund reißen könnten.

Erklärtes Ziel der Taliban ist ein islamischer Gottesstaat in ganz Zentralasien. Um die Kriegskassen dafür zu füllen, rekrutierten die Taliban zwangsweise gut 80 Prozent der Bevölkerung für Drogenhandel und Opiumanbau. Entsprechend reduzierte sich die Anbaufläche für Getreide. Durch die Trockenheit im letzten Sommer verfügt Afghanistan gegenwärtig nur über ein Fünftel des zum Überleben benötigten Minimums an Brotgetreide. Importe sind durch das Luftembargo als Teil der UN-Sanktionen von Dezember so gut wie unmöglich.

Hunger trieb bereits die Bevölkerung ganzer Regionen zur Flucht. Allein an der Grenze zu Iran konzentrieren sich momentan bis zu zwei Millionen Flüchtlinge. Im Norden, an der Grenze zu Tadschikistan sind es inzwischen rund 150 000. Die Mehrheit von ihnen musste ihre Häuser verlassen, weil hier gegenwärtig die Front verläuft. Den Taliban, die sich auf die paschtunische Bevölkerungsmehrheit im Süden stützen, gehören momentan rund 80 Prozent Afghanistans. Den Rest kontrolliert die Nordallianz - ethnische Tadschiken, die nach dem Sturz von Moskaus Marionette Nadschibullah 1992 die wichtigsten Ämter in einer Koalitionsregierung unter Präsident Rabbani innehatten. Sie zerbrach bereits nach einem Jahr: Paschtunenführer Gulbeddin Hekmatyar, unter Rabbani Premier, lieferte ihnen mit seiner Hausmacht blutige Gefechte. Das führte 1994 zu einer Quasi-Zweiteilung des Landes und rief ein Jahr später die Taliban auf den Plan.

Die Nordallianz wird inoffiziell von Russland, Iran und Indien unterstützt und ist jetzt erneut auf dem Vormarsch. Ihr Führer, General Ahmad Schah Massud, unter Rabbani Verteidigungsminister, sondiert momentan mit General Abdurraschid Dostum, dem Führer der starken usbekischen Minderheit im Nordwesten, und mit General Chalili, dem Führer der zentralafghanischen Hazará, eine Neuauflage der 1998 zerbrochenen Koalition. Noch wichtiger aber ist, dass Massud erneut mit Hekmatyar verhandelt. Für eine Erneuerung ihres Bundes spricht zum einen massive Unzufriedenheit paschtunischer Clanchefs mit der Wirtschaftspolitik der Taliban. Dazu kommen traditionelle Rivalitäten zwischen den beiden größten Stammesgruppen der Paschtunen - den Durrani, zu denen der einäugige Talibanchef Muulah Mohammed Omar gehört, und den Gilsai, dem Stamm Nadschibullahs und Hekmatyars.




SZ vom 06.03.2001 Feuilleton:

Fragen & Antworten:

Bildersturm

Annemarie Schimmel über die Zerstörungswut der Taliban

Die Zerstörung zweier weltberühmter, antiker Buddha-Statuen durch die afghanischen Taliban wird selbst von Iran und Pakistan kritisiert. Wir befragten die renommierte Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel nach dem religösen Hintergrund des Bildersturms.

SZ: Hat Taliban-Führer Muhammad Omar als Mullah überhaupt die religiöse Autorität, um so etwas zu befehlen?

Schimmel: Nein, die hat er nicht. Ich halte es außerdem für ausgeschlossen, dass ein islamischer Geistlicher eine solche Fatwa ausspricht.

SZ: Es wird angezweifelt, dass Omar überhaupt rechtmäßiger Mullah ist.

Schimmel: Es kann durchaus sein, dass er sich unrechtmäßig so nennt. Viele Fanatiker wie die Taliban kennen den Koran nicht. Sie haben ihn auswendig gelernt und können alles mit willkürlichen Zitaten belegen. Was wirklich darin steht – das wissen sie nicht.

SZ: Omar beruft sich beim Bildersturm auf „islamische Prinzipien“, die er gezwungen sei zu befolgen. Gibt es die?

Schimmel: Ein solches Bilderverbot steht nicht im Koran. Omar könnte sich auf die Geschichte Abrahams berufen, der Götzenbilder zerstörte. Aber das wäre eine falsche Interpretation, da es eine persönliche Handlung war, keine abstrahierbare religiöse. Selbst Alama Iqbal, der 1930 Pakistan als Staat für die Muslime des indischen Subkontinents forderte, sprach von der Pflicht, in diesem Staat die Heiligtümer anderer Religionen zu schützen. Iqbal wird immer noch in der Gegend hoch angesehen.

SZ: Konkret beruft Omar sich darauf, dass die Statuen eine Darstellung Beseelter wären, was eine Nachahmung von Gottes Werk sei.

Schimmel: So kann das nicht stimmen. Omar könnte damit belebte Dinge meinen, die keine Seele haben. Es gibt eine angebliche Äußerung des Propheten Mohammed, Leute die solches schaffen, müssten sich am Jüngsten Tag verantworten. Ich sage bewusst angeblich. Man muss sich nur anschauen, wie viele Politikerstatuen es in islamischen Staaten gibt, um dieses Argument zu beurteilen.

SZ: Hat nicht Chomeini 1979 im Iran die Zerstörung der sakralen Anlage Persepolis verhindert?

Schimmel: Das stimmt. Das ist eine gute Parallele zum Bildersturm der Taliban. Denn abgesehen von einigen Fanatikern hat damals niemand ernsthaft die Zerstörung von Persepolis gefordert. Die Kultstätte wurde ja nicht mehr benutzt. Diese Religion existierte nicht mehr .

SZ: Der Bildersturm gegen konkurrierende Religionen ist jedoch ein konstituierendes Element jeder Kulturgeschichte. Die Wiedertäufer in Münster, die Franken in Byzanz . . .

Schimmel: Ja, da gibt es auch im Christentum eine abscheuliche Tradition. Aber noch mal: Buddhisten waren zuletzt im 8. Jahrhundert in Afghanistan. Heute geht es um Kulturgüter, nicht um Kultorte. Doch man sollte darüber hinausblicken. Buddha ist kein Gott, sondern eher ein religiöser Führer. Manche moderne Muslime sehen ihn sogar als Propheten an.

Interview: Konrad Lischka




Mitteldeutsche Zeitung, 6.3.2001:

UN-Beauftragter ist vorerst gescheitert

Statuen werden zerstört - Nida-Rümerlin: «Gesinnungsterror»

Islamabad/dpa. Der Rettungsversuch der Vereinten Nationen für die Buddhastatuen in Afghanistan ist vorerst gescheitert. Der Sonderbeauftragte der UN-Kulturorganisation UNESCO, Pierre Lafrance, sagte am Montag in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad nach seiner Rückkehr aus Afghanistan: «Ich habe es nicht geschafft, die Taliban umzustimmen.»

Der deutsche Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) bezeichnete in der BILD-Zeitung (Montag-Ausgabe) die Zerstörung der Buddha-Statuen als Gesinnungsterror. «Ich fühle mich in fataler Weise an die Bücherverbrennung durch die Nazis erinnert», erklärte Nida- Rümelin. Die Bundesregierung erwäge eine finanzielle Beteiligung an der UNESCO-Mission, mit der die Zerstörung der Buddhastatuen verhindert werden soll.

Taliban-Anführer Mullah Mohammad Omar, der vor einer Woche den Befehl zur Vernichtung der Statuen gegeben hatte, war für Lafrance nicht zu sprechen. «Ich habe ihn nicht treffen können, habe aber darauf bestanden, ihn nach dem Ende der Eid-Feiertage zu sehen», sagte Lafrance. Das islamische Eid-al-Azha Fest dauert bis Mittwoch.

Bei Gesprächen mit dem Taliban-Außenminister Wakil Ahmad Mutawakil wies Lafrance auf die weltweite Kritik an den Taliban hin, die auch aus islamischen Ländern kommt. Dabei habe er für die Statuen den islamischen Begriff «Amanat» gebraucht, «ein Erbe, das ihnen durch die Geschichte gegeben wurde», sagte Lafrance. Er riet den Taliban, auch religiöse Fachleute in anderen moslemischen Ländern zu befragen.

Die UNESCO wollte mit ihrer Intervention in letzter Minute vor allem die beiden berühmten Monumentalstatuen im Bamiyan-Tal vor der Vernichtung durch die Taliban retten. Der Taliban-Kulturminister Mullah Qudratullah Dschamaal hatte am Samstag in Kabul bekräftigt, keine Statue werde verschont. Zwei Drittel seien bereits zerstört.

Verschiedene renommierte Museen, darunter das New Yorker Metropolitan-Museum und das Palastmuseum in Taipeh (Taiwan), hatten angeboten, Afghanistan die kleineren Statuen aus dem früheren Nationalmuseum abzukaufen. Am Sonntag zeigte sich auch Griechenland kaufbereit.

Indien hatte ebenfalls vorgeschlagen, Statuen zu übernehmen. Südkorea, wo fast die Hälfte der Einwohner Buddhisten sind, warnte am Montag vor «irreparablem Schaden für die Menschheit», falls die Statuen zerstört würden.




Die Welt, 6.3.2001:

Die Taliban bedrohen den religiösen Pluralismus der Welt

Islamisten zerstören Schrein des Buddhismus und somit eine der wichtigsten Grundlagen des Weltfriedens

Von Bassam Tibi

Göttingen - Die Islamisten der Taliban zerstören, basierend auf mittelalterlicher Orthodoxie und mit Hilfe moderner westlicher Technologie, weit gehend die großen Buddhastatuen, die in den vergangenen 1000 Jahren trotz der Islamisierung des Landes unbehelligt geblieben waren. In allen Kommentaren der deutschen Medien vermisse ich eine Aufregung darüber, dass die verrückt spielenden afghanisch-islamistischen Taliban hierdurch unwiderruflich eine der wichtigsten Grundlagen des Weltfriedens im 21. Jahrhundert angegriffen haben. Es geht hier gar nicht vorrangig um Weltkunst, sondern um Religionsfreiheit. Die Taliban zerstören einen Schrein des Buddhismus, also einer Weltreligion. Das ist der Kern der Angelegenheit, die Weltkunst ist hier zweitrangig.

Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der künstlichen Weltblöcke von Ost und West ist den meisten Menschen klar geworden, was der große jüdisch-französische Sozialwissenschaftler Raymond Aron einst mit "Heterogenität der Zivilisation" als der wahren Trennungslinie innerhalb der als Einheit begriffenen Menschheit gemeint hat. Alle Zivilisationen, außer der westlichen, basieren auf Weltreligionen. Der Islam ist nicht die einzige, es gibt etwa auch den Buddhismus als Weltreligion. In einer Welt, die durch Heterogenität der auf Weltreligionen basierenden Zivilisationen gekennzeichnet ist, sind Religionsfreiheit und religiöser Pluralismus, das heißt das Gleichheitsprinzip aller Religionen, eine der wichtigsten Grundlagen des Weltfriedens. Als Verfechter des interzivilisatorischen Dialogs als Instrument des Weltfriedens rege ich mich nicht nur über die Islamisten der Taliban und deren alle Grenzen durchbrechende Intoleranz auf, sondern auch über jene Europäer, die in der Schandtat dieser Verbrecher nur eine Zerstörung von "Weltkunst" sehen und sie somit ungewollt praktisch verharmlosen. Aus der Perspektive der interreligiösen Toleranz und des religiösen Pluralismus als Grundlage des Weltfriedens ist die Zerstörung der religiösen Schreine des Buddhismus vergleichbar mit der Verbrennung einer Synagoge, einer Kirche oder einer Moschee. Das, was die Islamisten der Taliban tun, ist vergleichbar mit den Untaten der Nazis in Bezug auf die Synagogen nach 1933 oder mit der Zerstörung der Moscheen durch serbische Nationalisten in Bosnien oder auch mit der Schändung von Kirchen durch Kosovo-Albaner.

Eine dem Weltfrieden verpflichtete Weltgemeinschaft darf nicht tatenlos hinnehmen, dass der Angriff der Islamisten der Taliban auf den religiösen Pluralismus als Zerstörung von Kunst verniedlicht wird.

Als Reformmoslem, der sich mit Fragen der Einwanderung und Integration der Moslems in Europa befasst, möchte ich die Schandtat der Islamisten der Taliban zum Anlass nehmen, zu betonen, dass die europäische Islamdiaspora aufgefordert ist, sich unzweideutig zum religiösen Pluralismus - ich wiederhole es -, also zur Gleichheit aller Religionen und der entsprechenden Religionsfreiheit zu bekennen. Wir Moslems in Europa müssen uns vom Islamismus der Taliban distanzieren. Und noch mehr: Es darf nicht mehr verschwiegen werden, dass nicht nur die Islamisten, sondern auch die islamische Orthodoxie den Islam als die einzig "wahre Religion" betrachtet. Nach islamischer Theologie gilt die islamische Toleranz nur für Christen und Juden, also nicht etwa für Buddhisten, Sikhs oder Hindus. Weiter gilt die islamische Toleranz für Juden und Christen nur beschränkt in ihrer Eigenschaft als "dhimmi", das heißt "geschützte Minderheiten", stets unter islamischer Obhut, nicht als souveräne Gemeinschaft. Dieses Verständnis passt heute weder zu dem für den Weltfrieden erforderlichen religiösen Pluralismus noch zur Toleranz im Sinne der europäischen Aufklärung.

Deutsche Gesinnungsethiker sollen endlich aufhören, die Intoleranz der Islamisten zu verschweigen. Ihre Warnung vor einem möglichen Feindbild Islam übersieht den Unterschied zwischen Islam und Islamismus und trägt dazu bei, die kriminellen Taten der Islamisten zu verniedlichen. Es gilt, Toleranz gegenüber der Religion des Islams und wehrhaften Humanismus gegen die totalitären Islamisten zu üben.

Bassam Tibi lehrt Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen.




Frankfurter Rundschau, 04.03.2001:

Das Gewicht der Steine

Die Empörung über die Taliban muss ein Auftakt sein zum Gespräch über Mithilfe bei der Selbstbefreiung der Völker Afghanistans

Von Karl Grobe

Die weltweite Empörung über die Zerstörung des kulturellen Erbes in Afghanistan ist verständlich und berechtigt. Aber richtet sie sich nicht doch auf Nebensächliches? Was wiegt der gewaltsame Abbruch steinerner Statuen aus fernen Zeiten gegen die gewaltsame Vernichtung von Menschenleben, gegen die Entrechtung der Frauen, gegen die offenkundige Verwicklung der Bilderstürmer in internationalen Terrorismus und Drogenhandel? Und ist die Hungersnot, unter der die Überlebenden in jenem zentralasiatischen Binnenland seit Monaten leiden, nicht eher die Aufmerksamkeit der Welt wert?

Nein, dies ist keine Nebensache. Die Zerstörungswut symbolisiert das menschen- und kulturfeindliche Regime der selbstherrlichen Unwissenden, die sich Schüler des Islam nennen. Sie kennzeichnet die Anmaßung der Taliban, weil sie in genauem Gegensatz steht zur toleranten, weltoffenen, in jeder Hinsicht aufgeschlossenen Tradition der islamischen Hauptströmung, die genau dort, wo heute die Barbaren hausen und verheeren, vor einem Jahrtausend die Kenntnis der antiken Wissenschaften und Künste bewahrt hat. Unter den Samaniden von Buchara, im Reich von Herat und unter Mahmud von Ghasni ist, in durchaus glaubensfester islamischer Gesellschaft, das Erbe der Antike bewahrt und von bedeutenden islamischen Gelehrten wie Avicenna und al-Biruni zusammengefasst und erweitert worden. Durch deren Vermittlung ist es uns erhalten. Die Taliban aber kennen offenkundig nur die Vernichtung dessen, was sie nicht verstehen, und das ist annähernd alles.

Es sind ja nicht "Götzenbilder aus Stein", die da gesprengt und zerschossen werden. Es sind Mahnmale eines Knotenpunkts der Weltgeschichte, einer Vermittlung hellenistischer Skulptur, indischer Philosophie und Religion, ausstrahlend auf das alte China, auf Korea und Japan: Im heutigen Afghanistan, unter der Kuschan-Dynastie, ist die Gandhara-Kultur geschaffen worden, die zuerst Buddha figürlich dargestellt hat. Genau hier, am südlichen Abschnitt der Seidenstraße, ist der erste nachhaltige Diskurs östlicher und westlicher Weltkulturen geschehen - und Stein, Gemälde, Architektur geworden. Deshalb, und nicht wegen ihrer enormen Größe, sind die Buddha-Statuen von Bamian Weltkulturerbe. Sie stammen aus etwas späterer Zeit, in der gleichwohl die geistige Synthese noch lebendige Gegenwart war, allerdings nicht im damals obskuranten frühmittelalterlichen Europa.

Es werden also nicht, wie Mullah Mohammed Omar - der große Titel und Namen unverdient trägt - zu behaupten beliebt, nur ein paar Steine umgestoßen. Es wird die Erinnerung ausgelöscht - nicht nur die an die vor-islamische Zeit, sondern auch die an den Islam vor den Taliban und außerhalb der Sphäre ihrer Macht. Es wird damit jegliches Bewusstsein zerstört, das nicht nur aus Unterwerfung besteht.

Es geht somit nicht nur um das historische Gewicht der Steine, in die Buddhas Gesicht und Gestik gemeißelt waren. Es handelt sich vielmehr um die gesichtslose Gegenwart, welche die Taliban für das Bild einer Zukunft halten. Der Vorgang, im Zusammenhang mit der allumfassenden Verfolgung im Lande gesehen, wiederholt auf afghanischem Niveau, was von den Tempelstürmen des Altertums bis zu den Bücherverbrennungen durch die Nazis, von der Auslöschung der alten amerikanischen Kulturen durch Europäer über den Bildersturm im europäischen 16. Jahrhundert bis zu so genannter kulturrevolutionärer Barbarei geschehen ist. Insofern keine afghanische Besonderheit, sondern Exzess allgemeiner Barbarei.

Tschingis Aitmatow, der Autor aus dem Nachbarland Kirgisien, hat die Figur des mankurt in die Literatur eingeführt, des durch Folter um sein Bewusstsein gebrachten Menschen, der nur noch gehorsam funktionierender Sklave ist. Sofern gewisse Taliban-Obere das zu lesen in der Lage sein sollten, werden sie hier vielleicht den Typ der Unterworfenen finden, den sie für ihre Gesellschaft anstreben.

Die ursprünglichen Förderer der Taliban haben ihnen zugute gehalten, dass sie die strukturell unfähigen Befreier von der Sowjet-Invasion besiegt und das Land wenigstens in ihrem Machtbereich geeinigt, also eine Ordnung wiederhergestellt haben. Sie erschraken, aber sie verstanden noch nicht, als Osama bin Laden im Land der Taliban geortet wurde. Sie beklagten, aber vergaßen bald, als über summarische Erschießungen und über die Entrechtung der Frauen berichtet wurde. Sie verziehen beinahe, als über den Bau lukrativer Pipelines von Zentralasien durch Afghanistan zum warmen Meer spekuliert und Planungen durchgerechnet wurden. Sie klagten, als Flüchtlinge zu Hunderttausenden in grenznahe Lager strömten - aber sie klagten wegen der finanziellen Lasten, die auf sie zukamen. Sie verhängten Sanktionen, welche die Macht der Taliban gegen deren eigenes Volk nicht schmälern, das Volk selbst aber näher und näher an jene Grenze drängten, hinter der der Hungertod beginnt.

Jetzt fällt das historische Gewicht der zerstörten Steine in die Waagschale. Die Empörung muss ein Auftakt sein - Auftakt zum Gespräch über Mithilfe: bei der Selbstbefreiung der Völker Afghanistans von einer unmenschlichen Diktatur.




Frankfurter Rundschau, 3.3.2001:

Islamische Welt reagiert ablehnend

ISLAMABAD/FRANKFURT A. M., 2. März (dpa/ith). Auch in der islamischen Welt ist die Zerstörung buddhistischer Statuen in Afghanistan auf Unverständnis und Kritik gestoßen. "Ich habe ihnen (den Taliban) geraten, nichts zu überstürzen und auch islamische Gelehrte in anderen Ländern zu konsultieren", erklärte am Freitag Samiul Haq vom Madrasa Haqqania in Pakistan, einer Islamschule, an der auch viele Taliban studiert haben.

Die Vizepräsidentin des indischen Oberhauses, Najma Heptulla, eine Moslemin, bezeichnete den Bildersturm der Taliban als "Besudelung im Namen des Islam". Islam-Experten in Pakistan wiesen darauf hin, dass die moslemischen Eroberer Ägyptens und Irans ja auch nicht die Sphinx und andere Kunstwerke zerstört hätten. "Glauben die Taliban, den Islam besser zu kennen als die Nachfahren des Propheten Mohammed?" fragte der pakistanische Journalist Hassan Kaleemi. Pakistan ist neben den Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien das einzige Land, das die Taliban-Regierung anerkennt.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Entscheidung zur Zerstörung der Buddhastatuen auch unter den Taliban nicht unumstritten ist. Hinter der "Fatwa", dem religiösen Urteil, auf das sich Taliban-Anführer Mullah Mohammad Omar beruft, steckten Leute, die Afghanistan weiter isolieren wollten, während liberalere Taliban wie Außenminister Wakil Ahmed Mutawakil eher auf eine Öffnung gegenüber dem Westen setzten.

Ohne Beispiel in der islamischen Welt sei das Vorgehen gegen Buddha-Statuen in Museen, erklärte unterdessen Aziz Alkazaz vom Orientinstitut in Hamburg im Gespräch mit der FR. Zwar gelte die Anbetung von "Götzenbildern" dem Islam als Provokation - so zerstörte Mohammed in der Kabaa von Mekka die Bilder vorislamischer Gottheiten. Jedoch stehe dem entgegen, dass der Koran zugleich Toleranz gegenüber anderen Religionen gebiete. Die Aufforderung, keine Gottheiten abzubilden, richte sich zudem alleine an gläubige Moslems, so Alkazaz. In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa sei Zuwanderern der Bau buddhistischer Tempel erlaubt worden. Selbstverständlich gebe es Beispiele dafür - zumal innerhalb des Islam -, dass radikale Schulen massiv gegen vermeintliche Götzenanbetung vorgegangen seien. "Dabei ging es aber nicht um Gegenstände in Museen."




Hamburger Abendblatt, 2.3.2001:

Feuer frei auf die Buddhas

Im Namen Allahs: Alle Statuen anderer Religionen werden zerstoert Afghanistans Bildersturm entsetzt die Welt

Islamabad - In Afghanistan vollzieht sich eine kulturelle Tragoedie: Trotz heftiger Proteste und Bitten aus aller Welt hat die radikal-islamische Taliban-Bewegung gestern mit der systematischen Zerstoerung aller Statuen und Bildnisse aus vorislamischer Zeit begonnen. Soldaten schwaermten in alle Gebiete des Landes aus und setzten sogar Panzer und Artillerie bei ihrem Vernichtungswerk ein.

Bundesaussenminister Joschka Fischer aeusserte sich in Berlin entsetzt ueber die Zerstoerung "unersetzlicher Kulturgueter", die "durch nichts zu rechtfertigen" sei. Selbst die beiden weltberuehmten Buddha-Statuen von Bamyan sollen in Stuecke geschlagen werden, ebenso eine einzigartige Sammlung von Buddhas im Nationalmuseum in der Hauptstadt Kabul. "Alle Statuen werden zerstoert", bestaetigte Kulturminister Mullah Kudratullah Jamal die Fatwa (islamisches Urteil) des Taliban-Fuehrers Mullah Mohammed Omar. Der Oberste Rat der Geistlichkeit hatte am Montag befunden, die Statuen "verhoehnten Gott". Nach eigenen Angaben kuemmert den Mullah nicht, dass die ganze Welt schockiert ist.

Ebenso wie die UNO protestierten auch Russland und selbst der traditionelle Verbuendete der Taliban, Pakistan, gegen die brutale Massnahme. Die EU-Botschafter in Pakistan, von wo aus die Union diplomatischen Kontakt mit Afghanistan pflegt, kamen zu einer Krisensitzung zusammen; die EU wollte eine gemeinsame Erklaerung zu dem Bildersturm veroeffentlichen. Kulturminister Jamal erwaehnte ausdruecklich die beiden monumentalen, in einen Berg gehauenen Buddha-Figuren 230 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt. Sie gehoeren zum Weltkulturerbe, sind 38 beziehungsweise 53 Meter hoch und stammen aus der Zeit, in denen Bamyan eine buddhistische Klostersiedlung war (2. bis 7. Jahrhundert). Hier machten haeufig Karawanen aus China und Europa Halt. Der Islam erreichte Afghanistan erst im 9. Jahrhundert. 1998 hatten die Tailban schon Bohrloecher fuer Sprengladungen in die Statuen gebohrt und sie bereits schwer beschaedigt. Als weitere Orte, an denen antike Statuen zerstoert werden, nannte Jamal Kabul sowie die Provinzen Herat, Kandahar, Nangarhar und Ghasni.

Die UNO-Kulturorganisation Unesco rief Afghanistan auf, die Zerstoerung des kulturellen Erbes zu verhindern. Unesco-Generaldirektor Koichiro Matsuura sprach von einer "kulturellen Katastrophe". Das Land verfuege entlang der Seidenstrasse ueber einzigartige Zeugnisse der persischen und griechischen Kultur sowie des Buddhismus und Hinduismus. Obwohl der Islam ein Bilderverbot kennt, waren die Zeugnisse der anderen Religionen bislang weit gehend intakt geblieben.

Russland bezeichnete das Vorgehen der Taliban als "Vandalismus" und Beleg dafuer, dass die Taliban verbindende menschliche Werte missachteten. Moskau befuerchtet, dass die radikale Auslegung des Islam durch die Taliban sich auch unter den Moslems in den russischen Grenzgebieten am Hindukusch ausbreiten koennte. Der engste Verbuendete der Taliban, das ebenfalls moslemische Nachbarland Pakistan, appellierte an die afghanische Regierung, das reiche historische Erbe des Landes zu schuetzen sowie den islamischen Geist der Toleranz zu respektieren. Buddhistische Laender wie Thailand und Sri Lanka schlossen sich den Protesten an.

Die Taliban sind 1996 an die Macht gekommen und streben die Errichtung eines streng an islamischen Grundsaetzen ausgerichteten Gottesstaates an. So muessen die Maenner Baerte tragen und die Frauen Gesicht sowie den ganzen Koerper voellig verhuellen. Frauen duerfen keiner Arbeit nachgehen. Fotografie, Musik und westliche Medien sind bei barbarischen Koerperstrafen verboten.(rtr/Fra)




NZ Netzeitung GmbH, 3. März 2001:

Taliban: Kulturvernichtung bald abgeschlossen

Trotz internationaler Proteste: Die Taliban melden, sie hätten schon zwei Drittel der vor-islamischen Buddha-Statuen zerstört - mit Äxten und Schaufeln.

KABUL. Die Zerstörung der berühmten Buddha-Statuen von Bamijan ist nach Angaben des afghanischen Informationsministers in vollem Gange. Zwei Drittel seien bereits vernichtet.

«Unsere Leute zerstören die Statuen mit Äxten und Schaufeln, um sicher zu gehen, dass nichts unversehrt bleibt», wurde Minister Mawlawi Qudratullah Jamal am Samstag zitiert. «Ich möchte ihnen versichern, dass weder die Beine noch die Köpfe ausgelassen werden».

Binnen drei Tagen werde von den jahrhundertealten Monumenten nichts mehr übrig sein. Kritik am Vorgehen der Taliban wies der Minister zurück: Der Rest der Welt habe seinem Land nichts zu sagen.

Die vom Führer der radikal-islamischen Taliban-Miliz Mullah Mohammed Omar angeordnete restlose Zerstörung sämtlicher religiöser Statuen habe überall im Land begonnen und werde noch einige Tage andauern.

Unesco-Gesandter in Afghanistan Unterdessen traf der Sonderbeauftragte der UN-Kulturorganisation Unesco in Afghanistan ein. Er wollte dort mit dem Botschafter der Taliban zusammentreffen.

Auf die Angebote aus aller Welt, die Kunstwerke aufzunehmen, ging die Taliban-Miliz nicht ein. UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte die Taliban am Freitag aufgerufen, die religiösen Statuen dem New Yorker Metropolitan Museum of Art zu überlassen. Das Museum hatte angeboten, alle beweglichen Statuen ohne Rücksicht auf die Kosten aus Afghanistan fortzuschaffen.

Protest islamischer Länder Gegen den Kulturfrevel der Taliban hatten außer UNO und EU auch zahlreiche islamische Länder protestiert.

Die 50 und 34,5 Meter hohen Bildnisse in Bamiyan sind die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt und wurden zwischen dem zweiten und fünften Jahrhundert in Sandstein gehauen. In den 70er Jahren waren sie die wichtigste Touristenattraktion in Afghanistan. Die Taliban haben die Zerstörung aus religiösen Gründen angeordnet. (AFP/dpa)




NZ Netzeitung GmbH, 4. März 2001:

Wo man Bilder stürmt

Die Schieferfiguren Buddhas sind in den afghanischen Wirren der letzten Jahrzehnte zu Tausenden außer Landes geschmuggelt worden, um damit Waffenkäufe im Westen zu bezahlen, schreibt Joachim Helfer.

Von Joachim Helfer

Gehen Ihnen die heimlich gedrehten Bilder auch nicht aus dem Kopf, die neulich im deutschen Fernsehen zu sehen waren? Eine Frau, tief verschleiert und gefesselt vor einem Halbkreis bärtiger Männer: schon fliegen die ersten Steine, sie wankt, bricht zusammen ... und kaum, dass sie liegt, steht einer der Kavaliere auf und erlöst sie gnädig mit einem Felsbrocken, den er aus Schulterhöhe auf ihren Hinterkopf fallen lässt. Recht soll ihr geschehen sein, denn sie war des Ehebruchs angeklagt - und hatte das Pech, im Afghanistan der Gegenwart zu leben. Wir konnten zusehen. Eingreifen konnten wir nicht.

Ähnlich hilflos empört müssen wir dieser Tage die Meldungen ertragen, dass die dort herrschenden Taliban-Milizen nun die verbliebenen Zeugen einer kultivierteren Vergangenheit Afghanistans auslöschen. Nach der Eroberung durch Alexander, in den Jahrhunderten um die Zeitenwende, blühte zwischen Hindukusch und Indus die Gandhara-Kultur: eine einmalige Symbiose von griechischen, persischen und indischen Einflüssen, deren Sprache, Urdu, bis heute als Staatssprache Pakistans lebt.

Die typischen Schieferfiguren Buddhas in gefältelter hellenistischer Tracht sind in den afghanischen Wirren der letzten Jahrzehnte zu Tausenden außer Landes geschmuggelt worden, um damit Waffenkäufe im Westen zu bezahlen. Oft hat die UNESCO den verantwortungslosen Kunsthandel in London, Paris und New York für seine Rolle bei diesem Aderlass gescholten; wenn die islamistischen Eiferer ihre Granatwerfer erst einmal an jenen Rest gelegt haben werden, der für Maultiere schlichtweg zu monumental war, wird man froh sein über jedes Objekt, das Zuflucht in westlichen Sammlungen fand.

Museen als Retter? Es ist schon mehr als nur eine bittere Ironie, dass dieselbe Weltorganisation, die seit Jahrzehnten mit ebenso guten Argumenten wie schlechten Karten gegen den westlichen Raubbau am kulturellen Erbe der dritten Welt kämpft, nun ausgerechnet das von ihr zuvor nicht selten verdächtigte und angeklagte Metropolitan Museum of Art in New York zur Rettung bemühen will. Vielmehr zeigt es die Notwendigkeit auf, kritische Begriffe wie „Kulturimperialismus“ noch einmal kritisch und ohne ideologische Scheuklappen zu überdenken.

Vielleicht gehören im Zeitalter der Globalisierung, das wohl nicht zufällig auch ein Zeitalter des Stammes- und Sektenfanatismus zu werden droht, die Zeugen der Schönheit und Menschlichkeit ja wirklich dort hin, wo sie geschätzt und erhalten werden. Vielleicht gibt es ja wirklich nur das eine kulturelle Erbe der einen Menschheit: das dann eben auch der ganzen Menschheit gehört. Für die Monumentalstatuen von Bamiyan können wir, wenn die Vollzugsmeldungen der Taliban stimmen, nun nichts mehr tun – oder vielmehr können in Zukunft sie nichts mehr für uns tun.

Oder doch? Immerhin bleibt ihnen durch die reale Zerstörung das Schicksal erspart, zu bloßen Werbeträgern des Tourismus herabgewürdigt zu werden. So, als Erinnerung an beides, ihre einstige buddhistische Friedensbotschaft und an das, was Menschen dafür übrig hatten, werden sie im virtuellen Raum des internationalen Bewusstseins zu mächtigeren Kunstwerken, als sie es im abgelegenen Afghanistan jemals waren: Plastiken aus zerstörtem Stein, die alle Welt eindrucksvoll zur Besinnung mahnen, zu Einkehr, Milde. Und zu jener Menschlichkeit, die begreift, dass man auch Menschen erschlägt, wo man Statuen zertrümmert.

Unser Essayist und Schriftsteller Joachim Helfer, 36, hat im Suhrkamp Verlag die Romane «Du Idiot» und «Cohn & König» veröffentlicht.«




NZ Netzeitung GmbH, 4. März 2001:

Taliban zerstören Buddha-Figuren

Weltweit einmalige Kunstschätze wurden von afghanischen Soldaten mit Sprengstoff und Flugabwehrraketen vernichtet

Amir Shah

KABUL, 4. März. Ungeachtet internationaler Appelle haben afghanische Taliban-Soldaten mit Raketen, Panzern und Sprengstoff die beiden weltberühmten Buddha-Statuen von Bamiyan sowie zahlreiche andere Kunstschätze zerstört. Wie Augenzeugen am Sonntag berichteten, begann die Vernichtung der 36 und 53 Meter hohen Monumentalwerke bereits am Donnerstag. Der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee verurteilte das Vorgehen der Taliban als unmenschlichen Akt.

Informationsminister Kuatradullah Dschamal teilte in Kabul mit, dass zwei Drittel aller Buddha-Darstellungen bereits zerstört worden seien. Bis Montag sollten alle Statuen vernichtet sein. Bei den Monumentalstatuen in Bamiyan seien Kopf und Beine zerstört worden, sagte Dschamal am Sonnabend. "Unsere Soldaten arbeiten hart daran, die verbliebenen Teile zu zerstören. Sie werden bald fallen." Einwohner von Bamiyan berichteten am Sonntag, die Soldaten hätten stundenlang mit Flugabwehrraketen auf die Denkmäler gefeuert.

Die beiden in den Fels geschlagenen Buddha-Darstellungen stammen aus dem dritten und fünften Jahrhundert. Die höhere davon gilt als die größte stehende Buddha-Statue der Welt. Internationale Appelle zur Rettung der einmaligen Kunstwerke, auch aus der islamischen Welt, blieben unbeachtet. "Die in Afghanistan Herrschenden scheinen keine Moslems zu sein und wollen, dass die ganze Welt ein Schlachtfeld wird", sagte Vajpayee am Sonntag. Moslems würden anderen Religionen gegenüber Respekt erweisen, betonte der indische Regierungschef.

Auch China schloss sich der weltweiten Kritik an. Das Vorgehen beleidige zutiefst die Gefühle der Buddhisten, hieß es in einer von der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua verbreiteten Erklärung der Buddhistischen Vereinigung Chinas.

Der Außenminister der Taliban, Wakil Achmed Muttawakil, wies die Vorwürfe zurück. "Wir sind nicht gegen Kultur, aber wir glauben nicht an diese Dinge. Sie sind gegen den Islam gerichtet", sagte Muttawakil gegenüber Journalisten. Er sollte sich noch im Lauf des Sonntags mit dem Sondergesandten der UN-Kulturorganisation Unesco, Pierre Lafrance, treffen. "Ich werde unseren Standpunkt und unsere Situation erläutern", sagte Muttawakil.

Lafrance hatte am Sonnabend vergeblich versucht, beim Taliban-Botschafter in Pakistan einen Aufschub für die Zerstörung der Kunstschätze zu erwirken. Abdul Salam Saif erklärte, es handle sich um eine Anordnung der höchsten geistlichen Führung, die von der Regierung nicht gestoppt werden könne.

Die Anordnung geht auf den Führer der fundamentalistischen Taliban-Regierung, Mullah Mohammed Omar, zurück. Dieser hatte die Vernichtung aller bildlichen Darstellungen in Afghanistan angeordnet, da sie mit dem Islam unvereinbar seien. Die beiden Buddha-Statuen in Bamiyan, 125 Kilometer westlich von Kabul, gehörten zu einer Klosteranlage, die bis zum achten Jahrhundert existierte.

Doch nicht nur mit Sprengstoff, Hacken und Maschinengewehren zerstören die fundamental-islamischen Taliban das vermeintlich gottesfeindliche Kulturerbe des eigenen Landes. Auch systematische Plünderungen von Museen und Kultstätten rissen in den vergangenen Jahren eine riesige Lücke. Nicht zuletzt bei übereifrigen Sammlern aus Europa fanden die geraubten Schätze reißenden Absatz.

Begonnen habe alles 1992 mit dem afghanischen Bürgerkrieg, erklärt der Archäologe Osmund Bopearachchi, der für die französische Forschungsgemeinschaft CNRS arbeitet. Mit dem Verkauf von Kulturgütern hätten dann ab 1996 die Taliban ihre Kämpfe finanziert. Nach der Eroberung Kabuls plünderten sie auch das Museum der Hauptstadt. Bis zu 2 000 Jahre alte Statuen aus der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Epoche, der auch die beiden riesigen Buddha-Statuen in Bamiyan zugerechnet werden, und wertvolle Goldmünzen verkauften die Taliban nach Bopearachchis Recherchen ins Ausland. Die Zerstörung der Statuen von Bamijan ist für den Archäologen daher nur die letzte Stufe der Zerstörung des afghanischen Kulturerbes. (AP)




Taliban-Fuehrer unbeeindruckt von Kritik an Statuen-Zerstoerung

Kabul, 27. Februar (AFP) - Der Chef der in Afghanistan regierenden radikal-islamischen Taliban-Miliz, Mullah Mohammed Omar, hat sich von der internationalen Kritik an der geplanten Zerstoerung aller Statuen in seinem Land unbeeindruckt gezeigt. Omar sagte der in Pakistan ansaessigen islamischen Nachrichtenagentur AIP am Dienstag, gemaess dem Islam mache er sich keine Gedanken ueber seinen Erlass vom Montag. "Meine Aufgabe ist die Umsetzung islamischer Befehle." Dazu gehoere in diesem Fall die Zerstoerung von Artefakten, fuegte Omar hinzu. "Was wir zerstoeren, sind doch nur Steine." Omar hatte am Montag die Zerstoerung auch von Kulturguetern aus vor-islamischer Zeit angeordnet. In einem Dekret bezog sich Omar dabei auf "die Geistlichkeit und den Obersten Gerichtshof" des Landes. "Nur Allah, der Allmaechtige, verdient es, angebetet zu werden", hiess es in dem Erlass. Afghanistan hat eine reiche buddhistische Geschichte in vor-islamischer Zeit. Beruehmt sind zwei bis zu 50 Meter grosse Buddha-Statuen in der zentralen Provinz Bamijan, die aus dem zweiten Jahrhundert stammen.

© AFP
271627 Feb 01




Afghanische Taliban ordnen Zerstoerung historischer Statuen an

Kabul, 26. Februar (AFP) - Der Chef der in Afghanistan regierenden radikal-islamischen Taliban-Miliz, Mullah Mohammed Omar, hat die Zerstoerung aller Statuen im ganzen Land angeordnet, darunter auch Kulturgueter aus vor-islamischer Zeit. In einem am Montag veroeffentlichten Dekret bezog sich Omar dabei auf "die Geistlichkeit und den Obersten Gerichtshof" des Landes. Unterdessen traf eine Gruppe von westlichen Diplomaten in der Hauptstadt Kabul ein, um Berichte zu ueberpruefen, wonach Verwaltungsbeamte im Nationalmuseum mehr als ein Dutzend Kunstgegenstaende aus vor-islamischer Epoche zerstoert haben sollen. Dazu zaehlt Presseberichten zufolge auch eine einzigartige, mehr als 2000 Jahre alte Buddha-Statue. Die Taliban-Regierung hatte die Berichte zwar zurueckgewiesen, Journalisten aber den Zugang ins Museum verweigert. Die Taliban fuehrten Mitte 1996 einen radikal-fundamentalistischen Gottesstaat mit mittelalterlichen Gesetzen in Afghanistan ein und beherrschen inzwischen 90 Prozent des Landes. Nur die Bergregion im Norden des Landes steht unter der Kontrolle von Truppen der ehemaligen Regierung.

© AFP
261727 Feb 01




Neue Zürcher Zeitung vom 15. August 1998:

Ernste iranische Warnung an die Adresse der Taliban

Teheran, 14. Aug. (Reuters) Der iranische Aussenminister Kharrazi hat am Freitag den Taliban vorgeworfen, die politische Stabilität in Zentralasien zu gefährden. Die amtliche Nachrichtenagentur Irna zitierte Kharrazi mit den Worten, die Taliban vermittelten einen falschen Eindruck des Islams und verstiessen gegen die Menschrechte. Kharrazi warf der Taliban-Regierung abermals vor, elf iranische Diplomaten und einen Journalisten als Geiseln festzuhalten. Iranische Medien riefen unterdessen zu einer Intervention Irans in Afghanistan auf. Der ehemalige iranische Präsident Rafsanjani richtete in einer Predigt an der Universität Teheran eine ernste Warnung an die Adresse der Taliban. Iran werde nicht hinnehmen, dass die Taliban seine Landsleute gefangenhalten, sagte Rafsanjani.



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